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Full text of "Practisches Handbuch der gerichtichen Medizin"

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E.BIBL.RADCL 



/-ii 



7 A jy. 



PRACTISCHE8 HANDBUCH 



DER 



GERICHTLICHEN MEDICIN 



von 



JOHANN LTJDWIÖ OASPEB. 



Nbvl bearbeitet und vermelirt 



Ton 



Dr. CARL LIMAN, 

Prof«Mor (Ur gvrlehtliehan Medicin und SlMitphyiteas so Bertin. 



Fnnfto Auflage. 



Zweiter Band. 

(ThanatologlBolier ThelL) 



Berlin, 187L 
Verlag von Aagnst Hirschwald. 



Unter den Linden No. 68. 



Dm Recht der Uebenetzang in fremde Sprachen wird forbehalten. 



Inlialt des zweiten Bandes. 



AUgeMeiner Theil« 



8 Sit« 

Einleitung. 

§. 1. Ursprung des Wortes Obduction 3 

§. 2. Der Leichnam 4 

Gesetzliche Bestimmungen 4 

Erster Abschnitt. 

Zweck der Obduction 6 

§. 3. Allgemeines 6 

Erstes Kapitel. 

Lebensfähigkeit 7 

§. 4. Definition 7 

Gesetzliche Bestimmungen 7 

§. 5. Missgeburt 11 

1. Fall. Gebimlose Missgeburt 12 

2. Fall. Angebomer Zwerchfellsbruch 12 

3. Fall. Missgeburt seltenster Art. Lebensfähigkeit 13 

Zweites Kapitel. 

Zeit des Todes. Priorität 15 

Gesetzliche Bestimmungen 15 

§. 6. Allgemeines 15 

§. 7. Zeichen des Todes 18 

4. Fall. Hypostasen auf der Vorderfläche bei Bauchlage der Lei- 

che und auf der Rückenfläche bei Umdrehung derselben 21 

§. 8. Fortsetzung. Aeussere Hypostasen 22 

§. 9. Fortsetzung. Innere Hypostasen 23 

§. 10. Fortsetzung. Innere Hypostasen 24 

§.11. Fortsetzung. Gerinnung des Blutes nach dem Tode 25 

§. 12. Fortsetzung Leichenstarre 27 

§. 13. Der Verwesungsprocess 30 

§. 14. Innere Bedingungen der Verwesung 31 

§• 15. Aeussere Bedingungen der Verwesung, a) Luft 33 

A* 



IV Inhalt 

s«it« 

§. 16. Fortsetzung, b) Feuchtigkeit 35 

§. 17. Fortsetzung, c) Wärme 36 

§. 18. Vergleichung der Verwesungserscheinungen nach den Medien 37 

§. 19. Zeitfolge der Verwesungserscheinungen. Aeusserlich 38 

§. 20. Fortsetzung. Verseifung , 41 

5. Fall. Vollständige Verseifung eines Fötus in utero 42 

§.21. Fortsetzung. Mumification 44 

6. Fall. Mumification eines Fötus nach 10 Wochen ...*... 46 
§. 22. Zeitfolge der Verwesungserscheinungen. Innerlich 46 

7. Fall. Ausgrabung nach mehr als zwei Jahren 50 

8—12. Fall. Frühes Eintreten der Verwesung in den Lungen 54 

13. Fall. Fettwachsbildung. Erkennbarer Uterus 55 

14. Fall. Ertrinken im Abtritt Lange Erhaltung des Uterus. 

Fettwachs 56 

15. Fall. Leichenreste eines Neugebornen. Noch erhaltener Uterus 56 

16. Fall. Ein ähnlicher Fall 57 

17. Fall. Ein ähnlicher Fall 57 

Drittes Kapitel. 

Feststellung der Todesursache 57 

§ 23 Allgemeines 57 

§. 24. Gewaltsame Todesarten 59 

Viertes Kapitel. 

Die Priorität der Todesart 61 

§. 25. Allgemeines 61 

§. 26. Diagnose 64 

§. 27. Casuistik 67 

18. Fall. Schnittwunden in die oberen Extremitäten und Hals- 

scbnittwunden 67 

19. Fall. Schusswunden und Kopfverletzung. Wer ^ar der Ur- 

heber des Todes? 67 

20. Fall. Priorität der Verletzungen. Wer war der Urheber des 

Todes? 71 

21. Fall. Zufall oder Mord? 75 

22. Fall. Erhängen oder Vergiftung oder Verblutung? Eigene 

oder fremde Schuld? 76 

23. Fall. Erhängen oder Verblutung? Eigene oder fremde Schuld? 76 
24., 25. und 26. Fall. Erstickung und Kopfverletzung. Zufall 

oder fremde Schuld? 77 

27. Fall. Erhängt oder Erschossen? Selbstmord oder Mord? . . 79 

28. Fall. Blausäure Vergiftung. Halsschnittwunden. Strangulation. 

Mord 82 

29. Fall. Drei Schuss wunden. Mord oder Selbstmord? 85 

30. Fall. EopfveHetzung oder Erstickung? Zufall oder Kindesmord 86 

31. Fall. Verblutung oder Erdrosselung oder Vergiftung? Selbst- 

erdrosselung 95 

32. Fall. Schuss- oder Stichwunde in das Herz. Mord 96 

33. Fall. Schwefelsäure Vergiftung oder Ertrinkeii. Selbstmord . 96 



Inhalt V 

34. Fall. Erdrosseln oder Koblenoxyd. Mord oder Selbstmord . 97 

35. Fall. Ertrinken, vorher Erh&ngungsyersuch 98 



Zweiter Abschnitt. 

Zeit der Obduetion 99 

Gesetzliche Bestimmungen 99 

§. 23. Passende und unpassende Zeit 99 

§ 29. Späte Obductionen. a Bei Fäulniss des Leichnams 100 

36. Fall Feststellung der Todesart in einer ganz verwesten Leiche 103 

37. Fall. Ein ähnlicher Fall 103 

§. 30. Fortsetzung, b) Nach bereits anderweitig geschehener Obduetion ... 103 

38 Fall. Kopfverletzung in einer bereits secirten Leiche .... 104 

39. Fall. Ruptur der Leber und Rippenbröche in einer bereits 

secirten Leiche 107 

40. Fall. Schusswnnde in die A. axillaris in einer bereits secir- 

ten Leiche 107 

§. 31. Fortsetzung, c) An ausgegrabenen Leichen und Leichenfragmenten . . 108 

Gesetzliche Bestimmungen 108 

41. Fall. Ausgrabung, 11 Tage nach der Beerdigung. Angeb- 

liche Vergiftung. Diese durch Obduclion nicht nach- 
weisbar 110 

42. Fall. Ausgrabung, 14 Tage nach der Beerdigung, zur Fest- 

stellung von provocatio abortus, eventuelle Vergiftung 111 

43. Fall. Nach 3 Wochen ausgegrabene Leiche zum Zweck der 

Feststellung einer häutigen Bräune 112 

44. Fall. Ausgrabung nach 23 Tagen zum Zweck der Fest- 

stellung einer Arsenik Vergiftung 112 

45. Fall. Ausgrabung nach 20 Tagen. Knochenbruche. Pleuritis 113 

46. Fall. Ausgrabung nach 4 Wochen. Anschuldigung wegen 

Kunstfehlers gegen eine Hebamme . 113 

47. Fall. Ausgrabung 6 Wochen nach dem Tode, wegen angeb- 

licher Vergiftung, Tod durch Enterobrose 114 

48. Fall. Ausgrabung 12 Wochen nach dem Tode, zur Fest- 

stellung geschehener Nothzucht 115 

49. Fall. Ausgrabung nach 9 Wochen wegen Verdachtes auf 

Erwägung 116 

50. Fall. Ausgrabung nach 9 Monaten. Knochenbrüche. Fett- 

wachs. Mumification ' 116 

51. Fall. Ausgrabung von Kinderresten nach 2 Jahren, zum 

Zweck der Feststellung einer Arsenik Vergiftung ... 117 

52. Fall. Aufgefunde Reste eines Neugebornen 117 

53. Fall. Ausgegrabene Knochen eines neagebomen Kindes. 

Fettwachs 118 

54. Fall. Ausgrabung nach 4 Wochen zur Feststellung der 

Todesursache 119 

55. Fall. Bestimmung des Alters einer schon anfangend ver- 

seiften Frucht 120 



VI Inhalt. 

Seita 

56. Fall. Dreimalige Ausgrabung einer Leiche zu verschiedenen 

Zwecken 120 

57. Fall. Feststellung der Identität an einer nach 11 Jahren 

ausgegrabenen Leiche , 121 

Dritter Abschnitt. 

Art der Obduction 123 

Gesetzliche Bestimmungen 123 

Erstes Kapitel. 

Aeussere Besichtigung (Inspection) der Leiche 129 

§. 32. Inspection des todten Korpers 129 

58. Fall. Selbstmord durch Schwefelsäure für Mord durch Hals- 

schnittwunden erklärt 134 

$. 33. Fortsetzung. Abnormitäten am Körper, a) Krankheitsproducte .... 136 

§. 34. Fortsetzung, b) Narben 137 

59. Fall. Bestimmung des Alters einer Narbe 139 

§. 35. Fortsetzung, c) Tätowirungsmarken 139 

§. 36. Fortsetzung, d) Verletzungen 142 

60. Fall. Rippenbrncbe und Rupturen der Leber und Milz ohne 

äussere Spuren 143 

61. Fall. Rippenbruch und Ruptur der Leber durch Ceberfahren 

ohne äussere Spur 143 

62. Fall. Ruptur der Leber durch Ueberfahren ohne äussere Spur 144 

63. Fall Ein ähnlicher Fall 144 

64 Fall Tod durch Anprallen Ruptur der Leber. Aeusser- 

lich nichts Abnormes 144 

65. Fall. Herabstürzen vom Wagen. Fractur des Brustbeins u. 

der Rippen; Ruptur der Leber ohne äussere Spuren 144 

66. Fall. Riss der Lungenarterien durch ein eisernes Schwung- 

rad, ohne äussere erhebliche Verletzung 145 

67. Fall. Ueberfahren Grosse Ruptur der Lunge und Leber. 

Keine Rippenbrüche. Aeusserlich nur einige oberfläch- 
liche, nicht blutunterlaufene Hautabschürfungen ... 145 

68. Fall. Durch Anprallen abgerissenes Herz ; Bruch eines Dom- 

fortsatzes; Riss der Lunge und Leber ohne äusserlich 
wahrnehmbare Verletzungen . • 145 

69. Fall. Misshandlungen. Bruch von fünf Rippen ohne äussere 

Verletzungsspur 146 

70. Fall. Ruptur des Gehirns durch ueberfahren ohne äussere 

Kennzeichen 146 

71. Fall. Sturz aus der Höhe; Fractur des Schädels; Riss des 

Herzbeutels, der Leber und Milz; Einknickung yon 
Rippen ohne äussere Spuren 147 

72 Fall. Sturz aus der Höhe; Bruch des Brustbeins und der 
Rippen; Bruch eines Halswirbels; Ruptur desRä<^en- 
marks und der Leber ohne äussere Merkmale .... 147 

73. Fall Zerquetschung des Schädels ohne äussere Spuren . . 148 



77. 


Fall. 


78. 


Fall 


79. 


Fall. 


80. 


Fall. 


81. 


Fall 


82. 


Fall. 


83. 


Fall. 



Inhalt. VII 

Seit« 

74. Fall. Brach dea Scbaambeins ohne äussere Spuren 148 

76. Fall. Sturz aus der Höbe; Rupturen der Lungen, Aorta, 
Leber, Milz, Nieren; Brüche sämmtlicber Rippen 
recbterseita und Bruch der Wirbels&ule; keine äussere 

Verletzung 148 

76. Fall. Sturz aus der Höhe. Schädel- und Rippenbrüche. 
Rupturen der Lunge, Leber, Milz und Nieren ohne 

äussere Verletzung 148 

Sturz aus der Höhe. Ruptur der Vena cava, Leber, 

Milz und Nieren ohne äussere Verletzung 149 

Ruptur des Mesenteriums und Darms. Keine äussere 

Verletzung 149 

Durchbohrang des Brustbeins durch einen Stich; Ver- 
letzung des Aortenbogen 154 

Messerstich in die Lunge 155 

Stiletstich in die Lunge 155 

Schuss in das Rückenmark 156 

Tod durch zahlreiche Misshandlungen. Ruthenstreiche 158 

Zweites Kapitel. 

Besichtigung der Werkzeuge . . 161 

Gesetzliche Bestimmungen 161 

§. 37. Eintheilung der Werkzeuge 161 

§. 38 Scharfe Werkzeuge 161 

§. 39. Stumpfe Werkzeuge 162 

84. Fall. Ruptur der Leber, der Harnblase, des Mastdarms und 

Zertrümmerung des Beckens 168 

85. Fall. Ruptur der Harnblase 168 

86. Fall. Zwölftagiges Leben bei Fractur der Basis cranii ... 169 

§. 40. Schnsswerkzeuge 170 

§. 41. Strangulirende Werkzeuge 172 

§. 42. Zweifelhafte Blutflecke auf Werkzeugen und Stoffen 173 

87. Fall. Halsschnittwunde und Strangmarke. Selbstmord oder 

Mord. Das neben der Leiche gefundene und benutzte 
Messer ist ohne Blutspuren 175 

88. Fall. Unterscheidung von Menschen- und Vogelblut .... 181 
89 Fall. Blut? Menschenblut oder Ziegenblut? auf einem Rock 

und auf Abschabsein eines Fingernagels 182 

§. 43. Haare 184 

§. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge Seitens der Ange- 
schuldigten , 185 

90. Fall. Tödtliche Misshandlungen, angeblich nur durch Ohr« 

feigen. Ruptur der Leber 187 

91. Fall. Fusstritte auf den Unterleib als angebliche Todes- 

ursache 188 

92. Fall. Tödliche Misshandlungen, angeblich nur durch Schläge 

mit der ilachen Hand 191 

93. Fall. Tödtliche Gebimhiebwunde, ob durch Säbel oder Beil 

zugefügt? 193 



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gen. Wekbe Stellnng baben die VeHetCen nun Tbi- 
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217 



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Inhalt. IX 

Saite 

§. 50. Die Technik, a) Eopfhöble . .^ 232 

§. 51. Fortsetzung, b) Hals nnd Brusthöhle * 234 

§. 52. Fortsetzung, c) Bauchhöhle 235 

Fünftes Kapitel. 

Das Obductionsprotolcoll . . 237 

Gesetzliche Bestimmungen 237 

§. 53 Form und Inhalt 237 

3. 54. Fortsetzung. Das summarische Gutachten 239 

109. Fall. Kopfverletzung 243 

Sechstes Kapitel. 

Der Obductionsbericht . . 246 

Gesetzli6he Bestimmungen 246 

§. 55. Form und Inhalt 247 

§. 56. Fort^tzung. Das motivirte schriftliche Gutachten 248 

Zum 109. Fall Ob Denatus an den Kopfverletzungen gestorben? 253 

§• 54. ReTision der Gutachten uad technischer Instanzenzug 255 



Specidler TheiL 

Erste Abtheilung. 

Die gewaltsamen Todeseurten. 
Erster Abschnitt 

Mechanischer Tod 261 

Gesetzliche Bestimmungen 261 

§. 1. Allgemeines, a) Begriff der Verletzung 262 

§. 2. Fortsetzung, b) Todtlichkeit der Verletzung . 263 

§. 3. Fortsetzung, c) Die Terletzten Organe 266 

§. 4. Fortsetzung, d) IndiYidualität und zuföllige Umstände 266 

Erstes Kapitel. 

Tod durch mechanisch tödtende Verletzungen 269 

§. 5. Allgemeines 269 

$. 6. Versuche an Leichen 270 

110. Fall. Eine Leiche wird überfahren 272 

111. Fall. Schädel Zertrümmerung, ob nach dem Tode entstanden? 273 

112. Fall. Rippenbrüche, ob nach dem Tode entstanden? .... 274 

§. 7. Wirkungen mechanischer Verletzungen 274 

§. 8. Casuistik 275 

113. Fall. Tödtliche Verletzungen durch Eisenbahn-Ueberfahren . 275 

114. Fall. Bruch des Zitzenfortsatzes durch Ueberfahren 276 

115. Fall. Seltene Schädelsprengungen durch Ueberfahren .... 276 



Inhalt. 

116. Fall. Hirnh&morrhagie durch Ueberfahren 876 

117. Fall. Hirnhämonrhagie durch Anfahren 277 

118. Fall. Ruptur des Hirnes ohne Knochenverletzung. Ruptur 

der Lungen. Rippenbrüche. Ruptur der Leber und 

Milz. Armbruch. Tod durch Ueberfahren 277 

119. Fall. Berstung des Mittelfleisches durch Ueberfahren .... 278 

120. Fall. Berstung der Milz durch Anfahren 278 

121. Fall. Milz- und Leberriss durch Ueberfahren 279 

122. Fall. Bruch von Halswirbeln und Zerreissung der Luft- und 

Speiserohre durch Ueberfahren 279 

1^. Fall. Rippenbruch, Lungen- u. Leberrisse durch Ueberfahren 279 

124. Fall. Rippen- und Brustwirbelbruch; Herzerschütterung durch 

eine aufgefallene Last 280 

125. Fall. Vielfache Knochenbrüche und Leberrisse durch einen 

Mastbaum 280 

126. Fall. Rupturen der Leber, Milz, des Netzes und des Magens 

durch einen Weidenbaum 280 

127. Fall. Zertrümmerung des Schädels durch die Klappen einer 

Zugbrücke . . , 281 

128. Fall. Seltener Knochenbruch durch Einsturz einer Mauer . 281 

129. Fall. Todtliche Kopfverletzung durch Fall von einer Treppe 282 

130. Fall. Todtliche Kopfverletzungen durch einen Fall 282 

131. Fall. Todtliche Kopfverletzungen durch einen Fall 282 

132. Fall. Wirbel-, Brustbein- und Rippenbrüche, Ruptur des 

Rückenmarkes und der Leber durch Sturz aus der 
Höhe 283 

133. Fall. Längsbruch der Sch&delgrundfl&che durch Auffallen 

einer schweren Last 283 

134. Fall. Bedeutende Organrupturen. Bruch der Beckenknochen, 

ohne Leberruptur und ohne äussere Verletzung . . . 283 

135. Fall. Tod durch Gehirnerschütterung und Blutung nach auf 

den Kopf gefallener Last 284 

136. Fall. Bluterguss in dem Rückenmark nach Auffallen einer 

schweren Last 284 

§. 9. Eigene oder fremde Schuld? 285 

§. 9a. Casuistik 287 

137. Fall. Mord durch Kopfhiebwunden 287 

138. Fall. Schädelzertrümmerung durch Axlhiebe 287 

139. Fall. Schädelzertrümmerung durch Schläge mit einem grossen 

Hammer. Tod nach 2^ Stunden 288 

140. Fall. Schädelzertrümmerungen durch Schläge mit einem 

Stuhl. Wie viel Zeit gehörte zur Beibringung der 
Verletzungen? 289 

141. Fall. Ob Darmriss durch Anfahren? 289 

142. Fall. Schädel Verletzungen , ob durch Beilhiebe oder durch 

Fall von einer Treppe erzeugt? 290 

143. Fall. Bauchfellentzündung, ob durch Fusstritt oder aus in- 

neren Ursachen entstanden? 296 



Inhalt. XI 

Seit« 

Zweites Kapitel. 

Tod durch Erschiessen 298 

}. 10. Die Schasswunde 298 

§. IL Portsetiung 301 

§. 12. Fortsetzung. Versuche an Leichen 304 

§. 13 Casuistik 305 

144. Fall. Schusswunde in Lunge und Rückenmark 305 

145. Fall. Tödtliche Kopfschusswunde 306 

146. Fall. Tödtliche Kopfschusswunde 306 

147. Fall. Tödtliche Kopfschusswunrle 306 

148. Fall. Tödtliche Kopfschusswunde durch Spitzkugel 307 

149. Fall. Tödtliche Kopfschusswunde 307 

150. Fall. Tödtliche Kopfschusswunde durch Spitzkugel 307 

151. Fall. Tödtliche Kopfschusswunde durch Spitzkugel 308 

152. Fall. Schuss in die Vena poplitaea 308 

153. Fall. Tödtlicher Schuss in den Mund, ohne Verletzung des 

Gehirnes 308 

154. Fall. Herzschusswunde 308 

155. Fall. Schuss in Herz und Leber 309 

156. Fall. Schuss in Zwerchfell und Lunge 309 

157. Fall. Spitzkugelschuss in Lunge und Hohhene 309 

158. Fall. Selbstmord durch Spitzkugelschuss in das Herz .... 309 

159. Fall. Schusswunden in Lunge und Schenkelschlagader . . . 309 

160. Fall. Mord durch eine Zwerchfells-Schusswunde 310 

161. Fall. Schrootschuss in Herz, Zwerchfell, Leber und Magen . 310 

162. Fall. Schusswunde in Lunge und Herz ohne Verbrennung 

der Haut . . 311 

§ 14. Eigene oder fremde Schuld? 311 

§. 15. Casuistik 316 

163. Fall. Mord durch Schuss in die rechte Vena jugularis tho- 

racica und Lunge 316 

164. Fall. Mord durch Schuss wunde in die Leber ........ 317 

165. Fall. Selbstmord durch Schuss in die Leber 317 

166- Fall. Mord durch Schusswunde in den Bauch 317 

167. FalL Selbstmord durch Schuss in die linke Lunge 318 

168. Fall. Angezweifelter Selbstmord. Schusswunde in die Leber 319 

169. Fall. Angezweifelter Selbstmord. Schuss wunde in Zwerch- 

fell und Milz 318 

170. Fall. Angezweifelter Selbstmord. Tödtliche Kopfschusswunde 319 

171. Fall. Angezweifelter Selbstmord. Tödtliche Kopfschusswunde 320 

172. Fall. Spitzkugelschuss in Herz und Milz , 320 

173. Fall. Unsichtbare Schusswunde in den Kopf 320 

174. Fall. Ein ähnlicher Fall 321 

175. Fall. Ein ähnlicher Fall 321 

176. Fall. Selbstmord durch Kopfschuss wunde ohne Kugel ... 321 

177. Fall. Zweifelhafter Selbstmord. Schuss in Herz und Lunge 322 

178. Fall. Zweifelhafter Selbstmord. Herzschusswunde 322 

179. Fall. Zweifelhafter Selbstmord. Erschossen durch Vollstopfen 



XII Inhalt. 

des Mondes mit Pulver. Ruptur der Lungen, Speise- 
röhre und Carotis 323 

180. Fall. Zweifelhafter Selbstmord 324 

Drittes Kapitel. 

Tod durch Verbrennung . 324 

§ 16. Allgemeines und Diagnose 324 

§. 17. Versuche an Leichen. Brandblasen nach dem Tode 328 

§. 18. Eigene oder fremde Schuld? Selbstverbrennung 3S2 

182. Fall. Verbrennungsversuch an einer Leiche 337 

§. 19. Casuistik 337 

183. Fall. Verbrennung im Schornstein. Rostung 337 

184. Fall. Fünf verkohlte Menschen 337 

185. Fall. Ein verkohlter Leichnam 337 

186. Fall. Verbrennung durch Flamme 338 

187. Fall. Verbrennung durch Flamme 338 

188. Fall. Verbrennung eines Kindes durch Flamme am Ofen 338 

189. Fall. Verbrennung durch Flamme 339 

190. Fall. Verbrennung durch Gasflamme 340 

191. Fall. Verbrennung durch Flamme 340 

192. Fall. Verbrennung durch Flamme von Schwefel&ther und 

Terpenthinöl 340 

193. Fall. Verbrennung durch Aetzkalk 341 

194. Fall. Verbrennen durch Aetzkalk 341 

195. Fall. Verbrennung durch siedenden Kaffee 341 

196. Fall. Verbrennung durch siedendes Wasser 342 

197. Fall. Verbrennung durch Wasserdampf 342 

198. Fall. Verbrennung durch Wasserdampf 342 

199. Fall. Blatterrose oder Verbrühung 343 

200. Fall. Verbrennung oder Hautkrankheit? 348 

201. Fall. Mord durch Verbrennen oder Erdrosseln? 348 

Zweiter Abschnitt. 

Dynamischer Tod 352 

§. 20. Allgemeines 352 

Erstes Kapitel. 

Tod durch Verblutung und Erschöpfung 352 

§. 21. Entstehungsart und Diagnose 352 

§. 22. Casuistik 357 

A. Tod durch Verblutung. 

202. Fall. Verletzung der Arteria iliaca externa 357 

203. Fall Verletzung der Lunge und des Herzbeutels 357 

204. Fall. Stichwunde in das Herz. Verblutung 357 

205. Fall Stichwunde in das Herr. Leben noch 48 Stunden. 

Tod durch Verblutung 358 

206. Fall. Stichwunde in Zwerchfell, Leber und Magen .... 359 

207. Fall. Verblutung aus der Vena saphaena 359 



Inhalt XIU 

8ciU 

B. Tod durch Erschöpfung. 

208. Fall. Quetschung der Unterextremität. Tod durch Eiterung 360 
309. Fall. Meningitis purulenta nach Gehirnerschütterung durch 

Zertrümmerung von Gesichtsknochen 360 

210. Fall. Meningitis nach Verletzung der Orbita durch einen 

Regenschirm 360 

211. Fall. Meningitis diffusa nach Säbelhieb 361 

212. Fall. Lungen-Stichwunde. Vereiterung 362 

213. Fall. Rippenbrüche. Wirbelbrüche. Pericarditis. Pleuritis. 

Extravasat auf dem Rückenmark 362 

214. Fall. Kopfverletzung. Pyämie 363 

215 Fall. Leichte Kopfwunden. Erysipelas. Pyämie 365 

216. Fall. Bisswunde. Septicämie 370 

217. Fall. Ueberfahren. Hospital brand. Septikämie 372 

218. Fall. Kopfverletzung. Pyämie 375 

219. Fall. Halsstichwunde. Delirium tremens 376 

220. Fall. Misshandlung eines Kindes. Tod durch Hirnblutung . 378 

221. Fall. Misshandlung eines Kindes. Tod durch Hirnblutnng . 379 

222. Fall. Misshandlungen eines Kindes. Tod durch Erschöpfung 379 

§. 23. Eigene oder fremde Schuld? 380 

§. 24. Casuistik 383 

223. Fall. Zweifelhafter Selbstmord. Halsschnittwunden. Herz- 

stichwunden 383 

224. Fall. Herzstichwunde. Erstickung, nicht Verblutung .... 383 

225. Fall. Stichwunde in die Subclavia. Mord 385 

226. Fall. Halsschnittwunde. Tod durch Haematoma epiglottidis 386 
227 Fall Zweifelhafter Selbstmord. Verletzung der Jugularen . 387 

228. Fall. Strangmarke und Halsscbnittwunde. Verletzung der 

Carotiden, Jugularen und Luftröhre 388 

229. Fall. Halsschnittwunde. Erstickung, nicht Verblutung ... 389 

230. bis 233. Fall. Mord oder Selbstmord durch Verletzungen 

der Carotiden, Jugularen, Luftröhre und durch Kopf- 
verletzungen. Priorität des Todes 389 

234. und 235. Fall. Mord durch Halsschnittwunden. Verletzung 

der Luftröhre und der Carotis 392 

236. Fall. Mord durch Halsschnittwunde 893 

237. Fall. Kindesmord durch Halsschnittwunden 397 

238. Fall. Kindesmord durch Halsscbnitt wunden 400 

239. und 240. Fall. Selbstmord durch Halsschnittwunden Durch- 

schneidung der Luft- und Speiseröhre 401 

241. Fall. Anfschlitzen des Bauches Ob Mord oder Selbstmord? 401 

Zweites Kapitel. 

Tod durch Erhungern 402 

§■ 25. Allgemeines. Fall von zehntägigem Hungern ohne Tod 402 

§ 26. Fortsetzung. Diagnose 406 

§. 27.. Eigene oder fremde Schuld? 407 

§. 28. Casuistik 407 

242. Fall. Wirklicher Hungertod 407 



XIV Inhalt. 

243. Fall. Langsamer Hungertod 408 

244. Fall. Ein ähnlicher Fall 409 

245. Fall. Angeblicher Hungertod eines Kindes und Mangel an 

Pflege 409 

Drittes Kapitel. 

Tod durch Vergiftung 409 

Gesetzliche Bestimmungen . . 409 

A. Allgemeines. 

§. 29. Begriff: Gift 410 

246. Fall. Ist ein Minimum Schwefelsäure Gift? 412 

247. Fall. Ist ein Minimum Phosphor Gift? 412 

248. Fall. Ist 400fach verdünnte Schwefelsäure Gift? 414 

§. 30. Eintheilung der Gifte 417 

§. 31. Feststellung des Thatbestandes 419 

§. 32. Fortsetzung, a) Die Krankheitserscheinungen 421 

§. 33. Fortsetzung, b) Leichenbefund 425 

§. 34. Fortsetzung, c) Der chemische Befund und die Thierreaction 427 

§. 35. Fortsetzung, d) Die jedesmaligen besondem Umstände 436 

§. 36. Fortsetzung. Schlusssätze 439 

§. 37. Eigene oder fremde Schuld? 441 

B. Specielle Gifte. 

§. 38. Vergiftung durch arsenige Säure 442 

§. 39. Casuistik 452 

249. Fall. Vergiftung durch Arsenik.' Selbstmord 452 

250. Fall. Vergiftung durch Arsenik. Selbstmord . 452 

251. Fall. Selbstvergiftung durch Arsenik 453 

252. Fall. Vergiftung durch arsenige Säure. Selbstmord .... 455 

253. Fall. Arsenikvergiftung durch arsenige Säure 461 

254. Fall. Arsenikvergiftung durch Scheel'sches oder durch 

Schweinfurter Grün 463 

255. Fall. Arsenik in den Haaren einer nach 11 Jahren ausge- 

grabenen weiblichen Leiche. Recognition der Leichen- 
reste durch künstliche Zähne ermöglicht Ein unauf- 

gelostes Räthsel! 465 

256. Fall. Denunciation wegen Vergiftung durch einen grünen 

Kleiderstoff 468 

257. Fall. Vermuthete Arsenlkvergiftung durch Tragen eines ge- 

färbten Kleides 471 

258 Fall. Arsenikvergiftnng 472 

259. Fall. Ausgrabung. Zweifelhafte Arsenikvergiftnng 474 

260. Fall. Tod aus anderer Ursache, trotz vorgefundenen Arseniks 481 

261. Fall. Ausgrabung nach 8 Jahren. Zweifelhafte Arsenikver- 

giftung ' 483 

262. Fall. Vermuthete Arsenikverigiftung. Chemischer Nachweis 

desselben in der Leiche. Tod aus anderer Ursache . 489 

§. 40. Vergiftung durch Schwefelsäure 492 

§. 41. Casuistik 496 

263. Fall . Vergiftung durch Schwefelsäure eine Stunde vor dem Tode 496 



Inhalt. XV 

264. Fall. Vergiftimg durch Schwefelsäure 2 Standen Yor dem Tode 496 

265. Fall. Vergiftung durch Schwefelsäure 7 Stunden Tor dem Tode 497 

266. Fall. Vergiftung durch Schwefelsäure 24 Stunden Yor dem Tode 497 

267. Fall. Vergiftung durch Schwefelsäure 3 Tage Yor dem Tode 499 

268. Fall. Vergiftung durch Schwefelsäure 8 Tage Yor dem Tode 500 

269. Fall. SchwefelsäureYergiftung. Freie Schwefelsäure im Blut 500 

270. Fall. Vergiftung durch Schwefelsäure 14 Tage Yor dem Tode 501 

271. Fall. Schwefelsäure als AbortiYum todtet Mutter und Frucht 503 

272. Fall. Freiwillig erduldeter Mord durch Schwefelsäure .... 504 

273. und 274. Fall. SelbstYergiftung zweier Schwängern durch 

Schwefelsäure 505 

§. 42. Vergiftung durch Phosphor 507 

§. 43. Caaniatik 512 

275. Fall. Vergiftung durch Phosphor, nach einigen Stunden todtlich 512 

276. Fall. Vergiftung durch Phosphor, nach 12 Stunden todtlich 513 

277. Fall. Vergiftung durch Phosphor. Tod nach 8 Stunden. 

Chemischer Nachweis nicht zu fahren. Diagnose aus 
den Krankheitserscheiaungen 514 

278. und 279. Fall. Phosphonrergiftung nach 26 Stunden todt- 

lich. Gemuthmaasste Kohlenoxyd- Vergiftung 517 

280. Fall. PhosphorYergiftung nach 2 Tagen todtlich. Verfettung 519 

281. Fall. Vermuthete PhosphorYergiftung. Acute Leberatrophie 520 
§. 44. Vergiftung durch Cyanwasserstoffsäure (und Gyankalium, Lorbeerkirsch- 

Wasser und blausäurehaltiges Bittermandelöl) 521 

§. 45. Caroistik 526 

282. Fall. Vergiftung durch Lorbeerkirschwasser 526 

283. Fall. Vergiftung durch Blausäure und ätherische Oele. Eine 

wohlriechende Leiche 526 

284. Fall. BlausäureYergiftung in Magen und Leber chemisch 

nachgewiesen 527 

285. Fall. Blausäurevergiftung im Blute chemisch nachgewiesen . 528 

286. Fall. BlausäureYergiftung im Magen chemisch nachgewiesen 529 

287. Fall. BlausäureYergiftung 530 

288. Fall. Vergiftung durch Gyankalium 530 

289. Fall. Vergiftung durch Gyankalium 530 

290. Fall. BlausäurcYergiftong durch Gyankalium? Das Blut im 

Magen und Blut chemisch nachgewiesen ....*... 531 

291. Fall. Gyankalium-Vergiftung 532 

§. 46. Vergiftung durch Opium und seine Bestandtheile und Präparate (auch 

Mohuköpfe) 532 

§. 47. Casnistik 534 

292. Fall. Vergiftang mit Morphium 534 

293. Fall. Vergiftung durch Morphium 535 

294. und 295. Fall. Vergiftung darch einen Mobnkopf 536 

296. Fall. OpiumYergiftong. durch Abkochung Yon Mobnköpfen . 537 

§. 48. Vergiftang durch Alcohol 539 

8. 49. Caraisük 541 

297. Fall. Vergiftung durch Alcohol 541 

298. Fall. Vergiftang durch Alcohol 541 



XVI Inhalt 

299. Fall. YergiftoDg dnrch Alcobol 541 

300. Fall. Ver^ftuog durch Alcobol 542 

aOl. Fall. Acute Alcoholvergiftung 542 

§. 50. Vergiftung durch Strycbnia 546 

e. 51. CasuUtik 546 

302. Fall. StrychniDTcrgiftung 546 

§. 52. Vergiftung durch Aetzkali und Aetznatron 560 

§. 53. CasuiBtik 560 

303. Fall- Vergiftung mit Lauge 560 

304. Fall. Vergiftung mit Lauge. Mord 561 

$. 54. Vergiftung dnrch Sadebaum (Sabina officinalia, Juniperus Sabina L.) . 563 

§. 55. Casuistik seltnerer Vergiftungen . , . . 564 

305 Fall. Vergiftung durch Salzsäure 564 

306. Fall. Vergiftung mit ozalsaurem Kali (Kleesalz) 565 

307. bis 309. Fall. Drei Vergiftungen mit Arsenik und Brudn . 566 

310. Fall. Vergiftung durch giftige Pilze 570 

311. bis 314. Fall. Vier Vergiftungen durch Colchicin 570 

315. Fall. Vergiftung durch Veratrin 573 

316. Fall Vergiftung durch Cantharidin 576 

317. Fall. Vergiftung durch Verschlucken Ton Aether 578 

318. Fall. Eine völlig unaufgeklärte Vergiftung . , 578 

Viertes Kapitel. 

Tod durch Kohlenoxydgas 580 

§. 56. Allgemeines 580 

}. 57. Diagnose 582 

58. Casuistik 586 

319. Fall. Tod in Kohlendunst Verdacht auf Vergiftung durch 
den Zuhälter. Kohlenoxyd im Blute spectroscopisch 
nachgewiesen 586 

320. Fall. Tod in Kohlendunst. Das Kohlenoxyd im Blute 
spectroscopisch nachgewiesen 587 

321. Fall. Tod in Kohlendunst Mord. Das Kohlenoxyd im 
Blut spectroscopisch nachgewiesen 587 

322. Fall. Erstickung durch Rauch und Kohlenoxyd. Letzteres 
nachgewiesen 588 

323. Fall. Tod durch Kohlendunst Kohlenoxyd im Blut nachgewiesen 588 

324. und 325. Fall. Tod durch Kohlendunst Verdacht auf Mord. 
Kohlenoxyd im Blut nachgewiesen 589 

326. Fall. Tod durch Kohlendunst. Tod ausserhalb der Kohlen- 
dunst - Atmosphäre nach mehreren Stunden. Kohlen- 
oxyd im Blut nicht mehr nachweisbar 591 

327. und 328. Fall. Tod durch Kohiendunst Pneumonie. Kohlen- 
oxyd im Blut nicht mehr nachweisbar 591 

329. Fall. Tod durch Kohlendunst Verdacht auf Mord. Kohlen- 
oxyd im Blut nicht nachgewiesen 592 

330. Fall. Tod in Leuchtgas. Kohlenoxydreaction des Blutes . 595 

331. bis 333. Fall. Tod in Leuchtgas. Kohlenoxydreaction des 
Blutes 595 



Inlialt XVn 

a«iu 

334. Fall. Tod durch Leuchtgas, 48 Stunden nach der Sinwir- 

knng. Kohlenoxyd im Blut nicht mehr nachweisbar . 596 

335. Fall. Vermuthete KohIenozyd?ergiftung, durch die Obduction 

widerlegt 596 

336. Fall. Vermuthete Eohlendunstrergiftung, durch speetroacopi- 

sche Untersuchung des Blutes zarückgewiesen .... 597 

337. Fall. Erstickung in kohlensaurem und SchwefelwasserstofTgas 598 

Fünftes EapiteL 

Tod durch Erstickung 601 

$. 59. Allgemeines '601 

i. 60. Diagnose 602 

$. 61. Fortsetzung 610 

$. 62. Eigene oder fremde Schuld? 614 

J. 62. Canuistik 618 

338. bis 360. Fall. Dreiundswanzig F&lle Yon Erstickung Ton 

S&ugliDgen im Bette 618 

361. Fall. Erstickung durch Verschluss Yon Nase und Mund 

mittelst Betten. Mord * , 623 

362. bis 365. Fall. Vier F&lle von Erstickung durch ein in den 

Kehlkopf gerathenes Stück Fleisch 624 

366. Fall. Erstickung eines Kindes durch einen Zulp. Ob Zu- 

fall, oder Absicht, oder Fahrlässigkeit 625 

367. Fall. Ob durch einen Wattepfropf erstickt? 627 

368. Fall. Erstickung an Speisebrei 628 

369. Fall. ' Erstickung in Speisebrei. Leber-, Milz- und Nieren- 

Rupturen durch Ueberfahren 628 

370. Fall. Erstickung in Speisebrei 628 

371. Fall. Erstickung in Speisebrei 629 

372. Fall. Erstickung durch Blutathmen. Verletzungen 629 

373. Fall. Ersticken durch Kothatbmen . 629 

374. Fall. Lebend begraben. Erstickung. Sand im Rachen und 

Ghoanen. Bedeutende Verletzungen: Leberriss, Lun- 

genriss, Rippenbrüche, Schädelbruche, letztere post mort 631 

375. FalL Lebend Terscharrt Sand weder in Magen noch Luftröhre 632 

376. Fall. Lebend yerscharrt Erstickung in Torfgrus. Kindesmord 638 

377. FalL Erstickung eines Neugebomen durch Torf. Ob Zufall, 

ob Absicht? 634 

378. Fall. Erstickung durch Verschütten 636 

379. Fall. Erstickung durch Verschütten 636 

380. Fall. Erstickung durch Druck auf Brust und Bauch .... 637. 

381. Fall. War das Kind in der Reisetasche, in welcher es ge- 

funden wurde, erstickt? 637 

882. Fall. Bluterguss anf das Tentorium cerebelli. Zeichen der 

Erstickung, Petechien auf der Lunge 640 

383. Fall. Lungen- und Darmcatarrh. Marastische Brtickung. 

Punktförmige Ecchymosen auf der Lunge u. dem Herzen 640 

384. Fall. Lungenanschoppung. Ecchymosen 640 

Ca spar*« gcrlelitL Mtdldn. 5 Aufl II. B 



XVm Inhalt. 

Sechstes Kapitel. 

Tod durch Erhängen, Erwürgen, Erdrosseln 641 

§. 64. Allgemeines 641 

§. 65. Diagnose, a) Die allgemeinen äusseren Befunde 643 

§. 66. Fortsetzung, b) Der örtliche Befund am Halse. Die Strangrinne . . . 646 

§. 67. Fortsetzung. Die Strangrinno. Versuche an Leichen 654 

§. 68. Fortsetzung. Der örtliche Befund am Halse. Muskeln. Zungenbein. 

Kehlkopf. Halswirbel. Carotiden 658 

§. 69. Fortsetzung, c) Die inneren Befunde 660 

§. 70, Casuistik 662 

385. Fall. Selbstmord durch Erhängen. Hirnhyperämie 662 

386. Fall. Selbstmord durch Erhängen. Himhyperämie 662 

387. Fall. 'Selbsterhängung. Erstickung 662 

388. Fall. Selbsterhängung. Erstickung 662 

389. Fall. Selbsterhängung. Erstickungstod 663 

390. Fall. Selbsterhäugung. Erstickung. Sugillationen in den 

tieferen Halsgebilden • 663 

391. Fall. Selbsterhängung. Erstickung 664 

392. Fall. Selbsterbängen. Zerreissung der Wirbelsäule. Keine 

Strangmarke 664 

393. Fall. Selbsterhängung. Keine Strangmarke 665 

394. Fall. Selbsterhängung. Gar nicht sichtbare Strangrinne . . 665 

395. Fall. Selbstmord durch Erhängen. Neuroparalytischer Tod 666 

396. Fall. Selbsterhängen. Neuroparalyse 666 

397. Fall. Selbsterhängung. Neuroparalyse 666 

§. 71. Eigene oder fremde Schuld? 667 

§. 72. Casuistik 675 

398. Fall. Ob Mord oder Selbstmord durch Erdrosselung? .... 675 

399. Fall. Zweifelhafter Kindesmord durch Erdrosseln 676 

400. Fall. Kothzucht und Mord durch Strangulation 677 

401. Fall. Mord durch Erdrosselung. Horizontale Lage der Leiche 678 

402. Fall. Mord durch Erwurgung. Aufhängen der Leiche . . . 679 

403. Fall. Mord ob durch Erhängen oder Erwürgen? 681 

404. Fall. Zweifelhafter Selbstmord. Horizontale Lage der Leiche 684 

405. Fall. Mord durch Erdrosselung. Horizontale Lage der Leiche 687 

406. Fall. Selbsterdrosselung in liegender Stellung 693 

407. Fall. Selbsterdrosselung in liegender Stellung * . 693 

408. Fall. Merkwürdige Selbsterdrosselung in liegender Stellung 694 

409. Fall. Selbsterdrosselung in liegender Stellung 696 

410. Fall. Mord durch Erwürgen . , 697 

411. Fall. Mord durch Erwurgung 699 

412. Fall. Mord durch Erwurgung. Bruch des Kehlkopfes . . . 701 

413. Fall. Mord durch Erwägung. Ob durch blosses Zugreifen 

an den Hals veranlasst? 702 

414. Fall. Mord durch Erwürgung 705 

415. Fall. Mord durch Erwürgung eines schon tödtlich verletzten 

Neugebomen 709 

416. Fall. Mord durch Erwürgen ohne Spur am Halse 710 



Inhalt XIX 

6«ito 

417. Fall. Strangulation eines Kindes, ob zufEllig oder abflichtlich? 717 

418. Fall. Strangulation durch Erwürgen oder Selbsterh&ngen? . 718 

419. Fall. Zweifelhafter Selbstmord durch Herzbeutel wunde und 

Erhängen • 719 

420. Fall. Erh&Dgt oder erschossen? Mord oder Selbstmord? Blut- 

extravasat zwischen Trachea und Wirbels&ule 720 

421. Fall Zweifelhafter Selbstmord durch Erhängen 722 

422. Fall. Erdrosselung neugebomer Zwillinge 723 

423. Fall. Zweifelhafter Selbstmord durch Erhängen. Stand der 

Leiche auf beiden Füssen 730 

424. Fall. Selbstmord durch Erhängen. Stand der Leiche auf 

beiden Füssen 731 

425. Fall. Zweifelhafter Selbstmord durch Erhängen. Stand auf 

beiden Füssen 731 

426. Fall. Selbsterhängung in sitzender Stellung 732 

Siebentes Kapitel. 

Tod durch Ertrinken 732 

f. 73. Allgemeines 732 

{. 74. Diagnose, a) Die äussern Befunde 735 

§. 75. Fortsetzung, b) Die Innern Befunde 741 

427. Fall. Yorrespiratorische Schlingbewegungen 749 

§. 76. Casuistik 750 

428. Fall. Neuroparalytischer Ertrinkungstod. Getrunkenes Was- 

ser im Magen 750 

429. bis 432. Fall. Mord der vier eigenen Kinder durch Er- 

tränken. Nenroparalyse 751 

433. und 434. Fall. Ertränken. Wasser im Dünndarm 752 

435. Fall. Ertrinken in lauwarmem Ghamillenthee. Apoplexie . 753 

436. Fall. Selbstertränkung. Suffocatorischer Tod 753 

437. und 438. Fall. Suffocatorischer Ertrinkungstod 754 

439. Fall. Zuftlliges Ertrinken. Herzhyperämie 754 

440. Fall. War das neugeborene Kind ertrunken? Mumification 

der Nabelschnur . 754 

441. Fall. War das neugeborene Kind ertrunken? Mumification 

der Nabelschnur 755 

442. FalL War das neugeborene Kind ertrunken? 755 

443. bis 446. Fall. Noch mögliche Diagnose des Ertrinkungs- 

todes bei weit Torgeschrittener Verwesung 756 

447. und 448. Fall. Specifische Ertränkungsflüssigkeit in Leichen 

Erwachsener 756 

449. bis 456. Fall. Specifische Ertränkungsflüssigkeit in den Lei- 
chen Neugeborener 757 

457. und 458. Fall. Ertrunkene Neugeborene, aufgefunden ausser- 
halb der Ertränkungsflüssigkeit 761 

459. bis 461. Fall. Punktförmige Ecchymosen bei Ertrunkenen . 762 

§. 77. Eigene oder fremde Schuld? 763 

§. 78. Fortsetzung. Wie lange hat die Leiche im Wasser gelegen? Gang 

der Verwesung bei Wasserleichen 767 

B* 



XX Inhalt. 

6«lt« 

§. 79. Gasuistik 771 

462. Fall Zweifelhafter Selbstmord durch Ertrinken 771 

463. Fall. Zweifelhafter Selbstmord. Ertrinken. Kopfverletzongen 772 

464. Fall. Kindermord. Kopfverletzungen und Ertränken .... 772 

465. Fall. Mord oder Ertrinken? 773 

466. Fall. Ertrinken. Eigene oder fremde Schuld? Zusammen- 

gebundene Unterschenkel der Leiche 775 

467. Fall. Ertrunken, strangulirt oder erschlagen? Ruptur des 

Gehirns 775 

468. Fall. Ertrunken? Strangulation oder natürlicher Tod? . . . 776 

469. Fall. Seltene Verletzungen an der Leiche eines Ertrunkenen 778 

470. Fall. Verletzungen von der Hand eines Dritten bei einer 

Ertrunkenen 778 

471. bis 473. Fall. Halsschnitt- und Schusswunden bei aus dem 

Wasser Gezogenen 779 

474. Fall. Geburt auf dem Nachttopf. Ob das Kind strangulirt 

oder ertrunken? Priorität der Todesart 780 

475. Fall. Päderastische Nothzucht. Vielfache Verletzungen und 

gransame Verstümmelung des Körpers. Beseitigung 

der Leiche durch Hineinwerfen in's Wasser 783 

476. Fall. Skelett eines Ertrunkenen nach 2 Jahren aufgefunden 790 

Achtes Kapitel. 

Tod durch Erfrieren 790 

§. 80. Allgemeines 790 

§. 81. Diagnose 792 

§. 82. Fremde oder eigene Schuld? 794 

§. 83. Gasuistik 795 

477. Fall. Erfrierungstod eines Neugeborenen 795 

478. Fall. Zweifelhafter Erfrierungstod eines Neugeborenen . . . 795 

479. Fall. Zweifelhafter Erfrierungstod 796 

480. Fall. Erfrierungstod eines Neugeborenen 796 

Neuntes Kapitel. 

Tod durch Chloroform (Anaesthetica) 797 

Gesetzliche Bestimmungen 797 

§. 84. Allgemeines 797 

§. 85. Diagnose 799 

§. 86. Fortsetzung. Die chronische Chloroform- Vergiftung 805 

§. 87. Aeussere Bedingungen des Chloroformtodes 808 

§. 8s. Casuistik 811 

481. Fall Selbsttödtung durch Chloroform 811 

482. Fall. TödtuDg durch Chloroform 812 

483. Fall. Chloroformtod während der Operation 813 

484. Fall. Chloroformtod während der Operation 816 

485. Fall. Chloroformtod gleich nach der Operation. Nachweis 

des Chloroforms im Gehirn 820 

Vergl. auch den 487. Fall. 



Inhalt XXI 

8«lt« 

Anhang. 

Beschädigung und Todtung dnrch angeblich kunstwidriges Heil- 

verfahren 822 

Gesetzliche Bestimmungen 822 

§. 89. Allgemeines . . . . ' 823 

§. 90. Fortsetzung. Die strafgesetzlichen Bestimmungen 825 

§. 91. Zurechnung des ärztlichen Heilverfahrens 828 

S- 92. Fortsetzung 830 

§. ^3. Casnistik ... - 835 

486. Fall. Angeblich fahrlässige Vergiftung durch einen Arzt . . 835 

487. Fall. Tödtliches Ghloroformiren bei einer Zahnoperation . . 837 

488. Fall. Angebliche Todtung durch homöopathische Pfascherei 839 

489. Fall. Angebliche Todtung des Nengebornen bei der Gsburt 

durch die Hebamme 840 

490. Fall. Todtlicher Gebärmutterriss bei der Entbindung. An- 

schuldigung gegen die assistirende Wickelf ran • . . . 841 

491. Fall. Verwachsung der Placenta. Anschuldigung gegen die 

Wickelfrau 842 

492. Fall. Todtgeburt Anschuldigung gegen den Arzt 842 

493. Fall. Angebliche Todtung durch Eunstfehler bei der Entbindung 843 

494. Fall. Todtung durch Kunstfehler bei der Entbindung. Per- 

foration des Uterus 843 

495. Fall. Angina faucium. Gemuthmaasster Kunstfehler .... 846 



Zweite Abtheilung. 
Bio-Thanatologle der NeagebomeiL 

Gesetzliche Bestimmungen 848 

§. 94. Einleitung 849 

Erstes Kapitel. 

Alter der Frucht . . 850 

§. 95. Leibesfracht und neugebomes Kind 851 

§. 96. Zeichen der Neugeborenheit 853 

496. Fall. Richterliche Frage: ob das Kind ein neugebomes ge- 

wesen? Sturz des Kindes bei der Geburt? Ertrinken 

in Menschenkoth? 856 

§. 97. Unzeitiges, lebensfähiges und reifes Kind 858 

497. Fall. Gelebthaben einer nicht lebensfähigen Frucht Keine 

Beseitigung des Leichnams 859 

|. 98. Fortsetzung. Zeichen des Fnichtalters nach Monaten 860 

i. 99. Fortsetzung. Zeichen der Reife des Kindes 863 

§. 100. Caauistik . • 886 

498. Fall. Richterliche Frage: ob das Kind ein reifes gewesen? 886 

499. Fall. Richterliche Frage: ob das Kind ein überreifes gewesen? 886 



XXII 



Inhalt 



Das Leb 
§. 101. 



Fortsetzung. 
Fortsetzung. 
Fortsetzung. 
Fortsetzung. 



Zweites Kapitel. 

en des Kindes in und nach der Geburt 887 

Gesetzliche Bestimmungen 887 

Leben ohne Athmung 887 

500. Fall. Leben ohne Athmen 891 

501. Fall. Leben ohne Luftathmeu. Fötale Lungen. Erste Re- 
spiration im Wasser 892 

502. Fall. Ein ahnlicher Fall 893 

Athmen vor der Geburt. Vagitus uterinus . . .• 894 

Die Athemprobe. a) Wölbung der Brust 898 

Fortsetzung, b) Stand des Zwerchfells 903 

c) Die Leberprobe 904 

d) Ausdehnung der Lungen 905 

e) Farbe der Lungen 906 

f) Consistenz des Lungengewebes. Atelectase. Hyper- 
ämie. Hepatisation 908 

Fortsetzung, g) Gewicht der Lungen und des Herzens. Ploncqnet^s 

Blutlungenprobe 911 

Fortsetzung, h) Das Schwimmen der Lungen. Hydrostatische Langenprobe 918 

Fortsetzung, a) Künstliches Lufteinblasen 919 

Fortsetzung, ß) Emphysema pulmonum neonatorum 923 

Fortsetzung, y) Fäulniss der Lungen 928 

Fortsetzung. Sinken der Lungen nach der Athmung 930 

Fortsetzung, i) Einschnitte in die Lungensubstanz 933 

Die Magen »Darm -Schwimm -Probe 934 

Der Knochenkem in der Oberschenkel - Epiphyse 937 

Harnsäure Sedimente in den Bellini'schen Röhrchen 938 

Der Nabelschnurrest. Demarcationsring. Mumification. Abfall . . . 940 

Obliteration der intrauterinen Circulationswege , . . 943 

Harnblasen- und Mastdarmprobe 944 

Sugillationen 945 

Schlussatz über die Beweiskraft der Athemprobe 946 

Wann die Anstellung der Athemprobe überflössig? 947 

Wie lange lebte das Kind und wie lange ist es todt? 949 

Casuislik 951 

503. bis 523. Fall. Athemprobe bei schon sehr yorgeschrittener 

Verwesung , 951 

424 bis 532. Fall. TheilweisesSinken und Schwimmen der Lungen 956 

533. bis 539. Fall. Lufteinblasen bei gerichüichen F&llen .... 958 

540. und 541. Fall. Zur Blasen- und Mastdarmprobe 961 

Drittes Kapitel. 

Specifische Todesarten der Nengebornee 962 

§. 127. Allgemeines 962 

§. 128. Tod des Kindes vor der Geburt Todtliche Verletzungen in utero . . 963 

§. 129. Tod des Kindes in der Geburt, a) Subcutane Blutergüsse Gephalaematom 968 
f. 130. Fortsetzung. b) Kopfverletzungen. Ossificationsdefecte an den 

Sch&delknochen 970 



§. 

§ 

§ 

§ 

§ 

§ 

§ 

§. 

§. 
§. 

§ 
§ 
§ 
§ 
§ 
§ 
§ 
§ 
§ 
§ 
§ 
§ 
§ 



02. 
03. 
04. 
05. 
06. 
07. 
08. 

09. 

10. 
11. 
12. 
13. 
14. 
15. 
16. 
17. 
18. 
19. 
20. 
21. 
22. 
23. 
24. 
25. 
26. 



Inhalt XXIII 

Seit« 

§. 131. Fwisetzung. c) Gompression und UmschlinguDg der Nabelschnur. 

Die Strangulationsmarke 973 

§. 133. Porteetsnng. d) Strictur der Gebärmutter 976 

§. 133. Casuistik • , . . . . 977 

I. Tod in der Geburt. 

542. Fall. Tod in der Geburt durch Himhyperämie 977 

543. Fall. Tod in der Geburt. Fötale Erstickung 977 

544. und ^5. Fall. Tod in der Geburt FoUle Erstickung ... 978 

546. Fall. Tod in der Geburt Fötale Erstickung ^S 

547. Fall. Tod in der Geburt. Bruch der Wirbelsäule 979 

II. Ossificationsdefect 

548. Fall. Ossificationsdefecte mit Fissur im rechten Scheitelbein 980 

549. Fall. Ossificationsdefecte im linken Scheitelbein 981 

550. Fall. Ossificationsdefecte an beiden Scheitelbeinen. Trennung 

der Nabelschnur dicht am Nabel. Keine Verblutung 981 

551. Fall. Ossificationsdefecte in beiden Scheitelbeinen. Zweifel- 

hafter Ertrinkungstod 982 

552. Fall. Ossificationsdefecte in beiden Scheitelbeinen. Zweifel- 

hafter Ertrinkungstod 982 

553. Fall. Ossificationsdefecte in beiden Scheitelbeinen mit Fis- 

suren. Atfamen im verschlossenen Kasten 983 

|. 134. Tod des Kindes nach der Geburt, a) Sturz des Kopfes auf den Boden 984 

§. 135. Fortsetzung. Folgen des Sturzes und deren Diagnose 988 

§. 136. Casuistik 993 

554. Fall. Entbindung in aufrechter Stellung. Kindessturz ... 993 

555. Fall. Entbindung in aufrechter Stellung. Kindessturz auf 

die Strasse 994 

556. Fall. Kopfslurz bei der Geburt 994 

557. Fall. Kopfstnrz bei der Geburt , 995 

558. Fall. Kindessturz. Tod durch Gehirnerschütterung 995 

559. Fall. Verblutnngstod, Ertrinkungstod oder Kindessturz? . . 995 

560. Fall. Kindessturz oder Kindesmord? 996 

561. Fall. Kindesstnrz? Erstickung in Asche? Ertrinken im Abtritt? 997 

562. Fall. Kindessturz oder Kindermord? 998 

§. 137. Fortsetzung, b) Verblutung aus der Nabelschnur 999 

§. 138. Fortsetzung. Diagnose 1000 

563. Fall. Verletzung der Carotis und des Ruckenmarks des Neuge- 

bomen. Zweifelhalte Art der Trennung der Nabelschnur 1003 

§. 139. Casuistik 1004 

564. Fall. Hart am Nabel getrennte Nabelschnur. Keine Verblutung 1004 

565. Fall. Nabelschnur aus dem Nabel ausgerissen.Keine Verblutung 1004 

566. Fall. Nicht unterbundene Nabelschnur. Keine Verblutung. 1005 

567. Fall. Nicht unterbundene Nabelschnur. Keine Verblutung . 1005 

568. FalL Verblutung aus einer 7zölligen Nabelschnur 1005 

569. Fall. Verblutung aus einer fest unterbundenen Nabelschnur 1006 

570. Fall. Verblutung aas einer fest unterbundenen Nabelschnur 

Yon b\ Zoll nach sechs Stunden 1006 

571. Fall Verblutung aus 4sz51Iiger unterbundener Nabelschnur 1007 
§. 140. Schuld oder Nichtschuld der Mutter? 1007 



XXjy Inhalt 

8«it« 

§. 141. Fortsetzung 1010 

§. 142. Gasuistik 1014 

572. Fall. Angebliche Selbstentbindung. Annahme eines Kinder- 

mordes 1014 

573. Fall. SchädeWerletznng. Blutextravasat über dem Qehim. 

Annahme der Nicbtschuld der Mutter 1015 

574. Fall. Im Wasser gefunden; Sch&delyerletzung; Annahme 

der Nichtschuld der Mutter 1016 

575. Fall. Annahme der Selbstbülfe bei der Geburt 1016 

576. Fall. Selbsthnlfe. Verdacht auf Kindesmord 1017 

577. Fall. Geburt in Ezcremente 1021 

578. Fall. Aus dem Abtritt gezogenes Neugebomes 1021 

579. Fall. Geburt in Excremente . 1021 

580. Fall. Geburt in Ezcremente. Erstidningstod. Sinken der 

Lungen. Vorsätzliche Kindestodtung? 1022 

581. Fall. Geburt in einen Eimer. Auffindung des Kindes in 

der Kommode 1024 

582. Fall. Geburt auf dem Gloset Ertrinken. Specifische Stoffe 1028 

583. Fall. Geburt in einen Eimer 1031 

584. Fall. Im Abtritt gefundenes Kind. Eindringen der Jauche 

nach dem Tode 1031 

585. Fall. Geburt in einen Eimer. Tod des Kindes durch Erstickung 1032 

586. Fall. Geburt in Ezcremente 1033 

587. Fall. Geburt auf dem Abtritt. Tod durch Athmen von Koth 1034 

588. Fall. Aus dem Abtritt gezogenes Kind. Nicht zu er- 

mittelnde Schuld 1035 

589. Fall. Aus dem Wasser gezogenes Kind. Beseitigt aus öko- 

nomischen Gründen 1036 

590. Fall. Wasserleiche eines Neugebomen mit abges&gtem 

Sch&del. Oekonomische Veranlassung der Beseitigung 1037 
591. 'Fall. Aus dem Kamin gezogenes Neugebomes. Oekonomi- 
sche Veranlassung der Beseitigung 1037 

592. Fall. UmschlinguDg der Nabelschnur. Schlagfluss. Selbsthülfe 1037 



Allgemeiner Theil. 



Cft«p«r*a g«rirfal). M^dicla. 5. Anfl. tl. 



Einleitung. 



§. 1. llrtfriBg des WtHes tMicdtB. 



Er 



st seit kaum zweihundert Jahren bedient man sich in der Wissen- 
schaft nnd Praxis allgemein des Wortes obUuctio^ während die Alten 
nur die Worte: insptcito^ at^ctio^ dUsectio cadaoerü kannten. Seit Casper 
die Frage im ersten Hundert seiner „gerichtlichen Leichenöffnungen^*) 
angeregt, ivie so es gekommen, dass man die lateinische Bezeiclmung 
für Umhüllen, Verbergen, Verkleiden, Verdunkeln, Verhängen (obducere) 
far eine Operation gebraucht habe, die gerade das Gegentheil: ein Er- 
öffiien. Erhellen, zum Zwecke hat ? sind von ausgezeichneten Philologen 
mehrfache Ansichten und Erklärungen ausgesprochen worden, die aber 
auch untereinander sehr abweichend sind. Nach dem Einen soll obdu- 
cere schon im Altlateinischen für Aufdecken gebraucht worden sein, 
fioeckh stützt sich auf Plautus für die Meinung, dass obducere ur- 
sprünglich wahrscheinlich nur für „vorführen, herbeibringen" (des Leich- 
nams) gebraucht gewesen. Ein dritter Sprachforscher hält sich an die 
ursprüngliche Bedeutung des Wortes, vergleicht obducere mit obversari^ 
obvemre (ob oculos versari, ob oculoa venire)^ und erklärt hiernach 
obducere als : vor Augen führen u. s. w.**) Mag man sich nun für eine 
oder die andere dieser Erklärungen entscheiden. Das Wort „Obduction^ 
hat jedenfalls seit langer Zeit das Bürgerrecht gewonnen, es ist in die 
amüicbe Sprache eingeführt, und wir werden uns desselben überall hier 
bedienen können. 



*) Dritte Aufl. Berlin 1853. S. 3. 

^^ Die ^naoere Ausführung dieser philologischen Ansichten s. in den beiden 
eraten Anflagen des Handbuchs, S. 3 n. f. 



4 $• *2. Der Leichnam. 

§. 2. ier LeichMM. 

Gesetzliche Bestimmungen. 

8trafg6i«tsbaeh für den Norddentsehen Band. §. 367. Mit Qelditrafe bU in funfiig Tha- 
l«rn od«r mit Haft wird bestraft: 1) wer nhne yorwisien der Behörde einea Lelehaan ba- 
erdigt oder bei Seite sehaflft, oder wer anbefugt einen Thei^ einer Leiche aue dem Gewahr- 
eam der dasa bereehtigtea Pereonen wegnimmt. 

Vor dem Erscheinen des Prenssischen Strafgesetzbuches vom Jahre 
1851 und Baierschen Strafgesetzbuches war keine Veranlassung gegeben, 
die Frage aufzuwerfen: was ist ein Leichnam? Anders jetzt, da die 
Bestimmung des Preuss. Strafgesetzbuches wenn auch mit milderer 
Strafe in das neue Strafgesetz für den Norddeutschen Bund überge- 
gangen ist. Es bleibt somit nach wie vor auch schon die heimliche 
Beseitigung jeder Leibesfrucht, deren Alter noch unbekannt, mit Strafe 
bedroht. Hier muss sich nothwendig, z. B. wenn eine Mutter einen 
drei-, viermonatlichen Foetus weggeworfen hätte, jene Frage aufdrängen, 
weil festgestellt werden muss, ob gegen dieselbe ein üntersuchungsver- 
fahren einzuleiten? In der That habe ich selbst mehrfach diese sonder- 
bare Frage zu beantworten gehabt, und auch anderweitig ist sie vorge- 
kommen und wird sie noch oft vorkommen. Der Arzt kann hier nicht 
anders antworten, als: ein (menschlicher) Leichnam ist ein todtes 
menschliches Wesen. Es wird auch, nach dem ärztlichen Sprachge- 
brauch, nicht bestritten werden können, dass jeder Foetus ein Leichnam 
sei, um so weniger, als man im Streitfall fragen müsste: was er denn 
sonst sei? Eine andere Ansicht aber hat der oberste preussische Ge- 
richtshof in wiederholten Erkenntnissen ausgesprochen. Davon aus- 
gehend, dass nicht todt sein könne, was nicht gelebt hat und nicht 
leben konnte, hat das Eönigl. Ober - Tribunal in einem Falle erkannt: 
„dass die Erklärung des Wortes Leichnam nur aus den practischen 
Zwecken des Gesetzes und dem gemeinen Sprachgebrauch entnommen 
werden kann, hiemach aber jedenfalls die Lebensfähigkeit des Kin- 
des erforderlich ist, um auf den Körper desselben die Bezeichnung eines 
Leichnams anzuwenden.^ Und in einem zweiten Falle: „dass eine 
Leibesfrucht von 4 — 5 Monaten, welche in diesem Alter zur Welt ge- 
bracht wird, und sich lebensunfähig erweist, wie im vorliegenden Falle 
festgestellt ist, weder nach kirchlichem Herkommen, noch nach welt- 
lichen Gesetzen als ein Leichnam anzusehen ist, worauf die Vorschriften 
und Regulative der Beerdigungen Anwendung finden, daher auch die 
Strafvorschrift des (ehemalgen) §. 186. des Strafgesetzbuches nicht 
darauf bezogen werden kann.^*) 



^) 8. Archiv für Preuss. Strafrecht, I. 4 Heft, S. 571, und di« rechtlich« Deduction 
dieser Ansicht ebendas. 3. Heft, S. 396. 



§. 2. Der Leichnam. 5 

Man sieht, dass die Rechtsansicht nicht sowohl an dem Begrifi 
Leben des Foetus, d. h. dem vegaÜT - organischen , das derselbe ja ohne 
Zweifel in utero gelebt hatte, festhält, als vielmehr daran, ob ein Fort- 
leben der Fracht nach deren Beschaffenheit möglich, ob sie (fort-) 
lebensföhig gewesen ? Erst von diesem Zeitpnnkt ab also ist, nach der 
Entscheidang nnsers obersten Gerichtshofes, der todte Mensch (in der 
Prenss. Gerichtspraxis) als menschlicher „Leichnam'^ zn erachten. Ich 
pflege daher bei den Besichtigungen derartiger Früchte, welche ihrer 
Entwickelnng nach das Alter der Lebensfähigkeit noch nicht erreicht 
hatten, mich im Tenor dahin auszusprechen: „dass die qu. Frucht nach 
juristischem Sprachgebrauch als ein Leichnam nicht zu erachten sei^. 



Erster Abschnitt. 



Zweck der Obduction, 



§. 3. AllgCMehes. 

Jede ärztliche Untersaehnng eines menschlichen Leichnams kann 
einen dreifachen Zweck haben: i) die Lebensfähigkeit nnd das Ge- 
lebthaben eines Neugebomen, wo beide zweifelhaft, festzustellen ; 2) die 
noch unbekannte Zeit, in welcher der Tod erfolgt war, zu ermitteln; 
3) die unbekannte Todesursache festzustellen. Einzeln betrachtet, 
ist dieser letztere Zweck der gewöhnlichste und häu6gste; der erstere 
bietet sich sehr häufig dar*), während die Aufgabe, die Zeit des Todes 
aus der Leichenschau zu ermitt^^ln, sich, wenn auch nicht so häufig, 
doch oft genug dem Gerichtsarzte darbietet. Dagegen kommen auch 
Fälle vor, wo zwei dieser oder alle drei Fragen in Betreff Einer Leiche 
zu beantworten sind. Wir haben sie einzeln zu betrachten. 



*) Tn Berlin vund ähnlich wohl in allen grossen Städten) bilden die Obductious- 
fiUe an Neugebomen annähernd den vierten Theil aller gerichtlichen Sectionsf&Ile. (In 
neuerer Zeit betrugen diese Obductionen etwas mehr als den vierten Theil.) 



Erstes Kapitel. 

Lebensfähigkeit 



§. 4. •elBitiM. 

Gesetzliche Bestimmungen. 

Pr Allg. Land recht Tbl. IL TU. 2. f. 3. Gegen die geeetsUche VermothoDg (dMs Kinder, die 
vibrcnd einer Ehe geaengt nnd geboren worden, von dem Bhenunne ersengt «fnd,) loU der Mann nnr 
al»daatt gehört werden, wenn er nberxengend nachweisen kann, daac er drr Fran in dem Zwlsehenraom 
Ten 303ten bie anm 210ren Tage vor der Gebnrt flee Kindes nicht ehelieh beigewohnt hat 

(Rheinisches) Bärgerlich es Gesetabneh (eodt eitil) Art. S12. Der Ehemann kann daa 
Eiod Terleagnen, trenn er beweist, dais er während der awischen dem 300ten bis ISOsten Tage vor der 
Gebart des Kindes verlanfenen Zeit sieh im Zustande der physischen Dnmögliehkeit befunden h\be, seiner 
Frsa ehelich beianwohnen. 

Pr. Gesefs Tom 24. April 1854 §. 13. Als Ersenger eines nnehellchen Kinde« ist derfenige an- 
nsclien, welcher mit der Uatter innerhalb des Zeitraums vom SsSSsten bis 2lOten Tage vor der Bntbin- 
deng den Beischlaf ToUxogen hat. 

Pr. Allg. Landreeht Tbl. I. Tit. 1. §. 17. Geburten ohne menschliche Form und Bildung haben 
tuf Familien- und bürgerliche Rechte keinen Ansprach. 

f. 18. Insofern dergleichen Missgeburten leben, müssen sie emibrt nnd so yiel als mSglich erhalten 
werden. 

Bbcndas. Tbl. L Tit. 9. f: S71. HSngt die Frage, wem «ine Erbschaft angefallen sei, davon ab, ob 
eise bei dem Tode des Erblassers vorhandene Leibesfrucht lebendig sur Welt kommen werde, eo musa 
dieser Erfolg abgewartet werden. 

Bbendas. ThI. L Tit 12. §. 13. Dass ein Kind lebend sur Welt gekommen sei, ist schon ffir 
lugemittelt anmnelunen, wenn nnverdichtige bei der Gebnrt gegenwärtig gewesene Zeugen die Stimme 
desselben deutlich vernommen haben. 

(Rheinisches) Bilrgerliches Gesetsbueh Art 725. — — nicht erbfihig ist 2) das 

Kied, welches nicht lebensfähig geboren wird u. s. w. 

Bbendas. Art. 906. nichtsdestowenii^er tritt das Verro&ehtniss oder das Testament nur in 

Kräh;, wenn daa Kind lebensfähig geborf-n war. 

Lebensfähig im ärztlichen Sinne ist ein Nengebornes, wenn 
es nach seinem Alter nnd nach der Bildung seiner Organe die 
Möglichkeit hat, fortzuleben, d. h. die darchschnittliche Lebens- 
dauer des Menschen zu erreichen. 

Beide Bedingungen müssen gegeben sein. Eine wohlgebildete 
Frucht Yon 5 Monaten kann nicht fortleben im obigen Sinne, aber eben 
so wenig eine Frucht von zehn Monaten, die mit einer Ektopie der 
Brustorgane, einer völligen Verschliessung des Mastdarms u. dergl, ge- 
boren worden. Ein kurzes Leben von Minuten oder Stunden ist hier 
absichtlich ausgeschlossen. Mit dieser Ansicht stimmen ausgezeichnete 
Rechtsgelehrte überein, z. B. Mittermaier in seinem neuen Arch. d. 
Crim.-Rechts Bd. VIL l.S. 318 und Eduard Henke (Handb. d. Crim.- 
Rechts II. S. 58), der sogar ein Leben von einigen Tagen für nicht er- 
heblich hält, wenn das Eind nicht lebensfähig war, während andre an- 
erkannte Rechtslehrer der entgegengesetzten Ansicht huldigen, und be- 



g Lcbcnsföhigkeit. §. 4- DcfiDition 

hanpten, dass, wenn das Kind ausser der Mutter auch nur die kürzeste 
Zeit gelebt habe, es dann auch als ein lebensfähiges zu erachten ge- 
wesen sei, mit AUem, was für dessen Legitimität, Erbschaftsfähigkeit 
u. s. w. daraus folgt. Von diesem Gesichtspunkt aus beurtheilt auch 
Skrzeczka in seiner Abhandlung über Lebensfähigkeit*) diese Frage. 
Wir sehen aber, dass selbst die Gesetzgebungen hierin untereinander 
abweichen, denn während das Preuss. Landrecht (s'. oben) nur Leben 
als Bedingung der Erbfähigkeit verlangt, fordern das (Napoleonische) 
bürgerl. Gesetzbuch uod die demselben nachgebildeten Gesetzgebungen, 
z. B. die sardinische (codice cioile II L 2. 705.)^ auch Lebensfähig- 
keit, und z. B. das Württembergische Strafgesetz bedroht den Ein der- 
mord mit verschiedenen Strafen, je nachdem das neugebome Eind ein 
lebensfähiges war, oder nicht, einen Unterschied, den andere Strafge- 
setzbücher nicht kennen. Diese rechtswissenschaftlichen Erörterungen 
überlasse der Gerichtsarzt den Fachmännern, und er halte sich um so 
beruhigter an die obige gerichtlich-medicinische Definition, als er 
sich sagen wird, dass kein Arzt in der Welt erklären werde, dass ein 
Eind, das mit fünf Monaten geboren worden, oder sogar ein reifes Eind, 
das mit einer völligen Verschliessung der Speiseröhre u. dergl. zur Welt 
gekommen, auch wenn es einigemal aufgeathmet oder selbst etwas län- 
ger gelebt haben sollte, fortzuleben fähig gewesen war. Wenn es im 
concreten FaUe den Richter für seine Rechtszwecke interessiren sollte, 
zu erfahren, ob das Eind, das der Arzt für nicht lebensfähig erklärt, 
gelebt hatte, so wird Letzterer die betreffenden Beweise herbei zn 
schaffen wissen. — Was aber die Frage betrifft: ob und in wie weit 
angeborne Missbildungen, die durch die Eunst möglicherweise zu 
beseitigen sind, die Annahme der Lebensfähigkeit ansschliessen? so 
scheint mir die Beantwortung dieser Frage nicht zweifelhaft. Sie ist 
neuerlich wieder einmal in der Pariser Akademie lebhaft zur Sprache 
gekommen, in welcher Robert die Meinung verfocht, dass ein Eind 
inmierhin als lebensfähig erklärt werden müsse, wenn es auch eine Miss- 
bildung zur Welt gebracht, aber eine solche, die zwar sich selbst über- 
lassen nothwendig den Tod herbeiführe, die aber durch eine, selbst sehr 
gefährliche Operation geheilt werden könne, auch wenn der Erfolg der- 
selben erfahrungsgemäss nur sehr selten günstig sei, wie viel mehr also 
gar ein Eind, das mit einer ganz unbedeutenden Missbildung geboren 
worden, die zwar sich selbst überlassen, auch den Tod veranlasse, die 
aber durch ein ganz einfaches Verfahren, z. B. einen Einstich in das 
bloss häutig verschlossene rectum oder praepuiium beseitigt werden 



*) Skrzeczka, Vierteljahrsschr. f. ger. u. ofTentl. Med. 1865. Neue Folge. Bd. 3. 
S. 263. 



LebeQbfähigkeit. §. 4. Definition. 9 

könne. Trousseau und Devergie traten dieser Ansicht entschieden 
und mit grosstem Recht entgegen. Robertos Beispiel von angebornem 
gänzlichen Mangel des Mastdarms, bei dem in seltnen Fällen noch eine 
künstliche Afterbildang günstige Erfolge erzielt habe, giebt an sich den 
schlagendsten Beweis für die practische Unhaltbarkeit seines Satzes! 
Wir kfimen mit demselben in foro sofort anf den alten Streit über die 
sog. Lethalitätsgrade zurück (s. unten spec. Theil §. 2.), auf die acci- 
dentelle Lethalität, auf die unerquicklichen Discussionen über die kunst- 
gerechte oder kunstwidrige ärztliche Behandlung. Die gesellschaftliche 
Stellung der Eltern, die einen Arzt gleich nach der Geburt des Kindes 
mfen und honoriren können, die Geschicklichkeit, die Kühnheit des 
Operateurs, die Möglichkeit einer genügenden Nachbehandlung u. s. w. 
kämen dann in Betracht, wir würden eine Terschiedene LebensMigkeit 
der Kinder der Reichen und der Armen, der Stadt- und Landbewohner 
a. 8. w. haben, und alle diese Momente würden eben so viele streitige 
Punkte zwischen den Parteien werden. Ganz aus denselben Gründen 
erscheint es bedenklich, mit französischen Schriftstellern*) noch solche 
Krankheiten als dritte Bedingung der Lebensunfähigkeit aufzustellen, 
die das Neugebome mit zur Welt bringt, und die meist tödtlich sind. 
Man wird in letzteren Fällen, wie in den obigen, wenn sie dem Zweifel 
Raum zu geben geeignet sind, mit einer negativen Fassung, dass die 
Unmöglichkeit des Fortlebens durch die erhobenen Thatsachen nicht er- 
weislich sei, sich begnügen müssen und damit auch dem Richter für 
seine Zwecke ausreichendes Material gegeben haben. 

Nach einzelnen neuem Strafgesetzgebungen gilt die Tödtimg eines 
Kindes, das wegen mangelnder Reife oder tödtlicher Missbildungen nicht 
lebensfähig war, nur als Versuch des Kindermordes. Das Norddeutsche 
and Baiersche Strafgesetzbuch kennen gar keine lebensunfähige neu- 
gebome Kinder, denn das Wort Lebensfähigkeit kommt in diesen Ge- 
setzbüchern nicht vor. Hieraus würde folgen, dass der Gerichtsarzt sich 
femer bei den Obductionen gar nicht mehr um die Kriterien der Le- 
bensfähigkeit zu kümmem habe, wenn es sich um die Tödtung eines 
Kindes handelt. Aber einerseits ist gezeigt worden (§. 2.), wie es unter 
Umständen, nach der authentischen Interpretation der betreffenden Ge- 
setzesstelle, allerdings für den richterlichen Zweck wichtig werden kann, 
die Lebensfähigkeit zu ermitteln und festzustellen, und andrerseits ent- 
halten die civilrechtlichen Gesetze überall Bestimmungen über die Le- 
bensfähigkeit, die möglicherweise im Verlaufe der Untersuchung in 
Frage kommen können, auch wenn es zur Zeit der Obduction nicht den 



*) 8. auch Mecklenburg, Lebensfähigkeit in strafrechtlicher Beziehung. Viertel- 
jahnachrift f ger. n. offeotl. Med. Bd. 5. S. 352. 



10 Lebensfähigkeit. §. 4. Definition. 

Anschein haben sollte. Es Tverden deshalb nach wie vor die Eriterien 
der Lebensfähigkeit bei der gerichtlichen Untersuchnng von Leichen 
Nengebomer beachtet werden müssen. In dieser Beziehung kommt aller- 
dings namentlich nnd hauptsächlich das Alter der Frucht in Betracht. 
Angeborne Bildungsfehler solchen Grades, dass dadurch allein das Fort- 
leben als unmöglich anzunehmen, kommen äusserst selten vor, und sind 
dann auch so sinnenfällig, dass ein Zweifel über ihre Bedeutsamkeit 
nicht wohl wird aufkommen können. Was nun aber das Alter betrifft, 
so ist der uralte ärztliche Streit über den Alterstermin der Lebens- 
fähigkeit durch die meisten Gesetzgebungen kategorisch entschieden*), 
so dass Erörterungen darüber nur noch einen wissenschaftlichen, keinen 
practischen Werth mehr für den Gerichtsarzt haben, der nur zu ermit- 
teln hat, ob die Frucht den gesetzlichen tef^minus a quo der Lebens- 
fähigkeit erreicht hatte. Der vom rheinischen Gesetzbuch aufgestellte 
Termin von 180 Tagen (sechs Kalendermonaten) ist, wenn er auch die 
Autorität der Hippokratischen Schriften für sich hat, keinenfalls ein so 
naturgemässer, als der in den übrigen Gesetzbüchern festgehaltene von 
2I0 Tagen (dreissig Schwangerschaftswochen, sieben B[alendermonaten), 
welche Epoche durch das Verschwinden der Papillär - Membran und 
darch den descenaus teaticulorufti bezeichnet wird, und für welche jeden- 
falls die allgemeine Erfahrung spricht. Die Aufgabe des Gerichtsarztes 



*) Wir glauben den Gesetzen diese Auslegung geben zu müssen. Denn wenn 
deren Bestimmungen, wie von juristischer Seite eingewandt worden, sich nur auf die 
Begründung der Yermuthung darüber, wer als der Vater eines Kindes zu betrachten, 
hätte beziehen sollen, so ist nicht einzusehen, weshalb die Gesetzgeber gerade z. B. den 
210ten Tag mit und neben dem 280sten aufgestellt haben sollten. Dass aber Seitens 
der Gesetzgebungen in der That hiermit gemeint war, jenes Fruchtalter zu bestimmen, 
in welchem das Kind bereits fortzuleben geeignet ist, für unsere Ansicht also, beweist 
u. A. überzeugend die Bestimmung des ausser Kraft getretenen Preuss. Strafgesetzbuches 
(A. L.-R, Tbl. IL Tit. 20. §. 958.;, wonach einem „vollständigen", d. h. einem »völlig 
ausgetragenen •* Kinde „eine Leibesfrucht, welche schon über 30 Wochen** (d. h. über 
210 Tage) „alt geworden, gleich geachtet werden soll". — In der Bestimmung eines 
solchen Alters- ter minus a fjuo ist das romische Recht mit seinen 182 Tagen (nach 
Bippocrates) vorangeschritten. Wie weise die Gesetzgeber handelten, indem sie durch 
feste Bestimmungen die individuelle ärztliche Ansicht beschränkten, wird Jeder aner- 
kennen, der den Wust von Fabeln und Ammenmährcben in diesem Gebiete kennt, wie 
I er sich in den alten und neuen gerichtlich-medicioischen Sammlungen und Lehrbüchern 

I findet. Ich erinnere an den vielgenannten Fall des 79 Jahre alt gewordenen Fortu- 

nato Liceti, den Ein Schriftsteller mit fünftehalb, ein Anderer mit fünf, ein Dritter 
I mit sechs Monaten geboren werden lässt, der, bei der Geburt nur so lang wie eine 

I Hand, in einem Ofen, wie die Hühnereier der Egypter, conservirt und gleichsam ausge- 

i brütet worden sein soll!! Die wenigen besser beobachteten Fälle, namenilich der mit 

Recht viel genannte d^Outrepon tische, sind mir nicht unbekannt. Aber in der grossen 
I Masse bilden diese sparsamen Beobachtungen nur immerhin seltene, die die Regel nicht 

I 

erschüttern können. 



§. 5. Mishgeburt. H 

ist alfio, zn ermitteln und anzugeben: ob die Fracht ein Alter von 180 
re$p. von 210 Tagen erreicht gehabt?*) 

§. 5. llssgebirt« 

In den oben angeführten gesetzlichen Bestimmungen ist auch von 
Missgebarten die Rede, und hiemach kann die Frage zur Beantwor- 
tung vorgelegt werden: ob eine gewisse Fracht eine Missgebart sei? 
Die Definition dieses Begriffs aber mnss ganz absehen von den An- 
sichten der pathologischen Anatomie, vielmehr, wie alle ähnlichen in 
der gerichtlichen Medicin, sich anschliessen an die gesetzlichen and 
richterlichen Zwecke and Bedürfnisse. Hiernach ist eine Missgebart 
eine Fracht mit so regelwidrig gebildeten Organen, dass da- 
durch ihr Fortleben anmöglich gemacht wird. Mag immerhin 
dieselbe sonach eine ganz normale „menschliche Form and Bildung^ 
haben (Pr. Landrecht, s. oben), so würde sie, mit einer totalen Verschlies- 
8QQg des Mastdarms oder rudimentärer Bildung innerer Organe (s. 3. Fall) 
geboren, als Missgeburt zu erklären sein. Mögen andrerseits pathologische 
Anatomen eine blosse üeberzahl von Fingern oder Zehen zu den Miss- 
geburten rechnen, so wurde es wohl Niemandem einfallen, einem solchen, 
wenn übrigens wohlgebildeten Kinde, „Familien- oder bürgerliche Rechte** 
absprechen zu wollen, das auch nach unserer Definition als eine Miss- 
geburt nicht erklärt werden könnte. Dies Zu- oder Absprechen von 
Rechten berührt übrigens den gerichtlichen Arzt gar nicht, und die in der 
altem gerichtlichen Medicin so vielfach erörterten hierhergehörigen Fragen, 
z. B. die: ob und in wie weit einer raissbildeten Frucht das Recht der 
Taufe abznsprechen sei? u. dergl, gehören zu den Antiquitäten dieser 
Wissenschaft. Der Arzt hat nur auf die ihm vorgelegte Frage, ob diese 
Fracht eine Missgeburt sei, zu antworten, und er wird dann nicht füglich 
eine andre Definition als die obige aufstellen können, wenn er sich nicht 
in die Discassionen der verschiedenen pathologisch-anatomischen Schulen 
verlieren will. Ob dann Gesetz und Richter einen fernem Unterschied 
für ihre Entscheidung darin finden wollen, ob die Frucht gelebt habe oder 
nicht? wird diesen zu überlassen sein. 

Wenn hiemach der Begriff Missgeburt mit dem Begriff Lebensfähig- 
keit fast zusammenfällt, so schliessen wir uns hierbei auch in andrer Be- 
ziehung den Gesetzgebungen an, z. B. der Badischen und der Hessischen, 
selbst der Preussischen mit ihrer negativen Bestimmung. Unser Straf- 
gesetzbuch nämlich kennt, wie keine lebensunfähigen Früchte, so auch 



*i üeber die Lebensföhigkeit vergl. spec. Theil ^. 78. und über die Bestimmung 
des Alten der Fracht §. 79. 



12 § 5. Missgeburt. 1. u 2. Fall. 

keine Missgeburten. Eine todte Missgebnrt in unserm obigen Sinne würde 
demnach, nach der authentischen Interpretation (§. 2.), so wenig vom 
Richter ein „Leichnam" genannt werden, als eine aus andern Gründen 
lebensunfähige Frucht. Es ist aber auch nicht abzusehn, warum hierin 
ein Unterschied gemacht werden sollte. 

Folgende drei Fälle von Missgeburten haben, der Umstände wegen, 
Veranlassung zu gerichtlichen Obductionen gegeben. Der erste kam noch 
unter der Herrschaft des alten Strafgesetzbuchs vor. Die beiden anderen 
waren doppelt lehrreich. Einmal weil sie an und für sich seltne angebome 
Missbildungen betrafen, sodann weil sie ein auffallendes Beispiel dafür dar- 
boten, wie trotz der anscheinend normalsten „menschlichen Form und 
Bildung'' ein Neugebornes eine Missgeburt im oben erläuterten Sinne 
sein kann. 

L Fall. Gehirulose Missgeburt. 

Die weibliche Missgeburt war ein Anencephalus, Das kleine Gehirn hing in den 
Gehirnhäuten, bei fehlendem Hinterhauptbein, wie ein blutiger, puteneigrosser Klumpen, 
in welchem aber Gehirnmasse nachweisbar war, am Hinterkopfe herab. Ein Theil Ge- 
birnbrei lag in einer abnormen Höhle, die von den erweiterten beiden ersten Halswir- 
beln gebildet war. Der unförmliche Kopf stak tief in den Schultern, und die äussern 
Bedeckungen des Kinns waren mit denen der Brust verwachsen, so dass ein eigent- 
licher Hals fehlte. Ausserdem fand sich Sjyina bifida des ganzen Wirbelkanals bis 
zum Kreuzbein und seröser Erguss in der Brusthöhle. 

2. Fall. Angeborner Zwerchfellsbruch 

Eine sehr wohl gebildete, vollkommen ausgetragene m&nnliche Frucht hatte noto- 
risch vier Stunden gelebt, und sollte angeblich durch Vernachlässigung der Hebamme 
an Verblutung gestorben sein. In der That war die Wäsche der Leiche sehr stark mit 
Blut befleckt, der ganze Körper wachsbleich, die Lippen blass. Auffallend war sogleich 
bei der Eröfl'nung der Brusthöhle der ganz ungewöhnlich tiefe Stand des Zwerchfells, 
das zwischen der achten und neunten Rippe stand. Es ergab sich nun« dass die ganze 
rechte Hälfte desselben defect war. In ihrer Mitte befand sich eine dreieckige Oeff- 
nung, die von weisslichen, fast knorpelartigen Rändern eingefasst war, und in welcher 
sich ein Theil des rechten, in der Brusthöhle liegenden Leberlappens fest eingeachnort 
fand Mit ihm waren Dickdarmschlingen in die Brusthöhle eingetreten, die sie ganx 
und gar ausfüllten.*) Sie waren leer, während die unterhalb in der Bauchhöhle liegen- 
den Dickdärme strotzend mit Kindspech angefüllt waren. Hinter diesen Bauchoiiganen 
in der Brusthöhle lag die rechte Lunge, hellbräunlich und fest, nicht grösser als eine 
grosse Bohne, ein Beweis, wie früh im Uterus schon der Vorfall erfolgt sein muiute. 
Die Leber, Milz und aufsteigende Hohlader enthielten noch massig viel Blut, so dass 
eine eigentliche Verblutung nicht angenommen werden konnte. Das Herz war auf- 
fallend flach und breit und blutleer, aber vollkommen normal in seinem Innern. Die 
angeschuldigte Hebamme sagte aus: dass das Kind bei seiner Geburt ganz blau ge- 
wesen sei und ausgesehen habe, ^als wäre es aus Indigo gezogen **. Natürlich nahmen 



*) Wenn schon angebome Zwerchfellsbrnche sehr selten sind, so gehören rechts- 
seitige zu den grössten Seltenheiten. 



§. 5. Missgeburt 2. u. 3. Fall. 13 

wir in unserm Gutechten an, dasa die Pracht nicht lebensfähig gewesen, und nicht an 
Verblutnng, sondern an dem Bildungsfehler gestorben sei. 

Sehr interessant waren noch in diesem eigeuthümlichen Falle die Ergebnisse der 
Athemprobe. Die Beschaffenheit der rechten Lunge habe ich bereits geschildert. Die 
linke war braun und hellröthlich marmorirt. Beide Lungen mit dem Herzen wogen 
nur zwei Loth, ohne dasselbe nur drei Drachmen und einen Scrupel. Mit dem Herzen 
schwammen beide Lungen; Ton demselben getrennt, schwamm die linke vollkommen, 
nhrend die rechte, bis auf zwei schwimmende Stückchen, untersank. Wie zu erwarten, 
eigab aneh die linke, nicht aber die rechte Lunge bei Einschnitten blutigen Schaum 
und hörbares Knistern*}. 

3. Fall. Missgeburt seltenster Art. Lebensfähigkeit 

Die Fracht war 17^ rh. Zoll lang und G Pfd. schwer. Der Querdurchmesser des 
dorehaos nicht abnorm geformten Kopfes war 3}, der grade Ai und der diagonale 
4\ Zoll lang. Der Schulterdurchmesser betrag 41 und der Hüftendurchmesser 3i Zoll. 
Die grosse Fontanelle war % Zoll lang, ein Knochenkera in der Oberschenkel-Epiphyse 
noch nicht vorhanden. Die Fracht hatte hieraach 36 — 37 Wochen m utero gelebt 
Aogen, Nase, Ohren, Mund boten gsr nichts Abnormes dar. Im Munde aber waren im 
Ober- wie im Unterkiefer je drei Schneidezähne durchgebrochen sichtbar Am Gaumen- 
gewölbe war das Palatum molle yerhältnissmässig klein, aber dennoch ausgebildet, da 
ein ungespaltenes Zäpfchen vorhanden war, was nur Statt haben kann, wenn der Bil- 
dongsprocess des Gaumengewölbes seinen ungestörten Ablauf gehabt hat Der 2\ Zoll 
lange Rest der Nabelschnur zeigte an dieser nichts Ungewöhnliches, desto abnormere 
Bfldungserseheinungen aber traten an den Geschlechtstheüen hervor. Die grossen Lefzen 
waren kulbig vergrössert, die kleinen fehlte^ ganz. Eine Olitoris war gleichsfalls nicht 
vorhanden. Die Schaamspalte, in der das Hymen fehlte, war so eng, dass wir nur mit 
einer Sonde eindringen konnten. Im Grunde derselben fand sich eine Oeffnung, die 
zur Hararöbre und durch diese zur Harnblase führte. Vom After waren die äusseren 
Oeschlechtstheile, statt eines Dammes, nur durch eine dünne Hautfalte getrennt Die 
dickwandige Harnblase, 2 Zoll lang und von der Gestalt einer spitzen Mütze, enthielt 
etwas Uri2i. Die Nebennieren waren fast eben so gross als die Nieren. Diese waren 
zwar auf beiden Seiten vorhanden, aber sehr verkümmert, aus radimentären Benculi 
bestehend» und die linke stellte eine mit Blut gefüllte leere Kapsel dar. (Jreteren 
sehr weit, hauptsächlich von abgestossenem Epithel und Schleimkörperchen erfüllt. Was 
nun die inneren G^eschlechtsorgane betrifft, so waren Ovarien vorhanden; die Gebär- 
mutter war ein ütertis bicornis , d. h. fundus und corpus uteri in seinen zwei Hör- 
nern wie bei Wiederkäuen immittelbar in die fallopischen Röhren auslaufend; cervix 
oder coUum uteri einfach mit ausgezeichneten plicae pahnatae, die ohne Abgränzung 
durch ein os tincae an das Rudiment der Scheide anstiessen. Die Wandung des Col- 
lum uteri und die Wandung des Scheidenradimentes waren nur durch das Aufhören 
der plicae paimatae gegeneinander abgegränzt Ein oe tincae fehlte. Das Scheiden- 
radiment stellte sich so als ein mit dem Collum uteri unmittelbar zusammenhängender, 
etwas langgezogener blasenförmiger Körper dar, der, zwischen Urethra und Mastdarm 
sich hinziehend, etwa \ Zoll vor der Schaamspalte blind endigte. Eine Verbindung 
des Scheidenradiments mit' dem Mastdarm war nicht zu entdecken. Beim Unterleibe 
sieben bleibend, bemerke ich, dass am ganzen chylopoetischen System nichts Auffallen- 
des gefunden wurde, eben so wenig, als im Inhalte der Schädclhöble, in welcher sowohl 



*) Einen ganz ähnlichen Fall von linksseitigem angebomem Zwerchfellsbruch 
von Mecklenburg s. in Vierteljahrsschrift f. gerichtl. u. öffentl. Med. VII. S. 160. 



14 §. 5. Missgeburt. 3 Fall. 

das Qehim, wie die Meningen und die innere Fläche der Höhle ganz normale fiildang 
zeigten. Nicht so die Bnisthöfaie. Beim Oeffnen derselben zeigten sich zwar die Thy- 
mus, aber die Lungen waren wollig unsichtbar. HerYoigesucht ergab sich ans ihnen, 
dass jede Lunge nur Einen Zoll lang und \ Zoll breit und beide ohne alle Lappenein- 
schnitte waren, so dass sie etwa wie eine Diminutiv -Milz, aber von leberbrauner, ho- 
mogener, nirgends marmorirter Farbe aussahen. Das Herz stellte nur Eine Höhle dar; 
die Herzohren waren gut ausgebildet, aber weder Vorhöfe noch Kammern durch Bildung 
eines septum in 2 Abtheilungen getrennt. Reichert nannte dasselbe ein fischartiges 
Herz, wie im frühesten Stadium der Herzbildung bei allen Wirbelthieren. Luft- und 
Speiseröhre waren normal gebildet. Ich komme noch Einmal auf die äussere Form der 
merkwürdigen Frucht zurück, soweit sie im Vorstehenden noch nicht genchildert ist Mit 
Ausnahme der erwähnten Regio pubis waren am Rumpfe, soweit Haut, Muskeln nnd 
Knochensystem in Betracht kamen, abnorme Bildungserscheinungen nicht vorhanden, 
weshalb eben, bei der schon geschilderten normalen Gestalt des Kopfes , bei dieser doch 
wohl sehr unzweifelhaften „Missgeburf* von einer nicht vorhandenen „menscbiielien 
Form und Bildung" des Allgemeinen Landrechts nicht die Rede sein konnte. Dem tra- 
ten die endlich noch zu schildernden interessanten Abnormitäten an den Extremitäten 
nicht entgegen. Ober- und Unterschenkel, Ober- und Vorderarm waren verhältniss- 
mässig kurz, Fnsse und Hände aber durch eine flossenartige Breite, wie bei der ersten 
Bildung, sehr auffallend. Hiermit schien im Zusammenhang zu stehen die vermehrte 
Finger- und Zehenbildung. An der rechten Hand waren sechs Finger, an der linken 
sogar, durch Nagelbildung markirt, das Auftreten eines siebenten Fingers bemerkbar. 
Der rechte Fuss zeigte die normale Zahl der Zehen, der linke Fuss aber sechs Zehen, 
die linke Hand sieben Finger, der sechste und siebente waren nicht deutlich geschie- 
den, nur das Nagelglied des siebenten Fingers trat freier heraus. 

Was die forensische Entscheidung des Falles betrifTi, so mussten wir constatiren, 
dass die Frucht eine todtgeborne, nicht lebensfähige Frucht gewesen, (womit von 
jedem weiteren Verfahren gegen die Hebamme Abstand genommen wurde). 

Der Fall giebt einen neuen und sehr lehrreichen Beweis für den unbestreitbaren 
Satz: dass nicht blos ein gewisses Lebensalter der Leibesfrucht, gleichviel ob das in 
den römischen (französich - rheinischen) oder in den deutschen Rechtssatzungen ange- 
nommene, als Bedingung der „Lebensfähigkeit^ aufgestellt werden darf — denn nach 
ihrem Lebensalter wäre unsere Frucht unzweifelhaft eine lebensfähige zu nennen gewe- 
sen — sondern dass vielmehr auch die organischen Bedingungen zum möglichen Fort- 
leben in der Frucht gesetzt sein müssen, um sie für „lebensfähig" zu erklären. Alles, 
was gegentbeilig von juristischen, und selbst von gerichtlich - medicinischen Schriftstel- 
lern angeführt worden, scheitert an einem Falle, wie der vorliegende! 



Zweites Kapitel. 

Zeit des Todes. Priorität 



Gesetzliche Bestimmungeu. 

Pr. Allf. Landreeht Thl. I. Tit 1. §. 89. Wenn sw«i oder mehrere MensehoD ihr Leben in eiaem 
gfaciaeameii üoglaek oder sonst dergeäUlt lu gleicher Zelt yerloren haben, dass nicht auegemittelt 
Verden kann, welcher von Ihnen snerat verstorben, so soll angenommen werden, dasa keiner von ihnen 
in Andern überlebt habe. 

(SheiBiaehea) BSrgerl. Gesetzbach ArL 720. Wenn mehrere Personen, tob denen wechsel- 
seitig die Bine anr Erbaebaft der Andern 'berafen Ist, bei demselben Ereignisse umkommen, ohne dass 
■an nnterseheiden kann, welche aaerst gestorben ist, so bestimmt sich die Termnthnng för da4 Ueber- 
Icbea nach den umständen der Begebenheit nnd in deren Ermangelung nach der Stirke des Alters oder 
des Geschleebto. 

Art 7S1. Wenn diejenigen, welche aaaammen umgekommen sind, noch nicht fanfsehn Jahre alt 
varea, so tritt die Vermnthang ein, dass der Aelteste am liogsten gelebt habe. Wenn ale alle über 
leebstig Jahre alt waren, so tritt die Vermuthang ein, dass der Jüngste am längsten gelebt habe. Wenn 
die Biaen noch nicht fanfzehn, die Andern über «echszlg Jahre alt waren, so tritt die Vermutbang ein, 
dass die Braten am längsten gelebt haben. 

Art 723. Wenn diejenigen, welche xuaammen umgekommen sind, toUc funfz.ehn Jahre, aber unter 
sechfzig Jahre alt waren, so tritt stets die Vermnthang ein, dass die Uannspersou am längsten gelebt 
kabe, wenn daa Altar gleich ist, oder der Unterrchied nicht Bin Jahr übersteigt. Waren sie des männ- 
lirbea Geiehleebta, ao findet die Vermuthiing des Urt?rleben9, wodurch nach dem gewöhnlichen Laufe 
der Katar die Erbfolge eröffnet wird, Statt; man Termuthet alao, dass der Jüngere den Aelteru über- 
lebt hab«. 

Oesterreioh. bürgerl. Gesetzb. §. 25. Im Zweifel, welche tou awei oder mehreren verstorbe- 
nea Personen zuerst mit Tode abgegangen sei, mnss derjenige, welcher den frühem Todesfall des Einen 
oder des Andorn behauptet, seine Behauptung beweisen; kann er dieses nicht, ao werden Alle als an 
Sidcher Zeit Teratorben ▼•rmnthet, und ea kann von Uebertragang des Rechts des Einen auf den Andern 
keine Rede a«ln. 

§. 6. AUgeMeises. 

Gewöhnlich wird die Frage von der Zeit, in welcher mnthmasslich 
der Tod erfolgt war, gar nicht von den Schriftstellern bei Gelegenheit 
der Zwecke der gerichtlichen Obduction berührt. Andre erwähnen der- 
selben nur bei der Frage von der Priorität des Todes. Es ist dies eine 
grosse Lücke, wie jedem erfahrnen Gerichtsarzte bekannt sein wird. 
Denn ea kommt in der That recht hänfig vor, dass der Untersnchnngs- 
richter im Obdnctionstermin zn wissen verlangt: wann mnthmaasslich 
der Verstorbne seinen Tod gefdnden? weil ihm die Beantwortung dieser 
Frage namentlich bei Mordthaten, bei lange vermisst gewesenen und 
dann todt aufgefundnen Menschen und bei neugebomen Kindern von 
grdsster Wichtigkeit werden kann. 

Eine alte Frau war durch Raubmord getödtet worden. Die Spur der Tbäter war 
bei der Obduction, wie so häufig, noch ganz unklar. Gewiss war, dass man die Frau 
am Sonnabend gegen Abend noch ganz gesund gesehen, und dass man sie am Montag 
froh ermordet gefunden hatte. Der Verdacht lenkte sich zunächst auf mehrere Men- 
schen, Yon denen man wusste, dass sie tbeils des Abends, theils des Morgens früh mit 



16 3Ceit des Todes. §. G. Allgemeines. 

der sonst einsam lebenden Frau zu verkehren pflegten, und es war erbeblich zu ermit- 
teln , ob dieselbe noch am späten Abend des Sonnabends, oder Sonntag froh, oder Sonn- 
tag Abend ermordert worden , mit andern Worten : zu welcher Zeit der Tod muthmaass- 
Hch erfolgt war? In einem andern, gleichfalls unten mitzutheilendem Falle eines Raub- 
mordes war es ebenfalls von Wichtigkeit, zu ermitteln, ob derselbe am Sonnabend, oder 
am Sonntag, oder am Montag früh, an welchem Tage man die Leiche aufgefunden 
hatte Terübt worden war. Denn der Verdacht der Thäterschaft lenkte sich zunichat 
auf den Hausknecht des Ermordeten, der am Morgen des Sonntags verschwunden war, 
und der nicht füglich als Morder präsumirt werden konnte, wenn denatus erst am 
Montag gestorben war. Unsre Bestimmung der Zeit des Todes ward durch die bald 
darauf erfolgten offnen Geständnisse des Morders, eben jenes Hausknechts, toU- 
kommen bestätigt Wieder in zwei andern Raubmordfällen war nicht nur der Tag, son- 
dern sogar die Stunde zu bestimmen, in welcher der Tod erfolgt sein mochte! Ebenso 
in einem Falle von Mord, in welchem man Anfangs zwischen zwei der Thäterschaft 
verdächtigen Personen schwankte, von denen die eine Abends das Zimmer des Ermor- 
deten verlassen hatte, die andre erst später gekommen war. Es fragte sich hier, ob 
die an der Leiche, welche andern Tags aufgefunden worden, wahrgenommenen auf die 
Todeszeit zu beziehenden Erscheinungen der Annahme widerspi^chen, dass der jeden- 
falls bis in die Nacht hinein gebliebene Angeschuldigte der Thätor gewesen sein könne, 
oder ob anzunehmen, dass der Tod schon am Abend vor dieser Nacht erfolgt sein 
mochte. In einem fernem Falle war ein junger Mann unter den auffallendsten Um- 
ständen eines Nachts plötzlich verschwunden. Nachdem die abenteuerlichsten Gerüchte 
über seine Todesart verbreitet gewesen waren, wurde eine Leiche, die nach allen Um- 
ständen als die des jungen Mannes erkannt werden musste, drei Monate nach seinem 
Verschwinden aus dem Wasser gezogen Die Beantwortung der Frage: wie lange diese 
Leiche im Wasser gelegen habe? war ein erhebliches Moment zur Feststellung der noch 
zweifelhaften Identität, wie denn diese Frage namentlich bei Wasserleichen recht häufig 
vorgelegt wird. Dasselbe ist, wie gesagt, der Fall bei Leichen neugebomer Kinder« 
zumal wenn die Obduction eine gewaltsame Todtung feststellt, und der vom Gericbts- 
arzt zu constatirende Niederkunftstormin, d. h. wieder die Bestimmung der Zeit, in 
welcher der Tod erfolgte, auf die Spur der zu verfolgenden Mutter fähren kann. In 
einem andern Sinne, auch bei einem Neugebornen, kam uns die Frage von der Zeit 
des Todes in einem Falle vor. Ein reifes, lebensfähiges und gelebt habendes Mädchen 
war am 9. April bei -f 7 bis 10° R. verwest aus dem Wasser gezogen worden. Der 
Schwängerer hatte eingeräumt, die von ihm gezeugte Frucht, die am 6. April geboren 
worden war, von der Mutter seiner Geliebten eingewickelt erhalten und ins Wasser ge- 
worfen zu haben. Diese Frucht sollte aber nur „eine Hand lang" gewesen sein, und 
er recognoscirte das ihm bei der Obduction am 11. April vorgezeigte Kind nicht als 
das seine und von ihm beseitigte. Es war also wichtig, zu ermitteln, ob unsre Frucht 
vor fünf Tagen (geboren und) gestorben war? in welchem Falle es nur drei Tage im 
Wasser gelegen haben würde. Der hohe Verwesungsgrad der Leiche bei kahler Witterung 
sprach aber entschieden gegen diese kurze Frist, folglich gegen die Identität der Leiche« 

Wenn diese Frage, wie man aus diesen Beispielen sieht, die ich 
vielfach vermehren könnte, sehr häufig aufgeworfen wird, so kommt 
dagegen die Todeszeitfrage in Betreff der Priorität zwischen 
mehreren gleichzeitig todt Gefundenen in der Wirklichkeit gewiss 
ganz ungemein selten vor. Casper ist sie nur ein Einzigesmai*) zur 



•) s. die Casuistik zum Tod durch Verblutung. 



Priorität des Todes. §. 6. Allgeineiues. 17 

Beantwortimg vorgelegt worden, wir selbst hatten zweimal*; zu be- 
stimmen, welches von zwei neugebornen Zwillingen das zuerst ge- 
tödtete resp. geborene war, und konnten dies dadurch bestimmen, 
dass das eine Eond noch durch die Nabelschnur mit dem Mutter- 
kuchen zusammenhing, während das andere eine durchschnittene 
Nabelschnur zeigte und der zu letzterem gehörige Nabelschnurrest sich 
an der Placenta befand. Die gesammte Literatur zählt nur vereinzelte 
hierhergehörige Fälle auf. Der subjectiven und willkührlichen Begut- 
achtung ist hier das freieste Feld geöffnet, denn selten dürfte sich ein 
sicherer Boden ffir dieselbe finden. Man nimmt gewöhnlich an (nach 
dem Vorgange des römischen Rechts, dem sich di^ oben S. 14 ange- 
führten Bestimmungen des [rheinischen] bürgerlichen Gesetzbuchs, so 
wie die sämmtlichen, dem letztem analogen italienischen Gesetzbücher 
auschliessen) , dass hier die verschiedene Individualität, namentlich das 
verschiedene Alter, Geschlecht und die Constitution, dann aber auch 
noch die resp. Todesarten, die verschiedene Lage, in der man die Ver- 
storbenen fand, und die verschiedenen Zeichen weniger oder mehr vor- 
geschrittener Verwesung maassgebend für das Urtheil seien. Alle diese 
Umstände sind schwankend und lassen kein irgend sicheres Urtheil zu, 
und deshalb wäre, wenn irgend ein allgemeiner Lehrsatz über die Frage 
von der Priorität des Todes aufgestellt werden könnte, nur der zu- 
lässig: dass es gar kein allgemein gültiges Moment für die Beurtheilung 
giebt, und dass vielmehr jeder vorkonmiende Einzelfall nach seinen be- 
sondem Umständen besonders aufgefasst und beurtheilt werden muss. 
Drei Menschen, setzen wir, seien in einem Aufstande getödtet worden; 
der Eine, A., durch einen Säbelhieb in den Kopf, B. durch einen Ba- 
jonettstich in das Herz, und C. durch einen Schuss, der eine Jugular- 
Tene gestreift und zerrissen hatte. Hier würde man wohl nicht anstehen 
können, zu nrtheilen, dass B. der zuerst Verstorbene gewesen, dass C. 
seine Verblutung noch etwas länger, ehe er ihr unterlag, ertragen, und 
dass A. länger als die beiden Andern dem tödtlichen Einfluss seiner 
Kopfverletzung widerstanden habe. Aher wer wollte entscheiden, wel- 
cher von zwei oder mehreren, gleichzeitig in's Wasser gekommenen 
Menschen zuerst, welcher zuletzt seinen Tod darin gefunden habe? 
Beim Niederbrennen eines Hauses verbrannte eine ganze unglückliche 
Schneiderfamilie, aus Vater, Mutter und drei Kindern bestehend. Alle 
fünf waren theils geröstet, theils ganz verkohlt. Wir wurden nicht nach 
der Priorität des Todes zwischen diesen fünf Personen gefragt, hätten 
aber natürlich die Antwort auf eine solche Frage schuldig bleiben 



*) 8. Casntstik zum Tod durch Erdrosseln. 

C«ip*r'i gerichtl. Mcdicio. 6 Aufl. II. 2 



19 Priontat des Todes. §. 6. AngcmeiDcs. 

müssen. Es war deshalb eine grosse Weisheit der Gesetzgebung von 
der römischen an bis auf die neuesten, dass sie für solche Fälle, in 
denen eine sachkennerische Entscheidung gar nicht möglich, ganz po- 
sitive Bestimmungen als Maassstab für das richterliche Yerhhren auf- 
stellen. Dass indess diese Ermittelung durch den Gerichtsarzt nach 
den beiden in Preussen geltenden Gesetzbüchern nicht ausgeschlossen 
ist, dass folglich der Richter immerhin zuvor die gerichtsärztliche Tb&* 
tigkeit auffordern müssen wird, zeigen die Worte in den oben ange- 
führten Gesetzesstellen: „dass nicht ausgemittelt werden kann^ — „ohne 
dass man unterscheiden kann^, so dass jedenfalls ein Versuch solcher 
„Ausmittelung^ gemacht werden muss. 

Am allermeisten Werth hat dann jedenfalls unter den obigen Kri- 
terien die Yergleichung der Fortschritte des Yerwesungsprocesses bei 
den verschiedenen Leichen, und da dies überhaupt das maassgebende 
Moment bei der allgemeinen Frage ist: zu welcher Zeit ein Mensch 
verstorben? so ist es wichtig, dasselbe näher zu erwägen. 

§. 7. Ulthtm des Ttdes. 

Mit dem Augenblick des Erlöschens des Lebens beginnt der Orga- 
nismus sich in's Gleichgewicht mit der Aussenwelt zu setzen. Er ist 
todt. Bald unterliegt er den äussern Einflüssen. Er verwest. Man hat 
sich in der zur Tradition gewordenen Besorgniss, den wirklichen Tod 
nicht mit dem Scheintode zu verwechseln, immer wieder und wieder 
bemüht, neue „sichere^ Zeichen des Todes zu entdecken; ich nenne 
unter den neuem Bemühungen nur Frank's Angabe von der Leicht- 
trennbarkeit der Conjunvtica von der Cornea^ Larcher's*) schwarzen 
Sklerotikalfleck Jenes Vorpostens der Fäulniss*', Nasse's Thanatometer 
u. s. w. Dergleichen sind wissenschaftliche Curiosa. Die allbekannten 
Zeichen des Todes reichen ganz vollkommen für die Diagnose aus, und 
die gerichtliche Medicin könnte sich glücklich schätzen, wenn sie auf 



•) Larcber, {etudea physiolofjiques et medicales. Paris i8()4) führt die cada- 
Terose Imbibition des Angapfels, kenntlich dnrch einen schwärzlichen, anfangs wenig 
deutlichen, immer dunkler werdenden Fleck auf der äusseren Seite des Angapfels, der 
ip&ter auch nach dem inneren Winkel sich hinzieht, sich vereinigt, und ein elliptisehes 
Segment an der unteren Convexilät bildet, als ein neues Zeichen des Todes an. Aber 
dieser Fleck, wenn er erscheint, tritt jedenfalls erst auf, wenn schon andere sichere Zei- 
chen des Todes vorhanden sind. Er wird femer nicht bedingt durch Imbibition, weil 
das Pigment sich nicht verflüssigt und die Sklera imbibirt, vielmehr ist er eine Folge 
der Eintrocknung der Sklerotica an dem der Luft ausgesetzten Theil, Resultat der Ver- 
dunstung der Flüssigkeiten, und scheint alsdann das Pigment der Chorioidea hindurch. 



§. 7. Zeichen des Todes. 19 

alle Fragea eine so apodictisch sichere Antwort zu geben hätte. Der 
Zeitfolge nach äussert sich der Zwischenzustand zwischen Leben und 
Verwesung, denn einen solchen anzunehmen, ist nothwendig für den 
gerichtlichen Zweck der Zeitbestimmung: wann ein Mensch verstorben? 
wie folgt: 

1) Die Respiration und Circulation hat aufgehört. 

2) Schon ulunittelbar nach dem Tode erlischt der Glanz des 
Auges. Wer hätte je einem eben Verstorbenen die Augenlider geöifnet, 
und nicht diesen eigenthümlichen, nicht zu beschreibenden leblosen, 
faden, stieren Blick gesehen? Natürlich wirkt der Lichtreiz eben so 
wenig auf die Pupille, als 

3) überhaupt irgend ein Reiz irgendwo noch Reaction veranlasst, 
wobei ich die Experimente mit der Electricität, als nicht hierher ge- 
hörig, nicht weiter erwähne. 

4) Der ganze Körper erbleicht. Menschen mit besonders lebhafter 
Gesichtsfarbe behalten indess oft eine höhere Färbung des Gesichts noch 
Tage lang nach dem Tode. Rothe oder livide Ränder um Fussgeschwüre 
Q. deigl. werden gleichfalls nicht leichenweiss. Eben so wenig ver- 
schwinden rothe oder schwarze oder blaue Tätowirungen an der Leiche, 
wenn sie nicht schon im Leben verschwunden waren. Ferner wird auch 
niemals eine beim Tode vorhanden gewesene icterische Färbung an der 
Leiche eine weisse, und endlich behalten Sugillationen in allen Fällen 
die Farbe, die sie beim Tode hatten, blauroth, grüngelb u. s. w. 

5) Die thierische Wärme, die der Mensch im Augenblicke des 
Todes besass, erhält sieh noch eine Zeit lang nach demselben, da die 
Hautgewebe schlechte Wärmeleiter sind. Ein besonders schlechter Leiter 
scheint das Fett zu sein, denn sehr fette Leichen bleiben caeti'rU pa- 
nbus länger warm, als sehr magere. Im Allgemeinen haben aber auch 
noch andere Umstände auf das allmählige Erkalten Einfluss ; namentlich 
die Temperatur des Mediums, in welchem sich die Leiche befindet, und 
die Todesart, an welcher der Mensch starb. In ersterer Beziehung ist 
es bekannt, wie schnell Leichen im Wasser erkalten, das ja selbst im 
heissestem Sommer kälter ist, als die Luft. In Abtrittsgmben. Dünger- 
haufen u. dergl. bleiben Leichen verhältnissmässig lange warm aus nahe 
liegenden Gründen. Dasselbe gilt von Menschen, die nach dem Tode 
mit Betten bedeckt blieben. Was den Einfluss der Todesart betrifft, so 
sollen vom Blitz Erschlagene verhältnissmässig länger nach dem Tode 
wann bleiben, was ich ganz dahin stelle, da mir nicht eine einzige 
eigene Erfahrung darüber zu Gebote steht: gewiss aber ist, dass unter 
gleichen Umständen Menschen, die auf irgend eine Weise den Er- 
stickungstod starben, nicht unerheblich langsamer erkalten, als Andre. 

2* 



20 §. 7. Zeichen des ToJes. 

Bei einer erdrosselten, alten, freilich sehr fetten Frau z. B. fanden wir 
einige dreissig Stunden nach dem Tode die Leiche änsserlich zwar kalt, 
aber innerlich in Brust und Bauchhöhle war ein, allen Umstehenden 
fühlbarer Wärmegrad wahrnehmbar. — Als allgemeiner Erfahrungssatz 
gilt für die grosse Mehrzahl der Leichen: dass sie nach acht bis zwölf 
Stunden wenigstens für das Gefühl vollständig erkaltet sind. Thermo- 
metrische Messungen rücken diese Zeit durchschnittlich um das Doppelte 
hinaus *). 

6) Gleichfalls unmittelbar mit und nach dem Tode tritt die allge- 
meine Erschlaffung aller Muskeln ein, das früheste Symptom, wel- 
ches das Erlöschen des turgor mtalU beweist, dem bald einige andere 
nachfolgen. 

Ein Leichnam, der nur allein die bis hierher (1 bis 6) 
geschilderten Zeichen ergiebt, kann als der eines Menschen 
erachtet werden, der längstens vor zehn bis zwölf Stunden 
verstorben ist. 

7) Einen werthvollen Beweis des erloschenen Lebensturgor liefert 
das Weich- oder Nachgiebigwerden des Augapfels. Sehr deutlich ist 
dasselbe bei jeder Leiche nach 24 — 30 Stunden, zuweilen auch schon 
früher zu fühlen. Wenn der lebendige Augapfel durch die Spannung 
seiner Flüssigkeiten unter allen möglichen Umständen, z. B. auch bei 
eben Sterbenden, bei Cholerakranken u. s. w. dem Fingerdruck einen 
Widerstand entgegensetzt, und sich elastisch anfühlt, so hat nach jener 
Zeit nach dem Tode dieser Widerstand aufgehört. Der Bulbus fühlt 
sich durch seine Decke nachgiebig an, und je weiter nach dem Tode, 
desto butterartiger wird er, bis er in einem frühen Fäulnissstadium 
platzt und ausfliesst. 

8) Eben dieselbe Ursache, Erlöschen des Turyor^ be\\1rkt allmählig 
nach dem Tode die bekannte Abplattung des Muskelfleisches an 
den Theilen, mit welchen die Leiche aufliegt, nicht allein also an Hin- 
terbacken und Waden, sondern auch an den Seitenflächen der Ober- 
und Unterextremitäten, an den Backen, an der Vorderfläche der Ober- 
schenkel u 8. w., je nach der Lage, die der Sterbende hatte, und nach 
dem Tode behielt. 

9) Hypostasen, die Resultate der physischen Senkung des Blutes 
in die Capillaren nach dem physikalischen Gesetze der Schwere. Eben 
deshalb finden sie sich an den abschüssigen Theilen der Leiche vor- 
zugsweise, gewöhnlich daher an der ganzen hintern (untern) Fläche, 
Rücken, natea^ Waden; aber auch sehr häufig, je älter die Leiche als 



•) Seydeler, Nekrothermometrie. Prager Viertcljabrsschr. Bd. CIV. p. l38. 



§. 7. Zeichen des Todes. 4. Fall. 21 

solche, desto mehr, im Gesieht, an den Ohren, an den Seitenflächen 
der Bnist, wie an denen der Extremitäten, weil, nach Engel's sehr 
richtiger Erklärung, auch an diesen Stellen ein Oben und ein Unten 
anzunehmen. Es versteht sich hiernach von selbst, dass alle Hypostasen 
auch an der vordem oder an seitlichen Flächen des Körpers, und ent- 
sprechend an ungewöhnlichen Stellen der innern Organe vorkommen 
könBen und vorkommen, z. B. an der vordem Magenwand u. s. w., 
und man kann in solchen Fällen mit grosser Sicherheit auf die Lage 
zurückschliessen, in welche der Verstorbene beim oder bald nach dem 
Tode gekommen sein musste. 

4. Fall. Hypostasen auf der Yorderfläche bei Bauchlage der Leiche 
und auf der Rückenflache bei Umdrehung derselben. 

Ein sehr lehrreicher Fall. Eine Frau, die, wenn sie nicht in einer Aufbewahrungs- 
Äustalt sich befand, fortwährend, wie ihr Mann deponirte, betrunken war, wollte im 
Rausche ihre Kinder erwürgen und wurde deshalb von ihrem Manne mit Hülfe eines 
Nachbarn geknebelt, die Hände auf den Rücken gebunden und auf das Bett geworfen. 
Am Morgen will der Mann sie todt im Bett liegend gefund< n haben Bei der Besich- 
tigung an Ort und Stelle fänden wir die Leiche im Bett auf dem Bauche liegend, die 
Hände auf den Rücken gekreuzt; das Tuch, womit man sie geknebelt hatte, war schon 
abgenommen. Nachdem die Leiche an Ort und Stelle besichtigt war, wurde sie Be- 
hufä der gerichtlichen Obduction nach dem Obductionshause gebracht, bei welcher sich 
Erstickung als Todesursache ergab. Alle Hypostasen fanden sich hier auf der vorde- 
ren Fläche des Körpers, auch auf der Yorderfläche der inneren Organe, ebenso aber 
fanden sich Todtenflecke an der hinteren Körperfläche, jedoch viel blasser, als an der 
Torderen, während Tags zuvor an der Ruckenfläche der Leiche gar keine Todtenflecke 
Torbanden waren. Es hatten sich diese letzteren Todtenflecke erst innerhalb der letzten 
Tierundzwanzig Stunden gebildet, während die Leiche auf dem Rücken gelegen hatte. 

• 

Es beginnen sich diese Hypostasen an der Leiche nach sechs bis 
zwölf Stunden auszubilden, in seltenen Fällen auch schon früher. Bei 
einem Manne, welcher um 9| Uhr Vormittags gestorben war, fand ich 
um 12 Uhr Mittags Todtenflecke bereits deutlich ausgeprägt. Bei der 
Anna M., welche aus Eifersucht der Bildhauer K. erstach, (also bei 
einer Verbluteten!), fand ich drei Stunden nach der That reichliche 
Todtenflecke an dem hintern Theil der Lenden. Man sei deshalb vor- 
kommenden Falles mit einem apodictischen Urtheil über die Todeszeit- 
bestimmung aus Anwesenheit von Todtenflecken nicht so schnell bei 
der Hand. Sie steigern sich an Ausdehnung und Umfang bis zur ein- 
tretenden Fäulniss. Sie sind für sich allein ein ausreichend beweisendes 
Zeichen des wirklichen Todes. Man muss äussere und innere Hypostasen 
unterscheiden. 



22 §. ^' Zeichen dis Toies. Aeussere Hypostasen. 

§. 8. PorUftivns« Arnssfre Byptsfasea. 

a) Aeussere Hypostasen, unterbaut -Zellgewebs- Hypostasen, 
Todtenflecke. iSie sind ein bedeutungsvolles Leichensymptom, wei> 
Ungeübte sie leicht mit Sugillationen , folglich mit Spuren einer 6e- 
waltthätigkeit, die den Lebenden getroffen, verwechseln können, und 
oft genug verwechseln. Sie sind aber von diesen sehr leicht zu unter- 
scheiden, und zwar durch Einschnitte. Ein Scalpellschnitt in einen 
Todtenfleck wird niemals ergossenes flüssiges oder geronnenes Blut in 
der Tiefe wahrnehmen lassen, höchstens einzelne kleine Blutpfinktcheu 
von zerschnittenen kleinen Hautveuen, während bei der kleinsten Sn- 
gillation der Bluterguss sichtbar wird, wenn man die sugillirte Stelle 
einschneidet. Da dies ein unfehlbares diagnostisches Mittel ist, 
und es kein anderes giebt, um Todtenflecke von Sugillationen zu im- 
terseheiden, die sich in der That täuschend ähnlich sehen können, so 
versäume der Gerichtsarzt in der Praxis niemals, den Zweifel auf jene 
einfache Weise zu lösen, und Einschnitte zu machen. Superarbitri- 
rende Medicinal - Personen und Behörden sind vollkommen in ihrem 
Rechte, wenn sie im entgegengesetzten Falle die Angaben der Obdn- 
centen mit allen ihren Folgerungen bestreiten. Wie ungemein wichtig 
(lies sein kann, dafür kann nicht leicht ein lehrreicherer Fall angeführt 
werden, als der berühmte des Mörders Schall.*) 

Die Obducenten hatten angegeben, dass sich an den Ober- und UnterextremitUen 
des Ermordeten ^ Sugillationen" vorgefunden hätten, „als wenn der Ermordete von Je- 
mand festgehalten worden wäre**, und der Vertheidiger des äusserst geschickt läugnen- 
den Angeschuldigten hatte auf diesen Befund den ganzen Bau seiner Vertheidigung be- 
gründet, indem er behauptete, dass Mehrere, nicht der Angeschuldigte allein, sich beim 
Morde betheiligt haben mussten. Die Obducenten aber hatten vergessen, die angeb- 
lichen Sugillationen durch Einschoitto zu prüfen, und Gas per musste deshalb, ans obigen 
Granden, als superarbitrirender Sachverständiger vom Schwurgericht requirirt, die Ge- 
wissheit der Annahme der Obducenten in Abrede stellen, und dem Zweifel Raum lassen, 
dass die ^sugillirten" Stellen blosse Todtenflecke gewesen. Diese Behauptung hat sich 
später, als im Augenblicke der Hinrichtung der Mörder endlich ein ganz offenes 6e- 
ständniss ablegte, vollständig bestätigt. Denn es hatte hiernach beim Morde gar kein 
Kampf stattgefunden, dessen etwaiges Ergebniss eine Sugillation hätte werden können, 
noch war irgend ein zweiter dabei thätig gewesen, vielmehr hatte Schall allein seinen 
Feind durch einen raschen Schnss in den Kopf getödtet. 

Die Farbe der Todtenflecke schwankt nnr wenig zwischen kreb&- 
roth, kupferroth nnd bläulichroth. Nie sind sie begreiflicherweise, wie 
oft Sngillationsflecke , anch nur im Geringsten über der Hant erhaben. 
Ihre Form ist sehr nnbestinmit, bald streifig, bald nmd, bald eckicht 



•) 8. Vierteljahrsschrift f. gerichtl. u. öffentl. Med. 1. S. 292. 



§. 1). Zeichen des Todes. Innere Hypostasen. 23 

und nmdlicb a. s. w. Anfangs stehen sie ziemlich einzeln an der 
Leiche in der Grösse einer Wallnuss, eines Apfels, eines Hand-, eines 
Speisetellers, bis sie allmälig znsammenfliessen, nnd nnn ganze Theile 
der Leiche, den halben, den ganzen Racken n. s. w. bedecken. Alter, 
Gesehlecbt, Constitution haben auf ihre Ausbildung keinen Einflnss. 
Sie entstehen auch nach allen Todesarten ohne Ausnahme, also auch 
nach dem Verblutungstode. Wenn Devergie*) das Gegentheil be- 
hauptet, nnd för seine Ansicht eine Beobachtung anführt, so kommen 
dei^eichen F&lle nur als Ausnahmen vor, in der Kegel wird man, wie 
zahlreiche hierorts gemachte Erfahrungen beweisen, das Vorkommen 
der Todtenflecke auch nach dem Verwundungstode bestätigt finden.**) 
Devergie' 8 einer Fall ist übrigens deshalb nicht stichhaltig, weil man 
nicht erfährt, in welcher Zeit nach dem Tode des Menschen (der sich 
mit dem Rasirmesser die Halsgef&sse zerschnitten hatte), die Section ge- 
macht worden, und ob dies nicht in der Zeit vor der Ausbildung die- 
ser Hypostasen geschehen sei. Es wäre auch a pnon nicht abzusehn, 
warum dieselben sibh nicht auch nach dem Verblutungstode ausbilden 
sollten, da dieser ja bei weitem nicht alles Blut aus dem Körper ent- 
fernt, und es unzweifelhaft ist, wie ich noch weiter anfuhren werde, 
dass sich bei Verbluteten sogar innere Hypostasen ausbilden. Engel 
behauptet, dass man den Todtenfleck an der Leiche verschwinden ma- 
chen könne, wenn man Einschnitte in abschussig hegende Todtenflecke 
macht und die Leiche liegen lässt. Obgleich ein Erfolg für die gericht- 
lich -medieinische Behandlung irgend eines Falles von diesem Experi- 
ment nicht zu erwarten, so habe ich dasselbe doch mehrfach an Lei- 
chen gemacht, aber die Todtenflecke wohl allerdings etwas kleiner und 
blässer werden, indess niemals völlig verschwinden gesehen. 

§. 9. Ftrtsetiug. Innere lypeatasea. 

b) InnereHypostasen. Sie kommen vorzugsweise in folgenden 
Organen vor: 1) Im Gehirn äussern sie sich in einer, bei allgememer 
vorhandener BlutfuUe in der Schädelhöhle sichtlich noch stärker hervor- 



*) Medec. legale. Paris 1836. I. S. 81. 

**) Vgl. die zahlreichen in der unten folgenden Casuistik vorkommenden Fälle. In 
einem andern hier nicht aufgenommenen Falle, dem yiele -andern angereiht werden 
konnten, eines vermutheten Mordes, der sich aber durch die Obduction als in der Nacht 
erfolgter Tod durch eine H&morrhagie aus den Magengefassen ergab, war die Leiche so 
blutleer, dass z. B. die Lnngenarterie und die V, cava ganz leer gefunden wurden. 
Nichtsdestoweniger fanden wir (am zweiten Tage nach dem Tode) den ganzen Racken 
sogar ungewöhnlich stark mit kupferbraunrotben Todtenflecken in einer ununterbroche- 
nen Flache bedeckt. 



24 §• 10. Zeichen des Todes, lauere Hypostasen. 

tretenden, bei Anämie dieser Höhle dennoch immer noch sehr sichtba- 
ren AnfüUung der Pia maf<»/-- Venen an der hintern Hälfte der Haibka- 
geln, wie auch in den Querblutleitern, wenn der Kopf, wie gewöhnlich, 
mit dem Hinterhaupt aufliegt. Gerade auch diese Gehirnhypostasen 
fehlen nicht nach dem Verblutungstode, wie viele unten mitzutheilende 
Fälle erweisen werden, und es ist wichtig, diese Erfahrung festzuhal- 
ten , damit nicht im conereten Falle Meinungsverschiedenheiten über den 
Tod durch Verblutung aus dem Grunde entstehn, weil dieser Tod viel- 
leicht gerade wegen der noch vorhandnen Blutmenge in jenem Theil 
der Gehimvenen, auch wohl in den hintern Sinus, angezweifelt wird. 
Ob , wenn die Hypostase bei veränderter Lagerung der Leiche sich nicht 
bald nach dem Tode ausbildete, sie sich noch später, durch andre Lage- 
rung des Leichnams, ausbilden kann, erscheint zweifelhaft.*) Wenig- 
stens blieb ein Versuch, den ich mit einem weiblichen Leichnam nach 
einer Schw^efelsäurevergiftung machte, welchen ich erst sechs Tage nach 
dem Tode vierundzwanzig Stunden lang mit ganz herimterhängendem 
Kopfe lagern liess, resultatlos. Wichtig aber ist es, diese ganz alltäg- 
liche Erscheinung der Gehirnhypostase nicht mit Gehirnhyperämie (Apo- 
plexie) zu verwechseln, was sehr verführerisch ist, und Ungeübten des- 
halb sehr häufig begegnet, die auf diese Weise ii-rig einen Tod durch 
^Blutschlagfluss" annehmen, der gar nicht vorliegt. 

2) Die allerbeständigste innere Hypostase ist die der Lungen. 
Orfila datirt ihr Entstehen von 24 bis 36 Stunden nach dem Tode: 
sie entsteht aber schon weit früher, und zur Zeit der sämmtlichen 
übrigen Blutsenkungen. Die gesammte hintere Fläche beider Lungen, 
etwa ein Viertel des ganzen Parenchyms, findet sich in allen (auf dem 
Rücken liegen gebliebenen) Leichen weit dunkler gefärbt, als der übrige 
Theil, und bei Einschnitten zeigt sich, auch in anämischen Lungen, 
hier eine sichtliche BlutanfüUung. Sie ist so auffallend, dass sie den 
ungeübten sehr leicht täuschen und zu irrigen Diagnosen über die 
Todesart, z. B. Lungenapoplexie, Pneumonie u. dergl. veranlassen kann. 
Dies kann namentlich geschehn, wenn das Blut überhaupt sehr dunkel, 
und mehr oder weniger Lungenoedem vorhanden ist, wo man dann am 
so mehr geneigt sein kann, irgend einen pathologischen Zustand anzu- 
nehmen, während doch nur allein eine Leichenerscheinung vorliegt. 
Zahlreiche Obductionsberichte älterer und neuerer Zeit beweisen, wie 
häufig diese Täuschung vorkommt. 

§. 10. r^rteetmg. Inicre ly^ittsei. 

3) Unter den Bauchorganen kommen Hypostasen vorzugsweise an 
den Därmen, und 



§. 11. Gerinnung des Blutes uacb dem Tode. 25 

4) an den Nieren vor. An den Därmen namentlich an den Darm- 
portionen, die im Becken liegen, wo sie sehr gewöhnlich sind. Die 
bläoUchrothe Färbung, die die untenliegenden Flächen der Darmschiin' 
gen zeigen, werden nur den Ungeübten täuschen. Der Unterschied von 
durch Hyperämie resp. Entzündung gerötheten Stellen ergiebt sich einer- 
seits durch die Farbe, und Glanzlosigkeit der betrefTenden Stellen, an- 
dererseits durch den Sitz. 

Was die Nieren betrifft, so findet man die Hypostase namentlich 
(bei der auf dem Rücken liegen gebliebenen Leiche) an der hintern 
Hälfte, und kann sie hiernach leicht von einer allgemeinen BlutfTille 
dieser Organe unterscheiden. 

5) Bisher fast nicht beachtet und doch sehr beachtenswerth , weil 
sie gleichfalls leicht zu Täuschungen veranlassen kann, ist die Hypostase 
des Rückenmarks. Sie zeigt sich in den Venen der Via mater oft 
am 80 täuschender der Meninyiti>* ähnlich, als die Obducenten, bei der 
Schwierigkeit der ErdiTnung des Wirbelkanals und der Seltenheit dieser 
Operation am gerichtlichen Sectionstisch , die Erscheinung verzeihlicher- 
weise meist gar nicht kennen, und wenn sich ihnen ein nie gesehener 
Fall darbietet, um so leichter zur Annahme einer Entzündung gelangen, 
wenn der Fall dazu verführt, z. B. wenn wirklich heftige Schläge auf 
den Rücken festgestellt waren. Man wird sich von der Richtigkeit die- 
ser Behauptung überzeugen, wenn man die erste beste Leiche, die 
einige Tage auf den Rücken gelegen hat, auf diese Hypostase unter- 
sacht. 



§. 11. ffortsetiug. CerinnoBg des lUtes ■ach de« T«de. 

6) Das Herz ist den Hypostasen nicht unterworfen. Dagegen 
zeigt das Herz mehr als irgend ein anderes Organ oder Blutgefäss in 
dem Vorkommen der sogenannten Herzpolypen, die jeder Arzt kennt, 
der auch nur einige wenige Leichenöflfnugcn in seiner Privatpraxis ge- 
macht hat, eine Erscheinung, die eine wichtige Bedeutung für die foren- 
sische Leichendiagnostik hat, und die wir am zweckmässigsten an die- 
ser Stelle erwägen. Bekanntlich sind diese „Herzpolypen** nichts als 
Blutfibrine, entweder reine und weissliche, oder durch Blutroth gefärbte, 
blutrothe, also geronnenes Blut. Dass diese Gerinnung im Herzen 
sich schon vor dem Tode bilden könne, ist anzunehmen: bei langer 
Agonie mag sie sich vielleicht zuweilen schon auf dieser Grenzscheide 
zwischen Leben und Tod ausbilden. Gevriss aber bildet sie sich in den 
allermeisten* Fällen erst nach dem Tode, und beim aUmäligen Erkal- 
ten des Leichnams. Brücke hat gezeigt, dass jede der Bedingungen, 



26 §.11. GerinnuDg des Blutes nach dem Tode. 

denen man das Flüssigbleiben des Blntes zuschreiben kann, ausser Wirk- 
samkeit gesetzt, die Gerinnung desselben nicht hindere, der Zutritt der 
Luft zum Blut die Gerinnung desselben nicht erheblich unterstützt, und 
dass nur die Berührung mit den Gefässwünden übrig bleibt, welchen 
das Flüssigbleiben des Blutes zuzuschreiben ist. In der Leiche erhftlt 
sich die Flüssigkeit des Blutes hOchst wahrscheinlich lilnger, als ausser- 
halb derselben und tritt erst ein mit dem Verlust der Erregbarkeit der 
contractilen Bestandtheile des Gef&sssystemes. Bock*) und Donnö**) 
bestknmen sogar eine Zeit von etwa vier Sunden nach dem Tode, von 
wo ab diese Gerinnung erst anfange, eine Zeit die höchstens als eine 
durchschnittliche erachtet werden kann, da die Gerinnfähigkeit des Blu- 
tes nach seiner concreten Bepchaffenheit variirt. Die Ursachen der Ver- 
schiedenheiten der Gerinnfahigkeit des Blutes sind noch nicht gehörig 
eruirt, doch ist nach Hoppe***) als feststehend anzusehen, dass Alles 
übrige gleich gesetzt, das Blut um so schneller gerinnt, je verdünnter 
und wässriger es ist, daher schnelle Gerinnung nach Blutverlusten und 
bei Hydrämischen, und dass das Blut um so langsamer gerinnt je ftr- 
mer an Sauerstoif und reicher an Kohlensäure es ist. Die Gerinnung 
ist femer um so fester, elastisch zäher, je wasserreicher und je ärmer 
an Blutkörperchen, rothen und farblosen, das Blut ist. Ein wasser- 
armes , an rothen Blutkörperchen oder farblosen Blutzellen reiches Blut 
giebt lockere leicht zerdrückbare Gerinnsel. Wenn nun zugegeben wer- 
den muss , dass das Blut nicht mit einem Schlage und gleichzeitig mit 
dem erfolgten Tode geronnen ist, sondern eine gewisse Zeit erforder- 
lich ist, bis das Blut den Gerinnungsprocess durchgemacht habe, so 
leuchtet ein, dass auch der Satz: „dass nach dem Tode das Blut nicht 
mehr gerinnen könne, ^ den man so häufig aussprechen hört, nicht richtig 
ist und dass in thesi nicht behauptet werden kann, das Geronnensein 
des Blutes im Grunde einer Verletzung beweise allein und an und für 
sich, dass dieselbe bei Leben des denatus zugefügt sei. Dennoch ist 
dieser abstracto Lehrsatz so eingebürgert in der Wissenschaft, dass 
z. B. Tardieuf) noch neuerdings ausspricht: „Eine der Lebenseigen- 
schaften des Blutes ist, dass es aus den Gefässen ausgetreten und der 
Girculation entzogen, augenblicklich gerinnt. Mithin ist die Coagula- 
tion des ausgetretenen Blutes ein Beweis für Leben; und jede Ver- 
letzung, die geeignet war ein Blutextravasat zu setzen, wird in den 



*/ Gericbtl. Sectionen. 4. Aufl. Leipzig 1852. S. 19. 
••) Donn^, cours de Microscopie. p. 52. 
***) Hoppe-Seyler, Hdbch. d. ehem. Analyse. Berlin 1865. p. 306. 

t) Tardieu, itade medieo- legale sur Vinfanticide, Paris 1868» p. 7L 



§. 12. Zeichea des Todes. Leichen starre. 27 

Organen eine Spur zurficklassen , an der man erkennen kann, ob sie 
beim Leben oder nach dem Tode beigebracht ist.^ 

Wir werden später, wenn wir von den Kennzeichen sprechen, 
welche die bei Leben entstandene Verletzung gegenüber der nach den 
Tode erzengten bietet, anf diesen Pnnkt zurückzukommen haben. Hier 
war es uns nur darum zu thun festzustellen, dass die Gerinnung des 
Blates in der Leiche eine gewisse, nicht näher abzuschätzende Zeit 
erfordert. Es erscheint uns aber überflüssig diese Behauptung durch 
eine Reihe easuistischer Beläge zu illustriren, denn nicht selten sind 
die Fälle, wo die Verletzung eine solche war, dass danach der Tod 
äusserst schnell erfolgt sein musste, wie Schuss wunden in das Herz, 
Zertrömmeningen des Schädels, Zerquetschungen durch Ueberfahren 
von Lastwagen oder Eisenbahnzügen, und wo man in den Wunden 
dennoch reichliche Blutgerinnung findet, wo also der Tod eher erfolgt 
war, als das Blot geronnen gewesen sein konnte. 

§. 12. Fortsetxang, Leicbrnatsrrc. 

10) Das letzte Zeichen der frühsten Zeit des Todes, und das jeden- 
falls den ersten Stadien der Verwesung vorangeht, ist die Leichen- 
starre, die allgemein bekannte Verkürzung und Verdickung gewisser 
Huskebi, vorzugsweise der Flexoren und Adductoren an den Extremi- 
tUen mit Einschluss der Finger, und der Adductoren des Unterkiefers, 
wodurch sich dieselben hart und fest anfühlen lassen, und der Körper, 
wenigstens oft, nach Devergie's recht bezeichnender Bemerkung, etwas 
AtUeüsches bekommt. Sie geht von oben herab, beginnt an Nacken 
üod Unterkiefer, geht dann auf die Muskeln des Gesichts, Halses, der 
Brost, der obem Extremitäten über, und beföllt zuletzt die untern. 
Gewöhnlich verschwindet sie dann auch in derselben Weise, und einmal 
verschwunden tritt sie nie wieder ein; der Leichnam mrd biegsam, wie 
er früher war. Die Todtenstarre tritt in ziemlich breiten Zeiträumen 
nach dem Tode ein; im AUgemeinen zwischen acht, zehn und zwanzig 
Standen; in seltenen Fällen auch schon früher. Ich beobachtete in 
einem Falle zwei und eine Viertelstunde nach eingetretenem Tode die 
Leichenstarre am Unterkiefer und nach sechs und einer halben Stunde 
war bereits der Arm steif. Also Vorsicht in der Todeszeitbestimmung! 
In einem Capitalfalle hatte der die Leiche Nachmittags 4 Uhr besich- 
tigende Bezirksphysikus ausgesprochen, dass weil die Leiche todtenstarr 
sei, der Tod bereits am vorigen Abend erfolgt sein müsse, ein ür- 
thefl, welches aus diesem Umstand allein nicht mit Sicherheit gefällt 
werden durfte, und die damals noch ganz crude Untersuchung leicht 
auf eine falsche Fährte hätte führen können. Die Todtenstarre 



28 § !-• Zeichen des Todes. Leichenstarre. 

kann weit läuger, als gewöhnlich angenommen wird, nämlich von einem 
bis zu neun Tagen, verharren. Eine Dauer von vierzehn und mehr 
Tagen bei Leichen, die in frischem Wasser liegen bleiben, die Sommer 
behauptet*), kann ich trotz meiner sehr zahlreichen Untersuchungen an 
Wasserleichen nicht bestätigen. Mit dem Wesen derselben haben die 
neuesten trefflichen Untersuchungen a^ou Brücke, Ed. Weber, Stan- 
nius, KöUiker, Brown-Sequard, Maschka, Kussmaul, Peli- 
kan, Kühne u. A. sich beschäftigt. Ob die ältere, von Brücke wie- 
der aufgenommene Ansicht vom Gerinnen des faserstoffhaltigen Nähr- 
materials im Muskel, ob die Theorie vom Absterben der Nerven in den 
Muskeln (Stannius), ob die von einer besondern Molecularveränderung 
des Muskels (Kölliker) u. s. w. die richtige ist, vermögen wir nicht 
zu entscheiden. Nach Kühne's**) Darlegung schwindet zuerst die 
Contractilität, d. h. Reize, die wir als die stärksten anzusehen pflegen, 
erzeugen keine Verkürzung mehr, dann erscheint eigentüche Starre er- 
kennbar am Verluste der Biegsamkeit, der Elasticitat. Dann folgt die 
Säuerung, endlich die Undurchsichtigkeit. Jetzt ist die Todtenstarre 
auf ihrer Höhe. Indem der Muskelinhalt nun weiter säuert, wird er 
wieder weicher, ohne jedoch wieder die vorige Elasticitat zu gewinnen 
oder schwerer zerreisslich zu werden (Lösung der Todtensturre) , end- 
lich folgt Fäulniss, die Reaction wird alkalisch, der Muskel entwickelt 
Ammoniak und kann endlich zum Brei zerfliessen. Alle Erscheinungen 
der Todtenstarre sind zurückzuführen auf die Gerinnbarkeit des Muskel- 
plasma s (Myosingerinnung). Es bleibt vorläufig nichts anders übrig, 
was aber auch für die Praxis der gerichtlichen Medicin vollkommen 
ausreicht, als immer fortgesetzte Beobachtungen über das Eintreten des 
Riyor an Leichen unter den verschiedensten Bedingungen, unter denen 
sie leichter oder schwerer entsteht. Festzustehen scheint, dass sie nach 
narcotischen Vergiftungen entweder nur schwach, oder nur von sehr 
kurzer Dauer eintritt, so dass sie in der Zeit, in welcher der Gerichts- 
arzt dergleichen Leichen zur Beobachtung erhält, nach diesen Todes- 
arten selten gefunden wird. Ob, wie man behauptet, aber auch bestritten 
hat, dasselbe nach dem Tode durch Blitzschlag beobachtet wird, ist mir 
aus eigner Erfahnmg nicht bekannt. Tourdes***), welcher zw^ei Ob- 
ductionen von durch Blitzschlag getödteten Personen zu machen Ge- 
legenheit hatte, beobachtete schnelles und allgemeines Eintreten der- 



*) Diss. de signin mortem hominis etr, indicanUbxifi. Ilavniae 1833, citirt Ton 
Kussmaul: über die Todtenstarre in der Prager Vierteljahrsschr. 1856. 50. Bd. S. 
67 u. f. 

•*) Kühne, Lehrbuch d. pbysiolog. Chemie. Leipzig 1866. 

•*•) Tourdes, relationmddicale de Vaccident occajiionnt par le foudre. Stras- 
bourtj ifißB. 



§. 12. Zeichen des Todes. Leichenstarre 29 

selben. Bei unreifen Früchten habe ich niemals Todten- 
starre beobachtet. Da jedoch Andere sie bei solchen Früchten, 
namentlich in Gebäranstalten, beobachtet haben, indess selbst zngeben, 
dass sie hier immer nur sehr schwach und sehr rasch vorübergehend 
sei*), so ist sie einerseits bei diesen Früchten nicht positiv in Abrede 
zu stellen, andererseits aber für den gerichtlichen Sectionsüsch nicht 
existirend, da auch diese Leichen nie so zeitig auf denselben gelangen. 
Aach bei reifen Xeugebomen und kleinen Kindern ist die Starre schwä- 
cher nnd kürzer andauernd. Wir beobachteten dieselbe einmal (März) 
sehr deutlieh bei dem frischen Leichnam eines reifen Neugebomen, wel- 
ches 40 Stunden nach erfolgtem Ableben zur Obduction kam. Dass 
sie dies auch bei Greisen sei, wie behauptet worden (Sommer), kann 
ich nicht bestätigen, und das Gegentheil durch Beweise belegen. Irrig 
ist die oft ausgesprochene Behauptung, dass die Leichenstarre nach 
allen Arten des Erstickungstodes gar nicht, oder erst spät, oder nur 
kürz vorübergehend eintrete. Wir haben in dieser Beziehung, wie die 
Casuisiik im unten folgenden speciellen Theile zeigt, bei £rsti(^kten aller 
Art gar keinen Unterschied gegen andere Todte wahrgenommen. Ob 
die Leichenstarre nach dem Tode an Krämpfen und acuten Krankheiten 
früh und kurz, nach plötzlichem Tode Gesunder und nach dem. Erfrie- 
nmgstode spät und dann länger dauernd eintritt, ob sie überhaupt desto 
länger anhalte, je früher sie beginnt u. s. w., sind schriftstellerische 
Meinungen, die um so mehr noch der Bestätigung bedürfen, als man 
darin die grössten Widersprüche bei den Autoren findet. Niedere Luft- 
temperatur und Alcoholisirung aber begünstigen ohne Zweifel eine län- 
gere Dauer der Todtenstarre. In einem Falle, in welchem der Tod 
plötzlich durch Himhämorrhagie im Rausche erfolgt war, habe ich die 
Uichenstarre noch am vierten Tage gesehen ; in einem zweiten, in wel- 
chem sich der Betrunkene erhängt hatte, noch am siebenten Tage, 
in emem dritten bei einem Erschossenen im Winter noch am sechsten 
Tage, in einem vierten Falle war, bei einem jungen Kellner, der, ganz 
gesund. Nachts von einer Herz -Apoplexie getroffen und am Morgen 
todt im Bett gefunden war (im December), noch am achten Tage der 
Rigor an den Unter- Extremitäten, und bei einem (im April) plötzlich 
im Rausche an Lungenhyperämie Gestorbenen, die Starre noch am 
neunten Ti^e wahrnehmbar. 

Bei langer Andauer der Leichenstarre ist es nichts Ungewöhnliches, 
sie schon in Verbindung mit Verwesungsverfärbungen an der Leiche zu 
sehen; der schon vorgerückte Verwesungsprocess hobt sie folglich an 
^ich nicht auf. Dass sie bei keinem Verstorbenen ganz ausbleibt. 



*J Schwarz, die vorzeitigen AthembewegiiDgen. Leipzig 1858. 



30 §• 13. Der Voi wcsuiif?sprocess 

scheint gewiss, und beachtungswerth ist die allgemeine Volksmeinimg, 
die auf Tausenden unbefangener Beobachtungen begründet ist, und wo- 
nach die Leichen möglichst rasch gewaschen und bekleidet werden 
müssen, bevor sie erstarren. Mit dem Steifgefrorensein der Leiche kami 
die Todtenstarre nicht verwechselt werden. Die gefrome Leiche ist von 
Kopf zu Fuss starr wie ein Brett, während beim Rigor mortis die Ex- 
tremitäten immer noch, namentlich in den Ellenbogen- imd Kniegelenken, 
einigermaassen gebogen werden können. 

Ein Leichnam, der nur allein die bis hierher (1 — 10) 
geschilderten Zeichen ergiebt, kann als der eines Men- 
schen erachtet werden, der längstens vor zwei bis drei 
Tagen verstorben ist. 

§. 13. Ver TerweiBBgspreeess. 

Zur Bestimmung der Zeit des Todes ist natürlich auch eine Kennt- 
niss und richtige Würdigung der Stadien des Verwesungsprocesses un- 
entbehrlich. Aber hier erst häufen sich die Schwierigkeiten. Wenn es 
einerseits nicht leicht, die Veränderungen, die der Leichnam nach und 
nach eingeht, und welche die Farbe und Consistenz der Organe be- 
treffen, in blossen Worten für den Ungeübten ausreichend zu schildern, 
so ist andererseits bekannt, eine wie grosse Ansahl von Einflüssen auf 
den Zersetzungsprocess einwirkt, und wie dadurch so vielfache Modifi- 
cationen in dessen Beschleunigung oder Verlangsamung erzeugt werden, 
dass nur mit grösster Vorsieht irgend eine Regel hier aufgestellt wer- 
den kann. Deshalb ist es kaum eine Uebertreibung , wenn Orfila 
äussert, „es übersteige die menschlichen Kräfte^, wenn man bei ver- 
westen Leichen eine Todeszeit - Bestinunung vom Arzte fordere; wenn 
man aber erfahren hat, wie Devergie bei seinen Untergebenen, den 
Leichenwächtem in der Pariser Morgue, und wie wir es von den unsri- 
gen in der hiesigen Anstalt ganz eben so oft sehen, dass ganz unge- 
bildete Menschen durch blosse Routine dahin gelangen, sich in diesem 
Gebiete einen im Allgemeinen ganz richtigen Blick zu erwerben , so 
muss es möglich sein, mit wissenschaftlichen Mitteln noch sicherer zum 
Ziele zu gelangen. Nur müssen dieselben möglichst nach festen Kate- 
gorieen geordnet, die ganze Angelegenheit möglichst vereinfacht werden, 
damit nicht in dem Chaos der tausendfachen Mannigfaltigkeiten — denn 
streng genommen sieht, unter im Allgemeinen ganz gleichen Umstän- 
den, nicht Ein verwester Leichnam ganz wie der andere aus! — dass 
Allgemeine, die Regel verschwinde. 

Von diesem Vorwurf sind die wenigen neuem Schriftsteller, die 



§ 14. Innere Hcdingungeu der Verwesung. 31 

etwas Eignes geliefert haben, Orfila, Lesueur, Güntz and Dever- 
gie*) nidit freizusprechen. Wer sich selbst mit diesen widerwärtigen 
und mühsamen Untersnchnngen beschäftigt hat, wird den Werth und 
die Treue der Einzel -Beobachtungen dieser Männer nach ihrem ganzen 
Werth zu schätzen wissen. Aber sie verlieren sieh theilweise in zu 
viele und zu kleinliche Details, und lassen es theilweise zu sehr an 
einer gewissen Subsumption der Erscheinungen unter aUgemeinere Ea- 
tegorieen fehlen, als dass ihren Idttheilungen ein wirklicher practischer 
Werth für den Gerichtsarzt zugeschrieben werden könnte. Diesen prac- 
tiächen Werth fiberall hier vorzugsweise berücksichtigend, und auch 
hier möglichst nur Selbstbeobachtetes gebend, will ich versuchen, die 
Schwierigkeiten zu beseitigen, so weit sie in dieser Angelegenheit zu 
beseitigen sind. 

§. 14. !■■«€ BediBgiBgea der VerwesHBg. 

Die Bedingungen, welche den Zersetzungsprocess so mannigfach 
fflodificiren, ihn hier beschleunigen, dort verlangsamen, so dass die 
Leiche A. nach 24 — 36 Stunden genau so erscheinen kann, wie die 
Leiche B, nach 3 — 4 Wochen, sind entweder im Individuum gegeben, 
oder ausserhalb desselben^ wobei sich von selbst versteht, dass Fäul- 
IÜ8S an sich nur durch den Zutritt äusserer Einflüsse möglich ist und 
entsteht. Frisches Fleisch hermetisch verschlossen verwest nicht. 
Individuell modificiren die Fortschritte der Verwesung: 
1) das Alter. Ich gebe zu, was alle Schriftsteller behaupten, 
dass Neugebome caeu j)ar. schneller verwesen, als andere Leichen. Zu 
erwägen bleibt indess hierbei doch, was nirgends hervorgehoben worden, 
dass die Leichname von Neugebornen, an denen der gerichtliche Arzt 
seine Beobachtungen macht, fast ohne alle Ausnahme, wie es in der 
Natmr der Sache liegt, solche sind, bei denen noch ein anderer Einfluss 
sich geltend macht, als gewöhnlich bei den Leichen aus spätem Lebens- 
altem. Sie sind gleich nach der Geburt nackt, oder höchstens mit 
einigen Lappen oder Lumpen umwickelt, ausgesetzt, in's Wasser, in 
den Dunger, in den Abtritt geworfen, und so aufgefunden, während 
nackte Leichen aus spätem Jahren fast ausschUesslich nur bei Ertmu- 
kenoi Yorkommen. Der Einfluss der Bekleidung der Leiche aber 
auf das Verzögern des Fäulnissprocesses ist ein sehr wesentlicher. 



^ Orfila und Lesueur, Handbuch zum Gebrauch bei gerichtlichen Ausgrabun- 
gen. Aus d. Franz. Ton Gnntz. 2 Bde. Leipzig 1832 — 1835. Quntz, der Leich- 
nam des Neugebornen, Leipzig 1827. (Mit reicher älterer Literatur.) DeTergie, a. 
i. 0. 1. S. 88 — 253. 



32 §• 14. Innere Bedingungen der Verwesung. 

— Hochbejahrte Menschen unterliegen den Fortschritten desselben aller- 
dings langsamer, allein hier ist ohne Zweifel wieder die Constitution 
mitwirkend (s. No. 3.). 

2) Dass das Geschlecht als solches einen Unterschied bedinge, 
kann ich nicht behaupten. Die „mehr lymphatische Constitution" des 
Weibes ist hier wohl nur mehr aus der Theorie herangezogen worden. 
Leichname von Weibern aber, die in oder gleich nach der Entbindung 
starben, habe ich c. p. immer sehr rasch in Verwesung gehen gesehen, 
gleichviel welches die Todesursache gewesen war. 

'3) Von entschiedenem Einfluss ist die Leibesbeschaffenheit. 
Fette, schwammige, lymphatische Körper verwesen c. p. weit rascher, 
als magere, trockene, weil der Reichthum an Flüssigkeiten den Zer- 
setzungsprocess sehr begünstigt. Dies ist auch wohl der Grund, warum 
greise Leichen, die gewöhnlich die letztere Beschaffenheit zeigen, im 
Allgemeinen sich länger halten. 

4) Die Todesart modificirt aber wesentlich den Verlauf des Ver- 
wesungsprocesses. Kach plötzlichem Tode Gesunder tritt er c. ;;. später 
ein, als nach dem Tode an erschöpfenden, mit Säfteentmischung ver- 
bundenen Krankheiten, Typhus, Wassersucht nach organischen Fehlem, 
Tuberculose, putriden Fiebern u. dergl. — Körper, die erheblich ver- 
stummelt oder verletzt sind, wie Menschen, die durch vielfache Miss- 
handlungen, durch mehrfache Hiebwunden, durch mechanische Gewalt 
anf Eisenbahnen u. s. w. getödtet sind, faulen sehr schnell. Eine Aus- 
nahme findet hier nur Statt bei Solchen, die verschüttet durch einstür- 
zende Mauern u. dergl. von Steinen, Gebälk, Schutt, Sand bedeckt todt 
liegen bleiben, so dass die Luft weniger direct zu den Leichen dringen 
kann. In Rauch, Kohlenoxyd- und Schwefel -WasserstofFgas Erstickte 
verwesen r. ;/. rasch; ob dies auch bei durch andere nichtathembarc 
Gasarten Erstickten der Fall, dafür fehlen mir eigene Erfahrungen, eben 
so wie für den Tod durch Blitzschlag, nach welchem die Verwesung 
sehr rasch eintreten soll (wenn hier nicht, die Richtigkeit der Beobach- 
tung vorausgesetzt, die Sommertemperatur mitwirkend sein soll!) In 
den von Tour des*) mitgetheilten Fällen war nach 22 Stunden nur 
ein blauer Fleck in der Leistengegend und mit wenigen Luftblasen un- 
termischtes Blut vorhanden. Nach narcotischen Giften tritt eine verhält- 
nissmä«sig beschleunigte Verwesung ein. Nach andern Giften findet dies 
weit weniger Statt, namentlich auch keineswegs nach den, erst in der 
neuern Zeit in der Praxis vorkommenden Phosphorvergiftungen. Nach 
Blutvergiftungen durch Alcohol, d. h. in solchen Fällen, wo Trunken- 
bolde im Rausche apoplectisch sterben, habe ich mehrfach eine unver- 

•) Tounlcs, a. a. 0. S. 21. 



§. 14. Inuere Bedingungen der Verwesung. 33 

hältiiissmäesig lange Frische der Leichen beobachtet, in deren Höhlen 
deutlich der Alcoholgemch wahmehmbar zn sein pflegte. 

Bemerkenswerth endlich ist, dass nach Vergiftungen durch Schwefel- 
säure der Verwesungsprocess entschieden verzögert wird, wahrscheinlich, 
weil die Säure in der Leiche die Ammoniakbildung verhindert, oder 
das durch die Verwesung sich bildende Ammoniak immer wieder neut- 
nüisirt. Es ist gar nichts Seltenes, Leichen von durch Schwefelsäure 
Vergifteten noch frisch, und selbst nach Eröfihung der Höhlen noch 
geruchlos zu finden in einer Zeit nach dem Tode, in welcher unter 
andern Umständen dies gewiss nicht vorgekommen wäre. Nach Arsenik- 
Vergiftungen tritt der Verwesungsprocess nach gewohnten Gesetzen ein, 
aber bekanntlich tritt im Verlauf ein Stillstand ein, und es wird der 
Momificationsprocess eingeleitet, auf welchen wir noch zurfickkommen. 
(8. Spec. Theil.) 

Es ist jedoch festzuhalten, dass alle diese Momente zwar eine 
Gültigkeit im Allgemeinen haben, dass jedoch noch individuelle Bedin- 
gungen, die den Verwesungsprocess beschleunigen oder verzögern, vor- 
handen sein müssen, die bis jetzt noch unbekannt sind. Sehr beweisend 
hierfür und lehrreich war folgende Beobachtung. 

Ich habe am 20. März 1848 Tier zehn Männer, fast Alle in ganz gleichem Le- 
bensalter von 24 — 30 Jahren, in ganz gleichen frühem LebensTerhältnissen (arbei- 
toide Proletarier) neben einander in demselben Locale unserer Leichenschau- Anstalt 
mitersucht, welche auf den Barrikaden am 18. März einen und denselben Tod durch 
Schusswunden notorisch zu einer und derselben Zeit gestorben waren. Hier lagen 
also gewiss dieselben Bedingungen für die Vergleichung vor. Ich kann aber yersichern, 
dtts nicht bei Einem die Zeichen der Verwesung so gestaltet waren, wie bei dem An- 
dern. Aehnliches beobachtete ich bei der Besichtigung der Leichen, einige zwanzig an 
der Zahl, welche bei dem Häusereinsturz in der Wasserthorstrasse verunglückt waren; 
auch hier die verschiedensten Zeichen der Verwesung bei den zu gleicher Zeit verstor- 
beneu Menschen. Sehr beachtenswerth waren in einem andern Falle die Leichen zweier 
Ehegatten ziemlich gleichen Alters, bejahrte Leute von 50 - 60 Jahren, die Nachts 
durch Eohlenoxydgas erstickt waren. Die Leichen waren bis zum Augenblicke unsrer 
UntersDchung denselben Bedingungen ausgesetzt gewesen. Nichtsdestoweniger war (am 
vierten Tage nach dem Tode, im November) die Leiche des Mannes am Bauche und 
Racken ganz grün, die Luftröhre verwesungsbraunroth u. s. w. ; während die der sogar 
oagemein fetten Frau äusserlich wie innerlich die vollkommenste Frische zeigte. Dass 
die etwanige verschiedene Zeit des Eintritts des Todes hier nicht maassgebend gewesen 
sein konnte, leuchtet ein, da der unterschied doch jedenfalls kaum einige Stunden be- 
tngen haben mochte. 

§. 15. Aeauere BedingiiBgeB iev Verwesong. a^ L«ft. 

Weit entschiedener als die innern wirken die äussern Bedingungen 
beschleunigend oder verzögernd auf den Verwesungsprocess, wenigstens 

Catper'i gerichU. Madieio. 5 Aofl. IL 3 



34 §• 15. Aenssere Bedingungen der Verwesung, a) Luft. 

ist der Einflnss der letztern mehr bekannt. Es sind diese Momente: 
atmophärische Lnft, Fenchtigkeit und Wärme. Wenn man Licht nnd 
Electricität noch dahin gerechnet hat, so ist zn erwägen, dass beide 
Agentien schon in dem der Luft mitwirkend gedacht werden müssen, 
nnd dass andererseits deren Einwirkung in dieser Beziehung noch zn 
hypothetisch ist. 

1) Atmosphärische Luft. Alles, was ihren Zutritt zu der todten 
thierischen (wie vegetabilischen) Substanz begünstigt oder hemmt, be- 
fördert oder verzögert den Verwesungsprocess. Helmholz*) wies nach, 
dass im Fleische, welches mit ausgekochtem Wasser und mit durch 
glühende Röhren zur Zerstörung aller organischen Keime geleiteten Luft 
in Berührung ist, keine Fäulniss zu Stande kommt. Es folgt hieraus 
dass der in der atmosphärischen Luft enthaltene Sauerstoff die haupt- 
sächlichste Bedingung zur Fäulniss abgiebt. Je mehr der Luftzutritt 
zur Leiche begünstigt wird, desto schneller geht die Fäulniss von 
Statten. Deshalb faulen Leichname, die im Freien liegen (oder hängen) 
bleiben, cp. weit rascher, als Beerdigte, und selbst als Wasserleichen: 
rascher verwesen gar nicht oder leicht bekleidete, als solche Todte, die 
bekleidet, und namentlich mit anliegenden und mit weniger permeablen 
Stoffen bekleidet sind. Es ist etwas ganz Gewöhnliches bei Männern, 
die bekleidet aus dem Wasser gezogen werden, die mit Stiefeln beklei- 
deten Unterschenkel noch frisch zu finden, während die Epidermis am 
übrigen Körper schon blasenartig erhoben oder abgelöst ist. Ein sehr 
verwachsener Schneider hatte sich erhängt. Der Leichnam zeigte schon 
sehr deutliche Vei-wesung. Aber der ganze Brustkasten stach auffallend 
vom übrigen Körper ab, aus keinem andern Gnmde, als weil der Ver- 
storbene denselben mit einem fest anliegenden Panzer von straffem 
Drillich umgürtet trug, der an der der Skoliose entgegengesetzten Seite 
ausgepolstert war, vermuthlich, um den Buckel zu verbergen! 

Den Zutritt der Luft kann aber auch das Erdreich, je nach seinen 
verschiedenen Mischungsverhältnissen, hemmen oder befördern. Je nach- 
dem dasselbe mehr ein lockeres, poröses, wie Sand, oder ein fettes 
und derbes, wie Lehm, ist, je nachdem verwest die darin eingegrabene 
Leiche im AUgemeinen zwar wohl leichter oder weniger leicht: jedoch 
tritt hier ein anderes Moment ausgleichend oder ändernd entgegen, die 
Feuchtigkeit nämlich, auf deren Antheil bei der Frage vom Erdreich 
grösseres Gewicht zu legen ist. Sandiger oder kalkiger Boden z. B. ist 
gleichzeitig trockener, Lehm- oder Torfboden mehr feuchter Boden. — 
Aus demselben Grunde des leichtern oder erschwertem Luftzutritts 
verwesen Leichen, die, vrie so oft die von Neugebomen, nur oberfläch- 



*) Erdmann und Marchner, Journal d. pract Chemie. Bd. 31. S. 420. 



§, 16. Aeussere Bedingungen der Verwesung, b) Feuchtigkeit. 35 

lieh verscharrt wurden, rascher, als tief in die Erde eingegrabene. Aus 
demselben Gninde endlich ist die Hülle, die den Leichnam in der Erde 
umgiebt, ein wichtiges Erwägungsmoment, wofür Orfila (a. a. 0.) 
zahhreiche Beläge giebt. Es ist allgemein bekannt, in wie kurzer Zeit 
die gewöhnlichen Fichtenholzsärge zerfallen, und ihre Einwohner mit 
ihnen, und wie ungemein lange sich die vormaligen Grossen der Erde 
in ihren Särgen von festem Holz, von Zink, von Stein, oder gar in der 
Einschachtelung von solchen dreien Särgen verhältnissmässig unversehrt 
erhalten. Umgekehrt gehen ganz nackt in der Erde Begrabene sehr 
schnell in Verwesung. 

§. 16. PorUetiaig. b) renchtigkeit. 

2) Ohne Wasser und Wasserdunst kommt gar kein Vermode- 
rongsprocess zu Stande. Aber das eigene W^asser des Leichnams bietet 
dazu schon das ausreichende Material. Es verdunstet allmählig, sprengt 
mit der Zeit die Bedeckungen, namentlich die des Unterleibes, aber 
auch die der Brusthöhle, zuletzt sogar die Schädelknochen, und der 
Leichnam macerirt in seinen eigenen Flüssigkeiten. Schon vor dieser 
Epoche zeigen sich Maden und Larven an seiner Oberfläche, die man 
zuerst in den faltigen Stellen des Körpers zu finden pflegt, den Augen- 
lidern, den Ohren, der Schaamspalte, den Leistengegenden , bis sie sich 
zu Myriaden vermehren, und für sich allein den ganzen Zerstörungs- 
process der Weichgebilde vollenden. 

Ein edatantes Beispiel hierfür ist folgendes: Am 11. Jnni 1866 sah ich im Lei- 
rbenbaos die Leiche eines Neugebornen , das dunkelgrünfaul war und auf dem Tau- 
seiide Ton Maden wimmelten. Eine Physiognomie war nicht mehr kenntlich, Kopf und 
Rampf von den Maden angefressen Zum 13. Juni war die Obduction verfügt und jetzt 
w nichts mehr vorhanden als die Knochen, die gemessen wurden, um das Alter des 
Kindes zu bestimmen. Also in zwei Tagen vollständig verspeisst! 

Je mehr aber ausser der eignen auch noch Feuchtigkeit von aussen 
zu dem Leichnam gelangen kann nnd gelangt, desto rascher schreitet 
die Verwesung vor, und umgekehrt. Ohne Zweifel ist dies der Grund, 
warum wirkliche Wasserleichen so rasch und jedenfalls viel schneller 
faulen, als Leichen in der Erde. Eben diese Ursache, zumal unter 
Mitwirkung der dritten Bedingung, der Wärme, begüstigt die ungemein 
rasche Zersetzung der Leichen, die in Düngerhaufen oder Abtrittgru- 
ben lagen (vergl. 20. Fall), wogegen möglichste Trockenheit dem Ver- 
wesungsprocess begegnet, den Leichnam ausdörrt, und die Mumification 
begünstigt. 

3' 



36 §• n. Aeussere Bediogungen der Verwestmg. c) Wärme. 



§. 17. PoHs€tiHBgy e^ Wime. 

3) Ffir sich aHein bewirkt ein hoher Wärmegrad, indem er den 
Wassergehalt des Leichnams verflüchtigt, gleichfalls, nnd noch weit 
energischer als die blosse Anwesenheit äusserer Feuchtigkeit , das grade 
Entgegengesetzte des Fänlnissprocesses, das Ausdörren, wenn nicht gar 
Rösten und Verkohlen, wie wir dies beim Verbrennen sehn. Desto 
begünstigender aber wirkt Wärme, in vollkommen gleichmässiger Wir- 
kung mit den Graden der Temperatur, wenn sie sich mit den beiden 
ersten Bedingungen, Luft und Feuchtigkeit, verbindet. Allbekannt ist, 
wie viel rascher Leichen im Sommer als im Winter faulen. Körper, 
die heute noch im Sommer bei + 16 bis 20^ R. wohl erhalten sind, 
können sehr oft, was ich durch fortgesetzte Beobachtungen unzählige 
Male wahrgenommen, schon am folgenden Tage fast, und nach weitem 
24 Stunden ganz sectionsunfähig werden, während unter übrigens glei- 
chen Umständen, z. B. an demselben Aufbewahrungsorte, dies bei — 
5, 6, 8^ R. im Winter noch in zehn bis zwölf Tagen keineswegs der 
Fall ist. Ungemein auffallend äussert sich der Temperatur^Unterschied 
auch in Betreff des Wassers. Friert der Leichnam im Wasser (oder 
in nassem Erdreich) ein, so erhält er sich ganz frisch auf lange Zeit, 
und dass das Wort Jahrtausende hier keine Hyperbel ist, zeigen die 
freilich zum Theil verseiften Reste von Weichgebilden eines in Sibirien 
ausgegrabenen Mammuth , die man im Museum der Universität zu Mos- 
kau sehen kann. Im Winter kann bei einer Wassertemperatur von 
+ 2 bis 6® R. eine zehn bis zwölf Tage nach dem Tode herausgezo- 
gene Leiche noch so wohl erhalten sein, dass sich darin noch die Zei- 
chen des Erstickungstodes nachweisen lassen, was im Sommer bis 
-f- 18 bis 20^ R. Wassertemperatur oft schon nicht mehr möglich ist, 
wenn die Leiche nur fünf bis sieben Tage im Wasser gelegen hatte. 
Dabei kommt noch ein andrer Umstand in Betracht. Bekanntlich ist 
die Temperatur des Wassers unter der Oberfläche eine geringere, als 
auf derselben und in der obersten Wasserschicht, weil die wärmende 
Kraft der Sonne nur diese trifft. Die Fortschritte des Verwesungspro- 
cesses sind denmach auch rascher oder langsamer vorschreitend, je 
nachdem die Leiche an der Oberfläche des Wassers oder in der Tiefe, 
z. B. durch angebundene schwere Steine oder eingeklemmt in Pfählen 
u. dergl., stecken blieb. Auf alle diese Umstände ist zu achten — 
und der Gerichtsarzt vrird sie leicht ermitteln können, auch wenn er, 
wie gewöhnlich, beim Aufheben der Leiche nicht gegenwärtig war, — 
wenn es sich darum handelt, nach dem Grade der Vewesung die un- 
gefähre Zeit des Todes zu bestimmen. Hierzu kommt aber noch Fol- 



f. 18. Vergleichung der Verwesungserscheinungen nach den Medien. 37 

gendes. Leichen, die ans dem Wasser gezogen der Lnft ausgesetzt 
werden, schreiten nnnmehr aoffallend rasch in der Verwesung vor. Ein 
Tag zeigt hier grössere Fortschritte , als drei , vier Tage längerer Auf- 
enthalt im Wasser bewirkt haben würden. Ob der Wechsel des Me- 
diums oder welche andere Umstände hier wirksam werden , lasse ich 
dahingestellt. Wie im Wasser femer, und aus demselben Grunde, so 
bedingt auch der höhere oder niedere Temperaturgrad der Erde einen 
Unterschied. Oberflächlich verscharrte Leichen verwesen, auch aus die- 
sem (wie aus dem §. 15. angegebenen) Grunde c. p. leichter, als tief 
in die Erde Verscharrte. 



§. 18. Tergicichug itr Terweingscrschciaviigeii nach den ledien« 

Es ist für den Practiker verwirrend, wenn man, wie es die oben 
^Dinnten Hauptbearbeiter dieser Materie, Orfila, Devergie und 
Güntz, gethan, das BUd der Verwesung in ihren Stadien gesondert 
zeichnet , je nach den verschiedenen Medien , und es ist dies auch über- 
flüssig, da der Hergang und Verlauf der Fäulniss in allen Fällen vom 
ersten Augenblick bis zum letzten ein und derselbe ist, nur modificirt 
in der Beschleunigung, nicht nur nach den Medien, sondern nach allen 
dreien (§§. 15—17.) aufgezählten Bedingungen. Es erscheint demnach 
zweckmässiger, nur einen ganz allgemeinen Maassstab in Betreff aller 
drei Medien: Luft, Wasser und Erde, festzuhalten, wonach man dann 
im conercten Falle mit demselben alle übrigen , oben genannten mitwir- 
kenden Momente in Erwägung ziehen kann, und danach hier abrech- 
nen, dort zurechnen wird. Wie schwer es nun auch sein mag, einen 
solchen allgemeinen Maassstab als Anhalt für die Beurtheilnng zu ge- 
ben, so glaube ich doch, wenn ich meine Erfahrung zu Rathe ziehe, 
mich nicht von der Wahrheit sehr zu entfernen, wenn ich folgenden 
Satz aufstelle: bei ziemlich gleichen Durchschnitts-Tempera- 
tnren entspricht in Betreff des Verwesungsgrades eine 
Woche (Monat) Aufenthalt der Leiche in freier Luft zweien 
Wochen (Monaten) Aufenthalt aerselben in Wasser und 
acht Wochen (Monaten) Lagerung auf gewöhnliche Weise 
inderErde. Es werden also caet par. drei Leichen ungefähr das- 
selbe Verwesungsstadium zeigen, von denen A. einen Monat z. B. auf 
dem Felde liegen geblieben war, B, vor zwei Monaten ertrunken und 
C, vor acht Monaten gestorben und in einem gewöhnlichen Sarge be- 
erdigt worden war. Bei der Schätzung nach diesem Maassstabe und 
gehöriger S^ritik der Umstände des Einzelfalles wird man vor erheb- 
lichen Irrthümem gesichert sein. 



3,S §. 19. Zeitfolge der Verwesungserscheiaungen. Aeusserlich. 



§. 19. Zfitfolj;« ditr YfrwesungsfrsrhelnvDgen. Aevsserllch. 

Die grosse Mehrzahl aller Leichen, die auf den gerichtlichen Sec- 
tionstisch kommen, sind solche, die bisher in der Lnft gelegen hatten, 
und diese nehmen wir als Typen, nm danach den Fortgang des Ver- 
wesungsprocess zu schildern. 

1) Das chronologisch erste Zeichen ist bekanntlich die Färbung 
der Bauchdecken in s Grünliche (die Ausnahme von der Regel bei Er- 
trunkenen wird unten [§. 48. spec. Theil] betrachtet werden), womit 
zugleich der eigentliche Verwesungsgeruch entsteht. Je nach der hohem 
oder niedern Temperatur und nach, der Verschiedenheit der individuel- 
len Bedingungen (§. 14.) entsteht diese Verfärbung in ?4— 36 Stunden 
nach dem Tode. 

2) In derselben Zeit werden die Augäpfel weich, nachgiebig für 
den Druck mit dem Finger. 

3) Nach 3 — 5 Tagen, immer vom Tode angerechnet, hat sicii die 
grüne Färbung mehr saturirt und über den ganzen Unterleib, mit Ein- 
schluss der äussern Geschlechsttheile, verbreitet, wo sie aber in beiden 
Geschlechtern gleich eine mehr braungrüne, schmutzige Beschaffenheit 
annimmt. Bei sehr vielen Leichen, namentlich bei allen, bei denen 
Erstickung concurrirt, drängen blutig-schaumige Flüssigkeiten aus Nase 
und Mund mit mehr oder weniger grossen Luftblasen hervor. Gleich- 
zeitig bcguinen, mit grosser topischer Unregelmässigkeit, sich grüne 
kleine oder grössere Flecke an andern Stellen, namentlich am Rücken, 
an den Unterextremitäten, am Halse, an den Seitenflächen der Brust 
auszubilden. 

4) Nach acht bis zwölf Tagen etwa hat sich die Verfärbung mit 
der der Geruch immer ganz gleichen Schritt geht, mehr und mehr, 
durch Zusammenfliessen der einzelnen Inseln, über den ganzen Körper 
verbreitet und ist dunkler geworden. An einzelnen Stellen, namentlich 
im Gesicht und am ganzen Halse bis zur Brust, wird sie schon jetzt 
röthlichgrün, weil das in\s Zellgewebe ausgetretene, zersetzte Blut durch- 
schinmiert. Die Fäulnissgase haben sich zu entwickeln begonnen, und 
blasen den Unterleib hoch auf. Sie sind, aber nicht in allen Fällen, 
brennbare Gase, Schwefel- und Phosphor- Wasserstoffgas. Man kann 
dann ein ziemlich lange brennendes Flänmichen unterhalten, wenn man 
in solchen Fällen einen kleinen Einstich durch die geschwollenen Bauch- 
decken macht, und eine angezündete Kerze davor hält. Das Anzün- 
den der Fäulnissgase gelingt fast ausnahmslos bei den sich im Hoden- 
sack entwickelnden Gasen. Die Hornhaut ist concav eingesunken, die 
Farbe der Augen aber noch erkennbar, während nicht in allen Fällen 



§. 19. Zeitfolge der Verwesungseracheinungen. Aeusserlich. 39 

dad Offeasein der Papillen bei unreifen Leibesfrüchten mehr festzustel- 
len ist. Der Splincter Ani steht offen. An einzelnen Stellen, beson- 
ders gern an den Extremitäten und auf Hals und Brust, sieht man 
eehmutzig-rothe Hautvenenstränge sich durch die noch heller gebliebe- 
nen Hautstellen hindurchschlängeln. Die Nägel sitzen noch fest. 

5) Vierzehn bis zwanzig Tage nach dem Tode zeigt sich die Ver- 
wesui^farbe am ganzen Körper gleichmässig froschgrün und blutroth- 
braun verbreitet. Die Oberhaut ist stellenweise in wallnusgrossen Bla- 
sen erhoben; an anderen Stellen in Handtellergrösse und in noch wei- 
term Umfange ganz abgelost. Zahllose Maden bedecken den Körper 
und suchen namentlich die faltigen Stellen und natürlichen Höhlen auf. 
Die Gasentwickelung hat so zugenommen, dass nicht nur die Bauch- 
decken wie eine grosse Kugel gewölbt erscheinen, die Brust deutlich 
künstlich gewölbt ist, sondern dass auch das ganze Zellgewebe wie 
aufgeblasen scheint. Dadurch gewinnt der ganze Körper ein giganti- 
sches Ansehn. Aus eben diesem Grunde sind jetzt auch die Gesichts- 
züge nicht mehr erkennbar, und das Recognosciren der Leiche, auch 
von Seiten genauer Bekannten, findet Schwierigkeiten, denn indem die 
Augenlider, die Lippen, die Nase, die Backen stark aufgeschwollen er- 
scheinen, muss natürlich die Physiognomie eine ganz andere geworden 
sein, als sie früher war. Dazu kommt, dass die Farbe der Augen 
jetzt nicht mehr erkennbar ist, denn der Augapfel, in welchem eine 
Iris und Pupille nicht mehr sichtbar, zeigt bei allen derartigen Leichen 
ohne eine Ausnahme eine gleichförmige schmutzigrothe Färbung in der 
ganzen Continuität der Sclerotica, Bei Männern ist jetzt der Penü un- 
f&rmlich und colossal angeschwollen, und der Hodensack, der an der 
allgemeinen Verfärbung Theil nimmt, kann die Grösse eines Kindes- 
kopfes erreichen. Die Nägel sind mit ihren Wurzeln abgelöst und lie- 
gen locker und leicht abziehbar an den Gliedern. Die Kopfschwarte 
löst sich leicht ab. Das Eintreten dieses höhern Verwesungsgrades ist 
übrigens sehr merklich durch die Lufttemperatur bedingt, und man kann, 
wenn man Witterungsextreme in's Ai^e fasst , -f- 1 G bis 20 *^ K. im 
Sommer einer Wintertemperatur von bis 4~ 8^ insofern vergleichen, als 
jene schon in 8 — 10 Tagen bewirkt, was in dieser erst in 20 — 30 Ta- 
gen zu Stande kommt. In diesem Stadium der Fäulniss wimmelt, wie 
gesagt, der Leichnam schon von Maden, und nichts Ungewöhnliches ist 
es, wenn derselbe frei in der Luft, oder wenn er im Wasser gelegen 
hatte, zu sehn, dass er auch andern Tbieren bereits zur Nahrung ge- 
dient hat. Es sind dies die Land- und Wasserratten (diese vorzugs- 
weise), Hunde, Katzen, Raubvögel, Füchse und Wölfe. Unsere Fluss- 
fisehe fressen Leichname nicht an. Man findet die Spuren dieser Ge- 



40 §• 19. Zeitfolge der Verwesungserscheinuogen. Aeusserlicb. 

frässigkeit an Brost and Bauch, die oft dadurch geOffhet sind, oder an 
den Extremitäten, an denen oft ganze Stellen wie bis auf die Knochen 
abpräparirt erscheinen. Die derartig entstandenen Oefinungen der Höhlen 
und überhaupt diese Verletzungen von Weichgebilden wird man bei eini- 
ger Aufmerksamkeit nicht mit traumatischen Einwirkungen 
verwechseln können. Man kann bei einer wie hier geschilderten Be- 
schaffenheit des Leichnams nun wohl mit einiger Sicherheit erklären, 
dass der Mensch, je nach den verschiedenen Temperaturen und Medien, 
mindestens so lange todt sei, als oben angegeben, aber nicht, dass 
er längstens vor eben dieser Zeit gestorben, denn dieses so eben an- 
gegebene Stadium der Verwesung erhält sich im Allgemeinen, worin es 
sich von den frühem unterscheidet, sehr lange, viele Wochen, ja einige 
Monate, und geht nun ganz alhnälig in das folgende Stadiimi über. 
Grünfaule, aufgeblähte und excoriirte Körper von einem 
und von drei bis etwa fünf Monaten nach dem Tode ver- 
flossener Zeit (caet par.) sind nicht mit einiger Sicherheit 
von einander zu unterscheiden. 

6) Nach vier bis sechs Monaten, bei Leichen, die in warmen und 
nassen Medien lagen, schon früher, tritt das Stadium der putriden Col- 
liquation ein. Die Bedeckungen der Höhlen sind durch die fortwährende 
Gasentwickelung gesprengt, und Brust- und Bauchhöhle liegen offen. 
Selbst die Schädelnähte haben oft dem Drucke weichen müssen; die 
Schädelknochen sind dann in den Suturen geplatzt, und das Gehirn ist 
ausgeflossen. Ebenso sind die Augenhöhlen leer. Alle Weichtheile 
sind in breiiger Auflösung begriffen, oder theilweise, und später je mehr 
und mehr, bereits aufgelöst, aufgezehrt und verschwunden; ganze Kno- 
chen, namentlich die des Schädels und der Extremitäten, liegen nackt 
da. Die Extremitäten - Knochen zeigen sich auch häufig jetzt schon, 
wegen Zerstörung der Fascien und Bänder, aus den Gelenken gelöst. 
Keine Spur einer Physiognomie ist mehr erkennbar. Ob weibliche 
Brüste vorhanden waren, ist gleichfalls nicht mehr zu bestimmen, und 
da auch die äussern Geschlechtstheile jetzt ganz verschwunden sind, so 
kann man nach dem äussern Habitus nur dann noch das fragliche Ge- 
schlecht des Verstorbenen bestimmen, wenn die Schaam haare oder 
der Wuchs derselben noch sichtbar sind, was nicht selten der Fall ist. 
Eine scharfe Begrenzung derselben auf dem Schaamberge bezeichnet 
nämlich bekanntlich das weibliche, eine Fortsetzung derselben bis zum 
Nabel das männliche Geschlecht. Ausnahmen von dieser Regel will 
Schulze*) nicht zu selten beobachtet haben. Die Möglichkeit, an 



) ß. Jenaische Zeitschr. Bd. IV. Hft. 2. S. 312. 



§. 20. Zeitfolge der Verwesangserschemungen. Verseifung. 41 

einem solchen, ganz unkenntlich gewordenen Körper noch das Ge- 
schlecht zn bestimmen, kann überdies auch selbst in diesem Stadium 
noch durch die Untersuchung: ob ein Uterus vorhanden? gegeben 
»ein*). 



§. 20. rortsetzvi;. VerseifaBs. 

Wenn fortwährend auf den verwesenden Leichnam Wasser einwirkt, 
sei es, dass er im Wasser selbst, oder auch nur in einem sehr feuch- 
ten Erdreich läge, dann, aber auch nur dann, und im Allgemeinen 
desto leichter, je fetter der Körper war, weshalb Kinderleichen leichter 
verseifen, als die Leichen Erwachsener, schreitet die colliquative Ver- 
wesung nicht weiter vor. Unter weitern, mit Ausnahme der beiden eben 
ai^egebenen, unbekannten Bedingungen, tritt dann bei manchen, keines- 
wegs bei allen Leichen ein Verseifungsprocess ein, indem sich die Fett- 
säure mit dem Ammoniak verbindet, und es bildet sich das Leichenfett, 
Fettwachs, adipocire.**) Wann dieser Saponificationsprocess sich zu 
bilden beginnt, ist schwer auch nur allgemein zu bestimmen. Dass^ die 
Todtengräber auf dem Kirchhofe des Innocem in Paris, wo man zuerst 
Erfahrungen im Grossen über das Leichenfett zu machen Gelegenheit 
hatte (Fourcroy), weit vom Ziele abirrten, wenn sie einen Zeitraum 
von dreissig Jahren annahmen, ist zweifellos. Es bildet sich, wenn es 
sich bildet, sehr viel früher. Devergie*^ meint, es erfordere Ein 
Jahr, um den ganzen Leichnam eines Ertrunkenen, und ungefähr drei 
•labre, um einen, in der Erde liegenden Leichnam zu saponificiren. Ich 
habe indess unter meinen selbstbeobachteten Fällen von Yerseifung, 
ausser dem unten folgenden Fall von theilweiser Verseifung nach 
wenigen Wochen, den Fall eines neugeborenen Kindes anzuführen, das 
erst dreizehn Monate in einem Garten, der sehr feuchten Boden hatte, 
in grober Packleinewand eingehüllt, vergraben gewesen, und das be- 
reits etwa zu einem Dritttheil des ganzen Körpers saponificirt war, 
so ^ie endlich einen neusten Fall, in welchem ich die sämmtlichen aus- 
gegrabenen Reste einer Frucht in Fettwachs eingebettet fand, welche, 
wie in der öffentlichen Verhandlung festgestellt wurde, genau erst vor 
6^^ Monaten im Garten vergraben worden war. In weniger als drei bis 



*) s derartige Fälle iu den Casuistik diebes Werkes. 

**) Ueber die Theorie der Fettwachsbildung verweise ich auf Orfila, s. a. ü. I. 
S. 328. Eine chemische Untersuchung von Wetherell s. im Arch. der Pharmacie 
1857 Februar, S. 203. 

•••; a. a. 0. I. S. 97. 



42 §• ^' Zeitfolg^e der VerwesungserBcheinungeii. Verseifong. 5. Fall. 

vier Monaten im Wasser und einem halben Jahre in feachter Erde 
dürfte wohl Adipocire - Bildung in grösserem Umfange nicht zu Stande 
kommen. In grösserm Umfange, denn Anfänge zu ihrer Entwickelang 
findet man auch schon früher. Nach Taylor 's Experimenten beginnt 
die Fettwachsbildnng in Muskeln und Fett nicht vor zwei Monaten. Be- 
ginnende Fettwachsbildung am rechten Vorderarm und Oberschenkel 
einer nicht ausgetragenen, in feuchter Kellererde verscharrt gewesenen 
Fracht sah ich nach drei bis vier Wochen. Gebildet ist es auch für 
den Ungeübtesten nicht zu verkennen. Es ist ein homogenes» rein oder 
schwach gelblich-weisses, fettiges, in den Fingern dehnbares, weich zu 
schneidendes, an der Flamme schmelzbares Gebilde, von einem keines- 
wegs sehr widerlichen, sondern von dumpfig-käseähnlichem Geruch. Das 
Muskelgewebe mit seinen Sehnen und Sehnenscheiden wird am frühsten 
ergriffen. Es giebt aber kein äusseres und kein inneres Organ, das 
nicht der Fettwachsbildung unterläge. Alle davon befallenen Theile 
werden zu unförmlichen Klumpen, in denen die ursprüngliche Bildung 
nicht mehr zu erkennen ist. Nach den Versuchen von Güntz^ hat 
das gebildete Fettwachs einer Leiche mehr Volum, als alles Fett, was 
der Körper besass. Es ist dieser Umstand bei der Bestimmung des 
Gewichtes der Leiche eines Neugebornen zur Feststellung seines Alters 
sehr zu beachten, um so mehr, als die Erdleichen dieser Beschaffenheit 
ohnedies durch das anklebende Erdreich u. s. w. , das gar nicht ganz 
davon zu entfernen ist, schwerer werden. Ich habe niemals einen gan- 
zen Leichnam vollständig verseift gesehn, und kann deshalb die 
gleichlautende Behauptung Devergie's nur bestätigen**). Indess be- 
obachtete ich die vollständige Verseifung eines Foetus in utero. 

6. Fan. Vollständige Ver8ei{|ang eines Foetus in utero* 

Da dieser Fall auch in anderer Beziehung interessant ist, so lasse ich ihn in fx- 
tenso folgen. Die richterliche Frage lautete , ob die Frau N. jetzt ohne Gefahr für ihre 
Gesundheit eine Reise von hier nach Königsbor^ i- P. unternehmen könne. Ich berich- 
tete, wie folgt: Die N. , 40 Jahre alt, giebt an, vier Mal geboren zu haben, wovon ein 
Mal durch eine Fehlgeburt. Im Juni a. p. seien plötzlich ihre bis dahin regelmassig 
wiedergekehrten, im Mai zuletzt erschienenen Regeln ausgeblieben, und habe sie von 
da an eine neue Schwangerschaft datirt Wie bei früheren Schwangerschaften habe 
sich auch jetzt Erbrechen und Unwohlsein eingestellt. Ihr Leib sei starker geworden. 
Milch habe sich in den Brüsten gebildet, und nach etwa vier Monaten habe sie Be- 
wegungen gespürt, welche sie für Kindesbewegungen gehalten habe. 

Seit drei bis vier Monaten habe sich ihr Zustand we'^entlich verändert Der Leib 
sei gesunken, die Milch aus den Brüsten verschwunden, sie habe wiederholeutlich und 



•) a. a. 0. S. 3b 
♦♦) Fille von Fettwachsbildnng s. Fall 19., 20., 32., 35., 37., 370. 



§. 20. Zeitfolge der Verwesungserscheinungen. VerseifiiBg. 5. Fall. 43 

noch jetzt Frostanfalle gehabt, ein leichter, blutwasserahnlicher Abgang aus den Ge- 
Bchlechtstheilen habe sich eingestellt, der einen üblen Geruch angenommen habe, und 
wehenartige Schmerzen seien aufgetreten , so dass sie einen Abort befürchtete , indessen 
sei ein solcher bisher nicht eingetreten, so dass sie über ihren Zustand auf das Aeus- 
serste besorgt sei. 

Ich fand Ezplorata im Bette mit fieberhaft erregtem Pulse und nerros sehr erregt. 
Sie ist sehr fetter Leibesbeschaffenheit und sind auch die Bauchdecken sehr fettreich. 
Der Leib ist weich. In dem rechten Hypochondrium fühlt man eine Geschwulst Ton 
mehr als FaustgrÖsse. Hier ist Explorata bei Druck empfindlich. Die Percussion ist 
da-selbst leer. Innerlich steht der Gebärmutterhals hoch, weicht nach links hin ab, folgt 
bei Druck auf die Geschwulst nach unten. Der Gebärmuttermund ist quer, nicht son- 
derlich geöffnet Der Hals ist etwa ein Fingerglied laug, nicht weich. Nach rechts 
hin fühlt man neben dem Halse und nach oben hin das untere Segment einer Ge- 
schwulst, welche sich hart uud prall anfühlt. Ein Ausfluss war zur Zeit der Unter- 
SQchnng nicht vorhanden. 

Aus dem Vorstehenden ergiebt sich, dass jedenfalls ein abnormer und krankhafter 
Zustand vorhanden ist. Es dürfte unmöglich sein, nach einmaliger Untersuchung, zu- 
mal bei einer so fetten und deshalb schwieriger zu untersuchenden Person und bei 
nicht fortgesetzter Beobachtung in einem nicht gewöhnlichen Falle, wie der vorliegende, 
ein bestimmtes Crtheil über die vorhandene Abnormität zu ^len, ob nämlich eine 
Krankheit der Gebärmutter vorliege, oder ob, was nach dem übrigens glaubhaft erschei- 
nenden Berichte der Explorata das Wahrscheinlichste ist, vielmehr eine durch Ab- 
sterben des Foetus erfolgte Unterbrechung des Verlaufes der Schwangerschaft vorhan- 
den ist, ohne dass bisher es zu einer Ausstossang des Foetus gekommen ist; indem, 
wenn auch in seltenen Fällen, beobachtet worden ist, dass die eigentliehe Geburt des 
aegestorbenen und Hegengebliebenen Foetus erst nach Monaten, mitunter auch gar nicht 
erfolgt, sondern eine Resorption , resp. Umwandlung in eine steinartige Masse desselben 
erfolgt Misshand hingen, wie Gemütbsbewegungen während der Schwangerschaft, dis- 
poniren erfahningsgemäss zum Absterben der Frucht. Beide Momente haben angeblich 
auf die N. eingewirkt. 

Wenn nicht mit positiver Bestimmtheit zu sagen, dass gtrade der erwähnte Um- 
stand vorliege, so ist jedenfalls ein krankhafter Zustand der Geschlechtstheile vorhan- 
den, welcher nicht ohne Rückwirkung auf das Allgemeinbefinden der Explorirten ge- 
blieben ist. 

Es ist einleuchtend, dass dieselbe aber in diesem Zustande eine Reise überhaupt 
nicht, geschweige denn eine so weite Reise in dieser Jahreszeit unternehmen kann, 
9choo aus dem Grunde allein nicht, weil sie, die Richtigkeit der oben als wahrschein- 
lich anfgestellten Vermuthung angenommen, dass sie nämlich einen abgestorbenen Foetus 
trage, unterwegs den Chancen einer Entbindung von demselben ausgesetzt ist, die kei- 
neswegs ein nur vorübergehender Eingriff in die Gesundheit genannt werden kann. — 
Ganz abgesehen hiervon ist aber Ejplorata allgemein leidend und tageweise bettlägerig 
krank, und ist nach alledem, wohin ich mich amtseidlich erkläre, aus einer jetzt und 
für die nächste Zeit zu unternehmenden Reise nach Königsberg in Preussen für die 
Fnn N. eine nahe, bedeutende und nicht wieder gut zu machende Gefahr zu befürchten. 

Dies Gutachten war am 24 Januar abgegangen , als am 28. Januar eine Hebamme 
bei mir erschien und meldete, dass die N. gestern entbunden worden sei. Sie brachte 
mir einen Fötus mit, welcher 7\ Zoll lang war, und seiner übrigen Bildung nach etwa 
Ende des vierien oder Anfang des fünften Monates sich befinden mochte. Die Placenta 
hing durch die Nabelschnur noch mit der Frucht zusammen. Die Frucht hatte weder 
das Ansehen einer frischen, noch das einer todtfaulen Frucht, sondern glich durch grau- 



44 §.21. Zeitfolge der Verwesungserscheinungen. Humification. 

gelbe Farbe und zähe, lederartige Consistenz der Haut vielmehr einem Spirituspraparat, 
nur dass sie nicht danach roch. Sie fühlte sich glatt und schlüpfrig an. Dieser Zustand der 
Saponification findet sich nur bei Früchten, welche längere Zeit im Uterus geblieben sind, 
nachdem sie, gewöhnlich frühzeitig, abgestorben waren, am häufigsten da, wo von Zwil- 
lingen frühzeitig einer abgestorben war, der andere fortgelebt hatte, oder bei Bauch- 
schwangerschaften, bei denen der Foetus abstarb und Monate lang in der Bauchhöhle 
liegen blieb (wie Hohl einen Fall mittheilt). Doch, wie der mitgetheilte Fall lehrt, 
auch bei einfachem Foetus am rechten Orte. Beiläufig ist dies übrigens der ein- 
zige Fall, wo der ganze Körper verseift, während soust nur stellenweise Yerseifungen 
bei langem Aufenthalte im Wasser oder in feuchter Erde angetroffen werden. — Die 
Bedingungen des Absterbens waren am regelmässig gebildeten Foetus, der Nabelschnur 
und Placenta, die ebenfalls saponificirt waren, nicht sichtbar, und interessant sind die 
hier constatirten Gemüthsbewegungen, wie Misshandlungen, welche anscheinend die Ver- 
anlassung zum Absterben der Frucht gegeben haben. 



§.21. PortMtiiig. IvMtleati«!!« 

Insofern man bloss die Erhaltung des Leichnams durch unbestimmte 
Zeit im Auge hatte, war es nicht unangemessen, wie Einige thun^), 
eine fette und eine trockene Mumisinmg anzunehmen. Aber die „fette 
Mumisirung^ oder Yerseifung ist sowohl chemisch, wie für die sinnliche 
Wahrnehmung, ein so durchaus eigenthümlicher Process und so ver- 
schieden von der eigentlichen Humification, dass beide Umwandlungen 
ganz zu trennen sind, wenngleich wir beide gemeinschaftlich an einer 
und derselben Leiche gefonden haben. Bekanntlich nennt man Mu- 
mification jene merkwürdige vollständige Austrocknung des Leich- 
nams, wobei derselbe im Allgemeinen seine Form, ja sogar seine, 
wenn auch entstellten, Gesichtszüge behält, und eine rostbraune Farbe 
annimmt. Die Haut eines solchen Körpers ist trocken, pergamentartig 
hart, fest an den Knochen anliegend. Der Geruch ist gar nicht dem 
verwester Leichen ähnlich, sondern dem des alten Käses. Die iuneren 
Organe findet man theils ganz verschwunden, theils in eine schwarz- 
braune, trockene, und für das unbewaffnete Auge gewöhnlich organisch 
unkennbare Masse verwandelt, in der sich, namentlich in der Bauch- 
höhle, die einzelnen mit einander verschmolzenen Theile schwer heraus- 
finden lassen. Microscopische und chemische Analysen hat Toussaint 
theils selbst angestellt, theils gesammelt**). Dass eine solche Verwand- 
lung der Leiche künstlich durch Einspritzungen von Arsenik, durch 
allerhand verschiedene Einbalsamirungs-Methoden u. s. w. erzeugt wer- 
den kann, war schon den Egyptern bekannt. Desto weniger aber sind 



*) Siebeuhauer, encycl. Handbuch der ger. Arzneik. Leipzig, 1838. I. S. 474. 
♦•) 8. Vierteljahrsschr. für ger. u. off. Med. 1857. XI. S. 203 u. f. 



§. 21. Zeitfolge der Verwesuugserscheinungen. Mumificatioii. 45 

es die allgemeinen Bedingungen der natürlichen Momification, von denen 
man nur einige kennt. Sie entsteht eben bo gut an Leichen, die, in 
Gewölben beigesetzt, oder sonst anf andere Art beständig einem aus- 
trocknenden Luftzüge ausgesetzt sind, wie man an einer Leiche sehen 
kann, die seit mehr als sechzig Jahren in Charlottenburg bei Berlin in 
einem offenen, nur mit einem eisernen Gitter verschlossenen Gewölbe 
beigesetzt, und vollständig mumificirt und wohl erhalten ist, als dieselbe 
andererseita in möglichst von der Luft abgeschlossenen, in Blei sargen 
u. dergl. beerdigten Leichen vorgekommen ist*). Dass Leichen in 
beissem. austrocknendem Sande leicht mumificiren, scheint nicht zu be- 
zweifeln, und die Erzählungen von ganzen, in den arabischen Sand- 
wtlsten verschütteten Caravanen, die man in späten Zeiten als Mumien 
wiedei^efunden, sind nicht unglaubwürdig; denn sehr hohe Temperatur, 
zumal wenn dieselbe mit sehr grosser Trockenheit verbunden, scheint 
vorzugsweise die Mumification zu begünstigen, weil diese Einflüsse — 
eben auch wie ein beständiger Luftzug — den Wassergehalt der Leiche 
rasch verflüchteten. Kinder sollen leichter als Erwachsene, Weiber ra- 
scher als Männer, magere Körper schneller als fette mumificiren. — In 
Betreff der Lebensweise des Verstorbenen will Rieke**), welcher das 
Vorkommen natürlicher Mumien auch auf den Stuttgarter Kirchhöfen 
behauptet, von den dortigen Todtengräbern das bekannte humoristische 
Wort ihres Collegen in der köstlichen Todtengräberscene im Hamlet be- 
stätigen gehört haben, „dass das Verfaulen bei einem Lohgerber volle 
neun Jahre dauere^, wofür jedoch noch andere Untersuchungen als so 
unzuverlässige von Todtengräbern abzuwarten sein werden. Gewiss ist, 
dass, einmal ausgebildet, die Mumie sich Jahrtausende laug erhalten 
kann. Es würde demnach erforderlichen Falls kaum mit einiger Wahr- 
sdieinlichkeit zu bestimmen sein, wie lange ein mumificirt gefundener 
Körper schon verstorben sein könne, denn mit der ganz allgemeinen, 
wohl haltbaren Erklärung, dass allermindestens der Tod schon vor Jahr 
und Tag erfolgt sein müsse, wird dem Untersuchungsrichter wohl nur 
in den seltensten Fällen gedient sein. Wie schnell unter begünstigen- 
den Umständen ein Foetus mumificiren könne, beweist der folgende 
Fall, dessen Präparat ich in unserer Sanmilung aufbewahre. 



*) Nach der Versicherung des Prof. Demaria, Herausgebers der italieaischen 
Uebersetzong dieses Handbuchs, ist die Mumification der Leichen in verschiedenen Oert- 
lichkeiten Piemonts sogar eine recht häufige Erscheinung, wofür D. mehrere Beispiele 
anführt 

*^) lieber den Einflass der Vewesungsdanste u. s. w. Stuttg. 1840. 



4(» §. 22. Zeitfolge der Verwesungserscheinun^en. Innerlich. 6. Fall 

6. Fall. Mumification eines Foetus nach 10 Wochen. 

Am 1. October 1867 fand man in einer Schachtel, in einen Lappen eingewickelt 
im Ofen aufbewahrt, dessen Klappe und Tbür geschlossen waren, einen Foetus, den 
ich in Bezug auf seine Lebensfähigkeit zu besichtigen hatte. Es war ein skelettartiger 
mumificirter Foetus von 5 Zoll Länge und es wurde durch die Untersuchung festge- 
stellt, dass die unverehelichte S. denselben am 15. Juli 1867 geboren und dort aufbe- 
wahrt hatte. Es rührte somit die kleine Mumie, die sich unter der begünstigenden Be- 
dingung der Zugluft gebildet hatte, von einer vor 10 Wochen stattgehabten Geburt her, 
und würde man sicherlich geneigt gewesen sein, ohne EenntTiiss der Thatsachen ihr ein 
längeres Alter zu vindiciren. 

Für den gerichtlichen Sectionstisch haben imr eine wirklich prak- 
tische Bedeutung: die Mumificirung der Nabelschnur bei Neugeborenen 
und die Mumification der Leichen nach Arsenikvergiftungen, und auf 
diese Beide wird unten zurückzukommen sein. (YergL Spec. Theil.) 



§. 22. Zeitfolge der VerwesvDgsersckfimingeii. hierliek. 

Nie und unter keinen Bedingungen unterliegen die innem Organe 
in gleichmässiger Einwirkung dem Yerwesungsprocesse. Ihre so sehr 
verschiedene histologische Structur, ihr verschiedener Gehalt an Blut 
und andern Flüssigkeiten, ihre oberflächlichere oder tiefere Lage, die 
ihrerseits wieder eine geringere oder stärkere Imbibition mit Flüssig- 
keiten nach dem Gesetze der Schwere bedingt, und endlich die Mög- 
lichkeit des Zutritts der atmosphärischen Luft zu ihnen, die bald er- 
leichterter, bald erschw^erter ist, bedingen vielmehr die bemerkenswer- 
thesten Verechiedenheiten. Es giebt Weichgebilde, die eine zwanzig- 
bis dreissigfach so lange Zeit bedürfen, um vollständig zu verwesen, 
als andere, und die Chronologie der Fäulniss der einzelnen Innern Or- 
gane ist deshalb eine eben so sichere und eher noch eine mehr Sicher- 
heit gewährende Unterlage für das Urtheil, betreffend die Bestimmung 
der Zeit des Todes, als die Berücksichtigung der Stadien der Verwe- 
sung der Körperoberfläche. Nach meinen langjährigen Beobachtungen 
an Leichen aus allen Stadien, und unabhängig von dem, was Andere 
behaupten, die aus dieser Frage gleichfalls ein Studium gemacht haben 
(Bichat, Orfila, Devergie, Güntz, Hebreard), glaube ich Fol- 
gendes als zuverlässig geben zu können. 

1) Das am frühesten durch die Verwesung alterirte innere Organ 
ist die Luftröhre mit Einschluss des Kehlkopfes. Bei noch ganz 
frischen oder bei solchen Leichen, bei denen sich äusserlich am ünter- 
leibe nur erst einzelne grüne Flecke zu zeigen beginnen, die noch insel- 
artig getrennt von einander stehen, zeigt sich die Schleimhaut der 
Trachea in ihrem ganzen Verlauf bis in die Bronchien noch todten- 



§. 22« Zeitfolge der Verwesnngserscheinungen. Innerlich. 47 

bleich, voraTisgesetzt , dass der Tod nicht durch Erstickung oder La- 
r\fngiii9 erfolgt war. Sobald aber die Verwesung nur irgend weiter vor- 
geschritten ist, und meist schon bei solchen Leichen, die im Uebrigen 
äusserlich noch frisch erscheinen, bei denen aber schon der ganze Unter- 
leib eine zusammenhängende grüne Oberfläche darbietet, also im Allge- 
meinen im Sommer nach drei bis fünf, im Winter nach sechs bis acht 
Tagen, findet man, während noch kein anderes Oi^an irgend sichtbar 
von der Verwesung ergriffen und in seiner natürlichen Beschaffenheit 
verändert ist, bereits die Schleimhaut der Luftröhre verfärbt, nämlich 
gleichmässig schmutzig, grün, grünbraun, kirschroth oder braunroth, 
ohne dass man in dieser Verfärbung Gefässinjectionen erkennen kann. 
Ob Imbibition hier wirksam sei, oder der unmittelbare Zutritt der 
atmosphärischen Luft, mag dahingestellt bleiben. Man hüte sich nicht 
für Capillarinjection und Resultat des Erstickungs- oder Ertrinkungs- 
todes zu halten, was einfaches und früh eintretendes Leichenphänomen 
ist. Die verschiedenen Lebensalter, Constitutionen und Todesarten be- 
dingen hier durchaus keinen Unterschied. Im weitem Verlauf der Ver- 
wesung wird die Luftröhrenschleimhaut olivengrün, die Knorpel des 
Kanals trennen sich von einander, worüber indess Monate vergehen, bis 
sie zuletzt im allgemeinen Auflösungsprocess verschwinden*). 

2) Das Gehirn der Neugebornen und der Kinder bis etwa 
gegen das erste Lebensjahr hin folgt zunächst in der frühen Verwesung. 



*) Ich habe zu viele Hunderte von Leichen auf diesen Umstand hin sorgfaltig 
ontersacht, und niemals eine einzige Ausnahme gefunden, um nicht die Behauptung 
Ulfstellen zu dürfen, dass man geeigneten Falls aus diesem frohen Verwesen der Luft- 
röhre auch noch andre Schlüsse, als den über die Zeit des Todes, ziehen dürfe Dies 
geschah in einem Falle, der der wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen 
mm Superarbitrium vorlag. Die Obducenten eines Falles von sehr zweifelhafter Er- 
stickung hatten übersehen, die innere Fläche der Luftröhre, so wie deren etwanigen In- 
halt, zu untersuchen. Die Deputation konnte deshalb die Annahme des Erstickiings- 
todes Seitens der Gerichtsärzte nicht für gerechtfertigt erklären, und machte ihre Gründe 
im Superarbitrium geltend. In Folge desselben fand sich die Staatsanwaltschaft ver- 
anlasst, eine nachträgliche Erklärung der Obducenten, namentlich über den genannten 
Pnnkt, einzufordern. Dieselben gaben minmehr, nachdem jetzt bereits eine lange Zeit 
seit der Obduction verflossen war, aus dem Gedächtniss zu Protokoll: dass Luftrohre 
imd Kehlkopf leer, und deren Schleimhaut blass gefunden worden seien. Nun aber er- 
^b das Obduetions- Protokoll, dass die Leiche zur Zeit der Section bereits in hohem 
Grade verwest gewesen war, und wir mussten im nachträglich eingeforderten Ober-Gut- 
achten, auf Grand der hier mitgetheilten Erfahrungen, mit Bestimmtheit erklären, dass 
hier ein Gedächtniss-Irrtbum der Obducenten obwalten müsse, indem niemals bei schon 
lehr verwesten Leichen die Luftrohre noch unangegriffen von der Fäulniss gefunden 
wurde, vielmehr dies Organ dasjenige sei) das grade am frühsten die Wirkungen der- 
selben zeige. Der Fall blieb sonach unentschieden, und zeigt, dass die hier angeregte 
Frage keine massige, sondern eine Frage von entschieden practischer Wichtigkeit ist 



48 §• ^*^' Zeitfolge der Verwesungserscheinungen. Inaerlich. 

Wahrschemlich begüüstigt die natfirliche, noch so weiche Beschaffenheit 
des Organs bei kleinen Kindern diese frühe Zerstörung, an ii^elcher 
gewiss anch der Umstand Theil hat, dass die atmosphärische Lnft dnrch 
die nnr mit sehnigt -häutigen Gebilden bedeckten Fontanellen leichtem 
Zutritt gewinnt. Hieraus erklärt es sich, warum dieses Gehirn entschie- 
den früher fault, als das der Erwachsenen, das weit derber und fester, 
und durch eine ungetrennte Enochenhülle gegen die Einwirkung der 
Luft geschützt ist. Gewiss ist, dass bei noch völliger Integrität aller 
Höhlenorgane, wenn nur äusserlich schon Verwesungsfarbe sichtbar ist, 
das Gehirn bei kleinen Kindern jenes Alters schon zerstört gefunden 
wird. Es füllt dann die Schädelhöhle nicht mehr aus, und ist in einen 
mehr oder weniger flüssigen, rosenröthlichen Brei verwandelt, welcher 
beim Entfernen der Schädelknochen sofort ausfliesst, und gar keine 
Untersuchung der einzelnen Gehimtheile mehr gestattet, ein Umstand, 
der bei Feststellung zweifelhafter Todesarten der Neugebomen sehr 
störend einwirken kann. 

3) Es giebt kein Organ in den Leichen, das in so mannigfach ver- 
schiedenen Formen angetroffen würde, als der Magen. Der Form nach 
bald kleiner, bald grösser, bald von Gas ausgedehnt, bald zusaomien- 
gefallen, bald mit Speiseresten der verschiedensten Art halb oder ganz 
angefüllt, bald leer, ist nicht Ein Magen ganz dem andern gleich. 
Hierzu konmit, dass Färbestoffe den Magen sehr leicht imbibiren, so 
dass seine Schleimhaut die verschiedensten Färbungen zeigt, eine gelb- 
liche von Gallenstoffen, eine blutige, eine schwärzliche von Arzneien, 
von dunkeln Obstsäften u. dergl., eine röthliche von rothem Wein 
u. s. w., wobei wir die Veränderungen durch Krankheiten, Catarrh, 
Entzündung, ätzende Gifte, wie den Leichenprocess der gallertartigen 
Erweichung ganz bei Seite lassen. — Der Magen verwest sehr früh. 
Die ersten Spuren der Fäulm'ss zeigen sich schon nach vier bis sechs 
Tagen in inselartigen, schmutzig verwaschen rothen, nicht umschrieb- 
nen, ganz unregelmässigen, kleinem oder grossem, ja bis zu Handtel- 
ler grossen Flecken im Fundus ^ in welchem man gewöhnlich einzelne 
bluthrothe diffuse Venenstränge sieht, die die rötblichen Flecke 
durchziehen. Es entstehen diese Flecke zumeist durch Imbibition 
des Serums, das den Blutfarbstoff der Blutkörperchen aufgenommen 
hat, in die Gefässwände und durch diese sofort in das anliegende 
Gewebe. Alle diese Erscheinungen zeigen sich zuerst an der hin- 
tern Wand, wo sie durch Hypostase mit bedingt werden, bald 
aber dann auch an der vordem. Gleichzeitig bilden sich auch 
solche blutrothe Venenstränge an der kleinen Curvatur. Sehr wichtig 
ist es, bei zweifelhaften Vergiftungen diese Alterationen zu kennen 
und zu beachten, um sich dadurch nicht zu einem voreiligen Urtbeil 



§. 22. Zeitfolge der Verwesungserscheiniingen. Innerlich. 49 

verleiten zn lassen« Die als Blatstasen, wohl gar als „Gntzündangs- 
spuren*^ von nicht wenigen Schriftstellern geschilderten Flecke, welche 
man als Zeichen des Erstickungstodes beim Erhängen und Ertrinken 
aufgestellt hat, sind durchaus nichts Andres, als diese hier geschilder- 
ten Merkmale der so früh beginnenden Verwesung und wenn man in 
einem Taylor' sehen*) Falle liest: „Die Wandungen des Magens und 
der Eingeweide waren fest und zeigten ,,,,entzandliche^^ ROthung^ 
bei einer nach zwei Jahren nach der Beerdigung wieder ausgegrabenen 
Leiche, so wird man wissen, was von solchen Aussprüchen zu halten 
ist Je mehr die Fäullniss nun vorschreitet, desto mehr verfärbt sich der 
Magen von der sclimutzigrothen bis zur grauschwarzen Färbung, und in 
demselben Maasse unterliegen seine Häute dem Erweichungsprocess, 
der aber gleichmässig in den sämmtlichen Häuten vorschreitet. Nicht 
in einem einzigen Falle hat Gasper eine Ablösung (Excoriation) der 
Schleim- von der Muskelhaut , wie sie als Wirkung ätzender Gifte vor- 
kommt, nicht zu verwechseln mit der bloss emphysematischen Auflocke- 
rang der Macosa^ als blosses Fäulnissproduct, gesehn. Es kann aber 
allerdings, wenngleich äusserst selten, auch vorkommen, dass eine Fäul- 
nissblase geplatzt ist, und dadurch eine Ablösung der Schleimhaut er- 
zeugt ist, indess ist alsdann der Grund dieser Blase wie die Umgebung 
geiärbt und andre vorhandene nicht geplatzte Fäulnissblasen werden die 
Diagnose sichern. 

4) Auf den Magen folgen die Därme in der Zeitfolge der Yerwe 
sang, und für den übrigen Theil dos Darmkanals gilt alles in Betreff 
des Magens Angeführte.**) Die, Jedem, der auch nur einige Leichen- 
öffnungen gemacht hat, bekannte Färbung durch Galienfarbstoffe , die 
durch Exosmose an den der Gallenblase nahe liegenden Darmparthieen 
entsteht, kann nicht täuschen. Desto leichter aber die hypostatische 
Färbung der Darmschlingen, die sich schon früh einstellt, und beson- 



*> Taylor, Die Gifte etc. Coln 1S63 

*^j Ich erinnere mich keines Falles, in welchem wir (unverletzte) Darmparthieen 
froher Ton der Verwesung ergriffen gefunden hätten, als den Hagen, und kann auch 
bierfor einen wichtigen Fall als Belag dazu mittheilen, wie practisch wichtig und un- 
entbehrlich die Kenntniss der Zeitfolge der Verwesungserscheinungen für den Gerichts- 
arzt ist In einem, im westlichen Theile der Monarchie' vorgekommenen Falle von 
zweifelhafter Vergiftung durch Vitium Colchic. hatten die Obducenten „Entzündung und 
Brand des Hagens** angenommen, und ausdrücklich ,die dunkle Röthung und Zerreiss- 
Kehkeit der Magenhaute^ nicht auf Rechnung des sonst unzweifelhaft bestandeoen 
Fäiünissgrades der Leiche geschrieben, «weil der übrige Theil des Darmkanals noch 
nicht Ton der Fiulniss ergriffen war^. Dieser angenommene „Brand" veranlasste eine 
Versciileppung der Sache durch alle drei gesetzliche technische Instanzen, und die irrige 
Annahme der Obducenten musste in einem Superarbitrium der wissenschaftlichen De- 
putation berichtigt werden 

CA$pft'i g«richtl. UetJiciu. 5. Aufl II. 4 



50 §• 22. Zeitfolge der Yerwesangserscheinongeii Innerlich 7. Fall. 

ders sichtbar wird, wenn man die im kleinen Becken liegenden hervor- 
zieht. (Vergl. §. 11.) Im Verfolg der Verwesung werden die Därme 
dunkelbraun, sie platzen, ergiessen ihren Inhalt, sie werden schmierig, 
und verwandeln sich endlich in einen unförmlichen dunkek Brei. Or- 
fila will bei ausgegrabenen Leichen noch einzelne Reste von Darm- 
röhren gefunden haben, wo keine Spur von Brustorganen mehr vor- 
handen war. Ich selbst habe in einem eben solchen Falle in einer an- 
scheinenden Darmschlinge frischen Eoth gefunden, welcher deutlich den 
Geruch nach Menschenkoth bewahrt hatte. 

7. Fall. Ausgrabung nach mehr als zwei Jahren. 

Ein zehig&hriger Knabe war im September 1858 misshandelt und stark mit dem 
Kopfe gegen eine Wand gestossen woreen. Er hatte eine „Gehimentzändung* bekom- 
men, und war nach zehn Tagen gestorben. Am 24. Januar 1861, also nach zwei und 
einem Drittel Jahren, hatten wir die eben ausgegrabene Leiche vor uns. Sie war 
schmutzig-grongrau , geruchlos und Brust und Bauch ganz zusammengefallen. Gesicht 
und Unterschenkel mit den Füssen waren stark mit Schimmel bedeckt, der bei keiner, 
l&ngere Zeit begraben gewesenen Leiche fehlt Der Kopf lag ganz lose da, und auch 
alle andern Gelenke waren gelost, so dass man beim Anfassen der Gliedmaassen, auch 
des Brustbeins, diese in der Hand behielt. An den Muskeln zeigte sich theil^ be- 
ginnende, theils schon vorgeschrittene Fettwachsbildung. Die Kopfknochen, deren Unter- 
suchung der Zweck der Ausgrabung gewesen, waren vollkommen unverletzt, nur die 
Nähte zeigten beginnendes Auseinandorweichen. Das Gehirn war ein zusammengesunke- 
ner, stinkender Brei, das Herz eine einzige Fettwachsmasse. Statt der Lungen fand 
sich nur etwas graue, schmierige Masse. Die Bauchorgane waren, wie gewohnlich in 
solchen Fallen, völlig unkenntlich, aber gerachlos, und stellten eine klumpige, schwarze 
Masse dar. Einige Theile derselben, die Dickdarmschlingen zu sein schienen, wurden 
eingeschnitten, und wir waren überrascht, darin Darmkoth zu finden, der seinen 
natürlichen, ganz frischen Geruch bewahrt hatte. 

5) In der Mehrzahl der Fälle pflegt sich die Milz länger zu er- 
balten, als Magen und Darmkanal, wenngleich sie in einzelnen Fällen 
auch früher der Verwesung unterliegt, was wohl von ihrer mehr oder 
weniger gesunden Beschaffenheit abhängen mag. Grewiss ist, dass sie 
in die Reihe der Organe gehört, die schon früher angegriffen werden. 
Sie wird dann weich, und je später, desto mehr musartig, lässt sich 
leicht zerdrücken, und wenn sie noch weiter zersetzt ist, so wird sie 
stahlblaugrün imd so weich, dass man sie mit dem Messerstiel abscha- 
ben kann. 

0) Etwas länger als die bisher genannten Organe widerstehn 
Netze und Gekröse. Sie können sich sogar mehrere Wochen nach 
dem Tode noch wohl erhalten zeigen, wenn sie sehr mager sind, ver- 
wesen aber, wenn fettreich, schon früh. Sie werden dann graulich- 
grün und trocken. Zu Irrthümern und Verwechselungen werden diese 
Organe nicht leicht Veranlassung geben können. 



§. 22. Zeitfolge der Verwesungserscheinungen. Innerlich. 51 

. 7) In den gewdhnlichen Fällen findet man die Leber noch einige 
Wochen nach dem Tode derb nnd fest. Bei Nengebomen indess wird 
sie früher von der Verwesung ergriffen, als bei Erwaehsnen. Dieselbe 
beginnt anf der convexen Fläche , nnd zeigt sich hier in einer schillernd 
grünen Farbe, welche später das ganze Organ einninmit, bis es end- 
lich kohlschwarz wird. In demselben Maasse verringert sich, wie na- 
türlich in allen Organen, ihr Blntgebalt durch Verdunstung, und das 
Parenchym wird mehr und mehr breiartig. Das feste Gewebe der Gal- 
lenblase dagegen erhält sich lange erkennbar, nur fällt die Blase, wenn 
sie nicht Grallencencremente enthält, da die Galle theils ausschwitzt, 
tbeils verdunstet, in sich zusammen. 

8) Erst jetzt folgt in der Reihe der verwesenden Organe das Ge- 
hirn der Erwaehsnen. Wie das Gehirn schon gleich nach dem Tode 
zusammensinkt, so geschieht dies mehr und mehr, je mehr die Ver- 
wesung darin vorschreitet. Ihre ersten Spuren zeigen sich, auffallend 
genug, nicht an der Oberfläche, sondern an des Basis des grossen Ge- 
hirns in einer hellgrünen Färbung, die sich dann von unten nach oben 
fortsetzt, und sich mehr und mehr über das ganze Gehirn verbreitet. 
Sie sdireitet deutlich wahrnehmbar von der Rinden- in die Marksub- 
snbstanz fort. Nach zwei bis drei Wochen (in mittlerer Lufttempera- 
tur) erweicht sich das Gehirn; es dauert indess Monate, ehe das Ge- 
hirn der Erwaehsnen sich in jenen röthlichen Brei verwandelt, in wel- 
chen das neugebome Gehirn so früh übergeht (S. 52.) Viel früher in- 
dess &ult, wegen des erleichterten Luftzutritts, das verwundete Ge- 
hirn, wie dies mit allen verwundeten Organen der Fall ist, ein Um- 
stand, der bei penetrirenden Kopfverletzungen die Gründlichkeit der 
Untersuchung trüben kann. 

Die bisher aufgezählten Organe bilden die erste Reihe, die der 
früh verwesenden. In die zweite, zu den spät faulenden, gehört zu- 
nächst 

9) das Herz. Wenn schon Mageii, Därme, Leber u. s. w. Wo- 
chen lang nach dem Tode sichtlich in Verwesung vorgeschritten, findet 
man diesen straffen und derben Hohlmuskel noch frisch und in allen 
seinen Theilen erkennbar, wenn gleich flach und zusammengefallen, imd 
dann meist blutleer, oder nur wenige Reste eines schmierigen Blutes 
enthaltend. Allmälig erweicht sich dann das Herz, namentlich zuerst 
die Trabekeln, dann aber auch die Wände; ein Einschnitt zeigt die 
Muskulatur glanzlos, trübe, sie wird weich, grünlich, zuletzt graugrün, 
nnd endlich schwarz. Die geringe Menge Liquor Pericardü ist bei ir- 
gend vorgeschrittener Fäulniss des Herzens verdunstet, und der Herz- 
beutel ganz trocken. Es vergehn aber einige Monate nach dem Tode, 
bis das Herz diese hohen Verwesungsgrade zeigt. 



52 §• 2'^* Zeitfolge der Verwesungserscheinnngen. Innerlich. 

10) ungefähr in derselben Zeit mit dem Herzen, zuweilen schon 
früher, beginnen die Lnngen die Wirkung des Zersetzungsprocesses zu 
zeigen. In Leichen, die bereits äusserlich die höhern Fäulnissgrade 
zeigen, wie gesättigt grüne Farbe, Ablösung der Epidermis u, s. w., 
findet man sehr häufig die Lungen noch ganz wohl und so erhalten, 
dass ihre Structur, wenn auch nicht mehr ihr Blutgehalt, noch sehr 
gut erkennbar ist. Diese unbestreitbare Thatsache bildet einen wich- 
tigen Einwand zur Beseitigung der von Theoretikern erhobenen Ein- 
würfe, in Betreff der Beweiskraft des hydrostatischen Theils der Athem- 
probe. Denn wenn Lungen eines Neugebomen , dessen Leiche noch 
frisch ist, oder selbst auch schon die ersten Spuren der Verwesung, 
wie grünliche Bauchdecken, zeigt, sich auf der Wasserfläche schwim- 
mend erhalten, so kann wohl vom Schreibtisch her, aber nicht nach 
den Erfahrungen am Secirtisch, angenommen werden, dass sie mög- 
licherweise schwimmen, weil sich Fäulnissgase in ihnen entwickelt, ond 
sie specifisch leichter als Wasser gemacht haben; denn niemals faulen 
Lungen so früh, wenigstens gehören die Fälle, wo sie überhaupt ver- 
hältnissmässig zu andern und früh faulenden Organen schon kurze Zeit 
nach dem Tode zu verwesen beginnen, zu den allerseltensten Ausnah- 
men. Dazu kommt vom Standpunkt der Praxis, dass die Fäulniss in 
den Lungen gar nicht zu verkennen ist. Ihre ersten Spuren zeigen 
sich in kleinen stecknadelkopfgrossen bis hirsekomgrossen, scharf om- 
schriebenen blassrothen Fleckchen auf der Oberfläche der Lungen, 
welche namentlich deutlich zu beobachten sind auf Lungen, welche 
vollkommen fötal sind. Sie sind bedingt durch circumscripte Abhebung 
der Pleura, oder auch Füllung eines oder einiger peripherischer Lungen- 
bläschen mit Gas. Ein Einschnitt in die betreffende Stelle zeigt sofort, 
dass diese Gasanhäufung nicht in das Parenchym eindringt. Diese 
ersten Spuren der Lungenfäulniss finden sich relativ nicht zu selten, 
bei noch übriger Frische der Leiche, während die weiteren Fortschritte 
der Fäulniss der Lungen bei sonstiger Frische der Leiche, wie erwähnt, 
zu den grössten Seltenheiten gehören. Alsdann zeigt sich diese Fäulniss 
in hirsekorn- bis bohnengrossen Blasen, die durch Gasansammlung unter 
der Pleura entstehen, und so deutlich erkennbar sind, dass schon darin 
ein ganz einfaches diagnostisches Zeichen der Fäulniss gegeben, und 
auch in dieser Beziehung ein Schwimmen der Lungen wegen Fäulniss 
unschwer als solches zu erkennen ist. Diese Blasen stehen Anfangs 
einzeln und an den verschiedensten Theilen der Lunge. Später bilden 
sich dergleichen mehr und mehr, so dass man dann ganze Lappen, 
namentlich und vorzugsweise die untere Fläche beider Lungen, dicht 
mit denselben besetzt findet. 

Die Farbe der Lungen zeigt sich Anfangs, trotz der Entwickelang 



§. 22. Zeitfolge der Verwesungserscheinungen. Innerlich. 8 ~ 10. Fall. 53 

dieser Bläschen, noch gar nicht verändert. Im weitern Verlauf des Ver- 
we^ungsprocesses wird sie dunkler, flaschengrün, dann wirklich schwarz*), 
und mit diesen höhern Färbungen hält die Zerstörung des Parenehyms 
gleichen Schritt. Die Lungen werden weich, sinken, wegen Verdunstung 
ihres flüssigen Inhalts zusammen, und werden endlich ganz zerstört. 

Von den hier so eben in Bezug genommenen Ausnahmefallen von 
frühem Verwesen der Lungen seien einige angeführt: 

8. Fall. 

Ein reifes weibliches Neugebomes, dessen Leiche noch äusserst frisch war, und nur 
erst am Rucken und auf der Brust einige Todtenflecke zeigte, ergab in Bezug auf die 
Lungen folgende Erscheinungen: Dieselben haben eine sehr gleichm&ssige, der Milch- 
dK>colade gleichende Farbe, sind mit zahlreichen Petechien bedeckt; an der rechten fin- 
den sich einige scharf umschriebene, hellrothe, hirsekorngrosse Fleckchen, die einge- 
schnitten, sich nicht in das Parenchym erstrecken. Sie fühlen sich derb und fest an. 
Die Schnittfläche ist glatt, es tritt kein Schaum auf die Messerklinge, bei den Einschnitten 
bort man kein Knistern, die Lungen sinken mit dem Herzen auf Wasser gelegt und 
auch ohne das Herz, so wie auch in allen einzelnen Stücken sofort unter Wasser. 

Dieses bisher noch nii gend beschriebene Anfangsstadium der Fäul- 
niss der Langen ist zu beachten, da es sich nicht zu selten findet und 
den ungeübten in Verlegenheit setzen kann, weil er auf stattgehabte 
Athmung zu schieben verleitet wird, was lediglich durch die Fäulniss 
bedingt ist. Wir unterlassen es, weitere analoge Fälle anzuführen. Viel 
seltner iSndet sich weiter vorgeschrittene Fäulniss der Lungen bei son- 
stiger Frische der Leiche, wie in den folgenden Fällen. 

9, 10., U. und 12. Fall. Frühes Eintreten der Verwesung in den Lungen. 
9. Ein reifes, weibliches Neugebomes, das gelebt hatte, wie sich später unzweifel- 
haft ergab, war im Wasser todt gefunden worden. Die Todesursache war Hyperämie 
in der Eopfböhle. Der Körper hatte zwar schon grüne Flecke auf der Bauchhaut, war 
aber im üebrigen noch recht frisch und ohne Fäulnissgeruch. Nichtsdestoweniger fan- 
den wir schon kleine Luftblasen auf der Oberfläche beider Lungen. Trotz derselben 
waren sämmtliche Zeichen der Athemprobe so ausgeprägt, so übereinstimmend und be- 
weisend, dass wir keinen Anstand nehmen konnten, das stattgehabte Leben des Kindes 
nach der Geburt als gewiss anzunehmen, das sich, wie gesagt, später auch vollkommen 
bestätigte. 

10. In einem zweiten Falle, bei einem Kinde, das reif geboren und — höchst 
wahrachein ich durch ümschlingung der Nabelschnur — apoplectisch gestorben war, 
fanden sich in der noch frischen Leiche, namentlich auf der Oberfläche der linken 
Longe, zahlreiche Luftbläschen, worunter sogar Eine von der Grösse einer kleinen 
weissen Bohne. 



•) Aus der schwarzen Färbung der Lungen und anderer Organe durch Fäulniss 
in in einem Gutachten (Vierteljahrsschr. Bd. 26) deducirt worden, dass diese Organe 
▼orber bhithaltig gewesen seien und daraus auf Erstickungstod geschlossen worden. 
Wir halten einen solchen Schluss für sehr gewagt trotz der Autorität der wissenschaft- 
lichen Deputation. 



54 §• ^^- Zeitfolge der Verwesungserscheinungen Innerlich. 11. u. 12. Fall. 

11. In einem dritten Falle war es wirklich überraschend, bei einem ganz ansge- 
tragenen, so frischem Kinde, dass dessen Leiche (im April bei -f 9 bis 10 '^ R.) nur 
Todtenflecke auf dem Rücken, aber noch nicht die geringste Verfärbung der Bauch- 
decken zeigte, Fäulnissblllschen an den übrigens ganz frischen Lungen zu finden. Eines 
ton Erbsengrosse an der Basis der linken, und 6 bis 9 hirsekomgrosse an der Basis 
der rechten Lunge. Das Kind hatte übrigens unzweifelhaft gelebt, und war an Schlag- 
fluss sehr bald nach der Geburt verstorben. 

12. Ein vierter Fall betraf einen am 27. April auf der Strasse gefundenen Leich- 
nam eines neugebomen reifen Knaben (bei + 8 bis 10^ R ), dessen Bauchdecken zwar 
allerdings schon grün vererbt, dessen Lungen jedoch, wie bei nur anfangender Ver- 
wesung zu erwarten, noch ganz frisch waren. Sie waren schön rosenroth', bl&ulich 
marmorirt, füllten die Höhle ganz aus, knisterten stark, und ergaben beim Einschneiden 
Zischen und blutigen Schaum. An beiden Lungen aber waren die Basis, und theil weise 
auch die untern Lappen, schon mit vielen hirsekomgrossen, höchst deutlichen Fäulniss- 
bläschen besetzt, die, wie immer, perlenartig die Pleura erhoben. 

11) Später als Lungen und Herz werden die harten, festen Nie- 
ren von der Fäolniss ergriffen, die man niemals, so wenig als Eines 
der hier als spät faulend bezeichnenden Organe, in einer frischen, oder 
nur halb verwesten Leiche putrid ergriffen finden wird. Später verfiLr- 
ben sie sich zuerst chocoladenbraun, dann erweichen sie sich, während 
man noch ihre granulöse Textur recht gut erkennen kann, und erst 
spät nach dem Tode findet man sie schmierig, leicht zerreissbar und 
schwarzgrün von Farbe. Noch länger als die Nieren hält sich 

12) die Harnblase, die, sie mag leer oder mehr oder weniger 
gefüllt sein, erst zu faulen beginnt, wenn alle bisher genannten Organe 
in Verwesung schon vorgeschritten sind. 

13) Die Speiseröhre hält in Beziehung auf Yorschreiten in der 
Verwesung keineswegs gleichen Schritt mit dem übrigen Theil des Darm- 
kanals. Sie hat viehnehr eine grosse Widerstandskraft, und man fin- 
det sie noch nach Monaten ziemlich straff und nur schmutzig graugrün 
get&ibt , wenn Magen und Därme schon kein Gegenstand genauerer Un- 
tersuchung mehr sind. 

14) Von dem Pancreas gilt der Satz, dass man eine schon ganz 
und gar verweste Leiche vor sich haben muss, um auch dies Organ 
bereits vom Fäulnissprocess ergriffen zu sehn. Es wird durch densel- 
ben und bleibt auch lange nur schmutzig röthlich gefärbt, bis es end- 
lich der allgemeinen Zerstörung unterliegt. 

15) Zu den sehr spät faulenden Theilen gehört das Zwerchfell. 
Es bekommt zwar schon in den ersten Wochen nach dem Tode grüne 
Flecke, aber man kann noch in vier bis sechs Monate alten Leichen 
deutlich seine Muskulär- und aponeurotischen Gebilde von einander un- 
terscheiden. 

16) Kleinere Blutgefässe, die in faulenden Organen verlaufen, 
entziehn sich der Beobachtung, Die grossem Stämme aber, namentlich 



§. 22. Zeitfolge der Yerwesungserscheinungen. Innerlich. 13. Fall. 55 

die Arterienstämme, werden von allen Weichgebilden mit am allerspä- 
testen zerstört. In einem Falle bei Devergie*) war die Aorta bei 
einer, nach vierzehn Monaten ausgegrabenen Leiche noch ganz imd voll- 
kommen erkennbar. 

17) Die ailergrOsste Widerstandsfthigkeit unter allen Weicfatheilen 
endlich mnss ich (gegen Orfila) dem Uterus vindiciren. Man findet 
ihn noch ganz in seiner Lage, ziemlich frisch und derb, schmutzig 
röthlich gefärbt und so erhalten, dass man ihn aufschneiden und sein 
Inneres untersuchen kann, wenn kein einziges aller übrigen Organe 
mehr üntersuchungsgegenstand ist. Wie wichtig diese Erfahrungsthat- 
sa^he werden kann zur Feststellung einer zur Zeit des längst verflos- 
senen Todestages zweifelhaft gewesenen Schwangerschaft, beweist der 
hier folgende, sehr denkwürdige (14.) Fall. Auch neugebome weibliche 
Früchte, also das Lebensalter, machen hier keinen Unterschied. Gerade 
solche Leichen kommen uns häufig in den höchsten Yerwesungsstadien 
Tor, was in der Natur der Sache liegt, da in einer grossen Stadt fort- 
während todtgebome , oder bald nach der Geburt verstorbne , uneheliche 
neagebome Kinder, theils um die Geburt zu verheimlichen, theils um 
die Beerdigunskosten zu^ersparen, heimlich beseitigt , in Abtritte, Gloa- 
icen, Sinnsteine geworfen, oder in Kellern, Gärten u. s. w. begraben, 
nnd dann oft erst nach sehr langer Zeit aufgefunden werden. Immer 
aber finden wir auch hier, bei allgemeinster , vollständigster Verwesung, 
die Gebärmutter noch sichtlich erhalten, so dass es in solchen Fällen, 
wenn auch die äussern Genitalien völlig zerstört sind, noch möglich 
ist, das Geschlecht der Frucht zu bestimmen. Sehr entscheidende Be- 
weise für diese so sehr lange Erhaltung der Gebärmutter lieferten fol- 
gende F^e: 

13. Fall. Fettwachsbildung. Erkennbarer Uterus. 

Ans feachter Gartenerde war eine menschliche Fracht im März ausgegraben wor- 
den. Sie war ganz schwarz und die ganze Körperoberfläche mit Stroh und Pflanzen- 
tbtüen Terfilzt Der Kopf war abgelöst, und nur einige Schädellmochen lagen neben 
dem Rumpfe im Obductionstermine mit yor. Dass das Geschlecht äusserlich nicht mehr er- 
kennbar war, braucht nicht angeführt zu werden. Der Rumpf war 18 Zoll lang und 
wog A\ Pfund. Die Bumpf- und Extremitäten-Muskeln waren in Fettwachs übergegangen. 
IHe Organe der Brust- und Bauchhöhle waren kohlschwarz und gar nicht mehr erkenn- 
bar, mit Ausnahme der leeren Harnblase, die noch deutlich zu sehen war. Ganz wohl- 
erhaltsn aber zeigte sich an ihrer Stelle die schmutzig rothe Gebärmutter. Wir konnten 
hiernach wenigstens urtheilen, dass die Frucht weiblichen Geschlechts gewesen, dass sie 
höchst wahrscheinlich reif geboren worden sei, und wahrscheinlich schon über ein Jahr 
in der Erde gelegen habe, was sich durch die spätere richterliche Untersuchung toU- 
kommen bestätigte. 



•) a. a. I. S. 133. 



56 $.22. Zeitfolge der Verwesungserscheinungen. Innerlich. !4. u. 15. Fall. 

14. Fall. Ertrinken im Abtritt. Lange Erhaltung des Uterus. 

Fettwachs. 

Ein junges Dienstmädchen, das angeblich sehr häbsch gewesen sein sollte, was 
Veranlassung zu dem später zu nennenden Gerächte gegeben haben mochte, war im 
März 18*^ von einer Brustentzündung befallen worden, und sollte nach dem Kranken- 
hause geschafft werden. Lebhaft sträubte sie sich dagegen und äusserte, dass sie sich 
lieber mit dem Hammer todtschlagen lassen wolle. Am Abend desselben Tages — am 
21. März — war sie plötzlich verschwunden. Alle Nachforschungen nach ihr blieben 
tergeblich, und ein auftauchendes Gerücht, dass sie von einem ihr nahe stehenden ver- 
heiratheten Manne im Hause geschwängert und wohl von diesem beseitigt worden, konnte 
natürlich weiter nicht festgestellt werden. Im December desselben Jahres, also nach 
fast neun Monaten, wurde die Abtrittsgrube im Hause gereinigt Ganz unerwartet fan- 
den die Arbeiter bei dieser Gelegenheit im Kothe einen ganz und gar verwesten Kör- 
per, der für einen menschlichen Leichnam gehalten werden konnte. Es lag die Ver- 
muthung nahe, dass derselbe der des im Frühling in diesem Hause verschwundenen 
Mädchens sei, und so fand sich das Gericht veranlasst, die gerichtliche Untersuchung 
dieser Leiche zu verfügen. Einen hohem Grad von Verwesung werde ich wohl 
nie wieder zu beobachten bekommen. Selbst die sehr abgehärteten Leichenwärter em- 
pfanden hier, vielleicht zum erstenmale, Ekel, wozu der unbeschreibliche Gestank allein, 
abgesehen vom Anblick, schon Veranlassung bot Der Schädel, der Unterkiefer, zum 
grössten Theile auch die Unterextremitäten, waren durch Maceration von den Weich- 
theilen vollkommen entblösst, die Gelenkverbindungen zum Theil gelost, und was von 
Weichtheilen noch vorhanden war, waren stinkende, unkennbare schwarze Fetzen. Von 
einer eigentlichen Obduction musste natürlich Abstand genommen werden. Zur Beaut 
wortung der vom Richter aufgeworfenen Frage aber: ob es wohl möglich sei, noch zu 
ermitteln, ob Denata zur Zeit ihres Todes schwanger gewesen? die ich von vornherein 
nach meinen frühern Erfahrungen bejahen zu können hoffte, wurde die Bauchhöhle ge- 
öffnet Ihre bedeckenden Muskeln zeigten sich nun in Leichenfett verwandelt Sämmt- 
liche Därme waren in eine schwarze, schmierige Masse verwandelt, die die einzelnen 
Darmtheile nicht mehr erkennen Hess. Ganz in dieselbe Masse waren Leber, Milz und 
Nieren verwandelt. Als wir zum Uterus gelangten, fanden wir denselben hellroth ge- 
färbt, hart und fest zu fühlen imd zu schneiden, von jungfräulicher Grösse, an Form 
noch ganz erkennbar, ja normal, und seine Höhle jungfräulich und leer. Wenn also 
über Leben und Tod dieser Person nicht ein, auch nur wahrscheinliches Urtheil abge- 
geben werden konnte, so konnten wir doch mit Gewissheit das Urtheil abgeben: dass 
Denata im Augenblicke ihres Todes nicht schwanger gewesen sein könne, 
womit jenes, bei der Auffindung der Leiche mit grosser Lebendigkeit wieder aufge- 
tauchte Gerücht in Nichts zerfiel, und der angezweifelte gute Ruf des angeblichen 
Schwängerers und muthmaasslichen Mörders, eines bis dahin unbescholtenen Mannes, 
wieder hergestellt war. (Der gewiss bemerkenswerthe Fall giebt einen neuen Beweis 
dafür, wie in gerichtlich-medicinischen Dingen auch scheinbar geringfügige Punkte von 
den folgenreichsten Wirkungen werden können. Ohne Kenntniss der Thatsache von der 
so äussert spät und erst nach der aller übrigen Organe eintretenden Verwesung der 
Gebärmutter, würde jeder Gerichtsarzt zu entschuldigen gewesen sein, wenn er in Be- 
treff jener richterlichen Frage auch nur den Versuch der Eröffnung der Bauchhöhle 
eines solchen Restes einer Leiche abgelehnt und seine Incompetenz erklärt hätte.) 

18. Fall. Leichenreste eines Neugebornen. Noch erhaltener Uterus,\ 

Der Fall war mehrfach sehr interessant Am 7. Juli 18^^ hatten wir in Char- 
lottenburg ein weibliches neugebomes Kind, das aus der Spree gezogen worden war, zu 



Feststellung der Todeaursaehe. §. 23. Allgemeines. 57 

obdaciren, das sehr lange im Wasser gelegen haben musste. Vom Kopfe waren nur 
noch die neben der Leiche auf dem Tische liegenden Scheitelbeine vorhanden. Die 
Wirbelsäule, der linke Unterschenkel, sämmtliche rechte Bippen und beide Hände waren 
durch Wasserthiere (Ratten) skelettirt, die auch die rechte Lunge ganz aufgefressen 
Latten. Die Länge des Rumpfes betrug 15 Zoll, das Qewicht nur 1 Pfund 6 Loth 
Die Banchdecken waren schwanfaul, der nur anderthalb Zoll lange Nabelschnurrest 
war mumifidrt; ein Beweis, dass eine einmal pergamentartig eingeschrumpfte Nabel- 
schnur selbst durch langes Liegen im Wasser sich nicht wieder ganz aufweicht. — 
Alle Eingeweide des Bauches waren in einen unkenntlich grauen Brei verwandelt, mit 
Ausnahme des hellröthlichen Uterus^ der fast das einzige, in seiner Textur noch ganz 
kenntliche Organ war. 

16. Fall. Ein ähnlicher Fall. 

Beim Ausräumen einer Abtrittsgrube war der schwarzgrune, 12 Zoll lange Rumpf 
mit Extremitäten einer (kopflosen) Leibesfrucht aufgefunden worden. Die Bauchhohle 
war geplatzt, und alle Eingeweide waren schwarz und matschig. Das Geschlecht war 
lusserlich natürlich gar nicht mehr zu erkennen, wohl aber festzustellen durch den noch 
deutlich erkennbaren, grauröthlichen , ganz festen Uterus, dessen Hohle noch genau 
imtersucht werden konnte. 

17. FalL Ein ähnlicher FaU. 

In einem Sacke waren die Reste einer reifen menschlichen Leibesfrucht (Enochen- 
kern 3 Linirn) gefunden worden. Vom Schädel waren nur noch einige Knochen vor- 
handen. Der Rumpf, ohne Arme, mit grösstentbeils verseiften Weichtheilen. In der 
Brusthöhle fanden wir keine Organe mehr vor. Im Bauch einige verseifte Reste der 
Organe, die gar nicht mehr kenntlich waren. Der Uterus jedoch noch voll- 
kommen erhalten und als solcher erkennbar. 



Drittes Kapitel. 

FeststelloDg der Todesursache. 



§. 23. AUgeHeioes. 

Es kommen sehr Mnfig Fälle vor, in denen auch die sorgsamste 
Leichennntersnchung keine solche materielle Verändemng ergiebt, dass 
darin eine Beziehung zum Tode des Menschen gefunden werden konnte. 
Solehe Fälle ereignen sich z. B. nach heftigen Misshandlungen, die eine 
allgemeine Erkrankung veranlassten, welche erst nach Wochen oder Mo- 
naten mit dem Tode endigte, nach welcher Zeit die Spuren der Mis»- 
handlung an der Körperoberfläche gänzlich verschwunden sind. Sie 
kommen dem Gerichtsarzte vor in andern Fällen, in denen gerücht- 
weise ein Mensch gewaltsam verstorben sein sollte, weil man ihn un- 
ter ungewöhnlichen umständen hatte erkranken und sterben sehen, und 
in welchen dann doch die Section wieder keinen thatsächlichen Beweis 



58 Feststellung der Todesursache §. 23. Allgemeines. 

einer unnatürlichen Todesart lieferte. Fälle der Art kOnnen, wie ich 
sehr häufig wahrgenommen, den Ungeübten sehr in Verlegenheit setzen. 
Nichts Abnormes an der Oberfläche des Körpers , nichts in der Schä- 
delhöble, nichts in der Brust, nichts in der ünterleibshöhle ! Woran ist 
Denatu8 gestorben? Wie soll das Gutachten abgegeben werden? „Dass 
nicht mit Sicherheit zu bestimmen, auf welche Weise N. N. seinen Tod 
gefunden habe ? ^ Gewiss ist der Ausspruch an sich ganz unanfechtbar 
richtig, aber es liegt auf der Hand, dass derselbe dem Richter in kei- 
ner Weise genügen kann, der ja eben als Nichtsachverständiger den 
ärztlichen Experten fordert, damit er ihn aufkläre. Wer soll ihm be- 
stimmen, wie der Tod erfolgt, wenn der Sachverständige sich für in- 
competent erklärt? Aber jener Ausspruch zeigt ein gänzliches Verken- 
nen des richterlichen Zweckes jeder gerichtsärztlichen Leichenschau. 
Dem Richter (Staatsanwalt) , der der Spur eines angeblich oder wirklich 
verübten Verbrechens nachgeht, und die Wahrheit darüber ermittehi 
will, liegt wenig oder gar nichts daran, die physiologisch-pathologischen 
Vorgänge und Ursachen des Todes zu erfahren, und z. B. zu wissen: 
ob eine Hirnlähmung, oder Marasmus u. dgl. denselben herbeigeführt 
habe, was oft aus der Leiche allein gewiss nicht zu ermitteln sein 
wird. Der Richter hat vielmehr nur ein Interesse daran, dass festge- 
stellt werde: ob der Tod auf natürliche Weise durch Krankheit 
(gleichviel welche!) oder auf naturwidrige und straffällige Weise, 
(wenn durch Schuld eines Dritten) erfolgt war. Im ersten Falle lässt 
er natürlich die Sache auf sich beruhen, und reponirt die Acten, im 
letztem verfolgt er die Angelegenheit. Deshalb ist es einleuchtend, 
wie ein richtiges Verständniss des vorliegenden Zweckes in diesen, hier 
besprochenen Fällen den Gerichtsarzt veranlassen wird, einen andern, 
als den obigen, nämlich den Ausspruch zu geben: „dass Denatus aof 
natürliche Weise durch Krankheit seinen Tod gefunden habe, und dass 
die Obduction keine Ergebnisse geliefert habe, die einen gewaltsamen 
Tod anzunehmen berechtigten^. In den meisten Fällen ist die Gerichts- 
behörde, vorausgesetzt natürlich, dass der Ausspruch genügend moti- 
virt worden, hiermit vollständig befriedigt. In andern Fällen konunt 
es nun femer vor, dass der Richter, dem die Vorverhandlungen be- 
kannt sind, in Beziehung auf die als Todesursache angenommene in- 
nere Krankheit noch nähere Aufschlüsse, und namentlich darüber wünscht, 
ob diese innere, tödtliche Krankheit wohl mit den und den früheren 
Misshandlungen u. s. w. in Zusammenhang gestanden habe, und diese 
deshalb die entfernte Ursache des Todes gewesen seien? Wenn dann 
die Gerichtsärzte ihrerseits erfahren, was vor und ausser ihrer Leichen- 
schau in der Sache verhandelt und ermittelt worden , dann wird es ihnen 
auch nicht schwer werden, jenen Zusammenhang mit den von ihnen 



Feststellung der Todesursache. §. 24. Gewaltsame Todesarten. 59 

erhobenen positiven oder negativen Leichenbefunden za ergründen. Wir 
werden unten mehrere Fälle dieser Art mitzntheilen haben. 

§. 24. €ewilt8aHe T^desartea. 

Die im vorigen Paragraphen betrachteten Fälle bilden indess in 
der Summe der zur gerichtsärztlichen Cognition kommenden Leichen 
die Hinderzahl, während die überwiegende Menge die aof gewaltsame 
Weise erfolgten Tödtungen betrißl, Gewaltsamer Tod aber kann auf 
sechsfach verschiedene Weise erfolgen, eine Eintheilung, die sich für 
den practischen Zweck am meisten empfiehlt. 

1) Der mechanische Tod. Er entsteht schnell, meist urplötz- 
lich, wenn das „Räderwerk^ des Organismus ganz oder zum grössten 
Theil, oder auch nur in dessen edelsten Theilen, durch mechanische 
Gewalt zerstört wird. Dies geschieht z. B. durch Einstürzen von Ge- 
bäuden, Mauern, Balken, Schiffsmrsten , durch Zerschmetterung durch 
Windmühlenflügel, Räder von Maschinen u. s. w., femer durch Rösten 
und Braten des Körpers , durch Ueberfahren mit Wagen und Eisenbahn- 
zügen, durch Pulverexplosionen*), durch Eindrücken Neugebomer in 
Kisten u. dgl. Auch die Mehrzahl aller Schusswunden, solche näm- 
lich, durch welche Gehirn, Herz, Lunge, Rückenmark zerschmettert 
werden, gehört hierher. 

Diesem mechanischen Tode stehn eigentlich alle andern Todesar- 
ten gegenüber, insofern man sie in. dieser Beziehung dann als dyna- 
mischer Tod bezeichnen kann. Man wird aber zweckmässig die dy- 
namischen Todesarten noch weiter eintheilen, und erhält dann natur- 
gemäss folgende weitere Todesarten. 

2) Neuroparaly tischer Tod. Er ist der reine Gegensatz des 
mechanischen Todes, und zeigt sich auch als solcher in seinen Wir- 
kungen in der Leiche. Durch den neuroparalytischen Tod {Apoplexia 
nervosa^ Nervenschlag) wird nicht nur der Mechanismus des Körpers 
in keinerlei Weise alterirt, sondern es treten überhaupt gar keine sinn- 
lieh wahrnehmbaren Veränderungen im Körper, so wenig in seinen 



*) Beim Explodiren des Laboratoriums des hiesigen Eonstfeuerwerkers D. waren 
^er Personen zu Tode gekommen. Dem D. selbst war die ganze linke Hälfte des 
Kopfes weggerissen worden; im Uebrigen war die Leiche unversehrt, Einem Arbeiter 
waren bei unverletzt gebliebener Schädelhaube die Knopfknochen völlig zertrümmert 
worden, wie ich dies früher zweimal bei nicht durchdringenden Schüssen in den Kopf 
b« Selbstmördern gesehen habe; die Frau des D. war wahrscheinlich durch Aufschlagen 
cbes Balkens getddtet worden, und ein anderer Arbeiter, der in einem Schuppen neben 
dem Laboratorium krank im Bette gelegen hatte, war mit seinem Bette hundert Fuss 
weit weggeschleudert worden. Diese Leiche war ganz unkenntlich, der Hinterkopf ab- 
gerissen, und aUe Gliedmassen zerschmettert. Der Schuppen und das Laboratorium 
ein Hloscheu im Garten; waren spurlos verschwunden. 



60 Feststellung der Todesursache. §. 24. Gewaltsame Todesarten. 

festen, wie in seinen flüssigen Bestandtheilen , ein. Die Sectionsbe- 
fände sind rein negativ, nnd man schliesst auf diesen Tod, ohne ihn 
positiv beweisen zu können. Es wird namentlich häufig durch Himer- 
schütterung veranlasst. 

3) Inflammatorischer Tod. Hier setzt eine Entzündung in 
irgend einem wichtigen Organ mit ihren Folgen, namentlich mit Ver- 
eiterung, Ausschwitzung oder Brand, dem Leben em Ziel. So ensteht 
der Tod nach einer grossen Zahl von Verletzungen des Gehirns, der 
Lungen, der Leber, der Därme, des Bauchfells u. s. w., nach Ver- 
giftungen durch ätzende Gifte, nicht selten auch nach ausgedehnten 
Verbrennungen. 

4)Hyperämi8cher Tod, Tod durch übermässige Blutstauung 
in edlen Centraltheilen , entweder a) in der Schädelhöhle (Apoplexia 
sanguinea). WO der tödtliche Druck auf das Gehirn entweder bloss 
durch hyperämische Anfüllung der Gefässe, oder durch wirklichen Blut- 
austritt aus denselben (Haemorrhagia Cerebri) erzeugt wird; oder b] 
durch Blutstauung in der Brusthöhle, in Lungen, grossen Gefässenund 
Herz; also Tod durch Blutschlagfluss oder durch Stickfluss oder Er- 
stickung (Lungenschlag, Herzschlag). Der erstere entsteht nach vielen 
Verletzungen des Kopfes, häufig durch Erhängen (Erwürgen, Erdros- 
seln), nach Vergiftungen mit narkotischen Giften, nach heftigen, allge- 
meinen Misshandlungcn , beim Erfrieren, und, nicht häufig, beim Er- 
trinken. Der Erstickungstod dagegen ist die gewöhnlichste Todesart 
der Ertrinkenden , und nach Verstopfen der Luftwege mit fremden Kör- 
pern, entsteht auch häufig beim Erhängen und Erdrosseln, tödtet die 
Mehrzahl derjenigen, die irgendwie erdrückt werden, so wie die Men- 
schen, die im Feuer (und Bauch) sterben, und endlich diejenigen, die 
in nicht athembaren Gasarten ihren Tod finden. — Dass beide Hypc- 
rämieen sich nicht selten in Einer Leiche vereinigt finden, beruht auf 
bekannten anatomischen Gründen. 

5) Anämischer Tod, der Tod durch so erhebliche Verminde- 
rung des Blutgehaltes des Körpers, dass die Oekonomie darüber zu 
Grunde gehn muss. Hierher gehören alle Verblutungen, äussere und 
innere, mögen sie wie immer entstanden sein, und der Tod durch Er- 
schöpfung und Vrehungem. 

6) D y sä mi scher Tod. Es ist ganz unzeifelhaft, dass ein Tod 
durch Blutverderbniss , Blutvergiftung existirt, wie Miscroscop und che- 
misches Reagenzglas sinnenfällig nachweisen, wenngleich freilich die 
eigentliche Obduction der Leiche auf dem Secirtisch die Blutverderb- 
niss nur zuweilen in einer eigenthümlichen abnormen Qualität des Blu- 
tes vermuthen lässt, die obenein sehr leicht täuschen kann. Eine 
Menge von Giften tödten nicht anders , als durch Vergiftung des Blutes, 



§. 25. Priorität der Todesart. 61 

Mmentlich die chronischen Arsen Vergiftungen, die Blausäure, der Al- 
cohol, der Phosphor, und vermuthlich noch weit mehr Gifte, als sich 
bis jetzt nachweisen lässt. Es gehören aber auch zum dysämischen Tode 
diejenigen Fälle, m welchen schwere Verletzungen nach langer Krank- 
heit und überstandner Operation durch Pyämie das Leben endigen. 

Es reiht sich an diese Gruppe noch der Tod durch Parasiten be- 
dingt. Es braucht nicht gesagt zu werden , dass diese Eintheilung der 
Todesarten keinen Anspruch darauf machen kann, eine streng logische 
genannt zu werden. Eine solche ist schon deshalb unmöglich, weil 
sehr häufig die Befunde mehrerer Todesarten sich in Einem Untersu- 
chnngs-Objecte vereinigt finden, z. B. mechanische Zerreissung und 
Verblutung nach Schuss wunden, mechanische Zerstörung und Erstickung 
bei Verschütteten, inflammatorische Befunde und Dysämie nach Ver- 
letzungen u. 8. w. Aber das Bedürfniss einer gewissen Classificirung 
der Obdnctionsbefunde nach allgemeinern Eategorieen wird sich dem 
Gerichtsarzte immer fühlbar machen, und die hier aufgellte hat die prac- 
tische Brauchbarkeit für sich. 



Viertes Kapitel. 

Die Priorität der Todesart. 



§. 25. AllgeneiHes. 

Es ist hier der Ort noch eine andere Frage zu stellen und zu er- 
wägen, zu welcher die gerichtsärztliche und die criminalistische Praxis 
drängt. Wir meinen die durchaus nicht seltnen, und oft grade wegen 
ihrer Complication und schwierigen Entscheidung sehr wichtigen Fälle, 
in denen bei gewaltsam Verstorbenen mehrfache, ihrer Wichtigkeit und 
Lebensgeföhrlichkeit nach sich sehr gleich stehende Verletzungen ge- 
funden werden, wo also eine Concurrenz lebensgefährlicher Verletzun- 
gen Statt findet*), aber von denen es zweifelhaft wird, welche dersel- 
ben eigentlich den Tod herbeigeführt habe. In andern Fällen ist die 
Sachlage eine ähnliche. Die Obduction ergiebt Erstickung und Kopf- 
verletzungen, aber es war im concreten Falle von grösster Wichtigkeit, 



*) 8. a. Skrzeozka, lieber coacurrirende Todesursachen. Vierteljährlich r. 186G. 
S. 316. 



62 I^io Priorität der Todesart. §. 25. Allgemeines. 

festzustellen, welches das Primäre, welches das Secuiidäre gewesen, 
d. h. ob der Mensch an gewaltsam herbeigeführter Erstickung gestor- 
ben, oder ob die für dasselbe sprechenden Erscheinungen nur eine Theil- 
erscheinung der durch die Kopfverletzung bedingten Symptome sind, 
mit anderen Worten, ob er durch selbstständige Handlungen erstickt, 
oder an der Kopfverletzung gestorben sei. Wir werden Beläge für 
derartige Falle in der Gasuistik mittheilen. Das ist es, was wir 
die Priorität der Todesart nennen, ganz verschieden also von 
jener alten Frage, die nur die Zeit des Todes in's Auge fasst, 
und die, nebenbei gesagt, an Wichtigkeit sich mit dieser Frage nicht 
messen kann, da die Zeitfrage nur ganz ungemein selten, die hier ven- 
tilirte Frage dagegen relativ häufig in der Praxis vorkommt. Zwar 
konnte es scheinen, als ob diese forensisch-medicinische Diagnose keine 
besondere practische Wichtigkeit hätte. Denn die neuen Strafgesetzge- 
bungen, die alle Lethalitätsgrade, und so auch die ehemals sogenannte 
„individuelle Lethalität^ glücklich beseitigt haben, scheinen auch für 
die hier gemeinten strafrechtlichen Fälle keine Exception gestatten zu 
wollen, m welcher ein schon anderweit tödtüch oder schwer Verletzter 
durch eine neu hinzugekommene noch schwerere Verletzung getödtet 
wird, z. B. ein schon halb todt Geprügelter einen Beilschlag auf den 
Kopf, ein aus mehreren Hiebwunden schwer Blutender noch einen Mes- 
serstich ins Herz bekommt u. s. w., an welchen letzten Verletzungen 
er nun rasch stirbt, während nach der Sachlage doch auch inunerhin 
angenommen werden müsste, dass er auch ohne diese Verletzungen an 
den frühem und andern seinen Tod gefunden haben würde. Es war 
in allen solchen Fällen ein Sterbender tödtlich verletzt worden, sterbend 
sein aber ist immer noch ein Lebenszustand, ein Prädicat der Indivi- 
dualität des Verletzten, und die „individuelle LethaUtät" wird eben von 
den Strafgesetzen nicht mehr berücksichtigt. Beispielsweise hat das 
norddeutsche Strafgesetzbuch sogar den früheren §. Ibö des Preussischen 
St.-6.: „Bei Feststellung des Thatbestandes der Tödtung kommt es 
nicht in Betracht, ob u. s. w. die Verletzung nur wegen der eigen- 
thümlichen Leibesbeschaffenheit des Getödteten u. s.w. den 
tOdtlichen Erfolg gehabt hat^ als selbstverständlich fortfallen lassen. 
Und dass auch das tödtlich bereits Verletztsein eines Menschen, das 
schon Sterbendsein, als „eigenthümliche LeibesbeschaflFenheit" (Indivi- 
dualität) des Getödteten aufgefosst werden muss, habe ich nicht nur in 
betreffenden Fällen stets von den Staatsanwaltschaften mit aller Enei^^e 
aufrecht erhalten gehört, sondern liegt auch für den Laien in strafrecht- 
lichen Dingen, den Gerichtsarzt, in der Natur der Sache. Nichtsdesto- 
weniger ist die Frage von der Priorität der Todes art dennoch keine 
mflssige, nicht einmal eine bloss rein wissenschaftliche, sondern auch 



Die Priorität der Todesart §. 25. Allgemeines. 63 

eine wesentliche und durchaus praktische, in foro Yorkommende und 
anwendbare. Sie ist es namentlich in allen zahlreichen Fällen jaus einer 
der beiden folgenden Eategorieen. 

1) Wenn mehrere Menschen (Complicen) angeschuldigt sind, einen 
Andern durch Misshandlnngen oder Verletzungen getödtet zu haben. 
Der Ueberfall fand in grossem Menschengedränge, oder in schlechter 
Beleuchtung der Strasse, oder ganz in der Dunkelheit u. s. w. Statt, 
jeder der ermittelten Betheiligten läugnet. Jeder wälzt die Schuld auf 
die Andern, kein Zeuge hat die That genau beobachtet, oder es waren, 
wie bei gemeinschaftlich ausgeführten Mordthaten, überhaupt Zeugen 
nicht gegenwärtig, und der Richter hat zunächst keinen andern, keinen 
festem Anhaltspunkt als den Ausspruch des Gerichtsarztes über die 
Frage: welche der verschiedenen schweren Verletzungen den Verstor- 
benen eigentlich getödtet d. h. mit andern Worten, welche derselben 
ihn zuerst getödtet hatte? wonach dann er oft in Verbindung mit 
seinen anderweitigen Ermittelungen, betreffend das Verfahren der Ange- 
seholdigten bei der gemeinschaftlichen That, dazu gelangt, den eigent- 
lichen Urheber der Tödtung zu entdecken. So kann es zweifelhaft sein, ob 
ein Mensch bei einem Handgemenge durch einen Stock, oder durch ein 
Tischblatt, oder durch Hinstürzen auf den Fussboden, ob ein Andrer 
bei einem CSoflict mit Soldaten durch einen Infanterie- oder durch einen 
Cavallerie-Säbel, ob ein Dritter bei einer im Tanzlokal ausgebrochenen 
Thätlichkeit durch einen Säbel, oder durch ein Beil, ob ein Vierter 
durch Säbelhieb oder durch Bajonettstich getödtet worden war, und ich 
werde unten eine Auswahl derartiger Fälle folgen lassen. 

2) In andern Gerichtsfällen giebt die oft so schwierig zu beantwor- 
tende Frage von der eigenen oder fremden Schuld am Tode eines 
Mensdien, die Frage ob er durch Zufall oder Selbstmord, oder durch 
die That eines Dritten zu Tode gekommen, zu Ermittelungen in Bezug 
auf unsere Frage Veranlassung. Es wird z. B. unter dem Kopfkissen 
der unehelichen Mutter ein Kind mit Kopfverletzungen gefunden und 
stellt die Obduction einen Erstickungstod gleichzeitig heraus. Starb 
das Kind wie die Mutter behauptet an einem Kindessturz, und ist es 
bereits todt unter das Kopfkissen gelegt worden, oder starb es, 
noch lebend dort hingelegt, an Erstickung. Oder man fand an 
der Leiche Verletzungen am Körper und Halsschnittwunden, Durch- 
löcherung des Darms und Kopfverletzungen. Erstickung durch Herz- 
nnd Lungenhyperämie und eine tödtliche Kopfverletzung, von der es 
zweifelhaft geworden, ob sie durch Niederstürzen ohne Zuthun eines 
Dritten, oder durch dessen Gewaltthätigkeit veranlasst worden u. s. w. 
Hier, wie in allen gerichtlichen Obductionsfällen , handelt es sich 
freilich fnncvpaliter um die Feststellung der eigentlichen Todesart 



6i Die Priorität der Todesari §. 25. Diagnose. 

im Allgemeinen, die aber in solchen Fällen doch stets die Frage von 
der Priorität der Todesart involvirt, wie schon oben ansgeffihrt wor- 
den ist. So ist, die letztere genauer in's Ange zu fassen, Bedürfniss 
der Wissenschaft, wie der Praxis. Nicht immer wird es möglich sein 
eine präcise und die Gewissheit aussprechende Autwort zu geben. 
Aber angestrebt muss dies werden, und eben deshalb ist auch die Frage 
scharf und präcis zu stellen. 

§. 2G. BiagBMe. 

Zur Diagnose sind im Allgemeinen vier Momente, die zu beachten sein 
werden, um Fälle, wie die gemeinten, zur Aufklärung zu bringen. Ein 
einziges dieser vier ist nicht selten dazu ausreichend, während in an- 
dern Fällen mehrere, vielleicht sämmtliche, combinirt werden müssen. 

I) Bei mehreren am Leichnam vorgefundenen Verletzungen kann 
deren Beschaffenheit in Beziehung auf die Reactionserschdinongen, 
die sie zeigen, über ihre Priorität Licht geben. Solche Fälle kommen 
namentlich bei Leichen von Menschen zur Beobachtung, die den Tod 
durch Verblutung aus Halsschnittwunden gestorben waren, und bei 
denen sich ausser diesen auch noch andre Verletzungen, namentlich 
Schnittwunden, am Körper vorfinden. Dieser Befund aber, vielleicht in 
Verbindung mit andern verdächtigen Umständen, erregt den Verdacht 
eines Mordes, während andrerseits der Selbstmord nicht unwahrschein- 
lich. Bei recht sorgfaltiger Untersuchung der verschiedenen, in solchen 
Fällen vorgefundenen Verletzungen gelingt es nun wohl und gar nicht 
selten, stufenweise die Reactionserscheinungen an den einzelnen Ver- 
letzungen wahrzunehmen, so dass die Wunde A, noch sehr deutlich 
sugillirte Randränder und Ecchymose im unterliegenden Zellgewebe, die 
Wunde /?. dergleichen schon weit weniger, die Wunde C, aber gar 
Nichts derartiges mehr zeigt. Hier wird man nicht irren, wenn man 
die Priorität der Verletzungen in der Reihenfolge von A, B. und C 
feststellt. Der unten folgende 1. Fall giebt genau ein Beispiel hierfür. 
Mit dieser Prioritäts-Feststellung ist dann aber gewöhnlich auch der 
Zweifel betreffend Mord oder Selbstmord sogleich gelöst. War die der 
Zeitfolge nach erste z. B. eine Wunde im linken Handgelenk, die der 
Zeitfolge nach zweite eine in den Oberarm, eine dritte vielleicht eine 
oberflächliche Hautwunde am Halse und eine vierte endlich, die sich 
als die tödtliche erweist, eine bedeutende, tiefe Schnittwunde in den 
Hals, so wird unter gewöhnlichen Umständen ein Mord nicht angenom- 
men werden können, wie auf der Hand liegt, da der fremde Thäter 
bei einem mörderischen Angriff ebenso wenig jemals damit anfängt, 
leichte Hautwunden beizubringen, als umgekehrt Selbstmörder errahmngs- 



Die Priorität der Todesart. §. 26. Diagnose. 65 

gemäss sehr häufig aus Unkenntniss, Mangel an rechtem Muth u. s. w. 
grade so verfahren. Hätte aber ein Verbrecher, eben um den Schein 
eines Selbstmordes hervorzurufen, absichtlich nach beigebrachter schnell 
tödtlicher Verletzung dem Sterbenden oder Todten noch andere leichte 
Verletzungen zugefügt, dann würden eben wieder die (mangelnden) 
Reactionserscheinungen Aufklärung geben. — 

2) In andern Fällen, namentlich in solchen, in denen die Complici- 
tat mehrerer Angeschuldigten in Frage steht, und mehrfache tödÜiche 
Verletzungen an der Leiche gefunden worden, deren Eine nur schliess- 
lich den Tod bewirkt haben kann, kann die Art der Verletzungen, in- 
soweit sie auf die angewandten Werkzeuge zurückschliessen lässt, das 
Dnokel aufklären. Eine Stichwunde war tief in die Leber, eine zweite 
tief in eine Lunge eingedrungen, beide hatten innere Blutung veranlasst, 
der Tod war erfolgt. Die Leberwunde war eine dreieckige, die Lungen- 
wmide hatte den Character einer Stich- und Schnittwunde. Der Richter 
aber hatte ermittelt, dass der Eine der Angeschuldigten beim Deberfall 
ein Bajonettgewehr, der Andre einen Säbel geführt hatte. War nun 
durch die gerichtliche Obduction festgestellt, dass die Brustwunde den 
Tod früher herbeigeführt haben musste, als die Leberwunde, so hat der 
Richter den Urheber des Todes ermittelt. — 

3) In wieder andern Fällen mit ganz verschiedener Sachlage, in 
denen man nämlich mehrere ganz verschiedene Todesursachen in der 
Leiche findet, von denen jede Einzelne ausreichend war, den Tod zu 
bewirken, muss die Ermittelung der wirklichen Todesart, die der 
Zeitfolge nach noch vor den übrigen das Leben endete, als Criterium 
dienen. Das sind die Fälle, in denen man z. B. Erbängung und Ver- 
giftung, Verblutung und Erhängung, Ertrinken und Erdrosselung, Er- 
stickung und tödtliche Kopfverletzung, Schuss wunde und Halsschnitt- 
wunde, Erhängen und Schusswunde und dergl. fand, wie wir mehrere 
derartige mittheilen werden.*) Solche Fälle von Complication der 
Todesart kdnnen grosse Schwierigkeiten für die wissenschaftliche Be- 
leuchtung darbieten, und der Umstand, dass die wissenschaftliche De- 
putation für das Medicinalwesen alljährlich mit einigen derartigen Super- 
arbitrien befasst ist, beweist, wie häufig diese Fälle zu Meinungs- 
differenzen unter den sachverständigen Instanzen Anlass geben. 
Bei solchen Fällen kann bald die Eine, bald die Andere der oben 
bezeichneten Fragen, die Frage vom Tode durch fremde oder durch 



^ S. a. Maschka's interessante Mittbeilungen. Wien. med. Wocbenscbr. 1S6C. 
No. S. a. 47., sowie abgegeben Ton der unten folgenden Casuistik in diesem Paragra- 
phen, vielfacbe andere Fälle unter der Casuistik dieses Werkes. 

Caiper'i fterichtl. M«diein. 5 Aufl. II. 5 



66 I>ie Priorität der Todesart. §. 26. Diagnose. 

eigene Schuld, und die andre nach dem Urheber des Todes unter 
mehrere Gomplicen zur Beantwortung vorliegen. Man könnte einwen- 
den, dass derartige Fälle sich in Nichts von den alltäglichen beliebigen, 
zur gerichtsärztlichen Prüfung konmienden unterscheiden, da ja überall 
die Feststellung der wirklichen Todesursache, lägen auch im concreten 
Falle zwei oder drei verschiedene gleichzeitig möglich gewesene Todes- 
Yeranlassungen vor, das Hauptziel jeder gerichtlichen Obduction ist. 
Bewanderte werden diesen Einwand nicht erheben. Denn sie wissen, 
dass eben die Gomplication der Todesursachen den Fall verdunkelt und 
seine Begutachtung erschwert, weshalb eben alle Momente bekannt sein 
und erwogen werden müssen, die geeignet sind, die oft wirklich sehr 
grossen Schwierigkeiten zu beseitigen.*) Und namentlich sind diese 
Schwierigkeiten gross für die obducirendcn Gerichtsärzte, welche in den 
allenneisten Fällen überhaupt Nichts als eine nackte Leiche vor sieh 
haben, während die vielleicht später eintretenden superarbitrirenden 
Medicinalbehörden sich in der viel günstigeren Lage befinden, von den 
nach der Obduction Statt gehabten weitern richterlichen Ermittelungen 
über den Fall sich aus den Akten belehren zu können. Dies bringt uns 
4) zu dem letzten Kriterium, der Beachtung der äussern Um- 
stände des zweifelhaften Falles, und wäre von Hause aus, und zur 



•) Taylor, (die Gifte, übers, von Seydeler, Cöln, 1862, L S. 420) berichtet 
folgenden seltsamen Fall nach dem Edinb. med. and, surg. Journal April 1840. 
Eine sechzigjährige Frau wurde in die Krankenanstalt gebracht; der Hals war tief ein- 
geschnitten und sie starb bald nach ihrer Aufnahme. Es war erwiesen, dass sie zwei 
Unzen Schwefelsäure getruuken und eine Viertelstunde darauf sich die Kehle durch- 
schnitten hatte. Nachdem sie die Säure genommen, wurde sie unter grossen Schmerzen 
sich windend gesehn: sie steckte darauf ein Rasirmesser in die Tasche, und ging fort, 
ihren Plan auszuführen. Wie sie auf die Strasse trat, brachte sie sich die Schnitte bei, 
wurde aber sogleich bemerkt und in s nahe Hospital gebracht. Sie starb eine ball>e 
Stunde nach dem Einnehmen der Schwefelsäure. Die Ilalswunde war sehr tief und 
trennte ausser andern Gewissen die linke F. juguL interna vollständig. Bei der Ob- 
duction wurde, da Niemand an Gift dachte, angenommen, dass die Blutung aas der 
Wunde den Tod hinreichend erklärte. Bei Eröffnung der Bauchhohle fand man» dass 
drei Viertel des Magens fehlten, indem seine Wände durch die Schwefelsäure aufgelöst 
und zersetzt waren. „Ob dies oder die Blutung die Ursache des Todes war, war ziem- 
lich schwierig zu sagen; wahrscheinlich aber beschleunigte der Blutverlust und der da- 
mit eintretende Schwächezustand des Organismus die Wirkung, die das corrodirende 
Gift in so ausgedehntem Maasse auf den Hagen ausgeübt hatte. So mögen beide Ur- 
sachen mitgewirkt haben, besonders da es etwas Ungewöhnliches ist, dass Schwefelsaure 
in so kurzer Zeit das Leben zerstören sollte.'' (Dies Moment würde für meine Be- 
gutachtung des schwierigen Falles entscheidend gewesen sein.) „Ich habe kaum nöthig 
zu bemerken, dass, wäre die Verletzung von einem Dritten ausgegangen, die wichtige 
Frage zur Erörterung gekommen sein würde, in welchem Grade der Thäter strafbar 
war." (Weit wichtiger aber noch wäre die Entscheidung hei zweien der verschiedenen 
Verbrechen Augeschuldigten gewesen!) 



Die Priorität der Todesart §. 27. Casnistik. 18. u. 19. Fall. 67 

Zeit der Obduction, noch nichts Weiteres bekannt, als der Ort und die 
Lage, an welchem und in welcher die Leiche aufgefunden worden, oder 
gar schon einiges Licht gebende Zeugenaussagen über die Verhältnisse 
des Verstorbenen u. dgl. Man hätte z. B. die Leiche mit herunterge* 
schlagenen Hemdsärmeln, und unter denselben Schnittwunden in die 
Ellenbogenbeugung, oder man hätte die tödtliche WaiFe noch in der 
Hand der Leiche festgeballt, oder noch Gift, und zwar das Betreffende, 
in seiner Tasche gefunden, u. s? w. Kurz, es' kommen in Beziehung 
auf dieses, gar nicht unerhebliche Moment, alle jene Erwägungen zur 
Sprache, die überhaupt in Beziehung auf ausserhalb der Obduction 
liegende Umstände zur Lösung der Frage: ob eigene oder fremde 
Schuld? dienen, und welche wir bei jeder einzelnen gewaltsamen Todes- 
art angeben werden. 

§. 27. Casilstik. 

1& Fall. Schnittwunden in die obern Extremitäten und HaUschnitt- 

wunden. 

Die Leiche des 21jährigen Dienstmädchens zeigte einen Querschnitt in die innere 
Fliehe des linken Handgelenks, dann einen kleinern in die linke Ellenbogenbeuge, 
einen genau ebenso grossen in die rechte, und einen yiertehalb Zoll langen Schnitt, 
der den Kehlkopf mitten durchgeschnitten (sehr selten!), auch die Speiseröhre ganz ge- 
tremit, und die Tordere Wand der rechten Jugularrene zerschnitten hatte. Der Verblu- 
tongstod war zweifellos. Wachsbleiche Farbe der Leiche, Blässe der Lippen und des 
Zahnfleisches, Yöllige Leere der Hirnblutleiter, hellgraue, anämische Lungen, Herz und 
A, puimoR. ganz leer, grosse Anämie in Leber, Milz und Nieren, während Magen, 
Darm und Uterus bleich und wie ausgewaschen erschienen. Auch die untere Hoblvene 
war völlig leer. Die Priorität der Verletzungen war nach der Beschaffenheit derselben 
ganz leicht nachweisbar. Die Wunde am Handgelenk hatte noch linienbreit sugillirte, 
die in der linken Ellenbogenbeugung halblinienbreite Ränder, die in der rechten nur 
einen ganz schmalen Saum, und die grosse Halswunde zeigte gar keine Färbung der 
Rinder. In dieser Reihenfolge mussten sonach die Verletzungen sich gefolgt sein, und 
durch diese Aufeinanderfolge war die aufgeworfene Frage vom Selbstmord des Mädchens 
bejahend zu entscheiden, aus oben im §. 26 angeführtem Grunde*). 

19. Fall. Schusswunden und Kopfverletzung. Wer war der Urheber 

des Todes? 

Dieser und der nachfolgende Fall sind von C asper als Referenten in der Königl. 
vissenscbaftl. Deputation bearbeitet Der Wirth Thomas K., der Wirthssohn Nico- 
laus K. und der Wirth Anton M. waren beschuldigt, den Ausgedinger Wolf in der 
Nacht vom 6. zum 7. August 1861, als dieser auf dem ,Erbsenfelde schlief, theils durch 
Schüsse, theils durch Schläge gemordet zu haben. Jeder suchte die Schuld auf die 
ICtbesdraldigten zu wälzen. Anton beziehtet Thomas, dass er sich dem auf der Erde 
liegenden Wolf bis auf fünf Schritte genähert, auf ihn gezielt und geschossen habe. 
Wolf habe „o Jesus !^ gerufen und nun habe Thomas zum zweitenmale geschossen, 

•) S. einen ähnlichen, weit schwierigem Fall in Viertelj. Schrift XIV. S. 193 u. f. 
io dem Superarbitrium der wissensch. Deputation: „Mord oder Selbstmord''? 

5* 



68 I>ie Priorität der Todesart §. 27. Gasoistik. 19. Fall. 

und zwar aus einer Doppelflinte, worauf Wolf noch einmal „o Jesus!* gerufen. Hier- 
auf habe nun Er, Anton, seine Flinte abgeschossen, zwar in die Luft, aber doch in 
der Richtung, in welcher Wolf lag. Thomas habe nun seine Doppelflinte» nachdem 
sie zweimal abgeschossen, bei dem Kolben gefasst, und mit dem obem Ende des Laufes 
ein Paar Mal, weil Wolf noch lebte und stöhnte, diesen auf den Kopf geschlagen. 
Später hat Anton den Vorfall so geschildert: „dass Thomas beide Läufe, Einen nach 
dem Andern, abgeschossen, dass dann Nico laus auf Wolf, und zuletzt er selbst ge- 
schossen habe. Nachdem nun alle vier Schusse gefallen, habe Thomas den Verletzten 
mehreremale mit der Flinte geschlagen. Nach der Darstellung des Thomas dagegen 
hätten alle Drei auf Verabredung gleichzeitig auf Wolf gezielt Nach seinem Schuss 
habe er ihn sogleich mit den Läufen seiner Doppelflinte auf die Brust geschlagen, wor- 
aT}f nunmehr die Andern auf Wolf geschossen hätten. Hierauf habe Anton den Ver- 
wundeten mit seiner Flinte geschlagen, und dieselbe dabei in Stücke gebrochen. Dies 
Geständniss hat Thomas zurückgenommen. Nico laus deponirt, dass Wolf nach den 
vier Schüssen noch ein Paar Worte gesprochen habe, und dass dann Thomas und 
Anton ihn mit ihren Flinten geschlagen hätten.^ Es versetzte ihm Jeder mehrere 
Schläge, so dass die Flinte des Anton zerbrach, und die des Thomas sich bog. Noch 
während des Schiagens soll Wolf etwas gesprochen haben. Nach den Schlägen hat er 
nicht lange mehr geröchelt und verstarb bald darauf. Die Leiche wurde verscharrt, am 
11. August ausgegraben und am 12. gerichtlich obducirt Sie war bereits grün. An 
der Kopfhaut zeigten sich eine 2^ Zoll lange, halbmondförmige Quetschwunde, am Höcker 
des Stirnbeins eine 2 Zoll lange, halbkreisförmige Quetschwunde; vom linken Winkel 
dieser Wunde zog sich eine andre, eben so lange Quetschwunde nach dem linken Schei- 
tel hin, wo sich noch drei kleinere rundliche Quetschwunden zeigten. Alle Wunden 
zeigten stark angeschwollene und dunkel gefärbte Ränder. Vom Ellenbogengelenk des 
linken Arms ab auf den Oberarm hin befanden sich 30 rundliche, erbsengrosse , bläu- 
lich umgebene Wunden mit eingestülpten Rändern, die nach der innem Seite des Ar- 
mes ähnlichen Oeffnungen entsprachen. Der Arm fand sich zerschmettert, und sech- 
zehn platt gedrückte Bleistückchen darin. An der innem Seite des linken Oberschen- 
kels zeigten sich 15 erbsengrosse Oeffnungen, in deren Mitte eine rundliche Oeffnung 
von Bohnengrösse war. Diese dicht an einander liegenden Stellen bedeckten eine grün 
gefirbte Stelle von der Grösse eines Handtellers. Gegenüber derselben befand aich an 
der Vorderseite des Oberschenkels eine doppelthalergrosse, ununterbrochen tiefe Wunde, 
von welcher aus man mit der Sonde neben dem Oberschenkel bis in die bohnengrösse 
Oeffnung drang. Die Gulea war angeschwollen und durchweg mit Blut getränkt, die 
Nasenbeine zerschmettert Die Schädeldecke war ^ausserordentlich stark und saftreich*, 
am Hinterhaupt 2^, am Stirnbein 2 Linien dick. Die Schädelknochen waren unver- 
letzt, die Gehirnhäute ziemlich blutreich. Auch die Adergeflechte waren mit dunklem 
Blute gefüllt, eben so wie alle Blutleiter. Die Schädelbase war unverletzt Die Ge- 
hirne boten nichts Auffallendes. In den beiden übrigen Höhlen fanden sich ausser der 
Blutleere des Herzens und der grossen Gefässe durchaus nichts Erhebliches. Die grossen 
Gefasse an den verwundeten Gliedern, Arm und Schenkel, waren unverletzt Die Ob- 
ducenten hielten im Obductionsbericht sämmtliche Wunden als von grosser Bedeutung) 
keine jedoch habe für sich den Tod bewirkt Namentlich seien die Kopfwunden zwar 
sehr bedeutend, der Schädel aber sei, ausgenommen die Nasenbeine, nicht beschädigt, 
noch auch das Gehirn und seine Häute, so weit dies sichtbar gewesen. Dagegen sei 
die Gesammtwirkung der Verletzungen von der Art gewesen, dass der Tod die Folge 
davon war. Vorzugsweise hatten jedoch die Kopfwunden zum Tode beigetragen, da 
durch dieselben eine Gehirnerschütterung veranlasst werden musste, die als die nächste 
Ursache dem Leben ein Ziel setzte. Der Scbwurgerichtshof, vor welchen die drei des 



Die Priorität der Todesart. §. 27. Gasuisük. 19. Fall. 69 

Mordes des Wolf Bescholdigten gestellt wurden, beschloss, in ErwSgung, dass fär 
Nicolaus, der nur Eine der als weniger erheblich bezeichneten Schusswnnden, nicht 
Schläge auf den Kopf beigebracht hatte, die nähere Feststellung darüber von grosser 
Wichtigkeit sei, ob nicht die Schläge allein den Tod des denatus zur Folge gehabt 
hätten, zuvor noch ein Gutachten des Medicinal-Collegii der betreffenden Provinz zu er- 
fordern. Dies Gutachten nimmt nur zwei Schüsse als gefallen an, ,,denn auch die 
Schenkelwunde bot einen zu kleinen Raum, um annehmen zu können, dass ein zweiter 
Sduiss genau dieselbe Richtung eingehalten hätte'. Dagegen hält es das Gutachten 
for wahrscheinlich, dass dieser Lauf des Gewehrs eine zusammengesetzte Ladung hatte, 
denn der Schusskanal in der Mitte der Schussfläche rührte offenbar von einer Kugel 
her. Das Gutachten erachtet beide Schusswunden als schwere Verletzungen, welche jede 
far ach die Fortdauer des Lebens in Frage stellten. Durch die Complication sei ein 
günstiger Ausgang um so zweifelhafter geworden. Nichtsdestoweniger sei beiden Yer- 
letzungen die Nothwendigkeit des Todes nicht beizumessen, da grössere Gefässe nicht 
Terletzt worden , und eine Blutung aus kleinern Gefössen nicht in kürzester Zeit lodten 
konnte. Das Gutachten würdigt nun die Kopfrerleteungen , und weist nach, wie durch 
dieselben eine Himerschütterung erzeugt werden musste, wonach es zu dem Schluss ge- 
lugt, dass die Schläge allein, schon ohne die Schüsse den Tod des Wolf zur Folge 
gehabt haben. Bei dem Widerspruch dieses Gutachtens mit dem der Obducenten hielt 
es aber die Staatsanwaltschaft »bei der ausserordentlichen Wichtigkeit des Falles von 
wesentlichem Interesse, in der medidnischen Frage die Entscheidung der höchsten In- 
stanz den Geschworenen vorlegen zu können'. Dies Gutachten führte zunächst aus, 
wie beide Yorgutachten vom ärztlichen Standpunkt über die Frage: ob Wolf durch die 
Schusswnnden, oder die Kopfschläge oder durch Ooncurrenz Beider getodtet worden, 
nicht sehr wesentlich von einander abwichen, aber am wenigsten einander wider- 
sprechend seien. Nur darin wichen sie, in richterlicher Beziehung allerdings wichtig 
genug, von einander ab, dass das Gutachten der Obducenten die Kopfverletzungen vor- 
zugsweise als die Todesursache, dasjenige des Medicinal-Collegii dieselben als aus- 
schliesliche Ursache des Todes erklärt. ^Wir vermuthen, dass der im Ganzen sehr ne- 
gative Befand im Kopfe der Leiche des Verstorbenen die Obducenten von einem be- 
stimmtem Ausspruch zurückgehalten hat, denn es ist in der That kaum möglich, die 
eigentliche Ursache des Todes anders zu bestimmen, als es Seitens des Medicinal - Col- 
legu geschehen. Lidern wir uns deshalb der sachgemässen wissenschaftlichen Motivi- 
nmg desselben anschliessen, haben wir unsrerseits nur wenig hinzuzufügen. Die be- 
deutendste Schusswunde, die den denatus getroffen, war die in den linken Oberarm, 
denn sie hatte diesen Knochen völlig zerschmettertr Die Verletzung würde demnach 
höchst wahrscheinlich eine Amputation bedingt haben, welche möglicherweise bei un- 
gunstigen innem oder äussern concurrirenden Verhältnissen dann ihrerseits einen tödt- 
lichen Ausgang schon dieser Einen Verletztmg hätte zur Folge haben können. Unstrei- 
tig war demnach diese Verletzung eine lebensgefährliche ihrem allgemeinen Charakter 
Dach. Sie hat aber das Leben dieses Verletzten nicht vernichtet, wie noch weiter aus- 
zuführen sein wird. Weit weniger gilt dies von der zweiten, oder von den beiden 
Schusswnnden des linken Oberschenkels. Denn wir können uns in Beziehung auf die 
Frage, ob dieses Glied nur von Einem, oder von zwei Schüssen getroffen worden, der 
▼iel zü bestimmt ausgesprochenen Ansicht des Medicinal-Collegii nicht anschliessen. 
Abgesehen von den Aussagen der drei Angeschuldigten, die wir bei ihrem vielfältigen 
Laognen und ihren Widersprüchen nur mit Vorsicht würdigen können, und wonach al- 
lerdings drei Schüsse gefallen sein sollen, lässt doch auch der Befund am Oberschenkel 
der Leiche sehr füglich die Annahme zu, dass ein Schrotschuss, und ausser diesem 
eio Engelschass das Glied getroffen gehabt Das Medicinal -CoUegium glaubt nach die- 



70 Dio Priorität der Todesart. §. 27. Gasuistik. 19. Fall. 

sem Befunde eine zusammengesetzte Ladung des Gewehrs annehmen zu müssen, da es 
nicht wahrscheinlich, dass zwei verschiedene Schösse dieselbe KorpersteUe getroffen ha- 
ben sollten. Eine zusammengesetzte Ladung w&re indess gewiss etwas sehr Ungewöhn- 
liches, und der Zufall, wie er leicht hier obgewaltet haben kann, wo drei Menschen aus 
unmittelbarer Nähe auf einen ruhig und höchst wahrscheinlich schlafend auf der Erde 
liegenden Menschen schössen, kann es auch leicht veranlasst haben, dass zwei Schasse 
dieselbe Körperstelle trafen. Diese Frage aber ist für unsere Erwägung um deshalb 
nicht erheblich, weil wir überhaupt die Schüsse, mögen es zwei oder drei, oder im 
Ganzen vier gewesen sein, als die Ursache des Todes nicht betrachten können. Wir 
müssen hierbei zunächst bemerken, dass die Schussverletzungen des Oberschenkels 
überhaupt and an sich nicht so erheblich und so lebensgeföhrlich waren, wie die des 
Oberarms, da sie wichtige Theile gar nicht getroffen, und auch den Obenschenkelkno- 
chen nicht einmal verletzt hatten. Die Obduction hat festgestellt, dass kein einziges 
grösseres Blutgefllss im Körper des Wolf von den Schüssen getroffen und zerrissen 
worden, wodurch etwa eine rasch tödtliche Verblutung hätte bedingt werden können, 
und kleinere ohne Zweifel durch die Schüsse verletzte Blutge&se konnten, worauf das 
Medicinal - Collegium bereits sehr zutreffend hingewiesen, eine solche rasch tödtliche 
Verblutung um so weniger leicht bewirken. Der Obductionsbefund der im Ganzen eine 
gewisse Blutarmuth in der Leiche nachgewiesen hat, spricht gegen diese Annahme. 
Denn diese Blutarmuth findet ihre viel näher liegende Erklärung in der schon ziemlich 
weit vorgeschrittenen Verwesung der Leiche, welche, wie in allen dergleichen Fällen, 
bereits den Verdunstungsprocess herbeigeführt hat, und die immer blutarme Leichen liefert, 
auch wenn nicht die geringste Veranlassung zum Verblutungstode vorliegt Thatsäch- 
lich festgestellt femer ist es, dass die mehrfachen Schüsse, resp. kein einziger dersel- 
ben, den Wolf nicht sofort getödtet haben, wie etwa ein Schuss ins Herz, denn er 
hat, nachdem er durch alle drei oder vier Schüsse getroffen war, noch einige Worte 
gesprochen und gestöhnt, ja selbst noch während des Schiagens auf seinen Kopf soll 
er „^etwas"^ gesprochen haben. Dieses Schlagen nun geschah mit dem eisernen Dop- 
pellauf einer Flinte, und wenn es schon nach allen Umständen des Falles mit Recht 
vorausgesetzt werden kann, dass dieses Schlagen mit grosser Heftigkeit geschah, so 
bestätigt der Zustand, in welchem das verletzende Werkzeug aufgefunden worden, an 
welchem die eisernen Läufe sogar verbogen waren, diese Voraussetzung und die g^sse 
angewandte Gewalt thatsächlich , mit welcher die Flintenläufe gegen den Kopf geführt 
worden. Eine fernere Bestätigung liefert hierfür auch der Obductionsbefund in den 
Zerreissungen der Kopfschwarte und den Blutaustretungen in und unter derselben. Ein, 
in keinem der Vorgutachten erwähntes Moment erklärt es, warum so gewaltsame Schläge 
mit einem so schweren und harten Werkzeug nicht Verletzungen des Schädels herbei- 
geführt haben, die, wenn sie gefunden worden, die Obducenten wahrscheinlich in ihrem 
summarischen Gutachten zu einem andern und bestimmtem Ausspruch veranlasst haben 
würden. Wir meinen, die registrirte auffallende, wenn auch nicht allzu seltene Dicke 
der Schädeldecke des Wolf, welche 2— 2V Linien stark gefunden worden ist Ein der- 
artig fester und Widerstand leistender Schädel ist so leicht nicht einzuschlagen, und 
bedarf es dazu noch wuchtigerer Werkzeuge, als es die Doppelflinte war, z. B. einer 
Axt u. dgl. Aber auch ohne Verletzung oder Zerschmettemng des Schädels todten Oe- 
wältthätigkeiten, die den Kopf treffen, alltäglich, und zwar durch ihre Rückwirkung auf 
das Gehirn, die sich verschiedentlich documentirt. Die gewöhnlichste Rückwirkung ist 
die Erschütterung des Gehirns, welche eine der allerlebensgefährlichsten, oft genug 
augenblicklich oder in der kürzesten Frist tödtlichen Verletzungen ist Allerdings ist 
der materielle Beweis einer solchen Himerschütterung niemals aus dem Leichenbefunde 
zu entnehmen, da sich dieselbe durch positive Sectionsbefunde nicht kund giebt Der 



Die PrioriüLt der Todesart. §. 27. Casuistik. 20. Fall. 71 

Arzt schllesst aber erfabran^gemäss auf eine Himerschatterung zurück , wenn Veran- 
lusimg zu einer solchen thatsächlich feststeht, wenn wohl gar die anderweit nachge- 
wiesene schwere Beschädigung des Kopfes auch noch durch positive äussere Sections- 
befaade am Kopfe erhärtet wird, und wenn in solchen Fällen der Tod sehr bald auf 
die Kopfverletzung folgt, ohne dass die Leichenofihung eine andre Todesursache nach- 
wies. Alles dies traf in Betreff des Todes des Wolf zu. Nachdem derselbe Verletzun- 
gen durch Schusswunden erbalten, von denen wir nachwiesen, dass sie ihn nicht rasch 
tödten konnten , nachdem derselbe sogar noch lebte, während ihm die Kopfverletzungen 
nigefagt wurden, starb er nunmehr, wie alle Angeschuldigten einräumen, sehr rasch, 
ond wir hegen, nach allem Angeführten, keinen Zweifel darüber, dass dieser nunmehr 
erfolgte Tod durch Himerschütterung , bedingt durch die Gewaltthat, die den Kopf ge- 
troff, n, veranlasst worden. Wenn wir nun auch in Erwägung ziehen müssen, dass hier 
ein bereits schwer, ja lebensgefährlich anderweit Verletzter durch eine fernere Ver- 
letzung getodtet worden, so müssen wir doch schliesslich, mit wörtlicher Berücksichti- 
gimg der uns gestellten allgemeinen Frage unser Gutachten dahin abgeben: dass die 
Ursache des Todes des Wolf in den Schlägen auf den Kopf zu suchen, welche 
ihm kurz vor seinem Tode zugefügt worden sind." Hiemach war nun dem Richter der 
eigentliche Urheber des Todes unter den drei des Mordes Angeschuldigten bezeichnet. 
hl der Schwurgerichtsverhandlnng wurden zwei der drei Angeklagten überführt, die 
Schläge gegen den Kopf des Wolf geführt gehabt zu haben, und diese Beiden wurden, 
uf Grund des vorstehenden Gutachtens, zum Tode (der Dritte zu zehnjähriger Zucht- 
haosstrafe) verurtheilt, 

20. Fall. Priorität der Verletzungen. Wer war der Urheber des Todes? 

Am 21. December gerieth der Tischlergeselle Jerdinsky, der sich im trunkenen 
Zustande befand, jedoch dabei, wie ein Zeuge bekundet, noch „vernünftig und beschei- 
den' war, im Kruge zuerst mit dem Grüner sen., und später mit dessen Sohn, 
Grüner jun.j in Streit, welcher in Thätlichkeiten ausartete, in deren Folge Jerdinsky 
5chr schnell verstarb. Die anwesende Dienstmagd, imverebel. Kirsohner, scbildert 
den Hergang dabei, wie folgt: „Bald nach 3 Uhr Nachmittags kam Jerdinsky in die 
Schänkstube, und sagte zu der verebelichten Grüner sen,: soll ich das leiden, dass 
dein Mann sagt, ich habe mit dir gehurt und gestohlen? mein Gewissen ist rein. Bald 
darauf trat Grüner sen, ein, und sagte zu Jerdinsky: Du verfluchter Schweinhund, 
was willst Du hier? Dabei stiess er den Jerdinsky rücklings nieder, so dass er in 
der Stube auf den Kopf fiel. Jerdinsky stand auf, Grüner sen. stiess ihn aber 
zum zweitenmale nieder, und flog Jerdinsky mit dem Kopf auf die in der Stube be- 
findliche Hobelbank, und dann mit dem Kopfe in die Spähne. Jerdinsky stand wie- 
der auf, und ging, wie Grüner sen., hinaus, Beide traten aber nach 5 Minuten wie- 
der ein und der Streit begann von Neuem. Grüner fasste Jerdinsky zum dritten- 
male bei der Brust, warf den Jerdinsky über eine Bank, dergestalt, dass Jerdinsky 
mit dem Kopfe auf die Erde aufschlug in einen Winkel, wobei Grüner sprach und 
schimpfte. Er kauerte neben Jerdinsky, fasste ihn bei den Haaren, und schlug ihn 
wenigstens vier Mal mit dem Kopfe gegen die Diele. Jerdinsky blieb liegen. Grüner 
fust^ ihn bei den Armen und schleppte ihn in den Hausflur, wo er ihn liegen Hess." 
Er nmss indess später wieder in die Schänkstube gekommen sein, da Grüner ^un, 
der inzwischen zu Hause gekommen war, nachdem er von dem Vorgefallenen Kenntniss 
erhalten, in einen heftigen Wortwechsel mit ihm gerieth. Er rief ihn aus der Schänk- 
in die anstossende Wohnstube, und bald darauf hörte man aus ersterer in der Wohn- 
stnbe Sehläge fallen, und „Jemand^ schrie: „ach, Jesus !^, worauf der laute Wortwechsel 
vifbörte, und nur noch ein blosses Murren hörbar blieb. Zwei Zeugen haben deponirt, 



72 Die Priorität der Todesart. §. 27. Casuisük. 20. Fall. 

dass Jerdinsky, als er Ton Grüner jun, in die Wohnstube gerufen ward, »voll- 
kommen verfugungsfahig gewesen*'. Dagegen behauptete Grüner jun., Jerdinsky 
sei, als er ihn ins Zimmer gerufen, „in trunkenem Zustande mit Heftigkeit an die 
Thür gestolpert, so dass diese an die Wand flog.^ Ich rief ihm, fährt der Angeklagte 
fort, noch zu, «ho! hol", er kam auf mich zu, tnrkelte aber hin und her, und fiel beim 
Ofen nieder; er schnarchte; ich hielt dies für Verstellung, nahm die Reitpeitsche von 
der Säule, und hieb zweimal ad posteriora.^ Weitere Misshandlungon, als diese, will 
Grüner yun. dem denatus gar nicht zugefügt gehabt haben. Dass er denselben mit 
der Reitpeitsche gehauen, bestätigt auch die verehelichte Grüner sen., welche depo- 
nirt, dass Jerdinsky noch kurz vorher mit dem Grüner ^un. gesprochen habe, und 
dann auf Einmal auf die Erde gestürzt sei, worauf er von dem jungem Grüner die 
Reitpeitsche bekommen. Es wurde nun der Knecht L. gerufen, und mit dessen Hülfe 
der bewusstlose Jerdinsky nach dem Gaststalle gebracht, da er nicht mehr gehen 
konnte; hier wurde er auf Stroh gelagert, man hörte ihn noch schnarchen, aber am 
andern Morgen fand man ihn todt. Bei der gerichtlichen Obduction des Leichnams er- 
gab sich an wesentlichen Resultaten Folgendes: in der Gegend der Verbindung der 
pars occipitalis des Hinterhauptbeins mit den Scheitelbeinen fand sich eine teigige 
Geschwulst von der Grosse eines Zweithalerstücks, über derselben über den Kopfknochen 
ein handteller grosses Blutextravasat ; auf dem rechten Stimhöcker ein bläulicher, ge- 
schwollener Fleck von der Grosse eines Vieigroschenstücks und einzelne unerhebliche 
Hautverletzungen am Korper. Auch das pericranium sah blutrünstig aus, und war 
über die Hinterhauptsnath vom cranium losgetrennt. An der beschriebenen Stelle an 
der Stirn fand sich sowohl auf als unter der galea ein Blutextravasat von Achtgroscben- 
stückgrosse. Entsprechend der rechten Hälfte des Stirnbeins zeigte sich auf dem vor- 
dem Lappen der rechten Himhemisphäre ein Blutextravasat von der Grösse eines Acht- 
groschenstücks. Die hintem Lappen des grossen Gehims und zum Theü auch der mitt- 
lere Lappen der linken Hemisphäre waren mit theils geronnenem, theils flüssigem ex- 
travasirten Blute bedeckt, Auch fand man zu beiden Seiten der grossen Hirnsichel im 
Ganzen mehr als zwei Unzen flüssiges extravasirtes Blut. Auch unter dem Himzelte 
fanden sich etwas mehr als zwei Unzen theils geronnenen, theils flüssigen Blutes, „so 
dass das ganze kleine Gehim wörtlich im Blute schwamm." Auch die beiden mittleren 
Gehimgruben enthielten etwas extravasirtes flüssiges Blut. Beide Lungen waren ausser- 
ordentlich blutreich, das rechte Herz und die obere wie untere Hohlvene nyt dunkel- 
flüssigem Blute strotzend angefüllt, und auch die linke Herzvorkammer und die Lun- 
genvenen voll dunkeln, flüssigen Blutes. Alle übrigen Sectionsbefunde waren nicht 
erheblich. In ihrem Gutachten vom 12. April suchten Obducenten den Beweis zu füh- 
ren, den sie namentlich aus dem Umstände entnahmen, dass Jerdinsky nach den 
Misshandinngen des Grüner sen, noch vernünftig und verfügungsflhig erschienen, und 
erst, als man in der Stube die Schläge des Grüner jun, fallen hörte, niederge- 
stürzt sei, dass nothwendig von diesem Angeschuldigten auch, und zwar noch «starke* 
Schläge gegen den Kopf des Jerdinsky geführt worden sein müssen, und nahmen sie 
an: dass zwar die dem Jerdinsky von Grüner sen, zugefügten Verletzungen seinen 
Tod haben befördern helfen, jedoch unter Mitwirkung später noch hinzugekommejier 
Misshandlungen Seitens des Grüner ^'un. — Sehr verschieden hiervon urtbeilte aber 
das Medicinal-Collegium der Provinz in seinem noch erforderten Gutachten vom 17. Juli, 
wenn es die ihm gestellten Fragen dahin beantwortete: 1) ,dass die dem denatua von 
dem Grüner sen. erweislich zugefügten Schläge die alleinige und ausschliessliche Ur- 
sache seines später bei dem Zusammentreffen mit Grüner jun. erfolgten plötzlichen 
Zusammensinkens und darauf erfolgten Todes gewesen sein können, und 2) dasa aus 
den Erscheinungen, die das plötzliche Ziismmensioken des denatus begleiteten, dem 



Die Priorität der Todesart §. 27. Casuistik. 20. Fall. 73 

Sdmuthen wie eines Betrunkenen n. s. w., der Schluss nicht gezogen werden könne, 
da» derselbe erst unmittelbar vorher die töiltlichen Verletzungen empfangen habe, welche 
die sein Zusammensinken begleitenden Erscheinungen zur Folge hatten.*' Das betref- 
fende Gericht fand, «dass beide vota in Bezug auf die Zeit, zu welcher dem denatus 
die todtüchen Verletzungen zugefugt worden, einander diametral entgegen laufen, und 
für die Angeschuldigten Grüner jun, und Grüner sen, bezüglich ihrer Betheili- 
guDg an dem Tode des Jerdinsky zu einander widersprechenden Schlussfolgerungen 
fähren würden, indem das erstgenannte votum dem Grüner j'uti. und das zweite totum 
dea Grüner sen, den Tod des Jerdinsky allein aufbürdet Nach dieser Ansicht 
hielt sich das Gericht verpflichtet, noch von der wissenschaftlichen Deputation ein Su- 
jxrarbiirium über die unten anzugebenden Fragen zu erfordern. 

In diesem Gutachten wurde im Wesentlichen ausgeführt ,' was wir hier auszugs« 
weise folgen lassen. ^Aktenmässig gewiss ist im vorliegenden Falle: 1) Dass der Tisch- 
lergeselle J. bis cum Abend des 21. December ein Mensch von solcher Gesundheitsbe- 
Khaffenheit gewesen, dass sein Tod an diesem Abend nach dem gewöhnlichen Laufe 
der Dinge nicht zu erwarten war; 2) dass derselbe an diesem Abend in einem kurzen 
Zeitintervalle zweimal, von Grüner sen. und von Grüner ^un. gemisshandelt worden; 
3) dass die Misshandlungen des Erstem bestanden in wiederholtem Niederstossen, 
wonach der wohl angetrunkene, aber nicht besinnungslos trunkene J. gegen die Hobel- 
bank und auf die Erde stürzte, sowie in einem wenigstens viermaligen Aufstossen des 
Kopfes gegen die Diele, so dass unmittelbar nachher „„Beulen'**^ am Kopfe sichtbar 
wurden; 4) dass die Misshandlungen des Letztern, Grüner /uri., bestanden in Schlä- 
gen mit einer Reitpeitsche, angeblich nur ad posteriora; 5) dass unmittelbar nach 
den, so kurze Zeit aufeinander gefolgten Misshandlungen sich Krankheitssymptome eiu- 
stellten, wie sie schweren Kopfverletzungen ganz eigenthümlich sind, als: Stolpern und 
Turkeln, und Schnarchen, wie es in den Akten genannt wird, besser röchelnde Re- 
spiration; 6) das nach [postj den Misshandlungen der Tod des J. fast unmittelbar ge- 
folgt ist; 7) dass die Obduction des Leichnams, worin wir mit den beiden frühem tech- 
nischen Instanzen vollkommen übereinstimmen, als Todesursache tödtliche Kopfverletzun- 
gen, unzweifelhaft ergeben hat Dagegen ist es nichts weniger als aktenmässig, wie 
wir gleich hier bemerken müssen, dass auch der Grüner ^un. dem J. irgendwie Kopf- 
verletzungen beigebracht habe, vielmehr haben nur Obducenten geglaubt, aus ihrer 
Auffassung des Falls eines Rückschluss auf solche Kopfverletzungen machen zu müssen, 
den wir aber keinesweges für gerechtfertigt halten. Die todtüchen Verletzungen be- 
standen in den oben aufgeführten sehr ausgedehnten Blutergüssen im Innern der Schä- 
delböhle, die einen tÖdtlichen Druck auf das Gehirn ausüben mussten, und von wel- 
chem Druck die Blutstauchung in den Eingeweiden der Brust nur erst die letzte Folge 
war. Blutextravasate von der Masse und Ausdehnung , wie sie in der Leiche des de- 
naltu gefunden worden, gehören nicht zu den alltaglichen Erscheinungen. Sie setzen 
aber in allen Fällen eine sehr erhebliche Gewalt voraus, die den Kopf getroffen, und 
todten lethale Kopfverletzungen, die nicht durch sehr erhebliche Schläge, Stosse, Wurf 
a. s. w. die den Schädel trafen, vielmehr durch Himerschütterung oder durch Hirnent- 
tändung mit ihren Folgen, wie Eiterung u. s. w. Bluteztravasate in das Gehirn oder 
seine Hüllen haben aber femer das Eigenthümliche, dass sie meistentheils nicht plötz- 
lich sich in der Masse bilden, wie dieselbe später im Leichname gefunden wird, son- 
dern dass vielmehr das Blut aus den, durch die mechanische Gewalt gesprengten Blut- 
geßssen sich allmählig aus denselben in ihre Umgebung ergiesst oder aussickert, und 
»ich dann ansammelt So erklären sich die zahlreichen Fälle , in denen Menschen nach 
erheblichen Kopfverletzungen mit Extravasaten von Blut noch Stunden, ja Tage lang 
lebten, selbst noch ihren Geschäften nachgingen, bis das immer mehr sich ansammelnde, 
aus seinen Wandungen getretene Blut, den lähmenden Dmck auf das Gehirn allmählig 



74 Die Priorität der Todesart. § 27. Casuistik. 20. Fall. 

vermehrend, allmählig und mehr und mehr die Symptome eben dieses Druckes,* (die be- 
kannten) „in die Erscheinung treten Hess, und bis endlich unter Krampf- oder allge- 
meinen Lähmungszufall en , gänzlicher Bewusstlosigkeit, röchelnder Respiration u. 8. w., 
oder auch unter plötzlichem Zusammensinken der Tod eintrat Wenden wir dies auf 
den vorliegenden Fall an, so findet sich darin Nichts, das nicht der gewöhnlichen Er- 
fahrung entspräche, imd Niemand würde anstehen können zu erklären, dass J., wenn 
er einzig und allein von dem Grüner sen, auf die in den Akten bekundete Weise ge- 
misshandelt worden, und wenn er danach während seiner noch kurzen Lebensfrist sich 
gerade so verhalten hätte, wie oben geschildert, und wenn endlich die Obduction die 
obigen Befunde geliefert hätte. Niemand, sagen wir, würde anstehen können und dürfen 
zu erklären: dass J. an den und durch diese Misshandlungen resp, Kopfverletzungen 
seinen Tode gefunden habe. Hiernach finden denn auch die anscheinenden Wider- 
sprüche ihre Lösung, wenn einerseits von dem Zeugen M. bekundet wird, dass J. nach 
den MisshandluDgen des Grüner sen. noch „„vollkommen verfügungsfahig'''' gewesen, 
und von dem Zeugen L., dass er jetzt noch »„ganz gut gehen konnte "*, und wenn 
andrerseits der Grüner jtin. deponirt, dass derselbe bald darauf (schon) stolperte und 
turkelte, ja alsbald auch niederfiel und „„schnarchte'^', d. h. nunmehr und in diesen 
Augenblicken bereits tödtlich getroffen war. — Nach der Deposition des Grüner jun, 
und angeblich, weil er dies Hinfallen und Schnarchen für Verstellung hielt, will er' 
erst jetzt dem devatm die Schläge mit der Reitpeitsche gegeben haben. Seine Angabe, 
dass diese nur ad posteriora geführt worden , hat nach dem bisher erörterten Hergang 
nichts Unwahrscheinliches, das heisst, der Tod des denatuSy würde, wie oben gezeigt 
worden, bei dieser Deposition vollkommen erklärt sein. Es ist deshalb ungehörig, die 
Akten, wie die Obducenten thun , hypothetisch gleichsam zu suppliren und anzunehmen, 
Grüner ^un. müsse, wenn er es auch leugnet, gleichfalls den Kopf des J. getrofTen 
haben. Hierzu tritt aber noch der Umstand, dass Grüner Jun, erweislich kein anderes 
Werkzeug gebraucht hat, als die Reitpeitsche, und dass die etwanige Annahme, dass 
er den denatus gleichfalls niedergeworfen, mit dem Kopfe gegen harte Körper ge- 
stosseu habe u. s. w , jedes aktenmässigen Haltes entbehren würde. Eine Reitpeitsche 
aber ist kein Werkzeug, das eine so erhebliche Gewalt gegen den Kopf ausüben kann, 
wie sie, nach dem was wir oben auseinandergesetzt, in dem vorliegenden Falle, und 
um die Erscheinungen im Leben und nach dem Tode hervorzurufen, welche wirklich 
beobachtet worden sind, erforderlich war, selbst wenn die Peitschenschläge auf den 
Kopf gefallen sein sollten. Die Obducenten führen zur Entkräftigung der Aussage des 
Grüner ^'uw., und zur Aufrechthaltung ihrer Hypothese, Folgendes an, „„von Strei- 
chen mit der Reitpeitsche, die sich als längliche, blutunterlaufene Striemen am Leich- 
nam kund gegeben haben würden, haben wir, trotz der sorgfältigsten Unsersuchung an 
der Leiche Nichts gefunden. Sollten dergleichen Streiche wirklich Statt gefunden ha* 
ben, so lässt sich nur annehmen, dass die Wirkung derselben durch die Kleider des 
J. nicht durchgekommen isf"^. Bei Letzterer, sehr richtigen Voraussetzung allein war 
es von ihnen schon gewagt, auch noch zweite und fernere Kopfverletzungen als noth- 
wendig zu setzen; dazu kommt aber noch femer, dass häufig genug Fälle beobachtet 
worden, in welchen unzweifelhaft gefallene Hiebe mit Peitschen, Stöcken, Ruthen und 
dergleichen nach dem Tode, ziunal wenn derselbe sehr rasch darnach erfolgte, und, 
wie hier, die Leiche des Gemisshandelten , erst drei Tage nach dem Ableben besichtigt 
wurde, sich gar nicht mehr, oder nur in höchst geringem Maasse auffinden liessen*** 
Hiemach erklärte unser Superarbitrium , und beantwortete die richterlichen Fragen da- 
hin: 1) dass die dem denatus von dem Grüner sen, erweislich zugefügten Schiige 
die alleinige und ausschliessliche Ursache seines , erst später bei dem Zusammentreffen mit 
Grüner jun, erfolgten plötzlichen Zusammensinkens und darauf erfolgten Todes ge- 



Die Priorität der Todesart. § 27. Casuisük. 21. Fall. 75 

vcsen, und 2) dass aus den in den Akten angegebenen Erscheinungen, die das plötz- 
licbt Zusammensinkeu des denatus begleiteten, nachdem er bis dahin noch gangbar 
nod bei Bewusstsein gewesen, mit Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit nicht gefolgert 
Verden kann, dass derselbe bei seiner Unterredung mit dem Grüner y?<n., als man 
Schläge fallen horte, noch anderweitige Verletzungen empfangen habe, welche unter 
Mitwirkung der Yoransgegangenen Verletzungen oder für sich allein den Tod des de- 
nati zur Folge hatten. 

21. Fall. Zufall oder Mord? 

Ein 42 jähriger Säufer und bestrafter Verbrecher war mehrere Tage vor seinem 
Tode nnaosgesetzt betrunken, und diesmal so tobsuchtig gewesen, dass er Alles zer- 
schlug und gegen die Seinigen und sich selbst wnthete, auch gegen seine Frau äusserte, 
dass sie, wenn sie nach Hause käme, ihn nicht wieder finden würde. In der That fand 
sie ihn zurückkehrend an einem Tuche erhängt. So wenigstens war ihre Aussage. 
Aeusserst robuster Körper. Strangmarke mit Unterbrechung um den Hals laufend, links 
drd Zoll lang mumificirt, rechts kaum sichtbar, sich hinter den Ohren verlierend. . Das 
Gesicht toII dick angetrockneten Blutes, nach dessen Entfernung eine dreieckige Wunde 
hnki am Jochbein sichtbar ward. Der Oberkiefer zeigte sich hier ganz zertrümmert, 
die Highmorshöhle lag offen da, und auch das linke Nasenbein war zertrümmert. An 
der linken Stirnseite eine Beule, ganz mit coagulirtem Blute gefüllt. An den sonst 
gioz unverletzten Händen viel angetrocknetes Blut Am linken Scheitelbein eine Fissur 
mit etwas zackigen, blntimbibirten Rändern, die sich durch den Orbitaltheil des Stirn- 
beins hindurch bis an^s Keilbein fortsetzte. Kopf anämisch, aber als Todesursache er- 
^ab sich Hyperämie der Lunge und der Art pubnort. (nicht des Herzens), die wie die 
vuntartig ausgedehnte untere Hohlader mit flüssigem Blut sehr stark gefüllt erschienen. 
Dies war der sonderbare Fall. Was war die Todesursache, das Primäre, die Kopf- 
verletzungen oder das Erhängen? Wie, wenn denatus noch lebend aiifgehängt, waren 
die so sehr bedeutenden Kopfverletzungen entstanden, durch eigene oder fremde Schuld ? 
In einem wie im andern Falle, auf welches Werkzeug Hessen die Kopfverletzungen 
zurückschliessen? Wir urtheilten 1) dass die Kopfverletzungen den Tod nicht zur Folge 
gehabt hätten, obgleich sie dazu geeignet gewesen wären ; dies ist bei einer Fractur, die 
sich in die Schädelbasis hinein erstreckt, in allen Fällen unzweifelhaft. Wir nahmen 
2) an, dass diese Verletzungen noch während des Lebens entstanden, was durch die 
Beactionsspuren deutlich erwiesen war; 3} dass der Tod durch das Erhängen erfolgt 
gewesen, denn dass dasselbe nicht erst nach dem Tode geschehen wtvr, zeigte der Ob- 
dnctionsbefund, der neben der, an sich allein zwar Nichts beweisenden Strangmarke die 
gewöhnlichsten Resultate des Erhängungstodes ergeben hatte; 4) dass der gesammte 
Leichenbefund den oben angegebenen polizeilichen Angaben, betreffend das tobsüchtige 
Benehmen des denatus j nicht nur nicht entgegenstände, sondern 5) dieselben sogar 
mterstötze, denn bei den individuellen Verhältnissen des Verstorbenen war nicht anzu- 
nehmen, dass eine fremde Schuld beim Erhängen mitgewirkt habe, und das Erhängen 
eines so robusten und wüthigen Menschen habe bewirken können, der, wenn auch be- 
tranken, doch nicht besinnungslos gewesen war; 6) dass die Kopf- und Gesichts -Ver- 
letzungen als durch Fall auf einen harten und spitzen Körper entstanden anzunehmen 
seien, die natürlichste Erklärung dieser Verletzungen bei dem Verhalten und Benehmen 
de» denatus kurz vor seinem Tode. 



76 Die Priorität der Todesart. §. 27. Casuistik. 22. tu 23 Fall. 



22. Fall. Erhängen od^r Vergiftung oder Verblutung? Eigene oder 

fremde Schuld? 

Eine 50jährige Frau war am Ofen und mit einer Schnittwunde in der linken Ellen- 
bogenbuge erhängt gefunden worden. Mehrere Verdachtsgrände sprachen gegen den 
Ehemann. Schon nach dem Tode seiner ersten Frau hatte sich das Gerächt verbreitet, 
dass er dieselbe vergiftet gehabt; kurz vor dem Tode dieser zweiten Frau war er im 
Besitz einer grossen Menge Strychnin gesehen worden, im Schrank wurde ein Nachttopf, 
der blutig war und etwa 40 Unzen stark blutiger Flüssigkeit enthielt, vorgefunden, und 
die Schnittwunden am Leichnam der Erhängten mussten gleichfalls auffallend sein. Der 
Ehemann behauptete, die Frau müsse sich in der Nacht, während er schlief, die Schnitt- 
wunde beigebracht, das Blut in dem vorgehaltenen Nachttopf aufgefangen und sich dann 
erhängt haben, und erklärte, dass er am andern Tage den Topf in den Schrank gestellt 
habe. Die Obduction ergab, dass der Tod nicht durch Verblutung, sondern durch 
Neuroparalyse erfolgt war. Dies 1) erklärend, setzten wir 2} hinzu, dass Erhängte 
dieses Todes sterben können, und gerade denatay die kurz vorher einen bedeutenden 
Blutverlust erlitten hatte, dadurch gerade zu dieser Todesart der Erhängten besonders 
disponirt gewesen; 3) dass sonach Nichts der Annahme entgegenstände, dass dieselbe 
durch Erhängen ihren Tod gefunden habe, und 4) dass mehr Gründe für Selbstmord 
als für Mord sprächen, denn wenn ein Dritter sie hätte ermorden und sich dabei eines 
Messers bedienen wollen, so war es nichts weniger als wahrscheinlich, dass er damit 
begonnen hätte, ihr eine Schnittwunde in den Arm zu versetzen und dabei obenein den 
Nachttopf unter zu halten, um das Blut aufzufangen. Selbst schlafend würde die Frau 
von dem Schnitte erwacht sein. Das Aufhängen ziemlich hoch an den Ofen war auch 
nicht füglich auf die Action eines Dritten zu schieben, denn die Blutung war, wie der 
Leichenbefund zeigte, nicht so erheblich gewesen, um die Verletzte kraft- und wehrlos 
zu machen. Die chemische Untersuchung der Leichencontenta hatte femer die Abwesen- 
heit des Strychnins und jedes andern Giftes nachgewiesen. Unsere Deutung des Falles 
wurde später durch einen, von dem Ehemann producirten Brief der Verstorbenen, worin 
der Selbstmord von ihr verkündigt wurde u. s w., bestätigt. 

23. Fall. Erhängen oder Verblutung? Fremde oder eigene Schuld? 

Ganz ähnlich, aber schwieriger zu beurtheilen war dieser Fall. Ein Gefangener K. 
hatte sich notorisch im Gefängniss Nachts mit einem Rasirmesser einen tiefen Schnitt 
in die linke Ellenbogenbuge beigebracht, dabei die Brachial- Arterie angeschnitten, 
und ward am Morgen aufgehängt gefunden. Die Leiche war nach 40 Standen noch 
frisch. Todtenflecke, (die nicht gegen den Verblutungstod sprechen, Hdb. II., allg. Tbl. 
§ 8.), und prostatische, saamenähnliche Flüssigkeit in der Harnröhre, die diesmal nicht 
microscopisch geprüft werden konnte (was keinesfalls erheblich, da Saamenabgang nicht 
blos bei Erhängten beobachtet wird), bewiesen Nichts. Die Strangmarke war nur rechts 
am Halse 1$ Zoll lang sichtbar, schmutzig-violett, weich, unsugillirt Sehr ausgespro- 
chene Anämie in der Schädelhöhle. Zahnfleisch und Lippen fast weiss, Augen einge- 
fallen, Zunge hinter den Zähnen. Luftröhre ganz bleich und leer. Die alt adhärirenden 
Lungen sehr zusammengefallen, helischiefergrau, sehr anämisch. Im rechten Herzen, 
dessen Kranzadern leer waren, eine halbe Unze sehr flüssigen Blutes, im linken nur 
eine Drachme; die grossen Gefössstämme Hessen einige Unzen ausfliessen. Leber und 
Milz sehr sichtlich anämisch, die Nieren aber, besonders die linke, enthielten sogar 
etwas mehr Blut als gewöhnlich, der Magen einige Unzen wässriger Flüssigkeit, die 



§. 27. [«6 Priorität der Todesart Casuistik. 23—26. Fall. 77 

Hohlrene sehr wenin^ Blut — Wie schwierig konnte die Beurtheilung der Priorität der 
Todesart bei solcher Sachlage bei einer unbekannten Leiche werden 1 Gesetzt es wäre 
Verdacht des Mordes gegen mehrere Gomplicen erhoben worden; konnte E. nicht durch 
den Schnitt und die hier wirklich bedeutende Verblntung wehrlos gemacht and dann 
sterbend oder todt aufgehängt worden sein? War er nun den Verblutungs- oder den 
Erhängungstod gestorben? Und wer unter den mehrem Verdächtigen war der wirkliche 
Uriwber des Todes? Es würde eine Gewissheit des Urtheils in solchem Falle in der 
That nicht zu geben gewesen sein. Für den Erhängungstod sprach, neben der an sich 
nichts beweisenden Strangmarke und prostatischen Flüssigkeit in der Harnröhre, die 
grosse Flüssigkeit des wenigen Blutes in der Leiche, für den Yerblutungstod die all- 
gemeine Anämie. Gewiss aber war, dass weder Asphyxie, noch Apoplexie in der Leiche 
deutlich ausgesprochen waren, was bei vorangegangenem, so erheblichem Blntrerlust um 
so leichter der Fall sein konnte. Aber dieser negative Befund, in Verbindung mit der 
Aninde, würde auch die Annahme des Verblutungstodes gerechtfertigt haben. Gewiss 
femer war, dass die Schnittwunden nicht erst nach dem Tode beigebracht worden wareu, 
da hierbei die Anämie nicht erklärt wäre. Dies Alles zusammengefasst , würde ich bei 
einer Sachlage, wie die hier vorausgesetzte, erklärt haben: dass (nur) mit einem hohen 
Grade von Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass K. noch gelebt habe, als er an den 
Strang gekommen. Wäre die Frage von eigner oder fremder Schuld aufgeworfen worden, 
so würde nur zu erklären gewesen sein : dass bei der Abwesenheit jeder Spur von Kampf 
nnd Gegenwehr an der Leiche, die Annahme, dass eigene Schuld den Tod veranlasst, 
nicht ausgeschlossen bliebe, und dass keine Beweise für das Gegentheil aus der Ob- 
doction zu entnehmen gewesen. Zur gewisseren Diagnose würde dann die Information 
durch Mittheilung der Umstände, unter denen die Leiche gefunden worden, z. B. ob 
and wie l)ekleidet, ob der Aermel zerschnitten gewesen? u. s. w. abzuwarten gewesen 
sein. Es sind diese beiden nicht die einzigen Fälle, die ich beobachtet habe, in denen 
Selbstmorder sich zuerst Schnitte beigebracht, und dann nicht etwa dasselbe Hesser 
benutzt haben, um sich durch Halsschnitt u. s. w. vollends zu tödten, sondern nach 
Schmerz und Blutverlust noch Wille, Besinnung und Kraft behielten, um sich zu er- 
hangen. Es ist dies der unberechenbare Gedankengang der Selbstmorder im Augen- 
blicke der That, für welchen so unzählige Beweise vorliegen 1 



M. bis 26. Fall. Erstickung und Kopfverletzung. Zufall oder 

fremde Schuld? 

Hinter einander in drei Tagen des December (bei —8 bis 10® R.) kamen folgende 
drei Fälle vor: 

24. Ein 60jähriger Schlossermeister war todt auf dem Felde gefunden worden. 
Ueber dem rechten Scheitelbein, in dem später sich ein Längsbruch zeigte, fand sich 
eine halbzöllige, zackige, schwach sugillirte Hautwunde mit Blutunterlaufang in der 
Golea, Die rechte Backe war thalergross sugillirt. Ueber der ganzen linken Hirn- 
hemisphäre lag ein zwei Linien dickes Blutcoagulum ausgebreitet. Luftröhre injicirt; 
starke Hyperämie der Lungen, des rechten Herzens und der Lungenarterie. Alles 
Cebrige unerheblich. 

25. Der 30 jährige kräftige Mann war todt in einem Hausflur aufgefunden worden. 
Auch hier fand sich am rechten Scheitelbein eine zolllange Hautwunde mit stumpfen, 
Dach Innen gestülpten Rändern (Quetschwunde), das rechte untere Augenlid war su- 



78 Die Priorität der Todesart. §. 27. Gasuistik. 26. Fall. 

gillirt. Das rechte Scheitelbein war von der Mitte ab gebrochen, der Bruch ging in die 
Basis, verlief parallel mit dem Felsenbein, bog sich beim Tärkensattel um und verlief 
nun durch den Orbitaltheil des Stirnbeins bis in dessen Mitte hinauf. Unier der blut- 
leeren dura mater lag auch hier auf der linken Hirnhemisphäre ein zwei Linien dicke«, 
schwarzes Blutgerinnsel, welches das Gehirn deutlich abgeflacht hatte. Ueber dem 
pericranium in der vordem rechten Schädelgrube lag ein anderes Blutcoagulum, ein 
drittes tbalergrosses unter der linken Hemisphäre am vordem Lappen, und die Hirn* 
Substanz war hier erweicht und oberflächlich zertrümmert (gequetscht). Die Luftrohre 
bellroth injicirt, die Lungen, zumal die rechte, sehr überfüllt, voluminös und ungemein 
üdematüs, das rechte Herz aber sogar schwappend mit dunklem, ganz flüssigem Blute 
gefüllt; wenig Blut im linken Herzen, ungemein viel aber in der A, ptUmanalis^ Leber 
recht blutreich, sehr ausgedehnt von Blut die V, cava, Nieren blutreicher als gewöhn- 
lich, Netze und Mesenterium von seltenem Fettreichthum. 

Der 26 analoge Fall betraf eine 81jährige Frau, die in einem Hause todt nieder- 
gefallen war. Beide rechten Augenlider waren sugillirt, eine schwache Sugillation fand 
sich auch hier wieder in der rechten Schläfe. Unter derselben wieder ein Bruch des 
rechten Scheitelbeins, der sich durch die rechte orbita bis zur seüa turdca hin 
schlängelte. Unter der dura mater am rechten Scheitelbein ein 2| Zoll im Durch- 
messer haltendes liniendickes Extravasat von dunklem geronnenem Blut, und ein Blut- 
extravasat unter der Orbitaldecke am fracturirten Theile. Anämie im Schädel , wie in 
den gesunden Lungen. Luftröhre blass, nicht injicirt Das Herz zeigte den interes- 
santen und ziemlich seltnen Befund einer strotzenden Anfüllung des Herzbeutels aiit 
theils flüssigem', theils geronnenem Blut und einen Durchbruch des Herzmuskels. 
Das Herz nämlich war sehr fett, auch seine Substanz (microscopiscb) verfettet, sonst die Wände 
wie die Klappen ganz normal, trotz des hohen Alters der Verstorbenen, weder athero- 
matös, noch verknöchert. Am linken Herzohr und an der Vorderwand des rechten Ven- 
trikels zeigten sich mehrere (nicht in die Höhlen eindringende) Einrisse in die Wandung 
mit schwach gezackten Rändern, an der Aurikel 5 bis 6, am Ventrikel 5, von Erbseu- 
grosse bis zu einem Viertelzoll lang, aus denen sich noch bei gelindem Druk Blutpfröpfe 
ausdrücken Hessen. Endocardium normal. Die grossen Gefasse waren noch sehr ge- 
füllt. Im Unterleibe nichts Bemerkenswerthes. 

Von der ersten und dritten Leiche wusste man Nichts über die etwanige Veranlas- 
sung des Todes der Verstorbenen, von der zweiten, dass in der Nacht angeblich eine 
Schlägerei Statt gehabt, und der todt Gefundene dabei betheiligt gewesen sein sollte. 
Wir gaben für alle drei Leichen ein gleichlautendes Urtheil ab, indem wir bei Allen 
Erstickungstod und ferner annahmen, dass die Kopfverletzungen beim plötzlichen jähen 
Niederstürzen entstanden waren Offenbar war die Suffocation, bei den beiden Männern 
durch Hyperämie, bei dem Weibe durch Herzruptur und Erguss in den Herzbeutel, das 
Primäre, die eigentliche Todesursache; denn es ist nicht abzusehen, wie die Kopf- 
verletzungen, mochten sie wie immer entstanden sein, als Primäres die Befunde in der 
Bmst zuT Folge gehabt haben konnten. Die Annahme, dass der Tod bei allen Dreien 
aus innem Ursachen, nicht durch äussere Gewaltthat erfolgt, und dass der Blutschlag- 
fluss nur eine Folge der Kopfverletzung beim Sturz gewesen, war hiernach gerechtfertigt 
Alle drei Fälle geben einen bemerkenswerthen Beleg zu der vom plötzlichen Tod aus 
innem Ursachen, und zeigen, wie vorsichtig man in solchen Fällen äussere Verletzungen 
am Leichnam erwägen muss, wofür ja auch die vorstehend mitgetheilten Fälle Beweise 
liefern. Offenbar hatten bei diesen drei plötzlichen und identischen Todesfallen consti- 
tutionelle Ursachen eingewirkt, denn abgesehen von dem fast gleichzeitigen Vorkommen 



Die Piioriiät der Todesart. § 27. Casuistik. 27. Fall. 79 

dieser, haben wir in derselben Zeit nicht nor noch einige andere Fälle von Stick- und 
Sdilagflnss auf dem gerichtlichen Sectionstisch gehabt, sondern die Mortalitätslisten der 
Stadt haben später auch ergeben, dass yerhältnissmässig viele Menschen in der genann- 
ten Zeit an „Stick- und Schlagfluss^ gestorben waren. 



27. Fall. Erhängt oder Erschossen? Selbstmord oder Mord? 

Den nachstehenden Fall theile ich mit, sowohl wegen des Interesses, welches er an 
and för sich bietet', als auch wegen der divergirenden Ansichten, die Seitens der poli- 
zeilichen und richterlichen Behörden zur Zeit der Obduction geltend gemacht wurden 
und welche unserer Meinung über den Tod des Verstorbenen entgegengesetzt waren. 

Am 16. März 18 . . fand man im Thiergarten in der Nähe des Hofjägers eine 
Leiche. Dieselbe befand sich nach dem Polizeibericht „in knieender Stellung und noch 
st&rk blutend, den Kopf vomübergesunken. An einem Aste eines dicht danebenstehen- 
den Baumes hing eine sehr kunstgerecht angemachte Schlinge, die in der Mitte abge- 
rissen und nicht abgeschnitten war. Das andere Ende derselben befand sich noch am Halse 
des Leichnams, der eine sehr sichtbare Strangulationsmarke am Halse hatte. Neben der 
Leiche lag das beifolgende Pistol, mit dem er oder ein Anderer ihm eine Wunde in 
den Kopf beigebracht hatte. ^ (Nach Aussage des betreffenden Schutzmannes bei der Reco- 
gnitionsverhandlung lag das Pistol nicht neben der Leiche, sondern unter den Knieen, 
nnd die rechte Hand unter dem Körper des Entseelten). In den Taschen des Verstor- 
benen fand sich eine erhebliche Quantität Pulver und zwei Kugeln. Spuren eines 
Kampfes waren in der Umgegend der Leiche nicht sichtbar. 

Die Obduction ergab an für die Beurtheilung wesentlichen Punkten Folgendes: 
Ber Körper des 30 — 35jährigen Mannes wohlgenährt; Leichenstarre; auf den Rändern 
der Vorhaut ein beborktes Geschwür, Tripperausfluss aus der Harnröhre. Die Zunge 
liegt nicht geschwollen auf den Unterzähnen. An der rechten Seite des Schädels, dicht 
über der Schläfengegend befindet sich eine kreisrunde, etwa kirschkerngrosse Oeffnung, 
in deren Umgebung Kopf und Gesicht vielfach mit Blut besudelt sind. Die Ränder 
der Wunde sind ziemlich scharf; etwa 1 Zoll um sie herum ist die Haut geröthet resp. 
Schwan, welche Färbung sich nicht abwaschen lässt, und sind die Haare in dieser 
Gegend kurz abgesengt. Eingeschnitten, zeigt sich das unterliegende Gewebe blutig 
durchtränkt Das rechte obere, das linke untere Augenlid ist mit- Blut unterlaufen. 
Ueber dem Kehlkopf und zwar über dem Schildknorpel läuft eine ziemich tiefe, blau- 
grüne, etwa 2 bis 3 Linien breite Furche, welche rechts neben dem Kehlkopf ober- 
flächlich excoriirt ist, unterhalb des linken Obres sich pergamentartig anfühlt, bei Ein- 
schnitten nirgend blutunterlaufen ist Dieselbe steigt vom Kehlkopf beiderseits nach 
hinten und oben auf, und verliert sich im Nadten, diesen etwa auf 3 Finger breit un- 
durehfurcht lassend. Unterhalb der Strangmarke bis auf der Vorderbrust herab befin- 
den sich eine Anzahl stecknadel-spitzengrosser, hellroth gefärbter Blutaustretungen unter 
der Oberhaut. Die Bindehäute der Augen sind nicht geröthet, sonst sind Verletzungen 
im ganzen Körper der Leiche nicht vorhanden, namentlich sind auch die Hände frei 
von Verietzongen. Nach Zurückscblagung der weichen Schädel bedeckungen zeigt sich 
die innere Fläche der verletzten Stelle durchweg blutig infiltrirt, desgleichen der Schlä- 
fenmuakeU Entsprechend der äusseren Verletzung befindet sich im Schläfenbein eine 
kreisrunde, einen halben Zoll grosse Wunde, in welcher ein cylinderförmig zusam- 
mengelegter, wie ein Tabaksblatt oder Baumrinde aussehender Körper sich befindet. 
Einen halben Zoll unterhalb der beregten Wunde Hegt quer ein etwa 1 Zoll langer, 
glattrandiger Knochenbruch. Die Schädelknochen sind von gewöhnlicher Dicke. Die 



80 Die Priorität der Todesart § 27. Casuistik. 27. Fall. 

innere Oeffhang an den Knochen ist einige Linien grösser als die äussere. Die 
harte Hirnhaut, welche übrigens blutleer ist, ist an der beregten Stelle in fetzigen, 
blutdurchtränkten Rändern zerrissen, üeber beide Gehirnhälften ist eine dünne Lage 
flüssigen Blutes ergossen. In der rechten Himhalbkugel befindet sich eine kreisförmige, 
ziemlich scharf begrenzte Oeffnung, welcher eine ganz ähnliche an der anderen Seite 
entspricht. In dieser letzteren Oeffnung befindet sich eine plattgedrückte Bleikugel 
und ein Papierpfropfen. Entsprechend dieser Stelle ist auch die harte Hirnhaut einge- 
rissen und immer dem entsprechend an der Innenfläche des linken Scheitelbeines eine 
kreisrunde schwärzliche, anscheinend von der Kugel abgedrückte Stelle. Der Knochen 
selbst ist sonst hier nicht verietzt. Die weiche Hirnhaut ist nicht blutreich, nur ein- 
zelne Hirnwindungen blutunterlaufen. Im rechten Ventrikel befindet. sich in dessen 
hinterem Kerne ein Erguss von halbgeronnenem Blute. Im linken Ventrikel desglei- 
chen und ein Knochenstückchen. Es lässt sich der Schusskanal, dessen Wandungen 
durch zertrümmerte Himmasse gebildet werden, beide Streifenhngel durchbohrend, ver- 
folgen. Mehrere Knochensplitter werden aus dem Schusskanal herausgenommen. Die 
rechte Augenhohlendecke ist mehrfach fissurirt. Kleine Knochensprünge befinden sich 
auch in beiden Felsenbeinen. Das Herz von normaler Grosse und Beschaffenheit, ist 
in seinen Kranzadem massig gefallt An seiner ganzen vorderen Seite mit stecknadel- 
spitzengrossen subserösen Ecchymoscn bedeckt. In seinen 4 Höhlen, und zwar mehr 
rechts als links, befindet sich eine reichliche Menge dunkelflüssigen Blutes. Die Pa- 
pillen der Zunge sind stark geschwollen und bläulich geerbt Der Kehldeckel ist 
lebhaft injicirt, unter der Schleimhaut desselben sowie auch unterhalb der Stimm- 
bänder mehrfach bis stecknadelkopfgrosse hellrothe Blutaustretungen. Die Luftröhre 
selbst ist leer; ihre Schleimhaut namentlich nach der Theilungsstelle hin stark gerötbet. 
Die Lungen beiderseits mit zahlreichen Petechialsugillationen bedeckt, sind massig 
gross, überall lufthaltig. Aus den Schnittflächen lässt sich stark schaumiges Blut 
ausdrücken. Die Milz ziemlich gross und derb, hat ein livides Ansehen, ist massig 
blutreich. Dasselbe gilt von den Nieren, deren Gefassräume stark gefüllt sind. Auch 
die sonst gesunde Leber ist recht blutreich. Die Hohlader enthält viel dunkelflüssiges 
Blut. Im Magen befindet sich etwas Speisebrei. Die Schleimhaut schieferartig g^efarbt 
und verdickt 

Wir gaben unser Gutachten dahin ab: 1. dass der Tod des Verstorbenen an Er- 
stickung erfolgt sei, 2. dass diese durch die vorgefundene Strangmarke sich erklärt und 
auf die Strangulirung zurückzuführen, 3. dass die vorgefundene Wimde am Schädel al» 
eine Schusswimde zu erachten, 4. dass diese sehr wohl geeignet, den Tod herbeizu- 
führen; auch noch vor der Strangulirung erzeugt ist, jedoch den Tod nicht sofort 
zur Folge zu haben brauchte und nicht zur Folge gehabt hat, 5. dass die Obductions- 
befunde nichts ergeben haben , was der Annahme widerspricht, dass Denatus sich selbst 
um das Leben gebracht habe. 

Im Polizeibericht fand sich ausserdem die Vermuthung ausgesprochen, dass der 
Verstorbene erst Versuche sich zu erhängen gemacht und sich dabei die Strangulations- 
marke und die Zeichen der Erstickung zugezogen habe, aber wegen Reissens des Stran- 
gulationswerkzeuges nicht zum Ziele gelangt sei und sich nun erst durch einen Schuss 
in den Kopf getödtet habe ; eine Ansicht, welche auch von anderer competenterer Seite 
getheilt wurde. 

Wir sind anderer Ansicht: 

Zunächst wird es unbestritten sein, dass die Zeichen der Erstickung in sehr au>- 
geprägter Weise vorhanden waren, so zwar, dass wenn der Mann einfach erhängt ge- 
funden worden wäre, man keinen Anstand genommen hätte, die vorgefundenen Er- 



Die Priorität der Todesart. §. 27. Gasuistik. 27. FalL 81 

sticknogsersclieiiiuiigen der StraDgulation zuzuscbreiben. Nicht minder würde man, wenn 
der Leichnam unter dem Baam mit abgerissenem Strangwerkzeuge gefunden worden 
wäre» irgend welchen gegründeten Anhalt haben, anzunehmen, dass die vorgefundenen 
Erstickongserscheinungen nicht den Tod herbeigeführt hätten, sondern dass dies nur 
Zeichen nur gemachter Erhängungs- Versuche seien, dass aber der Tod doch noch 
anderweitig erfolgt sein müsse, etwa durch Vergiftung mit Blausäure, und sicherlich 
vürde in einem solchen Falle von Niemand deshalb eine chemische Untersuchung der 
Contenta beantragt werden, wenn nicht noch andere dringende Umstände dazu auffor- 
derten. 

Wenn nun aber Das festgehalten wird, dass die vorgefundenen Erstickungserschei- 
QODgen ausgereicht haben, den Tod herbeizuführen und auch herbeigeführt haben, so 
möäsen sie nach der Schusswunde erzeugt sein, denn nachdem einmal Erstickung ein- 
getreten, d. h. der Mensch todt war, konnte die Schuss wunde nicht erzeugt sein, die 
ja offenbar bei Lebzeiten entstanden war^ 

Sicherlich war diese Schusswunde eine solche, welche schnell, sehr schnell den Tod 
herbeiführen konnte, welche aber doch nicht so schnell ihn herbeiführen musste, dass 
nicht noch die Erstickungserscheinungen sich hätten ausbilden können. 

Es ist aJso dem Obductionsbefunde nach vollständig correct und nothwendig zu 
sagen: erst ist die Scbusswunde beigebracht und dann haben sich die Erstickungser- 
scheinnngen, welche durch die Strangulation erzeugt sind, ausgebildet 

Damit ist aber keineswegs gesagt, dass der Verstorbene, nachdem er sich diese 
Scbusswunde beigebracht, sich erhängt habe und noch im Stande gewesen wäre, eine 
dahin zielende Procedur vorzunehmen, geschweige denn mit Sorgfalt eine Schlinge an 
einen Baumast zu knüpfen. Es musste ja nothwendig sofort nach dem Schuss eine 
solche Gehirnerschütterung und Besinnungslosigkeit eintreten, dass wenn auch nicht 
gleich der Tod folgte, doch der Mensch ein Sterbender war. Eine solche Annahme wäre 
eine Absurdität. 

Aber es ist noch eine andere Annahme möglich, welche wir in der That gemacht 
haben, und welche auch im vorliegenden Falle sicherlich die richtige ist, weil sie mit 
allen objectiven, durch die Obduction und die Nebenumstände erhobenen Thatsachen 
übereinstimmt. 

Es ist die, dass der Mensch die Schlinge an den Baum geknüpft, seinen Hals in 
dieselbe hineingelegt, ohne sie fest zuzuziehen, sich in dieser Stellung die Scbusswunde 
beigebracht, welche nicht augenblicklich und fulminant das Leben und die Respiration 
erlöschen machte, welche aber ein Zusammensinken des Menschen und damit ein Zu- 
sammziehen der Schlinge zur Folge hatte, und dass, nachdem der Mensch todt war, 
das Schnur gerissen ist 

Mit dieser Annahme stimmen nicht nur die Leichenbefunde, sondern auch die 
Lage der Leiche direct unter dem Baume in knieender Stellung mit vornüber auf die 
£rde gebeugtem Kopf, die rechte Hand unter dem Körper, das entfallene Pistol unter 
den Knieen, überein. 

Wir unterliessen zur Zeit der Obduction die Formulirung dieser Annahme, weil 
sich der Richter mit den direct aus den Obductionsbefunden gefolgerten Schlüssen be- 
gnügte, und formulirten im Tenor nur noch die Frage nach dem zweifelhaften Selbst- 
mord, den wir in Abrede zu stellen keine Veranlassung hatten, da den Hängenden zu 
erschicssen, der Morder sicherlich (in der Nähe des Hofjägers) kein Interesse haben 
konnte, so wenig als ihn an dieser Stelle überhaupt zu erschiessen und den noch Le- 
benden, aber unbesinnlichen Menschen aufzuhängen, was jedenfalls eine sehr mühevolle 
und zeitraubende Arbeit gewesen wäre, und was Ein Mörder schwerlich im Stande ge- 
wesen wäre. 

Cstp#c'a gerlebtl. UedUln. 5 Aofl. IL ^ 



82 Die Priorität der Todesart §. 27. Gasuistik. 28. Fall. 

Wenn nun dem entgegen geltend gemacht werden könnte, und Ton einer Snper- 
arbitrirenden Behörde geltend gemacht worden ist, es sei doch natürlicher anzunehmen, 
dass der Mensch durch Erh&ngongsTersuche sich die Zeichen der Erstickung lugezogen 
habe, und wegen Reissens des Strangwerkzeuges nicht an der Erstickung gestorben ist, 
vielmehr sich nun erst durch einen Schuss in den Kopf getödtet hat, so erscheint 
diese Annahme uns nicht wahrscheinlich und gewagt, und zwar aus dem Grunde, weil 
ja nothwendig ebenfalls, wenn ein Strangwerkzeug in der Weise eingewirkt hat, wie im 
vorliegenden Falle, und so ausgesprochene und prägnante Erstickungserscheinungen 
hervorgerufen hat, eine solche Unbesinnlichkeit durch Unterbrechung der Respiration 
hat eintreten müssen, dass der Mensch ausser Stande gewesen ist, sich sofort zu er- 
schlossen. Wäre er aber dies im Stande gewesen, und hätte er sich nach dem Erfa&n- 
gungsversuch wieder insoweit erholt gehabt, um sich erscbiessen zu können, so wären 
eben die Zeichen der Erstickung nicht mehr so ausgesprochen vorhanden gewesen, als 
sie gefunden wurden. Ich will hierbei ganz absehen von der Lage, in der die Leiche 
gefunden worden, welche diese Annahme ebenfalls nicht unterstützt — 

Der Fall gehört zu den nicht selten vorkommenden von complicirtem Selbstmord, 
indem die Selbstmörder zu verschiedenen Todeswaffen gleichzeitig greifen, um ihres Er- 
folges sicher zu sein, und man findet neben Strangulations- wohl Schnitt-, Schusswun- 
den oder Vergiftung. Ist in solchen Fällen die Strangulation die Todesursache, so muss 
die andere immerhin tödtliche Verletzung derselben voraufgegangen sein, womit keines- 
wegs gesagt ist, dass der Mensch mit der letzteren noch die zum Erhängen nothwendi- 
gen Manipulationen ausgeführt habe. In einem der letzten Hefte der Annales (fhygihie 
findet sich sogar der seltene Fall eines geisteskranken Selbstmörders, der hängend mit 
zertrümmertem Schädel und neben ihm die Axt gefunden wurde, eine gewiss seltene 
Complication; doch war der Selbstmord nach den Umständen des Falles nicht 
zweifelhaft 

18. Fall. Blausäurevergiftung. Halssdinittwunden. Strangulation. 

Mord. 

.Eine der grauenhaftesten Begebenheiten war der Mord des Buchbinder Melchior 
an seiner ganzen Familie, dessen Details nie zur Sprache gekommen, da, noch ehe 
die bereits verfügten Obductionen zur Ausführung kamen, die Leiche des Urhebers die- 
ser unglücklichen Tbat mit durch eine Schusswunde zerscbmetteriem Schädel gefunden 
wurde. Es gelang mir indess privatim wenigstens das Wichtigste für die Beurtheilong 
zu notiren. 

In den 3 Piecen der Melchio raschen Wohnung liegen vertheilt 4 Leichen, und 
zwar: in dem ersten zweifenstrigen Zimmer die Leiche eines etwa 11jährigen Knaben, 
in dem einfenstrigen , die Leiche eines etwa 20jährigen Mädchen und in dem daran 
stossenden zweifenstrigen die Leiche eines etwa 15jährigen Mädchens und einer etwa 
50jährigen Frau. 

Sämmtliche Verbindungsthüren sind weit geöffnet. 

1. Die Leiche des Knaben (Emil) liegt derartig auf einem Sopha mit unter dem 
Hintern gelegten Kissen, dass der Kopf über die gewölbte Sophalehne hinüberhängt» 
die Beine sind leicht gespreizt, das linke im Kniegelenk etwas gebeugt, der rechte 
Arm ruht gebeugt neben der Leiche, der linke ist nach oben zu geschlagen und hängt 
über die Sophalehne hinüber. Leichenstarre ist noch vorhanden, eine Verletzung nicht 
sichtbar, doch befindet sich auf der linken Wange, so wie an der Nasenwurzel ange- 
wischtes und getrocknetes Blut. Am Halse, und zwar rund um demselben henuui den 
Nacken in der Ocgenrl des Haaransatzes durchfurchend, vom oberhalb des Kehlkopfes 



Die Priorität der Todesart. § 27. Casuistik. 28. Fall. 83 

Tcriaufcnd, beimdet sich eine zum Theil pergamentartige Strangroarke von der breite 
Yon etwa swei Linien, und locker um den Hals liegt ein der Strangfurche entsprechen- 
der Strick, an welchem zwei Blutflecke sichtbar sind ; der Gesichtsausdruck ist ruhig, die 
Zonge Torgelagert und eingeklemmt, die Augen halb geöffnet, zahlreich auf den obem 
und untern Augenlidern, auch auf der Stirn, punktförmige Ecchymosen, dergleichen 
sich auch auf den blassen Augenbindehäuten beider Augen befinden; an beiden Hän- 
den keine Verletzungen, Kratz wunden oder Haare sichtbar, in dem Hemde, mit wel- 
chem die Leiche bekleidet ist und zwar in der Bauchgegend, so wie in der Nähe des 
Halsesein paar Blutflecke; sonst ist die Leiche nur noch mit Strümpfen und Strumpf- 
bändern bekleidet, die Todtenflecke, die namentlich zahlreich auf dem Rücken vorhan- 
den sind, haben kein auffallend hellrothes Ansehen. Neben dem Sopha ein Strohsack, 
Strohkissen und Oreillier, welches Lager anscheinend nicht belegen gewesen ist Ne- 
ben der Kommode an der Erde ein Lager, welches ebenfalls anscheinend nicht belegen 
gewesen ist Auf dem Tisch eine leicht zugekorkte Flasche mit einer vorläufig nicht 
zu bestimmenden Flüssigkeit, welche nach bittem Mandeln riecht; ausserdem ein Kü- 
cbenmesser, dessen Klinge und Griff blutbesudelt sind. 

Bei der Obduction zeigt sich die Luftröhre strotzend mit Gischt gefüllt, injicirt, 
die Lungen ödematös, sonst normal, wenig bluthaltend, keine Ecchymosen; der Magen 
enthielt schmierigen Speisebrei, der nicht nach bittem Mandeln riecht, die Schleimhaut 
nicbt injicirt, das Blut flüssig, und hellroth. Herz rechts, wie die grossen Gef&sse 
stark gefüllt Unterleibs — wie Kopforgane nichts Besonderes. — Die chemische Unter- 
suchung ergab Blausäuse. In diesem Falle konnte nicht mit Sicherheit, sondern nur 
mit Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass die Strangulation nicht erst nach 
dem Tode geschehen sei. Das zur Strangulation bei Leben geltend zu machende Sym- 
ptom der punktförmigen Hautecchymosen haben wir auch bei Gyankalium Vergiftung 
beobachtet 

ir. Auf dem Bette ausgestreckt liegt 2) die Leiche eines 20jährigen Mädchens 
(Mmna) in dem einfenstrigen Zimmer, der ganze Oberkörper nackt, den Bauch mit 
Hemd und Unterrock bekleidet und sind die Hemdärmel bis zu den Ellenbogen herun- 
tergelassen. Die Beine liegen nebeneinander, das rechte Bein ein wenig gebeugt Die 
Farbe der Todtenflecke ist hellroth. Der rechte Arm liegt gebeugt auf dem Bauch, der 
linke gestreckt neben der Leiche, der Kopf ist in das unordentlich gelegte Kopfkissen 
bineingedrückt An dem vordem Rand des Kopfkissens befinden sich Blutflecke. Der 
Mond ist halb geöfi'net, die Zunge liegt eingeklemmt Leichenstarre ist noch vorhan- 
den, die Augen sind geschlossen, die Haare in Unordnung, doch nicht auffallend. 
Eine Verletzung ist an der Leiche nicht vorhanden, auch an den Händen weder Blut- 
besudelung, noch Wunden noch Haare sichtbar, rand um den Hals und zwar quer 
dicht unterhalb des Kehlkopfs, den Nacken zwei Fingerspitzen breit undurchfurchtlas- 
send, verläuft eine schwach pergamentartig zu fühlende, etwa zwei Linien breite, ziem- 
lich flache graugrüne Strangfurche. Die Augenlider und Angenbindehäute sind hier 
lucbt mit punktförmigen Ecchymosen besetzt. 

Neben der Leiche hat sich ein Strick befunden, welcher fortgenommen worden. 
Derselbe ist an einigen Stellen blutbesudelt. Das Messer lag auf dem Tisch des ersten 
Zimmers. Luftröhrenschleimhaut injicirt, in der Luftröhre viel Gischt Lungen gedun- 
sen, blutreich, ödematös, einige Ecchymosen. AUe Organe hellroth. Der Magen ent- 
geh braune, stark nach bittem Mandeln riechende Flüssigkeit, Schleimhaut injicirt 
nnd suffundirt Hier widersprach der Leichenbefund nicht der Annahme, dass die 
Strangulation der Vergiftung gefolgt sei. — Die chemische Untersuchung wies Blau- 
ere nach. 

6* 



84 Die Priorität der Todesart §. 27. Gasmstik. 28. Fall. 

m. An der Erde des Hinterzimmers zwischen einem Hahagonischrank und einer 
blntbesndelten Bettdecke, liegt die Leiche eines etwa 15j&hrigen H&dchens (Emma) in 
einer grossen Blutlache, halb auf dem Bauche, beide Arme auf der Brust gekreuzt, 
das rechte Knie stark unter den Bauch gezogen, das linke ebenfalls gebeugt und an- 
gezogen, Dieselbe ist im Hemd, das, wie auch der übrige Korper} stark blutbesudelt 
ist Die Haare sind in vollständiger Ordnung, die Zunge eiogeklemmt zwischen den 
Zähnen, Leichenstarre noch Torbanden. Am Halse befindet sich eine grosse minde- 
stens drei Zoll lange und 2 Zoll klaffende scharfrändrige Wunde mit blutigen aber 
nicht blutunterlaufenen Rändern, die die Luftrohre Tollkommen durchschnitten hat, so 
wie die linke Jugularis, während die rechte Jugularis und beide Garotiden unverletzt 
sind. An den Händen sind Verletzungen oder Haare nicht sichtbar. Vom rechten 
' Mundwinkel aus quer über die Backe verläuft eine scharfrändrige Wunde von drca l\ 
Zoll Länge, welche nur in das Fettgewebe der Wange eindringt. Im Magen wieder 
Bittermandelgenich, auch Injection der Schleimhaut Die chemische Untersuchung 
wies keine Blausäure nach. 

rV. Auf dem Bette desselben Zimmers ausgestreckt mit leicht gespreitzten Beinen, 
den linken Arm auf dem Bauch gebeugt, den rechten neben der Leiche ausgestreckt, 
liegt auf den Rücken den Kopf nach hinten übergebeugt die Leiche der Mutter, mit 
wollener Jacke, Hemd, Unterröcken, Unterbeinkleidem, Strümpfen und Strumpfbän- 
dern bekleidet, auf dem linken Fuss ein Pantoffel. Der Fuss hat ursprünglich herun- 
tergehangen, die Jacke vom auf der Brust weit geöffnet. Locker um den Hals liegt 
ein schwarzer Mousselinscbleier, welcher früher fest um den Hals gelegen haben soll. 
Es befindet sich eine ungefähr \ Zoll breite weiche Strangmarke um den Hals ober- 
halb des Schildknorpels verlaufend, horizontal bleibend und den Nacken undurchfnrcht 
lassend. Die Augenlider und Augenbindehäute sind blass , ohne Ecchymosen am Halse, 
gerade auf dem Halse etwas angetrocknetes Blut, auf dem Rücken sparsame dunkle 
Todtenilecke ; die Hände frei von Verletzung und Haaren. 

Hellrothe Muskulatur. Luftröhre enthielt viel Qischt, Schleimhaut injidrt Lun- 
gen blutreich, ödematös mit viel punktförmigen Ecchymosen besetzt, der Magen ent 
hält braune, schwach nach bittem Mandeln riechende Flüssigkeit, die Schleimhaut injt- 
cirt und erodirt Das Herz namentlich rechterseits, wie die grossen Gefässe strotzend 
bluterfüllt Gehirn- und Bauchorgane irrelevant Die chemische Analyse ergiebt Blau- 
säure. — Hier widersprach die Obduction ebenfalls nicht der Annahme der Strangula- 
tion post mortem. 

Die auf dem Tisch stehende Flasche enthielt Blausäure (selbst aus Blntlaugensalz 
und Schwefelsäure gefertigt!) 

Es dürfte, wenn auch hier nebensächlich, doch psychologisch interessant sein, auch 
noch die vier von den Polizeibeamten mit Bleistift geschriebenen in der Melchior- 
scheu Wohnung gefundenen Zettel mitzutheilen; da sie zur Aufklärung des Falles nicht 
unwesentlich sind: 

A. »Ich werde noch Briefe zur Post bringen, wenn ich zurückkehre, so erschiesse 
ich mich hier.* 

B. „So nun nehmt Alles, jetzt hab ich Euch mein Liebstes zum Gpfer gebracht, 
meine Familie für die gearbeitet und gelebt, meine Emma, die ich so sehr liebte, 
musste so schwer enden. Fluch denen, die solche Verhältnisse herbeiführen.*^ 

G. „Dass ich die Leichen noch gewürgt, geschieht auf den Wunsch meiner Frau 
und Tochter, damit keiner zum Leben zurückkehren kann, so wollten sie es." 

D. „Meiner Minna habe ich und meiner Frau es vorgestellt, sie sollte am Leben 
bleiben, aber nein, wo wir bleiben, wollte sie auch. Der Emil und die Minna sind 
am leichtesten gestorben, über Emma brauche ich nichts zu sagen, wie war mir das 



Die Priorität der Todesart. §. 27. Casuistik. 29. Fall. g5 

Kind lieb, wie hab ich mich gegrämt, dass' sie so hinwelkte aus Kummer über ihre 
Mutter, und nun musste ich sie so grässlich morden. 

Nun kann mein Wirth sich zufrieden geben darüber, nun sieht er doch, dass ich 
nicht konnte bezahlen. Dass ich nicht aus Arbeitsscheu zu solchem grasslichen Mittel 
gegriffen, wird wohl jeder glauben, und nun noch dieses würgen, was ich leide das 
ist fürchterlich. 

Sterben wollte meine liebe Emma und oft gesagt, ich soll doch sie und ihre liebe 
Mamma sterben lassen. Meine Frau und Minna waren todt, da erwacht sie vom 
Dunst und rief nach ihrer Mama, ich gab ihr Blausäure aber sie wollte nicht trinken 
und ich konnte sie doch nicht leben lassen.'' 



29. Fall. Drei Schusswunden. Mord oder Selbstmord? 

Es wurde ein Mann mit folgenden Schusswunden gefunden. Vom an der linken 
Brust in der Gegend der Brustwarze befinden sich, etwa k Zoll auseinander stehend, 
zwei Eingangsöffhungen, mit Terbrannten Rändern und etwa kirschkemgross. Ausser- 
dem findet sich gerade mitten yor der Stirn eine dritte Eingangsoffnung ebenso beschaffen. 
Die verbrannte Haut und der Umstand, dass die Wunden an Stellen sitzen, welche 
Selbstmörder gern wählen, lassen auf Selbstmord schliessen, während doch der Umstand 
sogleich auffallt, dass drei Schüsse vorhanden sind und nicht allein an so differenten 
Körperstellen, sondern dass auch schwer zu begreifen, wie ein Selbstmörder diese drei 
Schösse ausgeführt haben kann. Am Rücken und zwar unter der Spitze des linken 
Schulterblattes, sowie 1 Zoll davon nach innen, etwa 4 Zoll von der Mittellinie entfernt 
finden sich die beiden Kugeln (Spitzkugeln), die Spitzen abgeplattet; gleichzeitig wird 
ans der einen Ausgangsoffnung ein Stück Rippe mitentfemt. 

Welcher von den Schüssen war der erste? Welcher hat getodtet? A priori ist 
anzunehmen, dass mit dem Schuss im Gehirn der Selbstmörder nicht mehr hat schiessen 
können. Die Sonde ging hier durch den Knochen mehr als eine Hand tief in die 
Schädelhöhle (die ObducHon konnte nicht vollständig gemacht werden), war dies also 
der letzte Schuss, so konnte der Schuss in die Brust nicht das Herz zertrümmert haben. 
Eine Oeffhung in die Brusthöhle gemacht zeigte eine starke Blutung in den linken 
Thoraxdecken und Lungenwänden, das Herz aber war intact Diese letzteren Verletzun- 
gen Ivauchen nicht so schnell getodtet zu haben, dass Denatus sich nicht noch in den 
Kopf hätte schiessen können. Allerdings brauchen auch Schusswunden in das Gehirn 
nicht sofort zu tödten. Wir kennen einen Fall, in dem bei einer Geisteskranken im 
kidnen Gehirn eine Kugel gefunden wurde. Treiat (folie lucide) berichtet unter den 
Fällen von Selbstmord einen, wo der Mensch 2 Pistolen je an eine Schlaf eugegend an- 
setzte, die eine Kugel streifte, die andere ging in das Gehirn, er starb erst nach 8 Tagen, 
und rief, nach Haus gefahren, dass man dem Kutscher 4 Frcs. bezahlen solle etc. 
Aber es ist nicht anzunehmen, dass sofort nach einem solchen Schuss wie der obige 
in so weit Besinnlichkeit vorhanden sei, dass, wenn auch der Schuss nicht gleich tödtet, 
man rieh einen solchen zweiten Schuss, wie er hier in den Lungen gefunden, beibringen 
kann. Aus diesen Gründen ist der Schuss in die Brust als der erste anzusehen $ und 
ein Selbstmord erklärlich. 



86 Die Priorität der Todesart. §. 27. Casuibtik. 30. Fall. 



30. Fall. Kopfverletzuug oder Erstickung? Zufall oder Kiudesmord? 

Am 12. Februar gebar die unverehelichte, 20 Jahre alte Auguste W. in ihrem 
Zimmer ein Kind weiblichen Geschlechts. Schwangerschaft wie Geburt hatte sie ver- 
heimlicht Von ihrer Schwangerschaft behauptete sie gleichmässig in allen Yemehmungeni 
nichts gewusst zu haben. Deu Beischlaf will sie am 30. Juni mit dem Kutscher des 
Wagens, in welchem sie von Mnncheberg nach Berlin fuhr, und zwar in diesem Wagen, 
vollzogen, und weder vor, noch nachher mit einem Manne zu thun gehabt haben. Im 
Juni will sie ihre Regeln das letzte Mal gehabt haben, von da ab aber bis zur Nieder- 
kunft seien dieselben ausgeblieben. Sowohl das Ausbleiben der Regeln, als das Stärker- 
werden ihres Leibes sei ihr wohl aufgefallen, jedoch sei sie sich über das Vorhanden- 
sein einer Schwangerschaft nicht klar geworden. Sie habe verschiedenen Personen, na- 
mentlich der Wittwe Z., der Dienstmagd Neumann von dem Ausbleiben ihrer Regeln 
gesprochen. Beide bestätigen dies, und giebt die Neumann an, dass sie ihr mit^etheilt, 
schon ehe sie nach Berlin gekommen, schon Ende Mai sei die Regel ausgeblieben. 
Auch an ihre Mutter hat sie deshalb geschrieben, welche ihr zur Herstellung der Regeln 
angeblich Rosenblätterthee geschickt hat. Endlich hat sie sich auch bei dem Dr. R. 
wegen des Ausbleibens ihrer Regel befragt, welcher ihr den Verdacht äusserte, da«s sie 
schwanger sei, und sie aufforderte, sich von einer Hebamme untersuchen zu lassen, da 
sie, wie er aus der starken und harten Wölbung des Bauches schloss, und ihr eröffnete, 
sicherlich entweder schwanger oder krank sei. Aueh der Wittwe Z., bei welcher die 
Auguste diente, theilte R. seinen Verdacht des Zustandes ihres Dienstmädchens mit. 
Indessen unterblieb eine weitere Untersuchung durch eine Sachverständige angeblich 
deshalb, weil die Auguste hartnäckig eine Schwangerschaft in Abrede stellte, wie sie 
das nicht minder ihrer Mutter gegenüber und gegen die Neumann that, der sie in Bezug 
auf Dr. R äusserte: „eher mag der eins haben, als ich eins habe.^ Bei der am 20 Fe- 
bruar c vorgenommenen Localrecherche wurden unter den Sachen der Auguste Ueber- 
reste von abgekochten Blättern und drei Fläschchen in Beschlag genommen, welche auch 
den Unterzeichneten zugegangen sind. Da aber sowohl die Blätter, als auch die in den 
Fläschchen enthalten gewesenen Substanzen keine Abortivmittel sind, so haben dieselben 
weder auf den Verlauf der Geburt, noch auf das Absterben des Kindes irgend welchen 
Einfluss gehabt, und stehen mit den von uns zu erörternden Fragen ausser Zusammen- 
hang, weshalb wir dieselben bei Seite lassen*). 

Ueber die Geburt selbst und die näheren Umstände vor und nach derselben con- 
stirt aus den Acten Folgendes: Am Abend des 11 Februar c. erkrankte die Auguste 
anscheinend, sie klagte über Unwohlsein, erbrach sich nach einer ihr von der Louise 
gereichten Tasse Thee, legte sich in ihr Bett und stöhnte laut, verweigerte jedoch die 
Herbeirufung eines Arztes, welchen holen zu laasen sich die inzwischen nach Haus ge- 
kommene Wittwe Z. erbot Am anderen Morgen, etwa um 7 Uhr fand sie die Louise 
gut zugedeckt im Bette, und gab die Angeschuldigte an, ^fürchterlich stark" ihre Regeln 
zu haben. Nach einiger Zeit (zehn Minuten etwa) rief die Auguste die Louise zu sich. 
Diese fand die Angeschuldigte am Fussende ihres Bettes auf der Bettkante sitzend. Sie 
hatte sich den Leib und die Füsse bis zur Erde hinab vollständig mit Tüchern und der- 
gleichen umwickelt, sass in gekrümmter Stellung und sagte, die Z. möge sich zur Arbeit 



*) Die Blätter sind gewöhnliche Theeblätter (Thea chinensis). Von den drei Flaschen 
enthält die eine Reste eines nicht näher zu definirenden , wahrscheinlich Einreibungs- 
mittels, die andere Reste einer Spirituosen Substanz, wahrscheinlich Rhum, die dritte 
enthält gar nichts und hat früher anscheinend Eeau de Cologne enthalten. 



Die Priorität der Todesart. §. 27. Casuistik. 30. Fall. 87 

Jemand annehmen, sie wäre zu krank, sie hätte sehr stark ihre Regel. Nachdem diese 
Zeugin nach etwa zwei Stunden wieder zur Auguste hereingegangen und sie zugedeckt 
im Bette gefunden, verliess sie das Haus. Um etwa halb acht Uhr giebt die Z. an, sei 
sie zu der Angeschuldigten gegangen, habe aber nichts AufföUiges in der Kammer, an 
oder vor dem Bette gefunden. Die Angeschuldigte, sagt sie, habe gestöhnt, wie wenn 
eine Wöchnerin die Weben habe, und geäussert, dass ihr besser werden wurde, wenn 
sie nur auf den Abtritt gehen könne, wessbalb sie sich veranlasst gesehen habe, zur 
Wickeifrau T. und dem Dr. R. zu schicken. Zwischen dieser Zeit und der Ankunft des 
letzteren, etwa 1 Uhr (die Zeitangaben der einzelnen Zeugen differiren), ging die Z. 
Tersehiedene Male durch die Kammer der Auguste, und bemerkte vor dem Bette der 
ABgeschuldigten einen Blutfleck. Auch Dr. R. bemerkte bei seiner später erfolgten An- 
kunft vor und unter der Bettstelle grosse, offenbar frisch aufgewischte Blutstellen auf 
dem Fussboden, mit noch darauf liegenden Wisch- und Scheuerlappen, und auch das 
Bettzeug war äusseriich blutbefleckt. 

Die linke Hand der Angeschuldigten war ebenfalls mit Blut besudelt , angeblich 
durch das Aufwischen des verlorenen Blutes. R. constatirte sodann, dass die Auguste 
kürzlich geboren habe, und fand noch den Nabelschnurrest und die anscheinend noch 
der Gebärmutterwandung anhaftende Nachgeburt Auf seine Fragen, wo sie das Kind 
geladen, schwieg die Angeschuldigte, ihn gross anglotzend, und konnte er keine Aus- 
kunft darüber von ihr erhalten. Der Schutzmann N. und die Frau T. bewogen indess 
die Auguste, den Verbleib des Kindes anzugeben^ und fanden dasselbe unter ihrem 
Unterbette am Kopfende des Bettes. £s lag daselbst auf der Seite der Länge nach im 
Bette, 80 dass nach der Meinung der Zeugin die Auguste bei ihrer früheren Lage im 
Bette unbedingt theilweise auf demselben gelegen haben musste. Auch sie bemerkte vor 
der Bettstelle auf dem Fussboden eine ^ziemliche Blutlache^, die bereits theilweise auf- 
genommen war. Am Fussende des Bettes bemerkte sie einen Eimer, in welchem auch 
Sparen von Blut sich befanden. Sie entfernte die Nachgeburt und nahm wahr, dass die 
Auguste mit zwei Unterröcken, und so viel sie sich erinnert, auch mit Strumpfen be- 
kleidet war. 

Die Angeschuldigte nun äussert sich in ihrer Vernehmung vom 14. Februar c. in 
Bezug auf den Qeburtshergang dahin, dass sie gegen halb acht Uhr den Versuch ge- 
macht habe, sich anzuziehen, um ihren Geschäften nachzugehen. Obwohl sie schon die 
ganze Nacht hindurch Schmerzen gehabt habe, und auch jetzt noch hatte, sei sie auf- 
gestanden, habe zwei Unterröcke, welche auf dem neben dem Bette stehenden Kasten 
lagen, angezogen, und während sie im Begriff gewesen, die Strumpfe anzuziehen, welche 
ebenfalls auf jenem Kasten gelegen, und sich gebückt habe, sei sie stehend, indem sie 
den rechten Fuss gehoben, um in den Strumpf hineinzufahren, von der Geburt über- 
rascht worden. Sie habe einen förmlichen Ruck im Leibe gefühlt, und dass ihr etwas 
abgegangen und zu Boden gefallen sei. Sie sei fast besinnungslos rücklings auf das 
Bett gefallen. Gleich darauf wieder zu sich gekommen, habe sie bemerkt, dass sie 
Tirklich ein Kind weiblichen Geschlechts geboren habe. Dasselbe habe auf dem Boden 
des Zimmers gelegen und zwar auf dem Leibe, die Brust etwas zur Seite gebogen. Sie 
habe das Kind gleich unter die Decken des Bettes, wo es gefunden worden ist, gelegt. 
Die Nabelschnur müsse von selbst zerrissen sein. Die Geburt des Kindes sei so plötz- 
lich erfolgt, dass sie das Zubodenfallen des Kindes nicht habe mit ihren Händen ver- 
hmdem können. Sich bewegt oder geschrieen habe dasselbe nicht, sie habe dasselbe 
für todt gehalten, das Kind sei kalt gewesen. Nach. |8 Uhr sei ihre Madame in die 
Kammer gekommen und sei sofort auf den Tor ihrem Bette befindlichen Blutfleck auf- 
merksam geworden, und habe, weil ihr die Sache nicht richtig vorgekommen, zur Wickel- 
fna geschickt An dem Tode des Kindes sei sie nicht schuld. 



88 Die Priorität der Todesart. §. 27. Casui^tik. 30. Fall 

Mit diesen Angaben nur wenig in Widersprach stehen die gegen Terschiedene 
Zeugen Seitens der Angeschuldigten gemachten Angaben. Dem Geh.-Rath N., welcher 
sie am Nachmittag des 12. amtlch besuchte, äusserte sie zwar ebenfalls Ton der Nieder- 
kunft überrascht worden zu sein, giebt jedoch die Zeit dieses Ereignisses als um 10 Uhr 
Morgens an. Die Nabelschnur habe sie, wie sie hier aussagt, durchgerissen. Auch der 
Wickelfrau gab sie am Tage der Entbindung an, um 10 Uhr, „als es zur Kirche 
läutete* , entbunden zu sein, das Kind sei mit einem Ruck abgegangen. Dem Polizei- 
lieutenant H. „schwebt TOr**, dass die Auguste gegen ihn geäussert, dass sie im Bette 
geboren habe. 

Was das neugeborene Kind betriüt, so fand die Wickelfrau dasselbe bereits todt. 
Als sie es wusch, bemerkte sie „auf der Hohe des Kopfes eine blaurothe, 4 Groschen 
grosse Stelle.*' Auch Dr. N. hat diese über der grossen Fontanelle befindliche sagiUirte 
Stelle bemerkt, und erwähnt ausserdem ) dass „eine Kopfgeschwolst nicht wesentlich 
markirt war.** 

Bei der am 14. Februar verrichteten Obduction des Kindesleichnams ergab sich an 
für die Beurtheilung wesentlichen Punkten: 1. Die weibliche, 19 Zoll lange, 5\ Pfd. 
schwere Kindesleiche hat die gewöhnliche Leichenfarbe. 2. Todtenflecke, als solche 
durch Einsehnitte erkannt, finden sich zahlreich im Gesicht, auf dem Hals und Rücken 
Yor. 3. Der Kopf ist mit i Zoll langen, braunen Haaren bedeckt 4. Sein Quer- 
dnrchmesser beträgt 3 's Zoll, sein gerader 4, sein diagonaler 4* Zoll. 5. Die grosse 
Fontanelle beträgt 1 Zoll. 6. In den blauen Augen ist die Pupille geöffnet. 7. Nasen- 
und Ohrenknorpel sind fest 8. Der Schulterdurchmesser beträgt 4t Zoll, der Hüften- 
durchmesser 3 Zoll. 9. Die Nägel an den Fingern überragen die Spitzen derselben. 
10. Die Länge des Nabelschnurrestes beträgt 9 Zoll, derselbe ist nicht unterbunden, 
hat ungleiche, aber ziemlich scharfe Ränder. 11. Die grossen Schamlefzen bedecken 
zum grössten Theile die kleinen. 12. Der Knochenkem im Oberschenkelknorpel be- 
trägt gegen 3 Linien. 14. Auf der Höhe des Kopfes, gerade über der grossen Fon- 
tanelle, befindet sich eine Tiergroschenstückgrosse, geröthete, zum Theil excoriirte (ge- 
schundene) Stelle, diese letztere ist hart zu schneiden und blutunterlaufen. 16. Die 
Zunge liegt nicht geschwollen zwischen den Kiefern. 17. Das Zwerchfell steht zwischen 
4. und 5. Rippe. 18. Der Ueberzug der Därme, der Gebärmutter und Eierstöcke ist 
durch Gefassausspritzungen röthlich gefärbt 21. Die Leber ist sehr blutreich, dunkel- 
blau gefärbt, übrigens normal. 22. Auch die Milz ist recht blutreich. 23. Die Nieren 
normal, aber sehr blutreich 24. Die Gebärmutter giebt nicht« weiter zu bemerken, als 
strotzende Anfüllung der Venen. 26. Die Hohlader enthält massig viel dunkelflüssigea 
Blut 27. Die Lungen füllen die Brusthöhle, namentlich die rechte, zum Theil aus und 
erreichen beide den Herzbeutel. 28. Die Brust- und Halsadern sind stark mit Blut ge- 
füllt 29. Nach Torschriftsmässiger Unterbindung der Luftröhre werden die Lungen mit 
sammt dem Herzen aus der Brusthöhle entfernt. Dieselben haben ein zinnoberrotbes 
Ansehen und befinden sich zwischendurch auf jedem Lappen mehrfach blau -violette 
Marmori rangen. 30. Dieselben fühlen sich schwammig an und sind recht voluminös. 
Mit dem Herzen auf Wasser gelegt, schwimmen sie. 31. Die Vorhöfe des Herzens sind 
strotzend mit Blut gefüllt 32. Auch ohne das Herz schwimmen die Lungen. 33. Ein- 
schnitte in die Substanz sämmtlicher Lappen ergeben knisterndes Geräusch, reichlichen 
blutigen Schaum, und lassen unter Wasser gedrückt zahlreiche Perlbläschen aufsteigen. 
34. Jeder Lappen jeder LuDge schwimmt 35. Von 25 Stücken, in welche die linke 
Lunge zerschnitten worden, schwimmt ein jedes. 36. Desgleichen von 30 Stücken ein 
jedes, in welche die rechte Lunge zerschnitten worden. 37. In der Luftröhre befindet 
sich einiger Schaum, und ist die Schleimhaut leicht geröthet 38. Auf dem Kehldeckel 
und in seiner Umgebung in der Rachenhöhle liegt etwas flüssiges Blut Zur rechten 



Die Priorität der Todesart. § 27. Casuistik. 30. Fall. 89 

Seite des Kehldeckels an seiner äusseren Seite findet sich eine linsengrosse Blntaastre- 
tim^. 39. Auf der rechten Seite der Zunge befindet sich eine längliche Blutunterlaufhng. 
40 Nach Zuruckschlagung der weichen Bedeckungen des Schädels zeigen sich diese im 
Umfenge der sub 14. beschriebenen Hautabschfirfung blutunterlaufen, und tritt aus einer 
scboD jetzt im Knochen bemerkbaren Oeffnung, welche mit der grossen Fontanelle in 
Verbindung steht, und welche durch in das Zellgewebe ausgetretenes Blut vollständig 
bel^ ist, eine Quantität Gehimmasse aus. 41. Nach Hinwegnahme der Scbädeldecke 
zeigt sich, dass diese Oeffnung im Knochen im Stirnbeine belegen ist, und zwar in dem 
linken, daas dieselbe eine längliche, und zwar 1 Zoll lange, yon oben und innen nach 
unten und aussen gehende ist 42. Während die Knochenhaut abgelost wird zur besse- 
ren Besichtigung der Verletzung, zeigt sich, dass auch unter sie stellenweise Blut er- 
gossen ist 43. Es zeigt sich nunmehr, dass die beregte Verletzung eine den ganzen 
Knochen bii nach unten hin trennende ist, dass femer die Ränder derselben fein zackig 
sind, dass ferner dieselben in Grosse eines Zolles ungefähr klaffen, und dass die Kno- 
rben an dieser Stelle papierdunn sind. 44. Auch der Stimknochen an der entgegen- 
gesetzten Seite ist an dieser (entsprechenden) Stelle papierdunn und zum Theil auch 
hier noch gar keine Knochensubstanz gebildet 45. Unter der harten Hirnhaut befindet 
rieh an der Terletzten Stelle ein Blutextrayasat. 46 Nach Hinwegnahme der harten 
Schadeldecken zeigt sich in der linken Himhalbkugel eine etwa groschengrosse Vertie- 
fung, die mit Blut gefüllt ist, nach dessen Hinwegnahme die Himsubstanz sich hier Ter- 
letzt und durch kleine stecknadelkopfgrosse Blutextravasate geröthet zeigt. 47. Auch 
in der Substanz der linken Himhalbkugel, gerade unterhalb des Substanz Verlustes findet 
^ich eine linsengrosse Blutaustretung 48. Die Aderngefiechte sind recht blutreich. 
49. Die weiche Hirnhaut ist lebhaft geröthet, in den mittleren Schädelgruben befindet 
ucb etwas flössiges Blut. 50. Die Substanz des kleinen Gehirnes, der Brücke und des 
verlängerten Markes sind normal. 52. Die Blutleiter an der Schädelgrandfläche ent- 
halten massig viel Blut 

Was zunächst das Alter des Kindes betrifft, so war, sowohl nach der Längen- 
(ÜDension, als nach dem übrigen Zustande seiner Entwickelung zu urtheilen, dasselbe 
ein der Reife nnhes. Es maass 19 Zoll, die Durchmesser betragen resp. 3J, 4 und 
i\ Zoll, d. h. etwa \ Zoll weniger, als sie bei ganz reifen Eandem zu betragen pflegen, 
nnd um noch eines der wichtigsten Zeichen hervorzuheben, der Knochenkern im unteren 
Knorpelende des Oberschenkels mass gegen 3 Linien. Nach den bisherigen Beobach- 
tungen bildet sich dieser Knochenkem überhaupt erst mit Beginn des neunten (Sonnen-) 
Monats der Schwangerschaft (der 36. Woche), und ist Anfangs Stecknadelkopf bis 
^tubenfliegenkopf gross, während er im Laufe dieses Monats bis zu 2 Linien sich ver- 
^ssert. Das Kiod hat sich somit im neunten Monate der Schwangerschaft befunden, 
als es geboren wurde, und ist nicht die Fracht eines am 30. Juni pr. vollzogenen Bei- 
schlafes gewesen, wie die Angeschuldigte behauptet, sondern muss früher, und zwar in 
der zweiten Hälfte des Mai, spätestens Anfangs Juni gezeugt worden sein. Hiermit 
öberdnstimmend ist die gegen Neu mann gethane Aeusserang der Auguste, dass be- 
reits seit Ende Mai ihre Regel ausgeblieben sei. Uebrigens aber würde, auch wenn 
wirklich feststände, dass erst im Juli die Regeln derselben ausgeblieben seien, dies nicht 
gegen eine schon damals bestandene Schwangerschaft sprechen, weil gar nicht selten in 
den ersten Monaten der Schwangerschaft die Regeln noch wiederkehren. 

Das Kind hat femer nach der Geburt gelebt, denn es hat geathmet. Kein einziges 
derjenigen Zeichen, welche an Lungen, welche Luft geathmet haben, wahrgenommen 
Verden, fehlte in diesem Falle. Sie füllten die Brasthöhle zum Theil aus, erreichten 
beide den Herzbeutel, hatten eine zinnoberrothe mit blau- violetten Marmoriningen durch- 
setzte Farbe, fohlten sich schwammig an, waren voluminös, schwammen mit dem Herzen 



90 Die Priorität der Todesart. §. 27. Casuistik. 30. Fall. 

auf Wasser geleg^t, und ebenso ohne das Herz, Einschnitte in ihre Substanz ergaben 
öberdl knisterndes Geräusch, blutigen Schaum, und Hessen, unter Wasser gedrückt, 
zahlreiche Perlbl&schen aufsteigen. Auch jeder einzelne Lappen jeder Lunge schwamm, 
so wie jedes einzelne der 55 Stückchen, in welche die Lungen zerschnitten wurden. 
Hiermit ist auf das Unzweideutigste das stattgehabte Athmen, folglich auch das Gelebt- 
haben des Kindes bewiesen. 

Woran nun ist es gestorben? Wenn wir den Leichenbefund aufmerksam betrach' 
ten, so kann es uns nicht entgehen, dass hier zwei Gruppen von Erscheinungen Tor- 
banden sind, einmal die Schädelverletzungen und was damit zusammenhängt, sodann 
aber entschiedene Zeichen der Erstickung. In ersterer Beziehung fand sich auf der 
Höhe des Kopfes über der grossen Fontanelle eine viergroschenstückgrosse, gerötbete, 
zum Theil ezcoriirte Stelle^ die hart zu schneiden und blutunterlaufen war. Nach Hin- 
wegnahme der weichen Bedeckungen zeigte sich in dem linken Stirnbeine eine etwa 
zolllange, klaffende Oeffnung, welche mit der grossen Fontanelle in Verbindung stand, 
und welche durch ausgetretenes Blut und hervorgequollene Gehimmasse verlegt war. 
Von dieser Oeffnung nach abwärts verlief ein feinzackiger Knochenriss durch die ganze 
Länge des Stirnbeins nach unten hin, und war der Knochen ebenso wie der der ande- 
ren Seite nicht nur papierdünn, sondern es war, an der Stelle der Oeffnung, noch gar 
keine Knochensubstanz gebildet, vielmehr der Knochen hier, wie auch an der entspre- 
chenden anderen Seite, noch häutig. An der verletzten Stelle fand sich im Gehirne 
selbst eine groschengrosse, mit Blut ausgefüllte Vertiefung, nach dessen Hinwegnahme 
die Himsiibstanz sich durch kleine stecknadelkopfgrosse Blutextravasate geröthet zeigte, 
und auch unterhalb dieses Substanzverlustes fand sich in der Gehimsubstanz noch eine 
linsengrosse Blutaustretung. Diese Verletzungen w^aren bei Leben des Kindes erzeugt, 
das beweist das ergossene Blut, sowohl unter der Kopfschwarte, als im Gehirne selbst; 
möglich ist, dass der Austritt von Gehimmasse durch die in dem Schädelknochen be- 
findliche Oeffnung erst durch die Manipulationen des Kindes nach^ dessen Tode, dem 
Transport etc. erzeugt ist, denn die Gehirnsubstanz Neugeborener ist an sich weich 
und wird noch weicher schon in den ersten Tagen nach dem Tode. Diese geschilder- 
ten Kopfverletzungen reichten nun nicht allein vollkommen aus, den Tod des Kindes 
herbeizuführen, sondern sie waren auch der Art, dass sie den unabwendbaren Tod des- 
selben zur Folge haben mussten. 

Dennoch aber haben sie den Tod desselben nicht herbeigeführt. 

Schon oben sagten wir, dass sehr ausgesprochene Erscheinungen von Erstickung 
vorgefunden worden sind. In der Luftröhre, deren Schleimhaut leicht gerÖthet war, be- 
fand sich einiger Schaum; zur rechten Seite des Kehldeckels an seiner äusseren Seite 
fand sich eine linsengrosse Blutaustretimg, desgleichen eine längliche Blutunterlaufung 
rechterseits im Fleische der Zunge, die recht voluminösen Lungen enthielten reichlichen 
blutigen Schaum. Die Bmst- und Halsadem waren stark mit Blut gefüllt, desgleichen 
die Vorhöfe des Herzens strotzend mit Blut gefüllt. Hierzu kommt eine auffallende 
AnfüUung der üuterleibseingeweide mit Blut. Der Ueberzug der Därme, der Gebär- 
mutter und Eierstöcke ist durch Gefässausspritzungen röthlich gefärbt, Leber. Milz, Nie- 
ren sind sehr blutreich, die Venen der Gebärmutter sind strotzend gefüllt Diese Zei- 
chen constituiren den Tod durch Erstickung. War nun, wie oben gezeigt, die Schädel* 
Verletzung bei Leben des Kindes entstanden, so musste dieselbe, und sei es anch nur 
kurze Zeit, der Erstickung voraufgegangen sein, da dem erstickten, d. h. todten Kinde 
sie ja nicht zugefügt sein konnten. 

Dem gegenüber könnte geltend gemacht werden, dass dennoch die Schädeiver- 
letzung die Todesursache gewesen, und dass die Erstickungserscheinnngen eben nur 
eine Theilerscheinung der Kopfverletzung ausmachten, indem gar nicht selten bei mn 



Die Priorität der Todesart § 27. Casuistik. 30. Fall. 91 

Gelurnblntnng^n sterbenden Menschen gleichzeitig Erstickungserscheinungen vorgefunden 
werden, bedingt durch die Lähmung des Gehirns und damit der Athmungsorgane. Es 
ist Tollkommen richtig, dass in solchen Fällen gar nicht selten der letzte Act des Ster- 
bens ein Ersticken ist, und dass auch an der Leiche die Resultate solcher Agonie auf- 
gefunden werden, aber abgesehen von den sehr hochgradigen Blutanhäufnngen in Brust- 
and Bauchorganen, die in solchen Fällen nicht gefunden zu werden pflegen, wurde eine 
solche Deutung nicht die Blutaustretung am Kehldeckel , so wie auch nicht die in der 
Zunge zu erklären vermögen. Die hier vorgefundenen Zeichen der Erstickung setzen 
bei weitem eher einen behinderten Zutritt der Luft voraus, als ein passives Erloschen 
der Herz- und Lungenthätigkeit» bedingt durch Lähmung des Gehirnes. 

Wir gelangen somit zu dem Schlüsse, dass das am Kopfe bereits todtlich verletzte 
Kiod den Tod durch Erstickung gestorben ist. 

Wir mussten diese Vorfrage um so gründlicher erörtern, je schwieriger die Frage 
zu entscheiden ist, wodurch der Tod des Kindes veranlasst worden sei. 

Die Kopfverletzuagen, das wird ohne Weiteres zugegeben werden müssen, ver- 
danken ihre Entstehung der Einwirkung einer stumpfen Gewalt, welche den Schädel des 
Kindes getroffen hat. Die Angeschuldigte behauptet, dass sie von der Geburt über- 
raäi'ht worden sei, dass, während sie den Versuch gemacht habe, sich anzukleiden, sich 
die Strümpfe anzuziehen, ihr stehend, während sie den rechten Fuss gehoben, um in 
den Strumpf hineinzufahren, das Kind mit einem Ruck abgegangen und auf die Erde 
^efiillen sei. Die Erfahrung lehrt, dass Kreissende selbst in aufrechter Stellung von 
dem letzten Acte der Geburt überrascht werden können, dass dabei das Kind aus ihren 
Geschlechtstheilen hervorstürzen und sich dabei am Kopfe todtlich verletzen kann, und 
(ia5s femer auch Erstgebärende präcipitirt gebären können, dass ein Kindessturz also 
lucb bei Erstgebärenden vorkommen könne. 

Wir haben demnach die Behauptungen der Angeschuldigten gegenüber dem objee- 
tiren Befunde und den actenmässigen Thatsachen zu prüfen. Dass ein Sturz des Kin- 
des auf die Dielen des Fussbodens aus der Höhe der Geschlechtstheile eine geeignete 
Gewalt war, die noch nicht einmal verknöcherten Knochen der linken Kopfseite zu zer- 
reissen und eine Gehirnblutung zu erzeugen, muss zugegeben werden, da Fälle vor- 
liegen, wo durch Kindessturz die vollständig ossificirten Knochen gerissen sind. Es 
kommt hinzu, dass eine runde excoriirte Stelle auf den Weichtheilen des Schädels in 
Grösse eines Viergroschenstückes gefunden worden ist, welche sehr füglich durch einen 
derartigen Sturz auf den Boden ihre Erklärung findet; endlich fand sich der Schädel 
des Kindes eben nur an dieser Stelle und nirgend anders verletzt, und war auch an 
keiner andern Stelle der Weichtheile eine Excoriation sichtbar; ein Umstand, der darauf 
hindeutet, dass eben nur an der genannten einen Stelle eine äussere Gewalt einge- 
wirkt hatte. Hierzu kommt, dass die Kopfdurchmesser des Kindes relativ klein gewesen 
sind, dass ferner eine Kopfgeschwulst bei dem Kinde weder bei der Obduction, noch 
b^ nach der Geburt durch Dr. N. wahrgenommen worden ist, ein Beweis, dass das- 
"^Ihe nur sehr kurze Zeit in der Geburt gestanden haben kann, weil sonst eine Kopf- 
^eichwulst sich hätte bilden müssen. Sodann aber wurden ferner vor dem Bette der 
Aogescbnldigten Blutflecken gefunden, welche Dr. R. als „gross*', die T. als „ziemliche 
Blutlache* bezeichnet, und welche daher nicht als blosse Blutspureu zu erachten sind, 
sondern darauf deuten, dass hier vor dem Bette eine stärkere Blutung der Angeschul- 
digten, wie sie bei einer Entbindung vorkommt, Statt gefunden habe. Ob bei der Ent- 
bifidung die Nabelschnur zerrissen, oder von der Angeschuldigten erst nachträglich ge- 
trennt worden sei, steht nicht fest, und kann dieser Umstand nicht gegen die Annahme 
eines Kindessturzes geltend gemacht werden, weil derselbe mit oder ohne Zerreissung 
der Nabelschnur beobachtet worden ist. Die Befunde der Obduction zeigen an, dass 



92 Die Priorität der Todesart. §. 27. Casui.stik. 30. Fall. 

die Nabelschnur überhaupt zerrissen ist» ob aber die Aussage der Angeschuldigten, dass 
sie bei der Geburt zerrissen, oder die, dass sie selbst sie erst nachher zerrissen habe, 
die richtige ist, sind wir ausser Stande zu entscheiden, da kein Beweis für oder gegen 
die eine oder die andere Aussage vorliegt, und die Blutbesudelung ihrer linken Hand 
selbstredend gar nichts beweist, und z. B. durch das Aufwischen des vor dem Betta 
befindlichen Blutes entstanden sein konnte, da diese Flecke aufgewischt von R. gefon* 
den worden sind. Endlich aber steht fest, dass die Angeschuldigte Versuche gemacht, 
aufzustellen, und dass sie von der T. mit Röcken, und so viel sie sich erinnert, mit 
Strümpfen bekleidet im Bette gefunden worden ist Zu bemerken ist nur, dass die Zeit- 
angaben sowohl der Angeschuldigten selbst als der Zeugen differiren, so dass nach den 
Ermittelungen nicht mit Sicherheit festzustellen, ob die Entbindung vor oder nach dem 
ersten Erscheinen der Z. im Zimmer der Angeschuldigten Statt gefunden habe. Die 
sehr characteristische Aussage der Z., dass die Auguste gestöhnt habe, wie eine Wöch- 
nerin, welche Wehen habe, und geäussert, dass ihr besser werden würde, wenn sie nur 
auf den Abtritt gehen könne, lässt darauf schliessen, dass zu dieser Zeit die Entbindung 
nahe, aber noch nicht vor sich gegangen war, auch hat die Z. damals noch kein Blut 
vor dem Bette bemerkt, sondern erst später bei wiederholter Rückkehr in die Stube der 
Augeschuldigten. Wenn nun selbstredend diese an dem Kinde vorgefundenen Schädel- 
verletzungen auch einer anderen stumpfen, auf den Schädel des Kindes eingewirkt ha- 
benden Gewalt ihren Ursprung verdanken können, und ein absichtlicher Stoss oder 
Schlag mit einem oder gegen ein stumpfes Werkzeug nicht ausgeschlossen ist, so wider- 
sprechen doch die erhobenen Thatsachen nicht den Angaben der Angeschuldigten. 

Wenn nun aber auch die tödtlichcn Kopfverletzungen einem Sturze des Kindes auf 
den Boden ihre Entstehung verdanken, so erklären diese, und somit auch der Sturz, 
nicht dip vorgefundenen Erstickungserscheinungen, namentlich nicht die Blutaustretung 
neben dem Kehldeckel. Wir haben schon oben ausgeführt, dass, und warum dieselben 
nicht als eine Theilerscheinung der Schädel Verletzungen aufzufassen sind, und es er- 
übrigt noch zu erörtern, auf welche Weise die Erstickung des Kindes herbeigeführt wor- 
den ist Das Kind wurde unter dem Unterbette der Mutter gefunden, und zwar lag es, 
nachdem der Schutzmann H. es seinem Auftrage gemäss hatte liegen lassen, wo es sich 
befand, nach Angabe der T. am Kopfende des Bettes auf der Seite, der Länge nach 
im Bette. Es ist nun einleuchtend, dass, wenn das bereits tödtlich verletzte Kind unter 
Betten gelegt wurde, demselben das Athmen erschwert, resp. unmöglich gemacht wurde, 
und dass es hier sehr bald ersticken musste. Die Angeschuldigte behauptet zwar, dass 
sie, nach kurzer Besinnungslosigkeit, welche der Entbindung gefolgt sei, nachdem sie 
wieder zu sich gekommen, das Kind auf dem Boden liegend, und zwar todt voigefua- 
den habe, weil es sich nicht bewegt 'und nicht geschrieen habe, und dass es kalt ge- 
wesen sei. Die beiden ersteren Behauptungen zugegeben, so muss es entschieden in 
Abrede gestellt werden, dass nach so kurzer Zeit, wie hier nur zwischen Entbindung 
und Beseitigung des Kindes gelegen haben kann, dasselbe bereits erkaltet gewesen sein 
soll. Das Nichtschreien und Nichtbewegen aber würde das Athmen des Kindes nicht 
ausgeschlossen haben. Es fände somit die Erstickung des Kindes in dem Unterlegen 
unter das Unterbette, auf welchem die Mutter selbst gelagert war, seine vollständige 
Erklärung. 

Diesen Ausführungen gegenüber können nun nach Lage der Acten noch zwei An- 
schauungen über die Entstehung des Todes des Kindes geltend gemacht werden. 

Man könnte behaupten, dass es nicht nöthig wäre, die Entstehung der Kopfver- 
letzungen von der der Erstickung zu trennen, dass vielmehr beide uno acta und dem- 
selben Eingriffe ihre Entstehung verdanken, und zwar dadurch, dass die Mutter das 
lebende und am Kopfe bis dahin unverletzte Kind unter das Untert>ette gelegt habe, 



Die Priorität der Todesart §. 27. Gasuistik. 30. Fall. 93 

Qod dass sie darcfa Lagenmg auf demselben nicht nur dasselbe erstickt habe, sondern 
tacb den Kopf desselben zerdrückt habe. Dies wäre möglich, indess wird alsdann nicht 
erklärt die Tiergroschengrosse Hautabschürfung auf der Hohe des Schädels, es sei denn, 
dass diese wieder durch Stoss gegen das Ende des Bettes entstanden gedacht würde 
Oder man könnte behaupten: dass die Mutter, nachdem sie das Kind Tor oder in dem 
Bette geboren, dasselbe um den Hals ergriffen, und gegen einen harten Körper mit dem 
Kopfe gestossen habe. Aber auch diese Annahme entbehrt der Wahrscheinlichkeit. 
Weui man erwägt, in welcher Hast die Angeschuldigte diese That auszuführen ge- 
zwangen gewesen wäre, da in jedem Augenblicke sie überrascht werden konnte, dass 
sie- also, wenn sie in dieser Weise gegen das Leben des Kindes vorgehen wollte, auch 
genöihigt war, energisch und fest zuzugreifen, so stimmt damit nicht der Befund an 
der Leiche, welcher die Abwesenheit jeder Spur eines Angriffes an den Hals des Kin- 
des darthut, denn weder Kägelkratzwunden, noch Abschindungen durch Fingereindrücke, 
noch Sugillationen oder dergl. wurden äusserlich am Halse gefunden, so wenig als am 
Sebädel andere als die beschriebenen Verletzungen vorgefunden wurden. Die Erfahrung 
aber lehrt, dass, wo absichtliche Tödtungen Neugeborener unternommen werden, die 
Mütter gewöhnlich mit grosser Gewaltthätigkeit zu Werke gehen, eine Tbatsache, welche 
in der Gemüthsstimmung der unehelich und heimlich Gebärenden und in dem Bestre- 
ben, mit Sicherheit ihr Ziel zu erreichen, ihre Erklärung findet. Hat unter solchen Um- 
ständen sich die Gewaltthätigkeit gegen den Kopf des Kindes gerichtet, so findet man 
gewöhnlich Zerschmetterungen mehrerer und verschiedener Kopfknochen neben Spuren 
anderweitiger gewaltthätiger Angriffe am Körper des Kindes. 

Es erübrigt noch die Erledigung der Frage, ob anzunehmen, dass die Angeschul- 
digte ihres schwangeren Zustandes bis an das Ende desselben, ja noch, als sie sich am 
Abende des 11. Februar anscheinend unwohl in das Bette legte, unbewusst geblieben 
sei Wenn schon bei einem zwanzigjährigen Mädchen, welche sich bewusst sein musste> 
zu einer Schwängerung Veranlassung gegeben zu haben, nicht anzunehmen ist, dass sie 
ihrer Schwangerschaft unbewusst gewesen sei, so ist dies bei der Angeschuldigten um 
so weniger anzunehmen, als sie von dem Dr. R. auf das wahrscheinliche Vorhandensein 
einer Schwangerschaft aufmerksam gemacht worden ist, vielmehr ist anzunehmen, dass, 
wenn die Angeschuldigte gegen die an und in ihrem Körper vorgehenden Veränderun- 
gen hiemach noch blind gewesen ist, sie sich der Wahrnehmung derselben habe ver- 
schliessen wollen. 

Nach obigen Ausführungen geben wir unter der amtseidlichen Versicherung, dass 
wir dasselbe nach bestem Wissen und Gewissen abgefasst haben, unser Gutachten 
dahin ab: 

1. dass das Kind der W. ein der Reife nahes mindestens 36 Wochen altes und 
lebensühiges gewesen ist 

2. Dass dasselbe nach der Geburt geathmet und gelebt hat. 

3. Dass dasselbe an Erstickung seinen Tod gefunden. 

4. Dass die vorgefundenen Kopfverletzungen als solche zu erachten, welche den 
Tod unabwendbar zur Folge haben mussten. 

5. Dass dieselben einer stumpfen Gewalt, welche auf den Kopf des Kindes ge- 
wirkt, ihre Entstehung verdankten. 

6. Dass ein Sturz des Kindes als eine zur Hervorbringung solcher Verletzung ge- 
eignete Crewalt zu erachten, und dass die Angabe der Angeschuldigten, dass ein solcher 
Kindesstun Statt gefunden, durch die Resultate der Obduction und die actenmässigen 
Thatsachen nicht widerlegt wird. 

7. Dass ein Sturz des Kindes indess nicht die vorgefundenen Ersticknogserschei- 
aungen erklärt. 



94 Die Priorität der Todesart. §. 27..Casiu8tik. 30. Fall. 

8. Dass diese sehr füglich durch das Unterschieben des Kindes unter das Unter- 
bett, woselbst es gefunden worden, erklärt werden. 

9. Dass somit anzunehmen, dass durch letzteres das bereits tödtlich verletzte Kind 
seinen Tod gefunden habe. 

10. Dass nicht anzunehmen, dass die Auguste ihres schwangeren Zustandes bis 
an das Ende der Schwangerschaft unbewusst gewesen sei. 

Im Audienztermine führte ich das obige Gutachten aus, welchem mein verehrter 
College Skrzeczka^) im Ganzen beitreten zu können erklärte, namentlich auch darin, 
dass die Erstickung nicht als eine Theilerscheinung der Kopfverletzung anzuseher« sei, 
aber nicht könne er der Bestimmtheit beipflichten, mit welcher ich erkläre, dass das 
Kind den Tod durch Erstickung gestorben sei, da es sich nicht entscheiden lasse, ob 
das Kind erstickt, oder ob es an der Kopfverletzung gestorben sei; femer dass eben 
so möglich als der Sturz des Kindes es sei, dass die Auguste im Bette das Kind un- 
verletzt geboren, dasselbe unter das Unterbette gelegt und hier, dadurch, dass sie auf 
demselben gelegen, die Kopfverletzung gleichzeitig mit der Erstickung hervorgerufen 
habe. Es sei immerhin möglich, dass Jemand, der eben im Ersticken begriffen sei, doch 
nicht ersticke, sondern am Kopfe t^dtlich verletzt werde und an dieser Verletzung 
sterbe. Wenn man z. B. ein Kaninchen aufhänge, und ehe es erstickt ist, ihm den 
Schädel einschlage, so werde man in der Leiche die Symptome der Erstickung finden, 
und dennoch der Tod durch die Kopfverletzung erfolgt sein. 
Ich erwiederte hingegen: 

Während ich also behaupte, das an dem Kopfe tödtlich verletzte Kind ist erstickt, 
behauptet S., es sei auch eben so möglich, dass das erstickende Kind am Kopfe verletzt 
sei. Man könne nicht unterscheiden, was die Todesursache sei. 
Ich meine doch, dass man es unterscheiden könne. 

Ich will nicht in Abrede stellen, dass es vielleicht einmal vorkommen könne, dass 
Jemand, der eben ersticken will, eine Kopfverletzung erhält, an der er stirbt, ehe er 
erstickt Aber es handelt sich nicht um Erörterung allgemeiner Möglichkeiten, sondern 
um den concreten Fall. Nach Lage dieses Falles hätte dadurch, dass sich die Mutter 
auf das Unterbette, unter welchem sich das unverletzte Kind befand, gelegt hätte, dieses 
gleichzeitig am Kopfe verletzt werden müssen durch den Druck des mütterlichen Kör- 
pers und ersticken müssen durch Behinderung am Athmen. Beide Eingriffe gegen das 
Leben wären somit zusammengefallen. Wenn dem so ist, so sind nur zwei Möglich- 
keiten. Entwsder das Kind athmete noch, nachdem es die Kopfverletzung erlitten, oder 
es athmete nicht mehr. Athmete es nicht mehr, so konnten sich keine Erstickungser- 
scheinungen ausbilden, oder athmete es noch, und es traten die Bedingungen ein, 
welche eine Erstickung herbeiführten, so musste es eben ersticken, ganz abgesehen von 
der Kopfverletzung. Ueberdics ist einleuchtend, dass wenn beide Eingriffe auf die Fort- 
existenz des Kindes gleichzeitig entstanden wären, derjenige, welcher dem Kinde plötz- 
lich die athembare Luft entzog, schneller tödten musste als derjenige, welcher den 
Schädel und das Gehirn verletzte. Die Erfahrung lehrt, dass man mit beträchtlichen 
Schädelverletzungen, selbst Gehimverlust noch leben und athmen kann, dass man aber 
bei plötzlicher Entziehung der athembaren Luft äusserst schnell stirbt. 

Ich habe aber schon vorher entwickelt, wie unwahrscheinlich es überhaupt ist, dass 
die Kopfverletzung dadurch entstanden ist, dass die Mutter auf dem Kinde gelegen 
habe, wie einer solchen Annahme direct widersprochen wird durch die viergroschen- 
grosse Hautabschürfung auf dem Kopfe, und wie gesucht und gekünstelt es wäre, an- 
zunehmen, dass diese Verletzung durch Reiben des Kopfes gegen einen harten Gegen- 
stand entstanden wäre, und wie indirect gegen die Entstehung der Kopfverletzung tni 



*) Skrzeczka: Concurrirende Todesursachen. Vierteljahrschr. Bd. 30. p. 317. 



Die Priorität der Todesari. §. 27. Casuistik. 31. Fall. 95 

Betta der Angnste alles das spricht, was ich zur Unterstatzimg der Aiuiahme eines 
Kindesstorzes angeführt habe. 

Endlich erlaube ich mir noch Eines anzufahren. Wenn die Mutter auf dem Kinde 
gelegen hat, so dass sie ihm die Kopfverletzung dadurch beigebracht hätte, so hätte sie 
es mit anderen Worten erdrückt. Sollte man dann nicht erwarten, dass durch die 
Schwere des mütterlichen Körpers ganz andere Verletzungen am Schädel hätten gefun- 
den werden müssen, als wir gefunden haben? £s würden doch wohl mehrere Knochen 
desselben zerbrochen gefanden worden sein, wenn der Schädel ge- und zerdrückt wor- 
den wäre, es würden mathmasslich auch Rippenbrüche unter solcher Veranlassung ent- 
standen sein. Von alle dem war nichts vorhanden. 

Eine unbefangene Würdigung der Thätsachen lässt mich vielmehr bei meiner frü- 
heren Ausführung verharren. 

Das Kind ist an Erstickung gestorben. — Die Kopfverletzungen verdanken ihre 
Entstehung nicht derselben Ursache wie die Erstickung. 

Die Annahme, dass die Kopfverletzung dadurch entstanden sei, dass die Mutter das 
Kind erdrückt habe, ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. 

Die Auguste wurde wegen fahrlässiger Todtung zu sechs Monaten Qeflmgniss ver- 
Qilbeilt, ein Beweis, dass der Gerichtshof meinen Deductionen beitrat, weil anderweitig 
der Kindesmord hätte angenommen sein müssen, und die Angeklagte hoher bestraft 
worden wäre. 

3L Fall. Verblutung oder Erdrosselung oder Vergiftung? 

(Selbsterdrosselung!) 

Im Januar wurde die Leiche des Commis Kranz vollständig entkleidet im Bette 
gefunden. Vor demselben eine feine blutige Scheere, unter demselben eine blutige 
GUsseherbe. Auf dem Tische ein leeres Flaschen, welches entschieden stark nach 
CUoroform roch. Um den Hals der Leiche fand man sehr fest geschnürt, so dass sich 
tiefe Harken gebildelt hatten, einen Leibgürtel. Vor dem Bett auf einem Stuhl stehend 
ein gewohnliches Waschbecken, fast bis an den Band mit Blut gefüllt 

Leiche sehr frisch, nicht auffallend blass. Zunge zwischen den Zähnen, nicht ge- 
schwollen. Am Hals mehrere rothe, kreisförmige, unterbrochene Streifen, sichtlich von 
einem Strangulationswerkzeng herrührend. Am linken Handgelenk ein Einschnitt mit 
ungleichen, leicht sugillirten Bändern, geronnenes Blut in der Wunde. Hier war nur 
eine oberflächliche Vene verletzt In der rechten Ellenbogenbeuge ein ähnlicher Schnitt, 
tiefer, der die Arieria bronchialis oberhalb ihrer Theilungsstelle getroffen hatte. Die 
Luftröhre enthielt Schaum, war in der Nähe der Bifurcation stark injiciri. Die Lungen 
vorn grau und trocken, enthielten nach hinten recht viel Blut Das Herz in beiden 
Hälften, namentlich rechts, strotzend mit dunkelflüssigem Blut gefüllt. Desgleichen die 
grosien Gefassstämme. Die normale Leber und Milz blutreich. Darmserosa geröthet 
Die Nieren, ge8;and, enthalten viel Blut Die Magenschleimhaut gewulstet, trübe und 
ittsaerst stark injiciri, an einzelnen Stellen blutig suffundiri; doch war ein fremdartiger 
Geruch an dem nur aus festhaftendem, reichlich vorhandenem glasigen Schleim be- 
stehenden Mageninhalt nicht wahrnehmbar. 

Hiemach war Erstickung, nicht Verblutung die Todesursache und der Grand der 
«rsteren in der Strangulation zu suchen, die den Einschnitten in den Gefässen gefolgt 
wir, denn nach der Strangulirung konnte sich Denatus ja nicht mehr die Adern offnen. 
L» war also eine Selbsterdrosselung unter sehr complicirten Umständen, bei der 
znm Ueberfluss noch vorher Chloroform verschluckt war. Ausserdem wurde unter seinen 
Effecten (es was der Selbstmord im Gasthaus ausgefübri) eine mit Steinkohlen ganz ge- 



96 Die Priorität der Todesart. §. 27. Gasuistik. 32. u. 33. Fall. 

füllte Reisetasche gefunden. Doch hatte Deitatus den Vorsatz, sich durch Kohlenduust 
zu vergiften, muthmaasslich aufgeben müssen, da der Ofen des Zimmers Ton aussen zu 
heizen war und innen keine Tbür hatte. 

32. Fall. Schuss- oder Stichwunde in das Herz. Mord. 

Der p. diese hatte seine junge Frau aus Eifersucht, die, wie es scheint, begrüadet 
war, geschossen und gleich nachher gestochen, dann sich selbst zu erschiessen versucht, 
doch sich nur tödtlich verwundet. 

Die Obduction ergab: 22jährige weibliche, gut genährte, frische Leiche mit sehr 
sehr wenig Todteniiecken Hände unverletzt und nicht blutbefleckt lieber der linken 
Brustwarze eine ^ Zoll im Durchmesser haltende, runde, trockne Wunde mit geschwärz- 
ten btutbetrockneten Rändern. Dicht darüber eine schräg quergestellte, 1 Zoll lange, 
!, Zoll klaflfende scharfrändrige Wunde. Beide dringen unter Bluterguss in die Brost- 
hohle, sind unter den weichen Bedeckungen vereinigt Schrotkomer haben das Brust- 
bein und dritte Rippe scharf durchschnitten. Der Stich dringt in die rechte Kanuner 
dicht neben dem iieptum ein, durchsticht dieses, geht von da durch die Aurla in den 
linken Yorhof, durchbohrt diesen und Herzbeutel, und geht neben der Wirbelsäule in die 
linke Lunge. Mächtiger Bluterguss in beide Pleuren. Die Lungen sind gegen 
die Rippenwandungen angedrängt Alle Organe blutleer. Unter der Schnittwunde ün 
Herzen zwei kleine Schrootschusswundea , sugillirt, welche durch ein Scbrootkom er- 
zeugt sind, welches die vordere Herzwand durchbohrt hat, so dass es in dieselbe einge- 
drungen und aus derselben wieder ausgetreten ist (was möglich, da das Herz auf der 
Kante liegt), also nicht von hinten eingedrungen ist 

Das Gutachten lautete: 1) Dass die Denata durch Verblutuug ihren Tod gefunden. 
2) Dass dieselbe durch die Verwundungen des Herzens erzeugt worden. :i) Dass die 
untere Verletzung als eine Schuss-, die obere als eine Stich -Schnitt- Wunde zu erach- 
ten. 4) Auf Befragen, dass das vorgelegte Terzerol, sowie Dolch zur Erzeungnng der 
qu. Verletzungen geeignet gewesen. 5) Dass die Obduction keine Resultate geliefert, 
welche der Annahme entgegenständen, dass die Verletzungen durch fremde Hand er- 
zeugt sind. 6) Dass jede einzelne dieser Wunden geeignet sind, den Tod der Denata 
herbeizuführen, dass indess anzunehmen, dass die Stichwunde denselben eher hert>eige- 
führt habe, als die Schuss wunde. 

33. Fall. Schwefelsäurevergiftung oder Ertrinken. Selbstmord. 

Ein Fabrikarbeiter wurde als Leiche aus dem Wasser gezogen. Frische Leiche. 
Scroturn contrahirt Gehirn und Häute anämisch, Pia getrübt. Brust und Halsvenea 
strotzend mit dunkelflüssigem Blut gefüllt Desgleichen das Herz, dessen Bau normal. 
Lungen ballonirt, enthalten viel wässrigen Schaum. Luftruhrenschleimhaut grauschwarz, 
enthält viel Schaum. An der Oberlippe ein noch zum Theil haftender kirschkemgrosser 
schwärzlicher Schorf, unter dem die Lippe excoriirt ist Die Zungenschleimhaut bla^s- 
grau gefärbt und brüchig, ebenso die Rachenschleimhaut, Oesophagusschleimhaut grau- 
schwarz, längsfaltig, brüchig. Magenschleimhaut weich, schwarz verschorft, unter ihr 
das Zellgewebe namentlich auf der Höhe der Falten stark injicirt und suflundirl Der 
Hageninhalt besteht aus schwarzblutigem Wasser und Kartofielstacken. Duodeniun- 
schleimhaut grau, seifig zu fühlen, Inhalt grau gefärbtes Wasser, weiter hinab in den 
Därmen äusserst viel Wasser. 

Hier konnte weder zweifelhaft sein, dass sich der Mensch ertränkt hatte, noch daüs 
er vorher sich mit Schwefelsäure zu vergiften versucht hatte. Der Polizeibericht ergab, 



Die Priorität der Todesart. §. 27. Gasoistik. 34. Fall. 97 

da» er tor der Stadt liegend die Fabrikwächter um Hälfe aDgerafen habe, dass diese, 
die ihren Posten nicht rerlassen konnten, ihm gerathen hatten, nach der Stadt zu gehen, 
dass er aber darauf aufgesprongen und sich in^s Wasser gestürzt habe. 

34. Fall. Erdrosseln oder Kohlenoxyd. Mord oder Selbstmord? 

Der Zuhälter der Denata hat angegeben, er sei durch Klopfen an das Zimmer 
erweckt worden, aber durch Kohlendunst ganz benommen gewesen. Er habe seine Zu- 
btlterin todt gefanden. — Der den Todtenscbein ausstellende Arzt hatte auf demselben 
bemerkt: „Tod durch Kohlendunst''. Erst in der Morgue fand man oine Strang- 
marke (!I). Während die Obduction gemacht wurde, wurde der Zuhälter ebenfalls todt 
in die Morgue eingeliefert Er hatte sich inzwischen erhängt! Aeusserlich zeigt die 
weibliche Leiche: hellrothe Todtenflecken. Eine kreisförmige, wenig nach hinten auf- 
steigende, schmale, nicht sugillirte Strangmarke, Tom excoriirt und pergamentartig. 
Von der Strangmarke ab nach oben, femer im Gesicht, vor den Ohren und auf den 
CoDJnnctiTen zahlreiche punktförmige Hautecchyroosen. Am Daumen der rechten Hand 
zwei, anf dem Rücken der linken Hand eine deutliche Kratzwunde. — Innerlich im 
Hirn zahlreiche Blutpunkte, geringer Blutaustritt auf der linken Basis des kleinen Ge- 
hirnes. Kehlkopf Schleimhaut leicht geröthet, Luftröhre leer, Bronchien injicirt. Auf 
dem Kehldeckel zwei bohnengrosse, hellrothe Blutsuffusionen unter der Schleim- 
hauL Lungen ödematös, massig blutreich, auf denselben mehrfache Petechien. — 
Das Herz enthält sehr viel dunkelflössiges Blut in seiner rechten Hälfte. Desglei- 
chen die grossen Gefösse. Die Bauchorgane gaben Nichts zu bemerken. — Die Organe 
hatten nicht durchaus das hellrothe Ansehen der Kohlenoxydyergiftung, doch waren sie 
immerhin hellroth geförbt zu nennen. 

Sehr merkwürdig war die Spectralanalyse des Blutes, welches auf ZusaU von 
Schwefelammonium nicht s o vollständig reducirt wurde, wie normales gleichzeitig unter- 
mehtes Blut Es verschwanden zwar die beiden Streifen, und waren fast gar nicht 
mehr sichtbar, weil der Zwischenraum sich verdunkelte, doch waren immer noch die 
Conturen der beiden Striche deutlich bemerkbar. 

Es war hiemach die Einwirkung des Kohlenoxyds auf die Denata nicht ausge- 
schlossen, und war der Strangulationstod entweder erfolgt ohne dass dasselbe hinreichend 
in das Blut aufgenommen war, um den Tod herbeizuführen, oder nachdem die Einwir- 
kung desselben bereits vorüber war, ohne den Tod zur Folge gehabt zu haben. In 
jedem Falle war die Strangulation der Einwirkung des Kohlenoxyds gefolgt. Viel 
schwieriger war nun aus der Obduction allein gar nicht zu entscheiden, ob Selbsterhän- 
f^rmg (durch eine Schlinge) oder Erdrosselung vorlag, unc) wenn letztere angenommen 
inirde, ob fremde oder eigene Schuld vorlag. Die Kratzwunden an der Hand sprachen 
für Erdrosselung durch fremde Hand. Der Fall wurde wegen des Selbstmordes des 
Anzuschuldigenden nicht weiter verfolgt, er würde sich sonst durch weitere Ermittelun- 
gen wohl noch aufgeklärt haben. Das vorläufige Gutachten aber musste lauten: 1) dass 
Denata an Erstickung gestorben sei; 2) dass zwar Kohlenoxyd auf die Denata bei 
ihrem Leben eingewirkt, aber nicht deren Tod herbeigeführt habe; 3) dass vielmehr 
die Erstickung herbeigeführt sei durch Strangulation; 4) dass höchstwahrscheinlich die 
Strangulation nicht in Erhängen, sondern' in Erdrosseln bestanden habe; 5) dass die 
Annahme, dass. fremde Hand die Erdrosselung bewirkt habe, zwar durch die Obduction 
nicht erwiesen, aber nichts weniger als widerlegt sei. 



Casper's gcriehtl. Medicin. &. AaS. II. 



98 Die Priorität der Todesart §. 27. Casuistik. 35. Fall. 



35. Fall. Ertrinken, Torher Erhängungsyersuch. 

Am Halse der 51jährigen Frau eine excoriirte, bis 1 Zoll breite, flache, onterhalb 
des Kehlkopfs liegende, beiderseits bis zu den Cucnllares lanfende Strangmarke, nicht 
sngillirt Oberhalb derselben, im Gesicht, auf der Stirn und vor den Ohren vielfache 
stecknadelspitzengrosse Hautecchymosen. Conjunctiven stark sugillirt Sonst keine 
Verletzungen. 

An der Innenfläche der Kopfschwarte ebenfalls kleine Hautecchymosen. Dura 
längs des Sixtus verwachsen, stark blutstrotzend, Pia stark getrübt, ödematos, blutarm, 
desgleichen das Gehirn, an deren ausser Zähigkeit nichts zu bemerken. 

Hals- und BrustgeHisse stark gefüllt, Lungen ballonirt, Luftröhre gerothet, Schaum 
bis tief in die Bronchien, auf den Lungen einige frische Petechien, Einschnitte ent- 
halten sehr viel schaumiges Wasser. Herz beider Ventrikel hypertrophisch, enthält na- 
mentlich rechts viel Blut. Rachen, Speiseröhre, Luftröhre, Bronchien enthalten etwas 
Schlamm, womit auch die Leiche bedeckt ist. Magen enthält Wasser, Spebebrei und 
Schlamm. Ausserdem eine Messingröhre, welche Denata verschluckt hatte, von 5 Zoll 
Länge. (Sie war nach Angabe des Sohnes geistesschwach.) Därme enthalten Wasser. 
Leber cirrhotisch, schwer, blutreich. Desgleichen Hohlader. Nieren gross, blutreich, 
Kapsel schwer trennbar. 

Nach diesen Befunden war der Ertrinkungstod nicht zweifelhaft, mithin musste also 
der Strangulationsversuch dem Ertrinken voraufgegaugen sein. Auf die Strangulation 
sind die Hautecchymosen, wie die auf den Lungen gefundenen frischen Capillarecchy- 
mosen zu schieben, wie auch die in der Kopfschwarte. 



Zweiter Abschnitt. 



Zeit der Obduetion. 



Qesetzliche Bestimmungen. 



Pr. RcgalatlT fördaa Verfahren bei den medielnlech-gerichtlicher Unteraoe han- 
ge« menaeblieber Leichname vom 15. November 1858. $. S. Vor Ablauf von 24 Standen iiaeh 
d«iD Ttvle, Toraoigeaetxt, data die Zeit deseelben bekannt war, dürfen gerichtliche Obflactionen in der 
K«gd Bieht vorgenommen werden. Die blosae Betiehtignng kann Jedoch echon früher geaehehn. 

i 4. Wegen vorbandner F&ulniaa dürfen Obdaetionen in der Regel nicht nnterlaaeen and von den 
Acrtten abegelehnt werden. Denn aelbst bei einem hohen Grade von Finlnisa kSnnen Abnormitäten nnd 
VerietsBBgen der Knochen ermittelt, manche, die noch cweifelhaft gebllebne Identität der Leiche be- 
ireffeade Momente, s. B. Farbe nnd Beeehaffenhelt der Haare , Mangel an Gliedmaaasen n. s. w. featge- 
•teilt, eingedrangne fremde K5rper anfgefanden , Schwangeraohaften entdeckt nod manche Vergiftangen 
aoeh aaehgewieaeB werden. Ea haben deahalb auch die reqalrirten Aerste, wenn ea eich aur Ermittelung 
d«rvtifer Momente am die Wiederansgrabung einer Leiche han'lelt, für dieaelbe an atimmen, ohne Rfick- 
sickt aaf die aelt dem Tode veratrichne Zeit. 



§. 28. Passende lad ■npassende Zeit. 

Wie bei jeder Leichenimtersuchimg, so ist es namentlich auch bei 
jeder zu gerichtlichen Zwecken geschehenden, dringend wünschenswerth, 
dass der Gerichtsarzt durch die richterlichen Behörden in die Lage 
versetzt werde, die Untersuchung des Körpers möglichst früh nach er- 
folgtem Tode vornehmen zu können, bevor noch die Wirkungen des 
Todes in den mannigfachen, oben betrachteten Leichenphänomenen auf- 
treten, und den Thatbestand triiben, oder gar dessen Feststellung ganz 
nmnöglich machen, wie dies bei wirklich schon vorgeschrittener Fäul- 
1ÜS8 nur zu leicht der Fall ist. Dass die Obduetion frühestens schon 
vienmdzwanzig Stunden nach dem Tode vorgenommen werden dürfe, 
gestattet die eben angefahrte preussische gesetzliche Bestimmung mit 
Redit, weil in dieser Zeit schon sichere Zeichen des Todes (vergl. §. 
7. u. f.) sich an der Leiche befinden , und die Besorgniss, dass ein nur 
Scheintodter vorliege, dann nicht mehr aufkommen kann. Die Mehr- 



100 §• 29* Späte Obductionen. a) Bei F&uiniss des Leichnams. 

zahl der gerichtlichen Obdactionen geschieht indess später, was in der 
Natur der Sache liegt. Bald ist der Leichnam erst viel später aufge- 
funden worden, bald hat der amtliche Greschäftsgang bei den conenrri- 
renden Behörden die Ansetznng des Obdnctions-Termins verzögert, bald 
erforderte der Transport der Leiche zum Sectionslocal einen langem 
Zeitraum, bald waren die nothwendigen Recognitions-Zeugen nicht so 
früh herbeizuschaffen u. s. w. Nichtsdestoweniger bleibt es gewiss, 
dass die Zeit von 24 — 36 Stunden nach dem Tode die passende für 
die Untersuchung der Leiche ist. Aber auch zu unpassender Zeit muss 
sich der Gerichtsarzt derselben unterziehn, weil die gesetzlichen Be- 
stimmungen es vorschreiben, und weil in den, darin angedeuteten Fäl- 
len allerdings auch dann noch ein practischer Erfolg möglicherweise zu 
erwarten ist, und er wird auch dem, oft dann allerdings nichts weni- 
ger als angenehmen Geschäft sich nicht entziehn, und durch Ausflüchte 
den Richter zum Abstehn davon bewegen, wenn das Bewustsein seines 
wichtigen Berufes ihn erfüllt , und das wissenschaftliche Interesse for die 
Sache, der er dient, rege in ihm' ist. Zu unpassender Zeit werden 
gerichtliche Obductionen geschehn, wenn sie ausgeführt werden müssen 
in folgenden Fällen: i) bei bereits vorgeschrittner Fäulniss; 2) nach- 
dem bereits eine privatärztliche Obduction der Leiche vorangegangen; 
3) bei wieder ausgegrabenen Leichen und Leichenfragmenten. Es ist 
dies die Frage von den späten Obductionen, die wir im Folgenden be- 
trachten. 



§. 29. Späte •bdietieiea. a) lei FanlBiss des LelchuuM. 

Verspätete Obductionen können den Zweck haben (wie alle andern), 
die Art, die Zeit des Todes und die Identität des betreffenden Leich- 
nams mit einer bestimmten fraglichen Person festzustellen. Die Zeit 
des Todes wird sich je nach den verschiedenen Verwesungsgraden bald 
noch ziemlich leicht annähernd, bald schwer mit einiger wissenschaft- 
licher Begrändung, bald gar nicht bestimmen lassen. (§. 6. u. f.) Auch 
die Art und Ursache des Todes lässt sich wohl noch positiv wie nega- 
tiv bei schon sehr verwesten Leichen, ja bei blossen Leichenfragmen- 
ten ermitteln. Positiv, wenn Verletzungen der Ejiochen, Luxationen, 
Fracturen, Schuss wunden u. s. w., wenn eine Vergiftung durch Ars^ 
nik oder andre metallische Gifte, wenn eingedrungne fremde Körper 
den Tod bewirkt hatten, oder bei noch nicht vollständiger Zersetzung 
aller Weichgebilde nach tödtlichen Verletzungen innerer Organe, z. B. 
Rupturen, Stich-, Hiebwunden u. dgl, nach Blutergüssen in Höhlen 
u. 8. w., während nej^ativ ein Beweis hergestellt werden kann, wenn 



§. 29. Späte Obductionen. Identitäts - Feststellung. 101 

Befimde dieser Art, die man nach den Umständen des vorliegenden 
Falles erwarten mosste, nicht erhoben werden. Aber auch die wich- 
tige Frage vom zweifelhaften Leben des Nengebornen kann möglicher- 
weise noch an ganz verwesten Eindesleichen gelOst werden, wof&r nn- 
ten (§, 106.) 'Thatsachen geliefert werden sollen, nnd eben so kann, 
nach der Beschaffenheit der Knochen, noch spät über die Reife eines 
Nengebornen entschieden werden (35. Fall). Derartige Fälle schlies- 
sen sich schon an an die Frage von der Identität der Leiche, deren 
Feststellung für den Richter natürlich die allererste Bedingung bei jeder 
Leichennntersnchnng ist. Die mannigfachen ihm zu Gebote stehenden 
Beweismittel, Zengenvernehmungen, Besichtigung von Kleidungsstücken 
IL 8. w., berühren den Gerichtsarzt in der Regel nicht, der aber durch 
seine Th&tigkeit oft, und grade in den dunkelsten und schwierigsten 
Fäll^, dem Richter Aufschluss zu geben vermag, den er noch bei 
einigermaassen erkennbaren Leichen solchen nicht alltäglichen Befun- 
den, wie Narben oder Tätowirungen (vergl. §§. 31. u. 32.), und noch 
in den spätesten Zeiten nach dem Tode der Untersuchung solcher Theile 
zn entnehmen hat, die selbst über jeden gesetzlichen Yerjährungster- 
miü hinaus der Zerstörung widerstehn (§, 28.), also der Knochen, der 
Haare und Zähne (s. den merkwürdigen Fall 38. Fall). Ganze zusam- 
menhängende Skelette werden kaum je gefunden, meistens einzelne 
Knochen, aus ihrer Lage gebracht, getrennt, auch wohl auseinander 
gewichene Schädel u. s. w. Durchschnittlich beträgt die Länge des 
ganzen Skeletts 



bei einem reifen Neugebornen 


18-20" ♦), 


^ * 


1jährigen 


Kinde 


22-23", 


- 


2 


- 


26-28", 


- 


3 


- 


32—34", 


- 


4 


- 


35-36", 


- 


5 


- 


37-38", 


- 


6 


- 


38-40", 


^ «» 


7 


mm 


41-43", 


- 


10 


- 


45-46", 


- 


14 


Menschen 


54—56", 


- 


Erwachsenen 


62-65", 



wonach sich wenigstens annähernde Abschätzungen des Alters aufstel- 
len hissen werden. 



*) Ueber die Dimensionen der einzelnen Knochen reifer Neugebornen. vergl. unten 
§. 80. S. zu dieser ganzen Frage die erschöpfende und vortreffliche Abhandlung von 
Kanzler ^zar gerichtlich-medicinischen Skeleto-Necropsie* in Viertel Jahrsschrift Bd. Y. 
S. 206 VL S. 121 und Vffl. S. 44. 



102 §• ^d* Späte Obductionen. Identitäts - Feststellung. 

Das etwa zweifelhafte Geschlecht des Verstorbnen wird sich in 
der Regel nach den vorgefdndnen Knochen leichter als das Alter be- 
stimmen lassen, znmal wenn das Becken vorhanden, das bekanntlich 
den Hanptnnterschied im Knochengerüst der Geschlechter begründet. 
Das ganze Skelett des Weibes ist zarter, als das des Hannes, der 
weibliche Schädel ist enger, die Wirbelbeine schmaler, die Zwischen- 
wirbellöcher grösser, die Schlüsselbeine weniger geschweift, der Brust- 
kasten nnd das Bmstbein schmaler als beim Manne, so dass die weib- 
liche knöcherne Bmst schmaler ist als die Hüften. Die Becken in bei- 
den Geschlechtem haben durchschnittlich (mit Abweichungen im Einzel- 
nen von Linien auch bei den gut gebildeten Becken) folgende Durch- 
messer (J. F. Meckel): 

Männl. Becken. Weibl. Becken. 

Queerdurchmesser % 4" 6''', 

Schräger Durchmesser I des Eingangs 4" 5'", 

Grader Durchmesser ) 4'', 

Queerdurchmesser \ 4", 

Schr&ger Durchmesser I der Hohle 5", 

Grader Durchmesser ) 5", 

Vorderer Queerdurchmesser | 3", 

Hinterer Queerdurchmesser | des Ausgangs 3", 

Grader Durchmesser ' 3" 3'' , 

Die weiblichen Schambeine bilden einen grossem Bogen; die grös- 
sere Breite des weiblichen Beckens bedingt einen breitem Abstand der 
Pfannengelenke nnd deshalb ein Convergiren der Oberschenkel nach den 
Knieen, während die männlichen XJnterextremitäten grader herabsteigen. 
Für die einzebien Theile des Skeletts hat Krause folgende Messungen 
gefunden, die gleichfalls zur Geschlechtsbestimmung verwerthet werden 
können; 

Längsdurchmesser des Kopfes 

Queerdurchmesser des Kopfes 

Schulterbreite 

Länge der Wirbelsäule 

Länge der Oberextremität 

Länge der Unterextremität 

Breite des Beckens zwischen 

den Haftbeinkämmen 11|25, 11, oo. 

Die Identitätsfrage kann auch in Betreff einer zur Zeit des Todes 
bestandnen Schwangerschaft aufgeworfen werden , deren Thatsächlichkeit 
aus den, im sehr spät verwesenden Uterus (§. 22.) befindlichen Foe- 
tusknochen festgesteUt werden kann (20. Fall). Endlich können an den 
und durch die Knochen noch mannigfache Befunde die Identität der 



5". 






4" 


5'". 




4" 


4'". 




4" 


8"*. 




5" 


4"'. 




4" 


8t. 




4" 


5'". 




4" 


6"'. 




4" 


4'" 


bis 5" 



Mann. 


Weib. 


7,50, 


7,00. 


6,25, 


5,T5. 


15,fto, 


12,11. 


25,75, 


25,00. 


29,25, 


26,50. 


34,00, 


29,00. 



§. BO. Späte Obdactlonen. b) Nach bereits anderweitig geschehener Obduction. 103 

Leiche bestimmen lassen , wofür die interessantesten Gombinationen vor- 
liegen, z. B. xmser nnten folgender 39. Fall, oder der Befand eines 
sechsten Fingers nnd Zehes, oder einer kurzem Unterextremität , die 
auf Hinken des Verstorbnen zurückschliessen liess u. dgl. m. *) 



\, Fall. Feststellung der Todesart in einer ganz verwesten Leiche. 

Lehrreich für die Mahnung, nicht ohne Weiteres von der Untersuchung auch schon 
Terwester Leichen abzustehen, war folgender eigenthümliche Fall. Bei der ungewöhn- 
lich grossen Augusthitze tou 25° R. im Jahre 185* wurde ein wohlgekleideter Mann 
vd der Feldmark todt gefunden. Die Hände waren mit Glacehandschuhen bekleidet 
und in der rechten Hand hielt er ein Schnupftuch, das angeblich Blutflecke gehabt 
haben soll. Neben der Leiche lag ein kleines, altes, stumpfes, sehr schlechtes Ein- 
scMagemesser, das dem wohlgekleideten Manne anscheinend nicht gehört haben mochte, 
und an welchem man auch alte Blutflecke gefunden haben wollte, und diese Umstände 
veranlassten die gerichtliche Obduction. Die Leiche war schon schwarzgrün, die Ober- 
haut abgelöst, und Myriaden von Maden auf dem ganzen Körper; das Gehirn floss aus 
IL 8. w. Aber es konnte, bei allgemeiner gänzlicher Yerwesungs-Anämie, noch festge- 
stellt werden, dass Denatus an Herzschlag gestorben war, denn das rechte Herz und 
die Lungenarterie waren noch jetzt sogar strotzend mit dem musartig halb flüssigen, 
halb geronnenem Blute der eingetretenen Verwesung gefüllt. Dazu kam der gänzliche 
Mangel jeder Verletzung am Leichnam , um den Ausspruch zu rechtfertigen , dass das 
Messer nicht die Ursache des Todes Todes gewesen, dass überhaupt eine äussere Ver- 
aolassong zum Tode durch die Obduction nicht nachgewiesen sei, womit der Fall für 
den Bichter Yollständig erledigt war. 

37. FalL Ein ähnlicher Fall. 

In einem anderen Falle war in der durchaus grünfaulen Leiche mit schwarzem 
Kopf, die seit Januar des Jahres yermisst, im März im Canal gefunden worden war, 
durch die ballonirten Lungen der Ertrinkungstod noch festzustellen und konnte ein Ver- 
dacht auf Schändung und Mord mit nachheriger Beseitigung des Leichnams zurückge- 
wiesen werden, da sich an der Leiche irgend welche Verletzungen nicht vorfanden. 



§. 30. hrtoelsng. b) Ntdi bereits tidenreitlg gesdiebeier •bdicU^n. 

Es. kommen Fälle vor, in denen Leichen znr gerichtlichen Section 
kommen, an denen schon vorher die Eröffnung der Höhlen, ja aller 
Eingeweide, vorgenommen worden war, theils voreiligerweise, theils 
weil der Verletzte in einer Krankenanstalt verstorben war, und man 
beim Tode noch nicht wusste , dass der Fall zur Cognition der Gerichts- 
behörde kommen werde u. s. w. In solchen Fällen wird es zwar vor- 
kommen können, dass der gerichtliche Arzt gar nichts mehr über die 
Todesart bestinmien kann; aber von vornherein den Auftrag ablehnen, 



•) Vgl. dergleichen Fälle inBriand und Chaud^ Manuel complet de mSd, Ug. 
6. Aafl. Paris 1858. S. 526. 



104 §' 30. Späte Obductionen. Nach geschehener Obduction. 38. Fall. 

9 

weil diese Möglichkeit gesetzt werden könnte, ist nicht zu billigen. 
Denn es giebt Verletzungen, die unauslöschliche Sparen ihrer tödtli- 
eben Wirkungen an sich tragen, so dass eine zweite Section noch Ge- 
wissheit über den Tod geben kann , und in andern Fällen kann wenig- 
stens, wenn nicht diese, so doch noch eine grössere oder geringere 
Wahrscheinlichkeit des XJrtheils gegeben werden, die immerhin dem 
Richter einen Anhalt ffir die weitere Behandlung des Falles giebt, des- 
sen er ganz entbehren würde, wenn der Gerichtsarzt seine Incompe- 
tenz erklärte. Dass derselbe in solchen Fällen vorsichtig im Urtheile 
sein müsse, leuchtet von selbst ein. Wo irgend thunlich wird man die 
Obductionsresultate, welche von den Erstobducirenden Aerzten erhoben 
worden sind, amtlich einfordern lassen, um dieselben in Verbindung 
mit den noch selbst gemachten Wahrnehmungen zu benutzen. Allge- 
meine Regeln lassen sich hier nicht aufstellen. Der einzelne Fall muss 
jedesmal als solcher gewürdigt werden. 

38. Fall. Eopfverletzang in einer bereits secirten Leiche. 

Da der nachfolgende Fall in mehrseitiger Beziehiing interessant, so theilen wir ihn 
in extenso mit: Am 10. October wurde der Rollkutscher Lob ach bei Gelegenheit 
eines Streites, mit einer sogenannten Schärstange, die von eichenem Holz gearbeitet, 
etwa 4 Fuss lang und 1 Zoll dick ist, über den Kopf geschlagen, der Art, dass von 
dem Holz ein Stack absprang. Nach anderen Depositionen ist er auch mit der Hand 
geschlagen worden und endlich auch gefallen. Von diesem Fall spricht ein Zeuge, 
dass Lob ach rückwärts über einen Wispelkarren gefallen sei der Art, dass er mit dem 
Hintern in die Karre hineinfiel und Racken und Knie über die Wände der Karre zu 
liegen kamen. Lobach trug von dem Schlage Schmerzen im Kopfe davon, worüber 
er sich zu dem mit ihm fahrenden Rollkutscher Tri 11 es äusserte. Beide kehrten als- 
dann in ein Local ein, um eine sogenannte kleine Weisse zu trinken, woselbst Lob ach 
abermals über Kopfschmerzen klagte Um 4 Uhr gelangten beide nach dem Hambur- 
ger Bahnhof, woselbst Lob ach von seinem Wagen stieg und äusserte, er könne es 
nicht mehr aushalten, der Kopf thue ihm weh, er müsse sich hinsetzen, und sich in 
der Nähe hinlegte. Hier liegend wurde er bewusstlos und zur Charit<& gebracht. 

Hier wurde er auch in vollständig bewusstlosem Zustand aufgenommen, konnte auch 
bis zu seinem am 11. eintretenden Tode keine Auskunft geben. An der Stirn bemerkte 
man einzelne leichte blutige Schrammen und Erkannte aus den ungleichen Papillen, 
die nicht auf Lichtreiz reagirten, der langsamen unregelmässigen Respiration, dem stark 
verlangsamtem Puls, die Erscheinungen des Himdruckes, unter denen Patient trotz der 
angewendeten Aderlässe und Heilmittel verstarb. 

Es wurde Seitens der Charit^ - Aerzte die Obduction gemacht , so dass , als uns Hie 
I/eiche zur Obduction abergeben wurde, weder die Kopfknochen genau geschildert wer- 
den konnten, weil sie der Knochenhaut beraubt, blutbesudelt, blutig imbibirt und viel- 
fach zerkratzt waren, noch auch ein Urtheil über die Todesursache abzugeben möglich 
war, weil die Organe zum Theil fehlten, zum Theil zerschnitten und aus ihrer Lage 
gebracht waren. 

Yorschriftsmässig lassen wir hier das Obductions-Protocoll, so weit es für die Beur- 
theilung wesentlich ist, folgen und werden dasselbe nachträglich durch die bei der Cha- 
rit^ -Obduction gemachten Aufzeichnungen ergänzen. 



§. so. 8paie Obductionen. b) Nach geschehener Obductiou. 38. Fall. 105 

Die Leiche des p. Lobach ist kräftig genährt, an Brust und Bauch hellgrün ge- 
erbt Auf der rechten Stirn rechterseits befinden sich sechs streifenförmige, nahezu 
einen Zoll lange, nicht blutunterlaufene Hautabschärfungen. Das bereits abgesägte 
Schädeldach zeichnet sich .dadurch aus, dass die ganze Oberfläche wie benagt ist, her- 
rührend Ton einem Schwunde der oberen Knochlamelle , welche in ganz unregßlmässi- 
gen linsen- his erbsengrossen, äusserst zahlreichen, vielfach untereinander zusammen- 
fliessenden Stellen fehlt, und ist die Knochenhaut über dem ganzen Schädeldach nicht 
Torbandea, sondern hängen nur einzelne Fetzen derselben noch am Knochen. Der 
hintere Theil des Schädel knochens ist blutig ge&rbt, wie auch die Zwischenknochen- 
sabsianz von violettrother Farbe. Die Schädelgrundfläche, von welcher die harte Him- 
haat abgezogen, ist imverletzt. Die linke mittlere Schädelgrube zeichnet aich aus durch 
fiolettblaues Ansehen, welches herrührt von zahllosen Stecknadelkopf- bis erbsengrossen 
Blnteztravasaten in der Knochenhaut, welche sich nicht abwischen lassen. Beide Lun- 
gen sind überall lufthaltig, ihr Gewebe ist gesund, ihr Blutgehalt ein geringer. Der 
niefat geöffnete Kehlkopf und die Luftröhre zeigen nichts Krankhaftes, ihre Schleimhaut 
ist gleichmässig grauroth gefärbt Die Leber von gewöhnlicher Grösse, normal gebaut, 
auf dem Durchschnitt glatt, keine deutliche Läppchenbildung zeigend, wenig bluthaltig. 
Sammtliche Knochen des Bnistraumes, wie die des Beckens sind unverletzt 

Das Charitejoumal registrirt an für uns wesentlichen Punkten: Zwischen der Kno- 
chenhant und dem Ünterhaut-Bindegewebe auf der Höhe des linken Scheitelbeines eine 
thalergrosse frische Ecchymose. Beim Abziehen des Schädeldaches von der Basis er- 
giebt sich zum Theil flussiges, zum Theil halbgeronnenes Blut Daneben befindet sich 
eine beträchtliche Quantität der geronnenen Cruor auf der linken Temporalgegend 
zwischen Schädeldach und harter Hirnhaut Die harte Hirnhaut zeigt an dieser Stelle 
eine leichte, kinderhandgrosse Abplattung. Die Gerinnselbildung setzt sich fort in die 
Unke hintere Schädelgrube. Die ganze Menge des Cruor mag vier Unzen betragen. 
Die äussere Oberfläche des Schädeldaches zeigt bei genauer Besichtigung im Bereich 
des Stirnbeins eine grosse Zahl oberflächlicher, sternförmiger Einziehungen und einzelne 
flache, linsengrosse Knochen-Wucherungen. Im Bereich des Ansatzes der Schläfen- 
maskeln findet eine feste Verwachsung dei Knochenhaut und des Knochens statt und 
oberhalb desselben sind beide Scheitelbeine in scharf begrenzter Ausdehnung von fein- 
waniger Oberfläche und stellen weiser sehr feiner Yascularisation. Dazwischen einige 
Knochenwucbeningen. Denselben Zustand zeigte die Schuppe. Am linken Scheitelbein 
findet sich parallell verlaufend mit einem hinteren Eindrucke eines hinteren Astes der 
Arteria meningea media eine feine Fissur , welche sich bis etwa einen halben Zoll un- 
t<rhalb des Ansatzes des Schläfenmnskels erstreckt Die innere Schädeloberfläche von 
gleichmässigem Asbestglanz zeigt zahlreiche zum Theil nicht prominente erbsen- bis 
haselnnssgrosse weisse Stellen, die ziemlich scharf gegen die Umgebung absetzen. Der 
Ungsblutleiter der harten Hirnhaut bitetet nichts Besoaderes. Die ganze harte Hirn- 
haut sehr verdickt, an zahlreichen Stellen mit der weichen Hirnhaut verwachsen. Im 
Bereich des linken Schläfenbeines ist ihre äussere Oberfläche stark gefässreieh und mit 
feinen Ifembranen bedeckt und von letzteren eingeschlossen frische hämorrhagische 
Heerde. Die Innenfläche der Stirn zeigt links, entsprechend der vorher erwähnten Aus- 
senfäche eine thalergrosse, mit feinen vascularisirten Pseudomembranen bedeckte, mit 
der weichen Hirnhaut innig verwachsene Stelle. Auch sonst an der harten Hirnhaut 
viele Verwachsungen mit der an diesen Stellen stärkt verdickten weichen Hirnhaut Die 
harte Hirnhaut im Bereich der ganzen Schädelgrundfläche sehr fest und adhärent; nur 
>n der Stelle der Blutung in der mittleren Schädelgrube, ist sie bis \\ Zoll von der 
Kitte des Türkensattels abgelöst. Die vorher erwähnte Fissur setzt sich nach vom und 
tbvlrts bis etwa einen halben Zoll von dem äusseren Ende der oberen Augenspalte 



106 §• 30. Späte Obductioiien. b) Nach geschehener Obduction. 38. Fall. 

fort. An den Weichtheilen, aussen am Schädel onmltielbar am Jochfortsatz eine gros- 
sere hämorrhagische Stelle. Die weiche Hirnhaut, mit Ausnahme der erwähnten Stei- 
len, nberall hart, prall gespannt, Gefässe normal gefallt Das Qehim zeigt ebenfalls 
den beregten Eindruck auf der linken Halbkugel. Die Gehirnsubstanz blass, massig 
feucht, ziemlich derb. Ventrikel etwas weit, mit klarer Flüssigkeit gefüllt; die Aus- 
kleidung des Hinterhomes leicht verdickt. Die grossen Gehimganglien nichts Abnor- 
mes. Die Schädelgrundfläche zeigt nichts Besonderes. Das Herz ist normal beschaffen. 
Beide Nieren in ihrer Kapsel adhärent, die Oberfläche glatt, die linke mit einzelnen 
Cysten besetzt Die Milz um das Doppelte vergrössert Ihr Gewebe derb. Hagen- 
scheimhaut erweicht Im Uebrigen ist nur noch hervorzuheben, dass die Blase stark 
ausgedehnt war von klarem Urin. 

Als Todesursache ergiebt sich, sowohl nach den bei Lebzeiten des Verstorbenen er- 
hobenen Symptomen, als auch nach den Resultaten der Obduction eine Blutung inner- 
halb der Schädelhöhle. 

Das Protokoll schildert diese Blutung als eine umßmgliche, welche zwischen Kno- 
chen und harter Hirnhaut sich befand, und einerseits eine Abplattung des Hirnes lin- 
kerseits, andererseits eine Abhebung der harten Hirnhaut in der mittleren linken Schi- 
delgrube bis U Zoll vom Türkensattel bewirkt hatte. 

Es sprachen femer sehr erhebliche Befunde dafür, dass diese Blutung die Folge 
einer den Schädel getroffen habenden Gewalt gewesen ist. 

Es kann als thatsächlich feststehend erachtet werden, dass Lobach mit einem 
1 Zoll starken, 4 Fuss langen Stück Holz über den Kopf geschlagen worden ist, ukd 
zwar mit einer Gewalt, dass ein Stück dieses Holzes absprang. 

An der linken Seite des Schädels, wohin naturgemäss ein mit dem rechten Arm 
des gegenüber befindlichen Gegegners geführter Schlag treffen konnte, fanden sich mehr- 
fache Zeichen dafür, dass hier wirklich eine stumpfe Gewalt eingewirkt habe. Zunächst 
eine thalergrosse frische Ecchymose zwischen der Knochenhaut und dem Unterbaut- 
bindegewebe auf der Höhe des linken Scheitelbeines, femer, an den Weichtheilen des 
Schädels, am Jochfortsatz eine grössere hämorrhagische Stelle und endlich ein feiner 
Knochenriss, welcher am linken Scheitelbein unterhalb des Ansatzes des Schläfenmuskels 
verlaufend sich nach vom und abwärts bis in die Gegend der oberen Augenspalte fortsetzte. 
Entsprechend diesem letzteren befand sich nun über der harten Himhaut, ein die linke 
Himhalbkugel abplattender beträchtlicher Blutergrass , welcher bis in die mittlere Schi- 
delgrube reichte und welcher Folge der Berstung eines aus dem Sch&del austretenden 
Gefosses gewesen ist, wie eine solche sehr füglich durch einen Schlag, der im Stande 
ist eine Knochenfissur zu erzeugen, entstehen kann. 

Diese Gefässzerreissung konnte um so eher entstehen, als bei dem denatus mehr- 
fache krankhafte Veränderungen der Kopfknochen und der harten Himhaut vorhanden 
waren, welche auf einen älteren zum Theil abgelaufenen Krankheitsprocess zu be- 
ziehen sind. 

Diese chronische Krankheit aber, wenngleich sie den unglücklichen Erfolg des 
Schlages begünstigt haben mag, kann nicht als alleinige Ursache der Blutung angezo- 
gen werden, um deshalb, weil Lobach bis dahin vollständig wohl gewesen, und erst 
kurz nach Empfang des Schlages über Schmerzen im Kopf angefangen bat zu klagen, 
so dass eine nicht zu verkennende Gontinuität der Erscheinungen vorhanden ist 

Es steht dieser Auffassung durchaus nicht entgegen, dass Lob ach nach Empfang 
des Schlages nicht sofort zusammengestürzt ist; denn es ist nicht selten , dass Menschen 
mit viel beträchtlicheren Schädelfissuren noch Wege machen etc. und dass eine Blutung 
allmälig sich vergrössemd stattfindet, die erst wenn sie einen gewissen Umfang erreicht 
hat lebensgefthrliche und tödtiiche Erscheinungen macht, und die, gerade weil sie lanir- 
sam vor sich geht, nicht sofort lähmt und die Erscheinungen des Gehimdrackes eiteugt. 



§. 30. Späte Obductionen. b) Nach geschehener Obduction. 39. u. 40. Fall. 107 

Demnadi war der Tod die Folge der Verletzung; und war der Schlag nüt dem 
besagten Instrument geeignet bei dem denatws die vorgefundene Blutung zu erzeugen. 

Wenn noch actenmässig feststeht, dass Lobach auch mit der Hand gegen den 
Kopf geschlagen worden ist, und dass er gefallen sei, so können diese beiden Umstände 
unseren Ausspruch nicht alteriren , weil ein Schlag mit der Hand nicht ausgereicht ha- 
ben würde, eine Schädelfissur zu erzeugen und weil ein Fall mit den Kopf gegen einen 
birten Körper gar nicht stattgefunden hatte, vielmehr nur ein Fall auf den Hintern 
oder Rocken, welche ebenfalls keine Schädelfissur erzeugen konnten. 

Hiemach geben wir unser amtseidliches Gutachten dahin ab: 1) das denatus an 
einer Blutung in dem Schädel seinen Tod gefunden; 2) dass diese Blutung als die 
Folge einer stumpfen Gewalt, welche den Schädel getroffen, zu erachten; 3) dass ein 
oder mehrere Schläge mit einer Schfirstange von 1 Zoll Dicke und 4 Fuss Länge als 
eme solche Gewalt zu erachten. 

39. Fall. Ruptur der Leber und Ripppenbrnche in einer bereits 

secirten Leiche. 

Durch Ueberfahren war ein Arbeiter getödtet worden. Ein Privatarzt hatte die 
Leiche secirt, die uns in folgendem Zustande vorgelegt wurde. Der Kopf war unge- 
öffnet geblieben, Brust und Unterleib waren nach der Section auf die gewöhnliche 
Weise zugenähnt worden. Neben der Leiche lag eine Leber, welche in ihrer Mitte 
durch einen Längenriss in zwei Theile getrennt war. Magen und Darmkanal lagen 
exeoterirt und unterbunden (zu welchem Zwecke dies geschehen, war gar nicht zu be- 
greifen) frd in der Bauchhöhle. In der Brusthöhle zeigten sieh die blutleeren Lungen 
vielfach eingeschnitten, eben so das ganz leere Herz. Das Gehirn war normal. Vom 
Blnterguss in die Bauchhöhle war nichts mehr wahrzunehmen. Ausser der Leberruptur 
aber, die sich, wie so sehr häufig (s. §. 33. allg. Thl.), äusserlich auch nicht durch 
das geringste Kennzeichen kundgab, fand sich noch ein Bruch von vier Rippen vor. — 
Wir urtbeilten, dass, wenn die vorgezeigte Leber die des Denatus gewesen (was der 
Richter leicht durch die Zeugenvernehmung ermitteln konnte und ermittelte), und wenn 
der Riss im Leben erfolgt sein sollte, was beides nach den Umständen höchst wahr- 
scheinlich, dass dann die TödUichkeit der Verletzung keinem Zweifel unterliegen könne. 

40. Fall. Schusswunde in die A. axillaris in einer bereits secirten 

Leiche. 

Am 10. Februar 1851 spielte der dreijährige SLnabe K. mit einem, wie sich später 
ergsb, noch vom Jahre 1848 her geladenem, kurzläufigem Gewehr. Der Schuss ging 
los und in die rechte Achselhöhle, worauf sogleich eine bedeutende Blutung entstand. 
Der Knabe wurde nach einer Glinik geschafft, verstarb aber daselbst am 15. dess. M. 
Am 22. wurde uns die bereits in der Anstalt geöffnete Leiche zur gerichtlichen Section 
vorgelegt. An der rechten Achselarterie fehlte ein viertehalb Zoll langes Stuck. Der 
anwesende klinische Assistent zeigte dies von ihm nach dem Tode des Knaben ausge- 
"dmittene Stuck vor, in dessen Mitte sich eine Unterbindung friit einem rothen Faden, 
nnd einen Viertelzoll davon entfernt eine deutlich wahrnehmbare , Stecknadelkopf grosse 
Oeffnnng fand. In der Gegend der Achselhöhle zeigten sich dicht an einander liegend 
drei kreisrunde, mit scharfen, glatten, trocknen Rändern versebene Oefinung von 2 - 4 
Linien im Durchmesser, welche die Hantbedeckungen durchlöchert hatten. Einen Zoll 
sbwirts fand sich eine Zoll lange, scharf geränderte Wunde (die Operationswunde), die 
bii in die Muskeln drang. Lungen und Herz waren vielfach zerschnitten, zeichneten 



108 §.31. Späte Obductionen. c) an ausgegrabnen Leichen u. Leichenfragmenten. 

sich aber dtirch ungewöhnliche Blässe aus. An der vierten rechten Rippe war ausser- 
lieh der Knochen rauh anzufühlen, und innerhalb die Gefasse deutlich injicirt. Leber, 
Milz, Nieren waren zerschnitten, aber gleichfalls sehr bleich. Die Vena cava fast 
leer. Die Kopfhöhle allein war nicht geöffnet worden. Die blutfohrenden lleningen 
waren blass und fast blutleer, die Sinus vollkommen blutleer, die Gehirne nur sehr 
bleich. — Unter diesen eigenthnmlichen Umständen konnten wir nicht Anstand neh- 
men , zu erklären : 1) dass Denaius an Verblutung seinen Tod gefunden habe ; 2) dasi 
dieselbe aus der Verletzung der rechten Achselschlagader entstanden sei, und dass 3) 
worauf es nach dermaligen Lage der Strafgesetzgebung noch ankam, diese Verletzung 
die nothwendige Ursache des Todes gewesen sei. Hier hatte also die vorangegangene 
Privat-Obduction gar keinen Einfluss auf das gerichtsärztliche Gutachten gehabt 



§.31. F*rUeti«Bg. c) iw ««sgegrabeiei leichei' nd lelckeifragaeitoi.' 

Gesetzliche Bestimmungen. 

Strafgeaotsbneh für den Norddeatsoheo Band. §. 67. Die Strafrerfolgang tob Terbrechea 
▼•rj&fart, wenn sie mit dem Tode oder mit lebenslänglichem Zaehthaai bedroht eind. In swaosif Jahren; 
wenn sie im Höehstbetrage mit einer Freiheit^etrafe von einer längeren als seh^J&hrigen Daaer bedreht 
•lad, in fünfzehn Jahren; wenn sie m>t einer geringeron Freiheitsstrafe bedroht ilDd, in sehn Jahren. 

Die Strafrerfolgnng Ton Vergehen, die im HScbstbetrage mit einer llngeren alt dreimonatlichen Qe- 
fittgnissstrafe bedroht siud, Terjalirt in fSnf Jahren, ron anderen Vergehen in drei Jahren. 

Die Btrafyerfolgong von Oebertretnngen Terjihrt in drei Uooaten. 

Die Verjährung beginnt mit dem Tage, an welchem die Handlang begangen ist, ohn« Raekticlift anf 
den Zeitpunkt dei eingetretenen BrrolL;f>s. 

Nach dem Baierschen Sirafge«. Art. 93. tritt auch bei den schwersten Verbrechen die Verj&hrang schon 
nach xwanaitf Jahren ein. 

Nsch dem Wfirttembergiücben Strafges. Art 130. Terjihren aneh die mit Todes- oder mit lebcnsUag- 
lieber Zuchthausstrafe bedrohten Verbrechen in awanslg Jahren. 

Die Fälle, in welchen die Ausgrabung einer Leiche verfügt werden 
muss, weil sie einen practischen Nutzen für die Verfolgung eüier straf- 
rechtlichen Sache noch erhoffen lassen kann, sind bereits im §. 26. 
aufgezählt worden. In der Regel verfugt die richterliche Behörde, mei- 
ner Erfahrung nach, hierin selbstständig nach Veranlassung des con- 
creten Falls. Es versteht sich von selbst, dass dies niemals geschehn 
wird, wenn die Verjährungsfrist des muthmaasslich verübten Verbre- 
chens bereits verstrichen ist. Aber fast alle oben aufgezählten Unter- 
suchungsbefunde, namentlich: Merkmale an den Ejiochen, eben deshalb 
auch Schwangerschaften und zweifelhaft gebliebnes Alter einer Leibes- 
frucht, Merkmale an den Haaren, fremde Körper und manche Vergif- 
tungen, können möglicherweise nach zwanzig, selbst nach dreissig Jah- 
ren und noch später bei der ausgegrabnen Leiche so deutlich wahrge- 
nommen, wenigstens noch erwartet werden, dass ein Urtheil über den 
Befund noch möglich ist. Wenn deshalb der (Jerichtsarzt über die 
Zweckmässigkeit einer Ausgrabung vorher consultirt wird, so wird er 
sie , selbst in den Ländern , in denen eine Unverjährbarkeit der schwer- 
sten Verbrechen gesetzlich ausgesprochen ist, befürworten müssen, wenn 
einer der genannten Fälle vorliegt. In solchem Falle wird auch seine 



§. 31. Spate Obdnctionea. c) An aosgegrabnen Leichen u. Leichenfragmenten. 109 

Znziehimg und persönliche Anwesenheit bei der Ausgrabung von gröss- 
tem Nutzen sein, und wird hierorts auch fast regehnässig verfügt, 
weil der Sai^ meist schon nach einiger Zeit verfallen ist , und die Lage 
der Leiche in demselben durch den Transport auf eine, der spätem 
Beartheilung ungünstige Weise verändert wird. Dazu kommt, dass bei 
Termutheten Arsenikvergiftungen auch £rde aus der I^ähe des Sarges, 
Flüssigkeiten aus der Leiche, die sich in demselben bei der Oeifnung 
Torfinden, u. dgL entnommen werden müssen, was füglich nur vom 
Gerichtsarzte oder unter dessen persönlicher Leitung geschehn kann. 
Ans diesem letzteren Grunde empfiehlt es sich auch den chemischen 
Saehyerständigen, wo erforderlich, bei der Ausgrabung heranzuziehen. 
In andern, als den oben erwähnten Fällen ist zu beachten, dass eine 
Ausgrabung eine äusserst zeitraubende und eine Operation ist, die der 
Partei oder dem Fiscus sehr bedeutende Kosten verursacht. Aus die- 
sem Grunde ist in solchen Fällen davon abzurathen, in denen voraus- 
sichtlich gar kein Erfolg mehr von der Ausgrabung zu erwarten ist. 
Dies ist namentlich der Fall, wenn über die voi-angegangene tödtliche 
innere Krankheit Zweifel entstanden, die durch die Ausgrabung gelöst 
werden sollen, wenn die Leiche schon Wochen oder Monate lang beer- 
digt war, oft auch dann, wenn sonst durch Merkmale an den Weich- 
theilen der Leiche irgend ein Zweifel gelöst werden soll. Was die 
Knochen betriffi;, um noch einmal auf diese zurückzukommen, so ist 
es bekannt, wie lange nach dem Tode sich dieselben kenntlich erhal- 
ten. Die Knochen des Königs Dagobert, die man beim Aufgraben in 
der Kirche von St. Denis nach zwölf hundert Jahren fand, waren noch 
wohl erhalten (Orfila). Schon Haller behauptet, aus] zweitausend- 
jährigen Mumienknochen noch Gelatine gewonnen zu haben, was Or- 
fila in Yersuchen mit sechshundert Jahre alten Knochen, aus denen 
er noch 27 pCt. Gelatine durch Kochen gewann, bestätigt. Ich besitze 
die Ulna eines Erwachsenen, die im August 1844 vor G as p er s Augen 
in Pompeji ausgegraben wurde, in dessen Asche sie also etwas weni- 
ger als achtzehnhundert Jahre gelegen, und die so vortrefflich erhalten 
ist, dass man daran anatomische Demonstrationen hatten kann. Alle 
solche Curiasa haben insofern einen practischen Werth, als sie zeigen, 
dass ausgegrabne Kochen nicht nur innerhalb des längsten 
in Preussen angenommenenen gesetzlichen Verjährungster- 
mins (von zwanzig Jahren), sondern selbst da, wo Unver- 
jährbarkeit der schwe|rsten Verbrechen existirt, noch Auf- 
schlüsse geben können. Namentlich gilt dies von den Schädelkno- 
chen, sämmtlichen Köhrenknochen und den fast unzerstörbaren Zähnen, 
während schwammige Knochen, wie Wirbel, früher zerfallen. Meine 
Erfahrungen reichen nicht aus, um Genaueres über die allmähligen Ver- 



110 §• 31. Späte Obductionen. c) An ausgegrabnen Leichen. 41. Fall. 

ändenmgen anzugeben, denen die Knochen im Laufe der ersten zwan- 
zig bis dreisig Jahre nach dem Tode — nur dieser Termin ist prac- 
tisch in Baiem, Wfirtemberg, Preussen n, s. w. wichtig — oder wohl 
gar noch später unterworfen sind , und ich muss deshalb auf die Schrülr 
steller verweisen, deren Angaben indess (ob auf eignen Beobachtungen 
beruhend??), bei den grossen Widersprüchen unter ihnen, mit Vorsicht 
aufzunehmen sind.*) 

Was die Haare betrifit, so ist bekannt, dass auch sie sehr lange 
der Fäulniss widerstehn und desshalb zur Entscheidung der Identität 
einer Person noch nach langer Zeit benutzt werden können. Indess 
ist hier die von Sonnenschein**) bei Gelegenheit einer Ausgrabung 
entdeckte und festgestellte Erscheinung zu berücksichtigen, dass dunkle 
Haare, durch die im Boden befindlichen Humussäuren eine hellere, röth- 
lieh braune Färbung erhalten können. Man findet alsdann aber noch 
immer einzelne dunkle Haare unter ihnen und Einwirkung von Alea- 
lien (Ammoniak) stellt die dunkle Farbe wieder her. In unserer Samm- 
lung im forensischen Institut bewahren wir einen ausgegrabenen Schä- 
del, dessen Alter wir allerdings nicht kennen, auf welchem sich eben 
diese Erscheinung vorfindet xmd von den wenigen auf demselben noch 
vorhandenen Haaren ein Theil roth, ein anderer dunkel gefärbt ist. 
Dieser interessanten Thatsache eingedenk zu sein ist vorkommenden 
Falles nicht unwichtig. 

Ich lasse nachstehende Fälle von Ausgrabungen von Leichen oder 
Leichenfragmenten als Beläge folgen. Der Leser möge selbst den ver- 
schiedenen Zustand der Leichen je nach ihrer Beerdigungsdaner ver- 
gleichen. Gerade aus diesem Grunde gebe ich nicht allein möglichst 
viel, sondern auch solche Fälle ^ welche sonst weniger Interesse bieten, 

4L Fall. Aasgrabung, 11 Tage nach der Beerdigung. Angebliche Ver- 
giftung. Diese durch Obduction nicht nachweisbar. 

Die Frau war an Brechdurchfall und Krämpfen gestorben in 18 Stunden, und 
nachtraglich ein entfernter Verdacht auf Vergiftung entstanden, jedoch könnt« die che- 
mische Untersuchung der Contenia von Gift Nichts nachweisen. 

Die Leiche der H. aus dem Sarge genommen hat grüne Verwesungsfarbe, Kopf, 
Hals, und Oberextremitäten schwarzgrün gefärbt, Oberhaut an yielen Stellen theils 
blasenförmig aufgetrieben, theils ganz abgelöst und mit unzähligen Maden bedeckt. 
Zunge zwischen den Zähnen. Geschlechtstheiie entjungfert. Verletzungen nirgend Tor- 
banden. 

Das Qehim fliesst aus. Aber innere Organe verwesungsweich, und blutleer. Der 
Magen enthält mit zersetztem Blut vermischten SpeisebreL Seine Schleimhaut ist bleich, 
so weit noch erkennbar unverletzt und normal. Im Bauch weder Exsudat noch Blu- 



*) Vergl. die oben (S. 101) citirte Abhandlung von Kanzler. 
^ Sonnenschein, Handbuch d. gerichtl. Chemie. Berlin 1869. p. 343. 



§. 31. Späte ObductioneiL c) An ansgegrabnen Leichen.; 42. Fall. 1 1 1 

too^. Hieniach konnte darch die Obduction der Verdacht einer Vergiftung unterstützt 

werd6n. 

f 
41. Fan. Ausgrabung, 14 Tage nach der Beerdigung zur Feststellung 

ton provocatio aborius, eventuelle Vergiftung. 

Die ony. P. sollte vor 14 Tagen an „Brechdurchfall'' gestorben sein, und nach 
Denondation ihrer Freundin ihr von dem Dr. M Abortus provocirt worden sein durch 
Kinbringong eines langen Instrumentes in die Geschlechtstheile, zu welchen Zweck beide 
Thefle von N. hierher gereist seien. Es seien Ohnmächten, Schmerz und Abgang einer 
5 monatlichen Frucht gefolgt, unter Brechkrämpfen dann der Tod. Die Denunciation 
giebt gleichzeitig zu verstehn , dass die P. vergiftet worden sei. 

Die aus dem Sarge genommene Leiche der am 27. Juli gestorbenen P. ist aus- 
serordentlich verwest, durchweg grauschwarz, von der Oberhaut entblösst, Kopfhaare 
leicht zu entfernen. Pestilentialischer Gestank. Keine Schimmelbildung. Im schwarzen 
Gesicht die Augen unkenntlich hervorgequollen Zunge hinter den Zahnen, im tfunde 
stinkende Jauche. Geschlechtstheile entjungfert, Vagina ungemein weit, Schleimhaut 
ifflbilirt, frenulum erhalten. Verletzungen nicht vorhanden. 

Gebärmutter ist bereits durch Verwesung grau gefärbt und so matschig erweicht, 
dass eine genaue Untersuchung derselben nicht mehr ausführbar ist Sie ist an ihrem 
Grunde 3 2^11 breit, 4 Zoll lang. Ihre Höhle ist erweitert, und ihre Schleimhaut grau, 
ao^elockert und matsch. Das oriL extemum hat die Grosse eines Groschens , ist rund. 
An den Ovarien Nichts. Netze und Gekröse sehr fett. Der äusserlich blasse Magen 
wild nach vorschriftsmässiger Unterbindung herausgenommen. Derselbe ist ganz mit 
Luft gefallt und leer. Die Schleimhaut an der Gardia blasig erhoben und aufgelockert, ist 
stellenweis mit braunschwarzem Schleim überzogen, zeigt sonst keine ungewöhnliche 
Farbe noch Defect, oder Ulceration. Leber ist schwarzgrau und schmierig. Gallen- 
blase gefallt mit schwarzgrauer Galle. Hilz breiig. Nieren breiig erweicht Im Dünn- 
darm etwas schmutzig grünliches Wasser, im Dickdarm deutlich gelblich breiiger Koth, 
Schleimhant zeigt chocoladenbraune Verwesungsfarbe. Blase leer. Cava leer. Lungen 
ZQsammengefallen fast breiig, blutleer. Herz zusammengefallen und blutleer, schmut- 
zig verfärbt Kehlkopf und Luftröhre schmutzig verdirbt und leer. Speiseröhre leer 
ond sonnaL Grosse Ge&se leer. Schädeldecken unverletzt, Gehirn fliesst aus. Hier- 
nach sprechen wir aus; 

1. Dass Denata an einer inneren Krankheit, welche durch die Obduction nicht 
mdir festzustellen, gestorben ist. 

2. Dass darüber, ob diese innere Krankheit die Folge einer Vergiftung gewesen, 
die chemische Untersuchung möglicherweise mit Aufschluss geben können. 

3. Dass Denata kurz vor ihrem Tode schwanger gewesen. 

4. Dass diese Schwangerschaft in den ersten Monaten kurz vor dem Tode durch 
Fehlgeburt beendet worden. 

5. Dass eine äussere oder innere gewaltsame Veranlassung zu dieser Fehlgeburt 
ans der Obduction auch wohl nicht mit Wahrscheinlichkeit erhellt 

6. Dass das in der den Obducenten vorgelegten Denunciation angegebene Verfah- 
re des Einbringens eines langen Instrumentes in die Genitalien sehr füglich Statt ge- 
habt haben kann, und event. nothwendigerweise , weil es in die Gebärmutter einge- 
drungen, abortus hervorrufen musste. 

7. Dass der Todt möglicherweise durch das ad 6. genannte Verfahren herbeige- 
fihrt sein kann. — Die chemische Analyse der zurückgestellten Contenia konnte we- 



112 §• 31. Spate Obductionen. c) An ansgegrabnen Leichen. 43. u. 44. Fall. 

der freie Metallsäuren, noch freie Alealien, keine giftigen Metalle, keinen Phosphor, keiae 
Blausänre, kein Arsenik, keine giftigen Alcaloide nachweisen. 

43. Fall. Nach drei Wochen ausgegrabne Leiche zum Zweck der 

Feststellung einer häutigen Bräune. 

Ein dreijähriger Knabe war den Eltern auf dem freien Felde abhanden gekommen 
und drei Tage später todt aufgefunden worden. Er wurde beerdigt, aber nach drei 
Wochen, am 2L Juli (warum? ist mir unbekannt geblieben), wieder ausgegraben, um 
wo möglich festzustellen, ob das Kind am Croup gestorben sei (!). Das ganze Ge- 
sicht war Yon zahllosen Maden bereits skelettirt, ebenso die Kopfschwarte, die Hautbe- 
deckungon des Nackens und die Halsmuskeln. Am ganzen Körper zeigte sich Pilx- 
(Schimmel-) Bildung. Aeussere Verletzungen waren nirgends zu entdecken. Da^ Ge- 
hirn war verschwunden, und die harte Hirnhaut lag wie ein leerer Sack in der Höhle 
Die Untersuchung der Rachenhöhle zeigte, dass die Weichtheile bereits ganz zerstört, 
und die ganze Höhle von Jauche und Tausenden von Maden erfüllt war. Kehlkopf 
und Luftröhre waren auch bereits angefressen, und ihre Schleimhaut in eine blutige 
Jauche aufgelöst. Von häutigen Goncrementen fand sich keine Spur. Die Lungen wa- 
ren ganz faul, das Herz welk und schlaff, Magen, Milz, Nieren, Leber gleichfalls schon 
in mehr oder weniger hohem Grade verwest. Natürlich wurde geurtheilt, dass darüber: 
ob das Kind am Croup gestorben, sich weder mit Gewissheit, noch auch nur mit 
Wahrscheinlichkeit etwas feststellen lassen könne. 

44. FalL Ausgrabung nach 23 Tagen zum Zweck der Feststellung 

einer Arsenikvergiftung. 

Die Frau eines Arztes lebte im Ehescheidungsprocesse mit ihrem Gatten, der in 
erster Instanz zur Herausgabe der Mitgift von 12,000 Thalem verurtheilt worden war 
Am 8. Mai Abend, zur Zeit, als die Klage noch in appellalorio schwebte, ass die 
Familie Heringssalat. Die Frau, die ganz allein im Hinterzimmer ass, erhielt ron 
ihrem Manne ihre Portion dorthin geschickt Die ganze Familie blieb gesund, die Fran 
aber bekam Nachts Erbrechen und starb , nachdem das Erbrechen vier Tage angehal- 
ten hatte, am 12. Mai. Der Mann Hess sie von einem Freund, einem Wundarzt, seci- 
ren, dem es auffiel, dass Ersterer während der Obduction sehr viel Köllnisches Wal- 
ser in die Bauchhöhle goss. Die Leiche wurde beerdigt, aber, nachdem sich der Ver- 
dacht einer Vergiftung erhoben hatte, wieder ausgegraben, und uns am 4 Juni, also 
dreiundzwanzig Tage nach dem Tode, zur gerichtlichen Obduction vorgelegt. Der Kör- 
per hatte noch an den meisten Stellen (nach drei Wochen) die gewöhnliche Leichen- 
farbe, nur an Rumpf und Oberextremitäten waren vielfache grüne und von der Ober- 
haut entblösste Stellen sichtbar. Der Magen war an seiner hintern Wand, offenbar 
durch Hypostase, dunkelroth gleichmässig geerbt, innerlich zeigte sich die Sshleimbaat 
in grossen Fäulnissblascn aufgetrieben, aber es waren weder kömige noch crjstallini- 
sche Körper, noch Entzündung, noch Bluterguss, noch Brand oder Perforation darin 
zu entdecken. Im übrigen war im ganzen Körper durchaus nichts Abnormes wahrzu- 
nehmen. Die Speiseröhre, der Magen und Zwölffingerdarm, so wie Blut und Urin aus 
der Leiche wurden einer genauen chemischen Analyse unterworfen, die natürlich nur 
auf metallische Gifte, namentlich auf Arsen, gerichtet werden konnte, da zur Unter- 
suchung auf organische Gifte gar kein Anhalt gegeben war. Die Eingeweide aber, so 
wie Blut und Urin, zeigten nicht die geringste Spur eines metallischen Giftes, na- 
mentlich nicht der arsenigen Säure, und da auch das Ergebniss der Obduction ein voll- 



§.31. 8p&te Obductioaen. c) An ausgegrabnen Leichen. 45. u. 46. Fall. 113 

kommen negatives gewesen war, so musste unsrerseits angenommen werden , dass nach 
dem objectiven Tbatbestande der Verdacht der Vergütung sich nicht bestätigt habe. — 
Auffallend indess waren gewiss die Umstände, unter denen hier der Tod erfolgt war 
mchlsdestoweniger. 

45. Fall. Ausgrabung nach zwanzig Tagen. Knochenbrnche, Pleuritis. 

Der Fall konnte drei Wochen nach dem Tode vollständig aufgeklärt werden. Er 
betraf eine 80jährige Frau, die übergefahren und im Krankenhause nach 6 Tagen ge- 
storben war. Die Leiche war noch (im Februar) yerhältnissmässig frisch , nur der Un- 
terleib schon dunkelgrün, die Epidermis an vielen Stellen abgelöst und die Farbe der 
Augen nicht mehr zu erkennen- Die vorgefundenen Verletzungen der Kopfschwarte, 
aa denen deutlich die Wirkung der knnstlilhen Erweiterung sichtbar war, konnten bei dem 
Mangel jeder erheblichen anderweitigen Kopfverletzung eben so wenig als Ursache des Todes 
erkannt werden, als ein Queerbruch des Jochbeins. Dagegen fanden sich fünf Rippen 
(3te bis 7te) linkerseits mit ziemlich glatten Rändern qiieer und doppelt gebrochen, und 
vir fanden »an den bedeckenden Weichtheilen noch deutliche Reste früherer Sugilla- 
tionen*, wie denn auch das Rippenfell dieser Seite „eine deutlich rothere Färbung** 
zeigte» als das der rechten. Im linken Brustfellsack, nicht im rechten, was gegen die 
Annahme einer Leichenerscheinung sprach, acht Unzen blutiger Flüssigkeit Beide 
Longen — auf dem obern Lappen der rechten ein thalergrosses blutsülziges Extravasat 
' waren durch eitrige Verwachsungen, die ganz leicht zu trennen, also frisch waren, 
mit den Rippen verlöthet. Es war hiernach anzunehmen, dass wirklich das Ueberfahren 
die Frau durch Rippenbräche und dadurch gesetzte Brustfellenentzündung getodtet 
hatte. 

46. Fan. Ausgrabung nach 4 Wochen. Anschuldigung wegen Knnst- 

fehlers gegen eine Hebamme. 

Das Neugebome Kind soll durch einen Armbruch bei Gelegenheit einer durch die 
Hebamme beendeten Fussgeburt gestorben sein. 

Das Kind ist am 12. AprU geboren und gestorben. — Die Hebamme behauptet, 
dass es todt gewesen sei. Obduction am 10. Mai ejusd. 

Das männliche 8^ Pfd. schwere, 21" lange Kind ist am ganzen Körper mit Schim- 
mel bedeckt 

An vielen Stellen ist die Oberhaut abgelöst Auf der linken Seite des Rückens 
und der hinteren Fläche beider Oberschenkel zeigen sich rothblaue Flecken, die sich 
btt Einschnitten als Todtenflecke ergeben. Natürliche Oeffnungen frei. Zunge hinter 
den Kiefern. Qdm. 3^. G. 4i. Diag. 5". Seh. 5i. H. 4^. G. Font i". Nasen 
uid Ohrenknorpel von Verwesung erweicht — Farbe der Augen nicht mehr kenntlich. 
Nigel hart und erreichen die Spitzen der Finger. — Hoden im scrotum. Knochen- 
kern 2V". Nabelschnur 5" kunstmässig unterbunden. Der rechte Oberarm fühlt sich 
gebrochen an. Die Eingeweide zeigen einen hohen Verwesungsgrad. Zwerchfell zwi- 
schen 4—5 R. Leber von Fäulnissblasen besetzt, enthält nur wenig Blut und ist 
sehiimmlahig. Gelinde zw. einem Handtuch comprimirt, sinkt das schwimmende Stück 
Leber unter. — Sonst nichts Abnormes am Bauch. Milz schwimmt nicht Beide Lun- 
gen füllen die Brusthöhle zwar nicht aus, jedoch erreicht die linke schon den Herz- 
beutel und ist die rechte beim Aufschlagen der Höhle gleich sichtbar. 

Die Lungen von homogener g^ublau-röthlicher Farbe, sinken mit dem Herzen un- 
ter, sinken auch ohne Herz; auch dies allein sinkt unter. — Einschnitte ergeben we- 

Caft^er't g«rirJitt. Medidn. 5. A.fl. IT. 8 



114 §-31. Späte Obdttctioneli. c) An aus^egraboen Leichen. 47. Fall. 

der knistern noch blutigen Schaum, noch Aufsteigen Ton Luftblasen. Die einxelnen 
Lappen sinken unter, so irie auch jedes einzelne Stackchen der zerschnittenen Langen. 
Luftrohre schmutzig braun und leer. — Herz leer. Schädelknochen unTerletzt •- 
Blutf. Hirnhäute noch stark gefüllt und lässt sich noch jetzt deutlich wahrnehmen, 
dass ein Erguss Yon dunkelem Blut über das linke grosse Gehirn und unter das linke 
kleine Gehirn Statt gefunden habe — Gehirn erweicht. — Beim Trennen der weichen 
Bedeckungen des rechten Oberarmes nirgend ein Blulerguss, noch Spur eines Yorban- 
den gewesenen Blutergusses. Derselbe ist in der Mitte durch einen etwas Diagonalen 
scharf zackig geränderten Bruch gebrochen 

Hiemach hatte das Kind, welches übrigens reif war, nach der Geburt nicht geath- 
met, und war der Armbruch, der gar keine Reactionsspuren zeigte obgleich im Hirn 
der Bluterguss sich noch sehr deutlich wahrnehmen liess) dem schon während der Ge- 
burt apoplectisch gestorbenen Kinde zugefügt worden. Noch interessant ist in diesem 
Falle das Ergebniss der Athemprobe. 

47. Fall. Ausgrabung 6 Wochen nach dem Tode, wegen angeblicher 

Vergiftung, Tod durch Enterobrose. 

Die 31jährige Z. am 11. July gestorben, bereits am 16. durch Täuschung der Be- 
hörde beerdigt, war wegen Gerüchtes, dass der Tod durch Vergiftung erfolgt sei, aasge- 
graben worden. Angeblich war sie nur 1 Tag krank gewesen, war schon länger kränk- ' 
lieh und an jenem Tage unter „schwanem Erbrechen" und Schmerz im Leibe ge 
sterben. 

Die Farbe der Leiche ist schmutzig grau. Oberhaut fast überall abgelost Yerfaältnjss- 
mässig nicht starker Verwesungsgeruch. Augen nicht mehr vorhanden. Gesichtszüge un- 
kenntlich. Zunge hinter den Zähnen, sonst normal. Genitalien entjungfert In den 
natürlichen Oeffnungen nichts Fremdartiges. Eopfschwarte abgelöst Verletzungen nicht 
vorhanden. Netze und Gekröse fett Der Magen äusserlich nur Verwesungsfärbung, 
enthält einige Theelöffel einer theils weichen, theils klumpigen , schmutzig braunen, ent- 
schieden fökal riechenden Masse, nach deren Beseitigung an der ganzen Schleimhaut 
weder ein Geschwür, noch Durchlöcherung, noch sonst eine auffallende Fäibong. Der 
Geruch in der Bauchhöhle ist kein anderer, als ein verpestender Fäulnissgemcb. Der 
Darmcanal wird der ganzen Länge nach genau untersucht und zeigt sich im Dickdarm, 
in der Nähe des Blinddarmes eine Thaler grosse, mit sehr scharfen Rändern versehene 
Oeffnung, in der sich genau dieselbe Kothmasse, win im Magen findet Eine Verän- 
derung der Schleimbaot ist in der Nähe der Oeffnung nicht wahrzunehmen. Auch im 
rectum dieselben Kothmassen, die hier augenscheinlich mit zersetztem Blut gemischt 
sind. Aus der Höhle des Beckens werden 6 — 8 Loth einer schmutzig blutig eitrigen 
Flüssigkeit geschöpft Der ganze Blinddarm ist mit dieser blutigen Flüasigkeil gefällt, 
ebenso der Quergrimmdarm. Die Schleimhaut des Darmcanales zeigt nichts Auffallen- 
des. Bauchfell hat die gewöhnliche Verwesungsfarbe. Gebärmutter normal und jung- 
fräulich. Sonst nichts Besonderes in der Bauchhöhle. Im Uebrigen an der Leiche und 
den sehr verwesten Organen nichts zu bemerken. Kehlkopf und Luftrohre enthalten 
jauchig-kothige Flüssigkeit, Speiseröhre leer. Hiemach urtheilen wir, dass Denata 
an einer inneren Krankheit (Darmverschwärung und Durchbruch) ihren Tod gefonden 
und dass nicht anzunehmen, dass irgend ein Gift gerade diese Form innerer Kxink- 
heit hervorgebracht haben könne, wesshalb wir die chemische Analyse für zwecklos er 
achteten. 



§ 31. Späte Obductionen. c) An ausgegrabnen Leichen. 48. Fall. 115 



48. Fall. Ausgrabung, 12 Wochen nach dem Tode zur Feststellung 

geschehener Nothzucht. 

Der ungewöhnliche Fall lieferte den Beweis, dass es möglich sei, noch nach so 
langer Zeit unter Umständen der Beschaffenheit des Hymen festzustellen. Es war ge- 
gen einen Fabrikbesitzer denundrt, dass er sich mit der 12jährigen Denata einge- 
seblossen habe und diese sollte angegeben haben, dass er ^Gemeinheiten** mit ihr ge- 
ntchi Die Leiche der 12 jährigen Heier ist im Allgemeinen noch ziemlich wohl erhal- 
ten und die eines kräftigen Mädchens dieses Alters. Die Farbe im Allgemeinen eine' 
gruibräunlicfae , stellenweis mehr rothbräunlicb. An der vorderen Körperhälfte zeigen 
ach, namentlich auf Brust und Unterextremitäten härtliche, wie anfangend mumificirte 
Stellen, wogegen namentlich die hintere Fläche durch feuchte Fäulniss wie benezt aus. 
sieht Fast die ganze vordere Fläche des Körpers ist mit Schimmel bedeckt; die Augen 
ausgeflossen, die Zähne leicht zu entfernen. Zunge hinter denselben. 

Die auf das Genauste xmtersuchten Geschlechtstheile ergeben folgenden Befund: 

Die Farbe der Schleimhaut ist die schmutzig-röthliche der Verwesung. Das Jung- 
fernhäutchen hat eine halbmondförmige Form, ist yoll stand ig erhalten und 
leigt auch nirgend einen Einriss. Die Oeffnung ist zur Grösse einer Kirsche erweitert 
llftst sich durch Manipulation der Oberschoiikel beliebig noch mehr erweitem. 

Die Schleimhaut des Scheideneinganges erweicht und wie erodirt anzusehen, ähn- 
lich der Beschaffenheit der Hautwandungen auf dem Rücken (feuchte Fäulniss). 

Endlich ist ein kleiner Stecknadelkopf grosser Schleimpfropf an der Harnröhren- 
möndung zu erwähnen- 

In der Umgegend der Geschlechtstheile bis zum After hin Nichts zu bemerken, 
Ebenso wenig findet sich am Ganzen übrigen Körper Verletzungsspuren. Weiche Kopf- 
bedeckungen normal. Gehirn grüner Brei. Blutleiter leer. Grundfläche unverletzt. 
Luftröhre leer. Schleimhaut schmutzig verförbt Desgeichen Speiseröhre. Lungen weich 
znsaoimengefallen, yöllig blutleer; vollständig blutleer das Herz, das schmutzig 
rothlich in seiner Substanz schon sehr weich ist. In den grossen Gefässen nicht ein Tropfen 
Blut Der Magen leer und durch Verwesung schmutzig gefärbt Die Leber verschrumpft, 
erweicht, blutleer, Gallenblase enthält noch Galle. Das Fett in Netzen und Gekrösen 
zeigt sich in anfangender Fettwachsbild. Milz breiig. Nieren ebenso. Därme leer. 
Desgleichen Harnblase. Geschlechtstheile Nichts Abnormes. Hohlader leer, wie über- 
haupt nirgend auch nur ein Tropfen Blut aufzufinden ist. Hieraus war gut zu schliessen ; 

1. Dass Denata an einer inneren Krankheit verstorben, die sich aus der Ob- 
dnetion nicht genauer feststellen lässt. 

2. Dass in keiner Weise aus der Obdnction erhellt, dass diese tödtliche Krank- 
heit dnrch äussere gewaltsame Veranlassung entstanden sei; und mit Rücksicht auf die 
den Obducenten bekannt gemachten Umstände, welche actenmässig dem Tode voran- 
gegangen. 

3. Dass die Obduction den Beweis geliefert, dass ein wirklicher Beischlaf der 
Denata^ mit Immission des Gliedes nicht Statt gefunden habe. 

4. Dass auch bei der völligen Unversehrtheit des Jungfernhäutchens nicht anzu- 
nehmen, dass ein erigirtes männliches Glied dasselbe auch nur gewaltsam getroffen habe. 

5. Dass jedoch die Resultate der Obduction die Möglichkeit keinesweges ausschlies- 
Ben, dass unzuchtige Handlungen und Brutalitäten gegen Denata resp. gegen ihre Ge- 
•ehleebtstheile verübt worden. 

6. Auf Befragen (des Richters), dass Spuren von Berührungen der Geschlechts- 
theile mit den Fingern oder einem sonstigen harien Körper aus der Obduction sich 
nicht ergeben haben. 

8* 



116 §.31. Sp&te Obductionen. c) An ausgegrabnen Leichen. 49. a. 50. Fall. 

7. Dass der in der Harnrohre gefundene Schlei mpfropf möglicherweise durch eine 
Tripperinfection, welche auch bei oberflächlichster Annäherung eines tripperkranken männ- 
lichen Gliedes entstehen kann, entstanden sein kann, aber auch in der Annahme rein 
innerer krankhafter Ursachen seine Erklärung findet. 

8. Dass die Krankheitserscheinungen: Neigung zum Erbrechen , KopfBcfamerz, 
Krämpfe als Folge einer heftigen Gemüthserschütterung durch unzüchtigen Ueberfall 
des Kindes möglicherweise wohl entstanden sein könnten, dass jedoch der schon nach 
drei Tagen erfolgte Tod mit mehr Wahrscheinlichkeit auf eine andere und innere durch 
die Obduction indess in keiner Weise mehr nachweisbare Ursache, hindeutet. 

49. FaJ]. Ausgrabung nach 9 Wochen wegen Verdachtes auf Erwürgung. 

Von der Leiche der 84jährigen Frau, an welcher eine Frau am Halse »blane Flecke* 
gesehen haben wollte, ist die Oberhaut grösstentheils herunter gefault, sie ist weder 
mit Schimmel, noch mit Maden bedeckt, zeigt vielmehr eine Neigung zum Eintrocke- 
nen, wie dies auch an den inneren Organen wahrgenommen wird, an denen übrigens 
etwas Krankhaftes nicht wahrgenommen wird, die aber ganz blutleer sind. Der Ute* 
rus ist noch ziemlich erhalten und hart zu schneidnn. In den grösseren Bronchien 
fand sich Speisebrei Was die Halsgegend betrifft, so war sie ganz intact Blutans- 
tretungen oder Verfärbungen der tiefem Organe, welche auf eine Torhanden gewesene 
Sugillation hätten schliessen lassen, fanden sich nicht Tor, so dass anzunehmen war, dass 
jene Flecke lediglich Todtenflecke gewesen seien. 

50. Fall Ausgrabung nach neun Monaten. Knochenbrüche. Fettwachs 

Mumification. 

Ein 4jähriger Knabe sollte angeblich durch einen herabgefallenen Thurflägel er- 
schlagen worden sein, war aber beerdigt worden. Bei der ausgegrabenen Leiche fanden 
wir ganz unkenntliche Gesichtszüge, durchweg eine schmutzige schwarz - braune Farbe 
des Körpers, der ganz mit Schimmel bedeckt war, die einen Pilzgerach Terbreitende 
Leiche ziemlich starr und unbeweglich, an yielen Stellen, namentlich an den ganzen 
Oberextremitäten und im Gesicht, die Oberfläche deutlich mumificirt, d. L bolzartig in 
achneiden und tief schmutzig braun. Die innere Fläche der Kopfschwarte war schon 
mit Fettwachs durchsetzt; die rechte Seite der Lambda-Naht auseinandergewichen und 
2 Linien klaffend, das Hinterhaupt 2 Zoll lang gebrochen, das ganze Gehirn zusammen- 
gesunken, wie lose in seinen Häuten eingesackt und in einen grauen Brei verwandelt, 
die Basis Cranii Tollkommen gespalten durch eine Fractur, die sich rechts rom Felsen- 
bein ab durch den Türkensattel bis ins linke Felsenbein erstreckte. Die Lungen ganz 
nach hinten zusammengesunken, schwarzgrau, yoUkommen blutleer, wie das weissgrauc 
Herz, dessen Gewebe noch ziemlich erkennbar war. Luft- und Speiseröhre in Fett- 
wachsbildung übergegangen. Im noch erkennbaren Magen einige vertrocknete Speise- 
reste. Netz und Gekröse in Fett wachs verwandelt; Leber und Milz weissgrau, blutleer, 
schwimmfähig; die Nieren in ein fettwachsartiges Gebilde verwandelt, eben so die mit 
einander verklebten Därme; die Harnblase und die F. cava ganz leer. Die Kopfver- 
letzungen, die in dieser Form und Wichtigkeit nicht nach dem Tode entstanden 
sein konnten (s. §. 6. spec. Tbl.), bedingten die Annahme, dass eine schwere Gewalt 
den Kopf des ELindes getroffen haben müsse, und durch Veranlassung der höchst erfaeb- 
lichen Schädelverletzungen dessen Tod bewirkt hätte. 



§.31. Spate Obductionen. c) An ausgegrabiien Leichen. 51. u. 52. Fall 117 



81. Fall. Ausgrabung tou Kindesresten nach zwei Jahren zum Zweck 

der Feststellung einer Arsenikyergiftung. 

In diesem Falle wurde ich Ton einer auswärtigen Staatsanwaltschaft diiräber con- 
saltirt: ob ich der Meinung sei, dass die Ausgrabung dreier Kindesleichen, an denen 
rnnthmaasslich vor zwölf, acht und zwei Jahren eine ArsenikTergiftung von der Mutter 
Teröbt worden, noch einen Erfolg verspreche, in welchem Falle die Ausgrabung verfugt 
werden solle. Ich stimmte dafür, zunächst mit der Ausgrabung des zuletzt (vor zwei 
Jahren) verstorbenen Kindes vorzugehen, und den Erfolg der Untersuchung an dieser 
Leiche abzuwarten, bevor auch die beiden anderen Leichen ausgegraben wurden. Drei 
Monate später wurden die Reste dieser Leiche mit Graberde u. s. w. uns nbersandt 
Die Leiche war, nach dem mit übersandten Protokoll, aus dem noch im Grabe befind- 
liehen Sarge vom dortigen Kreisphysikus eigenhändig herausgenommen und in einen 
Topf gelegt worden. Ausserdem wurden noch die Hobelspäne aus dem Sarge genom- 
men und in eine Kiste gepackt, in welche auch die Holzwände des Sarges und etwas 
Erde aus dessen unmittelbarer Umgebung gelegt wurden. Der Kreisphysikus erklärte 
zu Protokoll: «Die Leiche ist die eines nur einige Wochen alten Kindes. Sie ist in 
so weit kenntlich gewesen, als die Schädelwölbung in ihrer Form noch unversehrt war. 
Sie war jedoch so dünn und morsch, dass sie beim Berühren zusammenfiel. Die Kno- 
chen von der Grundfläche des Schädels, die Rückenwirbelsäule und die übrigen Kno- 
chen lagen noch ziemlich unversehrt der Reihe nach da, jedoch ohne Bänder, welche, 
eben so wie alle Weichtheile, bereits verfault waren. Hände und Füsse waren nicht 
mehr kenntlich. Eben so konnte man die Bekleidung nur unsicher unterscheiden.* 
Nachdem ich hier, in Gemeinschaft mit unserm frühem vereideten Experten, Herrn Apo- 
theker Schacht, zunächst zur Eröffnung des Topfes schritt, fanden wir darin einen 
Hänfen brauner Hobelspäne, einzelne Knochen und Schädelreste und eine humusartige, 
patrescirende, braunschwarze Masse, die für die Ueberreste von verfaulten Weichtheilen 
und zartem Knochen zu halten waren. Diese Substanzen wurden einzeln der genausten 
chemischen Prüfung auf einen etwanigen Gehalt an Blei, Kupfer, Quecksilber, Bismuth, 
Antimon und Arsenik unterworfen, als deren Endresultat sich ergab: 1) dass die Lei- 
chenreste und die Hobelspäne im Topfe auch nicht die geringste Spur einer Arsenik- 
Tergiftung enthielten, dass sich aber in beiden eine höchst geringe, dem Gewichte nach 
nicht zu bestimmende Menge Kupferoxyd vorgefunden habe. „Diese Thatsache*, äus- 
serten wir im Berichte, „kann den Verdacht einer Vergiftung des Kindes durch ein 
Kupferpräparat (Grünspan u. s. w) nicht begründen. Denn abgesehen davon, dass ein 
Theil der, die Leichenreste umgebenden Hobelspäne mit zur chemischen Untersuchung 
genommen werden musste, dass femer das Kind bei der Beerdigung wahrscheinlich mit 
leinenen oder baumwollenen Stoffen bekleidet gewesen, und dass die normale Anwesen- 
heit von Kupfer in vegetabilischen Substanzen durch die Untersuchungen von Sarzeau, 
John, Meissner u. A. nachgewiesen ist, haben auch die von Wackenroeder in 
neuster Zeit (Archiv der Pharmacie, October 1853) angestellten Versuche unzweifelhaft 
dargethan, dass sich im menschlichen Blute häufig Spuren von Kupfer vorfinden." Un- 
ter diesen Umständen glaubten wir, vor weiterer Anfrage, gar nicht zur Untersuchung 
des Inhalts der Kiste schreiten zu dürfen, die denn auch später so wenig verlangt wurde, 
als eine weitere Ausgrabung der beiden anderen Leichen verfügt ward. 

M. Fall. Aufgefundene Reste eines Neugebornen. 

Auf einem Hausboden wurde in einer Kiste ein Kind gefunden. Im Verdacht der 
Geburt stand ein Dienstmädchen, das 1867 im September schwanger gewesen zu sein 



118 §.31. Spate Obductioaen. c) An ausgegrabnen Leichen. 53 Fall. 

schien. Man hatte damals Blut auf dem Abtritt gefunden, jedoch von der Geburt nichts 
gefunden. Eine Hebammo, welche das Mädchen nachher nntersucht hatte, hatte ausge- 
sagt, sie v&re im 4., 5. oder 7. Monat schwanger gewesen nnd hat geboren. 

Die Leiche war defect und mumificirt, jedoch war die Mumification nicht so trocken, 
wie gewöhnlich, sondern zum Theil war das Gewebe unter der Haut schmierig. Organe 
waren nicht mehr vorhanden, der abgelöste und defecte Schädel leer. Die Länge war 
gar nicht mehr zu bestimmen. 

Die Maasse, die wir nahmen, waren: 

Scheitelbein: vorderer Rand 2^ Zoll, 
hinterer - 2 - 
oberer - 3 
Hinterhauptsbein: Höhe. . . 2^ 

Stirnbein: Höhe 2^ 

Oberschenkelknochen 2* - ) ^^^ Epiphyse. 

Oberarmknochen 2*i - > 

In der Epiphyse des einen Oberschenkelknochen ein Enochenkem, der leicht her- 
auszuheben war; in der Gegend der andern Epiphyse fand sich ebenfalls ein Enochen- 
kem, der ganz locker lag und noch vorgefunden wurde. Der Durchmesser der Kerne 
betrug 3 Linien. 

Hiemach trachteten wir das Kind für reif ^), seiner Entwickelung nach für lebensfihig. 
Ob dasselbe gelebt und woran es gestorben, war nicht zu bestimmen. In Bezug auf 
das Alter der Leiche erklärten wir, das dieselbe Jahr und Tag alt sei, dass sie aber 
gerade seit September 1867 datire, sei nicht zu bestimmen, jedoch nicht unmöglicb. 

53. Fall. Ausgegrabene Knochen eines neugebornen Kindes. 

Fettwachs. 

In einem Garten in Charlottenburg waren Knochen eines Kindes ausgegraben wor- 
den, welche mir zur Untersuchung und Beantwortung der Frage vorgelegt wurden : .ob 
die aufgefundenen Gebeine und Substanzen zu dem Körper eines neugebomen, lebendig 
gewesenen, oder wie alten Kindes gehört, und vor wie langer Zeit ungefähr der Tod 
des Kindes erfolgt sein kann?' — Die Substanzen bestanden in einem groben linnenen 
Lappen, der durch darauf befindlichen Kalk vielfach zerfressen war, in grossen Mengen 
gelbweissen, schmierigen, an der Flamme schmelzbaren Fettwachses, in welches ein- 
zelne Knochen, namentlich beide Oberschenkel, Stirnbein, Hüft- und Unterkieferbeine 
mehr oder weniger eingehüllt waren, und aus den einzelnen Knochen, die aus Sand, 
Kalk, Lappen und Fettwachs mühsam herausgelöst werden mussten. Diese Knochen 
waren: 1) ein dreifach zerspaltenes Scheitelbein, an seinem grössten Durchmesser S\ 
Zoll lang resp. 2|; Zoll breit; 2) der grösste Theil eines Hinterhauptbeines mit deut- 
licher äusserlicher Protuberanz, von der Basis bis zur Spitze 2\ Zoll hoch und 2$ Zoll 
breit; 3) ein halbmondförmiges Fragment eines Scheitelbeines, 2 Zoll hoch und 2| Zoll 
breit, an welchem noch einzelne hellblonde Haare klebten; 4) ein Stimbein mit deutlich 
entwickeltem Höcker, vom Augenhöblenfortsatz bis zur Spitze 2 Zoll hoch und eben so 
breit; 5} zwei Unterkieferbeine, jede Hälfte 2 Zoll lang, Höhe in der Mitte \ Zoll; 
6) ein unförmliches, dünnes, flaches Knochenstückchen, muthmaasslich dem Siebbein 
angehörig; 7) zwei Oberkieferbeine, 13 Linien breit und 11 Linien hoch; 8) ein viel- 



*) In einem anderen Falle eines mumiflcirten Neugebomen konnten wir nach den 
Dimensionen desselben und dem einige Linien im Durchmesser haltenden Knocheokera 
ebenfalls die Reife der Fmcht bestimmen. 



§. Sl. Späte Obdactionen. c) An auBgegrabnen Leichen. 54. Fall. 119 

focfa zerritttneTy etwa 2k Zoll langer und 1 — U Zoll breiter, postpapierdicker Fetzen, 
der offenbar der sehnigten Scb&delhaube angehorte, und der sehr deutlich mit ) Zoll 
teogen, blonden Haaren besetzt war; 9) fünf Fragmente von Wirbel beinen , wovon drei 
mit deotliehen Domforts&tzen; mit einem scharfen Messer Hessen sich die Korper der- 
selben trennen, und ward des schwammige Gefüge deutlich sichtbar; 10) ein bedeuten- 
des Stick Fettwaehs, woraus die beiden Hüftbeine entwickelt wurden. Dieselben waren 
lehr dentlich erhalten, 15 Linien hoch und 17 Linien breit; 11) eine, in deren Nihe 
liegende, in Fettwacha eingehüllte, braungelbliche, schmierige Masse, auf einem dünnen 
Hiutehen aufliegend, die, dem deutlich wahrnehmbaren Geruch nach, für Kindspech 
erklärt wurde; 12) ein Oberarmbein, 2$ Zoll lang, an seinem unteren Ende % Zoll, an 
auDeffl oberen i Zoll breit; beim Abschaben Hess sich daran noch ein braunrothes. 
Bukelartiges Gefüge wahrnehmen; 13) das linke Schlüsselbein, 25 Linien lang, von 
festem Gefüge; 14) das Unke Schulterblatt, 16 Linien lang, 1 Zoll in seinem grössten 
breiten Durchmesser, das Acromion ragte 2 Linien hervor; 15) ein Fragment yom 
rechten Schulterblatt mit deutlicher Gr&the; 16) zwölf Rippen, woyou die kleinste 2, 
die groaste 2i ZoU lang, von hartem Gefüge und starker Biegung; 17) beide Ober- 
scheokel, resp. S Zoll lang, am Pfannenende k Zoll dick, in der Mitte i Zoll im Durch- 
messer, am Knieende I^ZoU breit, von hartem Gefüge*); 18) zwei Schien- und zwei 
Wadenbeine, jedes Schienbein 2\ Zoll lang, an ihrem obem Ende i, an ihrem unteren 
\ Zoll breit, in der Mitte des Körpers 3 Linien breit; beide Wadenbeine genau 2^ Zoll 
lang, am oberen Ende 2\ Linien, am unteren 3 Linien breit. — Nach diesem Befunde 
gab ich mein Gutachten dahin ab: ,1) dass die untersuchten Knochen einem mensch- 
lichen Kinde^ angehört haben; 2) dass ihre Gonfiguration, Beschaffenheit und Dimensio- 
nen beweisen, dass das Kind jedenfalls das Alter der Lebensfähigkeit er- 
reicht hatte und höchst wahrscheinlich ein vollständig ausgetragenes gewesen 
sei; 3) daas aber das Leben desselben in oder nach der Geburt sich gar nichts auch 
nnr mit einiger Wahrscheinlichkeit bestimmen lasse, und 4) dass das Kind wahrschein- 
lich nicfat länger als ein bis anderthalb Jahre in der Erde gelegen habe.^ (Vergl. 
oben i 20.) 

64. Fan. Ausgrabung nach vier Wochen zur Feststellung der Todes- 
ursache. 

Ein drittehalb Jahre altes Mädchen war vor vier Wochen von einem Omnibus über- 
gefahren worden, und nach 24 stündiger Behandlung im Krankenhause gestorben. 
Die magegrabene Leiche fand sich (wie gewöhnlich) mit Schimmel auf Kopf, Brust und 
Oberaztremitäten bedeckt Die Nase war zerstört, die Augäpfel schwarz und hervorge- 
trieben, die Farbe des Körpers schmutzig- livide-bräunlich, die Epidermis abgelöst Von 
der unteren Gommissur der Vagina erstreckte sich ein zolllanger Einriss mit theils 
scharfen, theils zackigen Rändern in's Mittelfleisch hinein und bis in die hintere Wand 
des Bauchfells. Die linke Krenzdarmbeinverbindung war getrennt, die rechte nicht, 
hmerlich waren alle Organe bereits im höchsten Grade verwest Nach der Krankenge- 
sdudite hatte das Kind aus der grossen Wunde sehr viel Blut verloren, und war ver- 
Uatet und erschöpft gestorben. Die Todesursache konnte sonach an der ausgegrabenen 
Leiche noch mit Leichtigkeit festgestellt werden. 



^ Die Entdeckung des KnochenkeAis in der Oberschenkelepiphyse (§. 97. spec. 
TU.) war damals noch nicht gemacht. Dessen Ermittelung wäre hier von grosser Wich- 
tigkeit gewesen. 



l'Jf) §. 31. S[Mtc Obduetior.ciL <0 An ao^gej^rabnen Leichen. 55. u. 56. F»ll. 



u PalL Bestimmung des Alters einer schon anfangend Terseiften 

Frucht 

Ais merkwürdiger Beleg dafür, wie sehr früh schon ausnahmsweise sich die Lei* 
<:i<»nTeF«eifang zu bilden beginnen könne, diene dieser Fall Die unTerebelichte L. hatte 
K^ixli.h geboren und das Kind beseitigt. Sie räumte ein, schon früher einmal, und 
dann auch jetzt, d. h. Tor etwa drei Wochen, ein Kind geboren zu haben, was 
jedodi nicht älter, als drei bis Tier Monate gewesen sei. Ich hatte die Wahrheit dieser 
Atissage durch Exploration der L. festzustellen. Die Brüste zeigten noch Tropfen einer 
f^etten Milch. Die bekannte mnzlich - fleckigte Beschaffenheit der Bauchhaut konnte för 
die Torlie^ende Frage nichts beweisen. Von Lochien fand sich noch eine schwache An- 
deutane. aber der Muttermund, welcher Einrisse hatte, war noch jetzt ton der Grösse 
eir.es Silbergroscheos geöffnet. Nach diesem Befunde musste ich urtheilen, dass die L. 
allerdings vor einigen Wochen geboren habe, dass aber aus der fetten Beschaffenheit 
der Milch und aus der noch jetzt nicht TÖllig erfolgten Schliessung des Os uteri mit 
höchster Wahrscheinlichkeit zu folgern sei, dass das geborene Kind mehr als nur vier 
Monate alt gewesen sein müsse. Kurze Zeit darauf wurde das Kind in der feuchten 
Kellererde yerscharrt gefunden, in welcher es in einer Kattunschürze eingewickelt 
gelegen hatte, und uns zur Obdaction übergeben. Es war bereits sehr verwest und an 
den Extremitäten, namentlich am rechten Vorderarm und Oberschenkel, hatte die Fett- 
wachsbildung begonnen. Alle Höhlen waren offen, die auseinandergefallenen Schädel- 
knochen lagen neben der laiche, das Gehirn war au<;geflossen. Aber .nach der Be- 
schaffenheit der wohl erhaltenen linken Ober- und Unterextremität, welche letztere acht 
Zoll lang und noch sehr fett und gerundet war, nach dem Gewichte der Fracht, das 
trotz der Verwesung, dafür aber mit der anklebenden Erde, noch sieben Pfund betrag, 
nach der Länge endlich, die, so weit sie noch festzustellen war, annähernd noch neun- 
zehn Zoll betrag, musste ich urtheilen, dass die Frucht gewiss über vier Monate alt, 
und dass sie höchst wahrscheinlich sogar reif, oder wenigstens der Reife nahe gewesen 
sei So wurde durch den Leichenbefund auch unser Urtheil über die Untersuchung der 
Mutter bestätigt 

56. Fall. Dreimalige Ausgrabung einer Leiche zu verschiedenen 

Zwecken. 

Einer der denkwürdigsten Criminal rechtsfalle der neuem Zeit, der auch für die ge- 
richtliche Medicin an Interesse seines Gleichen sucht, war die Untersuchung gegen den 
Raubmörder Schall wegen Ermordung seines Genossen, eines Viehhändlers Sber- 
mann*). Unter anderm ist in diesem Falle eine dreimalige Ausgrabung der Leiche 
des Ermordeten vorgekommen, wie es vielleicht noch niemals vorher der Fall gewesen 
ist, weil die Identität des Ermordeten lange durchaus nicht festgestellt werden konnte. 
Die erste Ausgrabung geschah neun Tage nach der Obduction, weil eine fremde Person 
behauptete, ihr Mann werde vermisst, und sie vermuthe ihn in der Person des Ermor- 
deten. In der Tbat behauptete sie, die Leiche wieder zu erkennen, das Ganze hat sich 
indess später als Betrug oder Täuschung erwiesen. Zum zweitenmal wurde der Korper 
fünf Monate nach dem Tode ausgegraben, um zu ermitteln, ob sich Tätowirungen am 
Arme vorfänden, welche £b ermann gehabt hatte, und auf welche in diesem Stadion 



*) s. den Fall in der Vierteljahrsschr. I. S. 274 u. ff. 



§. 31. Späte Obdnctionen. c) An aosgegrabnea Leichen. 57, Fall. 121 

der Untersachong das allererheblichste Gewicht gelegt werden musste. Die Verwesung 
wir aber jetzt natärlicfa so weit Torgeschritten, dass Tätowirongsmarken gar nicht mehr 
emittelt werden konnten. Die dritte Ausgrabung des blossen (beim Morde abgeschnitten 
gewesenen) Kopfes wurde zwei und ein Viertel Jahr nach der Beerdigung yorgenommen, 
weil die Geliebte des immer noch in seiner Person zweifelhaften Ermordeten mit der 
Behaaptong auftrat, dass ihr Geliebter so eigenthümliche Zähne gehabt habe, dass sie 
flm sofort daran wiedererkennen würde. Diese (zerschossenen) Kopf knochen hatten wir 
spater zu untersuchen. Ob, wie gefragt wurde, der tödtliche Schuss von hinter dem 
liskeaOhre her in den Kopf eingedrungen gewesen? Hess sich natürlich auch nicht mit 
einiger Wahrscheinlichkeit in diesem Schädel feststellen, welcher Ton dem, aus einer 
Doppelflinte eingedrungenen Sehuss ganz und gar zerschmettert, und an welchem in 
Beinern jetzigen Zustande nach der Ausgrabung nicht einmal mehr eine Spur einer 
Scbossöffnung wahrzunehmen war, da vielmehr der Schädel nur in einzelnen zerbroche- 
nen Knochenstncken vorlag. Dagegen war der Unterkiefer frisch, d. h. ganz rein ske- 
lettiit, noch gelb und fest (nicht weissgelblich und locker, wie die Knochen später wer- 
den), und enthielt seine vollständigen sehr schönen Zähne. Merkwürdig genug hatte 
sieh im Kiim noch ein Stückchen vom rothen Kinnbart erhalten , der mit den ange- 
trockneten Hautbedeckungen auf dem sonst nackten Schädel aufsass. Es wurden nur 
diese Zähne mit der eigenthümlichen Aufforderung vorgelegt, mich darüber zu erklären, 
ob dieselben wohl eine Aehnlichkeit mit den Zähnen des mir vorgestellten Bruders des 
angeblich ermordeten Viehhändlers hätten?! Ich erklärte, dass eine Aehnlichkeit l^eider 
Zahnreihen allerdings vorhanden sei, dass ich daraus aber auf keinerlei Weise eine 
Schiassfolgerung ziehen könne. Der Fall gab eine ganze Reihe von Beweisen dafür, 
welche ganz eigenthümliche Fragen dem Gericbtsarzte zur Beantwortung vorgelegt wer- 
den*). 

07. Fan. Feststellung der Identität an einer nach elf Jahren ausge- 
grabenen Leiche. 

Ein gewiss seltsamer Fall! Am 20. Mai 1848 war die verehelichte V. nach zwei- 
tägigen Leibschmerzen und Erbrechen gestorben und beerdigt worden. Obgleich miss- 
iiebige Gerüchte über den Todesfall verbreitet wurden, so blieb doch die Sache uner- 
ortert, bis elf Jahre später der Verdacht der Vergiftung, und zwar gegen den Ehemann 
der Verstorbenen und dessen zweite Frau, so viel Consistenz gewann, dass eine Aus- 
r^img verfügt wurde. In dem uns am 30. März 1859 vorgestellten Sarge von Fich- 
tenholz befanden sich in der Rückenlage die deutlichen Ueberreste eines menschlichen 
Skeletts. Die gerichtliche Vorfrage war nun zunächst natürlich die nach der Identität 
dieses Skeletts mit dem der verehel. V. Die anwesenden Verwandten gaben in dieser 
Beziehung namentlich die Farbe der Haare der Denata und den Umstand an, dass sie 
in Oberkiefer vier künstliche, durch eine Goldfeder verbundene Schneidezähne ge- 
tragen habe. Die angegebene Bekleidung bei der Beerdigung war unerheblich, da keire 
Spnr derselben mehr vorhanden war, mit Ausnahme eines Restes von Strümpfen. Der 
Baig war nämlich ganz zerfallen und mit Sand ausgefüllt, worin auch noch Hobelspäne, 
vegetabilische Substanzen, anscheinend Lorbeerbläten und Zweige einer Conifere (Thuja) 
erkannt werden kormten. Beim Versuch, den Körper herauszunehmen, löste sich so- 
gleich der Schädel ab, auf welchem sich wohlerbaltens, hellblond - röthliche Haare, die 



*) Die Geliebte des ermordeten Ebermann — denn Er war es gewesen — re- 
<^oseirte die Zähne beim ersten Anblick. 



122 §.31. Späte Obductionen. c) An ausgegrabnen Leichen. 57. Fall. 

sehr leicht abzuziehen waren, fanden. Die Verwandten schwankten aber, die Haar- 
farbe zu recognosciren , und behaupteten, dieselbe mnsse sich in der langen Zeit 
in der Erde verändert haben, was als nicht unmöglich anerkannt werden muasle. 
Bei dem Herausgraben des Sch&dels aber aus dem Sande fiel mit dem Oberkiefer der 
Theil eines könstllchen Gebisses, bestehend aus Tier Schneidezähnen, die mit einer Gold- 
feder an einander befestigt waren, herab, welcher Gebisstheil sofort mit aller Bestimmt- 
heit von den Verwandten als der der Verstorbenen anerkannt wurde! Im OberkiefeT 
befanden sich noch zwei feste Backzähne. Der Gehirn war spurlos verschwunden, der 
Schädel völlig unverletzt Im ebenfalls freiwillig abgelösten Unterkiefer steckten icht 
Zähne. Alle Theile der Leiche waren vollständig geruchlos. Die Reste der Ober- und 
Untereztremitäten zeigten die Knochen mit einer dünnen, feucht schmierigen, gerocb- 
losen, schwarzbraunen Hasse überzogen. Nach Ausgrabung des Sandes aas der Brust- 
höhle wurde vergeblich nach Spuren der Brusteingeweide geforscht, und beim Empor- 
heben der Brust fielen alle ihre Knochen auseinander. Auch in der Bauchhöhle fand 
sich keine Spur eines Weichorgans. Die Becken-, Hand- und Fussknochen fielen gieiek- 
falls bei der Berührung auseinander. Kein einziger Knochen zeigte eine Spur einer 
etwanigen Verletzung. Die Reste von jener schmierigen Huskelsubstanz , und Haot- 
fetzen, so wie Rippenknochen und Sand aus dem Sarge wurden zur chemischen Unter- 
suchung bei Seite gestellt Wie auffallend - seltsame Ergebnisse diese geliefert, werde 
ich bei anderer Gelegenheit, auf diesen eigenthümlichen Fall zurückkommend, mittheüeD. 



Dritter Abschnitt. 



Art der Obduction, 



Gesetzliche Bestimmungen. 

|. IM. d«r Pr. Crloüiial-OrdDiiug schrieb vor, dMt mit d«r AaftchD«ldnng des Leichoamt Ton Selbtt- 
■&dcni Toneliriftainiaaig, d. h. dareb ToUBtlndlg« Obdaction, Terfahran werden tolle. Die Ceblneti- 
Ordre vom 4. Deeember 1834 ioderte Je4ocb diete Beiümmang dahin ab: «dase die Obduction der Leieh- 
umt der SetbetmSrder nicht mehr erforderlich , wenn der Selbstmord erwiesen worden oder ans den 
Castiadea klar erhellt.* 

Pr. Crii^inal- Ordnung f. 166. Wird aber glaubwürdig nachgewiesen, dass die T5dtung nicht 
'arck Selbstmord, eoedem durch einen Zufall, oder durch irgend eine Begebenheit bewirkt ist, bei wel- 
Atf die Schuld eine« Dritten nicht zum Grunde Hegt, so bedarf es einer blossen äussern Besichtigung. 

f. 157. Ist der todte Körper ein neogebornes Kind (d.h. im Sinne der Criminal- Ordnung ein un- 
tkdSehce Kind, welehes todt aar Welt gekommen, oder binnen 34 Stunden nach der Geburt verstorben, 
vesa bei der Entbindung weder eine Hebamme noch eine andere ehrbare Frau gegenw&rtig gewesen), 
oder entsteht hei der iassern Besichtigung desselben der geringste Verdacht, dass der Tod durch Ver- 
{tfkoag bewirkt worden, oder ist der auf irgend eine andere Art gewaltsam erfolgte Tod durch Schuld 
siaei Dritten, auch nur wahrscheinlich erfolgt, so muss die Seetion durch Sachyerst&ndige im Beisein 
des Jnstis - B«dleotca und blem&ehst die Binseadnng der Akten an das Ober -Gericht (Jetst an das be- 
tTtlaade requirirende Gericht) geschehen. 

f> U9. Wenn die Gerichtsperion. welche die Obduction dirigirt, mit dem Fhysious oder dessen 
StaUTCftreter dar&b«r Terschiedener Meinung ist, ob es der Seetion bedürfe, so muss diese geschehen, 
v«Ba uch nur einer dafür stimmt. 

§. 160. Die Stelle des ordentlichen Pbysikus kann im Nothfalle durch einen Regiments- oder Ba- 
taüloBs-Chirurgv« oder durch einen besonders su yereidlgenden Arit ersetit werden, die Stelle des Wund- 
«ntei kann ein «weiter Ant Tertreten *). 

{. ICl. Vor der Obduction muss der Richter suvorderst dafür sorgen, dass die Leiche denen, die 
dea Tcrstorbnen gekannt haben, und wo möglich dem Tcrmutheten oder gestandigen Thater sum An- 
tckeaamiss vorgelegt werde. Sollte dieses nicht möglich sein, so hat der Richter sich auf alle Art sn 
^t^gewissera, duM in Absicht der Leiche weder eine Verwechslung noch ein Irrthnm vorgefallen sei. 

{• 162. Alidaan muss er die SachverstSndigen auffordern, die Besichtigung des Leichnams vorsu- 
■dunea, um deesoa Beschaffenheit sowohl, als die an demselben befindlichen Eussern Verleitungen nach 
ikrer Lage, GrSeae und Tiefe geubu su bemerken. Die äachverst&odlgen infissen Jedusmai mit ihrem 
Getarfatea aber die Werkzeuge, mit welchen die Verletsangen beigebracht sein können, gehört, es müssen 
ikaea die etwa vorgerundenen Werlueuge vorgelegt und sie darüber vernommen werden, ob durch diese 
die Verletzaageo haben herbeigeführt werden können , und ob aus der Lage und Grösse der Wunden ein 
kUass an/ die Art, wie der Thiter wahrscheinlich verfahren habe, und auf dessen Absicht and körper- 
Hcfeea Kräfte gemacht werden köone ? 



*) s, Bd. L 8. 9. 



124 Art der Obduction. Gesetzliche Bestimmungen. 

{. IßS. Bei Körpern, die au4 dem Wa«9er gesogen, »rblagt odtr bei starkem Froet« Im Prelea o4tr 
im Kohlendampf todt K«faadeD worden, mati die UnUrtarbqng der SacbTerttfiadlgea törgfSldg danai 
gerichtet werden , ob die« mach die wirkliebe Todesursache gewesen , oder ob der todte K5rper la dies* 
Lage gcbraotat worden, nacbdem der Tod schon aaf andere Art erfolgt war. 

§. 164. Zu einer Tollst&ndigen Obdnction gebort die ErSffnnng des Kopfa, der Brust «od des Oaur- 
leibs and die BsBicbtlgvng der rorsn^licbsten Blo^^ewelde and anderer Theile des Körpers, ders» Ter« 
let/ung Ton erbebliebem Binfliiis sein kann. 

(. 165. Wenn gleich in irgend einem Theile des Körpers die Kennseiehea der gewaltsamen Todssart 
▼on den Sacbverstindigen mit Zuversicht entdeckt worden, so mnss dennoeh die weitere SrÖffaoaf der 
drei Hoblangen des Körpern geschehn. 

§. 166. Bei neugeborneu Kindern muss die LnuKenprobe vorgenommen und TorififUch nach altee 
denjenigen Merkmalen i^cfnrscbt werden, die das Urtbeil des AncteSf ob das Kind todt oder lebendig, rell- 
st&ndig oder unToliständig inr Welt ;;ekommen sei, bestimmen können. 

§. 167. Ist Verdacht vorhanden, das« der Verstorbene durch Oift ams Leben gekommen sei, so OMSsea 
von dem A,rtte <iie etwa gefundenen Ueberbleibiel des» yermelntjichen Giftes, ao wie die in dem Magca 
nnd Rpeisekanal angetroffenen Terdä«>htigen Substansen nach chemischen Qrunds&tsen gepraft werden, wo- 
bei Jedoch Tom Richter mit Kcösster Sorgfalt dabin su sehen ist, dass die tu uatertncbeBden /esisa aa4 
flüssigen Körper nicht Tertan:irbt oder yerwecbselt werden, sondern deren Identitit ausser Zweifel g««etst 
sei. Zu diesem Bude müssen, wenn der chemische Procesa nicht in Gegenwart des Bichters abgemsekt 
werden kann, den beiden Sachverstandigen diese Substansen versiegelt, mittelst gerlchtUehea PretokeUi 
übergeben, nnd in eben der A,rt tnrQekgeliefert werden. 

f. 168. Ueber die ganse Handlang der Obiuetion nimmt der Bichter ein volletindigcs Protokoll auf, 
worin umstindlich bemerkt werden muss, was nach den obigen Vorschriften ge«cbehu ist Der Eiebter 
muss jeden wesentlichen Schritt der Saebverstindigen In dem Protokoll besengea, sich dabei dasj^sige, 
was durch die iusseru Sinne wahrgenommen werden kann, voraelgen lassen, ausser dem Thatbeataade das 
Resultat der Obduction unl das Gutachten der Saehverstiadigen Im Allgeueiaea sn Protokoll briagsa, 
die Gründe des Gutachtern aber dem Obductionsberichte vorbehalten, und das Protokoll tob Ihaea naier- 
schreiben lassen. 

f. 169. Die Sachverständigen müssen einen vollständigen Obdnetioosberlcht abfaseea, darin die Be* 
Sehreibungen der Innern und iussern Verlettungeo, der Beschaffenheit der Lebensorgane und des Körpen 
fiberhaupt, bei neugeborneu Kindern die Wahrnehmungen über die Reife des Körpers nnd ftbar das Lebea 
des Kindes nach oder in der Geburt aufnehmen, und ihr Gutachten über die TÖdtlichkeit der Verlelsaage« 
nnd die Ursache des Todes beifügen, besonders aber folgende drei Fragen gans bestimmt beantwectaa, 
oder die Grunde, ans welchen es nicht geschehn kann, angeben: 

1) ob die Verletxung so beschaffen sei, dass sie unbedingt und uoter allen Umstftndea in dem IHer 
des Verletaten für sich allein den Tod tur Folge haben müsse; 

3) ob die Verletsung in dem Alter des Verletaten nach dessen indlvldasllcr Besehaffeaheit für «ich 
allein den Tod cur Folge haben raßsse; 

3) ob sie in dem Alter dos Verletaten entweder ans dem Mangel eines anr Heilaag erforderllebea 
Umstandes (Acciilem) oder durch Zutritt einer inssern SchEdllebkeit den Tod aar Folge gehabt 
habe? 

Wenn eine dieser Fragen in dem Obdoetlonsberichte nicht gant bestimmt entschiedea, oder varva 
solches nicht angebe, «us^eführt wird, muss der Richter auf eine nacbtrigllohe BrkUmag der Obdoceaita 
dnrüber bestehn. *) 

§. 170. Dieser Obductionsbericht muss von den Obdncenten unterschrieben, und wenn ein Pbysieee 
die Obdnction mit vor;;enommen hat, mit dem ihm beigelegten öffeutlichen Siegel verseha sein. 

{. 171. Die Uoterlsssung dieser Vorschrift {. 170 , wenn sonst kein Zweifel darüber obwaltet, dass 
der Bericht von denjenigen qualificirten Sacbverst&ndigen , welche die Obdnction vorgenommen, erstattot 
worden, hat auf die Bcurtheiluug der Sache selbst keinen Rinflns^, sondern mird nur an dea^eaigsa ge- 
rügt, der sieh derselben schuldig gemacht bat. 

§. 172. Wenn der Inhalt des Obductionsberlohts von dem Inhalt des Obdnetioasprotokolls in veseal 
liehen Punkten abweicht, so müssen die Sachverstandigen von dem Richter su einer sehrifkllehea »der 
mündlichen Angabe der Gründe dieser Abweichungen aufgefordert werden. 

Cireular-Rescrlpt des Königl. Hinisterii des Innern vom 38. Januar 1817. Jeder ge- 
richtliche Woodarst und Kreiflchirurgos muss voa Amtswegen sur Verrirbtnag der Obduetloa folgerd« 
Bections-Instmmente In gu'er nnd tadelloser Beschaffenheit stets eigontbümllch besltseo: 4 bis 6 Skalpetla. 
davon 3 mit grader, die übrigen mit bauchiger Schneide; 1 Srbeerme<iser ; 3 starke Kaorpelmesser, dsvoa 
eins Bweisehneidig ist; 3Piocetten; 1 Pineette mit einem Haken verbunden: 3 elafaehe Hakeai 1 Doppel- 



*) Die BeaatwortunK dieser drei T.ethalitatsfratcen f&ilt schon nach dem BrschHnen des Strateeseta- 
bnchs von 18S1 und d'-g .Regulativs" von 1858, das hier folgt, fort, um so mehr nach dem Jetit gältl|ea 
Morddeutschea Btrafgesetsbuch. 



Art der Obduction. Qesetzliche Bestimmungen. ] 25 

i; > 8elM«rtn, tliM grad«, die Tora «In KqSpfchen bat oder ohne KnÖpfehen nlcbt epittig, sondern 
dAM ein» knam« oder Rlehter'tehe; 1 Tabvlas; 9 Sonden; 1 Sfige; I Meissel mit Schllgel; 
Ikraane Nadeln too Ter«ehl«deB«r Graste; 1 Testereirkel ; 1 Zollaub. Eben eo mneeen die Physiker 
n gldekea Sveek 1 ZoUetab, 1 iOa*t1rtea Mensarirgefise , 1 ejastlrt« Waage mit 10 Pfnad Gewichten 
kikn. Die Kte^^- Begiernng hat biernacb in Terffigen, und dahin in sehn, dass demgemiss geschehe *). 



Samatüehe beetebend« gesetzliebe Vorschrifkea sind sasammengestellt in dem, von der KSnigl. wie 
leasehaftliehen DepnutSon lir das Medieinalwesen nnter dem 15. November 1858 Terfassten und dureh 
das Mmisterial-Hcseript vom L Deeember 18SS als allgemein Terbindlich anerkannten and pnblicirten: 

BtgalatiT för das Verfahren der Gertebts Erste bei den m edielnisch -gerieht- 
liebes Untersoehangen menschlicher Leichname. I. Allgemeine Bestimmungen. 
). L GcrIebtsintUche Besichtigungen und Oeffnnngen von menschlieben Leichen dürfen nur auf Requi- 
ritba der betreffenden richterlieben Behörden und letttere nur im Beisein des vollst&ndig beseuten Crl- 
Blstigeriebts Toryeaommen werden. 

f 2. Di« betreffenden Physiker sind verpflichtet, Jede ihnen übertragene legale Besichtigung einer 
L«l«b« selbst vorsanehmen, eben so Jede ihnen übertritgene Oeffonog einer Leiche in Gemeinschaft mit 
4«n gerichtlichen Wandarite anssnführen, und dürfen »ich nur In den gesetzlichen Behindernngsf allen 
darcb eisen anderen Phjsicas oder Artt vertreten lassen. 

i S. Vor Al>laaf von 24 Standen nach dem Tode, vorausgesetzt, dass die Zeit desselben bekannt 
«iT> dvrfcn gerichtliche Obduetionen in der Regel nicht vorgenommen werden. Die blosse Besichtigung 
■istf Leiebe kann Jedoch sehon fr&her geschebn. 

I. 4, Wegen vorhandener Fanintss dürfen Obduetionen in der Regel nicht unterlassea und von deu 
gerichtlichen Aersten abgelehnt werden. Denn selbst bei einem hohen Grade der F&ulniss können Abnor- 
sitixen nd Yerletanagen der Knochen noch ermittelt« manche, die noch sweifelhaft gebliebene Identitkl 
der Leiche betreffenden Moment«, s. B. Farbe und Beschaffenheit der Haare, Mangel von Gliedmaaflsen 
a.i,w. festgestellt, eingedrungene fremde Korper aufgefunden, Schwangerschaften entdeckt und manche 
Vergiftangea noch nachgewiesen werden. Bs haben deshalb auch die requirirten Aerate, wenn es sich 
lar Sinlttlong derartiger Momente um die Wiederausgrabung einer Leiche handelt, für dieselbe an stim- 
taea, ohne RueJuicht anf die seit dem Tode verstrichene Zeit. 

{. S. Di« gerichtliehen Aerzte haben dafür za sorgen , dass , bei Jeder Obduction die erforderlichen 
Isstreaent« voUstindig und in branchbarem Zustande zur Hand sind. Die gerichtlichen Wundärzte haben 
iberdies noeh die Verpflichtung, nach beendigter Obduction nnd möglichster Beseitigung der Abginge die 
fciffaet gewesenen Körp«rhöhlen kunstgemass wieder zu schliessen. 

f C. BehnCs der Obdnction ist für B«schafl'ung ein«s hinreichend geräumigen nnd bellen Lokals, an- 
pneseen« Lagerang des Leichnams nnd Entfernung störender Umgebung mögliebst zu sorgen. Obductio- 
sea bei k&nstUehem Lieht sind, einzelne, keinen Aufschub gestattende Falle ausgenommen, nnsnl&ssig. 
Di« Aosnaha« ist im Protokoll (f. 19.) unter Anführung der Grunde ausdrücklich au erwähnen. 

n. Verfahren bei der Obduction. §. 7. Ss kann erforderlieh sein, zuvörderst den Ort und 
dift üaigebQng«n, wo der L«ichnam aufgefunden worden ist, aueh ärztlicher Seite in Augenschein zu neh- 
■ca, die Lsg«, tn d«r der Leichnam gefunden worden, sa ermitteln, und dessen Bekleidungsstück« zu 
besiektifoau In d«r Regel werden awar die Obducenten eine hierauf beaügliebe richterliche Requisition 
fthvsnea können ; doch kann es nnter ümstftoden aueh angemessen sein, dass die Obducenten bei Zeiten 
laf die Nothwcadigkeit einer solchen Voruntersuchung aufmerksam machen. Dieselben sind auch bereeb- 
ligt, über ander« als dl« hier bezeichneten Umstünde des Todes des Verstorbnen, wenn und so weit der- 
Cicicben znr Zeit d«r Obduction bereits ermittelt sind, sieh Anfscbluss von der anwesenden Gerichts- 
tiepatatioa zn erbitten. 

i 8. Zeigen «ich an d«m Leichnam Verletzungen, welche muthmaasslich die Ursache dea Todes ge- 
wesen, und haben sich Werkseuge vorgefunden, mit denen diese Verletsongen bewirkt sein konnten, so 
hsbca die Obducenten anf Erfordom des Richter» Jene mit diesen su vergleichen, und sich darüber au 
iaciera, ob dies« V«rl«tBnngen mit diesem Werltzonge zu bewirken gewesen, und ob aus der Lage und 
Beschaffenheit der Wnsd« «in Schluss anf di« Art, wie der Thater wahrsehtinlich, und auf die Kraft, 
«it §tt er verfahren, gemacht werden könne. 

i 9. Die Obdnction serfiilt in zwei Hanpttheile: 

A. ünsscr« Besiehtignng (Inspection), 

B. inner« B««ichtignng (Seetion). 

|. 10. Bei der inoeeni Besichtigung ist die änssere Beschaffenheit des Körpers im Allgemeinen und 
<U selaer «inaelnea Theil« zu nBt«rsnch«n. 

B«cz«iead dea Körper im Allgemeinen sind su beachten: Alter, Geschlecht, Grösse, Körperbau, all- 



T,;L die weitern hierher gehörigen gesetaliohen Bestimmungen im §. 52. 



12G Art der Obduction. Gesetzliche BestimmuDgen. 

g«mein«r Ern&hrnngtsastand, b«ioDd«r« AbnormitilteD, •. B. Narb«B, T&towiruog«n, U«b«nuhl oder Muftl 
an Oliedmaattto, KrankbeiUrealdnen, ivl« Fnssgaschwär« o. dgl., welche simmUicbe Momente, Baamitlkk 
bei Leichen noch anb«kannter Yerctorbner, in reglstriren sind (§. 21.)> Ferner eiad bei allen Leicbn 
ohne Ansnahme die Zeichen des Todes und die der etva schon eingetretenen Yerveeaag gaaaa ta prafea. 
Zu diesem Behaf mossen, nachdem etwanige Besndeinngen der Leiche darch Blat, Koch, Bchnnts a.d|l. 
darch Abwaschen beseitigt worden, gepräft werden: die Torhandene o<ler nicht Torhandeae Lelclieattarrt, 
die aUgemelne Hautfarbe der Leiche nnd Art nnd Orade der etwanigen Verfirbongen eiaselaer Thsil« 
derselben durch die Verwesung, so wie die Art nnd Beschaffenheit der TodtenHeeke , welche darch Eia- 
schnitte als solche festsusteilen sind, um Jede Verwerh'^lnng derselben mit Blatanterlanfongea aamfigUch 
an machen. 

Betreffend die Besichtigung der einielnen Theile ist Folgendes su beachten: Bei nnbekaantca Lciches 
die Farbe der Haare und Augen, deren Schilderung es bei Leichen bv kannter Personen ia der Begel aiehl 
bedarf; das etwanige Vorhandensein von fremden Gegenständen in den natfirlichen Oeffjsnngea des Kör- 
pers, die Zahnreihen nnd die Beschaffenheit nnd Lage der Zunge. 

Demn&chst sind su untersnchen: der Hals, dann die Brust, der Unterleib, die Rnckenfliehe, der After, 
die Genitalien nnd endlich die EztremitSten. Findet sieh an irgend einem Theile eine Verletsaag, so ist 
ihre allgemeine Gestalt, ihre Lage nnd Richtung mit Beiiefanng auf feste Punkte des KSrpers, ferner Ihrt 
L&nge und Breite nach rheinlandiscben Zollen antngeben; das Bondiren von Contlnnit&iatraaaaagea bei 
der aussera Besichtigung iit in der Regel überflüssig, da sich die Tiefe derseil>en bei der Innern Besieh- 
tignng des Körpere nnd der rerletsten Stellen ergiebt Halten die Obdncenten die Torsiehtig« Bialabraait 
der Soade für erforderlich, so haben s^ die Gründe für ihr Verfahren im Protokoll ({. 19.) aangebee» 
Bei Torgefundnen Wunden ist ferner die Beschaffenheit ihrer Rinder nnd Umgebungen an berncksichllgee 
nnd nach erfolgter Untersuchung und Schilderung der ursprünglichen Wunde dieselbe tn erweitern, an 
die innere Beschaffenheit ihrer Rinder und des Unterhautcellgewebes au prüfen. 

Bei Verietsnngen nnd Beschidignngen der Leiche, die gaos augenscheinlich einen nicht mit dem Tods 
im Zusammenhang stehenden Ursprung haben, a. B. bei Merkmalen von Rettungsvereuchen, Zemagaa|es 
▼on Thieren n. dergl., genügt eine summarische Schilderung dierer Befunde. 

Eben so ist es gestattet, bei Blutunteriaufungen, abgeschilferten Hautstelien n. dergl., die gletehfalli 
augenscheinlich nicht mit dem Tode im Zusammenhang stehn , dieselben ihrer aUgemelnen Geetalt aaek 
mit bekannten Körpern so Tcrgleichen, s. B. einem Geldstück, einer Frucht u. dergt 

§. 11. Bei der Innern Besichrignng sind die drei Hanpthoblen des Körpers: Kopf-, Brnst- sndBaaeh» 
hohle, sa eröffnen. In allen Fallen, in welchen Ton der Eröffnung der Wirbelsiule Irgend erbeblicke Be> 
fände erwartet werden können, Ist üieselbe nicht an unierlassen. In Jeder der genannten HÖhlea sind ta> 
erst die Lage der in ihr befindlichen Organe, sodann etwa yorhandeoe Brgiessungea ron Flassigkcitea. 
derea Menge nach dem Gewicht so bestimmen, nnd endlich Jedes eintelne Organ iusserllch aad iaaerlici 
an betrachten. Liest sich im Yorans Termuthen, In welcher Höhle sich die Ursache dae Todes fta4so 
werde, so ist mit dieser Höhle der Aofang an machen, sonst aber mit dem Kopfe an baginaea, wersai 
dann Brnst und Unterleib an eröffnen sind. Wegen der Neugebornen s. §. 16. 

§. 12. Die Eröffnung der KopfliÖhle geschieht, wenn nicht etwa Yerletsnngen , die, eo rirl als »Sc» 
lieh, mit dem Messer umgangen werden müssen, ein andres Verfahren gebieten , am beetea mittelst eloei 
Ton elaem Ohr anm andern mitten über den Scheitel hin geführten Schnitts, worauf sodaaa die weiebea 
Kopfbedeckungen naeh Tom nnd hinten herabgeaogen und untersucht vterden Nachdem aladaan die Ober> 
fläche der knöchernen Scbadeldecke geprüft worden, wird letatere durch einen Sagen Krcissehnitt alife- 
nommen, nnd deren Innere Fliehe, so wie die Beschaffenheit der Scbidelknochen aatersacht. Bitraaf 
werdea die biutführenden Gehirnhaute nnd die Spion webenhaut untersucht, sodann durch schlcktweisei 
Abtragen die Halbkugeln, sur Prüfung der Consisteos nnd des BIntrelehthnms des grossen Gehiras, et» 
weniger Ergfisse, eingedrungner fremder Körper n. s. w., ferner die Beschaffenheit der Ventrikel aad rtip 
Adergefleebte, das Verhalten des Gehirnknoten und des Terlingerten Markes, die durch mehrfache Kia- 
schnitte an prüfende Bescbsffenheit des kleinen Gehirns , worauf endlich die Untersnehuag der Schädel- 
grundfl&ebe nnd der BIntieiur folgt. 

§. IS. Zur Eröffnung des Halses, der Brust- nnd Baachhöhle genügt in der Regel ein durch die sii- 
gemelnen Bedeckungen Tom Kinn bis sur Schaambelafunge an der linken Seite des Nabels fortgefUrtcr 
Schnitt. Ba folgt dann aunachst die Untersnchnng des Halses, an welchem namentlich d« r Kehlkopf aeas« 
Luftröhre, der Schlund und die Speiseröhre, die grossen Blutgefässe aad Nerreustämma und die Bslt- 
wlrbel an berücksichtigen sind. Um auch den etwanigen Inhalt der Verawelgnngan der Luftröhre sa 
pr&fea, Ist naeh Eröffnung der letstern nnd der Brusthöhle ein Torslehtiger Draek auf die Laagea aasa- 
ibea aad an beobachten, ob nnd welche Flüssigkeiten n. s. w. dsbei In die Luftröhre hlaaafstelgea Ia 
Fillen, Ia denen eine genauere Untereuchung des Kehlkopfes erheblich erseheint, iat darsalbe hersafea- 
nehmen und an seiner hintern Seite an öffnen. 

Um die Brusthöhle su eröffnen, ist ei am swerkmässigsien, snnichst die Rippenknorpel an Ihren Ver- 
einlgaagsatetlea mit den Rippen, mit Vermeidung Ton Einstichen In die Longen, sa daraehneldea. Bler- 
anf wird das Zwerehfell Ton den untersten Rippen nnd dem •ehwertförralgan Kaor^ gatraaat, das Braat- 
heia nach aaiwiru geschlagen und dessen Handhabe ans der Verbindung mit den SehlAaaalbelasa aad 



Art der Obduction. Gesetzliche Bestimmungen. 127 

4c« KMrptls d«r «ntoi Ripp« — nit torgflUtig^r y«na«ldang der danintar gelegenen Blntgtfisse — ge- 
tomiL Bi vcrdta mmmahr die etwa aooh Torheadae Thymnedrne«, die Langen, die Broncbiea, das 
Blpfembrnetfill, der Henbentel and eein Inhalt, das Heri, daa eo viel als mSglleh ia seiner Lage aa laieea 
iit, nad die groeaea BlatgeOae« aateranelit. 

§. U. Xar Sr5ffnaag der BaochlkSlile wird der bereite gemachte L&ngenichnltt (§. 13.) weiter darch 
die BaachfeU geffthrt. Hieraaf werden die Bauehdecken nach beiden Seiten so aurookgelegt , daea der 
flette Rand der aatera RIppea anf beiden Seiten eich dem Ange darbietet Nach den allgemeinen , Jed«' 
BShIe becrefsndea Brmitteloagen ($. 11.) eind in der Baaehbfihle an nntereacben: Leber, Magen nnd Darm- 
kual, Hecse nad OekrSae, Ulla, Nierea and Hamblaee, bei weibliehen Leieben die Gebirmntter mit ibren 
Aahingaa, die groaaea Blatgefiate; nnd wenn ea nach Lage der Sache eriorderlieh erscheint, daa Baaeh- 
ML Zor genwierB Seliltaaag dee Blatgehalte in der nntem Hohlader lat ea aweckmiselg, Tor der Unter- 
saehaag der Baaehhöhle den Oberkörper der Leiche etwaa h5h«r sa iagers. Um die Qaeile der Blatnng 
ans einem Terlelaten Qe(&aa an ermitteln, kann der Stamm desaetben erSflFaet und mit einem Tubulus 
Lati dageblaaen werden. 

i. IS. Bei Yerdacht «iaer Vergiftang möaaen am den antern Tbell der SpeiaerShre and etwa den 
■IttlefB des Döaadarma doppelte Ligataren gelegt, nad Speiseröhre nnd Lfinadarm awischea den Liga- 
tarn dareheehaitua werdea. Hleraof wird der Uagea mit dem obern Theil des D&nndarms ans der 
■aaehhfthle heraasgenommea, aaeh Torg&ngiger anatomlaeher Unieraachang in ein relnea Gefias von Por- 
saBaa eder Glaa gathaa, nad den Gerichtaperaonen aar weitem Yeranlaaaang nbergebea. In daaaelbe Ge- 
fiaa lat aMh die Speiaeröhr«, aachdem sie nahe am Halae anterbanden, nnd über der Ligatur darch- 
aciahien worden, aaeh Torgiagiger anatomlaeher Unteraoehnng an legen. Endlich aind auch andre Sab- 
nad Orguitheile, wie Blnt, Harn, Stfieke der Leber, der Mila u. a. w. aus der Leiche sa ent- 
nad den Geriehtaperaonea in abgeeonderten Gefaaaen aar weitem Veranlaaanng an fibergebea, 
vtan die Sparen dee Gifte ia dlesea Sabatanaea erwartet werden können.*) 

|. II Bei dea Obdacüonen Neogebonroer sind noch folgende besodre Punkte sa beachten. 

Ea maaaea erateaa die Zeichen der Reife und Lcbenafihigkcit ermittelt werden. Dahin gehören: 
Uage nad Gewicht dee Klatlee, Beeehaffenhelt der allgemeinen Bedeckangen nnd der Mabeleehnur, Länge 
od Beeehateaheit der Kopfhaare, Gröaae der Fontanellen, der Liegen-, Queer- nnd Oiagonal-Durehmeaaer 
des Kepfee, Beaehaffealteit der Aagen (PapUlarmmnbran) , der Naaen- nnd Ohrknorpel, Lfinge und Be- 
■chaSiaheil der Nigel, die Qneerdarehmeaaer der Schaltern und H&ften, bei Knaben die Beaohaffenheit 
dei Hedenaacka nnd die Lag« der Hoden, und bei Mädchen die Beacliairenbeit der äuaaern Oeftchieehta- 
tbeOe. Endlich iat noch der Kaoehenkem ia der nntern Epiphyae einee Oberaohenkela aa ermitteln. Zu 
dkaem Behaf wird die Haatbedeckang über dem Knorpel getrennt, dann die Extremität im Gelenke atark 
l*kofen, die Kaieecheibe eatferat, nnd ann dünne Knorpelacliiehten ao lange abgetragen, bis man auf den 
piealen Darebm«aa«T des etwa Torhandnen Knoehenkerna gelengt, welcher nach Linien genau sa 
■essen lat 

Erfiebt sieb «ae der Beachaffeaheit der Fracht, daai dieaelbe «weifeUoa eine lebensfähige nicht g«- 
«esca, ao kaaa tob der Obdaetioa Abatand genommen werden, wenn dieaelbe von dea Gerichtaperaonen 
ilckt aasdrnckUeh gefordert wird. 

|. 17. Hat sielt ergeben, daas das Kind lebeaafihig gewesen, so mnae aweltena nnteraucht werden, 
•b ea nach der Gebart wirklich gelebt, d. h. geathmct hatte. Ba ist deahalb die Athmenprobe anauatellen, 
•ad an dieaem Zweck: a) ecbon nach Eröffnung der Bauchhöhle der Stand dea Zwerebfella nach der ent 
•pncheadea Rippe an beaehtaa, an deaeen richtiger Ermittelung bei Neugeborneo überall die Bauchhöhle 
saarst oad daaa «rat die Brost nnd Kopfhöhls au eröffnen aind ; b) die Anadebnnng und die ron derael- 
bea abbiagige Lage der Langen (letstere namentlich in Bexiehan;; zum Herabeutel), au betrachten; nun- 
■ehr e) Behufs der Heraasnabme der Brustorgane ans der Brusthöhle der Herabentel tu eröffnen und dio 
LeJkiöhre ela£seh sa aaterbiaden nnd oberhalb der Ligatur sa durehachneiden ; d) nach Berananabme der 
Braatergaae die Lnftrehre nad ihr« Yeraweignngen an eröffnen nnd au unterauchen; aodann e) die Farl>e 
aad die Ceaalateas der Lungen au prüfen; hieraaf f) nach Beaeitigung der TbTmuadrüse die Lunge mit 
den Benea ia eiaem geriomlgea , mit reinem kalten Wasser gef&llten Gefäas auf ihre Schwimmfähigkeit 
te friteai ; aladaaa g) die Lungea tob dem Heraea sa trennen und dieselben abermals aaf ihre Schwimm- 



*) Ea iat swoekmäsaig bei Vermatbaag auf Vergiftung die sur chemlachen Unteranchung auröckge- 
iMhen LeieheaeoBteaU aofort mit absolatela Aleohol au fibergieaaeo, um den Fortachritt der Verwesung 
■shehalu«. Die ehraüaehe Üntersnehaog wird dadurch in keiner Weise beeinträchtigt. Nur fQr die 
^baephortefgiftaag lat daa Verfahren, obwohl nicbt nachtheilig, nicht an empfehlen, weil ea die Unter- 
sarheag dadarch eraehwert, daaa ein iangea DeatiUiren nöthig wird. Hat man diea Verfahren angewendet, 
se Ist jedeafalla dem Chemiker eine Probe dea benutstea Aleohoie mit eiasureiehea , damit aieht später 
dsr Efaswaad erhobea werdea köaae, daas erat duroh diese Manipulation daa Gift in die Contenta gelangt 
Mii (Proecsa Damme -Trümpj, wo dieser Einwand erhoben wurde). Auch ist es empfehlenswerther, die 
die Ceateala eathaitaadea GefSaae mit eiaer Blaae, anstatt, wie es gewöhnlich gescliieht, mit Papier an 



] 28 ^rt der Obduction. Gesetzliche Bestimmungen. 

fUtigkeit ca prüfen; ferner h) in beide Lnngen Binsehiiftte in mieben, and auf etwa «abrsttttehflMnd«» 
knisteradoe Geraaseh, so wie i) aaf Men^e und Beschaffenheit dee bei gelindem Dmek anf lUete SAbHI- 
fl&ehen herTorquell enden Blatee za achten, und k) die Langen auch unterhalb de« Waceereplegelf eiaso- 
•chneiden, am tn beobachten, ob Laftbl&echen ana den Schnittflächen emporetelgen, endlieli I) beide !«■• 
gen tnn&cbBt in ihre einselne Lappen, diese dann noch in einielne Stfickchea sa serseiiaeideB, and eile 
iasgeeamrot aaf Schwimm flhigkeit lu prüfen. 

f. 18. Im Allgemeinen wird den Obdncenten aar Pflicht gemacht, aocb alle in dem Regvlative nickt 
namentlich angeführten Organe, fallt ile an deneelben Verletiangen oder eonittge Regelwldriglieitea fin- 
den, la nntereaehen und den Befand in das Obdnctlonsprotokoll anfsunehmen. 

III. Abfaeaang des Obdnetionsprotokollt and des Obdnetiontberlehts. §. 19. Ueber 
alles die Obduction Betreffende wird an Ort und Stelle von dem Richter ein Protokoll aafgenomiaea. 
(Obdnetioniprotokoll §. 168. der Crimlnal-Ordnnng.) 

§. 80. Beim Erheben der Lelchenbefnnde mausen die Obdncenten überall den riehterlleben Zeeek 
der Leiehenttutersachung und deren Unterschied von einer pathologisch -anatomischen Seetion im Aagf 
behalten, und Alles was Jenem Zwecke dient, mit Genauigkeit und Vollst indigkeit antarsnehen, dagegea 
Aasfübrliebkeit über diese Qrente hinaas rermeiden. Alle erheblichen Befände müssen, bevor sie in des 
Protokoll safgenommen, dem Richter von den Obdaeenten vorgeseiK^ werden. 

§. 21. Der technische Inhalt des Obductionsprotokolls , welchen der die OI>duetion lelteniie Gerlehu- 
arst sngiebt, mass deutlich, bestimmt uud auch dem Michtarsle möglichst bestimmt abgefasst sein. Za 
letzterm Zweck sind namentlich bei der Beseichoung der Befunde fremde Kanstansdr&eke, so viel ei aa- 
beschadet der Deuilicbkeit möglich ist, r.n rermeiden. In dem technischen Theile des Obdaettoasproto- 
kolls sind die beiden Uauptabtheilungen , die äussere und Innere Be^icbtigong, mit grossen Bucbstabea 
(A. and B.), und die Eröffnung der drei Haupthöhlen mit römiitehen Zahlen (I., IL, III.) tu beaeiebaen. 
Ausserdem ist die Untersuchung Jedes einseinen Thcils unter eine besondre, mit arabischen Zahlen tu be- 
aeicbnende Rubrik xn bringen, welche bis lum Schlnss des Protokolls fortlaufen. Mehrere Theile dörfes 
nicht unter Eine Nummer gebracht, Qberhaupt nicht collectiv abgehandelt, und kein Theil darf gaas mit 
Stillschweigen übergangen werden. Die Befunde müssen in thataachlichen Schilderungen, nicht In der 
Form Ton blossen Urtheilen (s. B. .entzündet*, .brandig* u. dgl.) zu Protokoll gegeben werirn. Am 
Schlüsse der Obduction haben die Obdncenten ihr vorliofiges Gutachten über itn Fall sammarUch aad 
ohne Angabe der Gründe aum Protokoll abzugeben 

§. 33. Wtrd von den Obdncenten ein Obdnctions berieht (motivlrtea UnUchten) erfordert, so 
haben sie nach einem gewöhnlichen, geschäftlichen, knrzen Eingang, mit Beseitigung onnütser Formaliea, 
eine kurze Geachichtsersählung des Falls , wenn nnd so weit sie dureh Kenntnissnahm« der biaherlfsa 
Verhandlungen dazu im Stande sind, voransusehlcktn. Sodann haben sie in diesen Bericht das Obdae- 
tlonsprotokoU, seinem, für die Beartheilung der Sache weasntüchem Inhalte nach wörtlich nad mit dea 
Kammern des Protokolls aufzunehmen, auch auf etwanige Abweichungen von demeelben anadraclüieh auf- 
merksam so machen. Die Fassung des ObJuctionsberichts mnss gleichfalls bündig nnd dentUch sein, nad 
die Begründung des Gutachtens So entwickelt werden, dass sie auch für den Nichtarat oberzeagend ist 
Wenn den Obducenten für ihre Begutachtung richterlicherselis bestimmte Fragen vorgelegt werden, so 
haben sie dieselben vollständig nnd möglichst wörtlich zu beantworten oder die Gründe ansuführeo, aas 
welchen dies nicht möglich gewesen. Einer Beantwortung der drei Fragen des §. 169. der Crüntn«l'Ord- 
nung, resp. der vier Fragen des für die Rhelnprovinsen erlassenen Hlnlsterial-Rescrlpts vom 1 S. Mai 18U, 
betreffend den Tod durch Verletzungen, bedarf es in Folge des %. 185. des Strafgesetabnehs vom 14. April 
1851 nicht mehr, es sei denn, dass eine solche Beantwortung von den Obducenten ansdrnckHcb gsfcrdert 
worden. Da es sich von selbst versteht , dass Jeder Obductionsbericht gevrtssenhaft nad nach wissca- 
schaftlichen Lehren und Grundsitzen abgefasst werden mass, so bedarf es einer Versidieraag der Obdn- 
centen, dass dies geschehn sei, am Schlnss dos Berichts nicht Der Obductionsbericbt mnss von den Ob- 
ducenten unterschrieben sein, nnd, wenn ein Phjsicn^ die Obduction mit vorgenommen hat, mit dessen 
Amtasiegel versöhn werden. Jeder erforderte Obductionsbericbt mnss von den Obdaeenkea spitestaas 
Bach vier Wochen eingereicht werden. Berlin, den 15. November 185». Königl. wlesenaehaflllebc Depo- 
tation für das Medlcinalwesen. 

Oesterr. Btrafprocess-Ordnnng § 86.: Wenn sich bei einem Todesfalle Verdacht ergicbt, daat 
derselbe durch ein Verbrechen oder Vergehn verursacht worden sei, so muss vor der Beerdignag di« 
Leichenschau nnd Leichenöffnung vorgenommen werden. Ist die Leiche bereits beerdigt, ao mass »I« sa 
diesem Behufe wieder ausgegraben werden, wenn nach den Umstünden noch ein erhebllehes Ergebelsi da- 
von erwartet werden kann. §. 87. (betrifft die Feststellung der Identit&t der Leiche darch den RIehtar:. 
f. 88. Die Leichenschau und Leichenöffnung ist durch zwei Aerzte, wovon der Eine aaeh bloss ein Waad- 
arst sein kann, nach den dafür gegebnen besondern Vorschriften (Vorschrift für die VomaboM der gerieht- 
liehen Todtenbeschan vom 3S. Januar 1855; Reichsgesetzblatt VIIL S. 233-290, für das Oesterr. Beer: 
Verordnung des Armee-Ober-Commandos vom 15. Mira 185'!) vorzunehmen. Der Artt, welcher ilea Ver- 
storbenen in der seinem Tode allenfjUs vorhergegangenen Krankheit behandelt hat, ist, wenn es eba« 
Verzögerung geschehn kann, aur Gegenwart bei der Leiehenschaa aufanfordem. f. 89. Das Gauektaa 
hat sieh darüber auszusprechen, was In dem vorliegenden Falle die den eingetretenen Tod aaa&ehst be 



§. 32. Inspection des todten Körpers. 129 

vtrktDde ürtMiM («wMeii, nnd wodareb dieselbe eneagt worden ift. Naeb Beeeb«ffenbel( des Felles ist 
dabtr Insbesoadere sa erörtern: 1) ob naeb den vorbandnen Umstanden als gewiss oder wahrscbeinlicb 
laseesluMn sei, dass der Tod a) in Folge der wabrgenommenen Verleuangeo, oder b) sebon tror diesen 
Tcrletraageo, oder e) in Folge oder dnrcb Mitwirkung einer, cn der Verletsnng hlnsagekomnieDen und 
fflo Ibr nnabbingfgen Ursacbe eingetreten sei. — Wenn die wabrgenommenen Verletsnngen als die Todes- 
snsi^ erklart werden, so ist weiter cn bestimmen, ob 2) die dem Bescbaldigten cnr Last gelegte Hand- 
loeg sebon ibrer altgemeinen Natnr naeb oder wegen der eigenthümllcben Leibesbesebaffenh«it oder eines 
betoadera Znstandes dee Verlöteten, oder wegen tufilliger äusserer Umstinde die Todesnrsacbe geworden 
icL iBsoiem sieh das Gutachten nicht über alle, für die Eatsobeidnng erbeblicben ümstlnde verbreitet, 
iiad hicrnber Ton dem Dntersncbnngsricbter besondre Fragen an die Saohyerstindigen sa etellen. §. 91. 
Ii«ft der Yerdacbt einer Vergiftung vor, so sind aar Erhebung des Thatbestgndes nebst den Aersten 
Bsek Thnnllehkeit noeh zwei Chemiker beixnsiebn. Die Unter suchnng der Gifte selbst aber kann naeh 
Uautfaden aveh voo den Chemikern allein in einem hieran insbesondere geeigneten Loeale Torgenommen 
vcrdsn. 



Erstes Kapitel. 

Aenssere Besichtignng (Inspection) der Leiche. 



§. 32. Inspection des lodtcn Korpers. 

Rühe, Unbefangenheit nnd Eifer far die Sache sind die Bedingun- 
gen, die nicht ans den Angen zn setzen sind, wenn der gerichtliche 
Arzt sich selbst nnd Allen, die es angeht, genügen will, bei dem wich- 
tigsten Geschäfte nnter allen, die seine Thätigkeit in Anspmch nehmen, 
dem wichtigsten, weil Flüchtigkeiten nnd Fehler hier später nnverbesser- 
lidi sind. Rnhe ; denn wer ans Mangel an Uebnng nnd Erfahrung oder 
aus irgend welchen andern Gründen, mit Hast nnd Unmhe ans Werk 
geht, fimgt nnr zn oft mit dem Ende an, nnd hört mit dem Anfang 
aaf; er springt von der Besichtignng der Angen zn der der Extremi- 
täten, von diesen zn der Znnge, von der Znnge znr Nabelschnur über, 
Tind liefert ein Besichtigungsprotokoll, dass später anch dem Kenner 
in seiner Verworrenheit unverständlich bleibt. Unbefangenheit; anch 
diese Eigenschaft möge sich der Gerichtsarzt, wie in allen Fällen, so 
namentlich anch am Sectionstisch , zn eigen machen. Der Befangene 
sieht verzerrte Züge an der Leiche, nnd schliesst voreilig anf gewalt- 
same Todesart, die er dann später leicht heransdeduciren kann, wo der 
unbefangne nnd Erfahrne sieht, dass z. B. Ein Angenlid der Leiche 
naeh dem Tode erhoben worden nnd erhoben stehn geblieben ist, dass 
der Mmid dnrch Hineingreifen nach dem Tode nach einer Seite hin ver- 
zerrt worden, dass eine platt gedrückte Nase dnrch Anfliegen, jiicht 

Casper'e geriehtl. Uedicin. 5. AnH. IT- q 



13Ö §• 32. Inspection des todtea Körpers. 

durch Einschlagen, abgeplattet worden ü. s. w., so dass alle solche 
Verzerrungen sich auf die einfachste Weise erklären. — Man wird wohl- 
thun und das Geschäft sich sehr erleichtern, wenn man ein gewisses 
Schema festhält, nach welchem man die vielen einzelnen Punkte, die 
bei der äussern Besichtigung des Leichnams Berücksichtigung erfordern, 
ins Auge fasst, untersucht und zu Protokoll dictirt, und die hier fol- 
gende Reihenfolge dieser einzelnen Punkte giebt dazu einen brauchbaren 
Anhalt. 

1) Die allgemeine Farbe des Leichnams. In der Regel wird 
man finden und genügt die Angabe zu Protokoll: die gewöhnliche 
Leichenfarbe. Dieser ähnlich ist die wachsbleiche, schmutzig hellgrün- 
lich-weisse Farbe der an äussern oder Innern Verblutungen Gestorbnen. 
Wenn Verletzungen nach längerer Krankheit (Pyämie) tödtlich wurden, 
so findet man sehr häufig eine icterische Färbung, die die Kranken 
schon im Leben zeigten. Auch noch andre Farben kommen ara Leich- 
nam vor: so die rothbraune Färbung der ganzen Oberfläche bei Abor- 
tivfrüchten, die Rostfarbe bei Körpern, die geröstet, die schwarze Ver- 
kohlungsfärbung bei solchen, die ganz verbrannt und verkohlt waren 
u. s. w. Bei der Schilderung der allgemeinen Hautfarbe hat man zu- 
gleich die Verwesungsfärbungen, und wenn diese noch nicht sichtbar, 
die Färbung durch Todtenflecke anzugeben. Mit Recht schreibt das 
preuss. Regulativ vor, bei verdächtigen oder nur auffallenden Flecken 
die betreifenden Stellen rein abzuwaschen, weil man im Unterlassungs- 
fälle sehr leicht getäuscht werden kann, indem man etwas Wichtiges 
nicht sieht, z. B. durch Schwefelsäure verbrannte Hautstellen, oder 
kleinere Verletzungen, die mit Blut bedeckt sind, oder weil man etwas 
sieht oder zu sehn glaubt, z. B. eingebranntes Pulver, eine Contusion 
u. s. w., während der Gebrauch des nassen Schwammes zeigt, dass 
man nur Schmutz vor sich hatte — ein sehr alltägliches Ereigniss! 

2) Das Geschlecht. Dass dasselbe bei ganz von der Verwesung 
zerstörten Leichen nicht mehr zu erkennen, ist bekannt. In etwas 
niedrigerm Fäulnissgrade ist es zuweilen noch möglich, wenn auch die 
sexuellen äussern Weicht heile verschwunden, aus dem geschlechtlicbeo 
Haarwuchs noch das Geschlecht des Individuums mit Wahracheinliehkeit 
zu erkennen, in sofern der umschriebne Kranz von Haaren auf dem 
Schaamberg gewöhnlich das Weib, die wenn auch noch so geringe Fort- 
setzung des Haarwuchses vom Schaamberg bis an den Nabel hinauf 
gewöhnlich den Mann erweist. Wir sagen gewöhnlich, denn Ausnahmen 
kommen vor; nach B. Schnitze*) sogar nicht zu selten. Er fand unter 
lOO^Schwangeren im Alter von 22 bis 38 Jahren, 5 bei' welchen der 



'; Jenai^che ZeiUcbr. Bd. IV. Uft. 2. S. :U2. 



§. 32. Inspection des todten Körpers. 131 

Haarwuchs vom Schaamberg bis an den Nabel sich fortsetzte nnd unter 
140 Soldaten im Alter von 19 — 22 Jahren eine rundlich umschriebene 
Grenze des Haarwuchses ohne jede Fortsetzung nach dem Nabel hin- 
auf. Bekannt ist auch, dass bei Leibesfrüchten bis zum dritten Monat 
das Geschlecht noch niclit zu bestimmen ist; der Gebrauch einer schar- 
fen Loupe aber ist hier sehr empfehlenswerth. 

3) Das Alter. Bei bekannten Leichen bedarf es zwar einer Ab- 
schätzung des Alters gar nicht, weil dem Richter hier, wenn es ihm 
darauf ankonmit, viel sicherere Beweise als das Urtheil des Arztes zu 
Gebote stehn, indess ist es dennoch zweckmässig, das Alter wenn auch 
nur ungefähr anzugeben, weil den revidirenden Medicinalbehörden, denen 
nur die Obductionsprotokolle in Abschrift zugehen, die Altersangabe 
nothwendig ist. Bei unbekannten Leichen aber ist der Richter z. B. 
Behufs der zu erlassenden öffentlichen Bekanntmachungen, betreffend 
den aufgefimdenen unbekannten Todten u. dgl. , lediglich auf das ärzt- 
liche Unheil angewiesen. Wenn es aber schon schwer ist, das Alter 
eines Lebenden auch nur annähernd richtig abzuschätzen, wo man doch 
noch Blick, Gang, Haltung, Sprache, psychische Momente u. s. w. mit 
in Erwägung ziehn kann, so ist es noch weit schwieriger, das Alter 
eines Todten annähernd zu schätzen. Mangelnde oder nicht mangelnde 
Zähne, graue oder nicht graue Haare, können natürlich täuschen, Run- 
zehi durch das Aufschwellen des Leichnams verschwunden sein u. s. w. 
Der Geübteste vermag daher oft nicht anders, als in ziemlich breiten 
Terminen abzuschätzen, z. B. „zwischen zwanzig und dreissig Jahren.** 
Sehr täuschen können in dieser Beziehung namentlich auch Einderleich- 
name, was man von vornherein nicht glauben sollte, da die Abschätzung 
des Alters bei lebenden Khidern im Allgemeinen viel leichter ist, als 
bei Erwachsenen. Aber hier fallen gleichfalls Art und Wesen, Beklei- 
dung und andre Momente in's Auge, von denen uns der nackte Leich- 
nam mchts zeigt. Erwägt man nun, wie verschieden das Wachsthum 
bei den verschiednen Kindern vorschreitet, wie aber grade die Grösse 
des Körpers bei Kindern fast das einzige Kriterium am Leichnam ist, 
das eine Grundlage für die Altersschätzung geben kann, erwägt man 
endlich, dass jeder Leichnam, nachdem die Todtenstarre vorüber, sich 
streckt, so wird man auch den Geübten entschuldigen, wenn er ein 
Kind von zwei für ein Kind von vier Jahren erklärt. 

4) Die Körper grosse. Für Neugeborne ist jedem Gerichtsarzte 
die Siebold 'sehe Wage zu empfehlen, die eine Unterlage von lakirtem 
Leder hat, auf welcher ein Zollstab mit Oelfarbe bezeichnet ist, wonach 
man die Länge des Kindes, das man mit beiden Händen darauf aus- 
Ätreckt, mit Leichtigkeit abmessen kann. Für Leichen Erwachsener 
dient ein einfacher, sechs Fuss langer Zollstock, dessen eines Ende 

9* 



132 §• 3^- Inspection des todten Körpers. 

nach Zollen abgetheilt ist, am zweckmässigsten zur Bestinunnng der 
Grösse. Eine senkrechte Linie, die man einerseits vom Wirbel und 
andrerseits von der nntem Fläche der Hacken auf den Zollstock fallen 
lässt, bilden die Grenzpnnkte der Eörperlänge. 

5) Die allgemeine Leibesbeschaffenheit. Sie ist in allen 
Fällen ohne Schwierigkeit zu ermessen. Einen durch Fäulnissgase anf- 
getriebnen Unterleib far einen Fettbauch, Anasarca für Wohlbeleibtheit 
zu erklären u. dgl., würde schon zu den groben Irrtbümem gehören. 

6) Die Zeichen des Todes. Wir haben dieselben schon im 
§. 7. u. f. erwähnt. Ihre Aufsuchung und Schilderung zu Protokoll 
darf natürlich niemals unterbleiben. Was aber die Todtenflecke, die 
Beschaffenheit der Hornhaut, die Leichenstarrc betrifft, so ist zu erwäh- 
nen, dass, wenn der Leichnam bereits auch nur die ersten Spuren der 
Verwesung in einer, wenn auch noch so geringfügigen grünen Färbung 
der Bauchdecken zeigt, es dann, wenn man diesen Befund registrirt bat, 
des Aufsuchens und Begistrirens der frühern (obigen) Zeichen des 
Todes gar nicht mehr bedarf. Das Majua schliesst das Minus ein, und 
überflüssige Dinge zu Protokoll zu geben, vermeide man unter allen 
Umständen. 

7) Farbe und Beschaffenheit der Haare. Was diesen und die 
noch folgenden Befunde betrifft, die die besonderste Individualität eines 
Körpers betreffen, so kann man wohl die Frage aufwerfen: ob, nach- 
dem bei der jetzigen Lage aller Strafgesetzgebungen die sogenannte 
„individuelle Lethalität nicht mehr in Betracht kommen soll^, es femer 
noch der BesichüguuR und Schilderung der Haare, Augen u. dergl. be- 
dürfe? Indess, abgesehn davon, dass das gesetzlich bestehende «Regu- 
lativ^ in Preussen die Berücksichtigung dieser Theile bei unbekann- 
ten Leichen im §. 10. vorschreibt, der einzelne (preussische) Gerichts- 
arzt also nicht befugt ist, sie zu unterlassen, würde auch eine wesent- 
liche Aenderung bei uns wie in allen andern Ländern grossem Beden- 
ken unterliegen. Oft, vielleicht in den meisten Fällen, mag und wird 
es allerdings vollkommen unerheblich sein, ob der Mensch, dessen To- 
desart festzustellen die gewöhnliche Haupt - Aufgabe der gerichtlichen 
Leichenschau ist, braune oder blonde Haare, blaue oder grüne Augen, 
vollständige oder mangelhafte Zahnreihen gehabt hatte u. s. w. Indess 
ist im Augenblick der gerichtlichen Section der concreto Fall meist noch 
gar nicht zu übersehn, und Arzt und Richter ahnen jetzt oft noch nicht, 
auf welche anscheinend geringfügige Umstände im spätem Verlaufe der 
Untersuchung grosses Gewicht gelegt werden wird, deren früheres Un- 
beachtetlassen man dann aufs Tiefste bedauern müsste. Im unten fol- 
genden 69. Fall von tödtlicher Hisshandlung eines Kindes hatte die 
Thäterin demselben unter Anderm auch die Erone eines Backenzahns 



§. 32. Inspection des todten Körpers. 133 

ausgeschlagen, was sie, wie jede andre Gewaltthat, längnete. Dieses 
Defectes hatten wir im Obductionsprotokoll Erwähnxmg gethan. Drei 
Tage nach der Section aber fend sich die Krone dieses Zahnes im 
Kehricht des Zimmers, in welchem die Angescbnldigte die Tödtnng ver- 
übt hatte, and dieser Umstand war natiirlich von grosser Erheblichkeit. 
Aber namentlich zur Feststellung der Identität von noch unbekannten 
Leichen kann die Schilderung dieser, bei bekannten meist allerdings 
ganz unerheblichen Befunde von Wichtigkeit werden, wie der unten 
folgende 363. Fall beweist, der einen unzweifelhaft ermordeten Unbe- 
kannten betraf. Wir hatten natürlich bei der Inspection auch die Farbe 
der Haare (obenein eine, auf dem Kahlkopf festgeklebte Perrücke) und 
der Augen geschildert. Später wurde die, nach den Umständen ver- 
mathete, Identität dieser Leiche mit der eines vermissten Mannes 
zweifelhaft, und die Ehefrau desselben im Audienztermin auch über 
Farbe der Haare und Augen ihres verschollenen Ehemannes vernom- 
men, die das geistesarme Weib nicht anzugeben wusste! 

8) Farbe der Augen. Sie täuscht gar nicht selten bei Leichen, 
abgesehn davon, dass das Farbensehn überhaupt bekanntlich etwas In- 
dividuelles ist. Wenn die Leiche recht frisch und die Farbe der Irü 
eine ganz entschiedne, blaue oder braune ist, dann werden zwei und 
mehrere Beobachter sie allerdings als solche erkennen, nicht aber, wenn, 
wie so sehr häujBg, die Farbe grünlich-blau, grau-braun oder ganz matt 
ist, wo man sicher sein kann, dass A. sie anders taxirt, als B. Dazu 
kommt, dass durch den Verwesungsprocess sehr früh die ursprüngliche 
Farbe, wie des Weissen im Auge, das rothbraun sugiUirt, endlich grün- 
schwarz wird, so auch der Pü^ die demselben Farbenspiel unterliegt, 
zerstört wird. Wo eine auffallende Weite oder Ungleichheit der Pupil- 
len vorbanden ist, vnrd es zweckmässig sein, dies zu notiren. 

9) Zahl und Beschaffenheit der Zähne. Bei Leichen Unbekannter 
bedarf es, aus den oben angegebenen Gründen, einer genauem Beschrei- 
bong ihrer Zahl und Beschaffenheit. Ich erinnere daran, dass im 
Schair sehen Process der Kopf des Ermordeten zum dritten Male bloss 
und allein wegen der nachträglich im Laufe der Untersuchung noth- 
wendig gewordnen Besichtigung seiner Zähne angeordnet und ausgeführt 
wurde (s. S. 120). 

10) Die Lage und Beschaffenheit der Zunge. Wie allgemein, und 
doch wie irrig, die Lage (Einklemmung) der Zunge zwischen den Kie- 
fern oder Zähnen, oder vor denselben als Zeichen des Erstickungstodes 
angesehn wird, ist unten noch nachzuweisen. Nichtsdestoweniger ist 
die Berücksichtigung der Lage der Zunge : ob hinter, zwischen oder vor 
den Zähnen (Kiefern) nicht zu umgehn. Noch wichtiger aber ist ihre 
Beschaffenheit. Sie ist angeschwollen oder normal, verletzt oder un- 



134 §. '^2. Inspection des todten Körpers. 58. Fall. 

verletzt, und namentlich bei noch zweifelhaften Vergiftungen durch Aetz- 
gifte kann die Beachtung oder Nichtbeachtung ihrer Schleimhautfläche 
den Fall aufklären oder verdunkeln, v^ie nachstehender, sehr eigenthüm- 
licher Fall beweist. 

58. Fall. Selbstmord durch Schwefelsäure für Mord durch Halschnitt- 

wunden erklärt. 

Am 24. Juni 18** fand man in einer Kreisstadt unfern Berlins eine Mutter mit 
ihren beiden kleinen Kindern mit grossen Halsschnittwunden todt in ihrem Zimmer 
Die Todesart der Kinder wurde durch die Obducenten als unzweifehaft durch die Ver- 
letzungen entstanden festgestellt Nicht so die der mütterlichen Leiche. Die Obducen- 
ten wollten einen „Erguss Ton einem halben Pfund schwarzen, dickflüssigen Blutes in 
der Bauchhöhle, die Magenbäuto zerrissen und mit schwarzem, dickflüssigem, verkohl- 
tem Blute gefärbt, eben so die Milz zerrissen und breiartig'' gefunden haben, und der 
Physicus erklärte, dass hier ein dreifacher Mord und der an der Mutter namentlich in der 
Art verübt worden, dass sie entweder zuerst Tier Schnitte in den Hals bekommen haU, 
dadurch umgefallen sei und durch den Fall eine Zerreisung der sehr dünnen Magen- 
häute und der Milz erlitten habe; oder die Verstorbne habe zuerst einen Schlag \or 
den Magen erhalten , wodurch dieser und die Milz zerrissen und der Bluterguss bedingt, 
und dann seien ihr die Halsschnittwundeu beigebracht worden. Abweichend hiervon 
war die Ansicht des Obducenten, und da obenein sich in den einzelnen Angaben Schwan- 
kungen und Widersprüche ergaben, so beschloss die Staataanwaltschaft, sofort und Tor 
Beerdigung der Leiche Gas per zur Abgabe eines Superarhitrii telegraphisch zu berufen. 
Derselbe fand die Leiche bereits bekleidet im offnen Sarge, fiin gelbbrauner Streifen, vom 
Mundwinkel bis zum Kinn verlaufend, liess denselben sogleich auf Vergiftung durch Schwe- 
felsäure schliessen. Die Zunge, die bei der Obduction gar nicht untersucht worden 
war, zeigte sich, mit einem Haken hervorgezogen, halb gegerbt und mit einer blutig- 
schleimigen Flüssigkeit überzogen, welche blaues Lackmuspapier augenblicklich rö- 
thete. Eben dieselbe Reaction zeigte der sAwarze Brei aus der Bauchhohle, 
d. h. der verbrannte Magen mit seinem Inhalt! Hiemach konnte, ohne jede weitere 
Untersuchung, die Erklärung abgegeben werden: dass die Mutter, nachdem sie ihre 
Kinder gelödtet, einen Selbstvergif tun gs versuch durch Schwefelsäure gemacht, und, 
nachdem sie nicht sogleich den Tod gefunden, sich gleichfalls mit demselben Rasir- 
messer, das blutbefleckt am Boden lag, getödtet hatte. Dies Gutachten wurde noch 
an demselben Abend durch die Haussuchung vollkommen bestätigt, indem man einen 
Brief der JJenata, der ihren Vorsatz verkündete, und den Rest von Schwefelsäure in 
ihrem Schranke vorfand. 

11) Die Beschaffenheit der natürlichen Oeffnnngen, der Ge- 
hörgänge, der Nasen-, Mund- und Rachenhöhle, des Afters und der 
weiblichen Geschlechtstheile, Die Fälle sind allerdings selten, in denen 
man fremde Körper in diesen Höhlen findet, indess sie kommen vor, 
namentlich bei Ertrunknen. wo man Schlamm, Erde u. dergl. findet, 
und bei Erstickten, zumal Neugebornen, die eben durch Ausstopfen des 
Mundes mit allerhand fremden Körpern, oder durch Ertrinken im Ab* 
tritt u. s. w. erstickt wurden. Aber auch in andrer Beziehung darf 
die Untersuchung, namentlich der Mund- und Kachenhöhle, nicht ver- 



§. 32. Jnspection des todten Korpers. 135 

ab^äomt werden, zumal bei vermutheten Yergiftangen durch Aetzgifte, 
in welchen Fällen man die Reactionssparen schon im Monde und 
Rachen erwarten kann nnd findet, und bei Menschen, die sich durch 
Schnss in den Mund den Tod gegeben hatten. Was die Untersuchung 
der Scheide betrifit, so kann der Thatbestand der JungferDschaft, der 
grade fliessenden Eatamenien, oder Verletzungen an und in den Theilen 
u. 8. w. von einer Wichtigkeit werden, die man oft im Augenblicke 
der Obduction noch nicht ahnt. Am After ist namentlich auf Eothaus- 
floss zu achten, obgleich ich diesem Befände keinen Werth zuschreibe, 
da man ihn nach allen plötzlichen Todesarten eben so häufig findet, 
als vermisst, auch Zufälligkeiten, wie der Transport der Leiche, andrer- 
seits das Abspülen des ausgeflossenen Eothes durch Wasser bei der 
darin liegenden Leiche u. dgl. m. ihren Einfluss äussern. 

12) Eine ganz besonders genaue Beachtung bei der Jnspection ver- 
dient in allen Fällen der Hals aus nahe liegenden Gründen. Die 
kleinste gelbbraune Stelle kann von vornherein auf Erdrosselung deuten, 
und es giebt Fälle, wo der innere Befund die wirklich geschehene 
Strangulation so zweifelhaft erscheinen lässt, dass die genauste Unter- 
suchung und Würdigung des äussern Befundes vom erheblichsten Werthe 
fär die Begutachtung wird. Eben so wichtig ist die Berücksichtigung 
der Integrität des Kehlkopfes und der Halswirbel. In letzterer Be- 
ziehung wlU ich darauf aufmerksam machen, dass man sich durch an- 
scheinend grosse Beweglichkeit des Kopfes nicht zu früh verleiten lasse, 
auf Luxation oder Bruch der Halswirbel zu schliessen. Wenn das 
Stadium der Todtenstarre vorüber, wenn die Leiche mager, oder wenn 
das Fett nicht durch niedere Temperatur halb erstarrt ist, und ganz 
besonders femer bei kleinen Kindern ist eine sehr leichte Beweglichkeit 
des Kopfes ein ganz gewöhnlicher Befund. Dass endlich am Halse auch 
kleinere eindringende Verletzungen, äusserlich ganz unerheblich schei- 
nend, von der grössten Bedeutung für die Feststellung der Todesursache 
werden können, und deshalb nicht übersehn werden dürfen, bedarf keiner 
weitem Erwähnung. 

13) Die Hände. Sie bieten vielfach für die Beurtheihing wichtige 
Befände dar. Nicht alltäglich war ein Fäll, in welchem es zweifelhaft 
ward, ob ein Trauring im Leben getragen oder erst^der Leiche aufge- 
steckt worden war, ein Zweifel, der durch den Befund einer tiefen 
Rinne am Finger leicht gelöst wurde. Aber um so häufiger sind die 
Befunde von getrocknetem Blut an den Händen, das bei Zweifel dar- 
über, ob Mord oder Selbstmord vorliege, wichtig werden kann, von 
eingebranntem Pulver bei erschossen Gefundnen, von Verletzungen an 
einer Hand eben solcher Leichen, Befunde, die gleichfalls bei dieser 
Frage maassgebend für die Begutachtung werden können, von grauer 



136 §• 33. InspectioQ des todten Körpers, a) Krankheitsproducte. 

Farbe der Hände und Fasse und Längenfalten in deren fiant, dem be- 
kannten Befände an Leichen, die länger als zehn bis zwölf Stunden 
im Wasser gelegen hatten, von Sand, Schlamm u. dergi. an und un- 
ter den Nägeln bei eben solchen Leichen u. s. w. Wir werden bei den 
betreffenden gewaltsamen Todesarten hierauf zurückkonmien. Aus Farbe, 
Bau, Beschaffenheit der Hände einer Leiche aber Momente zur Fest- 
stellung der Identität unbekannter Verstorbner zu entnehmen, und 
z. B. danach zu bestimmen; ob derselbe ein Zuckerbäcker (Confiaewr)^ 
ein Uhrmacher, ein Zimmerbohner, eine Blumenfabrikantin , ein Ar- 
beiter in einer Chininfabrik (!), eine barmherzige Schwester (!) u. s. w. 
u. 8. w. gewesen, wie neuerlichst mit mehr Phantasie als Besonnenheit 
in Frankreich von Devergie, Tardieu und ganz besonders von M. 
Yernois vorgeschlagen worden, möchten wir in einer so wichtigen 
Frage deutschen Gerichtsärzten nicht empfehlen!*) 

14) Die Geschlechts th eile müssen, wie jeder einzelne Theil, 
beachtet werden (s. sub 11.)- Sie bieten jedoch höchst selten etwas 
für die Beurtheilung eines zweifelhaften gewaltsamen Todes Brauchbar 
res. Nur der Befund von microscopisch nachgewiesenem Erguss von 
Saamen namentlich bei erhängt gefundnen Männern und der von be- 
sondrer Verkürzung der Längendimension des Gliedes bei Wasserleichen 
machen eine Ausnahme« wie unten näher dargethan werden vnrd (s. §. 
45. u. §. 54. spec. Theil). Als gewiss absonderliches Curio9um er- 
wähne ich , dass mir in einem FaUe die Frage vorgelegt wurde: ob ich 
aus der Beschaffenheit der Genitalien bestimmen könne, dass Denatu* 
an einem gewissen Tage, drei Monate vor seinem Tode, zeugungsfiüug 
gewesen!**) 



§. 33. ^•rtsetiiBg. Akntraltätei im lorper. a) Irankkeltiprtiicte. 

Es ist nichts Seltnes, mannigfache Abweichungen von der Körper- 
beschaffenheit des Gesunden an gerichtlichen Leichen zu finden, z. B. 
Hernien, Defecte von Organen, Geschwülste aller Art, Verkrümmun- 
gen, FussgeSchwüre, Decubitus , hydropische Anschwellungen u. s. w. 
Bei bekannten Leichen, also bei solchen, bei denen die Feststellung 
der Identität gar keine Schwierigkeiten hat, können alle dergleichen 
Befunde mit den kürzesten W^orten zu Protokoll geschildert werden, 



*) De la main des ouvrters ei des artisans au point de vue de Vhygiene et de 
la tnedec. legale, Seperat-Abdruck atis dem 17. Bande (1862) der Annales d'Bygiene 
publique, 

*•) Was noch speciell die Inspection der Leichname Neugebomer betrifft» s. «p«^, 
Theil. 



§. 34 Inspection des todten Körpers, b) Narben. 137 

wenn nicht eine genauere Untersuchung und Schildenmg dnrch die Lage 
des Einzelfalles geboten ist, z. B. und namentlich, wenn das Ennst- 
Yerfahren des Arztes, der den Verstorbnen behandelt hatte, in Frage 
steht. Ganz dasselbe gilt, wie ich wiederhole (s. §. 23. S. 63) von 
ümern Abnormitäten: Tnbercnlose der Lungen, Yerknöcherungen oder 
aodem omanischen Veränderungen am Herzen, Ovarialgesch Wülsten 
Q. 8. w. u. s. w., vorausgesetzt, dass nicht der eben genannte Fall 
Torli^, und das die organische Abnormität nicht mit dem Tode in 
irgend einem Zusammenhange stehen könnte, was zur Zeit der Obduc- 
tion nicht immer mit Sicherheit zu entscheiden ist. — Bei unbekann- 
ten Leichen dagegen ist es allerdings noth wendig, die äusserlich 
sichtbaren Abnormitäten und Krankheitsproducte genauer in's Auge zu 
lassen und anzugeben ; denn die Erfahrung hat oft genug Fälle kennen 
gelehrt, in denen das Vorhanden- oder nicht Vorhandensein eines Fuss- 
geschwüre, des Defectes eines Fingers u. s. w. wesentlich zur Fest- 
stellung der zweifelhaften Identität beitrug. 

§. 34. VertsetiiBg. k) Harken. 

In vielfacher Beziehung können Narben am Leichnam, wieder zu- 
mal am unbekannten, die Aufmerksamkeit auf sich ziehn, so wie zu 
mannigfachen richterlichen Fragen. Veranlassung geben. Zunächst kann 
man fragen: 

verschwinden Narben ganz und gar? und diese Frage 
voirde im Schall'sch Processe von solcher Erheblichkeit in Beziehung 
auf Schröp&iarben und Tätowirungen (s. §. 32.), dass sie sogar zu einer 
Ausgrabung der Leiche Veranlassung gab. — Von der grOssern oder 
geringem Tiefe, in welcher die Gefässe und Gewebe der Cutis verletzt 
worden waren, hängt die Länge der Zeit ab, in welcher die Narben 
bis zur Unkenntlichkeit verwachsen können. Narben von Verletzungen, 
die nur die Epidermis trafen oder wenig tief in die Cutis eindrangen, 
können ganz und gar verschwinden, und an der Leiche nicht mehr 
sichtbar sein, wenn sie auch unzweifelhaft früher am Lebenden gesehn 
worden waren. Dahin gehören nicht nur Nadelritze, sondern auch 
Aderlass-, Blutegelstich- und Schröpfnarben. Dass dergleichen Narben, 
wenn tief geschröpft wurde, sehr häufig noch nach vielen Jahren am 
Lebenden deutlich wahrnehmbar sind, sieht man allerdings täglich ; nach 
noch mehrem Jahren indess können sie endlich dennoch verschwinden. 
Ein in Frankreich übliches Verfahren, wovon Devergie*) berichtet, 
beweist aber auch , dass selbst die Narben von tiefem Verletzungen der 
Hant noch im Leben verschwinden. D e v e r g i e bemerkt nämlich, dass, 



•; a. a. 0. U. S. 31, 32. 



138 §• ^^- luspection des to.lten Körpers, b) Narben 

um bei gebrandmarkten Galeerensträflingen die verschwundene Marke 
wieder hervorzurufen, man die betreifende Hautstelle mit der fla- 
chen Hand schlage, bis sie sich röthet, wo dann die Brandnarbe, 
die sich nicht rOthen kann, weiss hervortritt und wieder sicht- 
bar wird. — Narben mit Substanzverlust aber verschwinden niemals, 
wie man z. B. bei den ältesten Männern, die in ihrer Jugend Schan- 
ker oder Bubonen hatten, die mit Substanzveriust heilten, sehn kann, 
und wie Leichen mit längst geheilten Fuss- oder andern Geschwüren 
zeigen. Hierhin gehören auch die Narben von lange geeitert habenden 
Fontanellen und Vesicatoren, die gleichfalls nie ganz verschwinden; 
hierhin bekanntlich die ächten Pockennarben, weil alle diese Narben 
durch Zerstörung der Hautgebilde Substanzverluste bedingen. Nicht ver- 
schwindende Narben ferner sind solche, die von Verletzungen entstan- 
den, welche nicht durch prima iuntio^ sondern durch Granulation heilten. 
Solche Narben findet man nicht selten an gerichtlichen Leichen, die ja 
meistentheils den niedern Volksklassen angehören, als Folge von Prügeleien 
u. dgl , im behaarten Theile des Kopfes, in der allgemein bekannten Form. 

Wie alt ist eine Narbe, d. h. kann man aus der Art der 
Narbe, namentlich aus ihrer Färbung, auf ihr Alter, d. h. auf die Zeit 
der Verletzung, die sie bedingte, zurückschliessen ? Alle Narben 
sowohl die von Exanthemen, wie die von Verletzungen herrührenden, 
zeigen bekanntlich Anfangs eine entschieden höhere Rötbe, als ihre Um- 
gebung, und werden später und endlich weiss und schillernd. Aber 
die Art der Veranlassung der Narbe und die Individualität des Verletz- 
ten — die wir ihrerseits nur wieder hypothetisch als Bedingung anneh- 
men müssen, da wir a i'osteriori darüber nichts wissen — machen hier 
die grössten Abweichungen. Man weiss, in wie verschiednen Zeitfristen 
die Anfangs dunkelrothen Pockennarben bei den verschiednen Menschen 
erbleichen, so dass sie bei Einigen nach sechs bis acht Monaten schon 
weiss sind, während sie bei Andern noch nach zwei und drei Jahren 
recht unangenehm roth in's Ange fallen. Dasselbe sieht man bei allen 
Narben, auch bei denen von Verletzungen. Das ürtheil des Gerichts- 
arztes, betreffend das Alter einer Narbe, wird daher immer nur mit 
grösster Vorsicht, und mit Gewissheit nur in negativer Beziehung abge- 
j^eben werden köonen. Man wird z. B. beim Vorfinden einer ganz weis- 
sen, glänzend schillernden Narbe wohl mit Gewissheit sagen können* 
dass sie nicht von einer Verletzung herrühren könne , die erst vor zwei, 
drei, vier Wochen beigebracht worden, weil die Erfahrung lehrt, dass 
Narben in so kurzer Zeit unter keiner Bedingung erbleichen. Aber 
nicht würde ich in demselben Falle urtheilen mögen, ob diese Narbe 
zwei oder sechs Jahre alt sei. 

Narben also mit Substanzveriust und Narben von gra- 



§. 35. Ipectjon des todten Körpers. 59. Fall, c) Tatowinmgsmarken. 139 

nalirenden Wunden and Geschwüren verschwinden niemals 
und sind noch an der Leiche sichtbar. Narben von Blütegel- 
stichen, Aderlass- nnd Schröpfwnnden können in einer 
nicht näher zn bestimmenden Zeit verschwinden nnd nicht 
mehr am Leichnam wahrnehmbar sein. Ueber das Alter 
einer Narbe ist es schwer oder unmöglich, mit Gewissheit 
etwas Positives zn bestimmen. 
In folgendem 

59. Fall. Bestimmung des Alters einer Narbe 

war diese Diagnose nach einem grossen gewaltsamen, schwer zu ermittelnden Diebstahl 
fär den Richter sehr wichtig, und wir wurden am 17. März gefragt: ob bei N., einem 
der That besonders verdächtigen Lehrling, eine Narbe am Finger darauf schliessen 
lasse, dass sie von einer Verwundung Anfangs Februars herrühre, und ob dieselbe 
Ton einem Stemm* oder Brecheisen oder Bohrer, oder einem Stoss oder sonst wie ent- 
standen sei? Die Narbe an der äussern Seite des rechten kleinen Fingers nahe am 
Mittelhandgelenk war kreisrund, erbsengross, blassröthlich , und noch mit einem dun- 
kelrothen Hof umgeben. ,Die Angabe des Inc., dass diese Verwundung am diesjähri- 
gen Fastenabend (5. Februar) bei einer Prügelei, und zwar durch einen Schlag mit der 
flsnd gegen ein zerbrochenes Porcellaa-Thürschild entstanden sei, ist höchst unwahr- 
scbeinlich, da eine so entstandene Wunde mehr eine gerisseue , unregelmässig geformte 
sein würde. Viel wahrscheinlicher ist ihre Entstehung einer Verletzung mit einem rund 
spitzen Instrument z. B. einem Bohrer oder Locheisen, zuzuschreiben. Die Angabe, 
dass die Verletzung vor sechs Wochen, d. h. Anfangs Februars, entstanden sei, hat 
nach der Beschaffenheit der Narbe nichts Unwahrscheinliches.*' 

§. 35. fortsftmn^. c) TäUwiransimrken. 

Wie schon im fS6. Fall erwähnt wurde, war in einem höchst dunk- 
len und verwickelten Criminalfalle die Frage zu beantworten: ob Täto- 
wirungen, die im Leben vorhanden waren, an der Leiche spurlos 
verschwunden sein können ? Die Frage war damals ganz neu, und bei 
dem gänzlichen Mangel jeder Belehrung darüber in der gesammten 
Literatur konnte sie nur durch Untersuchung ergründet werden. Musste 
sie verneint werden, dann konnte die Leiche des concreten Falles nicht 
die des Yermissten gewesen sein, welcher notorisch im Leben Tätowi- 
nmgen gehabt hatte, und mit der bestrittenen Identität fiel die ganze 
Anklage gegen den angeschuldigten Raubmörder, was nicht der Fall war, 
wenn es 'sich ermittelte, dass nur bei einem einzigen Menschen jemals 
solche Marken wirklich spurlos verschwunden waren. — Das Tätowiren, 
wozu bei uns, und zwar fast ausschliesslich nur von Männern, vorzugs- 
weise die Arme, aber auch wohl die Brust gewählt werden, während 
wilde Völkerschaften mehr oder weniger den ganzen Körper graviren 
nnd dadurch äusserlich ein Rangverhältniss bezeichnen, wird bewerk- 
stelligt, indem drei oder vier Nähnadeln, die in einen Pfropfen oder 
ein Stück Holz gesteckt und bis gegen die Spitze umwickelt werden, 



140 §• 35. Inspection des todten Korpers. c) Tatowirungsmarken. 

in die Haut, auf welche vorher die gewünschte Figur gezeichnet wor- 
den, tief eingestochen werden. Unsre tätowirungslustigen Männer (Sol- 
daten, Schiflfer u. dgl. wählen gewöhnlich ein oder auch zwei Herzen, 
ihre oder ihrer Geliebten Anfangsbuchstaben, eine Jahreszahl, gekreuzte 
Schwerter, eine Tabackspfeife- u. dgl. Wenn die Blutung aus den klei- 
nen Stichwunden aufgehört, wird in die frischen Wunden ein Farbestoff 
eingerieben, und zwar meistentheils Zinnober, Schiesspulver, gewöhn- 
lich beides, um ein Maal bunt zu machen, oder schwarze Tusche, Kohle, 
Tinte oder Berliner (Wasch-) Blau. Um in grösserem Maassstabe zu 
untersuchen, ob solche Marken möglicherweise durch vollständige Re- 
sorption des Farbstoffs bei der fortwährenden Regeneration der Cutis 
noch im Leben wieder verschwinden können, und in der Voraussetzung, 
dass eine grössere Menge recht alter Soldaten diesen Maassstab liefern 
würde, untersuchte Casper die Bewohner unsers Königlichen Invaliden- 
hauses, unter denen er sechsunddreissig früher tätowirt gewordne Män- 
ner vorfand.*) Während nun bei Einem nach vierundfonfzig Jahren 
noch einzebie Tätowirungen deutlich, bei vielen Andern nach mehr als 
vierzig Jahren ganz deutlich wahrnehmbar, waren sie bei zwei Andern 
nach achtunddreissig und sechsunddreissig Jahren, spurlos verschwun- 
den. Als allgemeines Resultat ergab sich, dass unter 36 Tätowirten 
bei dreien die Marken mit der Zeit ausgebleicht, dass sie bei zweien 
theUweise und bei vieren verschwunden waren. Folglich war unter 
neun Fällen Einmal die Tätowirung im Laufe der Jahre verschwunden. 
In öffentlicher Schwurgerichts- Sitzung, in welcher Casper dies Ergeb- 
niss verkündete, fand sich ein gebildeter Zeuge, der seinen, in der 
Jugend mit Zinnober tätowirten Arm vorzeigte, an welchem jede Spur 
einer Marke völlig verschwunden war. — Dieselben Untersuchungen an 
Invaliden hat ein Jahr später Dr. Hutin in Paris im dtrtigen grossen 
Invalidenhause in noch grösserm Maassstabe wiederholt; indem er unter 
3000 Invaliden 506 fand, die früher tätowirt worden waren. Seine 
Untersuchung hat im Wesentlichen ganz den genannten ähnliche Ergeb- 
nisse geliefert.*) Die Farben waren die oben genannten gewesen, und 
auch hier, wie überall, vorzugsweise Zinnober angewandt worden. Die 
hiermit gemachten Marken verwischen sich, nach Hutin, oft zum Theil 
oder völlig; die mit Tusch oder gepulverter Kohle gemachten, bleiben 
sichtbar, die mit Schiesspulver, Waschblau oder Tinte gefärbten erblei- 
chen wohl nicht selten, verschwinden aber in der überwiegenden Mehr- 
zahl der Fälle nicht ganz. Unter 506 früher Tätowirten fand auch die- 
ser Beobachter bei 47 die Marken vollstärdig verschwunden, also fast 



*) s. das genauere Verzeichniss dieser Tätowirungen in Viertel Jahrsschrift I. S. 2SS. 
**) Eecherches sur les tatouages. Paris 1855. 8. 



§. 35. Inspection des todten Körpers, c) Tätowirangsmarken. ]41 

dasselbe Yerh&ltBisa, das sich in den hiesigen Untersuchungen ergeben 
hatte (1 : 10^). — Die einmal angeregte Frage ist noch von einem 
andern Pariser Arzte weiter verfolgt worden , von Tardieu, der zwei 
Jahre später gleichfalls eigne Beobachtungen angestellt und eine werth- 
ToUe Abhandlung über Tätowirungen in gerichtlich -medicinischer Be- 
ziehüDg veröffentlicht hat.**) Unter 76 von ihm untersuchten, früher tä- 
towirt gewesenen Individuen waren bei 3 die Täte wirungen ganz ver- 
schwunden. Das gegen unser und Huntin's Verhältniss auffallend ge- 
ringe von nur 1 : 25 erklärt Tardieu aus der Wahl des Farbestoffes. 
Bei den von uns und bei den von Huttin untersuchten Invaliden war, 
wie bemerkt, vorzugsweise Zinnober dazu angewandt worden, während 
die Tardieu 'sehen Männer in überwiegendem Verhältniss mit chemi- 
scher Tusche tätowirt gewesen waren. Tardieu behauptet nun, dass 
Zmnober und blaue Tinte weit weniger ausdauern als Tusche, Russ 
nnd Waschblau. £s würde dies mit andern Worten heissen, dass jene 
Farbstoffe leichter resorbirt werden, als die letztern. Denn wie schon 
F oll in in den Lymphganglien den Farbstoff aus einer verschwundnen 
Tätowirong wieder gefanden, so hat auch Prof. v. Meckel, dieselbe 
Beobachtong bei mehrem tätowirten Leichen gemacht. Schon bei Sub- 
jecten, die erst vor kurzem tätowirt waren, fand derselbe Zinnober, 
Kohle u. dgL in den Lymphdrüsen. Wir können dies aus zahlreichen 
eignen Beobachtungen bestätigen. In den meisten Fällen am Arm tä- 
towirter Leichen fanden wir den Zinnober (den bei uns fast ausschliess- 
lich benutzten FarbestoffJ in den Achseldrüsen der entsprechenden 
Seite vor. 

Noch reichlicher als gewöhnlich fand Meckel Zinnober in den 
Achseldrüsen, wenn die Tätowirungen am Arme schon fast zur Unkennt- 
lichkeit erbleicht waren, so dass zu erwarten ist, dass man noch in den 
Drüsen das resorbirte Färbematerial finden werde, wenn die Hautzeich- 
Dong schon völlig verschwunden ist. — Ob und welchen Einfluss auf 
das Versdiwinden der Tätowirungen, ausser der Verschiedenheit des 
angewandten Farbstoffes, auch noch die Individualität des Menschen, 
seine Lebensweise, die Tiefe der Stiche u. s. w. haben, muss bei der 
Neuheit der Sache, für jetzt noch dahin gestellt bleiben. Zu besünmoit 
äussert sich auch Tardieu über eine andere Frage, wenn er nämlich 
meint, dass man auch an den Tätowirungs-Zeichnungen als solchen die 
zweifelhafte Identität, den Stand des Verstorbnen u. s. w. feststellen 
könne, indem er gefunden zu haben glaubt, dass z. B. Soldaten andre 
Bilder einstechen lassen, als Matrosen, diese wieder andre als öffent- 
liche Dirnen u. s. w. Es ist einleuchtend, dass hier grosse Irrthümer 






•) Annales dlhjyihre puhlique Janv. 1856, S. 171 n. f. 



142 §• 36. luspection des todten Körpers, d) Verletzungen. 

vorwalten können, nnd dass überhaupt die Thatsache selbst nnmöglich so 
feststehen kann, um als allgemein gültig anerkannt werden zu müssen. 
Dagegen ist eine andre Angabe Tardien's von practischer Wichtig- 
keit, die nämlich, dass man Tätowimugen auch künstlich verschwinden 
machen kann. Auf die Mittheilong eines Sträflings, der dies Yerfabren 
angewandt hatte, nm den Richter zn täuschen, hat Tardieu einen 
vollkommen gelungenen Versuch an einem Hospitalkranken gemacht, 
der ein mit Tusche tätowirtes Crucifix am Vorderarm hatte. Die Marke 
vmrde nach diesem Verfahren mit einer Salbe aus reiner Essigsäure 
und Fett, dann mit Pottasche und später mit verdünnter Hydrocblor* 
säure eingerieben. Die dick aufgestrichene Salbe wurde 24 Standen 
auf dem Arm gelassen, dann 4 — 5 Mal am nächsten Tage die Kdi- 
Auflösung auf den Arm gerieben. Beide Operationen verursachten nnr 
einen sehr geringen Schmerz. Am nächst folgenden Morgen hatte sich 
eine dünne, aber fest anliegende Kruste gebildet, die am siebenten Tage 
abflel. Es bildete sich aber von selbst eine neue Kruste, die mehr als 
14 Tage stand, und die dann abfiel und eine flache Narbe binterliess, 
in welcher auch nicht die mindeste Spur der frühem Zeichnung mehr 
sichtbar war. Auch Versuche dieser Art werden zu wiederholen sein. 
Schon jetzt aber haben unsre, wie Uutin's und Tardieu' s Untersu- 
chungen festgestellt, was in vorliegenden Fällen zweifelhafter Identität 
bei Leichen zu verwerthen ist: 

dass Tätowlrungsmarken im Leben vollständig ver- 
schwinden können, in nicht wenigen Fällen wirklich ver- 
schwinden, so dass sie an demselben todten Körper völlig 
unsichtbar sind, bei welchem sie von Zeugen im Leben ge- 
sehn worden waren, und dass ihr früheres Vorhandengewe- 
sensein möglicherweise noch in den Lymphdrüsen der 
Achseln nachgewiesen werden kann. 

§. 36. V^rUelsing. dl) Verletsingei. 

In BetreiF dieses wichtigsten Punktes bei der äussern gerichts&rzt- 
lichen Besichtigung des Leichnams sind mehrere Fälle zu unterscheiden: 

1) Es sind gar keine äussern Verletzungen sichtbar, obgleich, allen 
Anzeichen nach, der Tod auf eine gewaltsame und zwar auf solche Weise 
erfolgt war, die Spuren an der äussern Oberfläche des Körpers mit Si- 
cherheit hätte voraussetzen lassen, z. B. durch Misshandlung, Fusstiitte, 
y eberfahren, jähen Fall und Sturz u. dgl. m. „Spuren äusserer Gewalt* 
fehlten*', ist die gewöhnliche Formel in den Aufgeboten der Gerichte, 
unbekannte, aufgefundne Leichname betreffend, und damit wird vorausge- 
setzt, dass die Vermuthung eines gewaltsamen Todes nicht vorliegt, nnd 
dass es einer gerichtlichen Obduction nicht mehr bedürfe; denn wo keine 



§. 36. Inspection des todten Körpers, d) Yerletzungen. 60. u. 61. Fall. 143 

, Sporen** änsseriicb wahrnehmbar, da wird auch innerlich eine Ver- 
letzung als Todesursache nicht zu erwarten sein. Man wird bei Laien eine 
solche Schlnssfolgemng entschuldigen, wenn man weiss, dass die Hand- 
bücher über gerichtliche Medicin diese Frage, gleichsam als eine selbst- 
rerständliche , ganz und gar unberührt lassen. Nur Henke spricht bei 
den Milzrupturen davon, dass man bei denselben zuweilen äusserlich am 
Leichname weder eine SugiUation noch eine andre Abnormität wahr- 
nähme. Die Erfahrung stellt sich nämlich ganz und gar anders, und be- 
gründet den Satz: dass man in derRegel bei allen Verletzungen, die 
einen plötzlichen oder sehr raschen Tod zur Folge haben, 
namentlich bei allen Organ rupturen, die schnell tödtliche innere Ver- 
bhitoDg bedingen, keine äussern Spuren der Gewalt findet, vor* 
ausgesetzt natürlich, dass diese keine an sich durchdringende, wie ein 
Schass u. 8. w. , gewesen, weil in dem noch kurzen Leben des Ver- 
letzten eine SugiUation gar nicht mehr zu Stande kommen konnte. Die 
hier beispielsweise folgenden Fälle von Verletzungen der allererheblichsten 
Art, die sich äusserlich am Leichnam auch nicht durch die geringste 
Spur vemethen, werden diesen Satz bestätigen. Diese Erfahrungen 
haben uns in nicht seltenen Fällen in den Stand gesetzt, bei Leichen 
von Menschen, die durch Sturz, Anprallen beim üeberfabren, Fall u. dgl. 
getödtet waren, und an denen äusserlich gar nichts zu bemerken war, 
eben deshalb schon bei der Inspection eine Ruptur zu diagnosticiren, 
die sieh dann jedesmal bestätigt fand. In solchen Fällen konnte auch 
dem Richter dann natürlich die Noth wendigkeit der, des negativen 
äussern Befundes wegen, schon für überflüssig erachteten Section der 
Leiche deutlichst nachgewiesen werden. 

60. FaO. Rippenbrache und Rupturen der Leber und Milz ohne äussere 

Spuren. 

Ein 63jähriger Mann war übergefahren worden und nach etwa zehn Minuten ge- 
i^torben. Zwei groschengrosse , gelbbraune lederharte Stellen am linken Beckenknochen 
ttod Ellenbogen waren die einzigen äussern Verletzungen. Aber die 7te und 8te 
Rippe waren diagonal in ihrer Mitte zerbrochen, ohne alle Spur von Bluterguss 
in die Umgegend und vollkommen so, als wenn die Brüche erst nach 
dem Tode entstanden gewesen wären. Ferner fand sich ein Leberriss von drei 
Zoll Länge diagonal durch die Unterfläche des rechten Lappens verlaufend, und bis in 
die Hälfte des Parencbyms eindringend, zwei zolllange Risse im Lob. quadrat. und 
eine völlig zerfetzte Milz. 

ftl> Fall. Rippenbruch und Ruptur der Leber durch Ueberfahren ohne 

äussere Spur. 

Ein Arbeitsmann war durch Anfahren eines Wagens umgeworfen und schnell tödt- 
lieh verletzt worden. Ausser einer handtellergrossen, wie verbrannt aussehenden Haut- 
stelle auf der linken Brusthälfte und einer unerheblichen SugiUation am rechten Hüft- 



144 §• 36. Inspection des todten Körpers, d) Verletzungen. 62 — 65. Fall. 

bein, denen keine innere Beschädigung entspraeh, war am Leichnam iusserlich 
Nichts auffallend. Dagegen fand sich ein completer L&ngenriss der Leber, der sie 
in zwei Hälften getheilt hatte, und ein Querbruch der fünften und sechsten rechten 
Rippe, die unentdeckt geblieben wären, wenn nicht jene unerheblichen äussern Ver- 
letzungen zu einer gerichtlichen Section des Leichnams Veranlassung gegeben hätten. 

62. Fall. Ruptur der Leber durch Ueberfahren ohne äussere Spuren. 

Ein starker, Tierzehn Monate alter Knabe war durch Ueberfahren getödtet worden. 
Ausser kleinen Hautabschilferungen am Hinterkopfe und einer etwa wallnussgrossen 
Ecchymose am rechten Trochanter war äusserlich gar nichts Abnormes am Leichnam 
wahrzunehmen. Der Kopf war durchaus unbeschädigt Der rechte Leberlappen war 
durch einen Längenriss fast ganz abgetrennt. 

63. FalL Ein ähnlicher Fall. 

Durch Ueberfahren war ein sechsjähriger Knabe getödtet worden. Hit Ausnahme 
von ganz unerheblichen Sugillationen am linken Hüftbein, linken Knie, linken 
Knöchel und rechtem Stirnbein ergab die Leiche nichts Auffallendes. Aber auch hier 
fand sich als Todesursache ein Längenriss der Leber, die ganz in zwei Theile getheilt 
gefunden wurde. 

64. Fall. Tod durch Anprallen; Ruptur der Leber; äusserlich nichts 

Abnormes. 

Ein elfjähriges Mädchen war in ein Rosswerk gerathen und von einem Balken an 
die Wand geschleudert worden. Der Tod war nach anderthalb Stunden erfolgt Der 
Leichnam bot auch in diesem Falle wieder nicht die gerigste Spur einer Verletzung, 
und gerade deshalb und in Erwägung der Todesursache und der Plötzlichkeit ihrer 
Wirkung schlössen wir auch hier wieder Yon herein auf Ruptur eines wichtigen Organs. 
Eine solche ergab die Section denn auch in der Leber, nämlich einen sechs Zoll langen 
Längenriss, der den rechten Leberlappen von hinten nach vom getrennt hatte. In die 
Bauchhöhle waren siebzehn Unzen coagulirten Blutes ergossen. 

65. Fall. Herabstürzen vom Wagen. Fractur des Brustbeins und der 
Rippen; Ruptur der Leber ohne äussere Spuren. 

Ganz ähnlich dem yorigen war dieser Fall. Im harten Winter war ein Kutscher 
von seinem Wagen gefallen und bald darauf verstorben. Er wurde als am «Schlag- 
fluss** gestorben angemeldet, und „Spuren äusserer Gewalt* sollten am Leichnam ge- 
fehlt haben. Und sie fehlten auch in der That vollständigst, und auch hier prognosti- 
cirten wir eben deshalb wieder eine innere Ruptur um so mehr, als der Leiehnam eine 
entschiedene grünweissschmutzige (Verblutungs-) Farbe hatte. Die Ruptur fand sich in 
bedeutendstem Grade in der gesunden Leber, so dass der Sturz sehr heftig gewesen 
sein musste. Der rechte Leberlappen war ganz und gar abgerissen, und eine höchst 
bedeutende, zu Eis erstarrte Blutmasse lag in der Bauchhöhle. Die gefüllte Harnblase, 
deren Inhalt gefroren war, lag wie eine feste Kugel im Becken. Das Brustbein war 
dicht unter dem Manubrium quer und ganz durchbrochen, und in Querbrüchen waren 
anch die fünf letzten wahren Rippen rechterseits fractuirt Keine äussere Spur einer Ver- 
letzung! Bemerken will ich noch, dass die ganz anämischen Lungen nicht, dagegen 
das ebenfalls anämische Gehirn fest gefroren war.^ 



*) Vergl. zahlreiche andere Fälle der mannigfachsten und erheblichsten Verietzun- 



§. 35. Inspection des todten Körpers, d) Verletzungen. 66—68. Fall. 145 



66. FaB. Riss der Lungenarterien durch ein eisernes Schwungrad, 

ohne erhebliche äussere Verletzung. 

Einem fönfj ährigen Knaben war ein grosses eisernes Maschinenrad auf den Körper 
gefallen und der Tod sogleich erfolgt. Auf der Mitte der Brust fand sich ein zoll- 
langer, schwach bläulicher, nicht sugillirter Fleck. Weder ein Brustbein-, noch ein 
Bippenbruch u. s. w. , aber der rechte Brustfellsack ganz und gar mit dünnflüssigem 
Blut ausgefüllt, als dessen (höchst seltne) Quelle ein drittelzollanger Einriss in die Lun- 
genarterie dicht an ihrem Eintritt in die rechte Lunge entdeckt wurde. Allgemeine 
Anämie, bei welcher doch aber auch in diesem Falle eine, sogar sehr deutliche Him- 
hjpostase und die Todtenflecke wie gewöhnlich (S. 22) nicht fehlten. 

67. Fall. Ueberfahren. Grosse Ruptur der Lunge und Leber. Keine 
Rippenbrüche. Aeusserlich nur einige oberflächliche, nicht blutunter- 
laufene Hautabschürfungen. 

Ein vierjähriger Knabe war überfahren worden. Die Leiche war sehr frisch und 
batte ein äusserst anämisches Aussehen. Ausser einigen unsngillirten Hautabschürfun- 
gen auf Brust und Ellenbogen keine Verletzung. Im rechten Pleurasack eine grosse 
Quantität dunk elflässigen Blutes, bei Leere des linken. Beide Lungen hellgrau, viel- 
fach unter der Pleura blutunterlaufen, so dass sie dadurch ein scheckiges Ansehen ge- 
wannen, emphysematös; vielfach mit erbsen- bis bohnengrossen Blasen besetzt, die 
bei der Frische der Leiche und da mehre von ihnen deutliche Blutunterlaufung am 
Bande zeigten, als interlobuläres Emphysem gedeutet werden mussten. Die rechte 
Longe in allen drei Lappen an ihrer hinteren Fläche zerfetzt Herz ganz blutleer. Die 
Leber am convexen Rande des rechten Lappens zermalmt. Alle Bauchorgane, nament- 
Hcfa die Nieren äusserst blutarm. Auch in der Bauchhöhle ein grosser Bluterguss. 
Weder Wirbelsäule, noch Rippen, noch Beckenknochen zeigten einen Bruch. 

68. Fall. Durch Anprallen abgerissenes Herz; Bruch eines Dornfort- 
satzes, Riss der Lunge und Leber ohne äusserlich wahrnehmbare 

Verletzungen. 

Gewiss einer der allerseltensten Leichenbefunde ist ein ganz abgerissenes 
Herz! Ein 24jähriger Qlashändler fuhr in strenger Winterkälte Nachts die Anhöhe von 
Spandau mit einem mit Glaskisten schwer beladenen Wagen hinab und war abgestie- 
gen, um die Pferde besser leiten zu können. Der Wagen aber kam in^s Rollen, und 
der Unglückliche wurde, unstreitig mit grösster Gewalt, gegen eine der Pappeln, die 
die Chaossee einfassen, geschleudert, an welcher man ihn noch in derselben Nacht todt 
liegend fsnd. Bei den allererheblichsten inneren Beschädigungen fand sich auch hier 
vieder bei der äussern Besichtigung der Leiche — Nichts als eine kleine Hautab- 
schilferung auf dem rechten Jochbogen und eine eben solche auf dem linken Oberarm. 
Wer hätte den innem Befund ahnen sollen! An und im Kopfe fand sich nichts Be- 
merkenswerthes, nur dass der Sinus tr ans versus mehr als gewöhnlich blutreich war. 
B«im Oeffnen des Rückgratkanals am Halse floss allmählig ein Quart dunkelflüssigen 
Blutes daraus hervor. Der Processus spinosus des ersten Brustwirbels war ganz ab- 



ien der harten und weichen Theile ohne äusserlich wahrnehmbare Spuren in der Ca* 
smstik des spec. TU. 

CAap«r*i g«riebU. Med. 5. Aufl. U. 2q 



146 §• 36 Inspection des todten Korpers. d) YerletzoDgen. 69. u. 70. Fall. 

gebrochen und lag lose in den weichen Theilen. Die Rückenmuskeln waren in der 
Tiefe in der ganzen Rückenl&nge sugillirt, das Mark abef war unverletzt In der lin- 
ken ßrust fanden sich dreissig Unzen dunkelflüssigen Blutes, und es fiel sogleich auf, 
dass man an der gewohnlichen Stelle kein Herz sah und dasselbe vielmehr lose ganz 
in der Tiefe gelagert war. Der Herzbeutel nämlich war in seinem ganzen Durchmesser 
zerrissen. Das Herz war von den grossen Gefassen ganz und gar abgerissen, so dass 
es fast frei in der Brusthohle lag. Die beiderseitigen Endungen der grossen Gefasse, 
namentlich der Pulmonararterie und der Aorta, konnten in der Brusthohle deutlich 
verfolgt werden. Das Gewebe war übrigens fest und derb, und das Herz enthielt m 
beiden Hälften, namentlich in den Ventrikeln, noch viel dynkles, coagulirtes Blot 
Auch die linke Lunge war in ihrem mittlem Einschnitt fast ganz durchgerissen, und 
endlich fanden wir im rechten Leberlappen noch einen zwei Zoll langen, k Zoll tiefen 
Einriss! Und nichts äusserlich an der Leiche Wahrnehmbares! 

69. Fall. Misshandlungen. Bruch von fünf Rippen ohne äussere 

Verletznngsspur. 

Ein Nachtstück aus dem gemeinsten Berliner Leben bietet folgender FalL M., ein 
höchst Jähzorniger Mensch , lebte mit der B. in wilder Ehe, aber auch täglich in Zank 
und Streit. Am 20. December früh war die B. noch ganz gesund gesehen worden. 
Mittags, als ein Stubennachbar nach Hause kam, misshandelte M. die B. auf die empö- 
rendste Weise, schlug sie abwechselnd mit der Faust und einem Holzpantoffel, wohin 
er auch traf, auf Kopf, Gesicht, Mund u. s. w., warf sie, ohne sich durch einen Augen- 
zeugen abhalten zu lassen, auf einen Tisch, auf die Diele, fasste sie bei den Haaren, 
und warf sie, wenn sie sich erheben wollte, wieder zu Boden. Eine Zeugin beobach- 
tete die Gepeioigte Nachmittags vom Hofe aus. Sie sah dieselbe halb entkleidet auf 
der Erde sitzen, mit Blut im Gesicht, geschwollenem Munde und fliegenden Haaren. 
Sie sah, wie M. sie dergestalt vor die Brust stiess, dass sie lang hinfiel. Die B. wollte 
dann aufstehen und nach dem Ofen gehen, wobei sie aber taumelte. Hier packte sie 
M. abermals, warf sie rücklings nieder und gab ihr nun Fusstritte vor Brust und Leib. 
Abends um 7 Uhr starb die Gemisshandelte. Allerdings fanden sich zahllose Hantab- 
schürfungen und Sugillationen an der Leiche, eine sugillirte Anschwellung der Augen- 
lider und eine Zerreissung der Schleimhaut der Lippen, offenbar von den Schiigen mit 
dem Holzpantoffel vor den Mund; wichtiger aber war der, durch keine änsserlicbe 
Spur am Leichnam geahnte Bruch der fünf ersten Rippen rechter Seite und ein Ex- 
travasat von einer halbe Drachme halbgeronnenen Blutes auf der Varolsbrücke. 

Hierher gehört auch der schon oben (§. 30. S. 107) mitgetheilte Fall von Bmcb 
von vier Rippen und Leberruptur ohne all^ äussere Spuren. 

70. Fall. Ruptur des Gehirns durch Ueberfahren ohne äussere 

Kennzeichen. 

Ein bejahrter Schneider war durch Ueberfahren getodtet worden. Die ganze Leiche 
nicht nur, sondern namentlich auch der Kopf^ boten nicht das geringste von der 
Norm Abweichende dar. Und dennoch fand sich eine Fissur vom Ende der Pfeilnath 
bis zur Mitte des Schuppentheils des linken Schlafbeins, und darunter lagen auf der 
Gehimhemisphäre drei Loth schwarzen geronnenen Blutes. Unter demselben befand 
sich endlich noch der sehr seltene Befund einer Zoll langen und klaffenden Ruptur des 
Gehirns, die mit zwei Unzen eben solchen Blutes ausgestopft war. Der Mann halte 
noch sieben Stunden gelebt, und es waren ihm, wie die Leiche ergab, noch blutige 



§. 36. Inspection des todten Körpers, d) VerletzungeD. 71. a. 72. Fall. 147 

Scfaropfkopfe in den Nacken gesetzt worden. — Ich habe unter weit mehr als tausend 
gerichtüchen Leichenöffnungen nur diesen und einen zweiten Fall Ton Gehimruptur ge- 
sehen. Daas dieselbe, wie alle Organrupturen, eine höchst erhebliche äussere Gewalt 
ronussetst, ist bekannt, denn gesunde Organe reissen überhaupt nur in Folge einer 
solchen. 



71. FaU. Sturz aus der Hohe; Fractur des Schädels; Riss des Herz- 
beuteis, der Leber und Milz; Einknickung von Rippen ohne äussere 

Spuren. 

Durch eine nicht seltene UnTorsichtigkeit fand ein reicher Brauherr in seinem 
eigenen grossartigen Etablissement einen schrecklichen Tod. Man hatte nämlich eine 
F&Uthör, die von der oberen Etage nach einem sechsundvierzig Fuss tiefen ausgemauer- 
ten Kellerschacht führte, in welchem die grossen Bierfässer lagen, offen gelassen, und 
in der Dunkelheit stürzte der Unglückliche in diesen Schacht hinab, und ward, alsbald 
Termisst, todt heraufgezogen. Er war erst 44 Jahre alt geworden. Die Hautbedeckun- 
gen auf der linken Schädelhälfte waren in einem grossen Winkel abgeplatzt, ein Be- 
weis, dass der Mann auf einen scharfen Rand, wahrscheinlich den eines Fasses, aufge- 
fallen war. Das ganze Gehirn fand sich mit einer liniendicken Schicht dunkeln geron- 
nenen Blutes überzogen, und eben solche Extravasate sahen wir in den Seitenyentrikeln. 
Die Basis cranii war queerübcr in zwei Theile auseinandergespalten, was allein einen 
Beveis der ausserordentlichen Gewalt abgab, die auf den Körper eingewirkt haben 
onsste. Andere Beweise eben daför gaben eine Zerplatzung des Herzbeutels seiner 
ginzen Länge nach, wobei aber das Herz unverletzt geblieben war^ ein zwei Zoll langer 
bansverseller Riss der Leber an der unteren Fläche des linken Lappens und ein eben 
»Icher an der Milz. Endlich fanden sich auch noch die vier ersten linken Rippen ein- 
geknickt Und bei diesen furchtbaren inneren Verletzungen zeigte die Oberfläche der 
Leiche weder an der linken Brustseite über den geknickten Rippen, noch in der Milz-, 
noch in der Lebergegend auch nur eine Spur einer Sugillation. 

71 FaU. Sturz aus der Höhe; Bruch des Brustbeins und der Rippen, 
Bruch eines Halswirbels; Ruptur des Rückenmarks und der Leber ohne 

äussere Merkmale. 

Ein dreissigj ähriger Tagelöhner war sechzig Fuss tief in eine Kalkscheune hinab- 
gcstiizt, bewusstlos und röchelnd liegen geblieben, und in diesem Zustande nach drei 
Stondoi gestorben. Ausser unbedeutenden Hautabschilferungen an den Händen und 
dotereitremitäten und einer geringen Sugillation im Nacken fand sich äusserlich 
keine Spur einer Verletzung, noch ein auf innere Verletzungen deutendes Merkmal. 
Die Obdnction ergab: 1) apoplectische Hyperämie in beiden Gehirnen; 2) einen Bruch 
dee dritten Halswirbels, womit gleichzeitig ein Abbruch des Processus spinosus ver- 
Irnndoi war; 3) war an dieser SteUe das Rückenmark queer durchrissen und der Wir- 
bekanal mit halb eoaguiirtem Blute ausgestopft; 4) war das Stemum von seinem 
Handgriff scharf abgebrochen, und 5) waren die zweite, dritte und vierte rechte Rippe 
gebrochen. Endlich fand sich 6) im rechten Leberlappen ein nur oberflächlich eindrin- 
gender T-(ormiger Riss, und 7) eine kleinere Ruptur im Lobvdus quadratus. (Die 
geringe Menge von nur drei Unzen in die Bauchhöhle ergossenen Blutes erklärte sich 
tos der Oberflächlichkeit der Leberrupturen.) 

10* 



148 §• 36. Inspection des todten Körpers, d) VerletzuDgen. 73—76. Fall. 



73. Fall. Zerquetschung des Schädels ohne äussere Spuren. 

Das achtjährige Mädchen war Yon einer Wäschrolle am Kopfe gequetscht worden 
und augenblicklich todt geblieben. Ein kleiner brauner Streif an der rechten Backe 
und angetrocknetes Blut im rechten Obre waren die einzigen äussern YerletKungssparen. 
Die Obduction ergab einen Queerbruch der ganzen Schädelgrundfläche, die sieb, wie so 
oft in ähnlichen Fällen, chamierartig bewegen Hess. Alle Ventrikel waren nui zum 
Theil geronnenem Blute ausgestopft. 

74. Fall. Bruch des Schaambeins ohne äussere Spuren. 

Ein 81 jähriger Schiffer war durch Ueberfahren nach fanf Stunden getödtet worden. 
Aeuifserlich keine Verletzung als eine kleine, thalergrosse Abschindung am linken 
Oberarm, innerlich Einknickung der sechsten linken Rippe und in der Bauchbohle starke 
Blutinfiltration in allen Duplicaturen des Bauchfells, zusammenhängend mit einem Split- 
terbruch des horizontalen Astes des Schaambeins, der sich äusserlich nicht durch die 
geringste Verletzungsspur merklich gemacht hatte. 

75. Fall. Sturz aus der Hohe; Rupturen der Lungen, Aorta, Leber, Kilz, 
Nieren; Brüche sämmtlicher Rippen rechterseits und Bruch der Wirbel- 
säule; keine äussere Verletzung. 

Ein 28j ähriger Mann war aus der fünften Etage eines Neubaues herabgestürzt und 
schnell gestorben. Ausser zwei Silbergroschen grossen Hautabschürfungen, die eine am 
rechten Oberarm, die andere auf der rechten Brusthälfte, nichts Auffallendes an der 
Leiche. Innerlich zeigten sich die Lungen vielfach eingerissen, der obere Lappen der 
rechten Lunge war mitten durchgerissen, in beiden Thoraxhälften viel Blut ergossen. 
Die Aorta drei Zoll unterhalb des Bogens mitten durchgerissen, der sechste und siebente 
Rückenwirbel luxirt, so dass man einen Finger zwischen beide legen konnte, sowie der 
Proc. transversi gebrochen. In der Unterleibshöhle ebenfalls viel Blut ergossen. Viel- 
fache transverselle Rupturen der Leber, Rupturen der Milz und Nieren. 

76. Fall. Sturz aus der Hohe. Schädel- und Rippenbrüche. Rupturen 

der Lunge, Leber, Milz und Nieren ohne äussere Verletzung. 

Am Tage vor der Obduction (im Juni bei + 24 " R.!) war ein 42jähriger Dach- 
decker fünfzig Fuss hoch vom Dach herunter gestürzt, und augenblicklich todt geblieben. 
Wieder einmal, wie immer in solchen Fällen, verrieth keine äussere Spur am Leich 
nam die erheblichen inneren Verletzungen) weil der plötzliche Tod Reactionserscheinan- 
gen niemals zu Stande kommen lässt. Die Dvra maUrr war bleich, dagegen starke 
Anfüllung der Pia m af er - Venen auf der rechten Himhemisphäre , wo ein haselnuss- 
grosses Extravasat von geronnenem Blut lag. Fissur im linken Scheitelbeine, die 
sich zickzackig in die Basis hinein erstreckte, und bis in die rechte iSeite liinnber, 
theils vor, theils hinter dem Türkensattel verlief. Auffallende Anämie in der Kopfbohle, 
die sogleich auf innere Blutung deutete. Rechte Lunge und ihr Sack normal. Links 
war die fünfte Rippe gebrochen, und an der entsprechenden Stelle zeigte sich ein zwei 
Zoll langer, f Zoll klaffender Riss in der linken Lunge, der sich aber nicht wie ein 
Anstich von der Rippe, sondern als wirkliche Lungenruptur verhielt Im Sack über 
zwei Pfund flüssiges Blut. Herz und grosse Gefässstämme leer. Im linken Leberlappen 
sechs longitudinale, und im rechten zwei kleinere Risse, ohne sehr erheblichen Blnt- 
erguss in die Hohle, ferner sehr zahlreiche Rupturen in der Milz, die zickzackig davon 



§. 36. Inspection des todten Korpers. d) Verletzungen. 77. a. 78 Fall. 149 

dofchfiireht war. Jede Niere zeigte zwei bis drei sehr oberflächliche, kaum eine Linie 
tief eindriogende Risse. Endlich waren die ganzen Bauchdecken linker Seits im Zell- 
^webe mit geronnenem Blute durchsetzt. Alle übrigen Baucb Organe, die, wie ich 
xboa froher angeführt, weit seltener reissen, als die hier aufgezählten, waren un- 
ferletzt 

77. FalL Sturz aus der Hohe. Ruptur der Vena cava^ Leber, Milz und 

Nieren ohne äussere Verletzung. 

Ein ganz ähnlicher wie der vorige Fall. Hier war es ein 30 Jahre alter Maurer, 
der hoch Ton einem Neubau herabgestürzt und auch gleich todt geblieben war. Sehr 
selten war der Befund einer Ruptur der Vena cava inferior dicht am Herzen. Aus- 
serdem fanden sich ein zwei Zoll langer Leberriss an der Insertionsstelle des LAgam, 
suspensor,^ und Tielfache Zickzackrupturen der Milz und beider Nieren. Aeusserlich 
am Leichnam keine andere Spur einer Verletzung, als eine abgeschundene Stelle am 
linken Ellbogen. Obgleich der Tod augenblicklich erfolgt war, fanden sich dennoch 
sehr Tiele Blutcoagula in dem in die Höhlen aus den Rupturen ergossenen Blut 

79. Fall. Ruptur des Mesenteriums und Darms. Keine äussere Ver- 
letzung. 

Ein höchst seltener Fall ! Der 60jährige Mann war im Streit aus einer Restauration 
hinaus geworfen worden und dabei eine Treppe hinunter gestürzt Aeusserlich keine 
YerletEong. Aus der Bauchhöhle wird yiel flüssiges Blut ausgeschöpft Der Dünndarm 
ist nenn Zoll lang vom Mesenterium abgerissen, und selbst durchgerissen. Die Riss- 
enden waren stumpf und ungleicbrandig, blutig imbibirt. Das Mesenterium an der ab- 
gerissenen Stelle Yon geronnenem Blute suffundirt, ebenso der am Darm haftende Rest 
des Mesenteriums. Unterhalb der Rissstelle fand sich ein Fuss lang Blut in dem Darme 
TOT, oberhalb der Rissstelle war der Darm leer. Der Darm zeigte sich übrigens gesund. 
Es scheint, dass die durchrissenen Stellen in der Nähe einer Dünndarmschlinge gelegen, 
welche einen Bruchsack füllte. Li dem Bruchsacke selbst war keine blutige Suffusion 
vorhanden. Im Uebrigen die Zeichen des Verblutungstodes*). 

2) Ganz ungemein bänflg findet man bei Leichen von Menschen, 
die eines gewaltsamen Todes gestorben sind, hier nnd da am Körper, 
namentlich an der Stirn, im Gesieht, auf den Ober- nnd Unter- Extre- 
mitäten, den Ellenbogen, Handrücken, Knöcheln, am Schienbein n. s. w. 
einen oder mehrere verdächtige Flecke. Es sind kleinere, etwa ^ — ^ — \ 
Zoll hn Darchmesser haltende, gewöhnlich rundliche, rothe oder roth- 
branne, oder schmutzig gelbbraune, mehr oder weniger hart und leder- 
artig anzufühlende oder zu schneidende Stellen, die, wenn man sie ein- 
schneidet, wohl eine schwache Anfüllung der kleinen Hautgefässe, oft 
auch nicht einmal diese, aber keine eigentliche Sugillation ergeben. Es 
können diese Flecke den gerichtlichen Arzt in Verlegenheit setzen, und 
sie erfordern auch in der That in solchen Fällen, in denen der Tod des 



*) Einen anderen Fall Ton Ruptur des Gekröses mit allerdings geringen äusseren 
Verletzungen durch (Jeberfahren s. Casper's Novellen S. 342. 



150 §• ^^' Inspection des todten Korpers. d) Verletzungen. 

Betreffenden unter verdächtigen Umständen auf eine, bis dahin noch ganz 
nnd gar unbekannte Art erfolgt war, die genauste Beachtung und Be- 
schreibung, da sie möglicherweise auf einen vorangegangenen Kampf 
deuten und immerhin Licht geben kOnnen. Aber in der Hehrzahl der 
Fälle, und die Umsicht des Gericbtsarztes wird ihn den Unterschied bald 
kennen lehren, haben diese Pseudo-Sugillationen eine ganz andre 
Bedeutung, indem sie nämlich nichts Andres sind, als Folgen eines Hin- 
fallens oder Anstreifens des niederstürzenden Menschen im Mo- 
ment des Todes auf oder an irgend einen harten Körper, wo sie dann 
natürlich mit der Todesursache nicht im allergeringsten Zusammenhange 
stehen. Eben so leicht entstehen dieselben sogar nach dem Tode durch 
den rohen Transport u. dgl. Ueber die Möglichkeit einer solchen Ent- 
stehung von Pseudo-Sugillationen selbst noch Tage lang nach dem Tode, 
oder von ähnlichen Veränderungen an der Oberfläche, die leicht mit le- 
bendigen Beactions-Erscheinungen verwechselt werden können, haben ans 
sehr vielfache Versuche an Leichen vollständigste Gewissheit gegeben. 
Je früher man nach dem Tode des Menschen an der Leiche experimen- 
ürt, desto auffallendere Erscheinungen wird man finden. Wenn man ei- 
nen Theil mit einer groben Bürste oder mit einem groben woUenen 
Lappen tüchtig nnd anhaltend reibt und excoriirt, oder wenn man die 
Leiche auf einem rauhen Fussboden schleift und den Leichnam nach 24 
— 36 Stunden wieder beobachtet, so findet man oft Erscheinungen, die 
man nnzweifelhaft für im Leben erzeugte Reaction halten möchte, helle, 
zinnoberfarbene Röthe, die deutlich von der umgebenden Leichenfarbe ab- 
sticht, schmutzig gelbbraune Hautkrusten, die vertrocknet und hart zu 
schneiden sind u. dergleichen. Versuche, die beweisen, dass unsre obige 
Deutung jener so häufigen Befunde an Leichen die naturgemässe und 
richtige ist. Vollkommen bestätigend sind Engel^s Beobachtungen in 
seinen ganz ähnlichen Versuchen, die Jeder mit demselben Erfolge wie- 
derholen wird. Engel sagt*): „Wenn man eine Hautstelle an der Lei- 
che excorürt, d. h. durch wiederholtes Schaben von derselben die Epi- 
demua entfernt, so wird sie, bei der nun gewordnen Möglichkeit einer 
raschem Verdunstung, nothwendig schneller und besser austrocknen 
müssen, als jede andre, nicht in dieser Art behandelte Hautstelle. Die 
80 präparirte Stelle erlangt dadurch alle jene Eigenschaften, welche man 
an Hautstellen gewahrt, die noch während des Lebens durch Frottiren 
verändert worden sind, denn bei beiden Fällen sind gleiche Bedingungen, 
die Möglichkeit eines raschen Vertrocknens vorhanden. Die Farbe der 
so behandelten und an der Leiche vertrockneten Stelle kann von dem 
Untersucher nach Belieben bestimmt werden. Bewerkstelligt man die Ex- 



*) A. a. 0. S. 322. 



§. 36. Inspection des todten Korpers. d) VerletzuDgen. 151 

coriation an jenen Stellen der Leiche, an denen sich blutige Hypostasen 
nicht bilden können, dann wird, wie gewöhnlich bei den frottirten Stel- 
len, die vertrocknete Haut hellgelbUchbrann , an den Kanten helldorch- 
scheinend sein. Nimmt man dagegen die Excoriation an einer Stelle vor, 
an welcher entweder bereits Leichenhypostasen sind, oder sich leicht 
bilden können, dann erhält die excoriirte Stelle allmählig ' eine schwarz- 
braune Farbe. In keinem dieser Fälle lässt sich die Leichenexcoriation 
von einer im Leben eingetretenen unterscheiden.^ Wir können nicht drin- 
gend genug auf diese Erfahrungen und Beobachtungen aufmerksam ma- 
chen, denn die Fälle sind zahllos, in denen ans Nicbtkenntniss oder 
Nichtachtung derselben die unrichtigsten und doch practisch wichtigsten 
Schlüsse gezogen werden. — Hieran schliesst sich bei wirklich am Leich- 
nam vorgefundenen Verletzungen die Frage: 

3) ob dieselben im Leben oder nach dem Tode entstanden wa- 
ren? Wir haben hier zunächst das Griterium des in einer Verletzung 
vorgefandenen geronnenen Blutes wieder aufisunehmen. Es war oben 
(S. 26) auseinander gesetzt worden, dass das Blut einer gewissen Zeit 
zn seiner Gerinnung bedürfe, während welcher natürlich der Tod eines 
Verletzten erfolgt sein konnte. Wenn schon hieraus folgt, dass das 
unmittelbar nach dem Tode aus einer dem bereits Verstorbenen beige- 
brachten Verletzung hervorgetretene Blat noch gerinnen könne, so wird 
dnrch directe Beobachtung diese Thatsache unterstützt. Wir haben uns 
hiervon durch Sectionen von Aderlasswunden, welche an eben Verstorbenen 
gemacht waren, überzeugt, und das Goagulum, welches frei neben der 
Venenwunde lag, mit dem Messer herausnehmen können und auch uns 
darüber durch Nachfragen bei denjenigen Aerzten, welche die Venae- 
seetionen gemacht hatten, versichert, dass diese nach eingetretenem. 
Tode gemacht waren. Hiermit stimmen auch die Untersuchungen Tay- 
lor 's*) an amputirten Gliedmassen überein Allein man geht offenbar 
viel za weit, wenn man, wie Casper dies gethan hat, dem Befände ge- 
ronnenen Blutes in oder um eine Wunde gar keinen diagnostischen 
Werth far die Entscheidung des vitalen Urspnmges einer Veletzung be- 
lassen will. Denn es handelt sich hier gar nicht allein um die Gerin- 
nnngsfthigkeit des Blutes eines Todten, sondern um für das Zustande- 
kommen dieses Befundes wichtigere Momente. Zum Zustandekommen 
der Gerinnung gehört doch zunächst Blut. Aber mit dem Tode er- 
bleicht bekanntlich der Körper, d. h. es entleeren sich die Hautgefässe, 
das Bht folgt den Gesetzen der Schwere und senkt sich nach den ab- 
hängigen Körpertheilen , es fehlt die Propulsionskraft des Herzens und 
die Geftsse verlieren ihre Contractilität. Mithin vnrd wenig oder gar 



*) Tay'lor, Med. Jurisprudencf. London 1865. S. 385. 



152 §• 36- laspection des todten Korpers. d) Verletzungen. 

kein Blat ergossen nnd wird anch nicht in der Umgegend der einem 
Todten beigebrachten Wunde geronnenes Blut in irgend reichlichem 
Maasse gefunden werden können. Eben aus diesen Gründen gelang es 
auch Skrzeczka in seinen sehr bald nach dem Tode angestellten Ver- 
suchen nichts Sugillationen zu erzeugen und wir kommen desshalb zn 
demSchluss, dass Sugillationen nicht nach dem Tode erzeugt 
werden, dass zwar geringe Blutgerinnsel sichln der Wunde, 
welche einem eben Gestorbenen beigebracht sind, finden 
können, dass aber ein irgend reichlicher coagulirter Blut- 
erguss den vitalen Ursprung einer Verletzung anzeigt. 
Wenn Wald*) meint, dass es genüge auszusprechen, eine Verletzung 
sei entweder während des Lebens oder bald nach den Tode entstanden, 
weil schwerlich ein anderer als ein Mörder daran denken werde den 
Körper unmittelbar nach dem Tode in tödtlicher Weise zu verwunden, 
80 können wir dem nicht beistimmen und erinnern daran, dass meh- 
rere Thäter betheiligt sein können, von denen der eine immerhin straf- 
bar, doch nicht unter Anklage des Mordes oder des Todtschlages wird 
gestellt werden können , wenn er eine Leiche verletzte, und dass gerade 
femer diese Frage von brennender Wichtigkeit werden kann bei 
Neugebornen, welche die Mutter verletzte und für welche die Athem- 
probe ein negatives Resultat ergiebt, so dass man alsdann aus dem 
Befunde eines noch so geringen Blutgerinnsels in der Verletzung allein 
deren viti^en Ursprung zu deduciren sich für berechtigt halten möchte, 
wie dies nach dem oben allegirten Tardieu' sehen Ausspruch fälsch- 
licher Weise geschehen kann. 

Zweitens ninmit man an, und findet man selbst in den bessern 
Handbüchern angegeben, dass sich Verletzungen am Lebenden von Ver- 
letzungen, die erst dem Leichnam zugefügt wurden, sehr leicht durch 
den Mangel jeder Reactionserscheinung im letztem Falle, wie Entzün- 
dung, Blutung, Eitemng, Anschwellung oder Vemarbung der Wundr&nder, 
Granulation u. s. w. unterscheiden lassen, und Jeder, der einmal einer 
Leiche einen Stich oder Schnitt beigebracht, meint, den sichem Beweis für 
die Richtigkeit dieses Satzes geführt zu haben. Er ist auch, in dieser sei- 
ner positiven Fassung hingestellt, unbestreitbar richtig, obgleich es dennoch 
nicht überflüssig sein wird , schon hierbei einige wenige Einschränkungen 
anzufügen, die die Erfahrung kennen lehrt. Entzündung, Sugillation an 
den Wundrändem, Eiterung wird und kann man allerdings natürlich niemals 
an einer Verletzung des Todten wahrnehmen ; aber bei sehr fetten Snb- 
jecten kommt es nicht selten vor, dass aus einer ihnen nach dem Tode 
beigebrachten Wunde, namentlich einer Schnittwunde, zumal wenn die 



•) Wald, Uebersettung Taylor's. Bd. 1. S. 23. 



§. 36. Inspection des todten Korpers. d) Verletzungen. 153 

Leiehe zu schwellen aoiftngt, sich das sttbcntane Fett hervordr&ngt and 
die Ränder mehr oder weniger nmstülpt, wo dann schon eine gewisse 
T&Qsehiing über die Zeit des Entstehens solcher Wunde bedingt wird. 
Diese Tänschnng wird sehr yermehrt, wenn etwas Blut aus der Wunde 
hervorsickert, was zumal der Fall ist, wenn diese an abschfissig gela- 
gerten Theilen ihren Sitz, und wenn das Blut eine besonders flüssige 
Beschaffenheit hat. Man mache den Versuch an einigen Leichen, bei de- 
nen diese Bedingungen zutreffen, man lasse sie nach der Verletzung 
noch einen bis zwei Tage liegen, und beobachte dann die Beschaffenheit 
der Wunde, und man wird dies genau bestätigt finden. Man lasse sie 
aber Tollends Wochen oder gar Monate lang liegen, und man wird noch 
etwas Andres finden. Der Natur der Sache nach wird sich der Versuch 
auf diese Weise allerdings niemals anstellen lassen; allein die Resultate 
desselben zeigt die gerichtliche Praxis auf einem andern Wege, ich meine 
an Leichen, die so lange an einem gewissen Orte, namentlich im Was- 
ser, ungeahnt gelegen hatten, und erst als schon verweste Körper auf- 
gefunden waren. Hier ist die ganze Oberfläche, beziehungsweise vielleicht 
nnr der Theil, in welchem sich die Verletzung befindet, grün, graugrün, 
?on der Oberhaut entblOsst, grosse Hautvenenstränge, mit zerzetztem 
Blut angefüllt, durchfurchen die Stelle, die Ränder der Wunde sind mat- 
schig erweicht, Fett und Blutwasser quellen daraus hervor, und ich kann 
Tersichem, dass selbst der Geübte in solchem FaUe aus der blossen 
äassem Untersuchung Anstand nehmen kann, sich mit Gewissheit über 
die Frage: ob im Leben oder nach dem Tode ? zu entscheiden, und sich 
giückh'di schätzen wird, wenn die innere und weitere Untersuchung ihm 
darüber Licht giebt, was auch nicht einmal immer der Fall ist. Li wie- 
der andern Fällen kann der Thatbestand auf eine noch anderartige Weise 
verdunkelt werden, durch Verbrennen des Körpers nämlich, beziehungs- 
weise durch Verbrennen und Versengen derjenigen Körperstellen, in de- 
nen gerade die Verletzung sich befindet, was nicht so selten vorkommt. 
Hier kann auch eine Untersuchung der Ränder, des Grundes der Wunde 
Q. 6. w. kaum oder gar nicht stattfinden weil sie verkohlt sind, wie die 
ganze Umgebung, und man kann, wenn nicht die weitere Untersuchung 
Aufklärung giebt, vollständig im Unklaren bleiben. — Wenn hiernach 
schon der obige Satz von den Reactionserseheinungen als diagnostischer 
Leiter Einschränkungen erleidet, deren ich nirgends Erwähnung gethan 
finde, 80 tritt nun noch ganz besonders ein andrer Umstand hinzu, der 
nämlich, dass der Satz in seiner negativen Fassung vollständig unrich- 
tig ist. Hiemach würde es nämlich leicht sein, Verletzungen des Lebenden 
Ton Verletzungen des Todten zu unterscheiden, und letztere da mit Sicher- 
heit anzunehmen, wo keine Reactionserseheinungen an der Leiche zu 
finden sind, keine Spuren von Sugillation an den Wundrändem, von 



154 §• 36. loBpection des todten Korpers. d) Verletzungen. 79. Fall. 

entzündlichem Hofe, von Eitening u. dgl. Und dennoch kommen die ent- 
gegengesetzten Fälle vor, nnd sie kommen unter gewissen, leicht zu 
neimenden Bedingungen ganz constant vor. Schon in dem oben tub 
2) in diesem Paragraphen Angeführten haben wir Aehnlichkeiten zwischen 
beiden Verletzungen, denen des Lebenden und denen der Leiche, ken- 
nen gelernt. Die Aehnlichkeit ist aber noch weit grösser und weit täu- 
schender, weim der Tod grade durch die Verletzung, die dem Lebenden 
zugefügt wurde, gleichsam blitzschnell erfolgte, also bei Stich-, Schnilt- 
und Hiebwunden, die ein sehr wichtiges Gefäss, eine Carotis^ Ju^ularü 
u. s. w., oder die das Herz, die Lungen in emer erheblichen Ausdeh- 
nung u. dgl. m. getrofTen hatten. Der Verletzte stirbt hier gleichsam 
nicht, d. h. Leben und Tod sind hier nicht durch den Mittelzustand 
einer Agonie, des Aktes des Sterbens, getrennt: er lebt und er ist todt 
in derselben oder in wenigen Secunden. Man wird sich a priori sagen, 
dass in solchen Fällen irgend eine lebendige Reaction, sei es auch nur 
eine Sugillation der Wundränder, geschweige deren Eiterung, Anschwel- 
lung u. s. w. gar nicht mehr zu Stande kommen kann, und die Erfah- 
rung bestätigt dies auf das Schlagendste, indem sie zeigt, dass in sol- 
chen Fällen die Verletzung an der Leiche des durch sie GetOdteten 
sich genau so darstellt, dass wenn man, nach geschlossener Obduction, 
eine ganz ähnliche Verletzung absichtlich in ihrer Nähe zufügt, beide 
gar nicht mehr von einander zu unterscheiden sind. In Erwägung alles 
hier Angeführten muss also der Satz hingestellt werden: dass es kei- 
nesweges in allen Fällen leicht ist, Verletzungen, die dem 
Lebenden zugefügt wurden, von Verletzungen des Todten 
zu unterscheiden. Dass dies eine practische Wichtigkeit hat, und 
dass Verletzungen des Todten wirklich, und namentlich auf mehrfache 
Weise bei Wasserleichen, und bei verscharrten, oder bei Leichen, die 
aus Abtritten, Düngerhaufen u. dgl. herausbefßrdert wurden, gar nicht 
selten durch die dabei gebrauchten Werkzeuge zugefügt werden, in wel- 
chen Fällen dann jedesmal diese Frage zu entscheiden ist, braucht nicht 
weiter ausgeführt zu werden. Beweise für den obigen Satz liefern, ab- 
gesehen von vielen anderen in der Casuistik dieses Werkes mitgetheil- 
ten, folgende Fälle. 

79. Fall. Durbohrung des Brastbeins durch einen Stich; Verletzung 

des Aortenbogen. 

Arbeitsmann Siegel, früher Scharf richterknecht, war von seiner Fran TerBchmibt 
worden, und alle Versuche, sie wieder zu Yersöhnen und sie zu bewegen, wieder zu 
ihm zu ziehen, waren vergeblich. Da beschloss er, einen letzten Versuch zu machen, 
und wenn dieser scheitere, sie zu todten. Dies geschah, indem er ihr mit den Worten: 
„nun dann hast du deinen Lohn" ein gewohnliches Tischmesser in die Bnist sti«ss. 
Es drang, wie S. mir im Geßmgniss wiederholt gesagt hat, „wie Butter* ein, uiid d<xb 



§. 36. Inspection des todten Korpers. d) Verletzungen. 80. u. 81. Fall. 155 

bitte es die unerhörte Verletzung gemacht, das Brustbein in der Länge eines Zolles 
pja zu penetriren. Die Wundrander im Knochen waren ganz glatt, ohne Spur von 
Splittenmg oder Bruch. In der Brusthöhle fand sich in beiden Pleurasäcken zusammen- 
genommen ein halbes Quart dnnkelflüssiges, theilweis coagulirtes Blut, und eben solches 
geronnenes Blut in der Menge von acht Unzen erfüllte den Herzbeutel. Es ergab sich, 
dan der Hesserstich in die rechte Lunge an der Insertionsstelle der grossen Gefasse 
angedrungen war, und auch den Herzbeutel so wie den Aortenbogen, i Zoll von seinem 
Ursprünge aus dem Herzen, durchbohrt hatte. Die Aortenwunde hatte eine leichte, 
bilbmondformige Krümmung, war einen halben Zoll lang und hatte scharfe, schwach 
bläuliche R&nder. An der untern Wand des Aortenbogens zeigte sich eine ganz ähn- 
liche, sichelförmige Wunde, ebenfalls mit scharfen, bläulichen Rändern, so dass also der 
ÜMserstich den Aortenbogen, wie das Brustbein ganz durchspiesst hatte. Die Verletzte 
war mit einem Schrei todt umgesunken. Merkwürdig war die Beschaffenheit der äusse- 
ren Stichwunde; sie stellte sich dar als eine, zwischen der ersten und zweiten linken 
Rippe, nahe an deren Brustbeinansatz, schräg von aussen nach innen verlaufende, 
i Zoll lange, i Zoll breite Wunde mit scharfen, glatten, weder entzündeten, noch 
irgend sugillirten Rändern und mit spitzen Winkeln. Da auch keine Spur von 
flossigem oder angetrocknetem Blute an oder in der Wunde sichtbar war, so zeigte die- 
selbe vollkommen das Ansehen einer, erst einem Leichnam zugefügten Verletzung. Dass 
die iussere Wunde übrigens mit der inneren nicht correspondirte, war aus der seitlichen 
Körperwendung zu erklären, in welcher Denata die Verletzung erhalten hatte, während 
sie jetzt in der Rückenlage auf dem Sectionstisch lag, wobei sich natürlich die Haut- 
bedeckungen verschoben hatten*). 

80. Fall. Messerstich in die Lunge. 

Bin vierzehnjähriger Knabe hatte von seiner erzürnten und halb angetrunkenen 
Sdefmutter einen Stich mit dem Messer, womit sie eben einen Fisch schlachtete, in den 
Rocken bekommen, war wenige Minuten danach ohnmächtig zusammengestürzt und sechs 
Stunden darauf gestorben. Die Rückenwunde war zehn Linien lang, in ihrer klaffenden 
Mitte drsi Linien breit, hatte sehr scharfe und glatte, aber vollkommen unsugillirte, 
weiche und trockene, kurz genau solche Ränder, wie sie, einem Leichnam zugefügt, 
bitte beschaffen sein können. Die Todesursache war innere Verblutung durch den 
anderthalb Zoll tief in den unteren Lappen der linken Lunge eingedrungenen Stich, 
denn im linken Brustfellsack fanden wir vier medic. Pfund dunkelflüssigen, einige 
('oa^ula enthaltenden Blutes. Der übrige Befund war eine allgemeine Anämie, an 
welcher jedoch , wie gewöhnlieh, die hinteren Oehirnvenen imd Sinus keinen Theil 
luümieB. (Vergl. Verblutungstod im spec. Theil.) 

81. Fall. Stiletstich in die Lunge. 

Ein seiner Umstände wegen sehr betrübender Fall! Bei einem bürgerlichen Fa- 
Büienfeste war eine höchst bedeutende Menge baierschen Biers genossen worden. Der 
Schwager des Hauswirths ward sinnlos betrunken. In diesem Zustande ging er nach 
der Koche und holte eine dort befindliche, zum Braten von Heringen bestimmte, abge- 
brochene Civildegenklinge, einen Fuss lang und einen halben Zoll breit, die, als Brat- 
spiess geschliffen, sehr scharf und ganz spitz zulaufend war, kehrte damit in's Zimmer 



*) Zwei Fälle von penetrirenden Stichwunden in das Brustbein von Angenstein 
8. in Tierteljahrsschrift etc. 1863. XXU. 2. S. 330. 



166 §• 36. Inspection des todten Korpers. d) Verletzungen. 82. FalL 

mriick und focht taumelnd damit umher. Sein Schwager ging auf ihn zu, der Tnm- 
kene umarmte ihn, und stiess ilmi bei dieser Gelegenheit des Stilet in den Röckea. 
Nach dreiviertel Stunden starb der Verletzte. Die Leiche war wachsbleich. Am inneren 
JElande des rechten Schulterblattes fanden wir eine viertelzolllange , in der Mitte i Zoll 
klaffende Wunde mit scharfen, glatten, ganz trockenen, vollkommen 
todtenbleichen und unsugillirten Rändern. Im rechten Pleurasack fanden 
sich anderthalb Quart theilweis geronnenes, meist aber flüssiges, dunkles Blut Der 
obere Lappen der rechten Lunge war horizontal von einem Stiche durchbohrt, der 
noch durch die Intercostalmuskeln zwischen der zweiten und dritten Rippe hindurchge- 
gangen war und im subcutanen Zellgewebe aber denselben endete. Der Körper wir 
im Uebrigen naturlich blutleer, und nur die Venen der Pia mater nahmen an der all* 
gemeinen Anämie keinen Theil. 

82. Fall. Schuss in das Rückenmark. 

Am 16. October 1848 war ein grosserer Pöbelaufstand in Berlin, der einen hart- 
näckigen Barrikadenkampf zwischen den Aufständischen und der Bürgerwehr zur Folge 
hatte, welcher elf Menschen das Leben kostete. Unter diesen elf Erschossenen war nur 
Einer in Erfüllung seiner Pflicht einen ehrenvollen Tod gestorben, ein BürgerwehrmaDni 
der beim Erstürmen der Barrikade, die er bereits bis zur Hälfte erstiegen, von hinten 
und unten her den tödtlichen Schuss bekam. Die Kugel war in der Gegend des sie- 
benten Halswirbels eingedrungen, hatte die drei letzten Halswirbel zerschmettert und 
das Rückenmark zerrissen. Am rechten Unterkieferwinkel war der Schuss hinausge- 
gangen, und zeigte sich hier eine etwas eckige, nur silbergroschengrosse Oeffnung, die 
auf eine Spitzkugel schliessen Hess. Die Ränder beider Schuss wunden waren 
nicht im geringsten sugillirt, was der augenblicklich durch Zerreissnng des Hals- 
rückenmarks erfolgte Tod sehr leicht erklärt, und unterscheiden sich in keiner Beziehung 
von Schusswunden, wie wir sie an Leichen hervorgebracht haben« 

4) Sehr häufig sind die an der Leiche vorgefandnen Verletzungen 
kflnstliche, d. h. lege ar<i«- Verletzungen von Blutegelstichen, frischen 
Schröpfharben uAd frischen Aderlasswunden (hierhin gehören auch die 
Spuren der Rettungsversuche,) chirurgischen Näthen, Schnitten, Kreuz- 
schnitten und Amputationswunden. Hierüber ist nur zu bemerken, 
dass eine gewisse summarische Schilderung solcher Befunde für das 
! Protokoll genügt, mit Ausnahme derjenigen Fälle, in denen ein ärzt- 

\ liches Kunstverfahren der Gegenstand der Anklage und der Leichen- 

untersuchung ist, wo es dann natürlich anf die genauste Schilderung 
auch solcher Verletzungen, z. B. auch der Aderlasswunde, wenn sie die 
tödtliche Verletzung angeblich gewesen, ankommt. — In diese Kate- 
gorie gehören auch die bereits oben erwähnten und sehr oft vorkom- 
menden Verletzungen und Beschädigungen der Leiche, die sie als solche 
durch die Manipulation beim Auffinden, oder durch Benagen und An- 
fressen von Thieren davongetragen hatte. Namentlich und vorzugsweise 
sieht man diese, leicht zu erkennenden Beschädigxmgen an aus dem 
Wasser gezogenen Leichen Erwachsener wie Neugebomer, die mit 
Spiessen, Haken u. dergl. herausgezogen und so verletzt, oder von den 
gefrässigen Wasserratten angefressen worden waren. 



§. 36. Inspection des todten Körpers, d) Yerletzimgen. 157 

5) Endlich bleiben noch diejenigen, die Hehrzahl der betreffenden 
Fälle bildenden Verletzungen zu betrachten, welche wirklich von vom 
herein als Ursache des Todes zu betrachten sind. Der §. 10. des 
obigen „Regulativs^ schreibt schon das genaue, hier zu beobachtende 
Verfahren vor, wozu nur noch Folgendes zu bemerken ist. Auch die 
Wissenschaft kann es nur billigen, wenn das Regulativ jetzt „bei Ver- 
letzungen und Beschädigungen der Leiche, die ganz augenscheinlich einen 
nicht mit dem Tode in Zusanmienhang stehenden Ursprung haben*', nur 
»eine summarische Schilderung dieser Befunde'' fordert, und wenn 
es femer gestattet, „bei Blutunterlaufungen, abgeschilferten Hautstellen 
n. dgL, die gleichfalls augenscheinlich nicht mit dem Tode im Zusam- 
menhang stehen, dieselben ihrer allgemeinen Gestalt nach mit bekann- 
ten Körpern zu vergleichen, z. B. einem Geldstück, einer Frucht und 
dergleichen.'' Die wissenschaftliche Ermittelung der Todesursache wird 
durch solche Nebenbefunde nicht befestigt. Es kommen Leichen vor, 
Mmentlich in Fällen, wo ein Mord nach hartnäckigem Kampfe verfibt 
wurde, oder wo der Mensch nach unzähligen Misshandlungen starb, 
in denen man eine solche Unzahl von äussern Befunden zu erheben 
hat, dass man jede einzelne Klasse derselben, Gontinuitätstren- 
nungen. Zerkratzungen, Abschürfungen, Sugillationen u. s. w., fest 
dutzendweise vorfindet. Hier würde man einen Obductionsbefund von 
hundert, ja viel mehr einzelnen Nummern erhalten, was in allen Fällen 
zu vermeiden, weil es der Uebersichtlichkeit des Befundes Eintrag thut, 
venu man jede einzelne Abnormität der Art genau schildern woUte, 
was übrigens meist ganz unmöglich ist; die Obduction femer würde 
bei einem solchen Verfahren eine ganz unangemessene Zeit in Anspruch 
nehmen, und, was die Hauptsache, eine solche zu ängstliche Schilderung 
würde überflüssig sein, da sie zur Aufklärung des Falles nichts beiträgt, 
Tiehnehr in der That ihn nicht selten eher verwirrt Es genügt in 
diesen Fällen vielmehr eine genauere Prüfung und Schilderung der 
hauptsächlichsten und solcher Verletzungen und Abnormitäten, von 
denen man sich von vorn herein bei richtigem Indicium sagen muss, 
dass sie erheblich für die Würdigung des Falles sind, und sodann eine 
summarische Schilderung der übrigen ähnlichen Befunde, die man füg- 
lieh zusammenfassen kann, z. B. „ähnliche Flecke, wie die beschriebe- 
nen, fanden sich, zehn bis iünfzehn an der Zahl, an . . ." — Es ist 
hier der Ort, der Ruthonstreiche zu erwähnen, deren Würdigung 
als angebliche Todesursache bei Misshandlung von Kindern nicht gar 
selten gefordert wird. Buthenstreiche machen sich an der Leiche auf 
zweifache Weise kenntlich. Entweder und wenn die Reiser mehr flach 
auffielen, findet man kürzere oder längere, bis zwei und drei Zoll lange, 
rothe, schwach sugillirte, zwei-, drei-, vierfach parallel neben einander 



158 §• 36. Inspection des todten Korpers. d) Verletzungen. 33. Fall. 

herlaufende rothe, rothbraune Streifen, oder man sieht, wenn die Rnthe 
mehr mit den Spitzen traf, an den getroffenen Stellen haufenweise und 
grosse, den Petechien ähnliche, von diesen aber schon durch ihre Iso- 
lirung auf einzelne Eörperstellen, gewöhnlich Rücken und Hinterbacken, 
unterschiedene sugillirte oder blutig beborkte Flecke. Durch diese 
Isolirung unterscheiden sich die Excoriationen von Ruthenstreichen 
gleichzeitig von Eratz-Excoriationen durch Leibläuse,*) welche über den 
ganzen Körper verbreitet, nicht gruppenweis, nicht parallelstehend an- 
getroffen werden. Gleichzeitig findet man au derartigen Leichen aach 
gewöhnlich die Läuse noch vor. Auch kleinere Hautabschilferungen in 
den längern Streifen kommen vor. Tiefere Verletzungen habe ich aber 
nach den Streichen mit den Ruthen, wie sie bei uns zur Züchtigung 
gebraucht werden, an Leichen nie beobachtet.**) — Was endlich (bei 
Gelegenheit von Verletzungen durch Continuitätstrennung) den Gebraudi 
der Sonde betrifit, so gestattet das „Regulativ^ die .vorsichtige Ein- 
führung derselben'^, wenn die Obducenten sie für erforderlich erachten, 
fordert aber mit Recht, um Missbräuchen vorzubeugen, dass sie dann 
die Gründe ihres Verfahrens im Protokoll angeben. Das Sondiren ist 
aber in der That in den allermeisten Fällen ganz überflüssig, denn die 
Tiefe der Wunde ergiebt sich später ohne dasselbe sehr leicht, wenn 
man zur innem Besichtigung des Körpers und der verletzten Stelle ge- 
schritten. Dagegen ist es nicht nur nicht unangemessen, sondern so- 
gar erforderlich, nach genauer Untersuchung und Beschreibung der ur- 
sprünglich vorgefundnen Verletzung dieselbe zu erweitem, um die innere 
Beschaffenheit der Wundränder und des subcutanen ZeUgewebes zu 
prüfen, wie ich noch einmal auf die Nothwendigkeit des Einschneiden^ 
von anscheinend sugillirten Flecken aufmerksam mache, um sie von 
Todten- und ähnlichen Flecken zu unterscheiden. 

83. Fall. Tod durch zahlreiche Misshandlungen. Ruthenstreicho. 

Das 2 jährige Kind der Thie.., Anna, war von etwa 14 Tagen nach seiner Qe- 
bort an bis etwa 8 Wochen vor seinem Tode, wo es der Mutter auf deren Erfordern 
suröckgegeben wurde, bei der verehelichten Fie.... in Pflege und hatte aich nach 
der Angabe dieser, wie auch anderer Zeugen, gut entwickelt, so dass es ein .wohlge- 



*) Es ist nicht überflüssig, dies zu bemerken, da mir Polizeiberichta vorgekommeo 
sind, welche auf diesen Befund hin die Vermuthung aussprachen, dass Denattu .ge- 
peitscht^ worden sei. 

**) Im bewundernswürdig eingerichteten Marinehospital zu Kronstadt bei Peters- 
burg hat Casper einen Sträfling auf dem Bauche liegend gefunden, der acht Tage 
TOrher Spiessruthen gelaufen war und schon zwölfhundert Streiche erhalten hatte, 
dergleichen ihm noch eine kleinere Dosis bevorstand! Der ganze Bücken war durch- 
weg mit flachen Geschwüren bedeckt, das Allgemeinbefinden aber ganz befriedigend. 



§. 36. Inspection des todten Korpers. d) Verletzuo^n. 83. Fall 159 

nihrtes, fleischiges nnd gesondes** Kind war. Die Angeschuldigte steht ebenfalls, nach 
inderveitigen Zeugenaussagen, im Rufe, dass Kind misshandelt zu haben. 

Sie stellt in ihrer Vernehmung nicht in Abrede, das Kind h&ufig mit der Ruthe 
geznehtigt zu haben, will diese Züchtigungen aber nicht nbermSssig ausgeübt haben. 
Sie giebt an, dass das Kind ungefähr 14 Tage vor seinem Ableben etwa 6—7 Stufen 
die Treppe hinunter gefallen sei, mit der Süm auf einen kleinen Flur, wodurch da- 
selbst ein bräunlich rother Fleck entstanden sei. Diese Verletzung habe ihr nicht so 
erhebUch geschienen, dass sie desshalb einen Arzt zuzuziehen für nothig erachtet hätte. 
Seit etwa 8 Tagen vor dem Tode habe das Kind öfter über Kopfschmerzen geklagt 

Dr. 0., welcher das Kind (etwa 24 Stunden p. m.) als Leiche besichtigte, will die 
Stirn in ihrer ganzen Breite, besonders deren unteren zwei Dritttheile, mit grossen dun- 
kelblauen Flecken bedeckt gefunden haben, die er durch ein frisches Bluteztravasat er- 
»Qgt hielt, und einem vor etwa 14 Tagen geschehenen Fall des Kindes nicht zuschrei- 
ben zu dürfen glaubte. 

Die am 5. Februar von uns yerrichtete Obduction ergab: 

Die 2ijährige Anna ist gut genährt Auf der Stirn zu beiden Seiten befindet sich 
je ein Achtgroschenstück grosser, braunrotfaer Fleck, der eingeschnitten ein anscheinend 
schon älteres Bintextravasat zeigt Aehnliche dergleichen Flecke zeigen sich zu beiden 
Seiten der Augen, femer auf der rechten Wange unter und neben dem Auge; auf der 
ÜDkea Wange neben dem Mund, auf dem Kinn, an der rechten Seite des Oberhalses, 
sm rechten Arm, und ebenso wie an diesem mehrfach auch am linken Arm. Einschnitte 
«igeben überall theils ältere, theils jüngere Blutergüsse, kenntlich durch theils schwarz- 
rothes, theils heller geßürbtes, in das Zellgewebe ausgetretenes Blut Auch auf dem 
Hinterkopf befinden sich zwei Thaler gross dergleichen Stellen. Der rechte Unler- 
•ehenkel ist an seiner hinteren Fläche braun und grün gef&rbt, ebenso der linke, und 
ergaben Einschm'tte auch hier Tielfach bis in das Zellgewebe hineinreichende Blutergüsse, 
welche sich durch dunkle Farbe und verwaschenes Aussehen als älteren Datums zeigen. 
Auf der rechten Hüfte zeigt sich nach den Hinterbacken binüberreichend , jedoch hier 
sparsamer, eine Gruppe von hirsekom- bis erbsengrossen, zahlreichen, beborkten Sub- 
stinzTerhisten der Oberhaut und Lederhaut; unterhalb dieser auf dem rechten Ober- 
scbeokel zahlreiche sich kreuzende, linienförmige Striemchen, welche ebenfalls beborkt 
sind. Diese ganze Partie ist gerothet resp. blntroth gefärbt Einschnitte ergaben auch 
hier rothe Färbung des Fettgewebes und die Länge des Oberschenkels hinabgeführte 
tiefere Schnitte zeigen hier blutig gefärbtes Oedem. Der Rand der grossen Schaam- 
lefun ist mit hirsekorngrossen Excoriationen besetzt. Die Afteroffnung und Umgegend 
sind frei von Veränderungen. An beiden Unterschenkeln befinden sich ausserdem noch 
groecbengrosae Substanzrerluste, je einer auf jedem Unterschenkel, welche in die Leder- 
hut dringen, und hoch roth gefärbt sind, und welche eingeschnitten, blutunterlaufen 
sind. Sine ähnliche Excoriation, schwach butunterlaufen, auch einige beborkte Striem- 
ehen, finden sich in der linken Gesichtshälfte. 

Auf der linken Seite des Schädels, da wo Stirnbein und Seitenwandbein zusammen- 
stossen, liegt ein zwei Zoll langes, einen halben Zoll breites Extravasat, von geronne- 
nem Blute, und ebenso zeigt sich vielfach in den nach vorn übergeschlagenen Weich- 
theflen der Kopfschwaite in dünneren Schichten ausgetretenes Blut Mehrere dgl. Blut- 
anterlaufungen auch in den nach hinten zurückgeschlagenen Weichtheilen. Sie haben 
zomeist eine dunkelschwarzrothe Farbe. Die Schädelknochen sind unverletzt Die harte 
Himhant blass. Nach Hinwegnahme der Elnochen und der daran haftenden harten 
Himhant zeigt sich die sichtbare Oberfläche des Gehirnes, durchaus mit einer membran- 
utigen Schicht geronnenen Blutes überzogen. Die weiche Hirnhaut ist blass und blut- 
snn. Nach Hinwegnahme des Hirnes zeigen sich beide hintern Schädelgruben durch 



160 §• 3G. Inspection des todten Körpers, d) Verletzangen. 83. Fall. 

den beregten Blnterguss ausgekleidet Die Substanz des Hirnes ist bis auf eine 
massige Blutarmnth normal. Die Schädelgmndfl&che ist unverletzt Brost- und Bancb- 
Organe geben ausser Blutarmuth nichts zu bemerken, sie sind gesund. In den LuDgen 
findet sich Oedem in massigem Grade. 

Der in der Schädelhöhle Torgefundene Bluterguss hat das Kind getödtet durch den 
auf das Gehirn ausgeübten Druck. Es congniirt mit diesem Befunde die Angabe der 
Eltern gegen den Dr. 0., dass das SLind »an Krämpfen" gestorben sei, da es wohl 
möglich ist, dass der beschriebene Bluterguss Besinnungslosigkeit und ConTulsionen er- 
zeugt habe. 

Derartige weit verbreitete und ziemlich ergiebige Blutergusse pflegen überhaupt, 
namentlich bei sonst gesunden Kindern nicht spontan zu entstehen und lassen an und 
für sich auf die Einwirkung einer äussern Gewalt schliessen. 

Dass auch im vorliegenden Falle eine solche auf den Schädel des Kindes einge- 
wirkt habe, ist gar nicht zweifelhaft, wenn man die mehrfachen Blutungen in die 
Weich theile des Kindes berücksichtigt, welche vorgefunden worden sind. 

Wenngleich das Alter derselben nicht nach Tagen zu bestimmen ist, so kann doch 
einerseits das ausgesprochen werden, dass dieselben nicht einer Gewalt ihre Entstehung 
verdanken, welche bereits 14 Tage vor dem Tode den Kopf des Kindes getroffen bitte, 
weil sie dazu noch zu wenig eingedickt waren, sondern jüngeren Datums, vielleicht 
einige Tage alt waren, auch schienen die am Schädel und im Gesicht vorhandenen Ex- 
travasate nach ihrer Farbe zu urtheilen nicht sämmtiich desselben Datums zu sein, 
andrerseits muss auch mit Bestimmtheit in Abrede gestellt werden, dass die Hirnblutung 
bereits seit 14 Tagen bestanden habe und einem Sturz von einer Treppe zu dieser 
Zeit ihre Entstehung verdanken könne. Wäre dies der Fall gewesen, so hätte das 
Kind von Stund an erheblich krank sein müssen, so dass es in grösster Lebensgefahr 
geschwebt hätte, wovon überall gar keine Rede ist 

Es ist hierbei ganz gleichgültig, was Dr. 0. für Wahrnehmungen gemacht bat, 
da die an der Leiche von uns vorgefundenen Blutaustretungen und Blutunterlan- 
fangen an der Stirn durch gemachte Einschnitte einen sichereren Befund darstellen, als 
der durch die Besichtigung des Dr. 0. gewonnene. 

Es haben sich aber noch an den unteren Extremitäten namentlich weit verbreitete 
Blutunterlaufungen vorgefunden, welche zum Theil älteren Datums, doch nicht sämmt- 
iich von dem angeblichen Fall herrühren können, sondern mindestens zum Theil snder- 
weiter Einwirkung ihre Entstehung verdanken. 

Es ist nun gar nicht zu verkennen, dass das Kind erheblich mit Ruthenhieben ge- 
züchtigt worden ist, wovon die Spuren sich in den beschriebenen gruppenweisen £z- 
coriationen und Striemen auf der Hinterbacke wie auf der Hüfte an der Leiche vorge* 
funden haben und eben dieser Befund legt den Schluss nahe, dass bei Abwesenheit 
anderer auf das Kind eingewirkt habender Gewalten auch die übrigen Blutunterlaufun- 
gen wiederholten Züchtigungen und Misshandlungen ihren Ursprung verdanken. 

Hiemach geben wir unser amtseidliches Gutachten dahin ab: 

1. Dass das Kind an dem in der Schädelhöhle vorgefundenen Bluterguss seinen 
Tod gefunden habe. 

2. Dass derselbe der Einwirkung einer äusseren Gewalt, welche den Schädel des 
Kindes getroffen, seine Entstehiing verdanke. 

3. Dass zahlreiche Spuren von Misshandlungen, namentlich durch Buthenhiebe an 
der Leiche des Kindes vorgefunden sind. 

4. Dass ein 14 Tage vor dem Tode des Kindes erfolgter Sturz von einer Treppe. 
6~7 Stufen hinab, nicht die Veranlassung der Blutung in dem Schädel und des Todes 
gewesen ist 



161 



Zweites Kapitel. 

BesichtiguDg der Werkzeuge. 



Gesetzliche Bestimmungen. 

Pr. CrlalBftl-Ordnang §. tßS. — - Dl« SaehTerstlBdigcn nfiiMB J«dMmftl mit Ihrem Oat- 
•cktcn &b«i di« Wtrksenge, mit weleben die Verletsongen beigebracht teto kdanen, gehört, es m&eten 
IkMn die etwa Torgefandnea Werkscnge vorgelegt und sie darüber Ternommeu werdea, ob darch die^e 
ik Ytrleuangan haben herforgcbraeht werden könoen, und ob aas der Lage «nd Größte der Wunden ein 
Sehlai» uf die Art, wie der Tb&ter wahrscbelulieh verfahren habe, und auf deasen Absieht und kftrper- 
UdiM Kr&Tte geoueht werden k5nne? 

Oeaterr. Strafg. §. 15». 8. Thl. I. 4. Abaeha. §. 43. 

§. 37. RialhdlMg 4er Werkseige. 

Was von der alten strafrechtlichen Eintheilung der Werkzeuge in 
tödüiehe und nicht tOdtliche zu halten, berührt die gerichtliche Hedicia 
ganz and gar nicht. Es kann dies und Aehnliches nicht oft genug ge- 
sagt, nicht oft genug darauf aufmerksam gemacht werden, dass rechts- 
wissenschaftliche Thesen, Erörterungen, Definitionen nicht in das Gebiet 
des Sachverständigen, des in einer Naturwissenschaft Sachverständigen 
geboren, den der Richter zu seiner Information in betreffenden Fällen 
berafL — Dass eine Eintheilung der Werkzeuge in tOdtliche und nicht 
tätliche vom Standpunkt des Arztes eine absurde ist, bedarf keiner 
Ausführnng; deshalb mag sie immerhin für den Strafrichter brauchbar 
sein, was uns nicht berührt. Für die gerichtliche Medicin ist nur eine 
Eintheilung brauchbar, welche die verschiedenen Werkzeuge und Arten 
nnd Weisen, durch die ein Mensch verletzt oder getödtet werden kann, 
nach ihren speciellen Wirkungen auf den Organismus classificirt, aus 
welchen Wirkungen man dann eben in noch unaufgeklärten Fällen am 
Lebenden wie an der Leiche einen Rückschluss auf das gebrauchte 
Werkzeug machen kann. Am einfachsten ist hiernach die Eintheilung 
der verletzenden Instrumente in 1) scharfe; 2) stumpfe; 3) Schusswerk- 
zeuge, und 4) strangulirende Werkzeuge. 

§. 38. Scharfe Werkieige. 

Es kommen theils einschneidig-scharfe Instrumente vor, wie Rasir- 
messer, theils einschneidig-scharf-spitze, wie die meisten Tisch- und 
Taschenmesser, theils zweischneidig-scharfe und dann gewöhnlich zu- 

C»flp«r'f gerichli. yeUieio. :>. Aud. U. ^-^ 



162 §* 38. Scharfe Werkzeuge. 

gleich spitze, wie Dolche, Stilets, Stock- und Cavaüerdegen, theÜ8 drei- 
schneidige, wie scharfe Pfriemen und Bajonette, sämmtlich Instramente 
mit mehr oder weniger gradlinigter Schneide, theils scharf schneidende 
Werkzeuge mit mehr oder weniger gebogener, halbmondförmiger Schneide, 
wie Säbel, Sensen und Sicheln. Hierher gehören auch scharfe jGIas- 
und Metallstücke und Fingernägel. Wir haben Verletzungen mit allen 
diesen Werkzeugen zu i)eurtheilen gehabt. — 

Hiebwunden mit solchen Instrumenten trennen oberflächlich oder 
tief. Ihre Bänder, wenn frisch untersucht, smd allerdings glatt, wenn 
das Instrument scharf geschliffen war, aber immer doch mehr oder we- 
niger an ihrer äussersten Peripherie etwas abgeplattet. Die Reactions- 
erscheinungen richten sich natürlich nach der Stelle, auf welche der 
Hieb traf, und ihr Befund nach der Zeit bei der Untersuchung im 
Leben oder nach dem Tode, die zwischen dieser und dem Akte der 
Beibringung verflossen war. Wenn Hiebwunden bis auf den Knochen 
dringen, so bewirken sie entweder SpUtterbrüche oder sie trennen den 
Knochen ganz und gar mit scharfen Rändern, was namentlich bei 
grössern und kleinem Röhrenknochen, Fingern, aber auch Armbeinen 
u. s. w. der Fall. Beide Wirkungen, Splitterbruch und vollkommene 
Gontinuitätstrennung, werden auch von Hiebwunden, die den Schädel 
treffen, erzeugt. 

Hiebwunden haben das Eigenthümliche , was sehr beachtenswerth, 
dass sie fast nie genau die Dimension des verletzenden Instrumentes 
darstellen und auf dieses zurückschliessen lassen können. Namentlich 
macht es in dieser Beziehung einen erheblichen Unterschied, ob muscn* 
löse Theile nach der Längenrichtung der Fasern oder nach der entge- 
gengesetzten Richtung getrennt worden waren, in welchem letztem 
Falle durch die Retraction des Muskels eine weit klaffende Wunde ent- 
stehn kann, wie sie den Dimensionen des Werkzeuges anscheinend gar 
nicht entspricht. 

Schnittwunden treimen oberflächlich und tief mit scharfen, 
glatten, nicht abgeplatteten Rändern, die an beiden Enden in sehr 
spitzem Winkel convergiren. Von den Reactionserscheinungen gilt das- 
selbe, wie bei den Hiebwunden. Dass sie erhebliche und tödtliche Ver- 
blutungen bewirken können, wenn sie grosse, nahe unter der Haut 
liegende Gefässe treffen, ist bekannt. Aeusserst schwer, ja oft unmög- 
lich ist es in solchen Fällen, wenn es darauf ankonunt (wie z. B. bei 
zweifelhaftem Selbstmord), zu bestimmen, wo der Anfang, wo das Ende 
der Schnittwunde sei? ob sie z. B. von rechts nach links oder von 
links nach rechts gegangen? Namentlich konunt diese Frage bei den 
Halsschnittwunden vor. Blutbesudelung in Einer, nicht in der andern 
Hand, Einschnitte in ein Bekleidungsstück auf Einer, nicht auf der 



§. 38. Scharfe Werkzeuge. 163 

andern Seite und dergleichen Nebentunstände werden hier zuweilen 
noch Anfklärong geben. Bei diesen Halsschnittwonden kann noch ein 
andrer Zweifei entstehn, nnd, wie ich in einem denltwürdigen Falle er- 
lebt habe, sehr vom Ziele ablenkend gelöst werden. Wenn nämlich in 
einen etwas faltenreichen Bals, wie bei alten oder magern Personen, 
ein Schnitt geführt worden, zumal wenn dabei der Kopf nach vorn 
geneigt war, so wird man natürlicherweise, wenn der Hals bei der 
Leiche gereckt oder gestreckt daliegt, nicht mehr Eine Schnittlinie, 
sondern mehrere nnd unterbrochene, und oft ziemlich weit von einander 
abweichende finden, gerade wie dies in noch weit höherm Maasse der 
Fall ist, wenn man einen Schnitt in ein zusammengefaltetes Tuch 
macht und dies nachher auseinanderfaltet. Die Obducenten hatten aus 
solcher Beschaffenheit der Halsschnittwunde, aus welcher sie «vier 
Schnittwunden^ gemacht hatten, in dem oben citirten Falle einen Mord 
heransdemonstrirt und die Mörder sogar mehrere Male am Halse an- 
setzen lassen! 

Stichwunden machen in solchen Gegenden, wo nicht grade 
grössere Gefässe nahe der Haut liegen, wie am Halse, fast gar keine 
äussere Blutung, und wenn sie klein sind, oft nur äusserst geringfügige 
Readionserscheinungen. Desto mehr erzeugen sie, wenn sie tief ein- 
dringen, die erheblichsten innem, wie Ergüsse von Blut, Drin, Speise- 
brei u' 8. w. Ich muss hier noch auf einen Umstand aufmerksam 
machen. Es ist nämlich nichts gewöhnlicher, als dass Gerichtsärzten 
ein Vorwurf darüber gemacht wird, dass sie in betreffenden Fällen von 
Stichwunden innerer Gefässe, die Quelle der Blutung, d. h. die Stelle, 
wo, oder selbst das Gefäss, in welches der Stich eindrang, nicht ge- 
nauer angegeben hätten. Dieser Vorwurf ist oft ein ganz ungerechter: 
denn es ist in vielen Fällen gar nicht, oder nur nach einer äusserst 
mühsamen Untersuchung, wobei man erst alle Eingeweide u. s. w. ent- 
fernt, und dann einen Tubulve in den Hauptstamm einführt, möglich, 
d^ oft nur ganz kleinen Stich zu entdecken, der die tödtliche Verblu- 
inng veranlasst hatte. Und zu einem solchen, sehr zeitraubenden Ver- 
fahren fehlt zumeist jede praktische Veranlassung, da die innere Ver- 
blutong als Todesursache feststeht, und die Umstände des Falles es als 
ganz unerheblich für den richterlichen Thatbestand erachten lassen kön- 
nen, ob dies oder jenes innere Gefäss die Quelle der Blutung gewesen. 
Dass auch Fälle entgegengesetzter Art vorkommen können, braucht nicht 
erwähnt zu werden. — Auch Stichwunden stellen fast niemals genau 
die Dimensionen des verletzenden Instrumentes dar, weil sie durch die 
Haut und die unterliegenden Muskeln auseinandergezerrt werden, so 
dass eine Vergleichung der Wunde mit dem Werkzeuge täuschen kann. 
Andrerseits kann bei Stich- wie bei Hieb- und Schnitt^^nnden natürlich 

11* 



164 §. 39. stumpfe Werkzeuge. 

eine Vergleichnng derselben mit dem angeblich verletzenden Werkzeuge 
dann gar kein genaues Ergebniss mehr liefern, wenn der Verletzte erst 
nach eingetretener Granulation oder Vernarbung gestorben war, was 
namentlich nach Kopfverletzungen so sehr häufig beobachtet wird. — 
üeber die Frage von der eignen oder fremden Schuld am Tode bei 
durch Hieb-, Stich- oder Schnittwunden Getödteten siehe später. 

Kratzwunden oder Spuren von Einwirkung von Fingernägeln 
überhaupt kommen in einer doppelten Form an der Leiche zur Erschei- 
nung. Hat bloss ein starker Druck mit Fingern stattgefunden, so findet 
man, auch wenn eine Sugillation durch den Finger selbst nicht ent- 
standen war, einen halbmondförmigen, mehr oder weniger gerötheten, 
schwach oder gar nicht blutunterlaufenen Streifen, dessen RichtuDg 
genau die Lage des oder der angelegt gewesenen Finger anzeigt, was 
bei Erwürgungen, oder in Fällen von zweifelhafter Selbsthülfe bei Ge- 
bärenden von grosser Bedeutung werden kann. Hatte der Nagel 
weniger drückend als kratzend gewirkt, so ist die Oberhaut abgeschun- 
den, oft ohne sehr bemerkbare, oder mit einer hellröthlichen Färbung 
der Hautstelle und sieht man mitunter an der Kratzwunde einige £pi- 
dermisschollen haften. Die ganze Stelle pflegt nicht grösser als eine 
Linse zu sein, so dass die Unterscheidung von einem Abschinden der 
Epidermü durch andre Einwirkungen nicht schwierig ist. Wie wichtig 
in der Praxis die anscheinend geringfügigsten Befunde an der Leiche 
werden können, bewies der unten ausführlich mitgetheilte Fall. An 
dem Körper der Strangulirten fanden wir Kratzwunden am Halse. Der 
damals erst des Mordes höchst verdächtige (später geständliche und hin- 
gerichtete) Mensch aber hatte an allen Fingern verkrüppelte, nur bis 
zur Hälfte der Glieder reichende Nägel. Wir mussten folglich behaup- 
ten, dass mit diesen Nägeln die Kratz wunden nicht hatten erzeugt 
werden können, und dass noch ein zweiter Thäter zur Stelle gewesen 
sein musste. Der Angeschuldigte läugnete dies Anfangs hartnäckig, 
aus Mitleid für seinen von ihm verführten Complicen, einen Knaben^ 
gestand aber später dessen Mitschuld. 

§. 39. StiM^fe Werkseige. 

Sie haben sehr verschiedne äussere und innere Wirkungen, je nach 
der Kraft, mit welcher, und je nach der Stelle, auf welche sie einwir- 
ken. Sie erschüttern eingeschlossene Organe, und können dadurch augen- 
blicklichen Tod -durch den hohen Grad von Hirn-, Rückenmark- oder 
Herzerschütterung) oder mehr oder weniger schnellen Tod durch Ruptur 
von Gelassen oder gefässreichen Organen eben durch die Erschfittening 



§. 39. Siumpfe Werkzeuge. 165 

bediBgen. Sie zerbrechen Knochen von der einfachsten Fractur an bis 
bis zur völligen Zermainmng der ganzen organischen Maschine. Sie 
trennen den Zusammenhang auch der Weichtheile, und dann mit stum- 
pfen, ungleichen, zackigen, zerrissenen, und wenn die Haut fest über 
Knochen gespaimt war mit mehr oder weniger scharfen Kändem, so 
dass die Wunde oft ganz und gar nicht der Form des verletzen- 
den Instrumentes entspricht, weil der Hieb zugleich zerriss, was 
in vorkommenden Fällen sehr zu beachten ist. Sie quetschen unter an- 
dern Umständen und verunstalten, durch Plattdrücken, z. B. von Nasen 
und Ohren, durch Aufschwellen, z. B. von Augenlidern und Lippen, 
oder durch Zerbrechen der Form gebenden Knochen, z. B. im Gesicht. 
Häufig kommen bei einer und derselben Leiche mehrere dieser Wirkun- 
gen gleichzeitig in Betracht, entweder weil mehrere stumpfe Werkzeuge, 
sei es von einem oder mehrem Thätem , angewandt worden waren, oder 
weil ein und dasselbe Werkzeug, ein Beil, ein zu technischen und Hand- 
werkszwecken dienendes Instrument u. s. w., das verschiedne Flächen, 
stampfe, scharfe, winklige, hatte, einwirkte. Solche, dann oft sehr 
mannigfache Befunde kommen namentlich nach Tödtungen durch zahl- 
lose und grausame Misshandlungen und nach Mordthaten, von beson- 
ders wfithigen Menschen verübt, vor, wie mehrere, im §. 44, mitge- 
theilte Beispiele erweisen werden. Was die stumpfen Werkzeuge und 
Gewalten selbst betrifft, so kommen sie in zahlloser Mannigfaltigkeit 
vor. Nur allein aus eigner Praxis nenne ich: Beil, Axt, stumpfe Sä- 
bel, Hämmer aller Art, Pflastersteine, Knüttel, zerbrochene Krüge und 
grosse Biergläser, Balken, Holzscheite, Holzpantoffeln, Bäder, Wind- 
mfihlenflügel, Mastbäume, Flintenkolben, eiserne Haken, Wagen und 
Eisenbahnzüge, Faustschläge, Zähne, Fusstritte u. s.w., wie denn auch 
hierhin jeder Stoss, Fall, Wurf gehört. 

Eine, wie bemerkt, und zwar nicht seltne Folge solcher stumpfen 
Werkzeuge und Gewalten sind Rupturen innerer Organe. Gesunde 
Eingeweide, Lungen, Herz u. s. w. reissen spontan niemals; die ge- 
borstne Lunge des Phthisikers war cavemös und tuberculös, das zer- 
rissene Herz in seiner Wandung atrophisch oder hypertrophisch u. s. w. 
Und selbst gesunde Organe bersten nur durch eine höchst bedeutende 
Gewalt. Risse in der Basü Cranii^ Rnpturen der Leber, Lungen u. s. w. 
lassen auf die Einwirkung einer solchen überall mit grösster Sicherheit 
zurückschliessen. Was ich darüber im Einzebien beobachtet habe, ist 
Folgendes. 

Fissuren undFracturen in der Schädelgrundfläche kom- 
men fast immer nur trans verseil vor; nur in wenigen Fällen von zahl- 
reichst beobachteten Kopfverletzungen habe ich eine rein longitudinalc 
Fissur gefunden, so dass der Schädel förmlich in zwei Hälften, eine 



166 §• 39- Stumpfe Werkzeuge. 

rechte and linke, gebrochen war. In der Kegel aber lieben die trans* 
verseilen Fractnren der BcuU Cranii das vordere Drittel der Höhlnog, 
und erstrecken sich namentlich von einem Felsenbein bis an den, oder 
dnrch den Turkensattel hindurch bis znm Felsenbein der andern Seite. 
Zertrünunemngen der Schädelbasis in zahllose Stückchen beobachteten 
wir mehrfach; namentlich bei einem Menschen, dem ein schwerer Ka- 
sten anf den Kopf gefallen war (mit gleichzeitiger Rnptnr des Tmto- 
num cerebelli, und ohne äussere Verletzong des Kopfes). Auch Spren- 
gung der Schädelnäthe kommt zuweilen vor, wenn eine sehr kräf- 
tige Gewalt den Kopf getroffen hatte. Bei einem durch Bersten eine» 
Gasometers erschlagnen Arbeiter war die ganze Pfeilnath auseinander 
gewichen , bei einem übergefahmen Knaben die rechte Hälfte der Kranz- 
nath. Bei einem anderen Knaben fanden wir neben anderen Schädel- 
verletzungen die Schuppennath abgeplatzt. In wieder einem anderen 
Falle war die ganze Schädeldecke horizontal zickzackig abgesprengt, 
so dass sie nur an der Stirn durchsägt zu werden brauchte, wo eine 
Knochenbrücke stehen geblieben war. Nebstbei ein Chamierbmch in 
der Basis. Auch diese Verwüstung war durch eine Gasexplosion ver- 
anlasst u. s. w. 

Ruptur des Gehirns. Sie ist ungemein selten; wenigstens habe 
ich sie nur dreimal, zwei Mal einen Riss der Art, durch üeberfahren 
bewirkt, und ein drittes Mal eine Ruptur nach Hiebwunden, gefunden. 
Auch die 

Ruptur der Lungen gehört keineswegs zu den häufigen. Sie 
konmit in allen Lappen beider Lungen und in jeder Richtung und 
Länge vor. Nicht ganz selten sind diese Rupturen aber bloss in- 
nere, parenchymatöse, ohne die Substanz der Lungen zu trennen, 
also ohne äusserlich sichtbar zu sein. Wohl aber findet man dann 
bei der Untersuchung der Lunge die mit Blut angefüllte Höhle im 
Innern ihres zerrissenen Parenchyms. Dass diese Art von Rupturen 
(Lungenapoplexie) auch durch rein innere Ursachen entstehn kann, ihr 
Befund also nicht auf eine äussere Gewalt zurückschliessen lässt, ist 
bekannt. Zu den Lungengefässrupturen gehören auch die ganz localen 
und begrenzten subpleuralen Ecchymen, die durch Commotion des Brust- 
kastens entstehn. 

Ungemein selten beobachtet man Zerreissungen der Luft- und 
Speiseröhre, ebenfalls nur nach sehr heftig einwirkenden Gewaltthä- 
tigkeiten durch quetschende Körper. Von der äusserst seltnen 

Ruptur des Herzbeutels, so wie von der ebenfalls seltnen 

Ruptur des Herzens sind bereits oben Beispiele mitgetheilt 
worden. In beiden Fällen hatten durch Fall aus grosser Höhe und 
durch Anprallen an einen Baumstamm die heftigsten erschütternden 



§. 39. Stumpfe Werkzeuge. Ig7 

Gewalten auf den Körper gewirkt, nnd der Tod war hier natürlich 
um so mehr aagenblicklich erfolgt, als gleichzeitig noch andre erheb«- 
liehe innere Verletzungen erzeugt worden waren. In einem ähn- 
lichen Fall (Sturz von einem Baume) fanden wir ein abgerissenes Herz, 
welches nur noch an der unteren Hohlvene hing. Alle übrigen Gefässe 
waren abgerissen und zwar meist mit ganz scharfen Rändern. Gleich- 
zeitig Lungen- und Leberrisse. Sehr merkwürdig war eine Herzruptur, 
ebanMs nach einem Falle aus 40 Fuss Höhe, in dem neben schwe- 
ren Körperverletzungen sich eine Ruptur des Herzens am Bulbus der 
Artiria fulmanalü von Erbsengrösse vorfand, welche einer Stichwunde 
durchaus ähnlich sah, und aus welcher sich etwa 4 Tassen Blut in den 
Herzbeutel ergossen hatten. 

Ruptur der Aorta haben vnr bisher nur einmal gesehen, in 
einem Falle, wo durch Sturz aus der Höhe zahlreiche Lungenrupturen, 
Diastase und Brache der Wirbelsäule, Rupturen der Leber, Milz und 
Nieren gleichzeitig vorhanden waren. 

Rupturen der Leber; sie sind die allerhäufigsten unter allen 
Organenrupturen nicht nur, sondern auch an sich gar nicht ungewöhnlich 
selten vorkommend. Sie kommen fast in allen Fällen nur als Län- 
anrisse, und zwar auf der convexen Fläche, viel seltner auf der 
nntem, vor, entweder so, dass die Ruptur sich im rechten oder linken 
Lappen befindet, und gewöhnlich den Lappen seiner ganzen Länge nach 
dnrebtrennt, oder sie erscheinen, wenngleich seltner, in beiden Lappen 
als einzelne kleine Längenrisse. Querrisse der Leber dagegen sind sehr 
selten, und dann pflegt nicht ein einziger, bedeutenderer, sondern 
mehrere einzelne, kleine, parallel neben einander liegende Rupturen 
Toihanden zu sein. Aber einmal fanden wir bei einem durch üeberfab- 
ren getödteten Knaben den Rand des rechten Leberlappens so einge- 
rissen, dass er wie von Thieren benagt erschien, ein andermal bei 
einem uberfahrenen vierjährigen Mädchen (neben Milzruptur) die ganze 
Leber quer durchgerissen, so dass das zerrissene Stück frei in der 
Bauchhöhle lag. (Auch in diesem Falle wieder nur äusserlich eine 
schwache Sugillation an der linken Stirn.) 

Mit Ausnahme von Rupturen der Gebärmutter während des Ge- 
bäraktes und vonRupturen der Milz, die, wenn sie vorkommen, transver- 
sell zu verlaufen pflegen, werden Rupturen der übrigen Bauchorgane höchst 
selten beobachtet. Dahin gehören Zerreissungen des Magens und Darmka- 
nals, des Zwerchfells, der Gallenblase, der Netze, der Nieren, der grossen 
Gelasse und der Harnblase, welche in seltenen Fällen wir zu beobach- 
ten Gelegenheit hatten, und die fast nur bei allgemeiner Zermahnung 
vorkommen. Devergie behauptet zwar, die Rupturen der Harnblase 



168 i* 39. Stumpfe Werkzeuge. 84 u. 85. Fall. 

seien „ziemlich häufig'', er citirt aber far diese anfTailende Heinung 
keinen einzigen Fall ans eigner, sondern nor mit zwei Worten zwei 
Fälle ans fremder Beobachtung nnd ohne alle ohne genauere Schilde- 
mng. Wir haben in der Leiche eine Ruptur der Blase nur mit Becken- 
brüchen complicirt gefunden. 

M. Fall. Ruptur der Leber, der Harnblase, des Mastdarms und Zer- 
trümmerung des Beckens. 

Ein zwölfjähriger Knabe war dorch einen GO Centner schweren Wagen, der ihm 
über den Unterleib gegangen war, übergefahren worden, und nach einer halben Stunde 
gestorben. Bei -f 20® R. war die Leiche im Juli schon am zweiten Tage sehr grnn. 
Aeusserlich fand sich nur ein zwei Zoll langer Riss im Damm mit Zerreissung des 
Mastdarms. Kopf und Brust waren (theils schon wegen der Torgeschrittenen Fäulniss) 
anämisch. Die schon graue, blutleere Leber war in ihrem rechten Lappen durch einen 
L&ngenriss ganz gespalten und acht Unzen flüssiges Blut in die Bauchhöhle ergossen. 
Das ganze kindliche Becken war, ohne Ausnahme eines einzigen Knochens, Töllig zer- 
trümmert. Die Harnblase war am Fuiidu« aufgerissen und kla£fte anderthalb Zoll breit 
Ob sie zur Zeit der Verletzung voll oder leer gewesen, konnte, wegen der F&ulniss 
und des Blutergusses, bei der Obduction nicht mehr ermittelt werden. Der Mastdarm 
war fom After aufwärts in seiner hintern Wand zwei Zoll lang eingerissen. 

85. Fall. Ruptur der Harnblase. 

Ein dreissigjähriger Mann war von einer 8 Fuss hohen Mauer verschüttet worden. 
Der Körper zeigte auffallende Anämie, sonst aber keine äussere Verletzung (!). Es fand 
sich ein transTerseller (Charnier-) Bruch der Schädelgrundfläche mit Blutung über der 
linken Hemisphäre des Grosshimes, Bruch beider ersten und der fünften Rippe linker- 
seits, Bruch in der Symphyse und im absteigenden Aste des Schaambeins. Ein Binriss 
im Fundus der Blase, welche nur etwas Blut enthielt 

Rnptnren des Rückenmarks kommen bei der so sehr geschfitz- 
ten Lage desselben nur, wie die des Gehirns, äusserst selten, und nur 
bei heftigen Erschüttenmgen des ganzen Körpers, namentlich durch 
Storz ans der Höhe, vor. 

Alle Organmpturen tödten nnd sind in jedem Falle als ansrei- 
chende Ursache des Todes zn erachten, eben weil sie an sich immer 
eine sehr erhebliche Gewalt, die den Körper getroffen, voraussetzen, 
welche dann auch noch eine Reihe andrer tödtlicher Beschädigungen, 
wie Erschütterung, innere Ergüsse u. s. w. zur Folge haben. Eben 
dadurch unterscheiden sich die Rupturen der Weichtheile von blossen 
Trennungen durch Stich- oder Schnittwunden, bei denen bekanntlich 
das Leben erhalten werden kann. Aber das Leben kann bei tödtlichen 
Organrupturen dennoch noch einige Stunden, selbst Tage lang, erhal- 
ten werden. Ein 67 Jahre altei, überfahmer Matrose, der vier 



§. 39. Stampfe Werkzeuge. 86. Fall. . 169 

peDbrfiche und einen zwei Zoll langen Qaerriss der Leber erlitten hatte, 
lebt« noch 25 Stunden. Ein Arbeiter, der durch Einsturz eines Hau- 
ses eine longitudinale Schädelfractur der Basis davon getragen, und 
dem die rechte Hemisphäre des kleinen Gehirnes zertrümmert war, 
starb erst nach drei Tagen. Mit einer Gefilssruptur der Dura und 
Diastase der Schädelnäthe lebte ein vierjähriger Knabe, der allerdings 
sofort bewusstlos geworden, noch 12 Stunden. Mit einer Ruptur der 
Leber (zwei Zoll langer, | Zoll tiefer Verticalriss im rechten Lappen und 
ein oberflächlicher im linken Lappen) und der Milz, in der sich ein fünf 
Viertel Zoll langer Einriss befand, mit Blutung in das Becken, lebte 
ein verunglückter Dachdecker elf Tage. Mit einer Ruptur des Gekrö- 
ses ein 65jähriger Mann noch 36 Stunden , ein anderer OOjähriger Mann 
mit durchgerissenem und vom Gekröse abgerissenem Darm noch 10 
Standen. Auch Rupturen der Lungen und des Herzens brauchen nicht 
sofort zu tödten. Ebenso wenig Brüche der Hals- und Rückenwirbel. 
Es ist dies wichtig zu vnssen, weil im concreten Fall es zur Frage 
kommen kann, ob der Verstorbene noch fähig gewesen sei, mit dieser 
Verletzung gewisse Handlungen vorzunehmen, z. B. eine Treppe hinauf 
zu gehen, eine Aeusserung zu thun etc. Sehr merkwürdig war aber 
chinii^sch, wie forensisch in dieser Beziehung noch folgender Fall: 

6& Fall. 12tägige8 Leben bei Fractur der Basis cranii. 

Einem 22jährigen Menschen war aus dem 5. Stock ein Mauerstein auf den Kopf 
gefallen. Besinnungslos wurde er nach Bethanien gebracht, wo er sich nach wenigen 
Tagen besserte und bis 3 Tage vor seinem, 12 Tage nach der Verletzung erfolgten 
Tode bei Besinnung blieb. Dann erst wurde er comatös. Keine Spur äusserer Ver- 
i€tzuDg am Kopfe. Nach Zurnckschlagnng des Galea Silbgroschen grosse flache Sugillation 
an der Spitze der Lambda-Nath auf dem p^icranium zwischen rechtem Schlaf- und 
Schoppenbein ; auf der dura mater ein 2 Unzen schweres geronnenes Extravasat Das 
Gehini war hier ganz comprimirt, so dass nach Entfernung des kugeligen Gerinn- 
sels eine apfelgrosse Höhlung zwischen Hirn- und Knochenwand zu sehen war. An bei- 
den genannten Stellen Knochenbrüche mit feingezackten, blutimbibirten Rändern. Rechts 
giof die Fractur vom untern Drittel des Schlaf beins ab und in die Basis hinunter 
(hirch die Mitte des Felsenbeins bis nahe an die sella turcica. Seitenfracturen gin- 
gen in der Art ab, dass ein dreieckiges 2 Zoll langes Stück vom Schlafbein ganz aus- 
gesprengt war. Links, wo über der dura mater an der Bruchstelle auch ein flaches 
geronnenes Extrayasat von 2 Tbaler Grösse lag, war die suL lainhdoidea slh ihrem An- 
fug zolUang ganz auseinander gesprengt und auch hier gingen kleine Seitenfracturen 
ab, 80 dass auch hier ein Seckiges Stück vom Schuppentheil fast ausgesprengt war und 
mit Lfiiebtigkeit ausgebrochen werden konnte. Auch diese Fractur setzte sich noch i 
2oU im Felsenbein fort. Anämie im Schädel. 



170 §. 40. Schusswerkzeuge. 



§. 40. Schnsswerkieiig«. 

Hierher gehören ein- und doppellänfige Terzerole, Pistolen, Büch- 
sen, Flinten und Gewehre (Kanonen und Mörser, die Devergie mit 
aufzählt, gehören nichl; in die gerichtliche Hedicin!). Schüsse mit die- 
sen Werkzeugen trennen den Zusammenhang, indem sie Hart- und 
Weichtheile theils durchbohren, theils zerreissen und zermalmen, ond 
in Folge dessen, theils an sich, eben wegen Zerstörung wichtiger Or- 
gane, z. 6. des Gehirns, theils durch Verblutung tödten. Die Schnss- 
Werkzeuge werden höchst selten ein Gegenstand der Untersuchung für 
den Gerichtsarzt. Denn einerseits wird bei der Leiche des erschossen 
Geiundnen die Waffe nicht selten gar nicht gefunden, weil Mörder sie 
nicht liegen liessen oder dem Selbstmörder sie nach dem Tode geraubt 
wurde , andrerseits kommen Fälle , In denen der Selbstmord (durch Er- 
schiessen) von vom herein aus den Umständen erhellt, überhaupt nicht 
zur Cognition des gerichtlichen Arztes, und endlich ist auch, nach nn- 
sem Erfahrungen, selten, selbst in Fällen von gewissem oder zweifel- 
haftem Mord durch Schusswunden, die Besichtigung und Untersuchnng 
der, wenn aufgefundnen Waife von Erheblichkeit für den Richter. Dm 
in solchem eventuellen Falle die Fragen beantworten zu können: ob und 
wann eine Waffe losgeschossen worden? hat der Apotheker Boutigny in 
Evrenx*) Versuche über die Veränderungen angestellt, welche der Pnl- 
verrückstand am Gewehrschloss früher oder später abgeschossener Ge- 
wehre zurücklässt, die im Wesentlichen folgende Resultate geliefert 
haben: 

Erste Periode. Sie dauert nur zwei Stunden nach dem Abschiessen des Gewehr«. 
Die Farbe des Rückstandes an demselben ist schwarzblau , keine Grystalle, kein rothes 
Oxyd oder Eisensalz, aber die Gegenwart Ton Schwefel; die Auflösung des scbmatxi* 
gen Rückstandes riecht schwach nach Ambra. Die zweite Periode dauert 24 Stunden. 
Die Farbe des Schmutzes ist weniger dunkel, die Auflösung desselben klar; kein Schwe- 
fel, keine Grystalle, kein rothes Eisenoxyd, dagegen zeigen sich Spuren eines Eisen- 
salzes. Dritte Periode. Sie hat eine Dauer Ton zehn Tagen und characterisirt sieb 
durch das Vorhandensein kleiner Grystalle in der Zündpfanne, zumal unter dem Ffan- 
nendeckel und dem Feuerstein. Gegen Ende dieser Periode werden die GrystaUe im- 
mer grösser. Man bemerkt an der, der Zundpfanne entsprechenden Stelle des Gewehrs, 
besonders aber an der Zändpfanne selbst, zahlreiche rothe Eisenoxydflecke. Die Prä- 
fung mit Galläpfeltinctur, so wie mit Ferrum und Kali hijdrocyanicum zeigt die Ge- 
genwart eines Eisensalzes. Vierte Periode. Sie dauert bis zum fünfzigsten Tage und 
unterscheidet sich Ton der dritten Periode nur durch die geringere Henge (!) Elsensal- 
zes am Laufe, wogegen sich das rothe Oxyd vermehrt hat 



*) Journal de Chemie, 183B Septembre. 



§. 40. Schusswerkzeuge. 171 

Orfila stellt nicht an, über diese Versnche sich dahin zn äussern: 
^68 geht daraus hervor, dass es möglich ist, anf einige Tage, ja selbst 
auf einige Standen den Zeitpnnjct, an welchem von einer Schasswaffe 
Gebrancb gemacht worden, zn bestimmen.^ Ich meinerseits bin weit 
entfernt, diese Ansicht zn theilen. Den vereinzelt stehenden Versnchen 
eines in der Wissenschaft nnbekannten Mannes, die Niemand controllirt 
hat, nnd deren Zuverlässigkeit daher noch gar nicht festgestellt ist, 
kann schon an sich eine solche Wichtigkeit nnd Beweiskraft in gericht- 
lich -medicinischen Angelegenheiten, znmal in solchen, wo, wie hier, 
selbst das Leben eines Angeschnldi^en davon abhängen kann, nicht 
beigelegt werden. Dazn kommt, dass die grosse Bestimmtheit, mit wei- 
eher die Ergebnisse der Versnche Boutigny's hingestellt sind, sie 
grade verdächtigen mnss. Denn es ist einleuchtend, dass die verschiedne 
Qualität des angewandten Pulvers zunächst schon eine Verschiedenheit 
der Rückstände an der Waffe bedingen mnss, da der Salpetergehalt der 
versehiednen Pulversorten von 62 bis 76 pro Cent; der Eohlengehalt von 
12 bis 18, der Schwefelgehalt von 10 bis 20 variirt. Andre Verschie- 
denheiten wird der Feuchtigkeitsgrad der Luft bedingen, abgesehn da- 
von, dass seit der Erfindung der Zündhütchen und der Schiessbaum- 
wolle die Untersuchung der Schusswaffen zn dem angegebnen Zweck 
überhaupt ganz andern Gesichtspunkten unterworfen worden. Aber ich 
mnss noch weiter gehn und behaupten, dass in solchen Fällen der 
Arzt überhaupt und nach seiner Stellung — wenn er nicht 
znf&Ilig ein guter Jäger oder Schütze ist — gar nicht als compe- 
tenter Sachverständiger erachtet werden kann, und wohl thun 
wird, den Richter, wenn dieser es nicht selbst gethan, zu veranlassen, 
Waffenschmiede, Förster, Jäger u. dgl. als Sachverständige zu hören. 
Wie oft wird es vorkommen, dass unter den zwölf Geschwornen sich 
ein oder mehrere tüchtige Jäger finden, und wie viel würdiger wird der 
Arzt ihnen gegenüber seine Stellung wahren, wenn er offen erklärt, 
das8 er in dieser Materie nicht Sachkenner, als wenn er seine aus den 
Bachern geschöpften Sätze, die ein Schriftsteller dem andern ohne eigne 
Prnfong nachschreibt, vorträgt, und dem wirklichen Sachkenner damit 
zeigt, dass er es eben, nicht ist. Der ganze übrige Inhalt seines Gut- 
achtens wird den Geschwornen dadurch verdächtig! 

Anders verhält es sich in Betreff der Wirkungen der Schusswaffe. 
Hier tritt der Arzt wieder in seine Gompetenz ein, denn hier handelt 
es sich wieder um die Beobachtung eines Naturobjects. Ausserdem, 
was bereite über die allgemeine Wirkung der Feuerwaffen gesagt, kommt 
hier die Erfindung der Spitzkugeln, die Beschaffenheit der Bänder der 
Eingangs- und der Ausgangs-Oeffiiung des Schusskanals, die Richtung 
desselben, die Wirkung gedoppelter oder mehrfacher Geschosse u. s. w. 



172 §• 41. Straugulirende Werkzeuge. 

in Frage, Gegenstände, die zweckmässiger bei der Todesart dnrch Er- 
schiessen (spec. Thl. §. 10. n. f.) in ihrem Znsammenhange abgehan- 
delt werden sollen. 



§. 41. Strangilirende Werkieage. 

Es giebt keinen langen, biegsamen, nicht leicht zerreissenden Körper, 
der nicht als Strangwerkzeng benutzt worden wäre ; Bindfaden, Stricke, 
Tücher aller Formen und Stoffe, Gurte, lederne Hosenträger, geflochtene 
Strohbänder, Aderlassbinden, Jackenärmel und Hosenbeine u. s. w. Sie 
wirken bekanntlich durch Versperren der Luftwege, oder durch Druck 
auf die grossen Halsgefässe die Circulation hemmend, oder durch Druck 
auf wichtige Nerven lähmend. Ihre örtliche Wirkung am Halse ist die 
Strangmarke, die, da sich daran die Frage vom Erhängen im Leben 
oder nach dem Tode knüpft, beim Tode durch Erhängen (s. spec. Thl.) 
genauer gewürdigt werden soll. Die Besichtigung des Strangwerkzeuges wird 
öfters vom Gerichtsarzt gefordert, eben um festzustellen, ob die vorhandne 
Strangmarke durch das vorgefundne Werkzeug wirklich veranlasst wor- 
den? Eine sehr grosse Menge von Beobachtungen lässt mich mit Si- 
cherheit behaupten, dass diese Feststellung oft schwierig werden kann, 
wenn man nicht den Satz festhält, den die Erfahrung als richtig er- 
giebt, dass die verschiedensten Strangwerkzeuge die in sich verschie- 
densten Eindrücke hinterlassen können. Im Allgemeinen allerdings zei- 
gen rauhe und harte Körper, wie hänfene Schnüre, eine mehr oder we- 
niger stellenweis schwach excoriirte, stellenweis leicht mumificirte Harke 
am Hals der Leiche, während weichere Stoffe, wie seidene, wollene 
u. dergl. Tücher dies weniger und seltener, ich sage nicht niemals, be- 
wirken. Im Allgemeinen ist es femer auch erfahrungsgemäss, dass die 
Breite der Marke der Breite oder dem Durchmesser des Stangwerk- 
zeugs, z. B. des Strickes, entspricht. Aber es konunen die zahlreich- 
sten Abweichungen von dieser Regel vor. Tücher sind oft, wenn an 
sich, wie z. B. seidene, ganz weich und elastisch, doch mit hartem 
Körpern an ihren Rändern besetzt, mit geklöppelten Franzen, mit ge- 
häkelten Borten u. dgl., und diese hartem Ränder können grade anf 
die Haut zu liegen konunen und diese pressen und reizen. Andrerseits 
können breite Strangwerkzeuge, wie Gurten und Hosenträger, eine ganz 
schmale Marke erzeugen, weil hierbei ferner nämlich sehr viel von der Lage 
und Stellung abhängt, in welcher das Erhängen erfolgt war, so z. B., 
wenn der Verstorbne nur in die Schlinge des breiten Werkzeuges, das 
dann leicht durch ümstülpung mit seinem schmalen Rande aufdrücken 
kann, zu liegen kam, wie dergleichen Fälle nicht selten vorkommen. End- 
lieh wechselt das Yerhältniss der Marke zum Werkzeug nach deren 



§. 42. Zweifelhafte Blutflecken auf Werkzeugen und Stoffen. 173 

Tiefe gar sehr nach der mehr oder minder stark erfolgten Einschnürung 
des Halses. Ich habe dieselbe oft genug so bedeutend gesehn, dass es 
nicht mdglieh war, einen Finger zwischen das Band und den Hals ein- 
zuschieben, während in den meisten Fällen das Strangwerkzeug viel 
lockerer aufliegt und doch hinreichend fest liegt, um bei der Zerrung 
des Körpers beim Aufhängen den Tod zu bewirken. Alle diese Fälle 
verdienen im concreten gerichtlichen Obductionsfall die reifste Erwä- 
gung, um nicht unvorsichtig ein Gutachten abzugeben , das unbegründet 
ist und möglicherweise die erheblichsten Folgen für einen Angeschul- 
digten haben kann. Die Frage von der Strangmarke ist übrigens hier- 
mit noch nicht erschöpft, und wird bei der Erläuterung des Erhän- 
gnngstodes wieder aufgenommen werden. Eine andre Erwägung aber er- 
fordert noch in manchen Fällen die Untersuchung eines Strangwerk- 
zenges. In Fällen, wo Mord oder Selbstmord in Frage stehn, kann die 
Untersuchung, wie der Knoten des Strickes geschürzt gewesen, von 
grosser Wichtigkeit werden. Es giebt nämlich bekanntlich eine Menge 
von technischen Knoten: die Bäcker schürzen ihre Knoten an den Säcken 
aaf eine eigenthümliche , die Sackführer ihre Mehlsäcke wieder auf 
eine andre Weise, wie vielen andern Handwerkern wieder andre Kno- 
tenschürzungen ganz eigenthümlich sind. Mir selbst sind einige Male 
Fragen der Art vorgelegt worden, ob der vorgezeigte Knoten ein Bäcker- 
knoten u. dergl. sei? Der Gerichtsarzt kann nicht Alles wissen; na- 
mentlich ist nicht von ihm zu verlangen, dass er mit allen technischen 
Werkzeugen und Handgriffen aller Handwerke vertraut sei, wozu ihn 
auch seine specifische Wissenschaft gar nicht befähigt. Aus denselben 
Granden, die oben in Betreff der Schusswaffen angeführt sind, 
rathe ich deshalb auch in dieser Beziehung zu einer offenen Incompe- 
tenzerklämng. Man veranlasse in solchen Fällen den Richter, die be- 
treffenden Handwerker u. dgl. selbst zu befragen und mit ihrem Gut- 
achten zu hören 



§. 42. Iwelfelhafte llaileeke anf Werksengen and Staffen. 

In Criminal- Dntersuchungssachen, betreffend Mord, Todtschlag, Yer- 
letzongen, Misshandlungen, Nothzucht u. s. w. kommt es häufig genug 
vor, dass gerichtsärztlicherseits festgestellt werden soll: ob Flecke auf 
Werkzeugen oder Möbeln, Thüren, Wänden, Geschirren, oder auch auf 
Bekleidungsstücken und Stoffen, die augenscheinlich Aehnlichkeit mit 
Blutflecken haben, wirklich von Blut herrühren oder nicht, oder ob ein 
Messer oder Werkzeug, welches allem Anscheine nach gar nicht blut- 
befleckt ist, zur Erzeugung der vorliegenden Verletzung benutzt worden 
^in kann. Der Angeschuldigte läugnet. Das Messer hat er nie be* 



174 §• 42. Zweifelhafte Blutflecke auf Werkzeugen und Stoffen. 

sessen und könne mit demselben die in Rede stehende That nicht ge- 
schehen sein, da Blutflecke an demselben sich nicht vorfänden. Oder 
er räumt ein, dass die Flecke Blutflecke seien, aber er bringt vor, dass 
und wie so sie vom Blute eines Thieres herrühren. Oder er räumt ein, 
dass die Flecke an seinen Beinkleidern wohl Blutflecke sein köonteii, 
dass sie aber nicht von einer, durch ihn zugefugten Verletzung, son- 
dern davon herrührten, — dass er einen Tag vor seiner Verhaftung 
mit einem grade menstruirenden Frauenzimmer den Beischlaf vollzogen 
habe. Oder in einem andern Falle wird es zweifelhaft, ob die anschei- 
nenden Blutflecke vrirklich von dem angeblich Verletzten herrühren, oder 
ob derselbe nicht vielmehr, wofür Verdachtsgründe vorliegen, Thierblnt 
genommen habe, um seine unbegründete Anschuldigung eines Dritten 
glaubhafter zu machen. Diese Beispiele erschöpfen aber noch keines- 
wegs alle Möglichkeiten, und es war bei der Schwierigkeit und Wich- 
tigkeit der Frage und ihrem häufigen Vorkommen in foro natürlich, 
dass fortwährend nach Methoden zur Erkennung von Blut geforscht 
vmrde. Eine grössere Sicherheit in der differentiellen Diagnose zweifel- 
hafter Blutflecke zu erreichen, blieb aber erst der neusten Zeit vorbe- 
halten, und die zahlreichen altem Untersuchungsmethoden*) sind als 
mehr oder weniger complicirt und unsicher durch einfachere und zuver- 
lässigere Erkennungsmittel ersetzt worden. 

Zunächst muss aber bemerkt werden, was noch nirgend erwähnt 
worden ist, dass Instrumente zur Erzeugung einer Verletzung unzwei- 
felhaft benutzt worden ^ein können, ohne dass sich an ihnen, auch wenn 



•) Vgl. Orfila, Tratte de Med, leg. 2. Aufl. II. S. 564. Lassaigne, Revue 
Medic, August 1821. Barruel, Annales d" HygUne publique. 1829, Ghevalier, 
in Poggendorf 8 Annalen, 1838. No. 9. Barruel u. Lesueur, Ärehives de Med, 
1833, I.-- 2, Serie, H. Rose, in Casper's Vierteljahrsschr. 1853. IV. S. 2^5. 
C. Schmidt, die Diagnostik yerdächtiger Flecke in CriminalflLllen. Hittau u. Leipag* 
1848. B. Ritter, über die Ermittelung von Blut-, Saamen- und Excrementenflecken 
in Criminalfällen. Eine gekrönte Preiaschrift. 2. Aufl. Würzburg 1854. (Hit reicher 
Literatur.) Lassaigne, Annalei d Hygiene publique. 1857. Von neuern Schrif- 
ten vergleiche B. Ritter (geschichtliche Darstellung aller Methoden) in Henke's 
Zeitschrift. 1860. III. Pfaff, Anleitung zur Vornahme gerichts&rztUchen Blutuntersu- 
chungen 2. Aufl. Plauen 1863. Zwei Abhandlungen von Erpenbek und Pfa^f 
in Vierteljahrschrift 1862. XXI. 1. und 2. Heft Hoppe-Seyler, Handbuch der 
chemischen Analyse. Berlin 1865. Sonnenschein, Handbuch der gerichtlichen 
Chemie. 1869. Herapath, on the use oj tke speotroscope and miscrospmtratcope 
in the discovery of bloodstains and diseolved blood Brit, fned, leg, Joum. iti6(!. 
Febr. 29. MarcL 7, p. 189. 217. Blondlot, de la conetation med. leg. du Ta- 
ches de sang par la t'ormation des cristaux d'hemine, Ann, dhygime pttbl, M^- 
Janv. 193, Taylor, on M« Guajac, process for Ute detection of blood in med. 
leg. cuses Ouy's IJosp. Rep, 18G8. XJW Falk, zur Spectroscopie in d. foren«. 
Praiis. Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Med. 1867. S. 234. 



§. 42. Zweifelhafte Blutflecke auf Werkzeugen und Stoffen. 87. Fall. 175 

sie nicht gewaschen oder abgespült waren, trotz sorgfältigster üntersn- 
choDg Blatspnren nachweisen lassen. Der nnten stehende Fall beweist 
dies unzweifelhaft nnd erklärt die Möglichkeit, dass selbst eine tödt- 
üche Halsschnittwnnde vorkommen kann, ohne Blutflecke am Messer 
zn hinterlassen. Noch ein anderer Fall ist mir vorgekommen, wo eine 
Stichwunde in den Cncollaris, die sehr starke Blutung zur Folge hatte, 
Yon dem Th&ter erzeugt worden, ohne dass Blutspuren an dem Messer 
aufgefunden wurden. Die Nichtanwesenheit von Blutspuren 
an einem fraglichen Instrument schliesst demnach unter 
Umständen noch nicht aus, dass dasselbe dennoch zur Er- 
zeugung einer Verletzung benutzt worden sein könne, was 
im concreten Falle zu benutzen sein wird, wie der folgende in vieler 
Beziehung sehr unterrichtende Fall lehrt: 

87. Fan. Hals Schnittwunde und Strangmarke. Selbstmord oder Mord. 
Das neben der Leiche gefundene und benutzte Hesser ist ohne 

Blutspuren. 

Unter ungewöhnlichen Umstanden wurde nach dem Polizeibericht die Leiche des 
UseUergesellen Begerow im Thiergarten gefunden, mit einer Halsschnittwunde, auf 
dem Bocken liegend , eine Blutlache bei der Leiche. Neben derselben eine anscheinend 
abgerissene Schlinge einer Schnur. Femer lag neben der Leiche ein Messer , an dem 
nicht die mindeste Spur von Blut zu sehen war. Auch waren weder die H&nde, noch 
iigend ein Theil des Körpers blutbefleckt, obgleich eine Menge Blut auf der Erde lag, 
««Iches aus einer weit klaffenden Halswunde geflossen war. Ebenso wie die Hände, 
war auch die Wäsche, namentlich das Hemde, des Denatus ganz rein. Aus diesen 
Umstanden, und weil das Erdreich im Umkreise Ton 2 — 3 Ellen aufgewühlt erschien, 
hielt der Polizeibeamte einen Mord vorliegend. 

Unterstützt wurde er in dieser Annahme durch den herbeigerufenen Arzt, wel- 
cher erklärte, dass wenn dies Messer benutzt worden wäre, ein Strom Ton Blut an dem- 
selben vorgefunden worden sein musste: dass femer alsdann auch die Hand des Yer- 
itorbenen blutbesudelt sein musste. — Ein anderer Polizeibeamter hielt dafür, dass 
Denatus sich selbst entleibt habe, weil die Spuren eines Kampfes an der Erde nicht 
sichtbar gewesen, hier vielmehr das Laub nur herabgetreten gewesen, weil femer 
du Messer doch Flecke enthielte, die von dem anderen Beamten vielleicht nur für 
Bostflecke gehalten worden wären, in der That doch aber Blutflecke sein konnten, 
ond weQ endlich neben dem Leichnam die abgerissene Schlinge einer Schnur gefun- 
den worden, die anderweitig nicht erklärt werden könnte. 

Die äussere Besichtigung der noch frischen Leiche ergab einen gut genähr- 
ten 30 — 30jährigen Menschen; Gesicht mit Sand beschmutzt, desgleichen auch auf den 
Lippen, der Zunge und unter den Augenlidern sich findet — Am Halse befindet sich 
«ne kreiafÖrmige, auch den Nacken durchfurchende Strangulationsmarke, die trocken, 
pergamentartig, der gefundenen Schnur entsprechend, nicht sugillirt ist und oberhalb 
de« Kahlkopfes verläuft Eine zweite nur die vordere Halsseite einnehmende findet sich 
unterhalb des Kehlkopfes. An der rechten Seite des Halses, etwa an dem vorderen 
Baach des Kopfhiekers beginnend, horizontal nach links laufend, und den Schildknor- 
pel vom Zungenbein trennend, eine 4 Zoll lange, k Zoll klaffende Wunde, mit schar- 
fen, blutgetränkten Rändern, die rechterseits tief ist, einen Einblick in die Luftröhre 



176 §. '^2. Zweifelhafte Blutflecke auf Werkzeugen und Stoffen. 87. Fall. 

gestattet, nach links hin in einen spitzen Winkel ausläuft, und sich hier so TerflAcbt, 
dass nur die Haut oberflächlich getrennt ist. An der linken Seite des Halses mehrere, 
3—4 oberflächliche, leicht halbmondförmige Hautschrammen, beborkt und nicht lugilliit 
Eine ebensolche etwas tiefere, die einen kleinen linsengrossen Substanzverlust der 
Haut erzeugt hat, ebendaselbst. Eine bis zwei flache von oben nach unten yerUnfende 
etwa i Zoll lange Hautschrammen auf dem unteren Rande des Unterkiefers. Mehrere 
ähnliche Hautschrammen auf der rechten Halsseite in der Nähe der Wunde. Gende 
unter dem Kinn rechterseits ein fingerkuppengrosser, der Oberhaut entblösster, betrock* 
neter Fleck ohne Blutunterlaufung Beide Augenlider stark geröthet Eine geoaae 
Besichtigung derselben zeigt, dass hier zahllose kleine stecknadelspitzengrosse Capülar- 
ecchymosen vorhanden sind, so dass die Haut der Augenlider ein fein rothpaiictirt«<t 
Ansehen hat. Sonst keine Sugillation an ihnen. Die Conjunctiven leicht geröthet, einige 
Ecchymosen in denselben. Auf der Stirn zahlreiche stecknadelspitzengrosse, li^ide 
capillare Ecchymosen. Sonst am Körper keine Verletzung. Namentlich beide H&nde 
und deren Finger mit wohlgebildeten Nägeln besetzt, frei ron Verletzungen. An der 
Röckseite des linken Daumens am Nagelglied ein groschengrosser Blutfleck. Ein eben 
solcher am Ballen des Daumens. — Spermatozoen nicht in der Harnröhre. 

Die innere Besichtigung ergiebt, dass die Halswunde die Carotfs und Vena 
jugularis verschont hat In der von der JugvJaria abgehenden Vena facialu findet 
sich eine kleine Oeffnung. Das Ligam. thyreo -hyoideum ist durchschnitten und 
ebenso die hintere Wand des Pharynx bis auf die Wirbelsäule scharf getrennt Um 
die Wunde herum, namentlich an beiden Enden derselben Blutinfiltrationen in dem 
benachbarten Zellgewebe. In der Luftröhre und dem Kehlkopf schaumiges Blut, vel- 
ches sich sehr reichlich in den grossen und feineren Bronchien vorfindet. Die Schleim- 
haut der Luftröhre, wie des Kehlkopfes geröthet durch Injection und unter der Schleimbaot 
des Kehlkopfes sehr zahlreiche, hellrothe, bis linsengrosse Ecchymosen. Die Lungen recht 
ausgedehnt, in dem vorderen oberen Lappen hellgrauroth und blutarm, trocken, dage- 
gen in dem hinteren und unteren Lappen stark bluthaltig, dunkelblauroth geftrbt. 
Einschnitte ergaben ferner sehr deutlich abgesetzte erbsengrosse rothe Flecke auf deo 
grauen Grunde der vorderen Partieen, sie röhren her von Anfnllung von Gruppen von 
Lungenbläschen mit Blut. Das normale Herz enthält ziemlich viel, rechts mehr al« 
links, dunkelflussiges Blut, keine Gerinnsel. Die Unterleibsorgane sind nicht beson- 
ders blutreich, jedoch ist die Vena cava strotzend mit dunkelflussigem Blute gefällt. 
Kopfhöhle nicht geöffnet. 

Das Messer ist ein sehr grosses Pfriemenmesser, mit Griff von rohem kiehnenem 
Holz und etwa 3 Zoll langer convexer, in der stärksten Breite \ Zoll betragender 
Klinge (Schnitzmesser, wie es die Tischler gebrauchen). Die KKnge ist ziemlich glän- 
zend. Auf derselben mehrere kleine gelbbraune anscheinend Rostflecke, nur an einer 
Stelle des Rückens der Klinge ein kleiner als Blut verdächtiger Fleck. Keinesveges 
sind, weder an Griff noch Klinge auffallende, als solche sorfort kenntliche Blutflecke. 
Die von Prof. Sonnenschein und mir angestellte sorgfältigste Untersuchung de« 
Messers lässt aber kein Blut an demselben erkennen. Sämmtlicbe Fleckchen 
sind alte, sehr oberflächliche Rostflecke. 

Der Tod war also hier nicht durch Verblutung, sondern durch Erstickung erfolgt 
und die Erstickung war herbeigeführt durch das aus dem verletzten Gefäss in die Luft- 
röhre geflossene und geathmete Blut. 

Die vorgefundene Strangmarke ist bei Leben erzeugt und der Halsschnittvunde 
voraufgegangen. Dafür sprechen die Hautapoplexien der Augenlieder, die Eccbymosi- 
rungen der Conjunctiven, ihr Sitz oberhalb des Strangwerkzeuges und welche daher foK- 
Itch durch die Coropression durch das Strangwerkzeug ihre Erklärung finden und nicht 



§. 42. Zweifelhafte Blutflecke auf Werkzeugen und Stoffen. 177 

auf die Erstickung durch Blut zurückzuführen sind. Ferner spricht aber der Umstand, 
das8 die Schnur neben der Leiche gefunden worden, dafür, dass die Strangulation 
dem Schnitt Toraufgegangen ist. Ist dies der Fall, so musste die Strangmarke durch 
einen Tersuchten und nicht beendigten Selbstmord entstanden erklärt werden. Hätte 
eise fremde Hand die Strangulirung Tor der Schnittwunde ausgeführt, so wäre De- 
natuf wohl erstickt, aber nicht in seinem Blute erstickt, wie geschehen. Nach dem 
Tode konnte das Werkzeug Yon fremder Hand nur umgelegt sein, um einen Selbst- 
niord nach Beibringung der Halsschnittwunde zu simuliren, dann aber hätte sie nicht 
die beschriebene Wirkung hervorbringen können und würde alsdann auch die Schnur 
mcht neben der Leiche, sondern um den Hals liegend gefunden worden sein. 

Gegen Mord sprechen aber ferner alle Spuren einer Gegenwehr. 

Sehr beachtenswerth sind in diesem Falle femer die zahlreichen Hautabschürfungen 
am Halse. Aber sie müssen in diesem Falle (wie in manchen anderen) auf die eigenen Nägel 
des DenatuSy bei hastigem Legen oder Abreissen der Schlinge, zurück geführt werden. 
IHe Ecchymose unter dem Kinn mag durch Auffallen befm Reissen des Strangwerk- 
zenges entstanden sein. — Die Schnittwunde am Halse endlich ist mit der linken 
Hand erzeugt, wofür das Blut an derselben, wie auch die Lage und Richtung der 
Wnnde sprechen. Die geringen Blutspuren an der Hand und das gänzliche Fehlen 
derselben am Measer, erklären sich durch die Grosse des Messers, die Länge des Griffes 
und die Kleinheit der Gefässverletzung. Die Blutung begann erst, nachdem Instru- 
ment und Hand bereits yon der Halsgegend entfernt waren. 

Die in Folge unseres Gutachtens auf Selbstmord angestellten weiteren Ermittelun- 
gen, haben übrigens diesen vollkommen bestätigt. 

Oft ist es möglich, schon durch den blossen Augenschein Blut als 
solches sowohl anf Instrumenten als auf Stoffen zu erkennen, was keiner 
weitem Änsfuhrung bedarf. Bemerken will ich hierbei, was ich ^chon 
gelegentlich der Besprechung der Guajacharzreaction auf Blut*) her- 
vorgehoben habe, dass Blutflecke, je nachdem sie schnell oder langsam, 
in grosser Hitze oder nicht getrocknet waren , je nachdem femer das 
Auswaschen unternommen wurde, als die Blutflecke noch feucht oder 
schon trocken waren, in ihren Farbennuancen vom dunkel-braunrothen, 
braunen ins braungrüne, oliven-hellgrüne , hellrosarothe , farblose über- 
gehen, so dass einzelne solcher Flecke Niemand für Blutflecke, vielmehr 
für alles Andere, Schleim, Eiter, Harn etc., nur nicht für Blutflecke er- 
klären wird. 

Entscheiden kann in zweifelhaften Fällen nur die genauere ünter- 
sachung. 

Ist das Blut noch frisch, so wird man unschwer durch das Micro- 
skop die rothen Blutkörperchen erkennen können, deren Form und Eigen- 
schaften ich als bekannt voraussetze. In frischem Zustande ist es als- 
dann auch möglich diese zu messen und durch ihre Durchmesserlänge 
äie von ähnliehen andrer Säugethiere zu unterscheiden. 



^ Vierteljahrascbr. 1S63. Bd. 24. S. 215. 

Cttper'0 KerirbtI. Uedirfn. 5 AuA. II. 12 



178 §• 42* Zweifelhafte Blutflecke auf Werkzeuge und Stoffen. 

Nach Schmidt betragen die Durchmesser der Blntzeilen: 

Ton Menschen s 0,0077 Mm. (0,0074 — 0,0080), 



n 


Hunden 


= 0,0070 


» 


(0,0066 - 


0,0074), 


n 


Kaninchen 


«= 0,0064 


n 


(0,0060 - 


0,0070), 


n 


Ratten 


= 0,0064 


n 


(0,0060 — 


0,0068), 


» 


Schweinen 


<= 0,0062 


« 


(0,0060 — 


0,0065), 


n 


Mäusen 


B 0,0061 


» 


(0,0058 - 


0,0065), 


n 


Ochsen 


= 0,0058 


9 


(0,0054 - 


0,0060), 


n 


Katzen 


^ 0,0056 


n 


(0,0053 


0,0060), 


n 


Pferden 


= 0,0057 


9 


(0,0053 - 


0,0060), 


n 


Schafen 


= 0,0045 


1t 


(0,0040 — 


0,0048). 



Im Mittel an zwanzig Messungen sind die Blntzeilen des Huluies 
0,0076 Mm. breit nnd 0,0027 Mm. lang. Die farblosen Blntzeilen bei 
warmblütigen Thieren sind grösser als die rothen. 

Die Blutzellen quellen bekanntlich durch Wasser auf und verlieren 
ihre Farbe, während durch Wasserentziehung, Eintrocknen etc. sie 
zackig werden. Eingetrocknete Blutschollen haben ein Ansehen, welches 
man mit dem des Strassenpflasters vergleichen kann, welches an ein- 
zelnen Stellen rissig erscheint. (Sonnenschein.) 

Die Messungen werden unsicher, sobald es sich um solche an ein- 
getrocknetem Blute handelt. 

Aber auch an eingetrocknetem Blute gelingt es noch die Fonn- 
elemente desselben herzustellen. Zu dem Ende behandelt man das 
fragliche Blut mit absolutem Alkohol von 95 pGt., lässt trocknen nnd 
wiederholt dies Verfahren mehrmals,, und untersucht alsdann mit Zn- 
satzflüssigkeit, bestehend aus gleichen Theilen Aether und Amylalkohol 
(Gwosdew*), Kochsalzlösung oder auch destillirtem Wasser. Einzebe 
Blutkörperchen erhält man aus den Blutbrocken durch Pinseln in einem 
Uhrgläschen, trocknen, abkratzen und nachherigem Untersuchen mit 
Zusatzflüssigkeit. Es lassen sich aber auch, wo die Blutkörperchen 
haufenweis zusanmienliegen, dieselben noch recht gut als solche oft er- 
kennen. 

Eine zweite Untersuchungsmethode ist die durch das Spectroskop. 
Zu diesem Ende verdünnt man das Blut hinreichend, am besten nach 
Helwig und Falk mit einer Jodkalilösung (1 : 4) und wird im Fall 
Blut vorhanden, im Spectrum die Absorptionsstreifen des Hämoglobins 
zwischen D und E des Frauenhoferschen Spectrums wahrnehmen. 

Drittens wird Blut mit Sicherheit nachgevriesen durch die Dar- 
stellung der Hämincrystalle. Teichmann**) entdeckte, dass sich durch 



^) Sitznngabericht der kais. Academie d. Wissensch. Bd. LIIL 1866. 
**) Teicbmann, ober die Crystallisation der organ. Bestandtheile des Blutes in 
Uenle und Pfeuffei's Zeitschr. f. rationelle Med. III. 3. S. 371. 



§. 42. Zweifelhafte Blutflecke auf Werkzeugen und Stoffen. 179 

Einwirkung der Essigsäure auf Blut die Hämincrystalle bilden. Durch 
die ferneren Untersuchungen von Erdmann, Büchner, Simon u. A., 
später von Helwig, Gwosdew, Falk ist die üntersuchungsmethode 
so vereinfacht worden, dass sie sich ebenso wie die beiden vorher be- 
schriebenen für gerichtliche Zwecke eignet. Die blutigen Objecte wer- 
den in einem Reagensglas mit Eisessig behandelt, einige Kömchen Koch- 
salz Unzugefügt, gekocht und nach Abkochung der Flüssigkeit diese in 
einem Uhrgläschen auf einer heissen Ofenplatte, im Sandbade oder an 
der Sonne verdampft. Flüssigkeiten, welche man auf Blutgehalt prüfen 
will, dampft man zweckmässigerweise vorher ein. Ich meinerseits un- 
tersuche gewöhnlich nach der noch einfacheren von Erdmann*) ange- 
gebenen Manier, dass ich zu dem fraglichen, vom Gegenstand mög- 
lichst abgenommenen Fleck nebst einem Kömchen Kochsalzes auf dem 
Objectglas tropfenweis Eisessig hinzusetze, vorsichtig erhitze und 
abkühlen lasse. Man kann zweckmässig diese Untersuchung an die 
auf Blutkügelchen nach oben beschriebener Methode folgen lassen. Falk 
empfiehlt, namentlich wenn Flecke auf dunkelgefärbten Zeugen haften, 
aber auch sonst, das Blut zuvor durch Jodkalilösung auszuziehen und 
diese Lösung auf Hämin zu untersuchen, wobei ausserdem der Zusatz 
von Kochsalz entbehrlich wird. Die Hämincrystalle sind rhombisch oder 
rhomboid getäfelte, verschiedenartig, nämlich zuweilen nur schwach 
gelblich, oder gelb, oder gelbroth, oder blutroth oder braunroth gefärbte 
Krystalle von wechselnder Grösse, von denen sich einzelne gem kreuz- 
weis oder sternförmig übereinander legen. Bei sehr geringen Blutmen- 
gen schiessen zuweilen die Krystalle in so dünnen Blättchen und Säul- 
chen an, dass sie fiast ganz farblos erscheinen. Gute Abbildungen findet 
man im Funke "sehen Atlas der physiologischen Chemie. Zur Vorbeu- 
gung einer Verwechslung mit Verunreinigungen, namentlich aber mit 
Hurexidcrystallen empfiehlt es sich, die fraglichen Crystalle mit dem 
Polarisationsapparat zu untersuchen. Wie Rollet**) gezeigt, wechseln 
die Crystalle viermal ihre Farbe, so zwar, dass dunkel und hell mit 
einander abwechseln, wenn man zvrachen Auge und Ocular ein Nikol- 
sches Prisma bringt und letzteres um 360" dreht. 

Endlich ist noch die ozonisirende Kraft des Haematins für die 
Diagnose des Blutes zu verwerthen. Wird mit Aether oder andern 
Ozonträgem vermischte Guajactinctur mit Hämatin versetzt, so wird 
sie in einigen Secunden intensiv blau. Ich habe schon anderweitig 
aasgeführt, dass diese Reaction äusserst empfindlich ist, und dass selbst 



*) Jonrn. f. pract Chemie. Bd. 85. p. 1. 

^ Rollet, über den Pleocbroismua der Hämincrystalle nebst einer kurzen Anlei- 
tung zur Untersuchung desselben. Wiener med. Wocbenschr. 1802. No. 23. 

12* 



180 §• ^^'. Zweifelhafte Blutflecke auf Werkzeugen und Stoffen. 

80 ausgewaschene Blutflecke, dass für das blosse Auge nichts mehr zn 
erkennen ist, noch die Reaction ergeben. Indess findet diese Methode 
am besten ihre Stelle da, wo den umständen des Falles nach die hohe 
Wahrscheinlichkeit für Abwesenheit von Blut spricht und der negative 
Befund dies bestätigt, während das Eintreten der Reaction dazu auf- 
fordert, durch andere Proben den Befand sicher zu stellen. 

Zur Unterscheidung des Thierblutes von Menschenblut reichen diese 
sämmtlichen Unterscheidungsmethoden nicht aus. 

Viel Aufsehen hat ihrer Zeit die angebliche Entdeckung Barrner& 
gemacht, Menschen- und Thierblut bei Behandlung mit reiner Schwefel- 
säure durch den specifischen Geruch der Mischung zu unterscheiden. 
Indessen Barruel's Methode hat sich keineswegs bewährt, wie zu den 
vielen frühem Beweisen nicht nur meine eignen, sondern namentUch 
die schlagenden Versuche von Chevalier ergeben haben.*) Derselbe 
behandelte, in Gemeinschaft mit andern Sachverständigen, Hammel-, 
Ochsen- und Menschenblut nach der BarrueT sehen Methode; jeder der 
Sachverständigen zeichnete für sich seine Geruchswahmehmungen an 
den resp. ihm nicht bekannten Blutarten auf, und es fand sich, dass, 
wenn sie in einzelnen Fällen das Richtige getroffen, sie in andern Fill- 
len Menschen- für Thierblut und umgekehrt erklärt hatten! Die Bar- 
ruersche Unterscheidungsmethode beider Blutarten, vollends die behaup- 
tete Möglichkeit, das Blut der einzelnen Thiere von dem anderer Thiere 
durch den Geruch zu unterscheiden, muss daher aus den angeführten 
Gründen, zumal in Criminal- Anschuldigungen, für unzulässig erklärt 
werden, weil sie viel zu unsicher ist und zu gefährlichen Täuschungen 
und darauf gegründeten Behauptungen Veranlassung geben kann. Nicht 
minder gilt dies von einer neuerdings von Neumann**) angegebenen 
Methode, welche das Blut der verschiedenen Thiere unterscheiden will 
je nach den durch die Verdampfung bei -j- 10 bis 12® R. hervorgeru- 
fenen microscopischen Bildern. 

Dass es indess auf microscopischem Wege mOglich, selbst noch 
trocknes Blat von Menschen von dem von Thieren nach längerer Zeit 
zu unterscheiden, wenn es sorgfältig aufbewahrt und vor der Einwir- 
kung der oben erwähnten nachtheiligen Einflüsse geschützt worden, be- 
weist folgender lehrreicher Fall, der Veranlassung zu dem nachstehen- 
den Gutachten der Eönigl. wissenschaftlichen Deputation gegeben hat, 
an welchem Johannes Müller und Gasper als Referenten betheiligt 
waren. 



•) Annales d'IIyg. publ 1853. AvriL 

^) Die Erkennunj^ des Blutes bei gerichtl. Untersuchungen. Leipzig. 1S69. 



f 42. Zweifelhafte Blutflecke auf Werkzeugen und Stoffen. 88. Fall. 181 



. Fan. Unterscheidung von Menschen- und Yogelblut 

Ein Mann war aus seiner Wohnung zwangsweise exmittirt und dabei misshandelt 
Tordeo. Er gab an, in Folge dessen erkrankt zu sein; es entstand indess der Yer- 
dttkt, dass das Ton ihm in der Krankheit angeblich per anum abgegangene Blut nicht 
Kensehen-, sondern absichtlich verschlucktes Taubenblut gewesen. Zwei Aerzte hatten 
dies bescheinigt Auch m weiterer Instanz hatten zwei andre Aerzte erklärt, dass das 
zviscbea dem 30. Januar und 3. Februar per anum abgegangne Blut sich bei einer 
am 22. Juli (also nach fast sechs Monaten) von ihnen ausgeführten microscopischen 
ÜDtersachung als Yogelblut ergeben hatte. Das im November requirirte Eonigl. Medi- 
cmnl-Coüegium zu X. habe darüber wegen Unkenntlichkeit der fraglichen Substanz eine 
bestüomte Ansicht nicht mehr aussprechen, und auf eine spätere Anfrage: ob die Un- 
kenntlichkeit auch schon am 22. Juli habe stattfinden müssen? eine Antwort nicht wei- 
ter geben können. Der Untersuchungsrichter eztrahirte nunmehr deshalb ein Super ar^ 
hürium der wissenschaftlichen Deputation, für welches er folgende Fragen stellte: 
1) ob die übersandte Substanz für Menschen- oder Yogelblut zu erkennen? 2) worin, 
wenn solches nicht zu erkennen, die Unkenntlichkeit bestehe? 3) ob diese Unkennt- 
lichkeit schon am 22. Juli oder seit wann hat bestehn müssen? 

Mitte Februar des nächsten Jahres, also nach mehr als einem Jahre nach 
seinem Abgange in frischem Zustande , wurde das Blut untersucht , und folgendes Gut- 
achten erstattet: 

P. P. .Zur Erledigung unsers Auftrags wurde die übersandte Blutsubstanz (ganz 
trocknes, pulvriges Blut in einer Schachtel) unter dem Microscop verglichen: 1) mit 
frischem und getrocknetem Blute aus einer menschlichen Leiche; 2) mit frischem und 
^trocknetem Blute einer Taube. Die Blutkörperchen des fraglichen Blutes lassen sich, 
f enn hinreichend kleine Fragmente desselben mit einer Kochsalzlösung oder mit Zucker 
angesetzt unter das Microscop gebracht werden $ deutlich erkennen. Sie sind nicht 
elliptisch, und haben die Form und Grösse, welche den Blutkörperchen des Menschen 
and der Säugethiere eigen und gemeinsam sind. Yon der Grösse der menschlichen 
abweichende Blutkörperchen haben sich darin durchaus nicht erkennen lassen. Yon der 
runden Form einigermaassen abweichende Blutkörperchen sind darin nur wenige ent- 
halten, und nicht mehr und nicht minder, als man dergleichen geringe Abweichungen 
im Blnte des Menschen und der Säugethiere wahrnimmt Ein Kern ist in den frag- 
lichen Blutkörperchen nicht wahrnehmbar, und ist darin eben so zweifelhaft, als er es 
in den Blutkörperchen der Menschen und Säugethiere überhaupt ist. Mit den Blutkör- 
perchen des Taubenblutes und des Blutes der Yögel überhaupt haben die fraglichen 
Blutkörperchen nicht die geringste Aehnlichkeit, und ist nicht einzusehn , wie dieselben 
damit haben identificirt werden können. Die Blutkörperchen des Yogelblutes sind ohne 
iosnahme elliptisch, sie besitzen einen deutlichen , länglicbten Kern, und sind übrigens 
doppelt so gross, als die fraglichen Blutkörperchen. — Aus alle diesem folgt, dass 
die uns vorgelegte Blutsubstanz nicht Taubenblut und überhaupt kein Yogelblut ist, 
vielmehr nur Menschen- oder Säugethierblut sein kann. Welches aber von beiden, 
lisst sich wegen der Uebereinstimmung der Form und Grösse der Blutkörperchen im 
Menschen- und Säugethierblut mittelst des Microscops nicht entscheiden, und liegen 
Oberhaupt keine sichern Unterscheidungsmerkmale beider Blutarten vor. Hiernach ge- 
ben wir unser Gutachten dahin ab: dass die übersandte Substanz nicht Yogelblut, son- 
dern Menschen- oder Säugethierblut gewesen sei, womit die beiden obigen eventuellen 
Fragen von selbst erledigt sind. Berlin, den 13. März 1850. Eönigl. wissenschaftliche 
Deputation für das Medicinalwesen.^ 



182 §• ^^- Zweifelhafte Blutflecke auf Workzeugea und Stoffen. 89. Fall. 

« 

Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass neben andern grnnstigen. Rcbon oben ao 
gegebenen Umständen die Untersuchung und Entscheidung in diesem Falle dadurch 
wesentlich erleichtert wurden , dass wir zwischen zwei Formen von Blutkörperchen tu 
unterscheiden hatten, welche wesentlich und sinnlich sehr wahrnehmbar von einander 
unterschieden sind. Wie viel schwieriger aber es ist, unter ganz entgegengesetzten 
Verhältnissen ein Urtheil über Flecke abzugeben, von denen es zweifelhaft, ob sie \on 
Menschen- oder Thierblut herrühren , mögen folgende Fälle beweisen. 

89. Fall. Blut? Menschenblut oder Ziegenblut? auf einem Rock und auf 

Abschabsein eines Fingernagels. 

Die letztere Substanz ist wohl noch niemals Gegenstand einer forensischen Blut- 
diagnose gewesen! Sie war uns (1862) mit einem grünen Männerrock von einem aus- 
wärtigen Gericht in einer äusserst wichtigen Mordsache zugesandt worden, und der Er- 
folg hat ergeben, dass der Gedanke des Untersuchungsrichters, den Terdächtig aus 
sehenden Nagel abschaben und das Gewebe untersuchen zu lassen, kein verfehlter var. 
Auf dem Rock fanden sich auf dem rechten Schooss ein kleiner, rother, glänzender 
Fleck und einige dergleichen Punkte, wie anscheinend Ton einer angespritzten Flüssig- 
keit. Verschiedene röthlich gefärbte Flecke fanden wir femer auf der innem Rockseite 
im Futter. Durch Beobachtung bei Kerzenlicht trat die characteristische , braun* 
rothe Färbung der Blutflecke deutlich hervor. Ein Theil des grossem Flecks mit 
einem scharfen Messer vorsichtig abgeschabt und mit Zuckerlosung auf den Objectträger 
gebracht, gab eine röthlich gefärbte Flüssigkeit, in welcher unter dem Microacop deut- 
lieh die Blutzellen des Menschen und der grössern Säugethiere wahrzunehmen waren. 
Eben wegen der völligen Aehnlichkeit Beider musste es auch in diesem Falle unent- 
schieden bleiben, ob wir Menschenblut oder Ziegenblut vor uns hatten. Ein andrer 
Rockfleck, mit Eisessig und Ghlornatrium behandelt, ergab keine deutlichen Häminkrv- 
stalle, was wohl den vielen fremden Beimischungen zuzuschreiben war. Ein Theil des 
rötblich gefärbten Futterzeuges gab eine Löäung , die auf Zusatz von Kali den , <la» 
Blut characterisirenden Dichroismus zeigte, und ebenfalls microscopisch betrachtet teller- 
förmige Blutkörperchen ergab. — Die äu<«serst geringfügige Menge der Nägelabscbabsel 
schloss eine chemische Untersuchung aus. Microscopisch ergaben sich Spuren und Ro* 
dimente von Haaren und Epitheliuro und nicht näher zu bestimmenden Schmutz. Ein 
Tbeilchen Epithelium , welches sich durch seine röthliche Färbung auszeichnete , wurde 
mit Zuckerwasser auf den Objectträger gebracht, und es fand sich hierbei, dass da« 
Epithelium an einzelnen Stellen gelblich-rotbe Flecke enthielt, welche eine Menge rund- 
licher, zum Theil mit Zellen versehener Scheibchen wahrnehmen Hessen, die die aller- 
grösste Aehnlichkeit mit den Blut/elleu der Menschen und Säugethiere hatten, und 
andrerseits andern microscopischen Gebilden nicht glichen, so dass diesell>en als Blut 
erachtet werden mussten. In beiden übersandten Stoffen war also Blut durch die von 
mir und dem vereideten Experten, Herm Prof. Sonnenschein, ausgeführte Unter- 
Buchung constatirt worden. 

Noch weniger ist es bislang gelungen, Flecken, welche von Men- 
strualblut herrühren, von solchen, welche Blut aus Wunden ihren Ur- 
sprung verdanken, zu unterscheiden. 

Ebenso wenig ist es gelungen, wenngleich die den Blutfarbstoff 
anzeigenden oben genannten Methoden sich auch für Jahre alte Flecke 
eignen, mit einiger Sicherheit das Alter eines Blutfleckes zu bestimmen. 



§. 42. Zweifelhafte Blutflecke auf Werkzeugen und Stoffen. 1^3 

Pf äff*) betrachtet die Zeit, in welcher em Blutfleck sich in einer Arse- 
niUösiing (gr. i : 5 ij) lost, als bestimmend für sein Alter and nimmt als 
Haags der LOslichkeit die Zeit an, in welcher ein Blutfleck in dem 
Lösungsmittel so yerblasst, dass die Ränder desselben von dem blut- 
freigewesenen Gewebe nicht mehr deutlich zu erkennen sind. Indess 
gestattet auch diese Methode kein sicheres Urtheil. Man muss sich 
Tiehnehr begnügen, nach sorgfältiger Erwägung aller Umstände und des 
Widerstandes gegen die einwirkenden Lösungsmittel einen approximati- 
ven Wahrscheinlichkeitsschluss zu ziehen. 

bn Uebrigen ist noch Folgendes für die einzeben Gegenstände auf 
welchen Blut muthmasslich haftet und welche zu forensischen Blutun- 
tersuchungen Yeranlassung geben, zu bemerken. 

1. In Bezug auf Werkzeuge. Hat man blanke metallene 
Werkzeuge Tor sich, wie die zum technischen Gebrauch der Handwer- 
ker dienenden, so ist frisch daran angetrocknetes Blut schon dem 
blossen Augenschein nach schwer mit irgend andern Flecken zu ver- 
wechseln, auch nicht mit Rostflecken. Die Blutflecken sind hellroth, 
wenn nur eine dünne Lage Blut auf dem Eisen u. s. w. haftet, und 
dankelroth, wenn mehr Blut angetrocknet ist. Bei auffallendem Licht, 
namentlich Sonnenlicht, irisiren die Flecke. Von Bostflecken unter- 
scheiden sich soFche Blutflecke einfach schon durch Erhitzen des Werk- 
zeuges, während welches das Blut abblättert und die reine Metallfläche 
zorücklässt, während Rostflecke dadurch nicht verändert werden. Im 
Uebrigen werden mit der abgekratzten Substanz die oben angegebenen 
Blutproben anzustellen sein. 

^ Lange auf Eisen an8:etrocknetes Blut ist durch das Auge 
gar nicht von Rostflecken zu unterscheiden. Beide weichen in 
folgenden Eigenschaften von einander ab: 1. Rostflecke sind heller 
und matter als Blutflecke, letztere sind dunkler und glänzender 
Ciiisirend). 2. Rostflecke haften fester als Blutflecke und verschwin- 
den nicht beim Erhitzen, während Blutflecke sich hierbei abschuppen. 
3. Rost löst sich in Salzsäure leicht auf, Blutflecke nicht. 4. Blutflecke 
abgelöst können mit Natrium geschmolzen und die Schmelze nach dem 
Erkalten auf Cyan geprüft werden. 5. Ebenso kann der durch das den 
fiost bildende Eisenoxyd in Wasser unlöslich gewordene Blutfleck in 
Kali gelöst und dann diese Lösung untersucht werden. Es ist aber 
hierbei zu berücksichtigen, dass Eisenrost meist Ammoniak enthält. 

2. Frische Blutflecke auf M'öbeln, Thüren, Tapeten, 
Holzgriffen, Stiefeln etc. etc., sofern diese Gegenstände, dunkel 
sind, werden deutlich bei naher Beleuchtung durch künstliches Licht, 



*) Anleitung zur Vornahme gerichtsärztlicher Blutoniersuchnngen. Dresden 1863. 



184 §• ^^* Haare. 

z. B. eines Wachsstockes (Olli vier u. Pillon), bei welchem man in der 
dankleren Grandfarbe rothbraane Flecke sieht, die, znmal wenn nur 
wenige and kleinere vorhanden sind, sich bei Tageslicht der Wabmeh- 
mang ganz entziehen. Von diesen Gegenständen werden die Flecke ab- 
geschabt, and, wie oben angegeben, antersacht. 

3. Blat flicke aafZeagen, Wäsche, Kleidangsstücken wer- 
den entweder abgeschabt oder aasgezogen oder in der Sabstanz selbst 
nach den oben angegebenen Verfahrungsweisen antersacht. Die chemi- 
schen üntersachangsmethoden dieser Flecke, wie sie z. B. Rose*), 
Moria**), Wiehr*), Brykf) angegeben, sind ansicherer. Eisenflecke 
aaf Wäsche sind mit Blatflecken, aach gewaschen, nicht za verwechseln. 
Nar frische Flecke von essigsanrem Eisenoxyd lassen sich mit frischen 
Blatflecken verwechseln, sie bewahren aber ihre rothe Farbe, während 
Blatflecke schon bald dankler, braanroth werden. Alle anderen Eisen- 
präparate and aach das oben genannte gewaschen, werden gelb, 
dnrch Verwandlang in Eisenoxydhydrat. Diese Eisenflecke gewaschen 
behalten viel schärfere Gontonren als Blatflecke and wenn die Gontoa- 
ren der Eisenflecke schwinden, so stellen sie nar verschiedene in ein- 
ander übergehende Farbennaancen des Gelb dar, während Blat röthliche 
oder grünliche Nuancen zeigt. Ansserdem aber anterscheiden sich beide 
folgendermassen : 1. Ein Eisenfleck auf Leinwand lost sich bei Kochen 
mit verdünnter Salzsänre sofort in einer gelblichen Lösong, während 
ein Blntfleck sich nicht verändert. 2. Ein Eisenfleck färbt sich nach 
Ansäarang mit einigen Tropfen verdünnter Salzsänre bei Zasatz von 
Ferro-Kaliam-cyanatam flavam dankelblaa (Berlinerblaa). Ein Blntfleck 
nicht. 3. Ein Eisenfleck aaf Leinwand lässt sich dnrch verdünnte Salz- 
sänre in massiger Wärme in so weit entfernen, dass selbst keine Reac- 
tion aaf Ferrocyankaliam, noch aaf Gaajac-Terpenthinöl za erkennen ist, 
während ein selbst znr Farbloslgkeit aasgewaschener Blntfleck bei der- 
selben Behandlang mit Salzsänre immer noch diese Beaction ergiebi 
— Eiter, Schleim, Harn, Koth ergeben ebenfalls diese letztgenannte 
Reaction aaf Gaajakharz nicht. — 

§. 43. Haare. 

Abgesehen von Blat, finden sich an Werkzeugen, oder an den 
Nägeln eines mathmasslich Ermordeten, oder aaf dem Fassboden, an 

*) Caspar, Vierteljahrsschr. IV. S. 255. 
♦•) Archiv der Pharmaci. Hft 2. 1S64. S. 192. 
•♦♦) Ebendaselbst, 
t) Wien. Med. Wochenschr. 1858. S. 781), und die früheren Auflagen dies«« 
Werkes. 



$. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 185 

den KleidoDgsBtacken angeblich genothzfichtigter Personen Haare, welche 
der saehTerständigen Untersnchong übergeben werden zur Feststellung 
der Identität des Angeschuldigten. Es kann sich hierbei um die Frage 
handehiy ob die Torgefondenen Haare von einem Menschen, oder einem 
Thier, von einem Manne, einer Frau, einem Kinde, von einem Er- 
wiehsenen oder einem Greise, vom Kopfe oder einem andern Körper- 
theile herrührten, ob das Haar abgerissen, abgeschnitten oder abge- 
quetscht war. In einem Falle hatten wir die Frage zu entscheiden, 
ob an dem Boden gefundene Haare Schaamhaare eventuell mit denen 
des Angeschuldigten identisch seien. 

Die Untersuchungen in Betreif von Haaren sind im Ganzen selten 
and nnsere Kenntniss in dieser Beziehung noch ziemlich unsicher, doch 
darf erhofft werden, dass durch SteUung der Fragen auch unsere Kennt- 
nisse in dieser Beziehung sich erweitem werden. 

Da uns selbst nur wenig Erfahrungen in dieser Materie zu Gebote 
stehen, so ziehen wir es vor, auf die Arbeiten von Pf äff*) und Son- 
nenschein**) zu verweisen, als hier das dort Gesagte zu wiederholen. 

§. 44. 9lt Art mni Weise der Anwendng der Werkienge Seite» der 

iogeschaldigten. 

Die Sachverständigen haben sich aber auch fast in allen Fällen 
von schweren oder tödtlichen Verletzungen ^darüber zu äussern: „ob 
dnrch die vorgelegten Werkzeuge die Verletzungen haben hervorge- 
bracht werden können, und ob (wie wenigstens das Preuss. Gesetz fragt, 
S. 161) aus der Lage und Grösse der Wunden ein Schluss auf die Art, 
wie der Thäter wahrscheinlich verfahren habe, und auf dessen Absicht 
nnd körperliche Kräfte gemacht werden könne?*' In der Regel unter- 
liegt die Beantwortung dieser Fragen keinen besondern Schwierigkei- 
ten, wenn man nur erwägt, was über die verschiednen Einwirkungen 
der verschiednen Werkzeuge, scharfer, stumpfer, stechender u. s. w., 
angeführt worden ist. Dies bezieht sich namentlich auf die erste dieser 
Fragen: ob diese Verletzung mit diesem Werkzeuge habe herverge- 
bracht werden können? Wenn man einen zerschlagenen Schädel an 
der Leiche und eine. Axt oder einen Hammer vor sich hat, so wird die 
Bejahung der Frage nicht zweifelhaft sein. Gar nicht selten aber geht 
der Untersuchungsrichter weiter, zumal wenn die Umstände des Falles, 
hartnäckiges Läugnen des Angeschuldigten u. s. w., ihn dazu drängen, 



^) Pf äff, das menschliche Haar in seiner physiologisch-pathologischen und foren- 
«>isehen Bedeutung. Leipzig. 1866. 

•^ Sonnenschein, Handbuch der gerichtl. Chemie. Berlin. 1869. 



186 §• 44- Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 

nnd fragt den Gehclitsarzt: ob die Verletzungen mit dem vorliegenden 
Werkzeuge zngeffigt worden seien? Positiv lässt sich dies natfirlich 
in sehr vielen Fällen gar nicht bejahen, denn mit der Axt A. kann die 
tödtliche Eoph'erletznng eben so fugUch entstanden sein, wie mit der 
Axt B. nnd C, mit dem Taschenmesser A., wenn es nur einiger« 
maassen zur Stichwunde passt, eben so gut, wie mit jedem andern ähn- 
lichen Messer. Um sich daher für spätere Verhandlungen, in denen oft 
noch ganz neue Thatsachen zu Tage konmien, nicht die Hände zu bin- 
den, räth die Vorsicht, sich bei solchen Fragen so zu äussern, dass 
die Verletzungen mit diesem Werkzeuge haben herbeigeführt werden 
können, und dass sie auch mit demselben, oder mit einem diesem 
ganz ähnlichen, wirklich hervorgebracht worden seien. Negativ da* 
gegen pflegt die Entscheidung leichter zu sein, d. h. der Arzt kann in 
den meisten bezfigUchen Fällen leichter entscheiden, dass die Ver- 
letzung mit diesem Instrument nicht habe verursacht werden können, 
und nicht verursacht worden sei, und diese technische Entscheidung ist 
in vielen Fällen von der grössten practischen Wichtigkeit, weil sie ein 
unwiderleglicher Beweis gegen die lügenhaften Aussagen des Angescbnl- 
digten ist, wie sie in andern Fällen und umgekehrt denselben schützt, 
wenn er von Andern denunciirt worden, dass er auf die und die Art 
einen Menschen verletzt oder getödtet habe, was dann der Gerichtsarzt 
vielleicht bestreiten muss. Wieder in andern Fällen sind bei allgemei- 
nen Schlägereien, in denen Mehrere betheiligt waren, zwei öder Meh- 
rere in der Anschuldigung der Verletzungen oder Tödtung betheib'gt. 
A. hat das Werkzeug X., B. das Instrument Z. gebraucht a. s. w., 
und es fragt sich: wer der Urheber des Todes gewesen? wobei der 
Richter hauptsächlich, wenn nicht gar ganz ausschliesslich, auf das Gut- 
achten des Gerichtsarztes hingewiesen ist, der ihm Aufschluss darüber 
zu geben hat, welches der verschiednen Werkzeuge die tödtlichen Wan- 
den veranlasst habe. Aus einer grossen Zahl von Fällen, die diese und 
ähnliche Combinationen berührten, werden wir unten einige der lehr- 
reichsten folgen lassen. 

Am schwierigsten im Allgemeinen ist die Beantwortung des letzten 
Theils der Frage: ob aus der Lage und Grösse der Wunden ein Schluss 
auf die Art, wie der Thäter wahrscheinlich verfahren habe, und auf 
dessen Absicht und körperliche Kräfte gemacht werden könne? Grade 
in wirklichen Capi talfällen, bei Mord und Todtschlag, kommt' diese 
Frage fast immer vor, denn in der grossen Mehrzahl aller dieser Fälle 
läugnet der Angeschuldigte auf das Hartnäckigste. Nicht den im Bette 
Liegenden oder Schlafenden hat er überfallen, nicht stand oder lag er 
über oder unter ihm, nicht hat er gestochen, sondern der Getödteie 
hat sich selbst auf des nur drohend vorgehaltene Messer aufgerannt. 



§. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 90. Fall. 1B7 

u. 8. w. Die Inspection der Lage fRichtimg) der Wunden, ihre Tiefe, 
Breite, Anzahl nnd die Vergleichnng mit den vorgelegten Instrumenten 
kann den stringenten Gegenbeweis zu allen diesen Behauptungen lie- 
fern und hat ihn in unsern zahlreichen derartigen Fällen, von denen 
wir mehrere der wichtigsten mittheilen wollen, häufig genug geliefert. 
Bei einiger Uebung und Erfahrung und bei gehöriger Umsicht wird man 
sich auch hier nicht leicht täuschen. Man sei aber hier um so vorsich- 
tiger, als man in allen solchen Fällen vor Geschwomen zu urtheilen 
hat, zu deren Competenz diese Capitalfälle gehören, und die sich, sehr 
Uofig nicht mit Unrecht, in Betreff der Art und Weise, wie der Thä- 
ter angeblich verfahren, ein eignes Urtheil bilden und zutrauen, das 
allerdings auch bei nicht wenigen hier vorkommenden Gombinationen 
dem Laien nicht abzusprechen ist. 

Wir lassen die zu diesem Kapitel gehörende Casuistik folgen. 

90. PaU. Tödtliche Misshandlungen, angeblich nur durch Ohrfeigen. 

Ruptur der Leber. 

Am 25. No?ember 18** Hittags hörten Hausbewohner in der R'.schen Wohnung 
ein seltsames Geräusch, namentlich Töne von einer Frau, «die sich abäscherte", dann 
auch Klagen und Bitten eines Kindes, ein Stöhnen, ein Aufstauchen. Einmal deutlich 
die Worte: „da — wasch' Dich!" dann wieder ein Kreischen, ein Röcheln. Beim Ein- 
dringen in die Wohnung fand man des R. Wirthschafterin mit dessen zehnjähriger 
Tochter, die eben aus der Schule zurückgekehrt war, allein im Zimmer, die Wirth- 
Kballerin sehr aufgeregt, das Kind in einem scheinbar leblosen Zustande. Das Qesicht 
war blutig, die Haare in Unordnung, und gleich darauf verstarb das Kind. Die Thäterin 
behauptete (bis zum Schluss der Untersuchung ! I) , dass sie dem Kinde nur , und zwar 
aber dem Strohhut (I), als es aus der Schule gekommen, zwei Ohrfeigen gegeben, wor- 
auf «I sich aus Bosheit zur Erde geworfen, von der sie es wieder aufgehoben, worauf 
CS sich abermals niedergeworfen habe, und stellte jede weitere Misshandlung mit eiserner 
Beharrlichkeit in Abrede. Auf dem Fussboden und an den Füssen der Möbel wurden 
Blntspuren gefunden. Bei der Legal-Inspection fanden wir, ausser zahlreichern kleinern 
Hautbescbädigungen, sechsundvierzig grössere Sugillationen und Excoriaüonen , am 
Kopfe, Rumpf und Extremitäten, und ausserdem waren beide Augen, die Nase, die 
Lippen und beide Ohren stark bluthroth angeschwollen und die l^ates mit blauen 
Flecken ganz bedeckt. Auf den Bauchdecken fand sich keine Abnormität Das 
Gehirn war sehr blutreich, und in der Mitte der linken Hemisphäre fand sich ein 
Extravasat von einer halben Drachme, so wie ein zweites von zwei Unzen dunkelflössi- 
gen Blutes auf der Basia Cr an iL Auch das kleine Gehirn, wie sämmtliche Sinuf( 
waren sehr blutreich. Von der Brusthöhle bemerken wir nur, dass Herz und Lungen 
ttogewöhnJicb wenig Blut enthielten, und dass in der Luftröhre sich etwas dunkel rother 
blutiger Schleim vorfand. Unerwartet war dagegen der Befund von einem Pfunde 
donklen, flussigen Blutes in der Bauchhöhle, welches, wie sich ergab, aus einem Leber- 
ris 9 geflossen war, der, drei Zoll lang, die Leber der Länge nach zwischen dem rechten 
und linken Lappen in ihrer ganzen Substanz getrennt hatte. Die übrigen Befände 
waren normal. Dass der Tod durch innere Verblutung aus dem Leberriss entstanden 
war, musste natürlich angenommen werden. Aber auch, dass dieser Riss nur in Folge 
einer äussern Gewalttbätigkeit habe eutstebu können, konnte nicht zweifelhaft seiU) da 



188 §. 44, Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 91. Fall. 

eine gesunde Leber , wie diese war , nicht ohne eine solche einwirkende Gewalt reisst 
für welche letztere ja auch übrigens nur zu viele Spuren am Leichnam deutliches 
Zeugniss geben. Dass übrigens der Leberriss sich äusserlich am Leichnam nicht 
durch die geringste Sugillation oder dergleichen kund that , war nur wieder ein neuer 
Beweis für die Richtigkeit! der oben von uns aufgestellten Behauptung, betreffeDd 
die Häufigkeit solcher Fälle. Die Art der Gewaltigkeit konnte natürlich nach den 
blossen Ergebnissen der Leichenöffnung nicht festgestellt und nur so viel mit Sicherheit 
angenommen werden, dass die Ohrfeigen das Kind nicht auf diese Weise hätten todten 
können. Dass die Gehirnblutung , die für sich allein gleichfatls , ohne Goncurrenz der 
Lebemiptur , den Tod des Kindes nothwendig zur Folge hätte haben müssen , nicht 
etwa aus bloss innern Ursachen entstanden war, konnte keinem Zweifel in Betracht des 
Umstandes unterliegen, dass das ganz gesunde Kind nur sehr kurze Zeit vor dem 
Tode erst von einem Gange zurückgekehrt war, und Gehirnblutungen unter diesen indi- 
viduellen concreten Umständen nicht vorkommen. Eben so musste in Abrede gestellt 
werden, dass die zahlreichen Beschädigungen (wozu noch der Umstand zu erwägen kam, 
dass man später des Kindes Ohrringe , die es am Todestage getragen , zerbrochen an 
mehreren Stellen der Stube gefunden hatte!) blos von einem, wenn auch wiederholten 
Sichniederwerfen des Kindes hätten entstehen können, was wohl hier keiner Ausführang 
bedarf. Die Thäterin wurde zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt 

91. FalL Fusstritte auf den Unterleib als angebliche Todes- 
ursache. 

Beim Trinken in einer Branntweinschenke wurden H. und R. sehr heftig gegen ein- 
ander. Später gingen sie mit einander eine Yiertelmeile vor die Stadt, wo R., der jettt 
ganz betrunken war, einen Dienst antreten sollte. Nach seiner spätem Aussage will er 
hier niedergefallen und von H. mit Fusstritten auf den Unterleib tractirt worden sein, 
was H. natürlich bestritt. Eine Viertelstunde später sah der Dienstherr den R. gehn, 
„ohne dass ihm an seinem Gange etwas auffallend gewesen wäre, oder er ihn für be- 
trunken hätte halten können''. R. klagte aber bald über heftige Schmerzen im Leibe, 
und brachte die Nacht auf dem Heuboden eines nahen Hauses zu, dessen Besitzer ihn 
für ^stark angetnmken" Bielt Die 6 bis 8 Stufen hohe Leiter zum Heuboden war er 
indess ohne Hülfe hinauf- und eben so auch am andern Morgen herabgestiegen. Bei 
fortwährend heftigen Coliken suchte man nun für ihn Hülfe in der Gharite, wohin er 
gefahren ward, und wo er Mittags ankam. Man fand hier eine starke Quetschung der 
Bauchbedeckungen, namentlich aber der in der Unterleibshöhle befindlichen Organe, «^ 
sich durch grosse Schmerzhaftigkeit des Unterleibs , Aufgetriebenheit desselben und 
grosse Unruhe des Patienten documentirte. Gegen Abend nahmen die Erscheinungen 
im hohen Grade zu und durch das später eintretende Erbrechen, so wie das schwappende 
Gefühl im Unterleibe, stellte sich deutlich (??) heraus, dass eine Zerreissung der Or- 
gane des Unterleibs durch die einwirkende Gewalt herbeigeführt sei. Der Tod erfolgte 
48 Stunden nach der angeblichen Misshandlung. Auf dem Unterleibe des 60jährigen 
Mannes waren nur frische Blutegelnarben, sonst nichts Ungewöhnliches sichtbar. Das 
Bauchfell aber war in seinem ganzen Umfange lebhaft entzündet, verdickt und mit Eiter 
bedeckt, und in der Bauchhöhle fanden sich zwölf Unzen flüssigen Eiters. Auch das 
grosse Netz war sehr entzündet und mit Eiter bedeckt. Die Därme erschienen, wie 
der Magen, nur stellenweise entzündet, und die hintere Wand des Bauchfells zum Tbeil 
durch Eiterexsudate fest mit ihnen verwachsen. In den linken Pleurasack waren sechs 
Unzen dünnflüssigen Blutes ergossen. Die linke Lunge zeigte Entzündung des untern 
Lappens. Die rechte Lunge ergab dieselbe Escheinung und war fest mit dem Bippen- 
feil verwachsen. Die übrigen Befunde übergehn wir hier als unwesentlicL — Die Be- 



§. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 91. Fall. 189 

gntftchtang des Falles war, wie die aller ähnlichen, recht schwierig, und ich halte es 
mcht for ungehörig, etwas ausfuhrlicher die Substanz des Gutachtens hier mitzutheilen. 
Naehdon die Ursachen aufgez&hlt worden, die eine so heftige und schnell todtlich Ter- 
kofende Ptritonitis überhaupt überzeugen können, und unter denselben auch natürlich 
«usere Insultationen dus Unterleibes, namentlich Fusstritte, genannt worden, fuhr das 
Gutachten, wie folgt, fort: 

»Die gewohnliche Folge von Fusstritten, wie von ähnlichen Gewaltth&tigkeiten, 
smd mindestens Sugillationen der betreffenden Theile, Quetschung, resp, Lähmung der- 
selben, Zerreissung der nahe gelegenen innem Organe, wie sie auch das Gharit^-Attest, 
tber, wie sich später erwies, irrigerweise, im vorliegenden Fall angenommen hat, und 
werden diese Folgen um so sichtbarer hervortreten, je heftiger der Tritt geführt worden 
«ar. Nach der Aeusserung des Denatus will derselbe nicht vor den Leib , sondern 
auf den Leib getreten worden sein, was eine liegende Stellung bei ihm voraussetzt, in 
welcher der Fuss des Inc. seinen Leib von oben her mit als nicht geringe zu schätzen- 
der Kraft getroffen hatte. In der Regel — wenn auch Ausnahmen oft vorkommen — 
wird nach einer solchen Gewaltthätigkeit in den Hautbedeckungen sich Blut aus ihren 
Geissen ergiessen und sich als Sugillation äusserlich zeigen, und ist dies als eine um 
80 wahrscheinlichere Folge vorauszusetzen, wenn die einwirkende Gewalt so heftig war, 
um augenblicklich eine so bedeutende und schnell bis zum Tode verlaufende Entzündung 
der unterliegenden Theile zu veranlassen. Von einer solchen sichtbaren Einwirkung, 
wie überhaupt von irgend einer andern der oben genannten, hat indess die Obduction 
an dem Körper des Denatus keine Spur gezeigt, da vielmehr bereits oben gesagt ist, 
dass am Unterleibe nur , mehrere Narben von angesetzten Blutegeln sichtbar, und ander- 
wdtige Spuren äusserer Verletzungen überall nicht zu bemerken gewesen seien.* Wenn 
ferner der Amtmann B. den Denatus eine Viertelstunde nach der angeblich erlittenen 
Verietzung (ohne Unterstützung), und zwar so gehn sah, dass ihm am Gange nicht das 
Mindeste auffiel, was auf eine Verletzung hätte deuten können, so würde dies, eine so 
bedeutende (Gewaltthätigkeit vorausgesetzt, wenigstens eine nicht gewöhnliche Kraft- 
anstrengung von Seiten des R. annehmen lassen müssen , welche ebenmässig im kurz 
darauf erfolgten Hinaufsteigen einer 6 bis 8 Stufen hohen Leiter vorausgesetzt werden 
müsste. 

Wenn hiemach sowohl die Resultate der Obduction, wie die actenmässig fest- 
gestellten anderweitigen Thatsachen nichts weniger als mit Gewissheit ergeben, dass die 
todtllche Bauchfellentzündung in Folge äusserer Gewaltthätigkeit entstanden war, so fehlt 
es aueh andrerseits nicht an Gründen, die eine Erklärung der genannten Krankheit aus 
anderweitigen Ursachen wenigstens mit Wahrscheinlichkeit motiviren. Es ist gar nichts 
über den Gesundheitszustand des R. vor dem 7. d. M. ermittelt, woraus aber selbst- 
redend nicht mit Gewissheit gefolgert werden darf, dass Denatus nicht schon einen 
oder einige Tage vorher an solchen, oft nur sehr geringfügig scheinenden und von 
Menschen dieser Klasse wenig oder gar nicht beachteten Symptomen, als Leibschneiden, 
Diarrhöe, flüchtigen Stichen im Leibe, Empfindlichkeit desselben für die äussere Berüh- 
rung, gelitten habe, die nicht selten die Vorläufer und ersten An^ge einer solchen 
Ünterleibsentznndung sind, und besonders bei mangelnder Pflege, um so mehr bei direet 
einwirkenden Schädlichkeiten, später sich zur ausgebildeten Krankheit steigern. An 
letztem bat es aber dem Denatus nicht gemangelt, und bedürfte es nicht einmal der An- 
nahme der Möglichkeit solcher vorangegangener Vorbotensymptome, um die der 
Wahrscheinlichkeit einer Entstehung der quaest, Krankheit aus diesen Schädlich- 
lichkeiten zu motiviren. Dass der R. bei fortwährendem Trinken von Schnaps und Bier 
und heftigem Streiten mit dem Inc. sein Blut- und Nervensystem erhitzt habe, ist nicht 
nur a priori vorauszusetzen, sondern actenmässig erwiesen, indem der Gastwirth depo- 



190 §. 44. Die Art uad Weise der Anwendung der Werkzeug«. 91. Fall. 

nirt, dass er denselben in »ziemlich angeregten Zustande** bei sich gefunden habe. 
Ob er schon jetzt oder späterhin eigentlich betrunken oder auch nur stark angetnmken 
gewesen, darüber weichen die Depositionen unter einander ab. Dass seine, sogar bedeu- 
tende, Trunkenheit fortwährend von dem Thäter behauptet wird, darauf wollen wir 
keinen Werth legen; doch fand ihn auch der Zeuge Videnz » stark angetronken, d« 
er stark nach Branntwein roch^, und jedenfalls, worauf es hier nur ankommt, ist eine 
Erregung seines Blut- und Nervensystems, wie durch die excitirende Oernntfasbewegong, 
in welcher der Streit ihn erhielt, so auch durch den Einfluss berauschenden Getränke» 
(welches später in M. noch einmal genossen wurde), mit Qewissheit anzunehmen. In 
diesem Zustande ging Denatus nun den ansehnlich weiten Weg nach M. zu Foss. Es 
ist nicht als unmöglich , selbst , unter Berücksichtigung dessen , was im Obigen gegen 
die Entstehung der tödtlichen Krankheit durch die angeblichen Misshandlungen ausge- 
führt worden, nicht als unwahrscheinlich anzunehmen, dass sich nun der entzond- 
liche Process im Unterleibe entwickelte, oder ein, in seinen Anfangen bereits gegebner, 
sich gesteigert habe. Eine ihm nunmehr widerfahme rohe Behandlung im Allgemeinen 
wie sie Inc. selbst einräumt, ein Stossen, dass er zur Erde fällt, ein Anstossen mit dem 
Fusse , um ihn wieder zum Aufstehn zu bewegen u. s. w konnte nur nachtheilig und 
als wahre Schüdlichkeit ?drken. Dcvatus hatte in dieser Zeit nun schon bedeutende 
Schmerzen im Unterleibe. In diesem Zustande verbringt er die Nacht hülflos auf einem 
Heuboden, während nun schon zweifelsohne eine wirkliche Entzündung eingetreten war, 
und zwar eine Species von Entzündung, die nur allein, nach der ärztlichen Erfahrung, 
noch Hoffnung eines günstigen Ausganges gewährt, wenn sie vom ersten Entstehn an 
mit den kräftigsten, entzündungswidrigen Heilmitteln bekämpft wird, und bei deren 
raschem Verlauf eine Yersäumniss dieser Art von einer ganzen Nacht und darüber rem 
allerwichtigsten, nachtheiligsten Einflüsse ist. 

Wenn nach allem Bisherigen dargethan ist, dass eine Bauchfellentzündung bei dem 
Denatua auch ohne die von ihm behauptete erlittene Misshandlung entstehn und tödt* 
lieh verlaufen konnte, so scheint unsrer Ausfuhrung nur das Charite-Attest entgegenzu- 
stehn. Nach demselben ergab die Untersuchung „mit Rücksicht auf die einwirkende 
Gewalt eine starke Quetschung der Bauchbedeckungen, namentlich aber der in 
der Unterleibshöhle befindlichen Organe.^ Die unterzeichneten Obducenten bedauern, 
dass sie in diesem, für sie so wichtigem Zeugnisse eine grössere Deutlichkeit Termissen. 
Sollte dasselbe unter dem Worte Quetschung gradezu das Wort Sugillation ?erstan- 
den haben wollen, so wäre eine Beschreibung des Befundes 'an den Bauchbedeckungen 
zu wünschen gewesen. Die Obducenten dürfen aber um so mehr voraussetzen, dass 
anch schon bei der Aufnahme in die Charit^ äusserlich wahrnehmbare Spuren dieser 
Art nicht gefunden worden, als nicht anzunehmen ist, dass eine „starke*' Sugillation in 
den 24 Stunden, die Denatua noch in der Charit^ verlebte, so spurlos hätte verschwin- 
den können, wie es die Legalbesichtigung der Leiche ergab. Sie werden in d^tf^r 
Voraussetzung, dass die Charite-Aerzte mit der Bezeichnung „Quetschung*' nicht eigent- 
lich Blutunterlaufungen gemeint haben, noch mehr befestigt durch den Zusatz auf ihrem 
Atteste: „namentlich aber der im Unterleibe befindlichen Organe*', deren Zustand 
selbstredend die sinnliche Wahrnehmung nicht ergründen konnte. Die weitere Schilde- 
rung des Befundes auf dem genannten Atteste betrifft lediglich die Zeichen einer höchst 
acuten Peritonitis, über deren Vorhandengewesensein kein Zweifel obwalten kann. Vou 
geringem Belang ist endlich der Leichenbefund in der Brust, da, bei der völligen Ab- 
wesenheit von Verletzungen an derselben, hier lediglich, nach medicinischer Erfabrong. 
anzunehmen ist, dass die so sehr heftige Bauchfellentzündung theilweise anch eine Ent- 
zündung in der Brust nach sich gezogen habe.*" 

Hiernach urtheilen wir, dass, ,wenu aurh nicht als unmöglich, doch nicbi al> 



§. 44. Die Art imd Weise der Anwendung der Werkzeuge. 92. Fall. 191 

sehr wahrscheinlich anzunehmen, dass die tödtliche Entzündung Folge äusserer 
Gewaltthitigkeit gewesen sei', wonach denn auch erkannt wurde. Wer hätte auch wohl 
mit anbeschwertem Gewissen hier weiter gehn und den Angeschuldigten durch ein solches 
Weitergehn als Urheber des Todes des R. erklären können? 

M. Fall. Todtliohe Misshandlungen, angeblich nur durch Schläge 

mit der flachen Hand. 

Mit wie frechen Lugen Angeschuldigte Yor den Richter treten, mit welcher Zähig- 
keit sie an denselben festhalten, hat, wie schon der obige (90.) Fall, kaum ein andrer 
snßiülender bewiesen, als der nachstehende, in welchem es lediglich wieder des Oe- 
lichtsantes Aufgabe war, den Richter aufzuklären und der eisernen Stirn des Ange 
schuldigten die schlagenden Waffen der Wissenschaft entgegen zu stellen. Am 24. 
September 18** wurde in einem Gebüsche in einem nahen Dorfe in einem Korbe ein 
todtes Sind mit Spuren äusserer Gewalt aufgefunden, und bald als das der Weberge- 
sellenfrau Pohl mann ermittelt Dieses ihr eheleibliches, beim Tode ein und drei 
Viertel Jahre altes Kind hatte sie, nach allen Zeugenaussagen, nicht nur nie geliebt, 
soodem es oft hungern lassen, so dass man es mit Gier rohe Kartoffelschaalen essen 
gesehn hatte, und sie hatte es sehr häufig auf das Empörendste gezüchtigt und gepei- 
nigt So versicherten viele Augenzeugen, dass die Pohl man naschen Eltern Hun- 
derte von Wespen eingefangen hatten, mit denen sie zu Zeiten dasKind 
einsperrten. Ueber eine Züchtigung, die am 23. September Abends, d. h. kurz vor 
dem Tode des Kindes, bei einer Bekannten vorfiel, deponirte deren löjähriger Sohn 
wörtlich: »Um 8 Uhr Abends kam die P., um das Kind von uns abzuholen. Als sie sah, 
dass es sich verunreinigt hatte, fasste sie es beim Arm, und befahl ihm aufzustehn. 
Als das Kind nicht aufstehn wollte, schleuderte sie es erst eine Strecke von 4 Fuss 
nach dem Secretair zu, dann stiess sie es mit dem Fusse so, dass es bis mitten in die 
Stabe hinkollerte. Hierauf ergriff sie es mit beiden Händen beim Kopf, und stauchte 
es wohl gegen fünfmal vom mit der Stirn heftig gegen den Fussboden. Endlich ver- 
säzte sie ihm noch mit der Faust mehrere heftige Schläge ins Gesicht, auf den Rücken 
tmd auf den Hintern. Das Kind war ganz matt und schrie nicht, sondern stöhnte nur. 
I)ann nahm sie es an die Hand und ging mit ihm fort, wobei sie äusserte: wenn Du 
heute nicht läuftst, dann schlage ich Dich noch rein todf* — Die Angeschuldigte da- 
gegen behauptete, dass sie dem Kinde nur .einige Schläge auf den Hintern^ gegeben 
habe. Dann sei sie mit dem Kinde nach Hause gegangen, wobei sie es, weil es müde 
gewesen, abwechselnd getragen habe. Zu Hause angekommen, habe das Kind sich 
geweigert, zu essen, wofür sie ihm einen Schlag mit der Hand, aber diesen, aus Versehn, 
statt auf den Hintern, „in die linken Weichtheile^ gegeben habe. „Ich habe*', sagte 
sie, «ihm nur Einen Schlag gegeben; es fing aber sogleich an zu wimmern und zu 
stöhnen, so dass ich ihn vom Boden aufnahm und eine Zeitlang umhertrug. Da er 
sehr kalt war, so brachte ich ihn bald darauf ins Bett Er ward immer stiller, und 
war endlich in anderthalb Stunden todt." Sie wickelte darauf den Leichnam ein und 
stellte ihn unter ihr Bett, in welchem sie die Nacht über ruhig schlief (!!), nach< 
dem sie ihrem Ehemanne bei dessen Zurückkunft vorgeredet hatte, dass sie das Kind 
bei jener Bekannten gelassen. Am andern Morgen legte sie die Leiche in einen Korb, 
bedeckte diesen mit einer Schürze, nahm auch eine Kartoffelhacke mit, damit die 
Leute denken sollten, sie ginge zum Kartoffelgraben, und deponirte den Korb an dem 
oben bezeichneten Orte. Die Hacke hat sie auf dem Heimwege in ein fremdes Haus 
versteckt, wo sie später aufgefunden worden. — Bei der Obduction fanden wir an we- 
seotfichen Befunden: mehr als sweiundsechszig kleine oder grossere Sugillationen 



192 §• 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 92. FalL 

am Kopfe, zahllose blaue Flecke an den Eztremit&ten, der rechten Körperaeüe und 
am Unterleibe, und innerlich einen sternförmigen Bruch im Hinterhauptbein bis xom 
Foramen inagnum sich erstreckend, so dass der Knochen in seinen beiden HllfUn 
hin und her bewegt werden konnte, Fissur des rechten Scheitelbeins, bedeutende Hy- 
perämie im Oehirn und Extravasat von sechs Drachmen Blut in die Schädelbasis. D«r 
Obductionsbericht hatte zunächst, nach der damaligen Lage der Gerichtsprazis, die Auf- 
gabe, den Tödtlichkeitsgrad der Verletzungen festzustellen. Dass und warum wir sie 
als allgemein absolut lethal erklärten, bedarf an diesem Orte keiner Ausführung. So- 
dann aber waren mehrere Fragen über die Art und Weise der Entstehung dieser Ver- 
letzungen mit Rücksicht auf die Zeugenaussagen, die Angaben der Pöhlnann niid 
die unter so verdächtigen Umständen aufgefundene Kartoffelhacke vorgelegt worden, in 
Beziehung auf welche Fragen der Obductionsbericht sich, wie folgt, äusserte: 

«Wenn die Angeschuldigte bis jetzt dabei stehn geblieben ist, dass sie dem Kinde 
nur einen Schlag mit der flachen Hand in die Weichen gegeben , so verdient diese An- 
gabe keine wissenschaftliche Würdigung , da es auch dem Laien einleuchtend sein mnss, 
dass durch einen solchen Schlag die Schädelknochen nicht gesprengt werden können. 
Diese Sprengung setzt vielmehr ganz nothwendig voraus, dass ein stumpfer Korper mit 
Kraft mit dem Schädel des Kindes in Berührung gekommen ist Jeder denkbare 
stumpfe Körper konnte bei dem Kinde diese Wirkung haben, eben sowohl i. B. ein 
dicker Stock, wie ein Holzpantoffel, der Rücken eines Beils u. s. w., selbstredend al^o 
auch die in Beschlag genommene Kartoffelhacke. Eine gewaltsame Berührung des 
Schädels konnte aber auch namentlich durch wiederholtes Stossen und ScUeadeni des 
Kopfes gegen den Fussboden eines gedielten Zimmers, gegen Möbel u. dgl. entstehn, 
und so erfordert die zweite der uns vorgelegten Fragen eine genauere Würdigung. 
Nach der oben angeführten Aussage des Knaben Seilheim schleuderte Inculpatin das 
Kind zwei Stunden vor seinem Tode etwa vier Fuss nach dem Secretair zu, „.kollerte 
und trudelte (rollte) dasselbe mit dem Fnsse umher, stauchte es mit der Stirn und mit 
der Seite wohl fünfmal gegen den Fussboden, und gab ihm mit der Faust mehrfre 
heftige Schläge gegen Genick, Rücken und Hintern.*''' Wenn es auch nicht in Abrede 
zu stellen, dass durch ein so rohes und gewaltsames Verfahren ein Kind so arten 
Alters hätte getödtet, dass ihm namentlich dadurch sogar Brüche und Sprunge der don- 
nern Schädelknochen, wie Scheitel- und Schuppenbein, sowie Gehirnerschütterung und 
Blutextravasate hätten verursacht werden können, so ist dies doch aus obigen Grün- 
den von einer Sprengung des Hinterhauptbeins, wie sie hier gefunden, nicht anzuneh- 
men. Aber noch ein andrer wichtiger Grund unterstützt die Annahme, dass diese Ver- 
letzungen, also die Todesursache, einer andern und spätem, als der von dem Sell- 
heim bezeugten Misshandlung ihr Dasein verdanken. Inculpatin hat nämlich angege- 
ben, dass sie nach dieser Misshandlung das Kind, es abwechselnd tragend, mit 
nach Hause genommen, und es hier auf die Erde gesetzt habe, um in der Kücbe Kar- 
toffeln zu kochen. Von den zubereiteten Kartoffeln wollte es, da es ,pSehr unzufrie- 
den"^ war, Anfangs nichts nehmen, nahm sie aber dann doch, warf sie aber alsbald 
virieder fort, ohne zu essen, und legte sich nun nach seiner Gewohnheit auf die Seite. 
Erst nach der nun angeblich noch gefolgten neuen Züchtigung soll es gestöhnt bsben, 
kalt geworden und bald darauf verschieden sein. Das Kind war also, nach der Incul- 
patin eignen Aussagen, zu Hause angekommen, also, nachdem es die frühem Mii«- 
handlungen in der Sellheim^ sehen Wohnung erduldet gehabt hatte, noch so weil bei 
Kräften, dass es in der Stube aufrecht sitzen konnte, und hatte noch Besinnung, da 
es auf Aufforderung eine Kartoffel annahm , und sie dann wegwarf. Ein solcher k«~»r- 
perlicher und geistiger Zustand ist unverträglich mit der Annahme, dass nm diese 
Zeit die bei der Leichenöffnung nachgewiesenen Verletzungen im Kopfe bereits Pialx 



J 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeug. 93. Fall. 193 

gegriffen haben konnten, nach welchen das Kind nicht erst noch ,,„ abwechselnd** 
Btte nach Hause gehn können, Tielmehr alsbald besinnungslos und unf&hig werden 
mnsste, sich aufrecht zu erhalten." 

Hiemach sagten wir im lenor des Gutachtens: dass die Kopfverletzungen als ab- 
wlut letbale zu erachten, dass dieselben mit der Kartoffethacke zugefügt sein konn- 
ten, und dass es durchaus nicht wahrscheinlich, dass sie eine Folge der in der Sei 1- 
bei mischen Wohnung dem Kinde zugefügten Hisshandlungen gewesen seien. 

Dieses Gutachten hielt ich im mundlichen Audienz - Termin gegen die bis zum 
Schhsse l&ugnende Inculpatin aufrecht, die in dieser Instanz zum Tode mit Schlei- 
fioog zur Richtstätte Yerurtheilt ward. Sie appellirte , und brachte nun die alberne Aus- 
sage Tor: sie habe bisher einen umstand yersch wiegen, der wohl am Tode des Kindes 
Scimid sein könne; sie habe nämlich an jenem Abend, als sie das Kind nach Hause 
gebracht, demselben die Kartoffeln auf den Tisch gelegt, und es auf eine kleine Fnss- 
btnk davor gestellt, damit es essen möge. Als sie in der anstossenden Küche gewe- 
sen, sei das Kind von der Fussbank gefallen, und nach anderthalb Standen gestorben! 
Der Vorhalt des Richters, dass diese Angabe sehr unwahrscheinlich sei, da nicht anzu- 
nehmen, dass sie einen solchen Umstand , der sie von aller Anschuldigung der Tödtung 
ihres Kindes sogleich entlastet haben wnrde, wie sie sich selbst sagen müsse, zu ihrem 
grössten Nachtheile bisher absichtlich verschwiegen haben sollte, blieb erfolglos. Auch 
in der Appellations- Instanz yemommen, musste ich meinerseits diese neue Angabe, als 
mit dem Obdactionsbefunde nicht übereinstimmend, Terwerfen, und blieb bei meinem 
frabem Gutachten stehn. Aus rein juristischen Gründen aber wurde das erste Urtheil 
dahin abgeändert, dass die P. nur zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verartheilt ward. 

03. Fall. Tödtliche Gehirnhiebwunde, ob durch Säbel oder Bell 

zugefügt? 

In einer Sommernacht enstand in einem Tanzlokale ein Handgemenge, in Folge 
dessen der Maurerpolier D. hinausgeworfen wurde. Aber auch auf der Strasse setzte 
sich der Streit fort, die Prügelei wurde heftiger, und von den herbeieilenden Polizei- 
Mannschaften (Schutzmännern) soll Einer dem D. mit seinen scharfen Säbel über den 
Kopf gehauen haben. Gewiss ist, dass D. mit dem Ruf: «mein Kopf!** zusammensank, 
stark blutete und nach der Charit^ gebracht werden musste, wo er nach etwa sechszig 
Stunden starb. Drei Tage nach dem Tode fanden wir bei der gerichtlichen Obduction 
iosserlidi gerade in der Mitte der Stirn eine chirurgisch genähte, l\ Zoll lange, von 
oben nach unten verlaufende Wunde, an der noch scharfe, glatte, unsugillirte Ränder 
deutlich zn sehn waren, und durch welche hindurch man auch sogleich die Trennung 
der Knochen wahrnehmen konnte. Auf dem rechten Schultergelenk fand sich ebenfalls 
eine bhitig geheftete, 1\ Zoll lange, von vorn nach hinten verlaufende Wunde mit 
ganz scharfen, linienbreiten sugillirten Rändern. Die Knochenwunde entsprang Yon der 
Kranznaht, klaffte auf die Länge von 1^ Zollen einen Drittelzoll weit aus einander und 
setzte sich dann in einer linienbreiten Spalte bis in die rechte Augenhöhle fort. Von 
der Krsnznaht ab erstreckte sich, rechtwinklich durch das rechte Scheitelbein verlau- 
fend, eine andre, ebenso beschaffene Fissur; die Ränder der klaffenden Knochenwunde 
waren ganz scharf und äusserlich nicht blutunterlaufen , von innen aber in halbzölliger 
Breite mit Blut infiltrirt und die innere Lamelle .daran rielfältig abgesprengt Fünf 
Stückchen derselben lagen lose auf der Dura mater auf. Die Schädelknochen hatten 
die gewöhnliche Dicke. Sämmtliche Gehirnhäute waren der äussern Stirnwunde entspre- 
chend, durch scharfe Ränder getrennt, und braunblutig quoll das Gehirn aus dem 
Spalt hervor. Bei genauerer Besichtigung ergab sich aber femer auch eine Trennung 

Ciap«f'* gerichtl. Uedieio. 5 Aufl. II. 13 



19 i §• ^^' I)id Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 94. Fall. 

des Gehirns selbst, d. h. nur der Rindensubstanz , von U Zoll Länge. Das Gebimuli 
war mit blutig-eitriger Jauche bedeckt, und dieselbe Beschaffenheit zeigte die Scbidei- 
grundfläche. Die Spaltung des Stirnbeins setzte sich noch einen Zoll weit ia 
seinen Orbitaltheil fort. Die Feststellung des Thatbestandes der Tödtung durch diese, 
durch eine solche Verletzung war, wie man sieht, leicht. Was das Werkzeug betrifi, 
womit dieselbe zugefügt worden, so war in den Acten, ausser Ton dem Seitengewehr 
des Schutzmannes, auch von einem Beil die Rede gewesen. Wir führten aus, dsss 
ein sehr scharfes Beil allerdings möglicherweise auch Knocheo wunden mit scharfen mid 
glatten Rändern veranlassen könne, gewöhnlich aber fände man dabei weit mehr gleich- 
zeitige Fissuren und selbst Knochenbruche, als sie hier gefunden worden. Das aber 
Hiebe mit scharfen Säbeln den Kopf mit scharfen, glatten Rändern bis in das Gehirn 
hinein spalten könnten und nicht selten spalteten, habe die allgemeine und nnsre eigne 
Erfahrung mehrfach bewiesen. Wir nahmen hiemach schliesslich an: „daas wut mehr 
Wahrscheinlichkeit dafür vorläge, dass diese Kopfverletzungen mit einem Säbel, als 
dass sie mit einem Beil zugefügt worden seien." 

94. Fall. Tödtliche Hirnhämorrhagie; ob durch Niederfallen oder 
durch Fusstritte und andere Misshandlungen veranlasst? 

Der interessante Fall konnte nicht zweifelsfrei durch die Obduction entschieden wer- 
den. Im Januar geriethen zwei stark Angetrunkne, K. und der Kutscher H., in Streit, 
nachdem kurz zuvor der betrunkne M., wie der Angeschuldigte K. behauptete, in den 
Rinnstein gefallen war, und sich hierbei am Kopfe verletzt hatte. In der Tfaat hatte 
man diesen blutend am Kopfe gesebn. Nun entspann sich bald darauf der Streit, in 
welchem der K. dem M., wie zwei Zeugen bekundeten, mit der geballten Faust wie- 
derholt an den Kopf schlug, ihn auch die Treppe angeblich so hinabwarf, dass man 
das Gepolter hörte, den wieder Zurückgekehrten wieder niederwarf, ihm mit dem Stie- 
felabsatz ins Kreuz und auf den Kopf trat, und endlich ihn mit einem Stiefelblock ins 
Kreuz oder in die Seite schlug! Der Gemisshandelte schlief bald daninf anscheinend 
fest ein, wurde nach der Cbarite gebracht, und starb dort am zehnten Tage nach er- 
haltnen Verletzungen. Die Leiche war icterisch gefärbt Auf dem linken ScheitelbeiA 
fand sich eine, in der Vemarbung begriffene Wunde, einen halben Zoll lang, und mit 
trocknen, scharfen Rändern, unterhalb jedes Auges ein halbmondförmiger, f Zoll lan- 
ger, sugillirter Fleck, keine sonstige äussere Verletzung. Die Kopfknochen waren un- 
versehrt, aber beim Entfernen derselben flössen 3 — 4 Unzen eines dunkeln, flüssigen 
Blutes aus. Die harte Hirnhaut war auf der ganzen linken Kopfseite blaurotfa gefärbt, 
und Hess sogleich auf ein unter ihr liegendes Extravasat schliessen. Es fand sich dies 
auch in Menge von zwei Unzen; das dunkle Coagulum bedeckte die ganze Unke He- 
misphäre- Ein zweites, nur bohnengrosses Extravasat befand sich in der Substanz der 
Varolsbrücke , und ein drittes von Liniendicke ringsum auf der Ba»is Cranii verbrei- 
tet. Sehr blutreich zeigten sich noch das kleine Gehirn und die Venen der pia maUr, 
Der übrige Befund war nicht erheblich. — Der Thatbestand der Tödtung war bei sol- 
chem Obduaionsbefunde, wie man sieht, zweifellos festzustellen. .Aber', sagten wir 
im Obductionsbericht, «nicht so unzweifelhaft lässt sich das Werkzeug bestimmen, mit 
welchem die Verletzungen zugefügt worden. Die von den Zeugen gesehenen Faust- 
schläge erklären sehr einfach die gefundnen Sugillationen an den Augen. Die kleinen 
äussern und die innem Kopfverletzungen können von blossen Faustschlägen mcht her- 
rühren, erstere nicht, weil Faustschläge nicht die Hautbedeclnmgen mit .scharba 
Rändern'' trennen, letztere nicht, weil solche Schläge allein nicht eine solche 
Gewalt üben, wie sie zur Sprengung von Gefässen im Schädel erforderlich ist. Kui 



}. 44. Die Art and Weise der Anwendang der Werkzeuge. 95. Fall. 195 

oder mehrere Tritte, die ein schwer Betrunkner mit Heftigkeit einem unter ihm Lie- 
genden mit einem starken Stiefelabsatz beibringt, wurde beide genannte Wirkungen 
gehabt haben können, zumal wenn der Absatz mit Eisen oder Nägeln beschlagen ge- 
wesen. £ben so leicht aber konnten die Beschädigungen auch durch wiederholtes Nie- 
derweifen eines Betrnnknen, wie M. zur Zeit es war, der nothwendigerweise schwer 
mit dem Kopfe auf- und niederfallen musste, entstanden sein, und noch leichter konnte 
diese Wirkung erzielt werden, wenn wirklich, worüber keine Gewissheit Torliegt, Letz- 
terer eine Treppe hinunter geworfen worden sein sollte, und dabei der Fall sich so 
gestaltete, dass der Kopf vorzugsweise davon getroffen wurde.'' Ein bestimmteres Ur- 
tluil konnte bei solcher Sachlage nicht abgegeben werden. 

95. Fall. Tödtliche Unterleibsverletzung; anscheinend durch einen 

Bajonettstich veranlasst. 

Hier war recht eigentlich der Fall der gesetzlichen Bestimmung gemäss zn ent- 
scheiden: ob durch das betreffende Werkzeug die Verletzung habe hervorgebracht wer- 
den können? Wir mussten dieselbe verneinen, so sehr auch der Anschein dagegen 
sprach. Der Fall war ein seltener und durchaus eigenthnmlicber. Li einer kalten Win- 
teraacht wurde ein betrunkener Umhertreiber von zwei Grenadieren arretirt Auf dem 
Transport entsprang er ihnen, bald aber fiel er beim Laufen auf dem glatten Strassen- 
pflaster mit Heftigkeit, so dass man den Fall in ziemlicher Entfernung horte, nieder, 
raflte sich indess bald wieder auf, und machte Anstalt, seine Flucht fortzusetzen, als 
ihm einer der Soldaten sein Gewehr, das Bajonett voran, nachwarf, das den Flüchtigen 
traf und ihn zum Stehen brachte. Er wurde eingeholt und konnte alsbald sich nicht 
mehr aufrecht erhalten, noch weniger weiter gehen, und musste nach dem nicht sehr 
entfernten Gefangenhanse getragen werden, wo er gleich bei der Aufnahme verstarb. 
Die erheblichsten Leichenbefunde waren folgende: zwischen der elften und zwölften 
Sippe links, fünf Zoll von der Wirbelsäule entfernt, befand sich eine dreieckige, an 
jedem Schenkel % Zoll lange, mit angetrocknetem Blnte angefüllte Wunde mit scharfen, 
schwach sugülirten Rändern. Die Bauchdecken waren ganz imgemein fettreich. Die 
hintere Wand des Bauchfells war ganz und gar, zum Theil auch noch seine Duplica- 
toren, mit einem dunklen, halbgeronnenem Blute infiltrirt, dessen Quelle nicht entdeckt 
werden konnte. In der Tiefe der Bauchhöhle fanden sich drei Unzen blutigen Wassers. 
Jüt äusserlich wahrnehmbare Bajonettstichwunde aber hatte in die Bauchhöhle hinein 
gar nicht penetrirt, sondern verlief blind in den fettreichen Bauchbedeckungen, 
in welchen sich um die Wunde herum eine halbzollgrosse Infiltration schwarzen, halb 
flüssigen, halb geronnenen Blutes zeigte. Im Uebrigen ergab sich, ausser einer ansehn- 
lichen Blutfälle der Gehimvenen und Plexus (und dem anderweitig interessanten Be- 
funde einer durchgängigen Verwachsung des Herzbeutels mit dem Herzen, so dass der- 
selbe davon auf keiner Stelle zu trennen war), nichts Bemerkenswerthes und auf die 
Todesursache Bezügliches. JJenatus war folglich an einer Verblutu^ im Unterleibe 
gestorben, aber die Verletzung mit dem Bajonett hatte diese und den Tod nicht 
verursacht gehabt, da das Instrument gar nicht penetrirt, und weder ein inneres blut- 
reiches Organ, noch ein Blutgefäss getroffen hatte. Die Ursache der Blutung mussten 
wir vielmehr in dem Falle suchen, welchen L. auf das Strassenpflaster, kurz vor erhal* 
tenem Stiche, gethan hatte. Dass dieser Fall des Angetrunkenen auf das glatte, ge- 
frorse Pflaster heftig gewesen, stand nach der Untersuchung fest, und die durch den 
heftigen Fall bewirkte Erschütterung musste als der Grund der Sprengung eines Blut- 
geKsaea angesehen werden. Diese innere Blutung, führten wir femer aus, konnte nur 
allmälig zugenommen haben, denn sie hatte Zeit gehabt, einen so umfangreichen Theil 

13* 



196 §• ^* I)id Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 96. Fall. 

des Zellgewebes und der Muskeln zu infiltriren, w&hrend bei schnellen inneren Ver- 
blutungen sich ein ganz anderer Leichenbefund ergiebt, und deshalb konnte Denatu$ 
unmittelbar nach dem Falle, welcher Veranlassung zur Sprengung eines Ge&ses ge* 
worden, sehr füglich sich noch wieder aufraffen und einige Schritte weiter laufen, bis 
ihn der empfangene Stich und das in seinen Kleidern h&ngen gebliebene Gewehr zum 
Stehen brachte. Nun aber, und nachdem die innere Blutung mehr und mehr zage* 
nommen hatte, sank er zusammen, und die tödtliche Wirkung der inneren Verblutung 
war eingetreten. «So sehr demnach der äussere und oberflächliche Anschein, gerade 
darin namentlich, dass der Verletzte sehr rasch nach erfolgter Verletzung zu Boden 
sank und bald darauf starb, für einen ursachlichen Zusammenhang der Verletzung mit 
dem Tode zu sprechen scheint, so wenig hat ein solcher stattgefunden, indem hier Tiel- 
mehr nur ein anderweitig todtlich Getroffener noch eine an sich nicht sehr bedeutende 
Stichwunde erhalten hat, welche unter anderen Ümst&nden sehr h&ufig ohne allen Nach- 
theil für das Leben des Verletzten geblieben ist. 

• Fall. Todtliche Zertrümmerung des Sch&dels mittelst eines Beils; 
ob mit der Scheide allein oder auch mit dem Rücken? 



Als That noch grJLssIicher als die Yorstehenden Fälle, im Obductionsbefunde i 
sehr ähnlich war der folgende, in welchem ein Vater, der Weber D., seinen vienehn- 
jährigen, ruhig schlafenden Sohn erschlug. Die Hiebwunde war mit dem yorgelegten 
Beile gemacht, was die Familienmitglieder bestätigten, die die Schläge des faUenden 
Beils in der Nebenkammer gehört, und sogleich herbeigeeilt, die That fast mit ange- 
sehen hatten, und der Hieb war durch Sebnenhaube und Schädelknochen, die er mit 
scharfen Rändern getrennt hatte, tief in's Gehirn eingedrungen, und zeigte sich am 
Leichnam linker Seite als eine 3^ Zoll lange und einen Zoll klaffende Wunde, Ton 
deren Rändern und aus der Tiefe der zermalmten Gehimmasse mehrere lose Knochen- 
stucke herausgenommen wurden. Gesicht, Hemde und Obereztremitäten waren sehr 
stark mit Blut besudelt. Der Leichnam war wachsbleich und liess, in Verbindung mit 
der grossen Wunde, mit Sicherheit auf gänzliche Anämie schliessen, die sich auch spä- 
ter in auffallender Weise in den fast weissgrauen, blutleeren Lungen, im ganz blut- 
leeren Herzen und Lungenarterie, in der bleich - blutleeren Leber, der ganz blutleeren 
V. Cava in/, u. s. w. Torfand. Nichtsdestoweniger fehlten auch in diesem Falle wieder 
die gewohnlichen Todtenflecke nicht (ygl. §. 8. S. 22), die vielmehr den ganzen Rucken 
bedeckten. Ich bemerke noch, dass you dem rechten Winkel der Schädelwunde li^ 
eine Zickzack-Fissur horizontal hinüber bis zum rechten Schlafbein erstreckte, und dasa 
sich bei der Untersuchung der Basis Cranii gleichfalls eine Fissur fand, die durch 
den Türkensattel, aber nicht wie gewöhnlich, grade hinüber und quer durch die Grund- 
fläche ging, sondern unter dem Sattel sich winkelförmig nach hinten schlängelte und 
das rechte Felsenbein abgesprengt hatte. Auf dem Corpus callosum lagen Klumpen 
dunkeln geronnenen Blutes, desgleichen sich auch inselartig in der Substanz des Ge- 
hirns Yorfanden. Der Knabe war aus dem Schlafe nicht wieder erwacht und gleich 
todt gewesen, also war auch hier wieder das Blut erst nach dem Tode geronnen (TgL 
§. 11. S. 25). Die Beurtheilung des Falles war ungemein einfach. Weniger die Be- 
urtheilung der Yorgelegten Frage: ^ob der Thäter bloss mit der scharfen, oder auch 
mit der Rfickenseite des Beiles zugeschlagen gehabt habe ?" An letzterer beftmden mtk 
nämlich nicht nur, wie an der ganzen Klinge, Blutflecke, sondern auch blonde Haare 
Yon der Leiche angeklebt Wenn aber die Beschaffenheit der Wunde mit StcberheiC 
auf den Gebrauch der Axt mit ihrer Schneide schliessen liess, so konnten Bhit und 
Haare an der Rückseite nicht eben solchen Schluss rechtfertigen. Wir nahmen Yiel- 



§. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 97. Fall. 197 

mehr an, dass die abgehauenen Haare mit dem ausströmenden Blute dabin geflossen 
seien, und diese Annahme wurde zur Gewissheit erhoben und bestätigt, nachdem wir 
nos das Kopfkissen, auf welchem der Knabe liegend erschlagen worden, Yorlegen lies- 
fen, denn auf diesem Kissen fanden sich, ausser bedeutenden Blutlachen, zwei grosse 
Stücke fiimmasse und eine ziemliche Menge blutig verklebter blonder Haare. Es ergab 
sich obrigens, dass der Thäter an einer melancholischen Gemüthsstorung litt; es wurde 
deshalb die Voruntersuchung niedergeschlagen, und der Unglückliche in eine Irrenanstalt 
gebracht, in der er später paralytisch gestorben ist. 

Nach den obigen Beispielen zur Erläntenmg der Frage: ob durch 
gewisse Werkzeuge gewisse Verletzungen haben beigebracht werden 
können? die wir vielfach vermehren könnten, fahren wir im Folgenden 
einige andere Beispiele, und zwar ausgewählte wichtige Capitalfälle von 
Mord und Todtschlag, vor, in denen die andere, weit schwierigere ge- 
setzliche Frage, betreflFend die Art und Weise, wie der Thäter bei 
der That verfahren, die Stelluog, die er oder der Gemordete im 
Augenblicke der Verletzung gehabt haben musste u. dgl., zu beantwor- 
ten war. Man wird daraus ersehen, wie wichtig gerade in solchen 
FäDen, wie folgenreich für den Angeschuldigten, wie maassgebend für 
den Schwurrichter das gerichtsärztliche Gutachten werden kann, wie 
sehr man deshalb sich bemühen muss, alle zur Aufklärung dienenden 
umstände, auch oft scheinbar geringfügige, in sorgsamste Erwägung zu 
ziehen. 



97. PaU. Todtliche Zertrümmerung des Sch&dels durch Hammerschläge. 
Auf welche Art und Weise ist der Mord yerübt worden? 

Am 23. März 18** wurde der Klempnermeister Bontoux, der einen offenen Laden 
mit Blechwaren hatte, in der Küche seiner, an das Yerkaufslocal anstossenden Woh- 
nung, die lur ebenen Erde lag, am Boden liegend ermordet aufgefunden. Es war, wie 
alle deigleicben Scenen, ein grausenerregender Anblick. Der Ermordete war, als er in 
der (mondhellen) Nacht in der Wohnung Geräusch wie von einbrechenden Dieben horte, 
AUS dem Bette anscheinend rasch aufgesprungen, denn der Stuhl yor demselben lag 
umgestürzt da, und in Nachtkleidern nach dem yorderen Raum gelaufen. Alles Uebrige 
war, wie natürlich auch die Person des oder der Thäter, am Morgen der Entdeckung 
der Leiche yollstandig unbekannt. Der Mörder wurde aber durch die scharfsinnigsten 
Enmttehingen schon am folgenden Tage in der Person des Schmiedegesellen Lücke 
aufgefunden, und ich bemerke gleich hier, dass derselbe ein consequentes Vertheidi- 
gungssystem zu seiner Entschuldigung aufstellte, indem er den Einbruch einräumte, 
aber behauptete, von dem inzwischen erwachten Bestohlenen angepackt worden zu sein, 
und denselben in Nothwehr getodtet zu haben. Die aufgefundene Leiche war mit 
Naehtjaeke, Hemde, Unterhosen und Strümpfen bekleidet, welche Kleidungsstücke, mit 
Ausnahme der Fusssohlen der Strümpfe, stark mit Blut besudelt waren. Unter dem 
Kopfe der Leiche befand sich eine sehr grosse Blutlache, und etwa zwei Fuss davon 
eine zweite; zwischen beiden Blutlachen war eine Verbindung, oder auch nur Blut- 
spuren, nicht zu entdecken. In der Küche fand sich an Wänden, Geräthschaften, 
Thür u. s. w. vielfach Blut angespritzt. Sie diente zugleich als Werkstatt: es hingen an 



198 §• ^< Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 97. Fall. 

den Wänden zahlreiche Klempnerwerkzeuge, und zu den Fassen der Leiche wnrden 
zwei, auf der Schwelle der Küche ein, nnd im Verkaufslokal noch ein vierter eiserner 
Klempnerhammer gefunden, die s&mmtlich mehr oder minder mit noch frischem Blote 
besudelt waren. Die Obduction der Leiche ergab zwanzig Verletzungen an Kopf, 
Gesicht und Hals und ausserdem noch vier und sechzig Sugillationen, Hautib- 
Bcbilfernngen u. dgl. an Rumpf und Extremitäten! Die erheblichsten inneren Befunde 
waren: vollkommene Zertrümmerung des linken Schlaf beins und des grossen Keilbein- 
flügels in viele einzelne Knochenstücke; Zertrümmerung des rechten Augenhohlenfort- 
Satzes des Stirnbeins; Auseinandergewichensein der Lambda-Naht linkerseits; vier die 
Hirnhäute und das Hirn penetrirende Wunden links mit Erguas von dunklem, geronne- 
nem Blute; Fissur der Basis Cranii von dem zerbrochenen Keilbeinflügel bis zum 
Türkensattel und allgemeine, sehr sichtliche Anämie. — Der Obductionsbericht hatte« 
auf ausdrückliches Erfordern und in Beantwortung von zehn vorgelegten Fragen, die 
Aufgabe zu lösen, die Art und Weise der Tödtung mit Rücksicht auf den Befand nnd 
die Aussagen des Tbäters festzustellen, was gewiss, wie man sehen wird, nicht ohne 
Schwierigkeiten war «Es liegen bis jetzf*, äusserten wir im Berichte, nZwei Verhörs- 
protokolle vor. Im ersten Verhör deponirt der Angeschuldigte: » »nachdem ich in die 
Küche eingestiegen war, nahm ich aus dem nahen Verkaufslokale ein kleines Pult, 
setzte es in der Küch« zur Erde und erbrach dasselbe, ohne Geld darin zu finden. Ich 
begab mich nun in die Schlafstube, in welcher Bontoux in seinem Bette lag und 
schnarchte. Hier nahm ich aus einem offenen Tischkasten und aus einer Brieftasche 
Geld (im Ganzen 15 Thlr.), und verliess nun die Schlafstube, in welcher B. noch fest 
zu schlafen schien. Kaum war ich in das Verkaufslokal gelangt, so kam B. hinter mir 
her, packte mich bei den Schultern, warf mich zur Erde und rang sich mit mir einige 
Zeit an der Erde umher. Ich riss mich gewaltsam von ihm los, lief nach der Küche, 
um zu versuchen, durch dieselbe die Wohnung verlassen zu können, wurde aber von 
B. hierher verfolgt und beim Genick erfasst. Zwischen der Küchenthür, dem Feaer- 
heerd und dem Pulte rangen wir einige Zeit, fielen hierauf zu Boden, und lag ich 
bierdei bald über, bald unter Bontoux. Als ich einmal nach oben kam, ergriff ich 
einen am Fenster liegenden Hammer, und schlug damit etwa 5 bis 6 Mal nach dem 
Kopfe des B., der hierauf anfing zu schreien und um Hülfe zu rufen, und mich immer 
festeahalten versuchte. Nach etwa einem halbstündigen Kampfe riss ich mich von B. 
los, warf den Hammer noch in der Küche weg, und lief nach der Schlafstabe, um mir 
hier Licht anzuzünden, und nachzusehen, auf welche Weise ich ans dem Quartler her- 
auskommen könnte. Ich wischte mir zunächst in der Schlafstube an einem Handtncbe 
die blatigen Hände ab, zündete dann ein Licht an, und ging mit diesem in die Vor- 
derstube. Als ich hierbei an der Küche vorbeikam, sah ich in dieselbe hinein, and be> 
merkte, dass B. sich aufgerichtet hatte, und dicht an der Küchenthür stand. Sein Ge- 
sicht war stark blutig, und schrie er hierbei nach Hülfe."* Hiemach will Inc. in die 
Vorderstube gegangen, nnd aus dem Fenster — an welchem deutliche Blutflecke ge- 
fonden worden — entflohen sein. Von den vorgelegten vier blutbefleckten Häauoem 
recognosdrte er nur Einen als den von ihm gebrauchten, wobei er hinzusetzt i »»An- 
derer Instrumente als des bezeichneten Hammers habe ich mich beim Ringen mit B. 
nicht bedient, ich habe nar Einen Hammer gehabt und damit geschlagen.** 

„In mannigfacher Beziehung weicht die Deposition des Lücke in seiner zweiten 
Vernehmung von der erwähnten ersten ab. Wichtig für uns ist namentlich, dass er 
jetzt aussagt, indem er des Ringens in der Küche erwähnt und bemerkt, daas er den 
am Fenster liegenden Hummer ergriffen habe: «.ich lag hierbei unter B., der miek 
am Halse festhielt, nahm den Hammer in die rechte Hand und schlug von unten nach 
oben etwa zweimal nach dem Kopfe des B. , der mich dann wieder festhielt und w 



§. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 97. Fall. 199 

mit den Worten: warte, ich werde dich kriegen, aufrichtete. Ich sprang auch sofort 
«tf, wurde nun aber sogleich wieder von B., der mit dem Rucken fast dicht an der 
Aosgangsthnr stand, vor die Brust gepackt und festgehalten. Ich Jiabe hier stehend 
noch etwa 4—6 Schläge nach dem Kopfe des B. geführt, und puffte es, wenn die 
Sehlige fielen. Gezählt habe ich die Schläge nicht , und kann es auch sein , dass ich 
melir als sechs ausgetheilt habe. — Nun riss ich mich los , und weiss ich nicht, ob 
B. stehen geblieben oder zur Erde gefallen isf ^ Er deponirt nun gleichlautend, wie 
iffl ersten Verhör, und äussert nur abweichend, dass B., als er ihn beim Vorübergehen 
in der Küchenthür aufrecht stehen gesehen, nicht geschrieen habe, wovon er aber wie- 
der in derselben Vernehmung das Oegentheil behauptet, und auf den Vorhalt, dass dies 
nicht möglich gewesen, erwidert: es sei dies nicht sehr laut und mit halber Stimme ge- 
wesen* Auf den Vorhalt, dass er ausser Geld auch noch zwei Taschentücher geraubt, 
was er yerschwiegen, räumt er den Diebstahl ein und wiederholt: dass er nur die Ab- 
sicht gehabt, sich des B. zu erwehren, nicht ihn todtzuschlagen. — Wenn wir nun zu- 
nächst die Aufgabe haben, die Ursache des Todes des Bontoux festzustellen, so kann 
es wohl selbst für den Laien keinen Augenblick dem geringsten Zweifel unterliegen, 
dass die Kopfverletzungen die Ursache waren. Denn nicht nur, dass keine andere Ur- 
sache m der Leiche aufgefunden, auch nicht, wie wir ausdrücklich bemerken, Er- 
stickung durch etwanige Erwürgung, wie die höchst blutarmen Lungen, die Blutleere 
des Herzens und der grossen Blutaderstämme und die normale Beschaffenheit der Luft- 
rohre und des Kehlkopfes beweisen, so zählt das Obductionsprotocoll nicht weniger als 
zwanzig Verletzungen am Kopfe und Halse auf, die zum Theil, wie die innere Be- 
sichtigung ergeben, die allererheblichsten Zerstörungen verursacht haben. Namentlich 
fand sich fast die ganze linke Hälfte der Scbädelknochen förmlich zertrümmert, und 
waren auch in Folge dieser Zerschmetterung Knochen , die die Basis des Schädels bil- 
den, gesprengt, so wie endlich die Hinterhauptsnaht auseinander gewichen war. Solche 
ZerBchmettemngen der Schädelknochen fähren nothwendig und unter allen denkbaren 
Umständen durch heftigste Erschütterung des Gehirns und Störung seines organischen 
Lebens zum Tode, der schnell erfolgt und erfolgen muss, und dessen Eintritt nach 
solchen Verletzungen nach Minuten, höchstens Stunden zu berechnen ist. Wir nahmen 
deshalb und noch mit Rücksicht auf die zahlreichen übrigen, an sich weniger tödtlichen 
Kopfverietzungen in unserm summarischen Gutachten an, und wiederholen hier bestäti- 
gend: 1) dass Bontoux an den Kopfverletzungen seinen unabwendbaren Tod gefunden 
habe; 2) dass derselbe'^ (wonach wir gefragt worden waren), „nachdem er die erheb- 
lichsten Verietzungen erhalten, kaum noch eine Stunde gelebt haben kann. — 
Wir hatten im summarischen Gutachten ferner angenommen, dass die Kopf-, Gesichts- 
ond Halsverletzungen mit den dort beschriebenen schweren Hämmern sehr füglich haben 
zngefagt werden können. Nun hat Inculpat in seinem sogenannten „„offnen Geständ- 
niss'"', in welchem er sich aber, wie wir nachweisen werden, sehr weit von der Wahr- 
heit entfernt, zwar zugegeben, sich eines dieser Hämmer bedient zu haben, indess wie- 
derholt und offenbar im Sinne der vorgeblichen Nothwehr, in welcher er die Tödtung 
ansgefohrt haben will, in Abrede gestellt, mehrere dieser Hämmer gebraucht zu haben. 
Der Augenschein an den |Hämmem, wie an der Leiche, spricht gegen ihn. An den 
Hämmern, da an mehrem derselben nicht blos angespritztes Blut, vrie Lücke meint» 
sondern wirkliche grössere Blutflecke , namentlich an den Rändern , sichtbar sind , die 
nicht bloss durch zufälliges Abspritzen entstanden sein können; und an der Leiche, da 
die Verletzungen theils scharf gerändert, theils stumpfgerändert waren, was auf mehr 
als Ein gebrauchtes Werkzeug zurückschliessen lässt, wozu noch der Umstand kommt, 
dass, wie wir nachweisen werden, die Verletziuigen in verschiedenen Zeiträumen, beige- 
bracht worden sein müssen, wodurch unsre Annahme nur noch mehr bestätigt wird 



200 §• 44. Die Art und Weise der AowenduDg der Werkzeuge. 97. Fall. 

Inculpat will den Hammer, nachdem er damit zageschlagen, weggeworfen haben Aller- 
dings ist ein blutbefleckter Hammer auf der Schwelle der Köche» ein andrer blut- 
befleckter sogar noch entfernter Ton der Leiche, auf dem Ladentisch, zwei andre blutig« 
endlich aber auch zu den Füssen des Leichnams gefunden worden. Auch dieser Befand 
spricht gegen den Inculpaten und für unsre Annahme, da nicht anzunehmen, dasa di« 
H&mmer — abgesehen Ton ihren bereits gewürdigten Blutspuren - zu^lig an diesen 
Terschiednen Orten gelegen haben sollten, während alle übrigen Instrumente wohlgeord* 
net an der Wand umherbingen. Wollte man aber annehmen, dass der Ermordete 
seinerseits bei dem vorangegangenen Kampfe sich Eines oder mehrerer Hämmer gegen 
den Lücke bedient gehabt, wie Inculpat zu verstehen giebt, welcher behauptet, Bon- 
tonz habe beim Ringen etwas Hartes und Schweres in setner Hand gehabt und habe 
ihm damit namentlich einen Schlag auf die Schulter gegeben, und dass auf diese Weise 
der Fundort und das Aussehn der Hämmer erklärt werden könne, so spricht der Befund 
am Korper des Lücke ganz gegen diese Annahme, da ich, der mitunterteichnete Gas per, 
bei der Besichtigung seiues Körpers am 24. Harz, also am Tage nach der That, keine 
Spur der Einwirkung von Hammer-Hiebwunden an demselben aufgefunden habe. Die 
Erklärung, welche Lücke in dieser Beziehung im zweiten Verhöre abgegeben, dass man 
die Spur eines Schlages auf die Schulter jetzt nicht sehen könne, da er bei der Tbat 
bekleidet gewesen, ist unhaltbar. Denn seine Bekleidung würde die Einwirkung eines, 
gewiss nicht sanft, sondern mit der Verzweiflung eines, sich gegen einen tödtlicben An- 
griff Wehrenden geführten Schlages mit einem schweren Hammer nicht in d e m Maasse 
verhindert haben, um die Spuren davon nach etwa nur 30 Stunden absolut verschwinden 
zu machen. Ueberdies würde eine Schwerbeweglichkeit der ganzen Qinken) Oberextre- 
mität haben vorbanden sein müssen. Eine solche aber war gleichfalls bei der Besich- 
tigung am 24sten nicht vorhanden, da sich Inculpat ohne Hülfe ankleidete, und hat er 
dieselbe auch nicht behauptet, ja nicht einmal simuliri Aus allem Vorstehenden 
folgern wir: Z) dass Lücke mehrere Hämmer zur Vollendung seiner Tbat ge- 
braucht hat' 

»Nachdem wir dargethan, womit die Verletzungen zugefügt worden, haben wir den 
vriebtigsten Punkt zu erörtern, in welcher Zeitfolge dieselben beigebracht sein müssen. 
Nach des Inculpaten Deposition hat der Kampf eine halbe Stunde gedauert Es ist eb«i 
so unmöglich, diese Behauptung zu widerlegen, als ihr gewissenhaft beizutreten, was 
aber auch unerheblich ist , da jedenfalls erweislich ist , dass der Kampf eine längere 
Zeit gedauert haben muss. Die unzähligen Verletzungen an der Leiche nämlich zerfallen 
in drei Kategorieen: in leichte, schwere und an sich lebensgefahrliche, und in absohit 
todtliche. Zu den erstem gehören die zahllosen, im Obductionsprotokoll geschilderten 
blauen, braunblauen, sugillirten Flecke an den sämmtlichen Gliedmaassen, welche ganz 
unzweifelhaft durch Stossen, Fallen, Anprallen an harte Gegenstände und Niederwerfen 
entstanden sein müssen. Diese Verletzungen müssen nicht grade chronologisch die ersten 
gewesen sein, gewiss aber bind sie nicht die letzten gewesen', als welche vielaebr die 
als absolut tödtlichen, oben aufgezählten anzusprechen sind, und nach welchen, lie wir 
wiederholt, wie schon früher auf Befragen, behaupten: 4) das Denatua nicht mehr im 
Stande gewesen sein kann, sich aufzurichten, zu stehen oder zu geben^ 
folglich auch nicht mehr gefallen, angeprallt u. s. w- sein kann, vielmehr zu Tode ge- 
troffen liegen geblieben sein muss. Dagegen gilt dies nicht mit derselben unofflstoM* 
lieben Gewissheit von denjenigen, von uns als schwere und lebensgefthrlich bezeichneten 
Verletzungen, bei denen, wie die Erfahrung lehrt, noch ein Fortleben, selbst mit, wenn 
auch getrübtem Bewusstsein, eine Zeit lang möglich ist. Zu diesen Verletzungen tihleo 
wir die Verletzungen am Stirnbein, an der Nasenwurzel, am Unterkieferimd 
linkem Auge. Diese, und nur diese Verletzungen zeigten Blutunteriaa* 



§. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 97. Fall. 201 

fangen (Sagillationen) , die einen sichern Beweis dafür geben , dass das Leben noch 
eise Zeit lang danach erhalten worden war. Nach dieser Ausführung drängt sich die 
Aunabme als gerechtfertigt auf: 5) dass Bontoux zuerst, wahrscheinlich vielfach 
wiederholt, gestossen, geschleudert, niedergeworfen worden, sodann 6) die bezeichneten 
Bsmmerschläge vor die Stirn und in^s Gesicht, und zuletzt, nachdem er noch gelebt 
und sich wieder aufgerichtet gehabt, 7) die stärksten und todtl ich st en Kopfverletzun- 
gen an Hioterkopf und linker Schädelhälfte erhalten habe. Mit dieser Annahme ist auch 
der höchst auffallende Befand der abgesonderten Blutlachen in der Küche, in welcher 
die Leiche gefunden worden, yoUkommen vereinbar, wie wir hiemach nicht weiter aus- 
zu/obren brauchen. — Wenn wir endlich noch das Wie? des Kampfes in Betracht zie- 
hen, 60 wird sich auch hier zeigeu, wie Inculpat statt eines « „offnen Geständnisses"" 
lediglich eine Unwahrheit deponirt hat. Dafür spricht schon der entschiedene Wider- 
sprach io seinen beiden Aussagen, die, was die Beibringung der Verletzungen betrifft, 
in keinem einzigen Punkte mit einander übereinstimmen , als nur in dem , dass beide 
gegen den Leichenbefund sprechen. Nach seiner berichtigten zweiten Aussage lag er 
angeblich unter Bontoux, als er ihm die ersten, und zwar zwei, Schläge nach dem 
Kopfe gab. Selbstredend konnten dies nicht die gefundnen Verletzungen an Stirn und 
im Gesicht gewesen sein! Sehr schwer nur würde man sich ohne die und vor der 
Obduction zu der Annahme habe verstehen können, dass der so unten Liegende dem 
aof ihm Liegenden auf den Hinterkopf geschlagen habe, wo eine der tödtlichen Ver- 
letzungen gefunden wurde. Nach der Obduction aber ist diese Annahme ganz und gar 
nnstatthaft. Denn abgesehen davon, dass auch ein starker Mensch und ein in Führung 
des flammers geübter Schmiedegesell in dieser Lage wohl nicht die Kraft gehabt haben 
kann, einen so gewaltsamen Schlag zu fähren, dass dadurch die Hinterhauptsnaht aus- 
einandergesprengt wurde, was die erheblichste Kraftaustrengung und ein weites Ausholen 
nothwendig voraussetzt, so straft der Inculpat auch seiner fernem Aussage selbst Lügen, 
wenn er deponirt: dass Bontoux nach diesen ersten Schlägen (die nicht die Stim- 
ond Gesichtsschläge haben sein können), die Worte gesprochen habe: , «warte, ich werde 
dich kriegen'**', und sich wieder aufgerichtet, ja ihn noch stehend wieder vor die Brust 
gepackt und festgehalten habe. Unmöglich wird dies ein Mensch thun können, 
welchem darch Schläge die bezeichnete Naht gesprengt worden, da augenblicklich durch 
die dabei vorauszusetzende heftigste Gewalt eine Gehirnerschütterang entstehen muss, 
die sofort den Verletzten des Bewusstseins und der Bewegungsföhigkeit beraubt Wir 
müssen hiemach schliessen : 8) dass Lücke nicht unter Bontoux gelegen haben 
kann, als er ihm die ersten Hammerschläge an den Kopf gegeben. Inculpat räumt 
aber femer im zweiten Verhöre ein , dass er, nachdem B. angeblich nach den ersten 
Schlägen wieder aufgestanden sei und ihn aufs Neue gepackt habe, ihm noch 4 — (i 
Schlage auf den Kopf versetzt habe. „„Bontoux"*', sagt er, »„stand mit dem 
Racken fast dicht an der Ausgangsthür**^, und ahnet nicht, dass er mit dieser 
Deposition eine, ihn aufs Höchste gravirende Aussage macht, deren strafrechtliches Ge- 
wicht zu prüfen nicht unsers Amtes ist, die wir nur nachzuweisen haben, dass auch 
dieses ,, offne Geständniss"' durchaus vom Leichenbefund widerlegt wird. Derselbe hat 
drei äussere Verletzungen am Hinterkopfe nachgewiesen, denen die schon gewürdigte 
bedeutende innere Verletzung, die Trennung der Hinterhauptsnaht, entsprach Dass 
diese Verletzungen am Hinterkopfe nicht im ersten Kampfe von dem angeblich unter 
ihm liegenden Inculpaten beigebracht worden sein konnten, haben wir so eben bewiesen. 
Selbstredend auch für den Nichtarzt, konnte Lücke aber auch nicht einem Menschen, 
der vor ihm «»mit dem Rücken fast dicht an einer Thür**** stand, solche Hammer- 
schläge an den Hinterkopf beibringen, während wir zugeben, dass alle übrigen Kopf- 
nnd Gesichtaverletzungen in der stehenden Stellung Beider haben zugefügt werden kön- 



202 §• 44. Die Art und Weise der Anwendong der Werkzeuge. 97. Fall. 

nen. Nothwendlg moss daher Bontoux in dem Augenblicke, wo er die Schiige auf 
den Hinterkopf empfing, dem Thäter die hintere Fläche seines Körpers zugekehrt gehabt, 
d. h es muss Lücke hinter Bontoux gestanden haben, sei es nun, was yon nnserm 
Standpunkt nicht zu ermitteln, dass der schon schwer Verletzte einen Versuch zu fliebea 
gemacht habe, oder dass er yon Lücke fortgeschleudert und so umgekehrt zu stehn ge- 
kommen sei, oder dass der am Boden liegende noch einen Versuch gemacht habe, sich 
aufzurichten, und so der Hinterkopf zugänglich geworden sei. Hiemach müssen vir 
schliessen: 9) dass Lücke hinter Bontoux gestanden habe, als er ihm die todtlichen 
Schläge auf den Hinterkopf yersetzte. In welcher Lage endlich sich Denatus befanden, 
als er diejenigen Schläge erhalten, durch welche die linke Schädelseite zertrömmart 
worden, ist nicht mit Gewissheit zu ermitteln. Es ist eben so wohl möglich» dass er in 
diesem Augenblicke yor Lücke stand oder sass, und dass dieser mit einer kräftigen 
Schwenkung den Hammer yon seitwärts her führte, als es möglich ist, dass Denatui 
in diesem Augenblick am Boden lag und nun der Schlag yon oben her gegeben ward. 
Erwägen wir aber: dass, wie ausgeführt, die Schläge auf den Hinterkopf in der vorbe- 
merkten Stellung des Dtnatus gegeben sein mussten, dass derselbe diese Schläge aber 
nicht nach denen, die die linke Schädelbälfte trafen, erhalten haben kann» da er nach 
diesen Schlägen gleich zusammensinken musste, und den Hinterkopf dann nur preis- 
geben konnte, wenn er auf das Gesicht fiel, was nach dem Befunde nicht der Fall ge- 
wesen; erwägen wir sonach, dass die Schläge auf den Hinterkopf den tödüichen Schii- 
gen auf die linke Kopfseite yorangegangen sein müssen, so erscheint es uns höchst 
wahrscheinlich: 10} dass Bontoux, bereits tödtlich getroffen am Boden liegend, 
noch und in dieser Stellung die beregten Verletzungen erhalten habe. Wir halten es, 
nach den ausführlichen Auseinandersetzungen im Vorstehendem, kaum noch für erforder- 
lich, die fernere Deposition des Inculpaten, dass er beim Entfliehen den Bontoux noch 
in der Küche stehn gesehn habe, und dass derselbe hier noch um Hülfe geschrieen, 
oder auch nicht geschrieen, oder mit halber Stimme geschrieen habe, worin er sieh 
widerspricht, genauer zu würdigen. Denn wenn wir die positiye Behauptung aofstellen, 
dass ein Mensch, nachdem er solche Zerstörungen des Schädels und Gehirns erlitten, 
solche Blutyerluste gehabt, wie sie aufgefunden worden, unmöglich kurze Zeit darauf 
noch stehn, wohl gar geschrieen, um „„Hülfe^" schreien, also y ollständiges Bewusstsein 
haben kann, so besorgen wir nicht, von irgend einer Seite her Widerspruch erfahren 
zu können.** 

„Dagegen glauben wir, noch Folgendes nicht zurückhalten zu dürfen." 
„Dass ein Kampf stattgefunden, ist im Vorstehenden, namentlich durch die zahl- 
reichen Flecke u. s. w. am Leichnam nachgewiesen. Dass Bontoux sich gewehrt, er- 
gaben die am 24. März yon mir, dem C, hinter den beiden Ohren des Lücke gefond- 
nen Nägeleindrücke, eine Zerkratzung am linken Auge und die Beschädigungen simmt- 
licher Knöchel an der rechten Hand, wie des rechten Daumens, freilich nur in so fem 
mit hoher Wahrscheinlichkeit, als Lücke angiebt, jene Beschädigungen an den Knöcheln 
wenigstens rührten yon einer andern Schlägerei her. Er räumt aber ein, dass die übri- 
gen kleinen Verwundungen yon Bontoux herrührten, und erklärt die Verletzung am 
rechten Daumen für eine Bisswunde, die dieser ihm zugefügt, welches Ansehn diese 
Wunde nicht hatte. Wir nehmen also an, dass ein Kampf stattgefunden. Dagegen 
habe ich , der etc. G a s p e r , gar keine Beweise dafür , dass Lücke überhaupt beim 
Ringen zu Boden gefallen ist, da nicht eine einzige Sugillation u. dgl., wie sie doch an 
Kopf und Gesicht, wie am übrigen Körper nach zumal wiederholtem NiederCallen und 
Niedergeworfenwerden zu erwarten gewesen wäre, und wie sie so zahllos am Korper 
des Bontoux gefunden worden, so kurze Zeit nach der That am Körper des Locke 
sichtbar gewesen ist Hiernach ist der Schluss wohl gerechtfertigt, dass der krift^« 



§. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 98. Fall. 203 



TOfbersitete, wachende Lacke in dem Kampfe gegen den schwachem, unvorhereiteten, 
ins dem tiefen Schlafe eben erwachten Bon ton x fortwährend Heister geblieben sei." 
Lücke hielt sein Vertheidigungssystem, ich mein Gutachten im Schwnrgerichts- 
tennin aufrecht Er wnrde zum Tode Terurtheilt und ist hingerichtet worden. 

98. Fall. Zerschmetterung des rechten Schlaf- und Felsenbeins, 
wie des Unterkiefers. In welcher Stellung befand sich der 

Ermordete? 

Nicht weniger wichtig als der Torstehende war der folgende Raubmordfall, der als, 
der Umttinde wegen, besonders scheusslicbes Verbrechen, und wegen des überraschend 
merkwirdigen Verdictes der Oeschwornen das allgemeinste Aufsehn in Berlin gemacht 
hat. — Am Sonntag den 16. November 18^ war des Schneidermeisters Nolte acht- 
nlmjihriger Lehrling Wilhelm Haube, der den Nachmittag und Abend vergnügt aus- 
virts rerbracht hatte, über seinen Urlaub hinaus fortgeblieben, und deshalb, als er sp&t 
Abends zu Hanse kam, von der Wirthschafterin seines Meisters, die, wie die andern 
Familienglieder, d. h. der jetzt ermordete Meister und dessen Tochter, bereits im Bette 
lag, mit Drohungen, dass er am andern Morgen Prügel bekommen werde, empfangen 
worden. Liculpat fing hiernach an, über seine Lage nachzudenken, wobei ihm auch 
leine Schulden einfielen ; er legte sich nicht in's Bett, und es befestigte sich in ihm der 
sehen früher gehegte Entschluss, nach Amerika auszuwandern. Eben so rasch war er 
eatscfalossen, sich das dazu nöthige Geld durch Beraubung des Meisters zu beschaffen, 
mit dem er sich übrigens sehr gut stand, und von welchem er stets auf das Liebevollste 
behandelt worden war. Er schlich sich deshalb gegen Mittemacht in das Zimmer, in 
welchem derselbe auf einem Schlafsopha schlief, und in dem sich zugleich der Secretair 
be&od, holte sich vom Bette des Schlafenden aus dessen Morgenrock die Schlüssel und 
fing an, znm Diebstahl zu schreiten, als der Meister eine Bewegung machte. Erschreckt 
log er sich zurück und ging wieder in sein Schlafzimmer. Hier setzte er sich auf seine 
Ltgerst&tte, um den festen Schlaf des Meisters abzuwarten. Gegen 2 3 Uhr Nachts hielt 
er den Pendel der Wanduhr in seinem Zimmer an, und ging, diesmal bewaffnet mit 
oneffl Beile, das er aus der nahen Küche geholt hatte, „um sich gegen den Meister zu 
wehren", falls es nöthig werden sollte, in dessen Schlafzimmer zurück. Abermals wurde 
m im Beginne des Diebstahls gestört durch den Ruf des erwachenden Meisters : „wer 
ist da^*' ,,Jetzt", sagt er im Verhöre vom 20. November und ziemlich gleichlautend in 
>llen Verhören, , Jetzt näherte ich mich schnell dem Kopfende des Schlafsophas und 
fohlte rasch hinter einander 2 oder 3 Schläge mit dem Beil im Dunkeln nach der weis- 
en Gestalt, die im Bett aufrecht sass. Mein Meister schrie laut auf : ach Gott! ach 
Gott! und dann mit noch lauterer Stimme: Herr Jesus 1 Herr Jesus! Er war nach den 
Sehlägen mit dem Beile niedergesunken, hatte sich dann wieder aufgerichtet, und da er 
eben hierbei so laut: Herr Jesus! schrie, so glaubte ich, dass er aufstehn könnte, und 
ich verioren wäre." Er holte sich deshalb rasch ein gewöhnliches Tischmesser, und fing 
u, auf den Meister damit loszustechen Dieser wollte ihm, wie er im Obductioostermin 
iogegeben hat, das Messer entreissen. „Er griff mit seinen beiden Händen meine linke 
Hand** — wir bemerken hier, dass Inculpat links ist — „zog mich zu sich auf das Bett, 
and rockste auf die Hand hin', d. h er kratzte ihn mit seinen Nägeln, deren Spu- 
ren wir auch bei der Untersuchung des Haube auf dessen Handrücken deutlich wahr- 
fenommen haben. Nachdem der tödtlich Verwundete zusammengesunken und still ge- 
worden war, führte Inculpat den Raub aus, indem er etwa 70 Thaler Papiergeld, einen 
Operngucker, eine Brille u. s. w zu sich gesteckt und zu diesem Behufe sich erst ein 
Lieht angezündet hatte; dann wusch er seine Hände von Blut rein, legte seine blutbe- 



204 §- ^^ I^id Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 98. Fall. 

fleckte W&sche ab, und entfernte sich um 4 Uhr Morgens. Er ging zu seinem eot- 
femt wohnenden Bruder, erzählte diesem, dass er nach Amerika .anskneifen'* woUe, 
und das Geld dazu seinem Meister gestohlen habe , trieb sich, da es noch zu Irab wir, 
in den Strassen umher, kaufte sich gegen Morgen Bonbons, die er «auf dem Schiffe* 
▼erzehren wollte, frühstückte auf dem Bahnhofe, und fuhr mit dem Frnhznge nach 
Hamburg, wohin ihm aber der Telegraph vorausgeeilt war, so dass er gleich bei sei- 
ner Ankunft festgenommen und verhört, und später hierher zurncktransportirt ward 
Er ist vom ersten Augenblick der That mit allen ihren Einzelheiten geständig geweieo 
und geblieben. Am 19. yerrichteten wir die Obduction der Leiche, und erhoben tn 
wesentlichen Befunden folgende: das Hemde und der ganze Korper mit Blut besudelt; 
Züge auffallend entstellt; an Kopf, Gesicht, Hals, Schulter, Obereztremitäten und dea 
vielfach zerschnittenen Fingern zweiundvierzig Verletzungen, theils nur sugüliit« 
Flecke, theils scharfgeränderte Schnittwunden, theils blutige Streifen; sodann zwei 
grosse Hiebwunden; durch letztere war der Schuppentheil und das Felsenbein dei 
rechten Schlaf beins ganz zerschmettert; eine von hier ausgehende Fissur ging duck 
die Sella turcica hindurch; die zweite Hiebwunde hatte die rechte Seite das Unter- 
kiefers zerschmettert und seine Arterie zerrissen und die Ä. thyreoidea sup. In scharf- 
rändriger Wunde zerschnitten; Anämie im ganzen Korper. Für den Obductionsbericht 
waren uns noch folgende besondre Fragen gestellt worden: 1) ob die Verletzungen dea 
Denatus mit dem uns vorgezeigten Messer und Beil haben zugefügt werden können? 
2) welche derselben vom Schlagen mit dem Beile herrühren? 3) ob Denatus, als er 
mit dem Beile geschlagen wurde, auf der linken Seite seines Körpers gelegen habea 
muss, oder ob er sich auch in sitzender Stellung befunden haben kann? 4) wie lange 
Denatus nach den Verletzungen noch gelebt haben mag? Nachdem wir nun in Ob- 
ductionsberichte zuerst die Schädelzerschmetterung als Todesursache nachgewiesen hat- 
ten, was bei der Einfachheit der Sachlage hier übergangen werden kann, fahren wir 
fort: yEw. fordern von uns Aufschlnss darüber: wie lange Denatus nach den Ver- 
letzungen noch gelebt haben mag? Die in den Acten erhobenen Thatsachen und die ne- 
dicinische Erfahrung gestatten eine Antwort hierauf. Inculpat behauptet, dass es nach 
halb drei Uhr Nachts gewesen, als er zum zweiten Male ins Zimmer des Schlafenden 
gegangen, d. h. dass er zum Morde schritt Er behauptet femer in allen Verhören, 
dass bei seinem Weggehn, d. h. um 4 Uhr Morgens, der tödtlich Verwundete noch 
geathmet habe, und die Withschafterin deponirt, dass, als sie Morgens früh, es war 
dies nach acht Uhr, in's Zimmer gekommen, sie ihren Herrn todt gefunden habe. Der- 
selbe würde hiernach etwa mindestens anderthalb und höchstens sechstehalb Stundea 
gelebt haben, wobei wir der Vollständigkeit wegen bemerken, dass die von den herbeige- 
rufenen DDr. X. und Z. geschilderte Tbatsache, dass die in den Federn liegenden TbeO« 
des Leichnams um 8t Uhr Morgens noch lauwarm waren, ganz unerheblich ist, da 
unter solchen Umständen die Wärme sich noch viele Stunden nach dem Tode, oft noch 
bis zum andern Tage, erhält Dass aber die Annahme, Denatus habe noch etwa 
zwei bis drei Stunden nach seinen Verletzungen gelebt, keine unbegründete sei, lehrt 
die Erfahrung. Die Blutung aus den vielen verletzten Blutgeßssen, wounter selbst 
f^hr wichtige , musste allerdings höchst bedeutend gewesen sein , wie nicht nur die vi« 
in Blut getränkte Wäsche des Ermordeten , sondern die allgemeine Blutleere des Leich- 
nams bei der Obduction nachwies. Indessen ist es nicht zu übersehn, dass durch die 
Himerschütterung , die durch die beiden grossen Kopfverletzungen nothwendig geseUt 
wurde, ein Zustand von Ohnmacht, von Mtu minima, erzeugt werden musste, der 
einer rasch tödtenden arteriellen Blutung entgegen wirkte, und wenn anzunebmes, 
dass Denatus der Gehirnerschütterung und ihren Ursachen, die sieh bis tn einer 
Spr«ngung der Schädelgrundfläche ausdehnten, erlegen, so zeigt die Brfahnmgt da« 



§. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 97. Fall. 205 

Menschen mit aihnlichen KopfTerletzungen oft noch weit l&nger, als die von uns ange- 
Doounene Zeit, gelebt haben. In Betracht aller Umst&nde aber, der Blutung aus den 
Tjftlco Wanden, der grossen Anzahl eben dieser selbst und der Kopfverletzungen, 
fluben wir unsre Annahme über die Zeit des Todes gerechtfertigt* 

„Ganz zweifellos femer können wir die Frage bejahen: „,ob die Verletzungen 
dem Denatus mit dem im Obductionstermine Yorgezeigten Beil und Hesser zugefügt 
Min können?** Ganz abgesehn davon, dass die vovgezeigten Werkzeuge mit Blut be- 
sudelt waren, so deuteten die Verletzungen, ihrer Beschaffenheit nach, resp. auf ein 
scharf schneidendes und ein stumpf schneidendes, mit grosser Kraft geführtes Werk- 
leog, wie ihre theils scharfglatten, theils ungleichen R&nder und die Zerschmetterung 
fester und harter Organe bewiesen , und wenn die Spitze des Tischmessers abgebrochen 
gefanden worden, von dem Inculpat selbst sagt, wie auch die Obduction nachgewiesen, 
dass er damit auf harte Stellen gestossen (die Kopfknochen), so spricht auch dieser 
üoistand dafür, dass die fraglichen Werkzeuge nicht nur haben benutzt werden kön- 
nen, sondern höchst wahrscheinlich auch benutzt worden sind.* 

»Nicht grössere Schwierigkeit bietet die Beantwortung der fernem, uns vorgeleb- 
ten Frage: „.welche Verletzungen von dem Schlagen mit dem Beile herrühren?** Es sind 
dies unzweifelhaft diejenigen unter den yielen Torgefundnen, welche Zerschmetterangen 
harter Knochen und Zerfetzungen ihrer Weichtheile bewirkt hatten, d. h. die beiden 
grossen Verietznngen am rechten Unterkiefer und am rechten Schl&fenbein , die einen 
sebwerem und stumpfern Körper, als ein Tischmesser ist, zugleich aber einen stumpf- 
schneidenden, die Weichtheile trennenden und zerfetzenden, also recht eigentlich die 
Sehneide eines Beils Toraussetzen lassen.* 

«Wir haben uns endlich noch über die vierte uns Yorgelegte Frage zu äussern: 
„ob Denatiu, als er mit dem Beile geschlagen wurde, auf der linken Seite seines 
Körpers gelegen haben muss, oder ob er sich auch in sitzender Stellung befunden 
haben kann?** 

„Dass Denatus , „jederzeit** auf der linken Seite des Körpers, das Gesicht nach 
der Wand gekehrt, m seinem Bett lag, bestätigt die Wirthschafterin und der Werk- 
fiihrer, Ton denen Erstere seit Jahren dies oft selbst gesehn, Letzterer es aus dem 
Munde des Nolte selbst gehört hatte. Es ist hiemach anzunehmen, dass er in der 
Nacht vom 16. zum 17. ▼. M . im Schlafe gleichfalls auf der linken Seite gelegen hatte, 
als ihn Inculpat überfiel, und spricht die Lage der tödtlichen Kiefer- und Scbädelwun- 
den auf der rechten Seite gleichfalls im Allgemeinen dafür. Sehr wichtig aber ist 
bei Erwägung der Frage die Art und Weise, wie der Leichnam am Morgen aufgefun- 
den wurde. Denatus lag, wie wir ihn selbst gesehn haben, mit dem Oberkörper auf 
der rechten Seite, während der untere Theil des Körpers, namentlich des Rückens, 
der entblöesten Hinterbacken und Oberschenkel, fast auf der Vorderfläche des Körpers 
saf dem Bette lagen. Die Hände lagen zusammen in einer flectirten Stellung u. s. w. 
Es ist 8«lbstredend unmöglich, dass Denatus in dieser Stellung gelegen haben 
kaxm, als er die Verletzungen erhielt, die nicht einmal sichtbar waren» und es erst 
werden, als der Leichnam Ton uns herumgedreht ward, da er auf den Terletzten 
TheQen lag. Er muss folglich erst später in diese SteUung gekommen sein. Es ist 
nichts weniger als wahrscheinlich, dass Inculpat ihn, nachdem er ihn misshandelt, in 
dieselbe gebracht habe, denn abgesehn davon , dass er bei seinen offnen Bekenntnissen 
ober alle Einzelnheiten der That Nichts hierüber erwähnt, so sagt er auch gradezu 
wiederholt und sehr glaubhaft, dass er wohl gehört habe, dass der Sterbende noch 
sthme, dass er aber aus Furcht nicht hingesehn habe. Viel weniger wird er sich ge- 
truit haben, und obenein ohne alle denkbare Veranlassung, ihn umzukehren. Wenn 
ilso Denatus nicht auf der rechten Seite liegend die Verletzungen daselbst erhalten 



206 §• ^' I>ie Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 98. Fall ' 

haben kann, und dennoch auf dieser Seite liegend todt gefunden wnrde, ao musi « 
zwischen ruhigem Schlaf , Verletztwerden und Aufgefundenwerden als Leiche eine andre 
Stellung angenommen haben. Die betreffenden Aussagen des Angescfauldigtui 
widersprechen sich hierüber vielfach. In Hamburg hat derselbe ausgesagt: ««der Meistor 
hat sich nicht gewehrt, und mich nicht angefasst gehabt'^*, wogegen er im Obduetions- 
termin und in spätem Verhören wiederholt das Gegentheil und, nach dem Befände 
seiner zerkrazten Hand zu urtbeilen, wahrheitsgem&sser bekundet hat Im Verhöre tod 
22. ▼. M. sagt er, dass er mit dem Beil, das er fast senkrecht in die Höbe gebobea, 
nach der weissen Gestallt, die im Bette sass, und absichtlich nach dem Kopfe ge- 
schlagen habe. Als er dann später zum ersten Male stach, habe sein Meister Anslilt 
gemacht, aufzustehn, wogegen er in demselben Verhöre k»ehauptet, schon nach deo 
ersten Stiche sei der Meister zusammengesunken, und habe er nicht bemerkt, dass er 
dann noch versucht hätte, sich aufzurichten. £ben so weicht seine Aussage im Ver- 
höre vom 2. d. M. von den frühem ab, wenn er hier sagt: ««nach der Stimme in v- 
theilen, schien mein Meister sich zu mir (also nach der rechten Seite) gewendet n 
haben, doch weiss ich nicht gewiss, und habe ich nach der weissen Gestalt gescUi- 
gen, die im Bette zu sitzen schien.^** Hiernach sind wir für unser Urth«U auf (he 
Beschaffenheit der Verletzungen selbst hingewiesen. Wenn nun auch die MögKchkeü 
nicht in Abrede zu stellen, dass die Eieferwunde dem Denatus von oben herunter und 
bei seinerseits sitzender Stellung habe beigebracht werden können, so spricht doch die 
gänzliche Zerschmetterung der Knochen mit weit grösserer Wahrscheinlichkeit dtfor, 
dass das Beil senkrecht auf den Knochen gefallen, d. h. dass Denatus auf der Üo- 
ken Seite gelegen, als ihm der rechte Unterkiefer eingeschlagen wurde. Dass er sich 
nun aufgerichtet habe, ist als sehr möglich anzunehmen, da er sogar bei einer solchen, 
im Wachen etwa erhaltenen Wunde, noch vielmehr thun, und z. B. noch hätte gehn 
können. Von der Schädel wunde ist dagegen weit eher die Möglichkeit aazunehinea, 
dass Denatus y als er sie erhielt, in sitzender Stellung sich befunden habe, da die 
Wölbung des Schädels am Schlafbein mehr hervortritt, als der Unterkiefer, und der 
der dünne Schuppentheil des Schlafbeins weit leichter bricht und zerschmettert wer- 
den kann, als das harte und starke Ünterkief erbein. Wir sind hiemach geneigt, an- 
zunehmen, dass der auf der linken Seite liegende Nolte zuerst den Hieb auf dl« 
rechte Backe bekommen, sich dann aufgerichtet, nun den zweiten Schlag auf den Kopf 
erhalten, und dass dann im nun unzweifelhaft begonnenen Kampfe die sahlrekkea 
Messerstiche folgten, bis Molte erschöpft und tödtlich getroffen zusammenfiel, and 
hierbei so zu liegen kam, wie man ihn auffand, und wie oben geschildert worden. — 
Wir beantworten schliesslich die uns vorgelegten Fragen dahin: 1) dass die Verletzun- 
gen dem Denatus mit dem im Obductionstermin vorgezeigten BeU und Messer zuge- 
fügt sein können; 2) dass die oft beregte Schädel- und Kieferwunde von dem Schlagen 
mit dem Beil herrühren; 3) dass Denatus y als er mit dem Beil geschlagen wurde 
sich auch in sitzender Stellung befunden haben kann ; 4) dass Denatus nach den Ver- 
letzungen noch zwei bis drei Stunden gelebt haben mag." 

Ich bemerke, wenn auch nicht hierher gehörig, dass die Geschworenen annahmen: 
dass Haube die That „vorsätzlich, jedoch nicht mit Ueberlegung* (!) vollfobrl habe, 
worauf derselbe (§. 176. des Strafgesetzbuchs) nur zu lebenslänglicher Znehtbanaatrslc 
verartheilt wurde, die er im hiesigen ZellengeflLngniss verbüsst 

Weniger schwierig ^ als in den beiden mitgetheilten, war im folgenden Falle von 
Raubmord die Entscheidung der Frage, die uns hier beschäftigt. 



§. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 99. Fall. 207 



W. Fall. Zertrümmerung des rechten Scheitel- und Eeilbeins. 
Wie lag der Gemordete, und wo stand der Mörder? 

Am 14. März 18** Morgens wurde der Kaufmann Schultz, nachdem man ihn 
rennisst, im Bettkasten des Schlafsophas in seinem Schlafzimmer, in welchem der 
Leichnam ziemlich eng eingepresst lag, gewaltsam getodtet gefunden. Noch an dem- 
selben Tage, ja fast unmittelbar nach dem Auffinden der Leiche, wurde der Hausknecht 
des Ennordeten, Friedrich Holland, auf dem Hamburger Bahnhofe, wo er im Be- 
fpi war, über Hamburg nach Amerika zu entfliehen, als legitimationslos verhaftet, und 
legte derselbe sofort, zum Tbeil in meiner Gegenwart, das Geständniss ab, dass er sei- 
De& Herrn, um sich Geld zum Unterhalt für seine Geliebte und das mit derselben er- 
zeugte Kind zu Terschaffen, am Tage Yorher, Morgens gegen 8 Uhr, während derselbe 
m seinem Bette schlief, erschlagen habe. Ausführlicher hat er im gerichtlichen Verhöre 
Ton dieser Nacht über die Ausführung der That Folgendes deponirt: «Nachdem ich 
mich überzeugt, dass mein Herr, der auf der linken Seite mit dem Gesicht nach der 
Wand zu lag, noch fest schlief, nahm ich das Küchenbeil, das ich in der Küche ge- 
oommen, unter dem Rocke hervor, erfasste es unten am Stiel mit der rechten Hand, 
ood sehlag mit der Bückseite von oben herunter nach dem Kopfe des Herrn , den ich in 
der Schläfengegend traf. Gleich nach dem Schlage richtete der Getroffene, ohne einen 
Laut Yon sich zu geben, den Kopf in die Höhe, und führte ich nun noch zwei Schläge nach 
demsdben, den ich diesmal mehr am obern Schädel traf. Der Kopf sank sofort wie- 
der zurück, ohne dass mein Herr wieder einen Laut Ton sich gab. Da er jedoch noch 
Gurgeltöne hören liess und röchelte, so lief ich ich nach der Küche, nahm hier eine 
starke Leine, in der Absicht, meinen Herrn damit Tollends zu erdrosseln, weil ich 
förehtete, dass das Böcheln stärker werden und von Andern gehört werden könnte. Ich 
trat mit der Leine an das Kopfende des Bettes, zog den Körper, der nur mit einem 
Hemde bekleidet war, dergestalt aus dem Bette, dass der Kopf frei heraushing, hielt 
das eine Ende der Leine fest, und wickelte das andere Ende drei- oder viermal um 
den Hals, dergestalt, dass die Leine zuerst den Kehlkopf berührte, und zog das Ende 
der Lern» zuletzt vom am Halse durch eine Umwicklung durch, damit es festhielt.^ Er 
deponirt femer, wie er die Leiche, um dieselbe nicht offen und sichtbar im Bette liegen 
zu lanen, aus demselben herausgenommen, sie in den Bettkasten des Schlafsophas ge- 
packt, und den Kasten vernagelt habe, wie er nuiunehr seinen Raub verübt, und wie 
er bis zu seiner Yerhaftung gelebt habe. 

Am folgenden Tage fanden wir bei der gerichtlichen Obduction der Leiche, die 
noch des Umstandes wegen ganz besonders interessant war, weil hier an einem 
Sterbenden eine Erdrosselung vorgenommen worden war, zunächst was diese 
betrifft: um den Hals eine i Zoll breite Hanfschnur fünffach so fest geschlungen, dass 
der Finger nicht dazwischen geschoben werden konnte. Nach Entfernung des Strickes 
zeigte sich rings um den Hals eine vier- bis fünffache, grösstentbeils ganz weisse, nur 
an einzelnen Stellen bläulich, an andern dunkelroth gefleckte, zwti Linien tiefe Riime 
von i 2«oll Breite. Die Rinnen waren überall weich zu schneiden, und nirgends zeigte 
sich eine Blutnnterlaufung. Das ganze rechte Scheitelbein war in viele Stücke zer- 
sehmetteit, und die Kranznaht in ihrer ganzen Länge auseinandergewichen. Fissur im 
Angenhohlentheil des rechten Stirnbeins. Vom grossen Flügel des rechten Keilbeins 
ein Stack, so wie vom Schuppeniheü des rechten Schlafbeins drei zolllange Stücke ab- 
geplatzt Durch die Basis desselben und den Türkensattel hindurch erstreckte sich eine 
Fissur. Die Lungen blutarm. Die grossen Braststämme fast blutleer, wie die sämmt- 
liehen Herzhöhlen« Kehlkopf und Luftröhre unverletzt, blass und leer. Alles Uebrige 



208 §• 4^- I^i® Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 99. 'Fall. 

normal, nur anämisch. Was nun die im Obductionsberichte zu beantwortenden Fragen 
betraf, so hatten wir, ganz im Gegensatz zu dem obigen Lttcke**8cben, hier einen Fall 
vorliegen, in welchem das Yom Thäter abgelegte offne Gest&ndniss YoUstandig mit dem 
Leichenbefunde übereinstimmte. Was zunächst die eigentliche Todesursache betraf, so 
war es, wie man sieht, leicht nachzuweisen, dass die Kopfverletzungen, nicht die Er* 
drosselung, als solche angenommen werden mussten. Denn es hatte sich kein einzige« 
Zeichen von Erstickungstod gefunden, und war sonach anzunehmen, dass Denatux be- 
reits, wenn nicht ganz todt gewesen, wogegen die Deposition spricht, dass er noch ge- 
röchelt, aber dass er schon m agotie dagelegen habe und sterbend gewesen sei, alt 
ihm Inculpat das Strang Werkzeug um den Hals schlang, wofür er einen Grand ange- 
geben, der ganz glaubhaft und durch ähnliche Erfahrungen bestätigt ist. »Was nim 
das Werkzeug betrifft', fuhren wir fort, „womit die Verletzungen zugefügt worden sein 
mussten, so würden wir, auch ohne das Geständniss des Angeschuldigten, oder «eon 
derselbe in der Folge dieses zurücknehmen sollte, haben annehmen müssen, dass 
ein schwerer, stumpf -scharfer, wenigstens mit einer viereckigen Fläche versebener 
Korper, wie namentlich ein Beil oder ein Hammer, das todtende Werkzeug geweeen. 
Nur Hiebvmnden bewirken Verletzungen, wie die hier vorgefundnen , und die regel- 
mässige viereckige Sugillation am Jochbogen beweist, dass hierein vierecki- 
ger Körper eingewirkt habe. Das uns vorgelegte gewöhnliche Küchenbeil aber hatte 
eine zackige, stumpf- scharfe Schneide, und die gewöhnliche viereckige Rückseite, 
deren Ränder fast schärfer waren, als die der Schneide. Aus eben dieser Beschaffen- 
heit erhellt, dass nur die letztgenannte äussere Verletzung, die Sugillation an der Backe, 
gewiss vom Rücken des Beils herrührte, während die übrigen äussern Verletzungen so- 
wohl von dem Rücken, wie von der Schneide des Beils herrühren konnten. ^ Anck 
die fernere Aussage des Holland, dass sein Herr auf der linken Seite lag, als er ihn 
erschlug, wird durch den Leichenbefund bestätigt, da sämmtliche äussere Verletzungen 
sich an der rechten Seite des Kopfes befanden, während Wirbel und linke Seite voll- 
kommen unbeschädigt waren. Zugleich aber erhellt aus der Beschaffenheit der innem 
Verletzungen, dass Denatus wirklich liegend gewesen sein muss, als er die tödtlichen 
Streiche erhielt Denn abgesehn davon, dass, wenn derselbe vor dem Thäter stand oder 
sass, nach täglicher und leicht zu erklärender Erfahrung vielmehr zu erwarten war, dass 
man die Wunden links am Kopfe gefunden, so muss auch, bei der grossen Kraft, 
die den Schädel getroffen hat, und die so erheblich war, dass sie selbst ein Auseinaa- 
derweichen einer ganzen Naht zur Folge hatte, angenommen werden, dass die Hiebe 
nicht von der Seite, sondern von oben herab geführt worden seien. — Was die Stel- 
lung des Thäters betrifft, so müssen wir annehmen, dass er hinter, re*p. oberhalb des 
Kopfendes des Bettes des Denatus gestanden, und von hier aus die Hiebe geführt habe. 
Nur in dieser Stellung, nicht wenn er unter, resp, vor dem Kopfende stand, konnte die 
viereckige Sugillation an der Backe entstehn, an welcher das Ende des Beils anftraf, 
als ein Hieb mit demselben die hier liegenden Knochen zerschmetterte. Wir geben 
nach allem Vorstehenden unser Gutachten mit Rücksicht auf die vorgelegten Fragen 
dahin ab: 1) dass nicht Erdrosselung die Ursache des Todes des Schulz gewesen; 

2) dass vielmehr die Kopfverletzungen unabwendbar dessen Tod zur Folge gehabt haben: 

3) dass diese Verletzungen auf ein, mit erheblicher Kraft geführtes, theils stumpfes, 
theils scharfes Instrument zurückschliessen lassen; 4) dass das uns voi^elegte Kücbeo- 
beil oder wenigstens ein, diesem ganz ähnliches Instrument zum Beibringen dieser Ver- 
letzungen gedient habe; 5) dass die beregte viereckige Sugillation von der Rüekenfläcbe 
dieses Instrumentes herrühre, dass dagegen die übrigen äussern Verletzungen theils von 
der stumpfen, theils von der scharfen Seite des Mordinstrumentes herrühren konnten; 
6) dass Deftatvs auf der linken Seite liegend verletzt und getödtet worden sein muss; 



§. 44 Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 100. Fall. 209 

7) du8 aus der genannten Sugillation der Schluss gezogen werden kann, dass der 
Thiter oberhalb, resp. hinter dem Kopfende des Bettes gestanden habe; 8) dasa bei 
der grossen Frische des Leichnams, so wie nach der milden Beschaffenheit der damali- 
gen Witterung darauf zu schliessen: dass der Tod des Denatus zur Zeit der Obduction 
erst ?or wenigen Tagen erfolgt war, und dass es sehr wohl möglich, dass (wonach wir 
gefragt wurden) diese Zeit etwa 50 Stunden betragen habe." 

Holland ist hingerichtet worden. 

Gar keine Schwierigkeiten bot der nachstehende Fall, betreffend eine Anschuldigung 
auf Todtschlag, der wieder ein recht schlagendes Beispiel dafür abgab, wie auch das 
hart&äek^te Lingnen dem Obductionsbefiinde und darauf gegründeten gerichts&rztlichem 
ürtheüe gegenüber nicht Stand halten kann. 

100. Fall. Mord durch Kopfverletzungen. In welcher Stellung befand 

sich die Verstorbne? 

Sin Tischler hatte seine 55 Jahre alte Frau, mit der er in unfriedlicher Ehe lebte, 
mit einer 2 Pfund 10 Loth schweren Feile erschlagen. Höchst auffallend war, merk- 
würdig genug grade in einem Falle von Kopfverletzungen, eine so dünne Beschaffenheit 
sämmth'cher Sch&delknochen, wie ich sie niemals früher noch später gesehn habe. Die 
durchsigte Scbädelfl&che hatte ringsum kaum die Dicke einer Linie; glücklicherweise 
kam der Fall schon unter der Herrschaft des neuen Strafgesetzbuches vor, und gab so- 
nach zu unerquicklichen Discussionen mit dem Yertheidiger wegen absoluter oder indi- 
vidueller Lethalität keine Veranlassung mehr. Letztere wäre demselben aufrecht zu er- 
balten zwar schwer geworden, allein eine Verschleppung der sehr einfachen Sache durch 
den Instanzenzug hätte er vielleicht dennoch erreicht. Die ganze linke Schädelhälfte 
war zertrümmert; zehn herausgenommene Knocheufragmente lagen bei der Obduction 
vor uns, und den Grund der Verletzung bildete die rothblaue zerrissene dura mater, 
aus welcher Gshimmasse hervorquoll. Die linke Hemisphäre des grossen, wie die des 
kleinen Gehirns waren, erstere zermalmt und beide mit dunkeln Blutcoagulis durchsetzt. 
Ein horizontaler Knochenriss erstreckte sich bis rechts hinüber durch das Stirnbein bis 
in dessen rechten Orbitalfortsatz. Das ganze Gehirn war mit einer dünnen Lage dick 
flüssigen Blutes überzogen. Die Plexus chor. sehr bleich, die Sinus fast blutleer. 
Wichtig war für die zu liefernde Beurtheilung der Lage und Stellung der Verletzten 
xar Zeit der That eine zweite Verletzung, die in einer U Zoll langen, kaum klaffenden 
Wunde mit stumpf- scharfen, schwach sugillirten Rändern l>estand, welche hart über 
dem linken Ohre von hinten nach vom und oben nach unten diagonal verlief. Der 
übrige Befand auaser dem des Gehirns und Schädels war ganz unerheblich; er lieferte, 
wie zu erwarten gewesen, allgemeine Anämie. Wir urtheilten: dass die Kopfverletzun- 
gm den unabwendbaren Tod veranlasst hätten, dass sie sehr wohl mit der vorgelegten 
schweren Feile hätten zugefügt werden können, dass Denata sich im Augenblicke der 
Verletzung nicht in einer liegenden Lage (gegen welche die Richtung der Wunde am 
Ohrs fpraeh), wohl aber in einer stehenden oder auch sitzenden Stellung befanden 
habe, und dass der Thäter vor, aber auch hinter ihr gestanden haben könne. Der 
noch zum Obductionstermin vorgeführte Ehemann bestätigte hierauf, dass seine Frau 
tof einer Bank gesessen und gestrickt habe, als sich der Streit entsponnen, und dass 
•r, vor ihr stehend, die Feile ergriffen und sie verletzt gehabt habe. 



C»tp«r't («licatl. lf«ditiii. ö. Aafl. 11. i^ 



210 §• 44- Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeage. 101. a. 102. Fall. 



101. Fall. Todtliche Schädelzertrümmerung. Ob durch Auffallen, oder 

durch Einen oder mehrere Beilhiebe? 

H. war Morgens in das Zimmer seiner, noch im Bette liegenden Oeliebten, der 
32j&hrigen Wittwe B., eingedrungen, mit der er, wie gewohnlich, wieder in Streit ge- 
rietb. Dabei versetzte er ihr, wie sie noch ausgesagt hatte, ,einen heftigen Schltg mit 
einem Instrumente vor die Stirn*', und später gewahrte sie deutlieh, dass er ihr Beil in 
seiner Hand hatte. Der H. stellte den Vorfall ganz anders dar, nämlich: sie sei aus 
dem Bett gesprungen, habe einen Stuhl ergriffen, sei auf ihn eingedrungen» und nun 
habe er das Beil genommen und vor sich gehalten, um sie abzuwehren. Er habe ihr 
den Stuhl entrissen, wobei sie nun ausgeglitten und mit dem Kopf auf die Bettstelleo- 
kante gefallen sei. Endlich aber gestand er doch zu, der B. beim Abwehren derselben 
.Einen Schlag* mit dem Beil an den Kopf gegeben zu haben. Die Verletzte begab 
sich noch zu Fuss zu einem ziemlich entfernt wohnenden Arzt (mit einer Scbädei- 
Sprengung!), und dann zu Wagen nach einem Krankenhause, wo sie nach 12 Tagen 
starb. Obduction: sämmtlicbe Augenlider noch blauroth, grünlich sehillemd. Anf der 
linken Stirnseite eine anderthalb Zoll lange dreieckige, einen Zoll breite Wunde, in 
welcher ein abgeplatztes Stirnbeinstück feststeckte. Vom unteren Wundende ab war 
das Stirnbein in drei dreieckige Stücke gebrochen. Vom oberen Winkel erstreckte sich 
eine zickzackige, in ihren Rändern blutig imbibirte Fissur bis zur Kranznaht. Schädel- 
knochen ungewöhnlich, und zwar 3 bis 4 Linien dick. Unter der Sürnbeinwnnde aaf 
der harten Hirnhaut einzelne Splitter der inneren Lamelle aufliegend. Auf der ganien 
Himoberfläche ein liniendicker Eitererguss. Die Rindensubstanz war unter der Knocbea- 
wunde im Umfange einer Pflaume etwas erweicht. Beide Augenhöhlen waren zersprengt, 
und erstreckte sich die Zersprengung rechts bis in den Keilbeinflngel. Uobrige Organe 
unerheblich. Wir führten aus, dass Sprengungen der Schädelgrundfläche überall eine 
sehr erhebliche Gewalt voraussetzen Hessen, imd dass ein blosses Anlaufen gegen ein 
Beil oder ein Auffallen des Kopfes gegen die Bettkante — wenn der Angeschuldigte 
im Laufe der Voruntersuchung wieder darauf zurückkommen sollte — als eine solche 
erhebliche Gewalt, zumal bei der ungewöhnlichen Stärke dieser Kopfknochen, nicht 
gelten könnten, wogegen ein kräftiger Schlag mit einem Beil, das, wie das vorgelegte, 
von besonderer Schwere war, als Veranlassung zu solchen Kopfverletzungen ausreiebend 
seL Auf die richterliche Frage äusserten wir noch: dass mehr Wahrscheinlichkeit dafor 
sei, dass nur Ein Schlag, als dafür, dass wiederholte Schläge gefallen seien. Denn 
' nicht nur, dass die Spuren mehrfacher Hiebe am Kopfe der Leiche nicht gefunden wor- 
den, vielmehr alle Sprunge, Risse u. s. w. sich als von Einem Punkte ausgehend dar- 
gestellt hätten, sei auch ein einziger kräftiger Schlag mit einem solchen Instrument 
wie das vorgelegte, ausreichend, um die beobachtete Wirkung zu erzielen. Der Ange- 
schuldigte wurde hiemach verurtheilt. 

IM. Fall. Durebdringende Herzstichwunde. War Denatus gestochen 

worden, oder hatte er sich selbst aufgerannt? 

Bei einem Streite unter Holzhauern am 25. August 18^* erhielt S. von Helm 
drei Messerstiche, und sank sogleich todt zu Boden. Aus dem Obductionsprotokoll 
führen wir Folgendes über die Stichwunden an. „In der Mitte des linken Oberarms befin* 
det sich an der inneren Fläche eine etwas halbmondförmige, \\ Zoll lange, t 7/ii\ 
klaffende Wunde mit sehr scharfen, trocknen, nicht sugillirten Rändern, welche ahtt 
nur die Hautbedecknngen getrennt hat. — An der linken Brust nahe der Achselhöhle 



§. 44. Die Art nnd Weise der Anwendung der Werkzeuge. 103. Fall. 211 

md 1\ Zoll diagonal über der Brustwarze zeigt sich eine halbmondförmige, 2i Zoll 
IsQge, in der Mitte IJ; Zoll klaffende Wunde mit scharfen, glatten, trocknen, unsugil- 
lirten B&ndem, aus deren Tiefe Muskelbündel hervorquollen. — An derselben Brust- 
Seite zwischen der fünften und sechsten Rippe, 1^ Zoll von der Brustwarze von oben 
uefa anten und von innen nach aussen verlaufend, findet sich eine, 1 Zoll lange, 1^ 
Zoll klaffende, sehr wenig halbmondförmige Wunde mit eben solchen Rändern.* Nach 
Eröfiimig der Brusthöhle ergab sich, dass beide Wunden eingedrungen waren. Sie be- 
gegneten sich hier so, «dass sie nur einen halben Zoll von einander entfernt lagen. 
Die untere stellte eine halbmondförmige, i Zoll lange Wunde mit scharfen, unsugillir-. 
ten Rindern, die andere mehr eine lochartige Oeffnung von i Zoll Durchmesser mit 
eben solchen Rändern dar. Im linken Brustfellsack fanden sich 20 Unzen eines dunk- 
len, ganz flassigen Blutes. An der Basis des Herzbeutels dicht am Zwerchfell zeigte 
sich eine, einen halben Zoll lange, % Zoll breite, halbmondförmige Wunde mit ganz 
scharfen Rändern, welche im Umkreis eines halben Zolles stark sugillirt waren. Im 
Herzbeutel fanden sich noch vier Unzen eben solchen Blutes. An der entsprechenden 
Stelle des Herzens bemerkten wir eine schwach halbmondförmige, schärfger&nderte, un- 
sngillirte Wunde von einem halben Zoll Länge und zwei Zoll Breite, welche in die 
lioke Herzkammer eindrang. '^ Der übrige Befund war unerheblich. Es war allgemeine 
ADimie vorhanden, an welcher nur die Gehlmvenen (wie gewöhnlich) nicht gleichmässig 
Theil nahmen. — Nichts war leichter, als die tmabwendbare Tödtlichkeit dieser Yer- 
leiznng festzustellen, und die Annahme zu begründen, dass dieselbe mit dem uns vor- 
gelegten Taschenmesser, dessen Klinge vier Zoll lang und in der Mitte drei Viertel 
Zoll breit und das sehr spitz und sehr scharf war, hätten beigebracht werden können. 
Allein in der Schwurgerichtssitzung trat der Angeschuldigte mit der bis dahin neuen 
Behaoptong auf, die der Vertheidiger mit Lebhaftigkeit auffasste, dass er dem Denatua 
die Verletzung gar nicht beigebracht, sondern dass er nur das Messer vorgehalten, um 
sich gegen S. zu wehren, der mit einem Holzklob.en auf ihn eingedrungen sei, und dass 
dieser sich bei dieser Gelegenheit selbst auf das Messer aufgerannt habe. Es war nicht 
schwierig, dieser Behauptung mit dem Obductionsbefund entgegen zu treten. Der Ver- 
letzte hatte drei Stichwunden bekommen, eine am Arm und zwei an der Brust; dies 
sprach schon mehr für ein actives Verfahren Seitens eiues Dritten, als für ein passives Auf- 
rennen. Dazu kam der Beweis, von der Richtung der Wunden hergenommen, die von 
oben nach unten verliefen, und in der Brust an ihrem unteren Ende convergirten. Ein 
viederholtes Stechen mit erhobenem Arm erklärte Entstehung und Richtung dieser 
Wunden hiemach eben so leicht und naturgemäss, als es nicht abzusehen war, wie 
DenatuB beim Auflaufen auf das Messer sich drei und zwar drei so verlaufende Wun« 
den habe beibringen können. Wir drangen mit unserem Gutachten bei den Geschwo- 
renen durch und Helm wurde verurtheilt 

UIS. Fan. Tödtliche Schenkel -Stichwunde; ob absichtlich oder durch 

Fallen in das Messer veranlasst? 

Sehr ähnlich gestaltete sich nachfolgender Fall. Ein Mann, sehr jähzornig und 
dem Trunk eingeben, der seine Frau vielfach gemisshandelt hatte, gerieth mit ihr, wäh- 
rend er aas und ein Brodmesser in der Hand hatte, in Streit Nach seiner Angabe 
fiel die Frau hierbei „nach vorn, jedoch etwas von der Seite, über einen hinter ihr ste- 
henden Stuhl", wobei er sie zu halten versuchte, und ihr hierbei unversehens den Stich 
mit dem Messer beigebracht haben wollte. Dieses war in die hintere Seite des linken 
Oberseheokels zwei Zoll tief schräg von aussen nach innen eingedrungen, nachdem es 
einen Ueberrock, zwei wattirte Unterröcke und Beinkleider durchbohrt hatte. Nach 



212 $. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 104. FftU. 

Aussage der Frau aber sollte der Mann sie erst mehrfach gestossen, name&tlidi mit 
dem Fuss .Tor die Seite' gestossen und dann, als sie sich nach der Tbür geweadit, 
um zu fliehen, sie ton hinten her gestochen haben. Für den öffentlichen AnUiger, 
wie man sieht, eine höchst bedeutungsvolle Verschiedenheit der Angaben! Sie wurde 
alsbald in das Krankenhaus aufgenommen, wo man in der linken Leistengegend eme 
Sugillation und die Stichwunde im linken Schenkel fand. Schon nach drei Tigen 
schwollen die Leistendrüsen bedeutend an, nach fünf Tagen gestaltete sich der Kruk- 
heitsTerlauf bedenklich, die Eiterung wurde jauchig, die Drüsenentzündung ging gltjch* 
falls in schlechte Eiterung über, und am zwanzigsten Tage starb die Verletzte an Pj* 
ämie. Der Leichnam war abgemagert, durchgelegen und an&misch, und beide geainote 
Stellen zeigten tiefe Verjauchung. Die Feststellung des Thatbestandes der Tödtang war 
sonach leicht. In Betreff der uns vorgelegten Frage: «ob die Stichwunde auf die von 
dem Angeschuldigten angegebene Weise habe entstehen können?" iusserten wir luu 
Temeinend und im Wesentlichen dahin: .Seine Angaben entbehren der Glaubwürdig- 
keit zun&chst darin, dass sie sich widersprechen und unklar, ja unTerst&ndlich sind, and 
sodann, indem sie den Befund im Leben und nach dem Tode nicht erkliren. Seihst- 
redend ist es unverstandlich, wenn M. angiebt, seine Frau sei nach vorn und öb«r 
einen Stuhl gefallen, der hinter ihr gestanden. Aber auch der Stich selbst wider- 
spieht einer solchen Angabe. Er muss, wie DencUa richtig angegeben, mit grosser 
Kraft eingedrungen sein, nachdem er noch zwei Zoll tief in den Körper eingednmgan 
befunden ward, und zuvor noch viele und elastische Kleidungsstücke durchbohrt hatte. 
Wenn ein Körper mit seiner ganzen Last auf ein unter ihm fixirtes Messer fällt, so 
kann eine solche Stichwunde wohl entstehen-, da aber Inculpat selbst sugiebt, diss er 
seine Frau gehalten, um sie vor dem Hinfallen zu schätzen, so ist um so weuigei^ein 
solches blosses, halbes Umsinken als Veranlassung anzunehmen, als in diesem Falle die 
Richtung der Wunde eine andere, nämlich eine geradezu von hinten nach vorn, aber 
nicht wie hier, eine schräge geworden wäre. Dagegen erklärt sich die Entstehung der 
Wunde auf die einfachste und alltäglichste Weise, wenn man annimmt, dass Inculpat 
der das Messer in der rechten Hand hielt, die ihm den Rücken zukehrende, nach der 
Thür fliehende Frau von hinten her mit Heftigkeit gestochen habe. Hierzu kommt, 
dass nach der Angabe des Angeschuldigten die Entstehung der Verletzung in der In- 
guinalgegend gar nicht erklärt ist, wogegen auch diese Entstehung sehr natürlich, wenn 
die Angabe der Denata, dass er sie vor dem Stiche mit dem Fusse »«vom vor die 
Seite gestossen*", alb wahrheitsgemäss angenommen wird." 

104. Fall. Mehrfache Verletzungen, namentlich Schädelverletzungen. 

Welche Stellung haben die Verletzten zum Thäter eingenommen, und 

setzen die Verletzungen nothwendig mehrere Thäter voraus? 

Der folgende, an sich sehr einfache Fall wurde durch die richterlichen Fragm n 
einem sehr schwierigen. 

Am 24. Mai c. Abends gegen 10 Uhr misshandelte der Angeschuldigte S. dee 
Färbergesellen L. und den Zimmergesellen 0., welche beide er im Verdacht des Dieb- 
Stahls hatte und die er nach seiner Deposition auf dem P/schen Neubau, in eines 
Stalle, schlafend antraf. Er will dieselben aber erst geschlagen haben, nachdaa er sie 
erweckt imd sie auf ihn zugetreten seien, namentlich Q. ihm einen starken Fanstschbf 
gegen die Nase gegeben habe. 

S. bediente sich dabei seiner Anlage nach eines abgebrochenen Spalenstielet. 
naeh der des L. einer sogenannten Wasserlatte. Er will sich femer nur erinnern, beU« 
Männer auf dem rechten Arm geschlagen zu haben, im Uebrigen nicht wissen, wm 



§. 44. Di« Art und Weise der Anwendang der Werkzeuge. 104. Fall. 213 

Ti«! Sebllge er gegen beide gefphrt und an welchen Stellen er die Männer sonst noch 
getroffen habe. 

Beide, L. und 0., wurden darch herbeigerufene Schutzmannschalten verhaftet, Tom 
Polixeigewabrsam ans in der Nacht vom 24. zum 25. zur Charit^ befördert. G. Terstarb 
duelbst in der Nacht yom 25. zum 26. 

L hatte mehrfache Verletzungen davon getragen , auf die passender weiter unten 
ninckzokommen sein wird. 

Die Obduction der Leiche ergab ffir die Beurtheilung im Wesentlichen Folgendes: 
Die Leiche des anscheinend 30—40 Jahre alten G. ist sehr wohl gen&hrt. An der 
rtdilen Seite des Hinterkopfes befindet sich eine ( Zoll lange, \ Linie klaffende Wunde 
mit scharfen, trocknen, harten, bei dem Einschnitt deutlich sagiUirten R&ndem (Gerade 
auf dem Wirbel befindet sich eine bohnengrosse , hart zu fohlende und zu schneidende 
Stelle, welche bei Einschnitten sich ebenfalls leicht sugillirt zeigt Mitten auf der Stirn, 
etwM nach links, befindet sich eine eben solche, beim Einschnitt stark blutunterlaufene 
Stelle, von ihnlicher Grösse, unter der rechten Augenbraue zeigt sich eine eben solche 
iiniengrosse, in weiter Umgebung blutunterlaufene Stelle. Auf der linken Wange, 
\ Zoll unter dem Auge nach links hin, befindet sich eine etwa 1 Zoll lange , i Zoll 
breite, mit einem angetrockneten Schorf bedeckte, hart zu schneidende, stark blutunter- 
laafene Stelle- Die Umgebung des linken Auges, welche grüngelb gefärbt ist, zeigt 
sieh beim Einschnitt ebenfalls stark blutunterlaufen. Das ganze linke Schultergelenk 
siebt angeschwollen und violett gefiLrbt aus , und ist , wie ein Einschnitt zeigt , stark 
rogillirt Auch an der Innenfl&che des Oberarmes befinden sich drei runde, weich zu 
schneidende, blutunterlaufene (wie Einschnitte zeigen) Stellen. An der Kleinfingerseite 
det linken Vorderarmes zeigt sich, etwa drei Zoll yom Ellenbogen entfernt, eine einen 
Khwachen halben Zoll lange, scharfkantige Wunde und zeigt sich schon jetzt, dass ein 
Vorderarmknocben gebrochen ist. Ein Einschnitt ergiebt zun&chst eine sich über die 
WeichtheOe des ganzen linken Vorderarmes erstreckende, sehr umfangreiche Blutnnter- 
liofiisg, welche bis in das Muskelgewebe hinabreicht. Weiter ergiebt sich , dass das 
Ellenbogenbein, (ulna) in doppeltem Bruche , mit zackigen R&ndem gebrochen ist , so 
dasB in der Mitte ein 3 Zoll langes Stück Tollständig ausgebrochen ist. Die Speiche 
dieees Vordenrmes ist unTerletzt Auch die Hand ist unverletzt. Am rechten Oberarm 
befinden sich an dessen irnerer Fl&che mehrere runde leicht sugillirte Flecke. An der 
Aossenseite des Vorderarmes, in dessen Mitte, eine kreisrunde \ Zoll im Durchmesser 
hsltende blutunterlaufene Stelle. Die ganze Aussenfl&che des rechten Vorderarmes, 
iocl des rechten Handrückens ist, wie ein Einschnitt zeigt, blutunterlaufen. Die 
Koochen dieses Vorderarmes sind unverletzt, wie auch sonst an dieser Hand eine Ver- 
letzung nicht wahmehmbar ist Bei Eröffnung der Kopfhöhle zeigt sich nach Zurnck- 
Khligung der weichen Bedeckungen in der linken Schl&fengegend eine 1} Zoll im 
iHirehmesser haltende Blutunterlaufung. Eine eben solche femer entsprechend der 
imseren und oben beschriebenen Verletzung. Auf der linken Seite des Sch&ilels befindet 
^ in der Schl&fengegend ein bogenförmiger Knochenbrach mit feinzackigen R&ndem. 
Die mehr als gewohnlich dicken Schädelknochen sind im Uebrigen unverletzt Nach 
Hinwegnahme dieser Knochen zeigt sich die harte Hirnhaut unverletzt Unter der harten 
Himhant liegt ein Blutextravasat von geronnenem Blut, welches die ganze rechte Him- 
balfte aberzieht Nach Hinwegnahme dieses Extravasates, dessen M&cbtigkeit | Zoll 
betiigt, zeigt sich das Gehirn an dieser Stelle grabenartig eingedrückt. Beim Heraus- 
oehmen des Gehirnes zeigt sich, dass der mehr beregte Blutergpiss die rechte mittlere 
Schldelgrabe ausfällt Die Oberfläche des Gehirnes ist unverletzt. Die weiche Him- 
bsat ist auf der rechten Seite wenig, auf der linken, so wie der Oberfl&che des Klein- 
hirne« stark injicirt Auf der Grundfläche des Gehirnes zeigt sich der mittlere rechte 



214 §• 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 104. Fall. 

Hirnlappen an seinem Rande, wie an seiner hinteren Fläche zertrümmert. Das Gewebe 
ist hier mussartig weich, nicht mehr zu schneiden und Terftrbt. Auch an der Imkea, 
mit dieser correspondirenden Stelle befindet sich eine Blutunterlaufimg unter der weicbeo 
Hirnhaut. Im Uebrigen ist die Substanz des Gehirnes gesund, die Adergefleehte sind 
blass. Der oben beschriebene Bruch der Sch&delknochen erstreckt sich noch etwa 1 Zoll 
nach abwärts, und ist im Uebrigen die Schädelgrundfläche unverletzt 

Die Organe der Brust- und Bauchhöhle ergeben nichts für die Benrtheilang det 
Falles Wesentliches. 

„Ursache des Todes^, sagten wir im Obductionsbericht, „waren die beschriebenen 
Kopfverletzungen, und zwar die enorme Blutaustretung in der rechten Scbädelbilfte, 
welche in i Zoll Mächtigkeit die rechte Himhälfte überzog, das Gehirn an dieser Stelle 
grubenartig eingedrückt hatte, und auch die rechte mittlere Schädelgrube ausfällte. Ein 
solcher Bluterguss todtet gewöhnlich und hat auch im vorliegenden Fall getödtet 
durch Druck auf das Gehirn und die dadurch bedingte Lähmung des caotralen Nerven- 
systems. 

Dieser tödtliche Bluterguss aber war die Folge einer äusseren Gewalt, welche den 
Schädel des Denatus getroffen hatte. Dafür spricht die Zertrümmerung, welche sich am 
Rande des rechten mittleren, in der mittleren Schädelgrube belegenen Hirnlappens be- 
fand, vornehmlich aber der in der linken Schläfengegend befindliche, sich nachabwvtA 
bis in die Schädelgrundfläcbe erstreckende Knochenbmch. 

Hier hatte, wie sich aus den Blutonterlaufungen der den Knochen an dieser Stelle 
bedeckenden Weichtheile ergiebt, — es fand sich die linke Schläfengegend 1} Zoll ün 
Durchmesser sugillirt — offenbar die Gewalt eingewirkt und es war , wie nicht sehen 
auf der andern, der rechten Seite — durch contre - coup — , die GefässzerreissoDg. 
Blutung und Gehimquetschung erfolgt. 

Hiermit erledigt sich gleichzeitig der Einwand, der etwa erhoben weiden könnte, 
dass der Rausch, in welchem G. sich befunden haben soll, die Ursache des Todes ge- 
wesen sei. 

L. nämlich sagt aus, dass G. angetrunken gewesen sei, und die Terfaaftenden 
Schutzmannschaften hielten ihn ebenfalls für betrunken. 

Der Rausch , könnte man einwenden , habe jene tödtliche Blutung veranlasst 
direct oder indirect , und zwar letzeres dadurch , dass G. aus Trunkenheit (wie 
deponirt wird) vor dem Hilitairarrestgebäude „zusammengebrochen* and zur Erde ge* 
stürzt sei und hierbei sich den Knochenbruch resp. die tödtlichen Folgen desselben in- 
gezogen habe. 

Der Rausch bewirkt zwar auch eine Gongestion nach dem Gehirn und hat m seinen 
höchsten Graden eine solche Blutanfüllung der Himgefösse zur Folge, dass dadurch die 
Erscheinungen des Gehimdruckes erzeugt werden, vollständige Bewusstlosigkeit eintreten 
kann, indess hat erfahrungsgemäss selbst, wenn der Rausch tödtet, er niemals so colos- 
sale Blutaustretungen zur Folge, wie hier beobachtet wurden. Andererseits wurde Ti. 
geführt, und ist hiemach allein schon anzunehmen, dass er einen schweren Fall Ober- 
haupt gar nicht gethan habe. Aber was das Allerbeweisendste ist, ist der Untfta£*l. 
dass die Weichtheile über dem Knochenbruch, d. h. die Schläfengegend, und nicht die^ 
allein) sondern gleichzeitig die linke Wange, die Umgebung des linken Auges, di« 
Mitte der Stirn, die Wirbel gegend blutunterlaufen gefunden wurden. 

Wie hätten alle diese Verletzungen durch einen Fall entstehen können? Sie seticc 
vielmehr die wiederholte Einwirkung einer stumpfen Gewalt voraus. 

Es war somit der Tod die Folge der Verletzung, und die Verletzung war kein durch 
den Rausch des G. herbeigeführtes zufälliges Ereigniss. 

Es liegt weiter die Vermuthung nahe , dass dieselbe stumpfe Gewalt , welche den 



f 44. Die Art and Weise der Anwendung der Werkzeuge. 104. Fall. 215 

Körper des Denaius getroffen, auch den Schädel desselben verletzt habe , und die An- 
nahme gewinnt Raum , dass von den Schl&gen , deren einen S. eingestandenermaassen 
^gen den rechten Arm geführt hat, andere, von denen er „nicht anzugeben vermag, 
aa wdchen Stellen sonst^' sie noch seinen Gegner getroffen haben, gegen den Kopf des 
6. gefallen sind, um so mehr, als auch der L., wie wir sp&ter sehen werden, am Kopfe 
Terletzt befanden worden ist. 

Womit hat non S. diese Verletzungen beigebracht? Es setzen dieselben liicht ein 
scharfes, sondern ein mit stumpfer Gewalt wirkendes Werkzeug voraus , wobei zu be- 
melken, dass die scharfkantigen Wunden am Hinterkopf und linken Vorderarm nicht 
mit Nothwendigkeit die Einwirkung eines scharfen oder schneidenden Werkzeuges vor- 
aussetzen. Vielmehr ist es nichts Ungewöhnliches, auch durch „stumpfe" Werkzeuge 
fremi sie mit der nothigen Kraft die Weichtheile getroffen haben, namentlich solche, 
die glatt aber harte Theile gespannt sind, in scharfrändrigen Wunden die Hautgebilde 
geplatzt zu finden. 

Zur Frage stehen im vorliegenden Falle ein abgebrochener Spatenstiel, wie der 
Angeschuldigte angiebt, und eine sogenannte Wasserlatte, wie der ebenfalls geschlagene 
L behauptet 

Beide diese Instrumente sind, wie der Augenschein lehrt, in Bezug auf den in 
Rede stehenden Zweck ziemlich ähnlich. Beide sind etwa gleich lang , etwa 3 bis S\ 
Fqss, gewöhnlich von hartem Holz gearbeitet, verschieden dadurch, dass ein Spatenstiel 
wie ihn die Maurer gebrauchen, in roher Arbeit gerundet ist, während eine Wasserlatte 
ein Tierkantiges Instrument mit abgerundeten Kanten ist und ausserdem an jedem Ende 
Einkerbungen besitzt, um die Henkel der Eimer aufzunehmen. Ein Spatenstiel ist da^ 
for wieder an der Bruchstelle nothwendig rauh und uneben und hat selbstYerständlich 
an dieser Stelle hervorstehende Holzsplitter. Eine Wasserlatte ist schwerer, als ein ab- 
gebrochener Spatenstiel, indess sind beide Instrumente nicht so schwer, dass ein Mann 
Ton gewöhnlichen KörperkrSften aus der arbeitenden Klasse sie nicht bequem mit einem 
Arm als Waffe gebrauchen könnte. Beide Instrumente müssen daher als zur Hervor- 
briflgong der in Rede stehenden Verletzungen als geeignet erachtet werden, beide aber, 
m es das eine oder das andere, setzen die Anwendung einer erheblichen Gewalt, mit 
der sie geführt wurden , voraus , wenn sie einen Schädelbruch der noch dazu mehr als 
gewöhnlieh dicken Schädelknochen hervorbringen, und ein Zoll langes Stuck aus der 
Mitte des EUenbogenbeines ausschlagen sollen. 

Mit weniger Sicherheit können wir uns über die uns vorgelegte schwierige Frage 
anssem: ob aus der Art der Verletzungen, ihrem Sitz, Umfang u. s. w. sich ein Schlnss 
darauf ziehen lässt, welche Stellung die Verletzten zu dem Thäter einge- 
nommen haben. 

Hienm ist es nöthig, genauer auf die Verletzungen einzugehen, welche sich bei 
dem L. vorfanden, und den der mitunterzeichnete Liman am 30. Juni ärztlich besich- 
tigt hat Ausweislich des Gharit^joumals wurde derselbe mit folgenden Verletzungen 
eingeliefert: 1) einer 2i Zoll langen, gerissenen, bis auf die Knochenhaut dringenden, 
uemlich stark klaffenden Wunde rechterseits, welche i Zoll vor der Lambdanaht dieser 
Seite parallel mit ihr verläuft. 2) einen Bruch mit starker Extravasation und Quet- 
««faung der rechten Speiche (Badius) ; 3) einen doppelten Bruch an dem linken Ellen- 
bogmbein (ülna) mit starker Quetschung der Weichtheile; 4) einer Quetschung der 
ganzen rechten Schulter mit sehr starker Extravasation in der Umgebung; 5) einer 
mässigea Contosion am rechten Oberschenkel. 

Zur Erledigung der vorliegenden Frage sind wir überhoben auf alle fast unerschöpf- * 
baren Eventaüxtäten und Möglichkeiten einzugehen, vielmehr steht nach Lage der Acten 
zur Frage, ob anzunehmen, dass G. und L. sich in liegender Stellung befanden, als sie 



216 §• 44- IM« Art und Weis« der Anwendnog der Werkfeenge. 104. Fall. 

die Schl&ge erhielten, wie L behauptet, der angiebt , dass sie von S. im Schlaf über- 
rascht und angegriffen worden seien ; oder ob anzunehmen, dass beide Minner ihm 
entgegengetreten seien, wie S. behauptet, der in Besoigniss eines Angriffs erst dem 
L. über dem rechten Arm geschlagen, und nachdem er Ton G. einen «sehr staiteo 
Fauststoss* gegen die Nase erhalten, auf beide H&nner eingeschlagen haben will, ohne 
dass anderweitig Ton diesen ein Drohwort gesprochen, noch eine drohende Geberdc ge- 
macht worden war. 

Diesen beiden Efentualitäten gegenüber haben wir den objectiTen ThatbMtand m 
das Auge zu fassen. 

Bei dem L. befanden sich , wie wir oben gesehen haben , ausser am linken Arn, 
der gleichzeitig mityerletzt war, alle Verletzungen auf der rechten Eorperseite, am Kopfe 
rechterseits, an der rechten Schulter, dem rechten Vorderarm, rechten Oberschenkel 
Bei G. befanden sich , mit Ausnahme der Hautwunde am rechten Hinterhaupt und der 
Blutunterlaufung an der Aussenseite des rechten Vorderarmes und des Handrückens, die 
erheblichsten und die Mehrzahl der Verletzungen auf der linken Körperhilfte. Linker- 
seits befand sich der Sch&delbruch, die Umgegend des linken Auges und linke Waoge 
waren sugillirt, die linke Schulter geschwollen und blutunterlaufen, der linke Vordeiarm 
sehr umfangreich sugillirt, ein Knochen desselben gebrochen. 

Bei S. fand sich gar keine Verletzung; weder an den H&nden, noch an der Nase 
desselben hat am 28. Mai der mitunterzeichnete Liman irgend welche Sporen eines 
Angriffes wahrgenommen. 

Ein Kampf hat hiemach zwischen den betheiligten Personen nicht stattgefonden 
und wenn S. einen Fauststoss in das Gesicht erhalten haben sollte, so war deitelbe 
keinenfalls so stark, um eine Sugillation zu erzengen, weil solche in so kurzer SSeit nicht 
▼ollst&ndig hätte Torschwunden sein können. 

Wenn femer beide MSnner gleichzeitig auf S. zugetreten sind , so können foglich 
die Verletzungen beider nicht anders erzeugt sein, als dass L Ton rechts her, G. von 
links her gegen S. vorgegangen sind , denn anders könnte die KopfTerletnmg des L., 
rechterseits und im Sinne der Lftngenaxe des Körpers, nicht erzeugt sein. Die Möglieb- 
keit, dass S. um sich schlagend , beide M&nner an den betreffenden Körpertheflen ver- 
letzt hätte, wäre nicht abzuleugnen. 

Aber ein solcher Hergang hat viel Unwahrscheinliches, weil ein bedeutendes Kräfte- 
öbermaass auf Seiten der Verletzten gewesen ist Die Leiche des G. war die eines sehr 
robusten Menschen und wenn beide Männer gleichzeitig auf S. zugetreten sind, wie 
dieser angiebt und er zunächst auf L. eingeschlagen hat und zwar nach dessen recbtea 
Arm, so ist gar nicht abzusehen, wie ihn G. nicht sofort hätte angreifen und wenig- 
stens daran Terhindem können, ihn selbst und L. ferner in so erheblicher Weise zu 
verletzen, da ja beide Männer sich geradezu wehrlos hätten den Misshandlungen des S. 
überlassen müssen. Indess sind die ETentualitäten die bei einer derartigen Begegnoag 
wie sie hier stattfand, vorkommen können, gar nicht zu ermessen und wollen wir des- 
halb die Möglichkeit, dass beide Männer auf S. zugetreten seien nicht gänzlich von der 
Hand weisen. 

Viel wahrscheinlicher indess ist , dass die Angabe des L. richtig ist , dass er auf 
der linken Seite liegend die Schläge erhalten habe, wobei nicht ausgeschlossen ist, das» 
der linke Arm frei beweglich gewesen und ebenfalls verletzt worden ist, und ebenso 
erklären sich leichter die Verletzungen , welche G. davon getragen , wenn er mehr mit 
seiner rechten Körperhälfte aufgelegen hat, und scheint hierbei auch der Umstand oichi 
ganz unerheblich, dass beide Männer an fast ganz gleichen Körperstellen verletzt sind. 
Dass G. auch eine Hautverletzung am rechten Hinterkopf gehabt hat, thut der Annahm«. 
dass er auf der rechten Seite liegend die Schläge erhalten, keinen Eintrag, «eil 



f. 44. Di« Art und Weise der AnweDdang der Werkzeuge. 105. Fall. 217 

nlbstrentandlich er, w&hrend die Streiche fielen, auch den Kopf einmal gedreht haben 
kum. üebrigens w&re auch die Möglichkeit nicht ansgeschlossen, dass G. diese Haut- 
whttwag am Hinterkopf erst bei dem späteren Hinfallen davon getragen haben 
köooie. 

Digegen spricht ein anderer Umstand noch dafür, dass Q. im Liegen geschlagen 
vorden und durch die Schlftge unbesinnlich geworden ist, der n&mlich, dass die Schutz- 
leute ihn auf den Hobelsp&nen, wohin er sich mit L. , um zu nächtigen gelegt , ange- 
troffeo haben und ihn hier erst schwer aus seiner ünbesinnlichkeit ermuntern konnten. 
Wie wire es denkbar, dass wenn 6. den S. angegriffen hätte, er sich, nachdem ihm 
Am und Schädel zerschlagen worden , wieder auf die Hobelspäne hingelegt hätte und 
uDgekehit, wie wäie es denkbar, dass wenn jene ünbesinnlichkeit lediglich ein Zeichen 
lehwerer Trunkenheit gewesen wäre, dass dem G. , den die Schutzleute aufrichten und 
fSkntk mnssten, Energie und Bewusstsein genug geblieben wäre, um auf S. einen An- 
griff za machen und kurze Zeit vorher sich selbstständig zu erheben und einen Faust- 
ston gegen S. zu fuhren. 

Die Alternative also, dass beide Männer in liegender Stellung die Schläge erhalten 
haben, hat eine bei weitem grössere Wahrscheinlichkeit für sich. 

Dieser Umstand macht es auch erklärlich, dass S. allein beide Männer in beregter 
Weise misshandeln konnte, während anzunehmen ist, dass beide Männer stehend und im 
Vollbesifs ihrer Geistes- und Körperkräfte ein hinreichendes Uebermaass an Kräften 
besasen, um sich eines selbst mit einem Stück Eichenholz bewaffneten Menschen zu er- 
vehren. Die Natur der Verletzungen aber deutet nicht darauf hin, die Mitwirkung 
■ehrerer Thäter anzunehmen 

Hiemach gaben wir unter wörtlicher Beantwortung der uns vorgelegten Fragen unser 
Gutachten dahin ab: 

1 Dass Denatus an den beschriebenen Kopfverletzungen seinen Tod gefunden 
hebe. 2. Dass diese, so wie die nbrigen beschriebenen Verletzungen eine erhebliche 
Gewalt voraussetzen, welche den Kopf und den Körper des Denatus getroffen habe. 
3. DasB eine sog. Wasserlatte, wie solche von dem L. resp. den anderen in der Unter- 
suehnsg vernommenen Zeugen beschrieben wird, ein zur Beibringung der constatirten 
Verletzungen geeignetes Werkzeug war, dass dieselben aber auch ebenso gut mit einem 
Spatenstie], wie der Angeschuldigte angiebt, zugefügt sein können. 4. Dass zwar beide 
hutrumente den Schlnss, dass sie mit erheblicher Gewalt geführt worden seien, gestatten , 
dsss aber nicht nothwendig der Thäter das Werkzeug mit beiden Händen erfasst und 
mit beiden Armen geschlagen haben muss, sondern sehr füglich sie mit einem Arm 
fahren konnte. 5. Dass aus der Art der Verletzungen, ihrem Sitz, Umfang u. s. w. 
sich nur mit Wahrscheinlichkeit ein Schlnss darauf ziehen lässt, welche Stellung die 
Verletzten zu dem Thäter eingenommen haben, dass insbesondere mit Wahrscheinlich- 
kot anzunehmen, dass G. und L., als sie die Schläge erhielten, sich in liegender Stel- 
long befanden, und dass die Angabe des Angeschuldigten, dass sie ihm entgegengetreten 
seien, durch den objectiven Thatbestand nicht unterstfitzt wird. 6. Dass endlich die 
constatirten Verletzungen füglich von einer Person zugefügt sein können und dass 
dabei mcbt nothwendig eine Mitwirkung mehrerer Thäter angenommen werden muss. 

IM, TmSL Kopfverletzung. Tod durch Gehirnabscess nach Depression 
des Stirnbeins. Richterliche Frage nach der Beschaffenheit des Werk- 
zeuges. 

In der Nacht vom 25. bis 26. December p. fand im Bändle w'schen Bierlokal 
eine Schligerei Statt, bei welcher der Schlächtergeselle Müller verwundet worden sein 



218 §- ^^' ^^ ^^ und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 105. Fall. 

soll. Es war daselbst „ziemlich stark* getrunken worden, indem jeder der Anwe8ebd«n 
20 Seidel der Reihe nach zum Besten geben sollte, und differiren die Zeugenaussagen 
über die näheren Umstände sowohl, als über die in Anwendung gekommenen Werk- 
zeuge nicht unwesentlich. In Bezug auf letztere ist von Fäusten, einem abgebrochenen 
Billardqueu, in welchem das in das untere Ende eingegossene Blei krumm gebogen 
war, Schnapsgläsern, Stuhlbeinen, Messerstichen, die Rede. In Bezug auf erstere, 
dass die Schlägerei theils im Lokale des Band low, theils auf der Strasse Stattge- 
funden habe. Schon im Lokal soll Müller, nach der Aussage eines Zeugen «stark die 
Stirn entlang^ geblutet haben, während ein anderer ihn , stark aus der Nase^ bloten 
gesehen haben will. — Der p. Langenberg giebt an: «Letzterer (Müller) lief 
und wurde von einem grossen bartlosen Menschen verfolgt, der ein Stuhlbein in der 
Hand trug. Müller lief auf den Strassendamm und als dieser etwa 6 Schritt von der 
Rinnsteinbrncke entfernt war, stolperte er und fiel zu Boden. Sein Verfolger trat anf 
ihn zu, und schlug mit aller Gewalt zu drei verschiedenen Malen mit dem Stuhlbein 
auf den Kopf des Müller. Offenbar denselben Vorfall beschreibt der Bruder des Yer- 
storbenen Müller: „Als ich auf die Strasse gelangte, erblickte ieb meinen Bruder 
au dem Laterne upfahl in der Nähe der Marktbude liegen, und blutete dereelbe 
aus einer Kopfwunde. Ich sah einen grossen breitschultrigen etc. Menschen, welcher 
drei Schläge mit einem Stuhlfuss auf die Stirn meines Bruders führte." Aus der Aus- 
sage des etc. Werner geht hervor, dass der Verstorbene mit einem Hute nidit 
bekleidet war. — Der Verletzte ist dann noch Strecken weit gegangen und am 
andern Tage, nachdem er also circa 12 Stunden noch auf den Beinen gewesen, nach 
Bethanien geschickt Hier wurde er am 26. eingebracht, weil ihm, nach dem Attest 
des dortigen Arztes „ausser einer langen Wunde am Hinterkopf und Erschütterung de» 
Gehirnes vom an der Stirn der Schädel eingeschlagen worden ist', woselbst der Ver- 
letzte am 16. Januar, also nach 21 tägigem Krankenlager, verstarb. 

Am 19. Januar verrichteten wir die Obduction des Müller, welche in ihren 
für die Beurtheilung des Falles wesentlichen Punkten, Folgendes ergab: Die 
Leiche des Müller ist die eines kräftigen einige zwanzig Jahre alten Mannes, 
imd hat mit Ausnahme der grünen Bauchdecken, die gewöhnliche Leicbenfarbe. 
Auf der Stirn, etwas nach links, findet sich von Aussen nach Innen verlaufend 
eine Zoll lange, zwei Linien klaffende Hautwunde mit scharfen, glatten, 
trocknen, nicht blutunterlaufenen Rändern. In der Mitte des Hinterkopfes findet sich 
von oben nach unten verlaufend eine eben solche, schon im Vernarben begriffene 
Wunde von Zoll Länge, mit trocknen etwas blutunterlaufenen Rändern. In der Nähe 
derselben zeigen sich von oben nach unten verlaufend zwei, respective einen und einen 
halben Zoll lange, schmale rothe Streifchen. Sonstige Verletzungen sind nicht wahr- 
zunehmen. Unter der beschriebenen Stimwunde ist das Stirnbein kreisrund im Um&nge 
eines Viergroschenstückes eingedrückt, mit ganz fein gezackten, trocknen Rändern. Die 
Schädelknochen haben die gewöhnliche Dicke. Nach Abnahme des Schädeldaches zeigt 
sich auch die innere Lemelle des Stirnbeines in Splittern gebrochen. Unter diaeer 
Stelle findet sich die harte Hirnhaut grubenartig eingedrückt Die ganze harte Hinhaut 
und ebenso die übrigen Häute haben eine schmutzig rothe Färbung; die Geiässe dar 
weichen Haut sind fast blutleer. Unter dem Bruch des Stirnbeins findet sich eine mit 
grünem Eiter gefüllte Höhle von Wallnussgrösse. Die Substanz des Gehirnes ist im 
Uebrigen gesund. Die Adergeflechte sind bleich. Das kleine Gehirn, so wie Knoten 
imd verlängertes Mark geben nichts zu bemerken. Die Blutleiter sind leer. Die Schadd- 
grundfläche ist unverletzt, Die übrigen Organe der Leiche ergeben keine fnr die Be- 
urtheilung wesentliche Veränderung. — 



$. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 105. Fall. 219 

Der Miiller ist, darüber kann kein Zweifel obwalten, an einem Gehimabscess zu 
Grunde gegangen, der seinerseits eine Folge der an der Stirn befindlichen Verletzung 
gewesen ist. Denn das Stirnbein war in Grosse eines Viergroscbenstnckes eingedrückt, 
die dem Gehirn zugekehrte Wand dieses Knochens ragte entsprechend der an der 
Ansaenseite befirdlichen Yertiefiing hervor, war durch einen Splitterbruch rauh und 
hatte selbst wieder die entsprechende Stelle des Gehirns grubenartig eingedruckt. Hier- 
durch war das Gehirn gequetscht worden, es hatte sich im weiteren Verlauf eine Ent- 
zöndung der gequetschten Stelle gebildet, welche in Eiterung übergegangen war und 
eine mit Eiter gefüllte Hohle von Grosse einer Wallnuss gesetzt hatte. Diese Gehirn - 
Tereitemng hatte schliesslich den Tod nach längerem Krankenlager herbeigeführt Es 
var somit unzweifelhaft der Tod die Folge der an der Stirn befindlichen Verletzung, 
während die am Hinterkopf Torhandenen zum Theil vernarbten Verletzungen mit dem 
Tode in keinem directen Zusammenhang stehen, da zwei derselben sich nur noch als 
rothe Streifen, eine grössere ebenfalls als schon in der Vemarbung begriffen darstellten 
und die Knochen durch sie eben so wenig, als die unter denselben befindlichen Theil e 
des Gehirnes verletzt gefunden wurden. 

Mit weniger Sicherheit können wir uns über die Entstehung dieser Verletzungen, 
osfflentlich über das etwa sie veranlasst habende Werkzeug aussprechen. Die Acten 
geben in dieser Beziehung sehr wenig Anhaltspunkte. Immerhin lässt aus der Natur 
der Verletzungen selbst, namentlich der Stimverletzung sich das mit Sicherheit sagen, 
dass dieselben die Einwirkung eines stumpf -scharfen „Werkzeuges" yoraussetzen , und 
dass der Eindruck am Stirnbein eine erhebliche Gewalt voraussetzt, mit welcher der 
stumpfscharfe Körper die Stirn des Denatus getroffen haben muss, wobei zu bemerken, 
dass unter stumpfscharf nicht gerade die Schärfe eines stumpfen Messers oder dergl. 
Instrumentes zu verstehen ist, sondern dass unter den technischen Begriff jeder Körper 
Mt, der durch Ecken, Kanten etc. hinreichend scharf ist, um mit Gewalt geführt eine 
Verletzung der Haut hervorzubringen. Es darf hierbei nicht auffallen, dass die Ränder 
der noch klaffenden Hautverletzung an der Stirn, scharf und glatt gefunden wurden, 
denn die Erfahrung lehrt, dass keineswegs immer nur scharfe, sondern auch stumpf- 
scharfe, ja ganz stumpfe Körper, z. B. Steine etc. dergleichen scharfgeränderte Wunden 
erzeugen, wenn sie mit hinreichender Kraft und Gewalt die weichen Bedeckungen, na- 
mentlich die über harte Knochen gespannten, wie eben die Schädeldecken, getroffen 
haben. Die Weichtheile platzen eben mit glatten Rändern von einander. 

Was nun die in den Acten genannten Instrumente betrifft, so würden vorweg Fäuste, 
Schnapsgläser und Messer als nicht geeignet zur Hervorbringung der tödtlichen Ver- 
letzung zu erachten sein; namentlich würde ein mit solcher Kraft geführtes Messer, dass 
dadurch der Stimknochen eingestossen wird, weil es gleichzeitig spitz ist, denselben 
durchbohrt oder wenn das nicht, so doch nicht so kreisrund eingedrückt haben. Da- 
gegen muss ein mit Blei eingegossenes Billardqueu sowohl, als ein abgebrochener Stuhl- 
fuss, wenn die Ecke eines solchen mit erheblicher Gewalt gegen die Stirn geschlagen 
wird, als geeignet zur Hervorbringung der Stirnwunde des Müller erachtet werden. 

Aber es drängen sich nach Lage der Acten noch andere Erwägungen auf, die an- 
zuführen wir uns für verpflichtet halten. 

Zunächst ist zu erinnern, dass nicht nothwendig gerade die Erzeugung der Stim- 
wuade resp. der Verletzung des Stimknochens , ein Instrument voraussetzt, sondern 
dass Denatus gegen einen harten, stumpfscharfen Körper auch mit Gewalt geschleudert, 
ja, wenn trunken, auch gefallen sein könnte. Es ist in dieser Beziehung nicht unwich- 
tig, dass bei der Rauferei im Keller der etc. Böhm bereits mit dem Müller gegen 
das Billard „gefuhnrerkt*' sein soll, so dass dieses sich von seinem Platze bewegte. 
Wenn nun auch in den Acten steht, dass Müller rückwärts auf das Billard zu liegen 



220 §• 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 106. Fall. 

gekommex^ so ist das doch nur der Ausgang des Kampfes gewesen und undenkbar wire 
es nicht, dass z. B. eine Billardecke, gegen welche Müller im Kampf heftig geschlea- 
dert wurde, das verletzende .Werkzeug'' gewesen sei. Zu dieser Erwägung werden 
wir gedrängt, weil einer der Zeugen bereits im Keller ihn staik an der Stirn blutend 
gesehen haben will. 

Femer ist der Müller auf der Strasse baarhanpt über den Damm laufend ge- 
stolpert und zu Boden gestürzt und an einem Latemenpfahl liegend gefunden worden. 
Hiemach ist anzunehmen, dass er nach vom über gestürzt ist und wenn auch nicbt 
sehr wahrscheinlich, dass durch einen blossen Fall eines noch nicht sinnlos trunkenen 
Menschen eine solche Verletzung entstehen könne, dass femer dabei alsdann nicht Ab- 
schindungen an der Nase oder anderen Stellen des Gesichtes Statt finden sollten, m 
ist andrerseits zu erwägen, dass hier der Zufall unberechenbar spielen kann und nicht 
zu berechnen wie und wogegen der Müller gefallen sein kann. 

Immer wird es wenn als thatsächlich feststehend angenonunen wird, dass der Müller 
im Laufen gestürzt ist und gleich darauf drei Schläge mit einem Stuhlfuss gegen den 
Kopf erhalten haben soll, unerklärlich, wie alsdann die Schläge gegen die Stirn an«i 
nicht vielmehr gegen den Hinterkopf gefallen sein sollen und wie die drei Schläge — 
zwei Zeugen sprechen übereinstimmend von drei Schlägen — nur die eine Verletzung 
an der Stirn erzeugt hätten, während hier keine weiter, am Hinterhaupt aber grade drfi 
Verletzungen, eine noch vernarbende Hantwunde und zwei Streifen, die zur Zeit der 
Obduction also nach 21 Tagen noch vorhanden waren, gefunden wurden. 

Objectiv betrachtet ergiebt die Natur der an der Stirn befindlichen Verletznng nur, 
dass sie durch ein mit erheblicher Gewalt geführtes stumpfscharfes Werkzeug erzeugt 
ist und die actenmässigen Ermittelungen gestatten zwar den Schluss, dass sie durdi 
einen Schlag mit einem Stuhlbein erzeugt sein könne, aber sie gestatten nicht die An- 
nahme, dass sie nicht auch auf andere Weise entstanden sein könne. 

Hiemach geben wir unser Gutachten dahin ab: 1. dass Denatns an Gehimvereit« 
rung seinen Tod gefunden habe. 2 Dass diese tödtliche Krankheit eine Folge der 
Verletzungen des Kopfes und zwar in der Stirngegend gewesen sei. 3. Dass diese 
Verletzungen auf ein stumpfscharfes Werkzeug, welches mit grosser Kraft den Kopf 
des Denatus getroffen, zurückschliessen lassen. 4. Dass aus der Natur der dem etc. 
Müller zugefügten Verletzungen sich ein anderer sicherer Schluss auf die Art nnd 
Beschaffenheit des gebrauchten Werkzeuges, als der sub 3. genannte, nicbt ziehen lässt 
5. Dass insbesondere ein Stuhlbein als ein zur Beibringung der tödtlichen Verletzungen 
gesignetes Instrument anzusehen ist. 



106. Fall. Schädelzertrümmerung ob durch Misshandlung oder Sturz 
aus der Höhe erzeugt. War Denatus aus dem Fenster gestürzt 

worden, oder gefallen? 

In der Nacht 10.. 11. Januar c. wurde auf dem Hofe des Hauses, Brunnenstrasse 
49/50, die Leiche des etc. Peschke vorgefunden. 

Dieselbe lag auf dem Gesicht mit seitwärts in gewöhnlicher Weise herabhängenden 
Händen, parallel dem Hause, etwa 6 Fuss vom Hause und mit dem Kopf etwa 3 Fus» 
über die Lothrichtung des Fensters hinaus zur Seite. Vom Kopf aus hatte sich eine 
grosse Menge von Blut ergossen. Es entstand der Verdacht, dass der Vorstorbene ge- 
misshandelt und zum Flurfenster hinausgeworfen worden seL Es war nämlich der Ar- 
beiter Frey nach Haus gekommen um Ein Uhr Nachts — , im Hause war die Nacht 
vorher eingebrochen worden — die Frau warf ihm den Hausschlüssel herunter und alt 



}. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 106. Fall. 221 

er di« Treppe hinaufging (er wohnte 4 Treppen) atiess er mit dem Fuss gegen einen 
daselbst liegenden und schlafenden Menschen, auf den er losschlug. Die berbeikom- 
neaden Hausbewohner sahen, dass die Behandlung ^ehr roh war. Er schlug mit der 
Faast — einige sagen er habe etwas in der Hand gehabt — gegen den Posch ke los 
stien ihn, ihn im Genick fassend mit dem Kopf auf die Erde , warf ihn gegen die Thur- 
pfoste, dass es krachte und Hess erst von dem Menschen auf das Dazwischentreten 
der HsBsbewohner ab. Es geschah dies oben auf der dritten Treppe. Posch ke 
bhitete und wischte sich von dem Gesicht das Blut ab. Peschke selbst war ein Be- 
wohner des Hauses, war betrunken nach Hause gekommen und hatte seine Wohnimg 
oidit finden können, er hatte bei andern Bewohnern angeklopft Die Anna Hinter 
war, als sie um halb zwei ühr nach Haus kam, bei dem Schnarchenden Tor- 
ibergegangen. Wihrend und nach den Misshandlungen erhob sich Peschke, 
sagte, ich bin ja der treue Knecht bei Breitenhagen! ich wohne da, wobei 
er eine Seitenbewegung machte. Blutspuren zeigten, dass er nach dem Vorfall — 
Alles hatte sich in die Wohnungen zurückgezogen, ohne sich weiter um ihn zu 
kÖBimem, als um Licht zu machen — die Treppe hinab bis auf den zweiten Treppen- 
absatz gegangen war. Hier war er anscheinend liegen geblieben. Doch war eine 
Blntlaehe hier nicht vorhanden« Hier befand sich ein Fenster, sechs bis sieben Fuss 
boeh, in einem Rahmen, welches ganz herauszunehmen war, und welches unten 2 und 
oben 2 Wirl>el hatte, die so hoch waren, dass P. sie schwerlich erreichen konnte. 
Fittgerspuren waren im Staube auf der 2V hohen Fensterbrüstung zu sehen, jedoch 
weder Sand noch Blut 

Das Fenster, von dem die Zeugen bekunden, dass es nicht ausgehoben war, eine 
Zeugin, dass wenigstens es während der Prügelei nicht ausgehoben war, war nach dem 
Toriall ausgehoben, wie diese Zeugin und mehrere andre sahen. Es stand angelehnt, 
80, dass es die Hälfte des Raumes, der etwa 3' breit war, verdeckte, oder die halbe 
FensterölEnung der Breite, d h. 1} Fuss, noch offen Hess. Ein Zeuge will gehört 
baben, dass jemand mit Socken der Treppe hinabging (die Stiefel des Peschke hat 
er aber nicht gehört!!) Die Nachbarin des Frey, welche bald nachher herunter gehn 
wollte, fand F. in der Corridorthür, ihr das Gesicht zugewendet und als sie ihm sagte : 
•der Mensch soll ja schon fort sein', erwiderte er, „ist wohl nicht möglich*, und ging 
in seine Wohnung. 

Bei der Obduction ergaben sich folgende für die Beurtheilung wesentliche Punkte: 
der Körper des c. 26jährigen Peschke ist 4' 10}" lang, regelmässig und kräftig ge- 
baut, mittlerer Ernährung. Die Haare sind durch Blut, namentlich links und hinten, 
verklebt, an der Stirn ist Erde angetrocknet, das ganze Gesicht mit angetrocknetem 
Blute besudelt Auch das linke Handgelenk und die äussere Fläche der linken Hand, 
w wie die äussere Fläche des ersten und zweiten Fingers der rechten Hand sind mit an- 
getroeksetem Blute besudelt Beide Hände übrigens an der äusseren, wie inneren 
Fläabe mit angetrockneter Erde beschmutzt unter der Nase und in den Nasenlöchern 
ist Bhit angetrocknet Die bleichen Lippen, und die zurückgelagerte Zunge sind gleich- 
falls mit flüssigem Blut besudelt An der linken Seite des im Ganzen auf dieser Seite 
abgeplatteten Schädels zeigen sich zwei bis drei einige Linien lange, klaffende, senk- 
recht geteilte Einrisse in der Haut, deren Ränder nicht blutig ge&bt sind. Eine 
desgleichen aber mit blutgetränkten Bändern versehene auch blutunterlaufene Hautver- 
letnmg findet sich über der linken Augenbraue. Desgleichen mehrfache Blutunterlau- 
tegea von Grösse einer Bohne bis zu einem, zwei Zoll langen, i Zoll breiten Streifen 
von der Mitte der Stirn nach der linken Stimgegend hinüber. Der ganze Nasenrücken 
ist blntroth gtflrbt und blutunterlaufen. Auch die Unterlippe ist in ihrer Mitte blut* 
nnterUufen. Auf dem rechten Handrücken befinden sich 4—5 leicht blutunterlaufene 



222 §• 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 106. Fall. 

erbsengrosse Hautabschurfongen, desgleichen eine oberflächliche blatanterlanfeae Hut- 
verletzung unterhalb des Nagels des rechten Mittelfingers. Auf der linken Schulter 
eine thalergrosse Blutnnterlaufung. Das rechte obere Augenlid ist blatanterlanfen. 
Desgleichen noch ein vier Groschenstuck grosser Fleck über der rechten Angenbrane. 
Sonst sind Verletzungen an der Leiche nicht vorhanden. Nach Zurückschlagung der 
weichen Schädeldecken zeigt sich die ganze linke Seite derselben blutig infiltiirt; auch 
auf dem Knochen unter und über der Beinhaut befindet sich sehr reichlich ausgetrete- 
nes geronnenes Blut. Nach Aufheben der £einhaut siebt man die in glatten und ge- 
zackten Sprüngen vielfach zertrümmerten Knochen der Schädeldecke der linken Seite, 
so dass 7 — 10 einzelne Stücke derselben, die locker liegen, heraus genommen werden 
können. Auch ist die Pfeilnaht klaffend. Die harte Hirnhaut ist in der StirDgegend 
mehrfach eingerissen und aus den Einrissen structnrlose Himmasse hervorgetreten. Ue- 
ber den zertrümmerten Ejiochen ist das Gehirn beiderseits abgeplattet. Die harte Hin- 
haut ist blutleer, ebenso deren Längsblutleiter. Die weiche Hirnhaut, welche nur in 
ihren grossen Gefassen gefüllt, ist vielfach fleckig blutunterlaufen. Bei näherer Be- 
sichtigung zeigt sich ausser dem linken vordem Lappen die Brücke und die linke 
Himbasis zertrümmert. Die Himhohlen geben nichts zu bemerken; in der linken be- 
finden sich einige Tropfen flüssigen Blutes. Die Himsubstanz ist von gewöhnliehem 
Blutgehalt. Blutaustretungen in die Gehirnsubstanz sind nirgends zu bemerken, wohl 
aber an einzelnen Stellen ein relativ reichlicher Blutgehalt. Nach Freilegung der Schi- 
delgmndfläche zeigt sich die vordere und mittlere Schädelgrabe ebenfalls zertiümmeit, 
so dass der vordere Quadrant der linken Schädeldecke heraus genommen werden kann. 
Auch auf die rechte Seite geht der Schädelbmch hinüber bis in die mittlere Schädel- 
grabe. Es setzt sich der Schädelbrach in die Gesichtsknochen, deren Weichtheile blut- 
unterlaufen sind, linkerseits fort und hat den linken Oberkiefer durchbrochen. Das 
normal gebaute Herz, in linker Kammer leer, enthält in der rechten, wie in beiden 
Vorkammern und den grossen Gefassen nur einige Tropfen flüssigen Blutes. Die Lun* 
gen erscheinen gross und erreichen fast das Niveau der Bippen. Nach Heransnahioe der- 
selben erscheinen sie beide gross, durch partielle Emphyseme geflect, und bin und 
wieder mit stecknadelkopfgrossen Scchymosen besetzt. Ausserdem sieht man gruppen- 
weis die Lungenbläschen mit Blut erfüllt, was bei Einschnitten durch ein geflecktes 
Aussehen derselben, durch unregelmässige, kirschkemgrosse Flecke anf hellgrünem 
Grande bemerkbar wird. Beim Drack tritt eine blutig-schleimige Masse auf die Schnitt- 
fläche. Die Luftrohre und ihre weiteren Verzweigungen enthalten schaumiges Blut. 

Brüche der Rippen oder der Wirbelsäule sind nicht vorhanden* Die Baucboigane 
sind sämmtlich blutarm und gaben sonst nichts zu bemerken. — 

Die gewaltigen Schädelzertrümmerangen , welche grösstentheils die linke Schädel- 
hälfte und die Gesichtsknochen dieser Seite betrafen, mit gleichzeitiger theilweiser Zer- 
trümmerung der Himsubstanz sind die Todesursache des Peschke gewesen» und die 
unter der weichen Schädeldecke ergossenen Blntmassen, die zum Theil in das Zellfe- 
webe der Weichtheile infiltrit, zum Theil unter der Schleimhaut geronnen voigefonden 
wurden, beweisen, dass diese Verletzungen bei Leben des Denatus entstanden sind. 
Es folgt femer aus dem Leichenbefund, dass Peschke nicht sofort, nachdem er die 
beregten Verletzungen erhalten, todt gewesen sei, denn er hat noch Blnt geathmel, 
und es hatten die vorgefundenen Sugillationen noch Zeit sich zu bilden. 

Da die Leiche auf dem Hofe des Hauses unter dem offenstehenden Fenster gefun- 
den worden, so liegt die Folgerang, dass diese tödtlichen Verletzungen durch Sturz aus 
dem Fenster auf den Hof entstanden seien, nahe. Gerade der Umstand, dass fa^ 
sämmtliche Verletzungen auf der einen linken Seite voigefunden wurden, dass sie die 



§. 44. Die Art und Weise der Anwendung der Werkzeuge. 107. Fall. 223 

EiDwirkong einer sehr erheblichen Gewalt toraussetzen, wie solche der Sturz aus dem 
Fenster ist, unterstützt diese Annahme. 

Es würden andern Falles diese Verletzungen nur durch heftige und gewaltige 
Sehlig« mit einem stumpfen Instrument auf den Kopf des Denatus haben erzeugt wer- 
den können, wie einer Axt, oder dergl., aber es wurden alsdann auch Verletzungen 
der Weichtheile des Schädels gefunden worden sein , die nicht vorhanden waren und 
deren Fehlen zwar auch bei einem Sturz auffallend, doch nicht ausser den Grenzen 
der Möglichkeit li^t. Andererseits widerspricht auch das Benehmen Peschke^s, dass 
die Schidelzertrummerung ihm bereits auf der Treppe zugefugt sei, denn diese Ver- 
leUnngen mussten Ton einer hochgradigen Himerschütterung gefolgt sein, mit der es 
dem Verstorbenen nicht möglich gewesen wäre aufzustehen, zu sprechen, die Treppe 
iunabsogehen. 

Es schliesst dies keinesweges aus, dass Peschke nicht dennoch vorher gemiss- 
bindelt worden sei, vielmehr sind die leichteren Verletzungen der rechten Seite der 
Stirn auf diesen Ursprung zurückzuführen, da wenn Denatus mit der linken Schädel- 
resp. Qesichtshälfte auf das Pflaster aufgeschlagen ist, er nicht gleichzeitig sich an der 
rechten Stirn durch den Fall verletzen konnte. Ob auch einige der vorgefundenen 
Hantrerletzungen auf der linken Seite der Stirn dem Sturze voraufgegangenen Miss- 
bandlongen zuzuschreiben seien, entzieht sich der Beurtheilung, da sie sämmtlich auch 
durch den Sturz auf das Hofpflaster entstanden sein können. Die todtlichen Verletzun- 
gen sind somit nicht durch die Misshandlungen, sondern durch den Sturz aus dem 
Fenster erzeugt. 

Zeichen dafür, dass ein heftiger Kampf dem Sturz voraufgegangen, hat die Ob- 
dacüon nicht ergeben und weder die Leichenbefunde noch die actenmässigen Thatsa- 
eben, 80 weit sie in unser Ressort fallen, geben Aufschluss darüber, ob Denatus zu- 
fällig, durch eigene oder durch Schuld eines dritten zum Fenster hinaus, auf den Hof 
gestürzt ist, wobei wir bemerken, dass die Entfernung, in welcher Denatus von der 
Ilaner des Hauses gefunden, weder für noch gegen fremde Schuld entscheiden kann 
und dass, wenn man annehmen wollte, dass Denatus bereits auf der Treppe gestorben 
und als Leiche hinabgeworfen worden, dem die Thatsache entgegensteht, dass einem 
einzelnen Menschen von gewöhnlichen Eörperkräften , wie der Angeklagte, nicht zuzu- 
trauen , dass er die Leiche eines Erwachsenen kräftigen Mannes „wie eine Puppe'* 
sollte aas dem Fenster haben schleudern können. Dass er hinausgeworfen worden bleibe 
ebenso möglich; als dass er hinaus gefallen sei. Hiemach schlössen wir unser Gut- 
atiiten dahin: 1) dass Peschke an den vorgefundenen Schädel Verletzungen seinen ToJ 
gefanden hat: 2) dass dieselben eine erhebliche Gewalt voraussetzen, welche den Kör- 
per des Dencttus getroffen ; 3) dass sämmtliche auf der linken Schädelhäfte befindlichen 
Verletzungen sehr füglich durch einen Sturz aus einem ca. 22 Fuss hohen Fenster auf 
das Pflaster entstanden sein können; 4) dass darüber, ob Denatus zum Fenster zu- 
fällig, oder durch eigene oder fremde Schuld gestürzt sei, die Obduction Anhaltspunkte 
nicht ergeben hat 

lOT. FaH. Herzstichwunde. In welcher Stellung befand sich der Ange- 
schuldigte zur Erstochenen? 

Am 5. Januar erstach K. auf der Treppe des Hauses, aus Eifersucht, die Anna M., 
mit welcher er ein Liebesverhältniss hatte. Er ist der That geständig. 

Die Verletzte war nach der erhaltenen Stichwunde noch im Stande, die Treppe bis 
zu ihrer Wohnung hinaufeugeben; sank aber vor der Thür derselben erschöpft zusam- 
men and verstarb daselbst 



224 §• ^* ^^ ^rt ^uid Weise der Anwendung der Werkzeuge. 107. Fall. 

Bei der am 6. Januar angestellten Obduction ergab sich an für die Beuithsilung 
wesentlichen Punkten: 

Die Leiche der 4 Fuss 8 Zoll langen, etwa zwanzig Jahre alten Anna ist wohlge- 
nährt und hat eine wachsbleiche Farbe; namentlich sind auch die Schleimh&ute sehr 
blass. Zwischen der dritten und vierten Rippe linkerseits und zwar 2 Zoll Tom linken 
Brustbeinrande entfernt liegt eine quergestellte i Zoll lange, etwa 4 Linien klaffende, 
scharfrandige, mit angetrocknetem Blute bedeckte Wunde. Die obere Wundlippe Usst 
deutlich das unterliegende Fettgewebe sehen und erh&lt hierdurch die Wunde du An- 
sehen, als ob die Haut schräg von oben nach unten durchbohrt sei An der Innen- 
fliehe der Musculatur in der Gegend der äusseren Wunde findet sich eine ebenso be 
schaffene, durch ausgetretenes Blut umlegte, scharfrandige Wunde von derselben Grösse. 
Eine ganz ebenso beschaffene, scharfrandige, klaffende, nahezu 1 Zoll lange Wunde 
zeigt sich zwischen der dritten und vierten Rippe in der Zwischen- Rippen-Muscolstar 
linkerseits. Bei Fortnahme des Brustbeines zeigte sich über dem Fett des Herzbeutele 
ausgetretenes geronnenes Blut Bei dem fortgeführten Schnitt zur Eröffnung der Baneh- 
höhle findet sich in derselben eine mehrere Tassen betragende Menge zum Theil ge- 
ronnenen Blutes und zeigt sich als Quelle derselben schon jetzt eine quer gelegene, etwt 
3 Linien lange, scharfrandige Wunde an der unteren Zwerchfellfläche, entsprechend der 
unteren Fläche des Herzbeutels, d. h. in der Richtung nach unten und innen Ton der 
äusseren Wunde gedacht Aus dem linken Lungenfellsack werden grosse Mengen Ans* 
sigen, zum Theil geronnenen Blutes, etwa 2 Quart, ausgeschöpft Nach Eröffnung des 
Herzbeutels fand man in demselben eine Menge, das Herz umlagerndes gerönnet Blut 
In der vorderen Fläche des Herzbeutels, entsprechend der äusseren Wunde, etwas mehr 
nach unten, eine etwa einen halben Zoll lange, quer liegende, scharfrandige, denselben 
durchbohrende Wunde. Dieselbe dringt in das Herz ein, sich etwas verzungend, durch- 
bohrt dasselbe in schräger Richtung, so zwar, dass sie an der Yorderwand an der 
Grenze der rechten und linken Kammer eindringt, und die Scheidewand durchbohrend 
in der Nähe der Spitze in der linken Kammer wieder austritt Das Herz und seine 
Klappen sind regelmässig gebaut. An der oberen Fläche des Zwerchfelles sieht man 
nunmehr die Fortsetzung des Wundkanales in einer quergestellten, seharfrandigen 
Wunde, die etwa einen halben Zoll lang und deren Umgebung blutunterlaufen ist Die 
linke Lunge klein, nach hinten gedrängt, durch gruppenweise Emphyseme in ihrer Ober- 
fläche ungleich, vorn aschgrau von Farbe, zeigt sich bei Einschnitten dicht, trockner. 
Die rechte Lunge, im Ganzen ebeso beschaffen, ist grösser, bei Einschnitten denlich 
blutarm, ödematös. Die Leber zeigt als Fortsetzung des Wundkanales eine vollständige 
Durchbohrung ihres linken Lappens, die scharfrandig und ebenfalls etwa einen halben 
Zoll lang ist Der Magen zeigt in seiner äusseren Fläche, entsprechend der Leber- 
wunde, eine leichte Abschürfung der ausseien Haut Die Gebärmutter gross und zwar 
3 Zoll breit und gegen 4 Zoll hoch. Sie enthält eine durch Blutgerinnung umgebene 
Frucht von etwa Nussgrösse. Die Kopforgane zeigen nichts von der Norm Abweichen- 
des, nur sind sie retativ blutarm. — 

Es wird kaum einer weiteren Ausfuhrung bedürfen, dass die Anna an der dorch 
die Verletzung erzeugten Blutung gestorben ist 

Die Durchbohrung des Herzens und des Herzbeutels hatte eine Blutaustretung in den 
Herzbeutel und in den linken Brustfell sack von grosser Menge zur Folge, und wnrdt 
der Tod theils durch plötzliche Verminderung der Blutmasse um eine bedeutende Quan- 
tität Blut, theils durch Druck des um das Herz ergiessenden und die Bewegungen dee- 
selben lähmenden Blutes bedingt 

Dtnata ist also an Verblutung aus der das Hers betraffenden Stickwvsde 
gestorben. 



§. 45. Ort der verbrecherischen Thai. 225 

Diese Stichwunde drang zwischen die dritte Rippe linkerseits ein und endete erst, 
das Zwerchfell und den linken Leberlappeu in seiner ganzen Dicke durchbohrend , an 
der lusseren unter der Leber ge}egenen Magenwand. 

Es musste mithin diese Verletzung, wenn man hinzurechnet, dass das verletzende 
lostroment Jacke, Kleid und Hemdo durchdringen musste und der Stichcanal oben in der 
Brost eindrang, aber erst die ganze Brusthöhle durchstreichend, in den Organen der 
Bauchhöhle endete, eine sehr erhebliche gewesen sein, um so mehr, als der uns vorge- 
legte Dolch, mit welchem der Stich geführt worden, eine abgebrochene Spitze hat. 

Was diesen Dolch betrifft, so ist er zur Erzeugung der Verletzung wohl geeignet 
Dod befanden sich namentlich an der hinteren Seite desselben deutliche Blutspuren. 

Die Richtung des Stichcanales geht von oben, aussen und links, nach unten, innen 
ond rechts und muss der Th&ter der Verstorbenen gegenüber eine Stellung inne gehabt 
haben, welche dies ermöglicht. 

Vorausgesetzt, dass er mit der rechten Hand den Streich geführt hat, hat er vor 
ihr gestanden, wobei sie ihm mehr oder weniger ihre linke Seite zugekehrt haben mag, 
er kann sich auch zu ihrer linken Seite ihr das Gesicht zugewendet befunden 
haben. 

In beiden Fällen muss er, da der Stichcanal stark von oben nach unten geht, sich 
ziemlich in einer Ebene mit der Denata befunden haben. 

Letztere befand sich im Anfang der Schwangerschaft. 

Wir geben hiemach unser amtseidliches Gutachten dahin an: 

1. dass Denata an der vorgefundenen Verletzung ihren Tod gefunden; 2. dass der 
Thiter sich der Denata gegenüber oder ihr zur Linken und ziemlich in derselben 
Ebene befanden habe: 4. dass der vorgelegte Dolch zur Erzeugung der Verletzung ge- 
eignet gewesen; 5. dass die Anna M. sich in den ersten Monaten der Schwangerschaft 
befunden habe. 

Durch Selbstentleibung des Thäters kam es zu keiner öffentlichen Verhandlung. 

§. 45. Ort der ferbrcckeriscbcB Tkat. 

Es kommen nicht selten Fälle vor, in denen die Obdncenten nach 
der Torgelegten Leiche, nach vorgelegten Werkzeugen, nach Blutflecken 
Q. 8. w. sich aber den Ort zu äussern auf gefordert werden, an welchem 
muthmaasslich ein Verbrechen begangen sein soll, weil es dem Richter 
für seine Thätigkeit wichtig ist, über diesen Ott in's Klare zu kommen, 
Er seinerseits hat oft hier Untersuchuogen anzustellen, bei welchen die 
Beihülfe des Arztes überflussig ist und auch gewöhnlich nicht gefordert 
wird. So untersucht er und verfolgt Fusstapfen, besichtigt Thüren und 
Fenster, berücksichtigt am verdächtigen Orte aufgefundene Eleidungs- 
stficke, Mützen, Röcke, Werkzeuge u. dgl. m. Die ärztlicherseits noth- 
wendigen Ermittelungen, die diesen Zweck haben, beziehen sich ge- 
wöhnlich auf Anschuldigung wegen Kindermord, in welchen Fällen ver- 
dächtige Flecke an gewissen Stellen in Zimmer, Keller, Küche, auf dem 
Abtritt, als Blutflecke festzustellen sind, um danach auf den Ort, an 
welchem die Niederkunft, event. die Tödtung des Neugebornen Statt 
gefunden hatte, schliessen zu können. In selteneren Fällen waren Bett- 
en p«r'« gerichtl. Ue.lidu :. A.O IT. 15 



226 §• 45. Ort der verbrecberischen That 108. Fall. 

federn an einem mit Blat besndelten Beil ein Beweis, dass nicht nur 
das Werkzeug zu der That benutzt worden, sondern auch, dass der Er- 
mordete, dessen Leiche man an ganz anderen Orten aufgefunden hatte, 
in seinem Bette liegend erschlagen worden war. Als Belag for der- 
artige Würdigung von Obductionsbeiunden führe ich einen mit grosser 
Kaltblütigkeit ausgeführten Mordfall an, in welchem die Frage, an wel- 
cher Stelle (im Gefangenhause der Stadtvoigtei), ob auf einem Corridor 
vor der Zelle des Mörders, der zur Zeit wegen Diebstahls verhallet 
war, oder auf dem Bette des Ermordeten die That vollbracht worden.^ 
für den Schwurgeriehtsiiof von der äussersten Wichtigkeit war. Ein 
einziger Befund bei der an sich vielfach merkenswerthen Obduction 
setzte uns, wie man sehen wird, in den Stand, die Frage nach dem 
Orte der That mit Gewissheit zu entscheiden. 



108. Fall. Mord durch Kopf- und Halswunden. Wo geschah die That? 

Am 17. Mai, Morgens 5 Uhr, wurde der Gefangenaufseher Qross in der hie«gea 
Stadtvoigtei bekleidet und an beiden Händen geknebelt auf dem Bette liegend, 
und wie sogleich der erste Augenschein ergab, offenbar ermordet vorgefunden. Am 
folgenden Tage verrichteten wir die gerichtliche Obduction, deren wesentliche Ergeb- 
nisse folgende waren. Die Leiche war nach 36 Stunden noch auffallend warm — blos 
deshalb, weil sie bis zur Obduction vollständig bekleidet geblieben war. — Auf dem 
rechten Scheitelbein fand sich eine 2| Zoll lange, einen halben Zoll klaffende, die 
HautbedeckuDgen bis auf den rauh und splittrig anzufühlenden Knochen trennende, 
scharfgeränderte Wunde; eine zweite derartige einen ZoU davon entfernt, paraUel mit 
jener verlaufend, H Zoll lang und | Zoll klaffend; eine dritte, vom rechten bis zum 
linken Scheitelbein herüber, 44 Zoll lang und 1 ZoU klaffend, hatte die Schädelknochen, 
die zollbreit auseinander klafften, in scharfen Rändern getrennt Die Wunde gestattete 
einen anderthalb Zoll tiefen Einblick in das Gehirn. Das rechte Auge zeigte eine 
scharfgeränderte, balbzöllige Wunde, aus welcher die Augenffüssigkeiten ausgeflossen 
waren. Die Nasenbeine waren zerschmettert. Ausser mehreren unerheblichen Oesicfats- 
wunden fand sich noch die ganze Haut am Kinn von einer Seite bis zur anderen ab- 
getrennt und zerfetzt herabhängend. Zwischen Kehlkopf und Zungenbein zeigte sich 
eine 4 Zoll lange, 2 Zoll klaffende Wunde, die, wie sich später ei^ab, die Luftröhre 
über dem Kehlkopf völlig getrennt, und auch die Speiseröhre hier ganz durchtrenot 
hatte. Beim Untersuchen der Schädelhohle fanden sich ausser den schon erwähnten 
Knochentrennungen auch das ganze Stirnbein bis in die Augenhöhlenfortsätze hioma 
völlig zertrümmert, und auch die vordere Hälfte der linken Himhalbkugel ganz zer- 
trümmert Die ganze Oberfläche des Gehirns war mit Blut Übergossen, und über die 
Basis des kleinen Gehirns, Knotens und verlängerten Markes war eine liniendicke La^ 
dunklen und geronnenen Blutes verbreitet. Alle übrigen Befunde waren «neriieblich. 
die bedeutende Anämie aus dem Blutverlust aus den vielen grossen Wunden eiUärlich. 
Der Thäter, ein ganz junger Mensch, hatte die That Nachts, um zu entfliehen, mit dem 
eigenen Hirschfänger des Ermordeten, der in der Klinge Zollbreite hatte, und ausser»! 
scharf und spitz war, ausgeführt, wollte aber nicht zugeben, dass er Gross in des»en 
Zimmer ermordet, und dem auf dem Bette Liegenden die tödtlichen Hiebwunden auf 
Kopf und Hals beigebracht hatte, stellte vielmehr den Vorfall mehr als Nothwehr dar. 
indem er hartnäckig behauptete, dass er bei seinem nächtlichen Fluchtversuch von G. 



BtticlitigDng von BekleiduDgsstncken und Stoffen. §. 46. Allgememes. 227 

ertippt, yon ihm angehalten worden war, und dass er ihn bei dem entstandenen Kampf 
in den Gefingnissräumen getodtet und dann den Todten in sein Zimmer zurückge- 
bracht nnd aufs Bett gelegt habe. Aber an der Bettwand, an welcher die Leiche lag, 
war unverkennbar Blut angespritzt, und ebenso sprachen grosse Blutlachen, die unter 
dem Bett gefunden wurden, dafür, dass der Mord hier geschehen, nicht aber, dass erst 
die Leiche hierher gebracht worden war. Nun wurde uns aber noch die Matratze vor- 
felegt, auf welcher der Ermordete liegend vorgefunden worden. Am Kopfende dersel- 
ben fanden wir ziemlich viel verspritzte, noch frische Gehirnmasse. Damit 
war natnrlich der Beweis hergestellt, dass die todtlichen Kopfverletzungen (also auch 
der ganze Mord) auf dieser Matratze dem Oross beigebracht sein mussten, da un- 
möglich anzunehmen war, dass aus den Kopfwunden der Leiche, nachdem sie auf 
das Bett gelegt worden, das Qehim noch so hätte ve.r spritzen könnenl Der Thä- 
ter wurde zum Tode verurtheilt. 



Drittes Kapitel. 

Besichtigang von Bekleidungsstücken und Stoffen. 



§. 46. AIIgeneineB 

Die Besichtigung von Kleidern, Hemden, Stiefeln, Strümpfen 
ü. 8. w. und Stoffen aller Art, z. B. von Tüchern, Lappen, Bastmat- 
ten n. dergl., worin Leichen Nengeborner eingewickelt gefanden wor* 
den, wird in der Regel vom Gericbtsarzt gar nicht gefordert. Der Rich- 
ter begnügt sich in der Mehrzahl der Fälle damit, diese Bekleidungs- 
stücke gehörig zu registriren, weil sie namentlich bei unbekannten Leir 
eben zur Recognition des Menschen dienen können , sie deshalb auch in 
betreffenden, öffentlichen Bekanntmachungen genau anzugeben, sie hier 
in Berlin in der Leichenschauanstalt, neben der ausgestellten Leiche zu 
eben demselben Zwecke aufbewahren zu lassen, sie in Mordfällen in 
der öffentlichen Audienz mit auf den Tisch auszulegen , der die Corpara 
(UUcU enthält, und sie dem Angeschuldigten zur Recognition yorzulegen 
IL dergl. In Berlin ist es auch von jeher Uhu^ gewesen, die Leichen 
nackt 6ßsi Obducenten zur weitern Untersuchung zu übergeben, was 
jedenfidls zweckmässiger als das entgegengesetzte Verfahren , wie es an 
vielen Gerichtsstellen üblich ist, wie man aus den Obductionsprotokol- 
len ersieht, die mit einer langen Beschreibung der Bekleidung der Lei- 
che beginnen. Denn entweder diese Kleidung bietet nichts für die ge- 
riehtsärztliche Aufklämng des Falles Wesentliches, und dann ist es 

15* 



228 §• 47. ErraiUelung von Eothflecken. 

eine nngebOrige BeschäftigaDg und Belästigung für den Arzt, die Röcke, 
Hosen, Strümpfe u. s. w. zu beschreiben; oder die Stoffe, was aber 
nur in den seltensten Fällen vorkommt, vermögen Licht über den Fall 
zu geben, weil sich verdächtige Flecke u. dergl. daran vorfinden, und 
dann wird sich der Richter von selbst, und ohne dass eine gesetzliche 
Bestimmung ihn bindet, die bei Uns nicht existirt, veranlasst findeu^ 
den Gerichtsarzt darüber zu Rathe zu ziehn. Dasselbe wird von selb»! 
geschehn, wenn die Lage der Kleider und ihr Verhältniss zu den vor- 
gefundnen Verletzungen Aufmerksamkeit und Bedenken erregt. So z. B. 
musste es in einem Falle von zweifelhaftem Selbstmord auffallen, dass 
das seidene Halstuch über den Halsschnittwunden vollkommen unbe- 
schädigt, in zwei andern ähnlichen Fällen, dass alle Kleider wie das 
Hemde unverletzt waren, während unter demselben sich die tödtliche 
Schusswunde befand, wieder in einem andern Falle von Nothzncht und 
Mord, dass die Haube der Unglücklichen zwischen ihren Schenkeln lag 
u. dergl Aber die bezüglichen Fragen wird der Gerichtsarzt abzuwar- 
ten haben. Wo dergleichen vorgelegt werden, pflegen sie sich, und 
auch dies ist, wir wiederholen es, nicht häufig, auf die Ermittelaog 
von Blut, Koth, Saamen und von Giften, namentlich Schwefelsäure zu 
beziehn. 

Nachdem wir die Ermittelung von Blutflecken auf Stoffen be- 
reits oben besprochen haben, erübrigen noch einige Worte über Flecke 
von den anderen eben genannten Substanzen herrührend. 

§. 47. BmiiteliBg ftn KttUctken. 

Die Darmausleerungon des Erwachsenen, wie das Kindsperh der 
Nengebornen, lassen sich gewöhnlich unschwer feststellen. *) Mecouium 
färbt Leinwand gelbgrün, schlägt wenig durch, blättert sich nach dem 
Eintrocknen ab , und zeigt unter dem Microscop zahlreiche Epithelzellen 
von leicht grünlicher Färbung, einzelne Cholestearincrystalle und grüne 
Körperchen von 0,00ö bis 0,0030 Mm. Durchmesser, welche mit Sal- 
petersäure behandelt dieReaction des Gallenfarbstoffes zeigen. Vergleichun- 
gen des fraglichen Fleckes mit frischem Meconium werden stets em- 
pfehlenswerth sein. Gleichzeitig mit Meconiumflecken wird man, wenn 
es sich darum handelt, ob ein Stoff mit dem kindlichen Körper in Be- 
rührung gewesen ist, mitunter Flecke von Vemia caseosa finden, in 
welchen man die Epithelien des Vernix und der Epidermis so wie Woll- 
haar wiederfindet Die Fäces des Erwachsenen bestehen aus den an- 



*) Vgl. Ltssaigne a. a. 0. S. 125 u. f. Robin und Tardieu in den AnnaU* 
tTHygthie 1857 S. 374. Tardieu, rtude med. Uyale sur Vift/anticide, Paris ISOö. 



§. 48. Ermittelung ?on Saamenflecken. 229 

verdaulichen sehnigen Resten des genossenen Fleisches and Pflanzen* 
resten, Schleim, ansgestossenem Epithel, Gallenfarbstoff, Cholesterin, 
Fetten- nnd Gallensänren und phosphorsauren und schwefelsauren Er- 
den Das beste Reagens auf Eoth ist die Nase und ich habe bereits 
angefahrt, wie ausserordentlich haltbar dieser Geruch ist, daher auch 
alte Eothflecke befeuchtet als solche durch den Geruch noch kenntlich 
sind. Im Debrigen wird auch hier die microscopische Untersuchung die 
thierisdien und pflanzlichen Reste erkennen lassen, (deren Feststellung 
vor Allem werthvoll ist , wenn zu entscheiden ob ein Neugebomes Eoth 
geathmet hat), so wie die Gallenfarbstofif-Reaction zum Ziele fahren. 
Der Gerichtsarzt wird aber nicht leicht in die Lage kommen, sich mit 
einer solchen Untersuchung befassen zu müssen, wenigstens ist uns erst 
ein einziger Fall vorgekommen*), und auch in der betreffenden Litera- 
tur finden sich kaum einige Fälle verzeichnet. Es ist dies auch sehr 
erklärlich, denn Excrementenbesudelungen sind, wie Jeder weiss, so 
angemein sinneniällig und so wenig mit andern Flecken zu verwechseln, 
dass der Richter, wenn er überhaupt ein Interesse daran hätte, zu er- 
mitteln, ob Flecke von Excrementen herrühren, was an sich schon kaum 
vorkommt, durch Besichtigung derselben sich mit Recht schon selbst 
nnd ohne Zuziehung des Arztes ein Urtheil zutrauen und bilden wird. 

§. 48. Snüllt«liig Tfi SaaBeifleckeB. 

8o häufig mir die Aufgabe wird, die auch jeden andern Praktiker 
zn beschäftigen hat, an Leib- und Bettwäsche Lebender zu prüfen, ob 
verdächtige, darin wahrnehmbare Flecke von männlichem Saamen her- 
rühren oder nicht? so ist mir doch in keinem einzigen Falle diese Frage 
bezüglich auf Wäsche eines Verstorbenen vorgelegt worden, und auch 
hier füge ich, wie im vorigen Paragraph, hinzu, dass auch anderwei- 
tig die literarischen Aufzeichnungen sich auf nur ganz einzelne Fälle 
beschränken. Wohl habe ich zwei Fälle von Nothzucht mit gleich darauf 
erfolgter Tödtung der Genothzüchtigten zu begutachten gehabt, indess 
lag m keinem der Fälle die Nothwendigkeit vor, die Wäsche auf Saa- 
menflecke untersuchen zu lassen. In ähnlichen Fällen aber könnte wohl 
einmal die Sachlage diese Untersuchung erforderlich machen, weshalb 
wir derselben hier gedenken. Ich habe bereits an einem andern Orte**) 



*) In einer Kindermordssacbe wurde mir in der Schwurgericbtssitzung eine leinene 
5<hnrze mit Flecken und der Frage vorgelegt: ob dieselben von angetrocknetem Einds- 
pech herrübrton? Sie waren aber so ungemein characteristisch und in die Augen sprin- 
gend, dass die Frage auch obfie Microscop unbedenklich bejaht werden konnte. 

*^) Ueber Notbzucht und Päderastie in Vierteljahrsschr. I. S. 21 u. f. 



230 §• ■*^' Erinitteluug von Saaineutleckeu. 

auseinaudei'^esetzt, wie völlij< unzuverlässig alle Prüfaiigen muthmaass- 
licher Saamenflecke durch die Siuue, namentlich durch Auge und (beim 
Zerreiben) durch Geruch sind. Die Hemden, die dem Gerichtearzte vor- 
gelegt werden, sind nicht die feinen, oft gewechselten, daher remen 
und weissen Hemden der höhern, ja selbst die immerhin noch reinli- 
chen Hemden der mittlem Stände. Es sind ab- und lange getragene, 
grobe, schmutzige, mehr oder weniger zerrissene Hemden, in denen 
Koth, Urin, Schleim, Menstrual-, Wanzen- und Flohblut und Schmutz 
aller Art ein ekelhaftes Gemisch bilden, und die Erkennung eines oder 
einiger bestimmter Flecke durch die Sinne höchst trügerisch, nicht sel- 
ten ganz unmöglich machen. Aber auch die von Orfila und Andern 
früher angegebenen chemischen Prüfungen der Samenilecke sind ganz 
unzuverlässig und zu weitlänftig. Dagegen empfiehlt sich Lassaigne's 
Verfahren*) einigermaasen allerdings wegen seiner Einfachheit und hat 
sich auch uns bei den Vorsuchen bestätigt. Verdächtige Flecke auf 
weisser Leinewand, nicht auf (gewöhnlich schwefelhaltiger) Wolle, wer- 
den mit einigen Tropfen Plombate d<? potasse (Bleioxyd in Kali gelöst) 
benetzt und bei einer Temperatur von + 20^ C. getrocknet. IN'ach 
einigen Minuten färbt sich der Fleck schmutzig gelb oder selbst schwe- 
felgelb, wenn er von albuminhaltigen (schwefelhatigen) Stoffen herrührte, 
nicht aber filrbt das Reagens Saamenflecke, oder alle andern, nicht von 
albuminhaltigen Substanzen herrührenden Flecke, wie Gummi, Amidon, 
Dextrine u. s. w. Die gelbliche Färburg eines auf diese Weise behan- 
delten Flecks beweist demnach, dass derselbe kein Saamenfleck gewe- 
sen; das Gegentheil aber nicht das Gegentheil, und am wichtigsten und 
unentbehrlichsten ist und bleibt zur Feststellung der Diagnose das Mi- 
croscop und seine zweckmässige Anwendung, ünzweckmässig aber ist 
sie, wenn man das ausgeschnittene, betreffende Leinwandstück stark 
presst oder reibt, wodurch man sehr leicht, indem man die Spermato- 
zoen zerstört, den ganzen Versuch fruchtlos machen kann. Aus viel- 
fachen, eigenen Beobachtungen kann ich folgendes Verfahren als das 
einfachste und zweckmässigste empfehlen: Man schneidet mehrere Stück- 
chen aus dem fraglichen Fleck aus, legt dieselben mit der befleckten Seite 
auf Objectträger und befeuchtet sie wiederholentlich mit destillirtem 
Wasser oder stark verdünntem Ammoniak. Nachdem dies mehrere 
Tage fortgesetzt ist, hebt man den Stoff, den man allenfalls vorher mit 
einem Glasstab gelind gedrückt hat, von dem Objectträger ab, presst 
ihn gclind aus, nachdem man das Stück zerzupft hat, und untersucht 
die zurückgebliebene Flüssigkeit. Nicht selten wird man, wenn unter 
dem Deckgläschen die Flüssigkeit verdampft, und das Präparat trocke- 



•) Ännales d'IIygiene publ. 18.38. X. S 40(J. 



§. 49. Ermittlclung von Schwefelsäure auf Stoffen. 231 

ner geworden ist, die Saamenfädcben , welche Anfangs nur undeutlich 
wahrnehmbar waren, deutlicher hervortreten sehen, eine Erfahrung, 
welche von Pincus bestätigt wird*). Ein negatives Resultat wird man 
selbstverständlich erst nach einer Reihe von Untersuchungen ausspre- 
chen können. Andere Zusatzflussigkeiten zu verwenden, wie die Fran* 
zosen (Boussin) empfehlen, halte ich für überflüssig. Ich habe noch 
nach einem Jahre ganz deutlich Saamenfädchen gesehn und die Existenz 
von wirklieben Saamenflecken dadurch feststellen können; Bayard**) 
will sie noch nach drei, Ritter***) noch nach vier Jahren deutlich 
wahrgenommen haben, was sehr wohl glaublich ist, vorausgesetzt im- 
mer nach so langen Zeiträumen, dass die Wäsche nicht vielfältig ma- 
nipnlirt und gerieben worden war, weil dadurch die Saamenfädchen zer- 
stört werden. Nach längerer Zeit zerfallen sie freilich auch von selbst. 
Aber auf die Wahrnehmung von getrennten „Köpfen^ und getrennten 
«Fädchen^ würde ich meinerseits ein Gutachten nicht abgeben, weil 
hier mannigfache Täuschungen unterlaufen können. Erst ein einziges 
\ ollständiges Saamenfädchen giebt die Gewissheit, dass man wirklichen 
Saamen zur Untersunchung gehabt habe. Hat die vorsichtige Untersu- 
chong durch ein geübtes Auge nicht ein einziges Fädchen, auch nicht 
bei wiederholten Versuchen ergeben, dann muss man erklären, dass . 
es immerhin möglichf), dass aber kein Beweiss dafür vorhanden, dass 
der untersuchte Fleck wirklich ein Saamenfleck gewesen sei. 

§. 49. BmItteliBg vt n Sdiwefeliaire aif Stofen. 

Wir erwähnen der Schwefelsäure, weil sie dasjenige Gift ist, das 
unter allen in überwiegendem Verhältniss am häufigsten sowohl als Mit- 
tel zur Selbstvergiftung, wie zur Vergiftung neugebomer und kleiner 
Kinder durch ihre unnatürlichen Mütter benutzt wird. Von letztem Fäl- 
len habe ich eine ganze Reihe beobachtet. Es kommen hierbei auch 
solche Fälle vor, wo der Versuch missglückte, oder andere, in denen 
das Kind nur einige wenige Tropfen schluckte, erbrach, schleunige ärzt- 
liche Hülfe durch Absorbentien u. s. w. erhielt, und gar nicht, oder erst 
nach längerer Zeit starb, Fälle, in denen die Thäterin läugnet, und wo 
dann Flecke oder Löcher in den Bekleidungsstücken des Kindes das 
einzige Beweismittel gegen sie sind. Denn in solchen Fällen, in denen 



*} Zur microscop. Diagnose der Saamenflecke in t. Horn's Vierteljahrsschr. V. Bd. 
2 Hft. S. 347. 

**) Annales (T Hygiene publ. 1839. Juli. 
••^ a. a. S. 224. . 
t) Vgl aber Saamdoflecke Bd. I. apec. Tbl. 



232 §. 50. Die Obductions-Technik. a) Kopfhöhle. 

der Tod erst nach längerer Krankheit erfolgte, vermag selbst die 
Leichenö&ang mit Einschluss der chemischen Analyse der Coh- 
tenta der Leiche keinen Beweis mehr zu liefern. Rühren die Flecke 
oder Löcher wirklich von Schwefelsäure her, so ist der That- 
bestand in der Regel leicht festzustellen. Man schneidet die befleckten 
oder zerfressenen Stücke aus dem Stoffe aus, und lässt sie in kaltem 
destillirten Wasser maceriren. Man erhält dann eine stark sauer reagi- 
rende Flüssigkeit. Eine Auflösung von salpetersaurem Baryt und von 
essigsaurem Blei bilden darin weisse, in Salpetersäure nicht lösliehe 
Niederschläge. Setzt man nur einen einzigen Tropfen der durch Ma- 
ceriren erhaltenen sauren Flüssigkeit zu einer verdünnten Zuckerauflö- 
sung und verdampft das Gemisch im Wasserbade zur Trockne, so bleibt 
ein kohlschwarzer Rückstand; Proben, die eben so einfach, als wenig 
kostspielig sind , und ganz sicher den Beweis vorhandner Schwefelsäure 
liefern. 



Viertes Kapitel. 

Innere Besichtigung (Section). 



Gesetzliche Bestimmungen. 

(Vgl dl* fehoD ob«B Angeführten §§. 1^9.. 1<^3., 164., 16ft , (66. nnd 167. in Pr*«at. Crininal-OrH- 
DODg mid dts .Begulfttiv'.) 

§. 50. Me Techalk. a) KapAiUe. 

Hat man mit Rücksicht auf alle vorstehend erörterten Punkte den 
Leichnam sorgfältig an der vordem und Rückenfiäche und an allen sei- 
nen einzelnen Theilen besichtigt, so schreitet man zur Section. Vor 
Allem bedarf man dazu einer gehörigen Beleuchtung. Künstliches Licht 
ist ein sehr ungenügendes Hülfsmittel bei ungeeigneten Localitäten, weil 
manche Sectionsbefunde , namentlich solche , die durch irgend eine Fär- 
bung wichtig sind, dabei im Vergleich zum Tageslicht nicht unwesent- 
lich verändert erscheinen. Indess ist im Nothfall künstliches Licht im* 
mer noch der dunkeb Tagesbeleuchtung vorzuziehn. In allen Fällen 
ist mit der Eröfihung derjenigen Höhle zuerst vorzuschreiten, in wel- 
cher man die Todesursache vorauszusetzen Grund hat, sei- es wegen 



§. 50. Die Obductions-Techmk. a) Kopfhohle. 233 

einer sieh an derselben befindenden Verletzung, sei es ans allgemeinen 
Gründen , wie z. B. bei muthmaasslich Erstickten die Brust-, bei angeb- 
lich Vergifteten die Banchböle u. s. w. Nur allein bei Neugebomen 
ist hier ein Unterschied insofern zu machen, als hier, um den Stand 
des Zwerchfells un verrückt beobachten zu können, in allen Fällen die 
ünterleibshöhle zuerst zu öffnen ist. Sonst und in allen übrigen Fäl- 
len ist es zweckmässig, mit der Eröffnung der Eopfböhle den Anfang 
2Q machen, wäre es auch nur, um den oft wenig angenehmen Geruch 
der fibrigen Höhlen weiter hinaus zu verschieben. Das Preussische 
Regulativ giebt im §. 12. die beste Methode zur Eröfihung der 
Schädelhöhle an, und verweise ich auf dasselbe. Ich bemerke hier- 
bei nur, dass auch Verletzungen, ja Zertrümmerungen des Schädels 
hier keinen Unterschied machen , und dass man dieselben in ihrer innem 
Beschaffenheit und Wirkung am besten übersieht, wenn man auch in 
solchen Fällen den Schädel durch einen Ereissägeschnitt trennt und öfl- 
net In zwei sehr scheussUchen Raubmordfällen hatte der bei der Sec- 
tion anwesende Staatsanwalt den sehr glücklichen Gedanken, von uns 
das Aofheben und Präpariren der zerschmetterten Schädel der Ermor- 
deten zu fordern, um die Verletzungen später den Geschwornen ad ocu- 
hi m demonstriren und dadurch um so gewisser ein Verdict auf Schul- 
dig zu erzielen. Die Schädel wurden auf gewöhnliche Weise macerirt, 
gebleicht und getrocknet, zu seiner Zeit auf dem Tisch der Verbre- 
chenskörper mit ausgelegt, die Verletzungen daran nachgewiesen, und 
das (sehr nachahmungswerthe !) Verfahren verfehlte seine Wirkung auf 
die Gesehwomen nicht. — Bei Neugebornen bedarf es in der Regel kei- 
nes Ereisschnittes , denn es lassen sich, wenn man eine Scheere in die 
noch nicht geschlossenen Nähte vorsichtig einsenkt, wobei das Ge- 
hhn and die Pia keineswegs verletzt zu werden brauchen — wäh- 
rend die harte Hirnhaut bei Neugebornen immer und ohne Ausnahme 
noch fest an der Schädeldecke angeheftet ist*) — und dann trennt, 
die dünnen Schädelknochen leicht nach vom und hmten und nach bei- 
den Seiten zurückschlagen. Die Verletzung des Sinus longüudinalü ist 
hierbei nicht von Erheblichkeit, denn man wird dessen Blutgehalt nichts- 
destoweniger eben so leicht abschätzen können, da ja kein Blut verlo- 



*) Diese feste Anheftung der dura mater an den Knochen der Sch&deldecke bei 
Kcngebomen dauert in der Norm bis in's zweite Lebensjahr hinein. Nur selten habe 
^ sie noch bei einem dreijährigen Knaben , und einmal bei einem fün^äbrigen , ein 
andemud sogar noch bei einem sechsjährigen Mädchen gefunden. Man wird hiernach 
den Inlfaun yermeiden, den die Obducenten in einem wichtigen Criminalfalle, der Ver- 
ulusong zu einem Ober - Gutachten wurde, begingen, indem dieselben in Unbekannt- 
x^hift dieses Verhaltens der harten Hirnhaut bei Neugebornen das Angeheftetsein im 
«oncreten Falle für das Ergebniss einer Meningitis erklärten. 



234 §. 51. Die Obdactions-Technik. b) HaU und Brusthöhle. 

reo geht, als es unschwer ist, das auf diese Weise im Augenblicke 
der Section auf die Gehirnoberfläche abfliessende wenige Blut voq einer 
Hirnhämorrhagie zu unterscheiden. Um die Beschaffenheit der Schädel- 
knochen bei Neugebornen festzustellen, zieht man am zweckmässigsten 
das Periost in aitu ab, weil die Knochen beim Abnehmen oder Umbie- 
gen leicht einbrechen. Auch bei Prüfung der Schädelbasis auf etwaige 
Verletzungen säume man nicht, das Periost loszureissen, weil im eat- 
gegengesetzten Falle kleinere Fissuren leicht der Aufmerksamkeit ent- 
gehen können. — Wie das Regulativ vorschreibt, ist die Besichtigimg 
und Eröffnung beider Gehirne und ihrer Hüllen, der Ventrikel, der 
Adergeflechte, der Hirnknoten, der Varolsbrücke und des verlängerten 
Markes, der Hirngrundfläche, der Beschafl^enheit der Gefässe der s&mmt- 
lichen Blutleiter und des ganzen knöchernen Schädels nothwendig. Zu 
diesem Zwecke nimmt man am besten das Gehirn ans der Schädel- 
höhle heraus, eröffnet von der Scisitura longitudinqUa her die Seitenhöhe 
len, untersucht hier die Hejrvs^ die Thalami und die Coiyora htnaUi^ 
macht alsdann Einschnitte in die Substanz des Hirnes um die Ventrv- 
kel, öffnet von oben her die 4. Hirnhöhle und untersucht das kleine 
Gehirn. Alsdann wendet man dasselbe und untersucht die Grundfläche. 
Bei Neugebornen ist wegen der Weichheit des Hirnes die Untersuchung 
in situ durch schicbtweises Abtragen häufig vorzuziehen. 

§. 48. rtrtseiiing. b) lab nd IrutkoUe. 

Der Eröffnung der Brusthöhle, schreibt §. 13. des Regulativ» 
mit Recht vor, ist die Untersuchung des Halses, an welchem 
vorzüglich der Kehlkopf, die Luft- und Speiseröhre, die grossen 
Blutgefässe und Halswirbel zu berücksichtigen sind, voranznschicken. 
Um den Rachen, die Mundhöhle und Zunge zu untersuchen, fuhrt man 
zwei tiefe Schnitte längs der Unterkiefer kurzab vom Kinn nach recht« 
imd links, wodurch der Boden der Mundhöhle getrennt wird, zieht die 
Zunge unterhalb des Unterkiefers hervor und trennt nunmehr in grossen 
Zügen die Gaumensegel und die Speiseröhre von der Wirbelsäule, indem 
man die Zunge immer weiter herabzieht. Ehe man die Speiseröhre vor 
ihrem Durchtritt durch das Zwerchfell durchschneidet, eröffiiet man 
Speise- und Luftröhre von hinten her. Auf diese Weise kann man 
alsdann die Speiseröhre, Kehlkopf und Luftröhre bis über die Bifiarca* 
tion hinaus untersuchen und beschreiben. Die im Regulativ vorge- 
schriebene Technik der Eröffnung der Brusthöhle ist die einfachste 
und zwekmässigste. Es kommt gar nicht selten vor, dass man auch 
selbst in Fällen, wo man den Befund von wässrigem oder bluti- 
gem, nrit Luft gemischtem Schleim in der Luftröhre nach den Um- 



§. 51. Die Obductions-Technik. b) Hals und Brosthöhle. 235 

stünden venxinthen sollte, denselben nicht und den Kanal ganz leer 
findet. Hier drücke man dann jedesmal behutsam, aber doch kräftig, 
anf den obem Theil beider, noch unberührt in der geöffneten Brast- 
höhle daliegenden Lnngen, und recht häufig wird es dann ge* 
lingen, schaumigen oder blutigen Schleim aus den Bron- 
chien in die Luftröhre hinauf zu drücken und den Befand auf 
diese Weise um ein sehr erhebliches Zeichen zu bereichem. — Diese 
Methode, wie eine andre von mir empfohlene und den Blutgehalt des 
Herzens betreffende, sind in das neue, „Regulativ^ übergegangen. Den 
Bhtgehalt des Herzens nämlich einerseits, wie der Lungen und grossen 
Blutgefässe andrerseits genau zu constatiren, ist ohne Unterbindungen 
gnnz unmöglich, weil, zumal bei besondrer Flüssigkeit des Blutes, wie 
sie nun wieder in den Fällen gewöhnlich vorkommt, wo es grade am 
wichtigsten ist, jenen resp. Blutgehalt zu prüfen, bei Erstickungen näm- 
lich, auf jeden Schnitt in Eines jener Organe noth wendig mehr oder 
weniger Blut aus den andern ausfliesst. um dies möglichst zu ver- 
meiden, ist es unumgänglich erforderlich, zuerst das Herz zu unter 
suchen, und zwar so, dass man es ganz in seiner natürlichen horizon- 
talen Lage liegen lässt und nun in beide Hälften einen seitlichen 
Längenschnitt macht. So gewinnt man einen reinen Einblick in die 
wirkliche Blutmenge sämmtlicher Herzhöhlen. Dann erst schneide man 
die Lungen und zuletzt erst die grossen Gefässe ein, und man wird 
bei dieser Technik jenem üebelstande noch am besten begegnen, wenn 
man nicht gradezu eine Unterbindung vorzieht. — Aus eben dem Grunde 
eröffiien wir auch bei Neugebornen, ehe wir an die Untersuchung 
der Bauchorgane gehen, zunächst das Herz und die Vma cava. Dass 
bei etwaigen durchdringenden Brustverletzungen die Wandungen der 
Höhle, soweit dies möglich, zuerst und vor der Manipulation der Or- 
gane untersucht werden müssen, versteht sich von selbst, da durch 
letztere und durch Zerrung und Erweiterung der Brustwände die Form 
und Grösse ihrer Verletzung leicht sehr bedeutend verändert werden kann. 

§. 52. r^rfsetivag. c) laachhökle. 

Zu den diese Höhlen betreffenden §§. 14. und 15. des „Regula- 
tivs'^ ist nichts Wesentliches hinzuzufügen. Die Reihenfolge, in 
welcher die Baucheingeweide zu untersuchen, ergiebt sich aus ihrer 
Lage von selbst. Wenn irgend schon die Verwesung ziemlich 
weit vorgeschritten, dann ist es gerathen, vor Allem den Magen 
zu untersuchen, damit derselbe im entgegengesetzten Falle bei der 
Manipulation der andern Organe nicht etwa reisse und seinen Inhalt 



236 §* ^2- I>ie Obductions-Teclmik. c) Bauchböhl«. 

ergiesse. Ich meine hier natürlich nicht etwaige Fälle ?on coastatir- 
ter oder selbst nur vermatheter Vergiftung, weil in diesen das im 
§. 15. des Regulativs vorgeschriebene Unterbindungsverfahren nie 
und in keinem Falle unterlassen werden darf. Nach dem Hagen 
untersuche man die Leber, die Netze und dann der Reihe nach die 
übrigen Baucheingeweide. In Betreff des Blutgehaltes der grossen Ve- 
nenstämme ist es ausreichend, den Hauptstanmi, die F. cava adacendtfUy 
zu prüfen. Ist, wie bei Erstickten, bei Apoplectischen u. dgl., die Con- 
trolle des Blutgehaltes von grösserer als gewöhnlicher Erheblichkeit, 8o 
lagere man vorher schon den Rücken der Leiche etwas höher, um den 
Ausfluss, und wenn nian, wie gewöhnlich, schon vorher die Bmsthöfale 
geöffnet und die Gefässe zerschnitten hatte, den Abfluss des Blutes ans 
der F. mva möglichst zu verhüten. In solchen Fällen ö&e man das 
Gefäss auch nicht erst nach beendeter Untersuchung aller Baucborgane, 
wie es in gewöhnlichen Fällen zweckmässig geschieht, sondern froh, 
um seinen Inhalt möglichst intact zu erhalten und prüfen zu können.— 
Dass etwa vorhandne Ergüsse in die Bauch- wie in die Brusthöhle ge- 
prüft und geschildert werden müssen, schreibt das Preuss. Regnlativ 
nicht nur vor, sondern versteht sich auch ganz von selbst. Im Bauche, 
wo sie oft in so sehr erheblicher Masse gefanden werden, ist es am 
zweckmässigsten , sie mit einem mensurirten Gefasse gleich nach der 
Eröffnung der Höhle ganz herauszuschöpfen und in ein Gefäss zu gieasen. 
Nach dem Inhalt eines mensurirten Gefässes kann man auch leicht das 
Gewicht mit jener Sicherheit bestimmen , die in allen derartigen Fällen 
vollständig ausreicht. Des Wiegens wird es nur beim Befunde ganz ge- 
ringfügiger, nicht gut zu messender Mengen bedürfen. 

Die Eröffnung der Rückgratshöhle ist in der Mehrzahl der Fälle 
nicht und nur in denjenigen erforderlich, in welchen sich darin Befände 
erwarten lassen, die für die Beurtheilung des Falles von Einfluss sind. 



237 



Fünftes Kapitel. 

Das ObductioDsprotokolL 



Qesetzlicbe Bestimmungen. 

(Vgl. f 168. dar Pnraat. CrimiaaU Ordnung nnd dfo §§. 19. bif 21. «inschiiesellch d«t RtgolttW« 



§. 53. Urm aad hkalt. 

Die Erfahrnog lehrt, dass Anfänger in der gerichtlich - medicini- 
sehen Praxis sich so schwer in der Unterscheidung der beiden, so ganz 
yerschiedenen Aktenstücke: Obdnctionsprotokoll und Obductions b e - 
rieht zurecht zu finden wissen, dass es nicht überflüssig scheint, da- 
bei hier zu verweilen. Die Abfassung des Obductionsprotokolles ist 
Sache des Richters, die des Obductions berichte s Sache derObducen- 
ten. Die Abfassung des Obductionsprotokolles geschieht imObduc- 
tionstermine selbst und während der Obduction, die Abfassung des Ob- 
ductions be rieht es im Studirzimmer des Physicus und oft Monate lang 
nach dem Sectionsakte. In das Obductions protok oll werden Gegen- 
stfinde aufgenommen, welche ganz unabhängig sind von der vTissen- 
sehaftlichen Untersuchung des vorliegenden Objectes (der Leiche), z. B. 
die Reeognition desselben, die Vernehmung derjenigen Zeugen, die den 
Leichnam aufgefunden hatten, das Verhalten des muthmaasslichen Mör- 
ders beim Anblick der Leiche, die am Schluss des Aktes verfügten 
Maassregeln zur Beerdigung der Leiche und vieles Derartiges mehr. 
Der Obductions b er i cht dagegen ist eine rein wissenschaftliche Abhand- 
lung aber das Thema der Frage, wozu der Obductionsbefund die Ma- 
terialien geliefert hatte. Mit Einem Worte: das Obdnctionsprotokoll ist 
diejenige „Verhandlung*, welche Alles, was in demjenigen, vom Ge- 
richt dazu angesetzt gewesenen Termine vorgekommen ist, namentlich 
nnd vorzugsweise natürlich auch die Befunde bei der Leichenöffnung, 
nach Art aller gerichtlichen Terminsprotokolle zu den Akten zu regi- 
striren hat. Daher gehn jedesmal mehr oder weniger ausführliche, den 
G^richtsarzt ganz und gar nicht berührende Bemerkungen, wie eben 
Zeugenaussagen n. dgl., voran und bilden den Eingang des (Obduc- 
tions-) Protokolls, und nun erst, wenn der den Obductionstermin ab- 
haltende Gerichtsabgeordnete mit diesen Vorbereitungen abgeschlossen, 



238 Du Obdnctionsprotokoll. §. 53. Form und Inhalt 

fordert er die Obducenten auf, den ihnen zukommenden AntheQ an der 
Verhandlung zu übernehmen und den Befund zu dictiren. In welcher 
Form dies bei uns zu geschehn hat, schreiben die oben angefahrten 
Paragraphen des Regulativs genau vor. Hier aber ist der Ort, wieder- 
holt recht eindringlich zu warnen vor allen üngehörigkeiten, wie sie 
Mangel an Sachkenntniss, Unsicherheit in der Praxis, übergrosse Aengst- 
lichkeit und Pedanterie und Verkennen des ganzen amtlichen Geschäf- 
tes so ungemein häufig in die Protoivolle bringen. Fortwährend, ein für 
alle Mal und ohne Ausnahme, halte man sich stets gegenwärtig, dass 
man eine Leichenöffnung zu richterlichen Zwecken, auszuführen bat. 
Alles daher, was diese nicht berührt, also z. B. solche pathologische 
Befunde, welche mit dem vorliegenden richterlichen Zwecke in gar kei- 
nem Zusammenhang stehn, lasse man, zwar nicht ganz bei Seite, doch 
genügt es, solche Befunde kurz und dem Techniker verständlich zu be- 
zeichnen. Eine eingehendere Schilderung pathologischer Befunde wird 
aber nothwendig, wo es sich um Concurrenz von Todesursachen han- 
delt, oder wenn der gerichtliche Zweck einer LeichenOfihung die Be- 
gründung der Anschuldigung emes kunstwidrigen Heilverfahrens ist — 
Eine ganz ungehörige „Ausführlichkeit über die Grenzen hinaus*, wie 
das Regulav sagt, geben unsichere und unbewanderte Obducenten ihres 
Dictaten zum Obdnctionsprotokoll femer, indem sie in eine Schildenuig 
der Leiche eingehn, welche Dinge umfasst, die wieder ganz und gar 
nicht mit der Frage zusammenhängen. Bei Leichen bekannter Personeo 
bedarf es nach dem Regulativ höchst zweckmässig in Preussen femer 
nicht einmal mehr der Schilderung der Eörperlänge, der Farbe der 
Haare und Augen, der Abschätzung des Alters; viel mehr aber ist es 
ganz ungehörig, wenn überhaupt von den Obducenten z. B. die Form 
and Grösse des Backenbartes geschildert wird, die Form der Nase, die 
Länge des Penis u. s. w. Im Wulste der Nunmiern eines solchen Ob- 
ductionsprotokoUs verlieren sich die wesentlichen Befunde. Die Erbh- 
rung lehrt, dass in der Regel diese wesentlichen, für den richterliches 
Zweck erheblichen Befunde sieh in etwa 30 bis 40, bei Neugebonent 
wegen der die Athemprobe betreffenden Punkte, in einigen 50 Nom- 
mern sehr vollständig und ausreichend zusammenfassen lassen. Bei vie- 
len vorhandnen änsscrn Verletzungen, die einzeln zu schildern sind, 
können allerdings 70, 80 Nummern erforderlich werden. Protokolle von 
hundert und noch mehr Nummern, die allerseltensten Fälle abgerechneU 
sind CO ipso mangelhafte, denn sie beweisen eben dadurch, dass die 
Obducenten gegen obige Regeln gesündigt, oder Zusammengehöriges lu- 
gehörig gespalten, z. B. die Befunde in einem und demselben gesnoden 
und unverletzten Organe in sechs, acht verschiedne Numroem gebracht 
haben. Eines andern häufigen Fehlers muss ich noch hier gedeoken. 



Das ObductionsprotokoIL §. 54. Das summarische Gutachten. 239 

Das ObduetionsprotokoU hat den Zweck, die wesentlichen Befände, die 
bei der gerichtlichen Section erhoben worden, zn schildern, und die 
wahrgenommenen Erscheinungen in Worten so zu versinnlicben, dass 
es einem Techniker möglich wird, dadurch ein ürtheil über den Zustand 
der Organe zu gewinnen. Das Drtheil selbst aber gehört nicht in das 
Obdnctionsprotokoll. Sehr häufig bedienen sich Gerichtsärzte indess sol- 
cher Ausdrucke , die offenbar mehr ein Urtheil, als eine Schilderung sind, 
namentlich bei vorgefnndnen Entzündungen und ihren Folgen. Statt 
z. B. Eine Beschreibung der Erscheinungen zu liefern, dictiren sie: „das 
Banehfell zeigte sich entzündet^. Es ist dies um so ungehöriger, als 
bei sokhem Verfahren jede spätere GontroUe in den weitem medicinisch- 
technischen Instanzen unmöglich wird, weil man in letzterm Falle nicht 
weiss und wissen kann, was die Obducenten eigentlich gesehn, und 
worauf sie ihr Urtheil, ihre Schlussfolgerung von „Entzündung^ be- 
gründet haben. Waren es z. B. nicht innere Hypostasen? Nicht Verwe- 
songserscheinungen ? Noch schlimmer steht es, wenn die Obducenten, 
statt eine Schilderung zu geben, sich in ganz allgemeinen Urtheilen in 
ihren Protokolldictaten ergehn. Der Protokollführer wird allerdings un- 
befangen niederschreiben, wenn derPhysicus dictirt: „8) am Halse fand 
sieh eine Strangmarke, welche ganz die Beschaffenheit hatte, wie man 
sie bei Erhängten gewöhnlich zu finden pflegt.^ Dass aber ein solches 
Crtheii, mit Uebergehung jeglicher Schilderung des Befundes, voll- 
kommen werthlos ist^ wird sich Jeder bei einiger Erwägung der Sache 
sagen müssen. 

§. 54. ftrUetaiBg. Sas suMMarlsche (ittiaehtci. 

Wenn nun sämmtliche Befunde in der Leiche erhoben worden, 
Nichts mehr darüber zu registriren und die Obduction geschlossen ist, so 
haben die Gerichtsärzte zum Abschluss des technischen Theils des Ob- 
dactionsprotokolls ihr vorläufiges oder summarisches Gutachten zu dic- 
tiren, d. h. das in kurze Sätze zusammengefasste , und nicht' weiter 
durch Grunde der Wissenschaft zu motivirende Urtheil über den Be- 
fand, gleidisam eine Antwort auf die Frage : „Wie stellt sich nun die- 
Mr Fall für den Richter?^ Dies vorläufige Gutachten hat den Zweck, 
den Richter auf den richtigen Weg zu leiten, und ihm eine Handhabe 
ßr die fernere Behandlung der Sache in der Voruntersuchung zu lie- 
fern. Oft wird er dadurch veranlasst, sie nunmehr ganz und gar fallen 
zu lassen, wenn z. B. der Anfangs gehegte Verdacht einer gewaltsa- 
n&en Todesart des Dmatus durch die Obduction beseitigt worden ist, 
oft wird er umgekehrt dadurch aufgefordert, die Sache energisch wei- 
ter zu verfolgen. Man suche deshalb seinem vorläufigen Gutachten, wie 



240 Dfts Obducfcionsprotokoll. §. 54. Das summarische Oatachten. 

jedem gerichtsärztlichen Urtheil, die möglichste Bestimmtheit zu geben, 
weil Schwankungen darin, weil ein: „es könnte so, es könnte aber auch 
anders zusammenhängen^, begreiflich den Rjchter ganz unbefriedigt las- 
sen müssen. Ich sage: die möglichste Bestimmtheit; denn es kommen 
allerdings nicht gar selten Fälle vor, die einen vollkommen sichern Aus- 
spruch, zumal in einem so frühen Stadium, wie es durch die Leiehen- 
öflbung bezeichnet wird, und in welchem meistentheils andre Thatsacbeu, 
die für die Beurtheilung der Sache Aufschluss geben könnten, noch gar 
nicht erhoben worden, durchaus nicht gestatten. Man halte aber nur 
stets die Zwecke der gerichtlichen Obduction fest im Auge, wie sie in 
den drei Eapitebi des ersten Abschnittes dieses Buches ausführlich ge- 
schildert worden, und man wird nicht leicht in den Fall kommen, 
ein ganz und gar ungenügendes Urtheil abgeben zu müssen. Von 
jenen Zwecken ist die Feststellung der Todesursache der allge- 
meinste und in allen Fällen wichtigste. Deshalb muss das summari- 
sche Gutachten zu allererst angeben, auf welche Weise Denafus seinen 
Tod gefunden? eine Angabe, der nur bei todten Neugebomen die über 
das Alter und das Leben des Kindes nach der Geburt noch voranzn- 
schicken ist. Hier pflegen nun sogleich noch Ungeübte in Verlegenheit 
zu kommen, insofern in nicht wenigen Fällen die specielle Todesart 
aus der Leichenöffnung gar nicht zu ersehn war. Lentescirende Fit- 
ber, die Erampiformen u. s. w. hinterlassen keine solche Spuren im 
Leichnam, dass man sie nach der Section diagnosticiren könnte. Wie 
kann hier der Gerichtsarzt die Todesart feststellen? Auf die ein- 
fachste Weise, ich wiederhole es, wenn er nur immer und immer 
wieder an den richterlichen Zweck seiner Aufgabe denkt. Wenn er 
nämlich in allen solchen Fällen im summarischen Gutachten sich dahin 
ausspricht: „dass die Obduction keine Zeichen einer gewaltsamen To- 
desart ergeben habe, und dass anzunehmen, dass Denatua au einer in- 
nern Krankheit verstorben sei'' , so ist jener Zweck vollständig erfolil 
und der Richter befriedigt, welcher nur die gewaltsame Todesart im Auge 
hat, und dem es im Verneinungsfalle ganz gleichgültig ist, ob der na- 
türliche Tod durch Fieber, oder durch Krampf, oder durch Alters- 
schwäche u. s. w. erfolgt war. — Mnssten aber die Obducenten eine 
gewaltsame Todesart annehmen, so haben sie zweitens summarisch die 
Species derselben im vorläufigen Gutachten anzugeben; z. B. die To- 
desart war Erstickung und zwar erfolgte die Erstickung durch Erdros- 
seln. Nicht inmier ist hier schon nach der blossen Obduction eiife solche 
Bestimmtheit des Urtheils möglich. Man wird dasselbe dann mit mehr oder 
weniger Wahrscheinlichkeit abgeben, und ein gewisseres Urtheil sich vor- 
behalten, bis man durch spätere Aufschlüsse, z. B. rettp. durcli chemische 
Analyse der Darmcontenta , durch Untersuchung der Mutter des secirten 



Das Obductionsprotokoll. §. 54. Das summarische Qutachten- 241 

NeugeborneD, durch Einsicht der Akten u. dgl. , selbst genaaer fiber den 
Fall unterrichtet worden. — In der Regel wird der Gerichtsarzt wohlthun, 
sich in seinem summarischen Gutachten vorläufig mit der Beurtheilung 
der beiden angegebnen Punkte zu begnügen, und weitere Fragen des 
anwesenden Gerichtsdeputirten abzuwarten. Es ist dies Verfahren 
weit Yorsiclitiger, als das entgegengesetzte, mit einer Menge von Din- 
geo nämlich hervorzutreten, die entweder den Richter gar nicht inter- 
essiren, und folglich dann ungehörig sind, oder welche die Sache nur 
oaDütz verwickeln würden. Ist der Richter noch nicht genügend auf- 
geklärt, so wird er in keinem Falle ermangeln, den Obducenten für das 
äommarische Gutachten noch Specialfragen vorzulegen, und wir haben 
deren unzählige Male dann noch sechs, acht und mehrere in wichtigen 
Fällen zu beantworten gehabt. Die nächste, in Fällen von tödtlichen 
Verletzungen, und zu welcher Frage das Gesetz den Richter verpflich- 
tet (Crim.-Ordn. §. 162. s. S. 92), ist die: betreifend die Werkzeuge, 
womit die Verletzung gewiss oder muthmasslich beigebracht worden. 
Wir haben diese Frage in den §§. 34 — 41. bereits besprochen. Aber 
ausserdem kommen, je nach der hundertfach verschiednen Gombination 
der Fälle, hundertfältig verschiedne Separatfragen den Obducenten vor, 
worauf zu antworten sie aufgefordert werden. Solche Fragen betreffen 
die Stellung des Denntua zur Zeit der erhaltnen Verletzung, die Stel-, 
long des Thäters dabei, die Zeit, in welcher muthmasslich der Tod er- 
folgt war, die Frage, ob Mord oder Selbstmord, ob Einer oder Meh- 
rere Hand an den jetzt Verstorbnen gelegt u. dgl. m., wofür die bereits 
mitgetheilten Fälle schon zahlreiche Beläge geliefert haben. Sehr 
oft wird man bei diesen Fragen in den Fall kommen, nur mit mehr 
oder weniger Wahrscheinlichkeit antworten zu können. Eine empfeh» 
lenswerthe Form in vielen solcher Fälle ist die negative Fassung 
der gerichtsärztlichen Antwort, denn sie ist eben so begründet und ge- 
wissenhaft, als sie für die fernere medicinische Behandlung die Hände 
nicht bindet, ich meine eine Antwortstellung, wie die z. B., „dass die 
Obduction keine Thatsachen ergeben habe, welche die Annahme aus- 
schlössen", dass u. s. w. In andern Fällen, und wenn auch dies nicht 
m^lglich, stehe man nicht an, offen seine Incompetenz zu erklären, und 
zu antworten, dass die Obduction über den fraglichen Punkt gar keine 
Aufschlüsse gegeben habe, oder auch gar nicht habe geben können. Es 
ist ein solches Verfahren jedenfall gewissenhafter, würdiger und vor- 
sichtiger, als ein Antworten in den Tag hinein, wofür später bei der 
fernerhin erforderlichen Begründung der Antwort die wissenschaftliche 
m)d erfahrungsgemässe Unterlage fehlt. In nicht wenigen, an sich 
schwierigen und dnnklen Fällen wird eine absolute Incompetenzer- 
klanmg noch vermieden werden können, wenn die Aerzte sich vom 

CR«ptr< gericbtJ. VLi6. 5. Aufl. II. jg 



242 Das Obductionsprotokoll. §. 54. Das summarisclie Gutachten. 

anwesenden Gericbtsdeputirten alle diejenigen Aufschlfisse erbitten, wel- 
che derselbe anch in so früher Zeit der Yonrntersnchnng nicht sel- 
ten schon zu geben im Stande ist. Zu dieser billigen Forderung be- 
rechtigt §. 7. des neuen „Regulativs^ die preussischen Gerichtsärzte mit 
völligem Recht, ja das österreichische Regulativ verpflichtet die Obdu- 
centen dazu ganz ausdrücklich, und kein Richter wird sich weigern, 
mitzutheilen, was ihm z. B. über den Ort, wo, und die Zeit, in der 
der Leichnam gefunden worden, über die Beschaffenheit der Eleidnngs- 
stücke über einzelne, schon vorliegende Zeugenaussagen n. s. w. be- 
kannt geworden, und was dann oft maassgebend Ar das gerichtairzüi- 
che Drtheil ist. Denn die wichtige Verhandlung hat ja nicht deo 
Zweck, den Aerzten Räthsel vorzulegen, deren Lösung der Richter 
schon besitzt, sondern Beide haben Ein und dasselbe Interesse, die 
Aufklärung eines noch dunkeln, oder noch nicht ganz angeheilten Fal- 
les zu erzielen, und die Zeit liegt weit hinter dem heutigen Standpunkt 
der gerichtlichen Medicin und der Strafgesetzgebung, in welcher man, ans 
Besorgnis», dass die Obducenten sich verleiten lassen könnten, Momente, 
die nicht im Bereich ihrer Wissenschaft lägen, für ihr Gutachten mit 
zu benutzen, dieselben streng und ausschliesslich auf ihre Befunde in 
der Leiche verwies, die, wie gesagt, oft genug ganz negativ sind. Es 
ist hierbei nicht zu übersehn, dass ja ohnedies jetzt die grosse Mehr- 
zahl der Obductionsfälle nach geschlossener Voruntersuchung zur öffmt- 
lichen und mündlichen Verhandlung kommen, in welcher dann doch die 
Obducenten die ganze Sachlage des Falles vor sich entwickeln hören. 

Das summarische Gutachten ist in allen Fällen nur ein vorläufi- 
ges, und die Obducenten sind daran für ihr späteres motivirtes 
Gutachten nicht gebunden. Man vermeide aber Abweichungen und 
Widersprüche zwischen beiden aus naheliegenden Gründen so viel 
als möglich, und in dieser Beziehung will ich noch auf zwei Punkte 
aufinerksam machen, die leicht zu einem voreiligen Urtheil im Ob- 
ductionstermin führen können, das man dann, nach gewonnener besse- 
rer Information, im spätem Gutachten zurücknehmen muss. Nicht sel- 
ten nämlich sind untergeordnete Folizeibeamte u. dergl., die bei der 
Aufhebung des Leichnams thätig waren, als Zeugen im Obduetionster- 
min anwesend, und äussern sich dann über den Fall. Die Erüahmng 
lehrt, dass dergleichen Individuen meist vorurtheilsvoll ihre Befunde 
und Urtheile abgeben, Flecke, Strangrinnen, Blut, Wunden u. dgl. ge- 
sehn haben wollen, die an der Leiche nicht existiren, das Neugebome 
noch „zappeln^ gesehn haben u. s. w. Dergleichen Zeugnisse mfissen 
von den Aerzten mit der äussersten Vorsicht aufigenommen werden; 
sie beruhen meist auf irrthümlichen Beobachtungen und vorgefassten Mei- 
nungen. In andern Fällen endlich können die Aussagen der Ange- 



Des Obdoetioiisprotoko]]. §. 54- Das summarische Gutachten. 109. Fall. 248 

seholdigten, die als Recognoscenten der Leiche im Obductionstermin an- 
wesend sind, ein irriges vorläufiges sachverständiges Gutachten veran- 
lassen. Ein f3r Allemal aber ist Gerichtsärzten in ihrer Praxis, und 
nicht bloss am Secirtisch, dringend zu rathen, alle Aussagen Ange- 
seholdigter nur mit sorgftltigster Prüfung für ihre Gutachten zu be- 
nutzen, am wenigsten dieselben ausschliesslich als Grundlage dazu zu 
benutzen. Der Angeschuldigte, was in wichtigen Fällen täglich Tor- 
kommt, ändert im Laufe der Untersuchung mehrfach seine Geständ- 
nisse, er nimmt Alles zurfick, was er früher bekannt hatte, und das 
daranf basirte gerichtsärztliche Gutachten — fällt dann mit dem Wi- 
derruf! 

Nach Aufiiahme des summarischen (yorläufigen) Gutachtens am 
SehluBse der Au&eichnungen über den Obductionsbefund lässt der Ge- 
richtsdeputirte die Verhandlung von beiden Obducenten unterschreiben, 
er schliesst auf die bei allen gerichtlichen Verhandlungen übliche Weise 
das (Obducüons-) Protokoll, und nimmt dasselbe sofort mit sich zu den 
Akten. 

IM. Fall. Kopfverletzung. 

Bb erBclMiDi bei der schon enr&hnten, so taglieh vorkommenden Yerwechslung des 
Obdnetioniprotokolls mit dem Obductionsbe rieht nicht musweckmasaig, hier als 
Probe ein gsnz Tollstandigea Obductionsprotokoll, betreffend einen Fall von 
Kopfverletzung, der an sich interessant war, mitzutheilen. Im folgenden Kapitel wollen 
vir den ober denselben Fall erstatteten Obductionsbericht mittheilen, woraus dann 
auch dem Ungeübtesten der Unterschied in Form und Inhalt zwischen beiden Akten- 
iUekea ganz klar werden durfte. Das über den Fall im Obductionstermin aufgenom- 
mene ObductionsprotokoU lautete, wie folgt: 

Yerhandelt Berlin, den 7. M&rz 1868. 

In der üntersuchungssache contra N au seN. 41. 68. begaben sich die unterzeichne- 
ten Oerichtspersonen nach dem Anatomiegeh&ude und fanden daselbst die auf dem Se- 
eirtiidi liegende Leiche des dem unterzeichneten Richter und dem Herrn Professor Li- 
man bereits bekannten Omnibus-Conducteur Carl Friedrich Waldow vor. 

Hieimaf wurde die Leiche den Obducenten: 

1) dem u. s. w. Dr. Liman, 

2) dem u s.w. Dr. Skrseczka, welche beide die Generalzeugenfragen ver- 
neinen, übergeben und gaben dieselben Folgendes an: 

A. Aeussere Besichtigung. 

1) Die Leidie des p. Waldow ist ziemlich gut gen&hrt, von blasser Farbe, 
mit etwas gelblich geftrbten Augenbindeh&uten. 

2) Leichenstarre ist an den Unterextremit&ten noch vorhanden. 

3) Der Unterleib ist leicht grünlich gefärbt 

4) Der Bauch ist grünlich gef&rbt und gespannt. 

5) Todtenfieeke, durch Einschnitte als solche erkannt , am Rücken reichlich vor- 
handen, ausserdem befinden sich daselbst stecknadelkopfgrosse bis linsen- 
ffiMse Petechien. 

16* 



244 I^as Obductionsprotokoll. §. 54. Das summariscbe Gutachten. 109. Fall 

6) Auf der Brust eine reicbliche Auzahl frischer Sebropfkopfnarben, so wie lu 
beiden Seiten des Halses mehrere frische Blutegelsticbe. 

7) Die natürlichen Höhlen sind frei von fremden Körpern und Hegt die Zuoge 
nicht gesell wollen hinter den Zähnen. 

8) Vor der Stirn und im Gesicht zeigt sich reichliche Abschilferung der Oberbaut. 

9) Auf dem Kreuzbein befindet sich eine thalergrosse Decubitus- Wunde. 

10; Auf der linken Seite des Kopfes und zwar auf der oberen Flache über dem 
linken Scheitelbein befinden sich vier Wunden, von denen zwei dicht nebenein- 
ander nach vom zu , der Queraxe des Körpers entsprechend , liegen und an- 
scheinend dadurch getrennt sind, dass eine Hautbrücke durch Yemarbung 
die ursprünglich zusammenhängenden Wunden getrennt hat. Die zweite 
Wunde liegt ungefähr zwei Finger breit weiter nach hinten und ist halb 
quergestellt, die dritte Wunde liegt l'j Finger breit hinter dieser, ist quer 
nach hinten verlaufend; sämmtliche diese Wanden haben stumpfscbarfe Rin- 
der, sind leicht beborkt, mit einem graugrünen Eiter gefällt, sie durchdrin 
gen die Hautdecken nicht vollständig und haben den Knochen nicht blossge- 
legt. Die Länge der Wunden beträgt je einen Zoll. 

B. Innere Besichtigung. 
I. Eröffnung der Kopfhöhle. 

11} Nach Zuröckschlagung der weichen Bedeckungen zeigen Einschnitte in die Ge- 
gend der Wunden leichte blutige Infiltrationen, so wie Oedem der Kopf- 
schwarte, welches sich auch weiter über einen grösseren Tbeil der auf der 
Innenfläche fleckig gerötheien hinteren Kopfschwarte erstreckt. 

12) Die Schädelknochen sind unverletzt, übrigens von angemessener Dicke, auch 
an der Glastafel derselben keine Veränderungen. 

13) Die harte Hirnhaut, deren Längsblutleiter einige weiche Gerinnsel enthält 
ist wenig bluthaltig und gesund. 

14) Die weiche Hirnhaut auf beiden Seiten gleichmässig in ihren feineren GeQs- 
sen erfüllt, so dass sie ein im Ganzen geröthetes Ansehen bat; im Uebrigea 
ist sie durchsichtig, zart und leicht von der untergelegenen Subitani trenn- 
bar, zwischen ihr und derselben etwas Oedem. 

15) Die Substanz selbst zeigt reichliche Blutpunkte, ist fest, feucht, die Aderge- 
flechte sind dunkelrotb, die Höhlen, so wie die grossen Himknoten ^eben 
nichts zu bemerken. 

16) Dasselbe gilt vom kleinen Hirn, der Brücke und dem verlängerten Mark. 

17) Die Blutleiter an der Schädelgrundfläche sind mit einigen Gerinnseln erfällt 

18) Die Schädelgrundfläche ist unverietzt. 

U. Eröffnung der Brusthöhle. 

19) Nach Zurückschlagung der weichen Bedeckung zeigt sich die Mnskulatur 
grünlich dunkel. 

20) Im Herzbeutel die gewöhnliche Menge blutigen Wassers. Das Herz gro^s. 
enthält in seiner rechten Kammer und Vorkammer reichliche Mengen lorker 
und speckhäutig geronnenen Blutes, dasselbe gilt von der linken Vorkammer 
und den grossen Gefassen, während die linke Kammer fast leer ist Der 
Bau des Herzens ist gesund. Klappenapparate und Muskulatur nonnil 

21) Beide Lungen von aschgrauer Farbe, gross, nur nach hinten an dunkel, bei 
Einschnitten überall lufthaltig, blutarm, ödematös, die grossen Bronchien 
sind leer, ihre Schleimhaut nicht geröthet. Die rechte Lunge ist leicht mit 
dem Rippenfell verwachsen, zeigt übrigens dieselben Ver&nderangen. kh^t'^'^t 
sind nirgend vorhanden. 



Das Obductioasprotokoll. §. 54. Das summarische Gutachten. 109. Fall. 245 

22) Die Luftröhre und Kehlkopf sind leer und äusserst blass. 

23) Die Speiserohre ist leer und ihre Schleimhaut ist blass. 

III. Eröffnung der Bauchhöhle. 

24) Die Milz ist schlaff, 6 Zoll lang, 3 Zoll breit, 1 Zoll dick, blutarm, weich. 
25 Netz und Gekröse sind blass, massig fett. 

26) Der Magen enthalt eine Quantität gelbgrdner Flüssigkeit, seine Schleimhaut 
etwas Terdickt, blass. 

27) Die Hohlader enthält eine grosse Quantität syrupartiges Blut. 

28) Die Dünndärme, deren Ueberzug, wie der der dicken , blass ist, enthalten, wie 
die dicken, gelblichen Koth. 

29) Die Leber von gewöhnlicher Grösse, ist blass, Einschnitte ergeben Verfettung 
der Substanz, nirgends Abscesse. 

30) Die rechte Niere von gewöhnlicher Grösse, relativ blutreich, ist gesund, die 
Rtndensubstanz hie und da etwas getrübt. 

31) Dasselbe gilt von der anderen Niere. 

32) Die Harnblase ist leer, sonst normal. 

Es wurde die Obduction geschlossen und gaben die Obducenten ihr amtseidliches 
Gatacbten dahin ab: 

1) dass Denatus an einer inneren mit rosonartiger Entzündung verbundenen 
Krankheit (Septicämie) gestorben ist. 

2) Dass diese tödtliche Krankheit die Folge der beschriebenen Kopfverletzungen 
gewesen ist. 

Auf Befragen: 

3) dass das vorgelegte Hackemesser zur Erzeugung der vorgefundenen Kopfwun- 
den geeignet gewesen sei 

Schliesslich beantragen Obducenten: 

zur eventuellen Abfassung eines Obductionsberichtes die Vernehmung des 

behandelnden Arztes über die dem Tode voraufgegangene Krankheit, unter 
ihrer Zuziehung. 

V. g. u.*) 

Liman. Skrzeczka. 
Der Beerdigungsschein wurde ertheilt. 

a. u. s. **; 

Pescatore. Kretschmer.***j 






*) Vorgelesen, genehmigt, unterschrieben. 

Actum ul supra, 
'; Die Herren Untersuchungsrichter und vereideter Protokollführer. 



246 



Sechstes Kapitel. 

Der Obduotionsbericht. 



Gesetzliche BeetimmangeiL 

(Vgl. CriiB.-OrdB. §§. 169-171. und ,RegiiUtiv* (. 92. [«. oImb].) 

Pr«att. Oriminal-OrdniiDg (. 179. Wenn der Inhalt dM ObdoetloAAbtriehtt vm d«« latalti 
dt« Obdoetiootprotokolls In WMtntUehen Ponkttn Abw«l«ht, «o mftM«» dl« teehvtrttiBdlfta von ^tm 
Blditer ra «iDer •chrtlUlehtD oder mäDdliehen Angebe der Qrinde dieser Abvelebangea M^pferd«! 
werdts. 

f. 173. Kenn «of diese Art die Differene oder der WIdersprneh nieht «nf efae g enigw de WelM ge- 
hoben werden, so sind, wenn von dem befondeaen Tbstbesunde die Rede iet, die Aagnhtn In den Ob> 
dnetlonsprotokolle fSr die rlobtigen entunehmen. Betriffl hingegen die DiÜsreas awlsehea des Obdee- 
tionsprotokolle und dem Obdnotionsberlehte des mos dem beAindenen Thetbeetende hefgeleltete OrthsQ, 
so soll, wenn die Diflerene enf die Entscheidung von erheblichem Blnflass ist, des GnUohle« des CW« 
Ugii msdicff der ProTtns eingeholt werden. 

|. 17A, Aneh soll sin solehee Qataebten eingeholt werden : 1) wenn die Obdneeale« sieh nSehl ge- 
trenen, ein bestimmtes seehTerstSudfgee Urtheil ebtageben; 9) wenn sie nnter einaader In dieeea OnhsU 
nicht nbercinstimmen, nnd 8) wenn sieh in dem ersututen Obdaetionsberlehte eelehe Dnnkalhslle« ed« 
Wldersprbelie finden, welehe sie anf eine berriedigend« Weise nicht sn heben TermSgen, and weda i ah bei 
dem Richter ein gegründeter Zweifel gegen die Richtigkeit des gegebnen Qotachteas entsteht 

§. 17ft. In einem solchen Falle muss der Richter dem CotUgio msdico bestimmte Ftagen aar Beent* 
Wertung Torlegsn and demselben sogleich zor ToUstindlgen Uebersisht der Sache dia ünlTaashaagsat laa 
mittheilea. 

|. 176. Dae CoU4gium mtdieum Ist verbanden , einer solchen Requisition ohne alias l a lt im l asi sa 
geafigen and ein mit wissenschaftllehen Grflndea unterstüistee Ovtachten absogebea. 

f. 177. In wichtigen Pillen steht es dem erkennenden Richter frei, sa seiner Barahlgang eta saeb- 
▼erstindiges Ontaehten von dem Ober^Colfepio m«<lfco sa Berlin*) einanslehea. 

Oesterr. Btrafprocess- Ordnung |. 85. Finden der Untersuchungsrichter, der ttaalSiavah 
oder der Oerichtshof, dass das Qataebten der SaehTcrstiadigen dunkel, anfollet&adig , anbasOmat, dass 
es im Widerspräche mit sich selbet, oder mit erhobeaea Thatumstfiaden sei« oder dass dIa aas d«a aa- 
gcgebenen Vordersitaen gesogeaen Sehlftsse nieht folgerichtig seien, oder weichen die AngiAaB der Ssch- 
▼erstiadlgen in Bealehnng auf die Toa Ibnen wahrgenommenen Thatsachan erheblich van einaader ab, so 
lind dieselben darfiber sa Temelunen, nnd wenn sich dadurch die Zweifel nicht begebea, ist der Aagaa* 
schein, so weit es mSglich ist, mit Zatiebnng derselben, oder anderer BachTeretlndlgar, aa wisds t halsa. 
Siad aber die Sachrerstfiadigen in Beaag aaf das Oauchten Terschiedener Ifelnnag, eo kana der Oatar- 
snchnngsriehter eie entweder nochmals Ternebmen, oder einen dritten SachTerstindigea balalebea, tdar 
ein Ontaehten Toa anderen Sachrerständigen elnsiehen. Sind die SaehTcrstiadigen Anrate oder Chemiker, 
so ist in solchen Pillen dae Ontaehten der medleinischen Pacallit der nichstgeleganea Dalveraltfk tia- 
snholea. Letateres kaaa aach dann geschehea , wenn der Gerichtehof wegen der Wlchtlfkell de« t«r* 
brechens die Binhotnng dee Pacaltiugntaehtons (&r die Brforscbnng der Walarlieit Ar nithig findet 

Cirealar«Rescrlpt des Kfinigl. Prenss. Hinisterli der geistlichen, Uaterricktt- 
nnd H e dl cinal- Angelegenheiten rom 80. Hai 18&0. Von Seiten der JastlibehSrdeB Ist dsrtker 
Beechwerde geffihn worden« dass niaht alle Kreisphysiker in Brstattnag dee Obdaatleasbesi c h t s 
siad, Tielmehr nieht selten erhebliche Versehleppaagen sogar io Haftsachen sieh sa Schaldea 
lassea. Zur Vermeidung Ihnlicher Beschwerden Seitens der JastiabehSrden setoe Ich daehalb tot, !•«• 
in Baflaaehea spiteetcns innerhalb rler Wochen nach Hitthellang der Abschrift des Obda^tleMfeelebeUs 
der Bericht einsnrelchen iit, wenn das Oericht nicht einen knrseren Termin aasdrfid(il«b festgeseM bst 
Die« ist simmtllehen Kreisphjsikem aar Nachachtaag bekannt an maehen. In FUlaa, «• diese Pri* 
nicht eingehalten worden, hat die K. Regiemag anf desfelisige Anaalge des Gerichte, naah 
Umstiade, aüt naehdrftcklichen GrdnnngsstrafMi einauschrsiten. 



*) JeUt die K. wissensehafUiche Depatatloa für das Hedldaalwesen hn Hinistarlo der 
Daterriehts- aad Medicinal-Angelegeaheiten. 



Der Obdactionsberichi. §. 55. Form und Inhalt. 247 

§. 55. Um »4 Iihalt. 

Der Obductionsbericht {VUum reperiuni) ist, wie schon gesagt 
worden, eine rein wissenschaftliche Abhandlung über das Thema der 
Frage, wozu der Obductionsbefond die Materialien geliefert hatte; eine 
Ansfohrong nnd Anwendung der betreifenden Lehrsätze der gerichtli- 
chen Arzneiwissenschaft anf den vorliegenden concreten Fall. Der Rich- 
ter soll dadurch in den Stand gesetzt werden, ihn klar zu übersehn, 
nnd dadurch Anleitung für seine fernere Thätigkeit in der Sache zu 
erhalten. Mit dem Ausdruck : Abhandlung soll zunächst nicht die räum- 
liche Ausdehnung des Berichts, die Bogenzahl, bezeichnet sein, welche, 
wie nirgends, so auch bei gerichtlichen Arbeiten nicht den Werth und 
die Tüchtigkeit derselben bedingt. Bei einfacher Sachlage lässt sich ein 
vollkommen genügender Obductionsbericht auf wenige Seiten zusammen- 
fusen, und bei wirklich yerwickeltem Fällen wird man, bei Beseitigung 
alles Ungehörigen, sehr wohl vermeiden können, dem Gericht ein gan- 
zes Volumen einzusenden, das als solches niemals gern gesehn wird! 
— Niemals hat übrigens die Einsendung eines Obductionsberichts zu 
geschehn, wenn der Gerichtsarzt (die beiden Obducenten) nicht ausdrück- 
lich vom betreffenden Gerichte dazu requirirt wird, was unter Deber- 
sendung der vollständigen bisher in der Sache verhandelten Akten, oder 
wenigstens der Abschrift des in denselben befindlichen Obductionsproto- 
kcdls za geschehn pflegt. Im entgegengesetzen Falle würde oft eine ganz 
nnnütze Arbeit geliefert, und derMenÜiche Fonds durch eine Liquidation 
ganz überflüssiger Kosten belästigt werden, da die Fälle sehr häufig 
sind, in denen die Gerichtsbehörde, nach Einsicht des Obductionsproto- 
kolls und des dabei befindlichen vorläufigen Gutachtens, die weitere Ver- 
folgung der Sache aufgiebt und die Akten zurücklegr. Hierzu kommt, 
dass schriftliche Obductionsberichte in andern Fällen häufig deshalb jetzt 
nicht mehr gefordert werden, weil das Gericht sich vorbehält, die Ob- 
ducenten in der mündlichen Verhandlung der Obductionssache mit ihrem 
mündlichen Gutachten zu hören. 

Der schriftliche Obductionsbericht beginne mit einem stylistischen 
Eingang, wie jeder andere Bericht. Da er eben nichts anders ist, 
als ein geschäftlicher Bericht, so genügt es vollkommen, wenn der Ein- 
gang etwa lautet; „In der üntersuchungssache wider N. N. ermangeln 
die Unterzeichneten nicht, den, unter dem **ten dieses erforderten Ob- 
ductionsbericht im Nachstehenden ergebenst zu erstatten.*' Die alther- 
gebrachte Formel: ,»auf Requisition des **^Gerichte8 vom *** begaben 
sich die Unterzeichneten am *^ nach *** , um daselbst die Leiche des 
*^ gerichtlich zu obduciren. Sie fanden an Ort und Stelle den Gerichts- 
deputirten^ u. s. w., u. s. w., ist als veralteter, schleppender Curial- 



248 ^^^ Obdttciiousbericht. §. 56. Das moti?irte schriftliche Gutachten. 

styl und aus obigem Grande vollkommen flberf lässig nnd in 
Preussen durch das „Regulativ^ beseitigt. 

Es folgt nun zunächst eine geschichtliche, das für die ärztliche Be- 
urtheilung Wesentliche enthaltende Darstellung der Thatsachen des Fal- 
les (Geschichtserzählung, species facit) aus den Akten, vorausgesetzt 
natürlich, dass die Obducenten durch MittheiluDg der Akten eine Em- 
sieht darin erhalten hatten. Die Akten zu ergänzen, namentlich durch 
Vernehmung des Angeschuldigten oder ihnen bekannter Zeugen u. dgl, 
steht den Gerichtsärzten niemals und in keinem Falle zu, wenn sie nicht 
in ganz besondem Fällen eigens dazu vom Richter bevollmächtigt wor- 
den waren, was kaum in ObductioDssachen — wohl bei Gemfithszn- 
Stands- Untersuchungen und bei Neuentbundnen in Eindermordssachen — 
vorkommt. Dagegen muss es den Obducenten freistehn, den Untersu- 
chungsrichter darauf aufmerksam zu machen, dass ihnen und was etwa 
zu ihrer Information nach der bisherigen Voruntersuchung noch abgeht, 
z. B. eine Erankheitsgeschichte des Verstorbnen, Vernehmung des be- 
handebiden Arztes, oder von Zeugen in ihrer der Obducenten Gegen- 
wart, zur etwaigen Stellung von Frageg, (was in geeigneten Fällen 
zu beantragen ich sehr empfehlen kann), u. dgl., welche Lacken vor 
der Abfassung des Obductionsbericbtes zu ergänzen Sache des Rich- 
ters ist. Auch das Geschichtliche werde kurz und bündig gehalten, um 
so mehr, als es dem Richter ans den Akten längst genau bekannt ist, 
und die Obducenten es nur anfuhren, weil sie im gutachtlichen Theile 
ihres Berichtes nicht selten darauf zurückzukommen haben. 

Es folgt nunmehr der anatomische Theil des Berichts, für welchen 
das Regulativ mit Recht vorschreibt, dass darin das Obductionsprotokoll 
nur seinem für die Beurtheilung der Sache wesentlichen Inhalte nach 
(nicht in eatenso) wörtlich und mit den Nummern des Protokolls auf- 
zunehmen, auch auf etwaige Abweichungen von letzterm ausdrdcklicb 
aufmerksam zu machen sei. Die Uebereinstimmug in der Angabe der 
Befunde ist auch leicht zu erzielen, da die Obducenten Abschrift ih- 
res Protokolls erhalten, oder, wo dies nicht der Fall war, sich dieselbe 
erbitten können. Zu einer Ablehnung eines solchen Gesuches Seitens 
des Richters geben die Gesetze keinen Anhalt, und dasselbe wird nicht 
verweigert werden. 

§. 56. rtrlsetiug. Bas ■tüvirte schriftliche SatachteB. 

Der nun folgende zweite und eigentlich wesentliche Theil des Ob* 
ductionsberichtes ist das Gutachten über den Fall. Es wird voraus- 
gesetzt, dass beide Obducenten sich über den Inhalt desselben verstän- 
digt haben, weshalb im ganzen Obductionsbericht im Ptwaliß geapro- 



Der ObductioBsbericbt §. 56, Das motWirte schriftliche Gutachten. 249 

eben, nnd der Bericht von beiden Obdncenien antereehrieben wird. Fin- 
det diese üebereinstimninng nicht Statt, so ist es dem zweiten Obdn- 
centen, dem Ereiswnndarzt oder dem seine Stelle vertretenden Arzte 
Hiebt nur nicht verwehrt, sondern es wäre sogar seine Pflicht, neben dem 
Gatachten des Physicns das seinige als Separatvotnm einzureichen. — 
Dies Gntachen ist, im Gegensatze zu dem vorlänfigen oder summari- 
schen des Obdnctionsprotokolls, in allen seinen wesentlichen Sätzen nnd 
Bebsnptimgen mit wissenschaftlichen Gründen zn nnterstfitzen. Gerichts- 
ärzte, die in ihrer Stellung noch nicht Gelegenheit gehabt haben, sich 
ein volles Vertrauen in ihrem Forum zu erwerben, werden wohlthun, 
durch Gitate aus Autorität geniessenden Schriftstellern ihre Behauptun- 
gen zu belegen. Man verwechsle aber nicht wissenschaftliche Gründe 
mit wissenschaftlichen Excursionen. Ganz ungehörig sind, weil verwir- 
rend und unverständlich für den Laien, die so häufig vorkommenden 
theoretischen Discussionen , die Darlegung von wissenchaftlichen Hy- 
pothesen und dergl. in den Obductionsberichten. Das Rechte wie das 
Maass können hier nicht gelehrt werden. Die gesunde Urtheilskraft des 
Verfassers des Obductionsberichts muss ihm die Grenze zeigen, auf wel- 
cher er sich in dieser Hinsicht zu halten hat. C asper empfiehlt die 
folgenden, seiner langjährigen Erfahrung in Praxis, wie in amtlicher Be- 
nrtheilung von Obductionsberichten entnommenen Andeutungen den Ver- 
fassern von Obductionsberichten zur Beherzigung. 

In der Regel werden für den Obductionsbericht bestimmte Fragen 
vom Richter vorgelegt. Es ist eine höchst empfehlenswerthe Vorsicht, 
nicht mehr zu antworten, als gefrafi^t worden. Denn es muss vom Arzte 
vorausgesetzt werden, dass der Richter durch die ihm vorgelegten 
Fragen den Fall für erschöpft hält, und beim unvorsichtigen Weitergehn 
setzt sich der Obductionsbericht sehr oft in die unangenehme Lage, ent- 
weder der Vertheidigung oder der Staatsanwaltschaft Waffen in die 
Hände zn liefern, die dann nur zu oft gegen den Arzt selbst gerichtet 
werden. Anders in solchen Fällen, die ebenfalls nicht gar selten vor- 
kommen, in welchen gar keine Fragen vorgelegt werden, sondern in 
denen nor einfach der „Obductionsbericht^ gefordert wird. Hier möge 
sich der Geriehtsarzt selber diejenigen Fragen stellen, die ihm nach der 
jedesmaligen Sachlage als die für den Richter wesentlichen erscheinen, 
nnd für welche ihm eine nur einigermaassen schon befestigte Erfahrung, 
wie die (ihm in jeder Beziehung so unentbehrliche) Eenntniss der be- 
treffenden Gesetzgebung den Anhaltspunkt liefern wird. So z. B. bei 
Obdnctionen Neugeborener in dem Berichte: die Fragen von der Reife, 
dem zweifelhaften Leben, der Todesart und ihrer Veranlassung; bei 
vielen Verstorbnen die Frage vom Mord oder Selbstmord u. s. w. Unter 
den richterlicherseits vorgelegten können Fragen vorkommen, auf die der 



250 Dor Obdactionsbericht. §. 56. Das motivirte schriftliche ChitoehteiL 

Gerichtsarzt gewissenhaft eine Antwort gar nicht zu geben vermag. Ich 
habe z. B. schon oben in den §§. 38. bis 41., die Werkzeuge b^roBoDd, 
dergleichen Fragen erwähnt. In solchen F&llen, ich wiederhole 66, 
schone man sich nicht, gradezn seine Incompetenz offen zn eridlrsB. 
Es ist weit gewissenhafter nnd würdiger, so zn yerfahren and zn 6r- 
klftren, dass weder die allgemeine medicinische Wissenschaft, noch die 
zofällige eigne Erfahmng über den beregten Pnnkt Anfschlfisse g6b6, 
als eine ganz allgemeine, noth wendig mehr oder weniger schwankends 
Antwort zn ertheilen, deren Haltlosigkeit ohnedies alsbald dorchschsnt 
werden wird. 

Es kommen zahlreiche F&lle vor, in denen ein positives ürthail 
über den Obducüonsbefnnd, der Natnr der Sache nach, nicht wohl 
mftglich ist. Hierher gehören beispielsweise manche Fälle von Ertris« 
knngs-, von zweifelhaftem Vergiftnngstod, nicht wenige Fälle von zwei* 
felhaftem Selbstmord nnd viele andre. Es kOnnen in diesen Fällen so 
viele einzelne Kriterien fär die Bejahung der vorgelegten Frage vor- 
banden sein, dass man sich gewissenhaft für diese Bejahung entschei- 
den würde, wenn nicht andre, den Beweis ergänzende Befände theil8 
fehlten, theils nicht sogar Befände erhobt worden wären, welche einer 
bejahenden Antwort entschieden entgegentreten. Hier giebt es zwei 
Wege, die das ürtheil gehn kann. Entweder dasselbe hält mit der 
Gewissheit der Entscheidung ganz zurück, und nimmt „mit Wahrscheia* 
lichkeit^, oder „mit hoher*^, oder „mit einer an Gewissheit grenzenden 
Wahrscheinlichkeit^ an, was unter andern Verhältnissen mit zweifels- 
freier Bestimmtheit angenommen werden würde, z. B. den Ertrinkungs- 
tod des Denatua. Oder das Gutachten hält sieh negativ, indem es ans« 
fahrt: dass die Obduction keine Ergebnisse geliefert habe, die der An- 
nahme widersprächen, dass dies und das eingetreten sei, z. B. der Ver- 
giftungstod oder der Selbstmord u. s. w. Ich wähle die letztere Form 
sehr häufig in Fällen dieser Art; sie empfiehlt sich als ungemein prac- 
tisch, sie belastet nicht das Gewissen des Gerichtsarztes, denn was er 
auf diese Weise ausspricht, kann er vollständig beweisen, und sie 
genfigt, wie ich versichern kann, in der Regel vollständig dem Richler 
und dem Staatsanwalt, welche die Mängel des Beweises, die nch in 
diesem Ausspruch ausdrücken, durch die ihnen noch weiter zu Gebote 
stehenden Beweismittel, Zeugenaussagen u. s. w. beseitigen, und den 
Beweis nun ganz vervollständigen. Im üebrigen kommen die Obduc* 
tionsfUle, wenn die Sache überhaupt weiter verfolgt wird, in dem 
spätem Audienztermine ja vneder zur Sprache , und hier eifthren die 
Obducenten häufig noch eine Menge Thatsachen, die ihnen früher uid>e- 
kannt geblieben, oder anders dargestellt worden waren, und Urnen Ver- 
anlassung geben, ihrem frühem mehr negativ gehaltenen Aussprudi ein« 



Der Obdactionsbericht. §. 56. Das motiyirte schriftiicbe Gutaehten. 251 

poaitifere, jenem nieht widersprechende Form zn geben. In zwdfel- 
haftern F&llen in der Negation noch erheblich weiter gehn, als hier an- 
gedeatet worden, heiset einer übertriebenen Skepsis hnldigen , mit welcher 
am Ende die ganze geriehtsftrztliche Th&tigkeit über den Haufen fBUt. 
Die ErCüoimg lehrt, dass nnr zn hänfig Gerichtsftrzte in diesen Fehler 
der zn weit getriebenen Zweifelsncht in ihren Gutachten verfallen, wo- 
gegen nicht genug eindringlich gewarnt werden kann. Man gebe doch, neben 
den positiTen Lehren der Schule, auch dem gesunden Menschenverstände 
die Ehre, der ja bei jeder ärztlichen, und so auch bei der gerichts- 
izztlicfaen Th&tigkeit die Gnmdbedingung alles Gelingens und richtigen 
Uitheils ist! um das Beispiel vom Ertrinkungstode festzuhalten, so ist 
es allerdings richtig, dass derselbe unter manchen umstünden — keines- 
wegs unter allen, wie wir in den betreffenden Paragraphen des spec. Theils 
beweisen werden — nur schwer festgestellt werden kann. HitdemLehrbucbe 
in der Hand hat nun in solchem Falle der Physicus vollkommen Recht, 
wenn er in seinem Gutachten deducirt, dass und warum gar nicht be- 
wiesen werden könne, dass der Mensch, dessen Leiche aus dem Wasser 
gezogen worden, lebendig in dasselbe gerathen und darin ertrunken sei, 
dass dies vielmehr dahin gestellt bleiben müsse. Dass der Richter mit 
einem solchen Gutachten nun vorläufig rathlos dasteht, will ich nicht 
weiter hervorheben, da den Arzt die Folgen seiner Aussprüche nicht 
kfimmem dürfen, wenn letztere nur überhaupt haltbar, in jeder Bezie- 
hnng haltbar sind. Aber ist denn das teatimonium paupertatis^ das sich 
der Gerichtearzt bei der obigen FormuHrung seines Gutachtens ausstellt, 
welches doch mit andern Worten nur sagt: „ich weiss nicht, wie dieser 
Mensch gestorben'^, ist diese Incompetenz-Erklämng gerechtfertigt? Ge- 
wiss nicht. Zunächst stand fest, dass der Mensch aus dem Wasser gezogen 
worden. In tausenden von Fällen aber kommen Lebende in's Wasser 
nnd ertrinken darin, in hOchst seltenen Fällen gelangen Leichen in's 
Wasser. Es liegt also an sich schon eine gewisse höhere Wahrschein- 
lichkeit dafür vor, dass auch Denatm lebend in's Wasser gekommen 
sein werde. Nun fimden sich bei der Obduction ein, zwei, drei Zeichen, 
wie man sie bei unzweifelhaft Ertrunkenen in der Regel findet, während 
andre Beweise dieses Todes allerdings fehlten. Endlich aber fehlte jeder 
Befand, der auf eine andere Todesart, als die durch Ertrinken, zu 
BcUiesaen berechtigte. Fasst man dies Alles, und hier wie in ähnlichen 
FiOen noch oft unzählige einzelne Nebenumstände zusammen, so heisst 
es dodi unzweifelhaft zu weit gegangen, wenn man, wie ein sonst vor- 
trefflieher, neuerer Schriftsteller, der jener übertriebenen Skepsis huldigt 
(Engel), ausruft: Sagt mir erst, wie ein Mensch gestorben, und ich 
wQl euch dann aus dem Befände seinen Tod erklären! Wenn wir 
dagegen in solchen, hier bezeichneten zweifelhaften Fällen, vrie sie, wir 



252 I>er Obductioiisbericht. §. 56. Da« moti?irte schriftliche Gutachten. 

wiederholen es, allerdings häufig genug vorkommen, die Form für den 
Tethor des Gutachtens wählen: ,,dass die Obduction keine Ergebnisse 
geliefert habe, die der Annahme widersprächen, z. 6. daas Denatu^ 
lebend in^s Wasser gerathen sei, und darin seinen Tod gefonden habe, 
so glauben wir den Lehren der Wissenschaft, wie der einfachen Com- 
bination des gesunden Menschenverstandes gleich sehr Grenüge geleistet 
zu haben. 

Fälle, wie die so eben in Bezug genommenen, kommen neben audern 
vor, die äusserst einfach sind, und die leichteste Beurtheilung gestatten. 
Aber grade die grosse Einfachheit des Falles verleitet nicht selten Ge- 
richtsärzte zu irrthämlichen Urtheilen. Sie suchen, wo nichts zu finden 
ist, und vermeinen, es sei unthunlich, dass man in Verfolg einer amt- 
lichen und gerichtlichen Obduction, die immer mit einem gewissen impo- 
nirenden Apparat auftritt, ausspreche, z.B. der Mensch ist an einem natür- 
lichen Schlagfluss verstorben, nichts mehr und nichts weniger. Sie er- 
gehn sich desshalb in Veimuthungen und willkährlichen Annahmen, die 
sie auf die grössten Abwege verirren, die den Richter seinerseits ver- 
wirren, und ihn zwingen, die weiteren technischen Instanzen um ein 
Gutachten anzugehn, das oft keine andre Aufgabe hat, als den Fall in 
seiner ursprünglichen Einfachheit wieder herzustellen, ünsre oberste 
wissenschaftliche Medicinal- Behörde hat diese Aufgabe zu. oll zu lösen, 
als dass es hier nicht am Orte gewesen wäre, auch vor diesem Fehler 
in den Obductionsberichten zu warnen. 

Hieran schliest sich innig eine wahre — Manie mancher Gerichts- 
ärzte , glücklicherweise nicht vieler , der nicht scharf genug entgegen- 
getreten werden kann; ich meine die Sucht, Verbrechen zu wittern. 
Eine Zerkratzung, einige gelbbraune Flecke am Leichnam, von der sie 
oft nicht ahnen, dass sie erst nach dem Tode entstanden, Gesiditszfige« 
in denen ihr befangenes Auge »Angst und Verzweiflung^ ausgedrfick 
findet, eine Spur am Halse, deren Entstehn der geübte Practiker viel- 
leicht der einfachsten Veranlassung zuschreibt, die ihnen aber als Strang- 
marke gilt u. dgl. m., gibt ihnen Gelegenheit, statt eines Obductions- 
berichtes einen — Roman zu schreiben. Sie constatiren darin mit an- 
scheinend wissenschaftlichen Gründen nicht nur das (gar nicht vorhandne) 
Verbrechen, sondern sie schildern, oft nicht ohne Scharfsinn, und mit 
einer Genauigkeit , als wären sie Augenzeugen gewesen , alle Einzeb- 
heiten desselben und das Verfahren des „Mörders^ ! Ich habe FäUe er- 
lebt, in welchen ganz Unschuldige auf Grund solcher phantasiereichen 
gerichtsärztlichen Gutachten Monate lang in Kerkerhaft verblieben waren, 
und in denen die ernsteste Rüge Seitens der vorgesetzten Medicinal- 
Behörden kein ausreichendes Gegengewicht gegen den angerichteten 
Nachtheil abgeben konnte. 



Der Obdaciioiisbsricht. §. 56. Das mot. schrifU Gutachten. Zum 109. Fall. 2«^3 

Am Schlusse des Obdnetionsberichtes fasst man die im Gatachten 
aasgesprocheDcn ürtheile in ein kurzes Re^mm^ (Tenor) zusammen, das 
übersichtlicb und zusammengedrängt die ganze Meinung des Obducenten 
über den vorliegenden Fall auszusprechen hat. 

Endlieh zum Schluss des ganzen Aictenstücks, soll eine altherge- 
brachte Formel stehn: „schliesslich versichern wir, dass wir vorstehen- 
des Gutachten nach unserm bestem Wissen und Gewissen und nach 
den Grundsätzen der gerichtlichen Arzneiwissenschaft abgefasst haben'' 
a. s. w. Dieser Curialstyl-Zusatz ist als eine vollkommen überflüssige, 
sieh ganz von selbst verstehende Bestätigung des Gutachtens ganz zu 
beseitigen, und, wie der obige veraltete Eingang, im Berliner For«/« 
voD uns und unsem Amts Vorgängern seit mehr als einem Menschen- 
alter längst beseitigt. Jene Versicherung ist übrigens auch nirgends 
als Zusatz gesetzlich vorgeschrieben. Diese veraltete, überflüssige For- 
mel, die noch die neusten Handbücher lehren, beruht auf blosser Tra- 
dition, wie so viele, weit wichtigere Punkte in der gerichtlichen Me- 
dicin!*) Dagegen darf natürlich die Unterschrift beider Obducenten und 
die Beidrfickung ihrer etwaigen Amtssiegel unter dem Obductionsbe- 
richte als gesetzlich vorgeschriebene Beglaubigung nicht fehlen.**) 

%iim 109. Fall« Ob Denatus an den Kopfverletzunf^en gestorben? 

Als Probe eines Obductionsberlcbtes in vorscbriftsm assiger Form wähle ich absicht- 
lich den nachstehenden, zu dem Obductionsprotokoll S. 243 geborigen, weil er nur ganz 
ungewöhnlich kurz und gedrängt gehalten ist, und dennoch All%s enthalt, was im con- 
creten Falle darzulegen die Aufgabe des Obductionsberichtes war, wie denn auch seiner 
Zeit Ton der richterlichen Behörde erschöpfend befunden worden ist. 

Obdnetionsbericht in der Untersuchungssache contra Nause. 

N. 41.68***) 

In Folge Auftrages des Königlichen Stadtgerichts vom ]. Septbr. c. ermangeln die 
Unterzeichneten nicht , den von ihnen geforderten Obductionsbericht ergebenst zu 
erstatten. 

Am I. Septbr. c. wurde der qu. Waldow im Streit mit einem Hackebeil am Kopfe 
Terletit 

Dr. Ulrich fand auf der linken Schädelb&lfte ein Zoll, bis zwei Zoll tiefe Wunden, 
welche mit einem balbscbarfen Instrumente zugefiigt schienen, und durch welche die 
Kopfhaut verletzt war. 

Waldow erkrankte und wnrde bis zu seinem Tode von dem Dr. Ulrich behandelt. 
Nach seiner Deposition nahmen die Wunden zuerst einen gutartigen Verlauf, die beiden 
hinteren Wanden heilten schnell vollständig, nur die beiden vorderen Wunden hei Ken 
etwas langsamer , weil sie von vornherein mehr gezackte Ränder hatten. Einige Tage 



*) Ist jetzt ebenfalls im preussischen Regulativ vorschriftsmässig beseitigt. 
**) Vgl. in diesem Paragraphen das dritte Kapitel des ersten Theils 
Das Aktenzeichen der betreffenden Akten. 



256 §• ^7* Revision der Gutachten und technischer Instanzemng. 

Betreif der scbriftlich von den Gerichtsärzten erstatteten ObducUoDsbe- 
richte stattfinden soll. In der Regel nnd Mehrzahl aller Fftlle gehen die- 
selben dann, mit den Akten, zunächst in Prenssen an das Medieinal- 
CoUeginm der Provinz, und wenn auch das Gutachten dieser Behörde 
aus irgend einem Grunde beseitigt wird, zuletzt an die E. wissenschaft- 
liche Deputation für das Medicinalwesen zur Erstattung eines Sui^etar- 
bifrii. Dasselbe wird, wie bei den Mediciual-CoUegien, von zwei Refe- 
renten abgefasst, die Jeder für sieh arbeiten, beide Gutachten werden 
in der Sitzung zum Vortrag gebracht und discutirt, und dasjenige, fBr 
welches sich das GoUegium durch Majorität entscheidet, angenommen, 
unterschrieben und ausgefertigt.*) Wenngleich die instanzlicheu Ur- 
theile an dem Mangel leiden, dass sie der Natur der Sache nach nicht 
auf Autopsie beruhen können, einem Mangel, dem so weit thunlich, in 
neuester Zeit wiederbolenüich in erfreulichster Weise dadurch abgehol- 
fen worden ist, dass die zu untersuchenden lebenden Personen (Gei- 
steskranke) hergeschafft wurden, so haben diese UrtheUe doch das Ge- 
wicht vorgängiger collegialischer Berathung auf Grund der ermittelteo 
Thatsachen. 

Diese letzteren aber unbefangen und sachgemäss zu erheben, ma«» 
das Bestreben der erstinstanzlichen Sachverständigen sein. 

Die Frage: in wie weit der Richter an das Gutachten der Aerzte, oa- 
menüicb an AMSuperavbürium der letzten und höchsten technischeD Instaaz 
gebunden sei? ist bekanntlich eine vielfach besprochene. Wir haben an die- 
sem Ort dieselbe gar nicht zu erörtern, da sie eine rein juristische ist, und 
wollen nur darauf liindeutCD, dass dieselbe, namentlich in Schwui^erichta- 
Sachen, in neuester Zeit alle practische Bedeutung verloren hat, da die 
Geschwomen, nachdem sie den ganzen Fall mit allen seinen Einzel- 
heiten, also auch die mediciniscb -technische Beleuchtung der Sache, in 
sich aufgenommen, ja ohnedies an nichts Andres, als an ihre gewissen- 
hafte Ueberzeugnng gebunden , einzig und allein danach ihr Yerdict ab- 
messen. Dass dies oft genug, und zwar in der merkwürdigsten Weise, 
grade dem ärztlichen Gutachten entgegenstehend ausfällt, weiss Jeder, 
der auf diesem Boden zu wandeln gewohnt ist! 

Schriftliche Zeugenaussagen, wozu im weitem Sinne auch schrift» 
liehe Gutachten einzelner Aerzte, wie der Medicinal-Behörden , gehören, 
sollen gesetzlich gar nicht oder nur in den allerdringendsten und unab- 
wendbarsten Fällen in den mündlichen Gerichtsverhandlungen zugelassen 



*) Ein ganz ähnlicher Instanzenzug findet in den meisten deutschen Staaten Statt. 
In Oesterreicb und in einigen kleinern , in denen keine Medicinal - Behörden eiiitirea, 
werden die Gutachten der Gericht^ärzte mit den Akten an eine in* oder auslindiscbe 
FacttUät gesandt. Die österreichische gesetzliche Bestimmung s. oben. 



§. 57. ReYision der Outachten und technischer Instanzenzug. 257 

werden. Seit Einführung dieses Verfahrens ist es deshalb öfters vorge- 
kommen, dass die Medieinal - Gollegien nnd die wissenschaftliche Depu- 
tation aufgefordert wurden, zu Audienzterminen in Sachen, in welchen 
diese Behörden Gutachten erstattet hatten, den Verfasser derselben 
oder ein andres Mitglied des Collegii zu deputiren, um das Gutachten 
in der öffentlichen Verhandlung mündlich zu „vertreten". Eine solche 
Vertretung eines, aus coUegialischer Berathung hervorgegangenen Gut- 
achtens durch einen Einzelnen aber, und wäre er auch der ursprüngli- 
ebe Verfasser, ist ganz unthunlich, namentlich schon deshalb, weil im 
Andienztermin fortwährend neue Fragen auftauchen, welche der Abge- 
ordnete der Medieinal -Behörde dann doch immer nur als individueller 
Sachverständiger, nie im Namen des, von ihm zu Rathe gezogenen Col- 
legii würde beantworten können. Dazu kommt die physische Unaus- 
fuhrbarkeit der Sache, namentlich für die wissenschaftliche Central-Be- 
hörde, deren Wirkungskreis die ganze Monarchie umfasst, und viele 
andre Gründe. In weiser Erwägung aller dieser Umstände haben die 
vorgeordneten höchsten Verwaltungs- Behörden deshalb auch in neuerer 
Zeit entschieden, dass die Absendung von Deputirten aus dem Schoosse 
der Medieinal -Behörden zu den Audienztermiuen nicht gefordert werden 
könne, und dass vielmehr jeder in der Nähe des Gerichtes lebende qua- 
lificirte Arzt nach vorheriger Mittheilung des Gutachtens rcquirirt wer- 
den könne, um dasselbe in der mündlichen Verhandlung zu vertreten. 



C«ip«r*s garicbd. Ii«dlcln. 5. Aua. It. 17 



Specieller Theil. 



17 



Erste AbtheUnng. 



Die gewaltsamen Todesarten. 



Erster Abschnitt 



Mechanischer Tod, 



Gesetzliche Bestimmungen. 

Pr«u«s. Strafgesetibnch Tom Jahre 1851. §. 185 Bei FeetstellaDg des Thatbestandet der 
TMtoDg kommt •• nicht in Betraebt, ob der tSdtlleb« Brfolg einer Verletsang darch selttge oder «weck- 
■isaiga H&lfe bSMit Terftiodert werden können, oder ob eine Verletinng dieser A.rt In anderen Fällen 
duixh Half« der Knnat geheilt worden, ingleieben ob die Verletsnng nur wegen der eigentbamlieben Lei- 
bertccehaffeiibeit d— GaiBdteken oder wegen der mf&Ui^en UmatSnde, unter welehen sie ingefBgt wurde, 
des tSdtlielMB Srfolg gehabt bat*) 

Oeaterr. Strafgea. §. 134. Wer gegen einen Menschen , in der Absicht, ihn sa todten, anf eine 
Sftlefeo Art bsadelt, daaa dadurch dessen oder eines anderen Mensehen Tod erfolgt, macht sich des Ver- 
brechaae des Mordaa schuldig, wenn auch dieser Erfolg nur ▼ermSge der persönlichen Beschaffenheit dea 
Vcrtetxtea, oder bloss Termöge der aof&lUgen Umstinde, unter welchen die Handlang Terfibt wurde, oder 
nur vurmSgo der safülig hinangekommenen Zwischeaursflchen eingetreten i^t, insofern diese letstern durch 
^ Haadlaag selbst Teranlasst wurden. 

Baicrseb. Strsfge». Art 283. Für die FestAtellung des Thatbestaodee einer rechtswidrigen TSdtnng 
iet ce anerbeblieb • ob der tödtlichs Brfolg der Handlung durch seitige Kweckm&ssige Hilfe bitte abge- 
«cadet werden können, oder niebt; ob die Besebidignng unmittelbar oder nur durch eine ans ihr ent- 
■Uadeae Zwiscbonarsache den Tod bewirkt habe; desgleichen ob dieselbe nur In Folge der eigenthnm- 
licbaa Lelbssbeaebaffeaheit des Beachidigten, oder der sufalligen Umstinde, unter welchen sie ihm suge- 
figt werde, dea Tod herbeigeführt habe. 

Wirtemb. Strafges. Art. 985. Um eine Beschidigung für tSdtlich lu halten, wird erfordert, dass 
Mdche als wrlrfconde Urischs den Tod einea Menschen herbeigeführt habe, oder doch herbeigeführt haben 
«ärde, weaa derselbe nicht durch ein anderes Ereigniss aeltiger bewirkt worden wire. Es hat sonach 
aar die rsebtllebe Beurtbeilnng der TSdtlichkeit einer Beschidigung keinen Einfluss, ob ihr tödtlicber 



*) Disser Paragraph des ehemaligen Prenss. Strafgesetxbaches Ist in das Strafgesetx für den Nord- 
dcetacbeo Band nicht aufgenommen, weil die Richtigkeit des Qrundsatces iuder Bechtsprechung keinem 
Z*«tf«l b^egaen werde. Nur deshalb fuhren wir ihn noch an. s. S. 264. 



262 §• 1- Verletzungen, a) Begriff der Verletzung. 

Erfolg In anderen Fallen durch Bülfa der Konat etwa aehon abgewendet worden, oder nicht, ob dcndb« 
im gegenwärtigen Falle durch seltige Hülfe h&tte verhindert werden kennen, ob die Beachi *igang aanitt*!* 
bar, oder durch ;indere, Jedoch aus ihr entstandene, nnd durch ate in Wirksamkeit geaetst« 2wi»cb«i< 
nraachen den Tod bewirkt hat, ob dieselbe allgemein todtlich ist, oder nur wegen der elgentliäsiUekM 
Leibesbeschaffenbeit des Qetodtelen, oder wegen der anfilligen Umst&nde, unter welchen sie 1ha tag«/ii(t 
worden, den Tod bewirkt hat. 



§. 1. AllgeMelnes. a) Begrif der Verletnig. 

In keiner andern Frage der gerichtlichen Arzneiwissenschaft hat 
sich der Einflnss des Strafrechts und die irrige Ansicht der gerichts- 
ärztlichen Schriftsteller, als ob sie eine y, Junsprudentia medica^ Q.) zu 
tractiren hätten, so geltend gemacht, als in der Frage von den Verletzan- 
gen. Dies zeigt sich schon bei der Betrachtung der üblichen Behandlaog 
des Begriffs „Verletzung"*. Allerdings verbindet schon der Sprachgebrauch 
mit dem Worte eine doppelte Bedeutung. A. hat dem B. eine Verletzung 
zugefügt; B. hat eine Verletzung davongetragen; A. bat gehandelt, 
B. hat erlitten, also That nnd Wirkung. Der Stich, das Stechen war 
eine verletzende Handlung, eine „Verletzung^, die dadurch entstandene 
Stichwunde ist wieder eine „Verletzung". Die Strafrechtswissenschaft 
musste sich des Sprachgebrauchs bemächtigen, und ihn far ihre Zwecke 
wissenschaftlich verarbeiten. Sie musste die verletzende Handlung, wie 
die Folgen derselben, in's Auge fassen. Aber wie kommt, bei einer im- 
mer wieder zu urgirenden, richtigen und sachgemässen Auffassung ih- 
rer Aufgabe, die gerichtliche Medicin dazu, sich in Definitionen über die 
verletzende Handlung zu ergehn P sie, die es nur einzig und aDeia 
mit dem Naturobject, hier also mit dem, durch die verletzende Hand- 
lung getroffenen Körper, zu thun hat? Die theoretischen Handbücher 
irren sehr, wenn sie vermeinen, dass der Gerichtsarzt in seinem amt- 
lichen Wirkungskreise jemals in die Lage kommen könne, von ihren 
Excursen über „objectiven und subjectiven Schaden", über „Dolus und 
Culpa^ bei der verletzenden Handlung u. dgl. m. irgend welchen Gebraach 
machen zu können, ja zu dürfen. Der verletzte Mensch, lebend oder 
todt, wird ihm als UntersuchuDgsgegenstand vom Richter überwiesen. Dass 
hierbei Nebenfragen, betreffend das verletzende Werkzeug, die Lage nnd 
Stellung, welche der Verletzende oder der Verletzte zur Zeit der That 
inne hatten, und über die Kraft, mit welcher muthmaasslicb die Ver- 
letzung zugefügt wurde, dem Arzte vorgelegt werden, kann nnsrer Be- 
hauptung nicht entgegnet werden; denn alle solche Fragen haben 
gleichfalls noch ihre Begründung in der Sphäre ärztlichen Wissens und 
ärztlicher Erfahrung. Es bedarf ja natürlich der technischen Untersu- 
chung des Verletzten, um festgestellt zu sehn, ob z. B. derSchoss von 
unten herauf zu dem Verletzten drang, oder nicht, ob wirklich die 
Wunde mit dem angeblich dazu gebrauchten stumpfen Brodmesser, oder 



§ 2. Yerletzungen. b) Todtlichkeit der Verletzungen. 263 

nidit yielmehr, wie vermnthet wird, mit einem zugespitzten Dolch bei- 
gebracht Würde n. 8. w. Also immer wieder das Naturobject, und 
nichts als dieses, als Gegenstand der gerichtlichen Medicin! Hiernach 
ist in ihrem Sinne „Verletzung^ einfach zu definiren, als: jede durch 
änssere Veranlassung bewirkte Veränderung im Bau oder 
in der Verrichtung eines Eörpertheils. In ersterer Beziehung 
wird der Zusammenhang der Theile gestört, und Verletzimgen dieser 
Art sind: Wunden, Rupturen, Gefässtrennungen (Hämorrhagie und Su- 
gillatioQ oder Ecchymose), Verbrennungen, Vorfälle, Enochenbrüche und 
Verrenlcungen« In letzterer Beziehung wird keineswegs immer der or- 
ganische Zusammenhang, wenigstens nicht wesentlich, aufgehoben, viel- 
mehr oft nur: Erschfitterung, Quetschung und Lähmung als „Ver- 
letzung' bedingt. 

§. 2. r^rtsetuBg. b) Todtlichkeit der Terletsaag. 

Es war nnserm Jahrhundert vorbehalten, eine der folgenreichsten 
Refonnen in die Strafrechtswissenschaft einzuführen und Lehren zu be- 
seitigen, die ein berühmter Lehrer derselben mit Recht einen „Schand- 
fleck* in dieser Wissenschaft, ein „Asyl für Mörder" genannt hat (Stu- 
be 1). Wir wollen weder selbst in den hier so oft gerügten Fehler des 
Beschreitens des juristischen Gebietes verfallen, noch ist es unsre Auf- 
gabe, eine Geschichte der gerichtlichen Medicin zu schreiben, der glack- 
licherweise jetzt die alte, unhaltbare, verwerfliche, trügerische und ge- 
fahrliche Lehre von den Lethalitätsgraden anheimgefallen ist; wir ha- 
ben viehnehr nur mit Einem Worte anzudeuten, wie jetzt, nachdem das 
Crimüuürecht die „absolut tödtliche Körperverletzung" als Kriterium des 
Thatbestandes der Tödtung beseitigt hat, auch alle, aus solchem funda- 
vaenium dividendi folgenden Eintheilungen und Unter- wie Unter-Unter- 
Eintheilungen in nicht absolut tödtliche, individuell, accidentell, meisten- 
theils u. 8. w. u. s. w. tödliche Verletzungen als Kategorien in Nichts 
zerfallen sind. Alle Europäischen Gesetzgebungen ohne Ausnahme stehn 
(onsers Wissens) heute auf dem geläuterten Boden der neueren Wissen- 
schaft, die jeden Fall tödtlich gewordner Verletzung indivi- 
dualisirt und jede Subsumption unter allgemeine Katego- 
rieen verwirft, die nur, und einzig und allein, den „Thatbestand der 
Tödtong durch die Verletzung '^ im concreten Fall festgestellt wissen 
will, und sich gar nicht darum kümmert, ob durch eine glückliche Mög- 
lichkeit oder ein Zusammentreffen günstiger Umstände, möchten sie im 
oder ausserhalb des Verletzten gelegen haben, der Tod hätte abgewen- 



*) Ueber Verletsongen ohne tödtlichen Ausgang s. Bd. I. 4. Abschnitt. 



264 §• 2. Verletzungen, b) Tödtlichkeit derselben. 

• 

det werden können. Es muss überraschen, zu sehen, wie die Wissen- 
schaft und die daranf basirte Gesetzgebung und Praxis mehr als zwei 
Jahrhunderte bedurft haben, um sich zu diesem Standpunkt dorehzu- 
arbeiten und einzusehen, dass die Tödtung eines Menschen durch eme 
Verletzung Seitens eines Dritten in ihrer Wirkung ganz dieselbe Hand- 
lung ist, wie die der Erdrosselung oder des Ertr&nkens u. 8. w., und 
dass z B. auch das Aufhängen, das Ertränken keine „absolut tikltliche'^ 
Handlungen sind, weil ja der Tod leicht durch sofortiges Beseitigen des 
Stranges oder Herausziehn aus dem Wasser abgewendet werden kann ! 
„Als Erfolg ist jede Wirkung anzusehen^ , sagte das Sächsische Straf- 
gesetzbuch in seinem Artikel CS., „welche durch die Handlung oder 
Unterlassung des Verbrechens verursacht worden ist, gesetzt auch, dass 
zur Hervorbringung desselben Umstände mitgewirkt haben, welche der 
Verbrecher nicht vorhergesehen hatte." Die Motive aber zum Strafge- 
setzbuch für den Norddeutschen Bund führen aus: „die Richtigkeit die- 
ses früher vielfach bestrittenen Grundsatzes wird in der Rechtsprechung 
keinem Zweifel begegnen. Wollte der Thäter einen bestimmten Erfolg 
und war seine verbrecherische Thätigkeit ursächlich zur Herbeiführung 
des Erfolges geeignet, so kann es nicht darauf ankonmien, ob der 
schliessliche Eintritt des beabsichtigten Erfolges durch die Mitwirkung 
von Umständen geschah, die ausser der Berechnung lagen. Die Lösung 
entstehender Zweifel bleibt jedenfalls am zweckmässigsten der Ent- 
scheidung des besonderen Falles vorbehalten.*' 

Mit diesen Worten motivirt der Gesetzgeber den Wegfall des bis- 
herigen §. 185. Pr. St. und der darin ausgesprochenen Grundsätze als 
selbstverständlich. Die „Feststellung des Thatbestandes der Tödtung*' 
an sich, das ist und kann naturgemäss auch nur sein die vom Rich- 
ter an die Gerichtsärzte zu stellende Aufgabe, d. h. mit andern Wor- 
ten die Beantwortung der Frage: ob Dmatuti an der und durch die 
Verletzung seinen Tod gefunden habe? Die Frage kann bejaht wer- 
den müssen, wenngleich es auf der Hand liegt, dass der „tödtliche Er- 
folg der Verletzung durch zeitige oder zweckmässige Hülfe hätte ver- 
hindert werden können" (die Verletzung also im Sinne der Aelteru 
eine nur per se lethale gewesen), oder dass vielleicht in einem andern 
Falle eine „Verletzung dieser Art durch Hülfe der Kunst geheilt wor- 
den ** {ut rlurin um lethale Verletzung), oder dass die Verletzung, die 
immerhin den Menschen getödtet hat, „nur wegen der eigenthümlichen 
Leibesbeschaftenheit des Getödteten" die tödtliche Wirkung hatte (indi- 
viduell lethale Verletzung), oder endlich dass der Tod nicht eingetreten 
sein würde, wenn nicht die „zußlligen Umstände, unter welchen die 
Verletzung zugefügt wurde" (/»rr accidena lethale Verletzung), mit ihr 
gleichzeitig eingewirkt hätten. Es ist ein vollständiges Verkennen der 



§ 2. Verletzungen, b) Tödtlichkeit derselben. 265 

Sachlage and der innem BedeutuDg dieser nenem Btrafgesetzlichen Be- 
stimmDugen , wenn man dagegen erhoben hat, dass den allei^öbsten 
Ungerechtigkeiten dadurch Yorschub geleistet werden könne. Denn wenn 
z. B. A. dem B. eine Engel dnrch den Eopf schoss, oder G. dem D. 
einen Fanstschlag vor die Bmst gab, in welcher ein Herz lag, das dnrch 
organische Krankheit zn einer Ruptnr disponirt war, die dnrch die Er- 
sehütternng nnn wirklich in der kranken Wandnng erfolgte, so war ja 
offenbar in beiden Fällen der Tod dnrch die verletzende Handlung er- 
folgt, nnd der „Thatbestand der Tödtnng^ (dnrch die Verletzung) mnss 
?om Arzte als „festgestellt^ angenommen werden, während es sich doch 
dem Unbefangensten aufdrängt, dass strafrechtlich hier nicht beide Thä- 
ter auf derselben Linie stehn. Gewiss nicht. Aber der Gesetzgeber hat 
dies eben so gut gewnsst, der aber auch in allen Fällen, in denen er 
vom Gerichtsarzt ein Gutachten verlangt, in welchem er ihm eine oder 
mehrere Fragen zur Beantwortung vorlegt, nicht ein blosses Ja oder 
Nein als Antwort erwartet, sondern die Bejahung oder Verneinung auf 
wissenschaftliche Gründe gestützt, und diese dem vorliegenden Falle 
angepasst wissen will, vrie dies namentlich der österreichische Ge- 
setzgeber ganz bis in's Einzelne ausdrücklich vorschreibt. Erst 
dann ist ein motivirtes Consilium medicuni geliefert. In diesem wird 
dann im obigen Falle der Richter Aufschluss erhalten über Rupturen 
des Herzens, über Erschütterungen innerer, wichtiger Organe u. s. w., 
nnd der Gerichtsarzt, der mit solchen Ausführungen Alles gethan, wozu 
ihn Erfahrung nnd seine Wissenschaft berechtigen, während er, sobald 
er weiter geht, und sich nach der alten Lehre anf das Gebiet der Le- 
thalitätsgrade, der allgemeinen Eategorieen begiebt, sich augenblicklich 
in Hypothesen oder rein individuelle Ansichten verirrt, dor Gerichtsarzt, 
sagen wir, kann vollkommen beruhigt darüber sein, dass Richter nnd 
Geschworne nach diesem seinem motivirten Gutachten den Urheber der 
Tödtung mit dem richtigen Maasse messen werden. Denn das „nicht 
in Betracht kommen^ aller Nebenumstände in den Worten der ange- 
zogenen Gesetzesstellen bezieht sich ja nicht auf die Beurtheilung der 
Schuld des Thäters, sondern offenbar eben nur auf die „Feststellung 
des Thatbestandes der Tödtung^, also nicht auf die Thätigkeit 
des Geschwomenrichters, sondern nur allein auf die des Arztes. Des- 
sen Aufgabe ist hiernach gegenwärtig in allen Fällen von tödÜich ge- 
wordnen Verletzungen irgend welcher Art in keiner Weise eine andre, 
als die in Fällen aller andern gewaltsamen Todesarten, und er hat hier 
nnr auszuführen, dass eine Verletzung den Dinat s getödtet hat, wie 
dort, dass derselbe den Ertrinkungstod gestorben, d. h. lebend in das 
Wasser gekommen war. 



266 §• 4* VerJetzungen. d) Individualität und zufällige Umstände. 

§. 3. P«rUetiaag. c) lie ferletsten Irgane. 

Ein andres fremdartiges Element, von welchem die gerichtliche 
Arzneiwissenschaft zu reinigen , ist die Betrachtung der Eörperverletzon- 
gen nach den einzelnen Organen. Wenn die Bearbeiter einerseits dem 
Gerichtsarzte strafrechtswissenschaftliche Kenntnisse und Theorieen auf- 
gedrängt haben, denen er fremd zu bleiben hat, so haben sie ihn ande- 
rerseits in seinem eignen Fache zum Anfänger herabgew&rdigt Es ist 
nicht leicht, sich von der Fessel althergebrachter Ueberlieferung zu be- 
freien, und darum hat man immer wieder gelehrt, welche Verletzungen 
welcher Knochen tödtlicher sind, als andre, wie Verletzungen der 
schwängern Grebärmutter gefährlicher sind, als die der nicht schwängern, 
unter welchen Umständen Darmverletzungen tödUich, unter welchen an- 
dern sie weniger lebensgefährlich sind u. s. w. Es ist dies eine Ueber- 
lieferung aus der urältesten Zeit der gerichtliehen Medicin, in welcher 
die Begutachtung von Körperverletzungen die ausschliessliche oder Haupt- 
aufgabe der in peinlichen Rechtsfälten zugezogenen „Sachverständigen 
der Arzenei^ war. Aber das Thema in Frage ist ein rein chirur- 
gisches, und chirurgisches Wissen muss, wie jedes allgemeine medi- 
cinische Wissen, beim Gerichtsarzte und von dem Handbuch der ge- 
richtlichen Medicin Torausgesetzt werden. Nirgends, und namentlich in 
Preussen nicht, wird ein Bewerber um ein gerichtsärztliches Amt auch 
nur zu der ihn dazu befähigenden Prüfung zugelassen, geschweige dass 
ihm das Amt selbst übertragen wird, der nicht bereits seine vollkommne 
allgemeine ärztliche Qualification der Behörde nachgewiesen hat, d. h. 
als Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer (so wenigstens in Preussen) 
vom Staate approbirt ist. Für einen solchen, folglich für jeden Gerichts- 
arzt, ist es sonach etwas höchst Ueberflüssiges , wenn man ihn beleh- 
ren will, dass Schädelverletzungen durch Zersplitterung der Glastafel 
das Gehirn verletzen können; dass bei einer Verletzung der Art hra- 
chialis wohl durch Unterbindung der Tod abgewehrt werden kann, nicht 
aber bei einer Verwundung des Aortenbogens ; welche Gefahr Verietzun- 
gen der Gelenke bedingen können u. dgl. m. — Alle Lehrsätze also, 
betreffend die Verletzungen der einzelnen Körpertheile und ihre Gefthr 
und Tödtlichkeit, sind den Handbüchern der Chirurgie lediglich zu über- 
lassen. 

§. 4. rertsetiang. i) iBdirldulltat ud lafillige UMiUadf. 

Ganz dasselbe gilt von den Kategorieen der Individualität des Ver- 
letzten und der sogenannten Accidentien, die mit, neben, nach der Ver- 
letzung einwirkten und ihre Gefahr steigerten. Abgesehn davon, dass 



§. 4. Verletzungen, d) IndiTidualit&t und zuföllige Umstände. 267 

diese Momente „bei der Feststellmig des Thatbestandes der Tödtong 
gar nicht mehr in Betracht kommen dürfen^ (§. l.)» ist es doch auch 
zweifellos, dass wir uns in BetreflF derselben, namentlich der Individua- 
lität, in der grossen Mehrzahl aller Fälle rein im Gebiete der Yoraus- 
setzimgeD, der Hypothesen bewegen, die überall in der gerichtsärztli- 
chen Praxis höchst bedenklich und möglichst zu vermeiden sind. Wir 
wissen wenig oder nichts Sicheres darüber, warum bei zehn Menschen 
eine Dannverletzung durch Entzündung und ihre Folgen tödthch wird, 
während bei zehn Andern dieselbe oder selbst eine bedeutendere Ver- 
leteaog des Darms unter übrigens gleichen Umständen mit Lebensret* 
tong endet. Gewiss wirkten individuelle Einflüsse in beiden Fällen un-* 
günstig oder günstig ein, aber wer kann sie dem Richter beweisen ? In 
wie viel höherm Grade gilt dies von dem Einfluss der Individualität bei 
Kopfverletzungen! Dazu kommt, dass, der Natur der Sache nach, der 
Gerichtsarzt es mit Leichen von solchen Menschen zu thun und über 
sie zu urtheilen hat, deren Bekanntschaft er fast ohne Ausnahme erst 
auf dem Secirtische gemacht hatte. Und über die ,)Individualität^ sol- 
cher Menschen wollte er gewissenhaft ein Urtheil fällen? Die Fälle 
von handgreiflichen , sinnlich wahrnehmbaren individuellen Eigenthüm- 
lichkeiten, die einen Einfluss auf den tödtlichen Ausgang der Ver- 
letzung haben konnten , wie z. B. ganz auffallende Dünne der Eopfkno- 
chen, verkehrte Lage von Organen u. dergl., gehören zu den grössten 
Seltenheiten, wie jeder Erfahrne weiss, und in der grössten Mehrzahl 
aller Fälle ist, zumal zur Zeit der gerichtlichen Obduction, dem Obdu- 
centen die Individualität des Denaius eine durchaus dunkle Provinz. Was 
er möglicherweise später durch Einsicht der Vorakten, namentlich einer 
Erankheitsgeschichte u. s. w., darüber in Erfahrung bringt, wird er 
nicht ermangeln, für die allgemeine Motivirung seines Gutachtens im 
Obductionsbericht, also wieder nicht abstract, sondern concret, zu be- 
nutzen. Und hier kommt nun ferner der zweite Punkt in Erwägung, 
wie er so eben hervorgehoben worden, der Umstand nämlich, 
dass das allgemeine ärztliche Wissen, nicht specifische Lehrsätze der 
gerichtlichen Medicin, die Grundlage des Gutachtens zu bilden haben. 
Dass Verknöcherungen der Arterien wohl bei Greisen, aber nicht bei 
Kindern vorkommen, dass dagegen, ein Stich in die Fontanellen wohl 
bei dem neugebomen, nicht aber beim erwachsnen Menschen möglich 
ist, dass ein, durch die Verletzung getrofl^enes Aneurysma eine tödliche 
Verblutung zur Folge haben wird, während diese zehnmal bei andern 
Individuen nicht eintritt, die an derselben Stelle desselben Blutgefässes 
verletzt worden u. s. w., dergleichen Lehren hat die gerichtliche Me- 
dicin nicht zu ertheilen. — Ganz dasselbe gilt von den sog. Acciden- 
tien, Branntweingenuss, Transport, entschieden grober Vernachlässigung 



268 §• ^* Verletzungen, d) Individualität und zuflUlige Umstände. 

in der Behandlung des Verletzten n. s. w. Zn welchen Weiterungen, 
lästigem Verschleppen durch alle technischen Instanzen nnd oft höchst 
unerfreulichen Meinnngsstreiügkeiten vollends der letztgenannte Ponkt, 
die dem Verletzten vor seinem Tode gewordne ärztliche Behandlung 
und ihre Würdigung für die Tödtlichkeit der Verletzung unzählige Male 
und aller Orten geführt hat, ist allgemein bekannt. Den freisten Tum- 
melplatz für solche Discussionen boten namentlich die Kopfverletzun- 
gen, die erst durch ihre Folgen, namentlich Vereiterungen, tödtlich wur- 
den, und Verletzungen der Gliedmassen, die eine Amputation bedingten, 
in deren Folge zuletzt ein pyämisches Fieber den Verletzten hingerafft 
hatte. Wie musste sich hier der Gerichtsarzt winden und drehen, um 
hier die geschehene, dort die unterlassene Trepanation, Amputation u. 
s. w., ja die Anwendung von einem Dutzend Blutegeln mehr oder we- 
niger zu vertheidigen oder zu bekämpfen! Wie leicht geschah es, dass 
nach ihm eine Medicinal-Behörde das ganz entgegengesetzte Gutachten 
über den Fall abgab, und sich dabei auf nicht weniger allgemein rich- 
tige medidnische Lehrsätze stützte! und das eigentlich Erhebliche für 
den Bichter blieb bei dieser Sachlage ganz unberücksichtigt, die „Fest- 
stellung des Thatbestandes der Tödtung ^ , denn durch alle jene medi- 
cinischen Subtilitäten und Gontroversen kam es oft genug dahin, dass 
der Bichter annehmen musste, der Verletzte sei mehr durch die Schuld 
des Arztes, als durch die des Angeklagten gestorben. So schwierig der- 
gleichen Fälle für die forensische Beurtheilung früher waren , so einlach 
ist das ürtheil gegenwärtig. Die Kopfverletzung hat den Tod zur Folge 
gehabt. Hiermit ist der „Thatbestand der Tödtung festgestellt^, der 
Gesetzesparagraph erfüllt und der auf festen Grund und Boden gestellte 
Richter befriedigt. Warum die Kopfverletzung in diesem concreten 
Falle eine Gehirneiterung veranlasste, warum diese vielleicht nicht recht- 
zeitig erkannt wurde oder werden konnte u. s. w., dies Alles hat das 
Gutachten in seinen Motiven auszuführen, das im Tenor aber darauf 
zurückkommen wird: „die Kopfverletzung hat den Tod zur Folge ge- 
habt.***) — Discussionen aber wie die: ob Berauschuüg des Verletzten 
zur Zeit der Verletzung zu den individuellen oder zu den accidentellen 
Umständen zu rechnen? und ähnliche gehören einer Zeit unsrer Wis- 
senschaft an, die mit ihren Spitzfindigkeiten und Gontroversen jetzt 
glücklicherweise hinter ihr üegt. **) — Die gerichtliche Medicin ist eine 



*) Dergleichen Fälle haben eigentlich kein gerichtlich-medicinisches Interesse nwhr, 
und sind deshalb unsre betreffenden Beobachtungen hier nicht weiter in die Casuistik 
mit aargenommen worden, wenn nicht die Sectioasbefunde an sich werthToli waren. 

**) Es ist hierbei zu bemerken, dass die österreichische Strafprocess-Ordnang 
§. S9., offenbar in innerm Widerspruch mit dem oben angoführten Artikel des oster- 



§. 5. VerietzungeiL 269 

medicinische Disciplin für sich, nicht eine Encydopädie der medicioi- 
sehen Wissenschaften. Sie hat daher nur das in sich aufzunehmen, was 
andre medicinische Disciplinen gar nicht berührt und deshalb ihr spe- 
cifischer Inhalt wird, und sie hat alles Fremdartige, so wie blosse Vor- 
kenntnisse, von sich auszuschliessen. 



Erstes Kapitel. 

Tod durch mechanisoh tOdtende Verletzongen. 



§. 5. AllgeMelies. 

Wir haben schon oben angefahrt, was wir unter den Ver- 
letzungen dieser Art verstehn. Es sind diejenigen, deren Wirkungen an 
der Leiche am handgreiflichsten hervortreten, diejenigen, bei denen zwar 
aach tödüiche Ursachen mitwirken, die in andern Fällen ausschliesslich 
den Tod veranlassen, z. B. Verblutung, Himerschütterung u. dgl., bei 
welchen es aber der Concurrenz aller solcher Umstände gar nicht be- 
dürfte, weil schon die Störung oder Zerstörung der organischen Ma- 
schine des Körpers allein, oder wenigstens seiner edlern Theile, wie sie 
Verletzungen dieser Art erzeugen, ausreichend ist, um die Fortsetzung 
des Lebens unmöglich zu machen. Sie entstehn durch Einstürzen von 
Mauern, Balken, Masten, durch Beschädigungen von kreisenden Wind- 



raebischen Strafgesetzbuchs, bestimmt, dass bei einer gerichtlichen Obduction das 
Gutachten, wenn die wahrgenommenen Yerletzungen als die Todesursache erklärt wor- 
den, sidi darüber aussprechen solle, ob die incriminirte Handlung schon ihrer allge- 
meinen Natur nach oder wegen der eigentbnmlichen Leibesbeschaffenheit oder eines be- 
Bondem Zustandea des Verletzten, oder wegen zuf&lliger äusserer Umstände die Todes- 
ursache geworden sei. Es findet also in Oesterreich bis jetzt noch dasselbe Missyer- 
hältniss Statt, wie in Preussen, derselbe Widerspruch zwischen Strafprocess und 
Strafgesetz, indem auch bei uns bis jetzt noch die, die Lethalitätsgrade be- 
rücksichtigenden drei Fragen des §. 169. der Griminal- Ordnung gesetzliche Gel- 
tang haben, obgleich sie factisch durch das Strafgesetz alle Bedeutung verloren 
haben, und auch in der Praxis nicht mehr angewandt werden. Die Erklärung dieses 
MissTerhlltnisses ist sehr leicht Die Strafgesetzbücher in Preussen und Oesterreich 
sind neuem Datums , als ihre Griminal-Ordnungen, die noch aus der Zeit der „Lethali- 
tatagiade* stammen, und beide Länder warten auf die Emanation neuer Strafprocess- 

OluBUllgBD« 



270 VerletzungeD. §. 6. Versuche an Leichen. 

mühlenflügeln, durch üeberfahren mit Wagen and Eisenbahnzfigen, durch 
Maschinen, in welche der Körper verstrickt wird, durch Eindrücken Neu- 
geborner in Eisten u. dgl., durch Fall, Stoss, Wurf aus bedeutender 
Höhe und auf harte Körper, durch rohe und gewaltsame Hisshandlun- 
gen, durch heftige Schläge, Hiebwunden und auf mancherlei andre Art 



§. 6. Tersnehe an Leichen. 

In dem §. 36. allg. Thl. und seiner Casuistik ist bewiesen worden, wie 
oft grade bei dieser Art von plötzlich tödtenden Verletzungen die Leiche, 
wenn der Tod des Verletzten durch innere, nicht durch äussere Be- 
schädigung erfolgte, äusserlich auch nicht eine Spur zeigt, welche die 
Todesart verrathen könnte. Dieser Umstand, wie das Interesse, zu er- 
mittebi, in wie weit es möglich wäre, durch Verletzungen einer Leiche 
von Seiten eines Verbrechers die wirkliche Todesart des Denaiu9 za 
maskiren und die That zu verdunkeln, wie es nicht gar zu selten mit 
Verbrennen von Gemordeten geschehn, überhaupt zu erforschen, wie 
sich die Widerstandsfähigkeit der todten Organe zu der der lebenden 
verhält, führten zu Verletzungsversuchen an Leichen. Es sind derglei- 
chen früher noch nirgends in grösserm Haassstabe gemacht worden, 
mit Ausnahme von Verbrennungsversuchen, auf die wrir beim Verbren- 
nungstode (§. 16. u. f.) zurückkommen werden, und wir sind bei den 
unsrigen zu folgenden Ergebnissen gelangt. Es ist äusserst schwer, 
den organischen Zusammenhang todter Organe aufzuheben, 
wobei ich natürlich nicht Stiche oder Schnitte in Haut und Muskeln 
meine. Unsre Versuche, betreffend mechanische Verletzungen, erstreckten 
sich namentlich auf Knochenbrüche, Organrupturen und Verletzungen 
(Beschädigungen) der Hautfläche. 

1) Knochenbrüche. Man versuche den Schädel eines todten Er- 
wachsnen einzuschlagen, und man wird finden, wie eine Gewalt, die ohne 
allen Zweifel beim Lebenden allermindestens Fissuren, wenn nicht Brach 
oder gänzliche Zerschmetterung der Kopfknochen zur Folge gehabt ha- 
ben würde, den todten Schädel — ganz unverletzt lässt. GewöhnUch 
bedienten wir uns zu diesen Versuchen des hölzernen Schlägels, wie 
er zum Aufstemmen der durchsägten Schädelknochen und der Wirbel- 
säule bei den Sectionen gebraucht wird. In andern Fällen haben wir 
Hämmer u. dgl. Werkzeuge angewandt. Die kräftigsten Schläge von 
oben herab auf den Schädel der horizontal liegenden Leiche bleiben 
meist ganz fruchtlos, und erst nach wiederholten, immer heftigem Schlä- 
gen gelingt es wohl , eine oder einige Fissuren am Hinterhauptbein, an 
den Scheitel-, oder, leichter allerdings, an den dünnem Schlafbeinen zn 
erzeugen. Natürlich hat auch das seine Grenze, und mit dem schweren 



Verletzungeii. §. 6. Versuche an Leichen. 271 

eisernen Hanreriiammer , welcher in einem Falle das Instrument war, 
mit dem ein Mensch erschlagen worden, gelang es mir nicht nur eine 
Zertrfimmenmg des Schädeldaches, sondern auch einen Ghamierbruch 
der Sehädelgrundfläcbe zu bewirken, an einer Leiche, deren Eopfkno- 
chen Yon gewöhnlicher Dick& waren. Dass die todte Schädelhaube eine 
Widerstandsfähigkeit hat, deren die lebende entbehrt, beweist der Um- 
stand, dass nach Scalpirung des Kopfes dieselben Schläge weit leichter 
Fissuren der Knochen erzeugen. Diese zahlreichen und stets überein- 
stimmenden Versuche gestatten es, den Satz festzustellen : dass, wenn sich 
in einer Leiche , bei welcher aus andern Umständen, z. B. wegen völli- 
ger Verwesung, es nicht mehr möglich, zu ermittehi, ob die Verletzung 
im Leben oder nach dem Tode entstanden war, bedeutende, als durch 
Hiebwunden entstandene Schädelknochen- Verletzungen, namentlich der 
festen Knochen der Barn Crann vorfinden, dass dann wenigstens mit 
Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die Verletzung nicht erst 
nach dem Tode, sondern im Leben beigebracht worden sei, 
wenn nicht etwa eine höchst bedeutende Gewalt, die auf die Leiche 
eingewirkt hatte, aus den Umständen des Falles erhellt. 

Auch sämmtliche Röhrenknochen der Extremitäten zeigen an der Lei- 
che eine ganz überraschende Widerstandsfähigkeit. Die stärksten Schläge 
aof horizontal auf dem Tische liegende Ober- und Unter - Extremitäten, 
sowohl auf Oberarm und Schenkel, v^e auf Vorderarm und Unterschen- 
kel, ja selbst auf in der Mitte hohl gelagerte Extremitätenknochen, be- 
wirken in der JBegel weder Fractur, noch auch die geringste Fissur. 
Hiermit stimmen Malgaigne's Versuche im Wesentlichen vollkonunen 
üherein. Derselbe hat zwar sehr oft mit einem „Ungeheuern eiser- 
nen Hebel!** (was dann wohl nicht zu verwundem) alle langen Kno- 
chen an einem Gadaver gebrochen, aber er setzt doch hinzu: dass er 
(selbst mit solcher Gewalt) „häufig nur unvollständige Fracturen er- 
halten habe.***) Die brüchigen Knochen ganz alter (über siebenzigjähri- 
ger) Menschen brechen freilich leichter durch kräftige Schläge. Auch 
diese Knochen indess brechen nach Entfernung der Knochenhüllen, Haut, 
Fett und Muskeln, unter denselben Schlägen dann weit leichter, als 
vorher. Käme es auf eine Erklärung des so äusserst schweren Entste- 
hens von Sjiochenbruchen an der Leiche an , so v^rde sie in der man* 
gelnden Muskelaction , wie sie beim Lebenden wirksam wird, unschwer 
gefanden sein. 

Leichter als die Röhrenknochen kann man die Hippen an der Lei- 
che einschlagen, aber man vnrd immer nur einfache Quer-, niemals 
compücirte Splitterbrüche erhalten. 



*) Knoehenbrache u. s. w. Uebers. von Borger. Stuttgart 1850. S. 31. 



272 Verletzungen. §. 6. Versuche an Leichen. HO. Fall. 

Dagegen ist es xuis noch nicht gelnugen, den Kehlkopf und das 
Zungenbein in der Leiche eines Erwacbsnen auch durch den stärk- 
sten Druck zu zerbrechen, wie er beim Lebenden dazu ohne allen Zwei- 
fel ausreichend gewesen sein würde. Keil 1er*) dagegen ist es gelun- 
gen, durch sehr heftig einwirkende Gewalt an der Leiche, z. B. durch 
eioen quer über den Kehlkopf gelegten Holzblock, der gegen die Wirbel- 
säule gedrückt wurde, starken Schlag mit einem hölzernen, über 1 Pfd. 
schweren Hammer , oder auch durch heftige Würgeversuche, Bruche des 
Kehlkopfes zu erzielen. Aber wenn hiernach auch die Möglichkeit nicht 
in Abrede gestellt werden kann, dass durch rohe Behandlung des Hal- 
ses einer Leiche Kehlkopfsbrüche entstehen können, so ist doch das 
physicalisch Mögliebe noch nicht das forensisch Wahrscheinliche, und haben 
diese Versuche denselben practischen Werth , wie die an dem Kopfe ange- 
stellten. Ich würde nach dem Ergebniss derselben in einem Falle von 
Verwesungs-Zerstörung, welche die Zeichen lebendiger Beaction verwischt 
hätte, keinen Anstand nehmen, vorgefundne Zungenbein- nnd Kehl- 
kopfsbrüche mit einer hohen Wahrscheinlichkeit als nicht nach 
dem Tode verursacht anzunehmen. Diese Sätze können wobl 
kaum eine grössere Bestätigung finden, als sie nachfolgender Versuch, 
eine Leiche zu verletzen, geliefert hat. 

110. FaU. Eine Leiche wird überfahren. 

Die ganz frische, nur mit einem Plaidshawl einfach umhüllte, Leiche eines im Ja- 
nuar ertrunknen, 25jährigen Mädchens wurde auf dem Rücken ausgestreckt aaf das 
Strassen pflaster gelegt, nnd nun Hess ich meinen grossen, iriersitzigen , geschlossenen, 
mit zwei Pferden bespannten Wagen in scharfem Trabe dreimal über dieselbe hinweg- 
fahren. Wir Alle beobachteten genau , dass der Wagen das^erste Mal über eine Unter- 
extremit&t, das zweite Mal, nachdem die Pferde die Leiche verschoben hatten, über 
Kopf und rechte Bauchseite hinwegging, das dritte Mal über Hals, Schalter- nndSchlib- 
selbeingegend und das andere Rad über die Uuterextremitaten. Nun wurde die Leiche 
genau untersucht Am Halse waren Zungenbein, Kehlkopf, Liift- und Speiserobre 
TöUig unverletzt, während alle diese Theile bei einem Lebenden zermalmt worden 
wären. Femer war keine einzige Rippe verletzt, die Leber unversehrt, während wir 
unter ähnlichen Umständen eben so häufig bei lebendjUebergefahmen Rippenbrücbe ge- 
funden haben, als Leber-, resp. Milzrupturen, je nach der getroffenen Stelle, während 
bei dieser Leiche keine einzige innere Ruptur gefunden wurde. Eben so wenig waren 
die Unterextremitäten verletzt, und überhaupt war die ganze Leiche vollkommen 
unversehrt aus dem Experimente hervorgegangen! (mit Ausnahme des Sdiädels, der 
zertrümmert war, aber auch bereits vor Anstellung des Versuches war derselbe scal- 
pirt und die Schädeldecke abgesägt worden). 

2) Die Versuche, an Leichen Organrnptnren hervorzubriDgen, 
haben wir nur einigemale angestellt, weil sich ein erhebliches Eigebniss 



*) Edinburgh Med. Joum. 1855 Decbr. u. März 1856. 



Verletzungen. §. 6. Versuche an Leichen. 111. Fall. 273 

für die Praxis davon nicht erwarten lässt. Die bedeutendsten Schläge, 
mit Balken n. dergl. auf die Leber- und Milzgegend geführt, hatten nicht 
die geringste Wirkung. Dagegen erzeugte ich durch Schläge auf die 
Lebergegend mit dem oben genannten Maurerhammer eine transversale 
fioptor an der oberen und einen kleinen Einriss an der unteren Fläche 
der Leber. 

3) Unsere zahlreich angestellten Versuche, durch mechanische Be- 
schädigungen der Hautfläche der Leiche Veränderungen darauf hervor- 
znbriDgen, die den BeactionserscheiDungen im Leben einigermassen ähn- 
lich sind, sind bereits oben ausfuhrlich gewürdigt, worauf ich verweise. 

4) Ander weite Versuche endlich mit Stranguliren, Brennen und 
Schiisswunden an Leichen, mit Zerreissen der Nabelschnur u. s. w. 
werden unten an ihrem Orte erwähnt werden. 

Folgende beide Gapitalfälle , die uns in neuerer Zeit vorgekommen, 
beweisen die grosse practische Wichtigkeit der hier besprochenen Frage 
nnd Versuche. 

111. Fall. Schädelzertrnmmerung, ob nach dem Tode entstanden? 

Der 60 Jahre alte S. war Tor fünf Jahren in seiner Mühle angeblich durch einen 
Fill 7^ Fnss hoch von einem Balken auf einen Mühlstein herab fast augenblicklich ge- 
iödtet worden. Erst zwei Jahre später, nach erhobenem Verdacht gegen den jetzt An- 
geschuldigten, dass er den S. in der Mühle mit einer schweren Hacke, wie sie zum 
Bebauen der Mühlsteine gebraucht wird, todtgeschlagen habe, wurde die Leiche ausge- 
graben. Man fand einen zertrümmerten Sch&del. Die Frage: ob die Verletzungen 
durch jenes Herabfallen oder durch Schläge mit der Hacke entstanden? hatte der Kreis- 
pbysicus, abweichend von dem, die Stelle des Kreiswundarztes vertretenden Dr. N., 
dahin beantwortet, dass der Fall die Veranlassung gewesen, wogegen sich auch das 
Gutachten des betreffenden Provinzial-Collegii erklärte. Später trat aber der Pbysicus 
noch mit der Behauptung hervor, dass die Kopfverletzungen auch nach dem Tode ent- 
standen sein könnten, und hielt diese Annahme in wiederholten Deductionen, trotz 
aller ihm gemachten Einwände, fest. Auf Veranlassung des Oberstaatsanwalts wurde 
Casper der Fall zur Entscheidung, und in der Schwurgerichtssitzung zu X. das Cor- 
pus delicti y der Schädel, vorgelegt. Fast die Hälfte der ganzen ßcLsU Cranii lin- 
i^erseits fehlte, und zwanzig einzelne Knochenfragmente lagen vor. Eine so erhebliche 
Zertrümmerung der Schädelgrundfläche konnten wir unmöglich als blosse Folge eines 
Falles aus der geringen, sehr genau vermessen gewesenen Höhe von nur li Fuss an- 
•etkenaen, da dergleichen, die Baith Cranii betreffende Fracturen nach Allem, was 
vir hierüber beobachtet, stets eine sehr erhebliche Gewalt voraussetzen lassen, 
bier aber auch noch zur Erwägung kam, dass die Schädelknochen nichts we- 
niger als etwa besonders dünn waren, vielmehr die gewöhnliche Dicke zeigten. Eben 
w wenig war es möglich, eine Entstehung der Schädelzertrümmerung nach dem Tode 
anzunehmen — abgesehn davon, dass kaum eine Erklärung einer solchen Entstehung 
gedacht werden konnte, da der Verstorbne in seiner Wohnung und Familie gestorben 
und alsbald wie gewöhnlich beerdigt worden war — , wofür bie obigen Versuche und 
Gründe angeführt wurden. Dagegen musste die mit vorgelegte schwere eiserne 

Catpcr'i gtriehtl. ll«dfeiu. 5. Aofl. II- 18 



274 Verletzungen. §. 7. Wirkungen derselben. 112. FalL 

Hacke als ein durchaus geeignetes Werkzeug zur Scb&delzertrümmarung erachtet wer- 
den. Der Angeschuldigte wurde yerurtheilt 

lUL Fall. Rippenbruche, ob nach dem Tode entstanden? 

Ein entsetzliches Verbrechen und der Ausspruch einer Hedicinal-Behorde gaben 
Veranlassung zur Erwägung dieser Frage. Auf der Anklagebank zu Z. sass eine alte 
Bäuerin mit ihrer Tochter, angeschuldigt und zuletzt geständig der gemeinschaftlichen 
(I) Ausführung eines nächtlichen Raubmordes gegen eine 75jährige Frau. Denata war, 
und zwar nach langem Kampfe, wie die vielen Verletzungen und Hautabschilferungen, 
und Sand und Blut in Haaren und am Rücken vom Schleifen des Korpers aus dem Bett 
in der Stube erwiesen, erstickt worden, welcher Tod unzweifelhaft Ton den Obdncenten 
nachgewiesen war. Während die Tochter beide Arme der Denata hielt, kniete die 
Mutter dieser auf die Brust und druckte gewaltsam, so dass sich Einrisse am Hunde 
fanden, Mund und Nase zu. Die Differenzen der Sachverständigen betrafen die An- 
nahme: einerseits der Obducenten, dass die Rippenbruche in der Leiche — meist dop- 
pelte gesplitterte Brüche der Rippen auf beiden Seiten — auch durch einen Fall »ans 
einer bedeutenden Höhe mit der Brust auf einen weichen Körper (Misthaufen)" eben 
so füglich entstanden sein könnten, als durch Knieen auf die Brust, und andrerseits 
die Annahme des Medicinal-Collegii der dortigen Provinz, dass die Rippenbrache aucb 
erst nach dem Tode entstanden sein könnten, da Spuren lebendiger Reaction von deo 
Obducenten nicht geschildert worden seien. Als Obmann vor das Schwurgericht nach 
Z. geladen, konnte 0. beiden Annahmen nicht beitreten- Ein Fall auf einen weichen 
Körper, wie der Misthaufen, konnte solche vielfache Brüche auf beiden Seiten nicht 
veranlasst haben, abgesehn wieder davon, dass gar keine Veranlassung zur Annahme 
einer solchen Möglichkeit durch die concreten Umstände gegeben war. Mit Rücksiebt 
auf unsre eignen zahlreichen Versuche an Leichen aber konnten wir auch nicht die 
Entstehung dieser, solcher Rippenbrüche erst nach dem Tode annehmen und Docb 
viel weniger der Motivirung dieser Annahme aus dem Mangel an Reaetionserscheinungtn 
beitreten, wofür die Gründe und casuistischen Beweise oben ausführlich beigebracbt 
worden sind. Dazu kam, dass in dem rohen Knieen auf die Brust einer fünfundeiebzig- 
jährigen Frau eine genügende Veranlassung zu den Rippenbrüchen sich von selbst er- 
gab. Die angeklagte Mutter wurde in Folge dieses Gutachtens zum Tode, die Tochter 
zu langjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt 



§. 7. WIrkugeM iieck»b€ker TerietiiBgeM. 

Die Diagnose dieser Todesart ist wegen der meist so hOchst auf- 
fallenden Erscheinungen an der Leiche gewöhnlich sehr leicht. Deber 
die scharfen und stumpfen Werkzeuge, womit Hiebwunden beigebracht 
werden, und über das, was in Betreff der letztem am Lebenden her* 
vorgebracht wird, ist bereits in den betreffenden Paragraphen des allg. 
Theils gesprochen worden. Es giebt keine Wirkungen und Reactionen am 
Lebenden, welche Verletzungen der hier betrachteten Art nicht hervor- 
bringen können. Der Tod tritt hier plötzlich ein durch Neuroparalyse, 
durch Gommotion des Elims oder des Rückenmarks oder sp&ter ent- 



Verletzungen. §. 8. Casnistik. 113. Fall. 275 

weder durch chronische Entzündung und Yereiterang wichtiger Organe 
wie z. B. des Gehirns und seiner Hüllen, oder häufig durch Pyaenue, 
mitunter aueh Tetanus, oder durch Erschöpfung. Letzteres namentlich 
naeh lange wiederholten Misshandlungen, zumal von Kindern, durch 
Schläge, Stösse, Fusstritte, Hinwerfen u. s. w., nach welchen man in 
der Leiche gewöhnlich positiv Nichts findet , als frische oder ältere. 
Blatnnterlaufangen im Unterhautzellgewebe, mit frischen oder älteren 
Sporen von Schlägen u. s. w. auf der Haut. In anderen Fällen fin- 
d^ sich Zermalmungen, Trennungen von Gliedmaassen vom übrigen 
Körper oder von innem Organen aus ihren Verbindungen, Verrenkun- 
gen nnd Bruche, Quetschungen, Wunden, Zerreissungen von Muskeln, 
Sprengungen von Gefässen und Eingeweiden, und nicht selten drei, vier 
imd mehrere dieser leicht nachweisbaren Todesursachen in einer und 
derselben Leiche. Dafar, dass selbst bei den erheblichsten Verletzungen 
das Leben noch längere Zeit fortbestehen könne , sind oben Beispiele 
angeführt. Die nachfolgenden, aus einer sehr grossen Zahl ausgewähl- 
ten Fälle werden Beläge hierfür geben. 



§. 8. Casilstlk. 

Von mehreren uns vorgekommenen Fällen von freiwilligen und un- 
freiwilligen Todtungen durch DeberMren von Bahnzügen diene der 
nachstehende als Beispiel. 

Udw Fan. Tddtliche Verletzungen durch Eisenbahn-Üeberfahren. 

Die Leiche des Sehlossergesellen B. zeigt robusten Korper, gewohnliche Leichen- 
&rbe, nur der Unterleib ist yon Verwesung schwach gräulich. — Von Kopf zu Fuss 
zaUlose blaurothe, groschen- bis handtellergrosse Flecke, welche bei Einschnitten theils 
flflssigea filut ergossen zeigen, theils nicht •— Solche handtellergrosse Flecke zeigen 
ueh namenüich auf der linken Kopfseite, wo die grauen Haare durch den ganzen 
Fleck abgeschunden sind, und auf der inneren Seite des rechten Unterschenkels, so wie 
vd der rechten Hinterbacke. — Auf der Aussenfläche des rechten Oberschenkels zeigt 
sieb überdies eine 3 Zoll lange, $ Zoll klaffende Hautwunde mit scharfen, trockenen, 
nicht blutunterlaufenen Rändern. — Auch das ganze Gesicht ist Ton den schon ge- 
Klülderten Flecken rothblau marmorirt. — Schon Ton Aussen ist ein Bruch des rech- 
t«a Oberarmes und rechten Oberschenkels wahrnehmbar. — Ebenso ist auffallend eine 
äcktliche Abfl&cbung der Brust, welche auf Bräche der Brustknochen schliessen lässt. 
IHe Scbädelknochen schwer, dick, Dura mater in ihrem ganzen Umfange fest Ter- 
vichsen. — Gehirn blutleer. Auf der unteren Fläche des rechten kleinen Oehimes 
eine dönne Lage flüssigen Blutes, Blutleiter blutleer. — Die Rippen auf beiden Seiten 
Tolhg zerträmmert und das Brustbein unter seiner Handhabe quer durchbrochen, so 
(Itts es lose in der Brusthöhle liegt. Ueberall zahllose Ergüsse von dunklem, halb ge- 
ronnenem Blut in dem Zellgewebe. Das Zwerchfell zeigt in der linken Seite einen 

18* 



276 Verletzungen. §. 8. Gasuistik. 114—116. Fall. 

handtellergrossen Riss mit stumpfzackigen schwach blutunterlaufenen R&ndern, durch 
welchen ein Theil des Magens in die Brusthöhle gedrangt erscheint Der Herzbeutel ist 
seiner ganzen Länge nach geplatzt und angefüllt mit 5 bis 6 Unzen flüssigen Blutes. 

— Beide Lungen sind durch feste Verwachsungen mit den Rippen TerUebt In der 
linken Lunge im oberen Lappen hinten ein 1^ Zoll langer, 1 Zoll tiefer EinrisSi mit 
ziemlich scharfen Rändern. — Im linken Brustfellsack 3 bis 4 Unzen fest geronneoen 
dunklen Blutes. Die Lungen selbst blutarm, sonst gesund. — Das sehr fette Hen ent- 
hält in beiden Hälften nur sehr wenig Blut. — Die Gefasse fast völlig blutleer. — Kehl- 
kopf und Luftröhre, so wie Speiseröhre leer. — Der rechte, wie linke Lappen der sonst 
gesunden Leber zertrümmert, durch Tielfache Einrisse an der oberen wie unteren 
Fläche. Die Leber blutarm. — Milz eingerissen und zertrümmert. — Die fetten Netze 
mit dunkelem Blute durchsetzt — Linke Niere zertrümmert; die rechte erhalten. — 
Der gerade Bauchmuskel in seiner Mitte durchrissen. — Der Magen enthält etw^i 
Weniges Speisereste, und ist unverletzt — Harnblase unverletzt — HoUader leer. 

— Bauchfell und Duplicaturen mit zahllosen Blutergüssen durchsetzt 



114. Fall. Bruch des Zitzenfortsatzes durch üeberfahren. 

Eine der allerseltensten Kopfverletzungen ergab sich bei einem sechsjährigen, darch 
üeberfahren getödteten Mädchen. Die siebente linke Rippe war zerbrochen und am 
Schädel fanden sich sechs Brüche, worunter der eines vollständigen Abbruchs des Zitzen- 
fortsatzes vom linken Schlafbein. In der linken Lunge fand sich ein drei Zoll langer 
Riss. Aeusserlich keine Spur einer Verletzung. 



119. Fall. Seltene Schädelsprengungen durch Üeberfahren. 

Auch in diesem Falle hatte die heftige Gewalt die seltensten Kopfverletzungen 
verursacht Ein dreijähriges Mädchen war übergefahren und auf der Stelle getOdtel 
worden. Am Schädel fand sich eine Absprengung des rechtseitigen Schluppentheils Tom 
Schlafbein und eine Querfissur im Hinterhauptsbein, die sich bis in das Fora*htn 
magnum erstreckte. Endlich war noch der Felsentbeil des linken Schlafbeins dorch 
eine Fissur gespalten. 



116. FaU. Hirnhämorrhagie durch üeberfahren. 

Ein 82 Jahre alter Mann starb einige Stunden nach der Verletzung. Auf der linken 
Wange und Stirn mehrere bis viergroschengrosse, hart zu fühlende Hautabschärfiuiges, 
davon mehrere stark blutunterlaufen sind. Beide Augenlider roth und grün verfärbt. 
blutunterlaufen. In und unter der linken Augenbraue drei bis .] Zoll lange scfaarf- 
randige Hautwunden, die die Haut nicht durchbohrt haben. Nasenrücken blutunterlaufen* 
beide Nasenbeine querdurchbrochen. Auf dem linken Oberschenkel, dicht aber dem Knif 
eine achtgroschengrosse, stark blutunterlaufene Hautabschürfung. Der rechte Oberschenkel 
verkürzt, ein Bruch des Oberschenkelknochens zu fühlen; eingeschnitten zeigt sich die 
Obeschenkelmuskulatur stark blutunterlaufen, der Knochen in seinem oberen Drittheil 
querdurchbrochen, mit frischen, blutigen, zackigen Bruchrändem, der obere Bruch- 
rand zerst hmettert, der Trochanter getrennt. In der Stimgegend die Kop&chwarte 
bandtellergross blutunterlaufen, Knochen unverletzt, Dura unverletzt, haftet fwt an den 



Verletzungen. §. 8. Gasuistik. 117. u. 118. Fall. 277 

looeben- Pia trübe, feucht, blutleer. Hirnsubstanz normal. GeHUse an der Basis 
weich und elastisch. Im Tordem Dritttheil der linken Hemisphäre dicht untec der Rinde 
ein bohnengrosses Blutextrayasat Ton geronnenem Blute, die umgebende Himsubstanz 
Tolbtindig normal und fest; sonst im Qehim nichts. Im Orbitaldache links ein Knochen- 
brach mit blutigen B&ndem. 

Siebente und achte Rippe rechts fracturirt quer in der N&he ihres Knorpelendes; 
kein Bluteigass in der Pleura, der Ansatz des Zwerchfells in der Gegend der Rippen- 
fradar sugillirt Am Endorcard links Petechien, Herz normal. Linke Lunge ziemlich 
klein, stellenweis adhaerent , wenig bluthaltig , massig feucht. Rechte Lunge ebenso. 
— In den übrigen Organen nichts Abnormes. 

Der Fall ist sehr interessant, denn die Vertheidigung konnte anzweifeln, ob die 
Apoplexie Folge des üeberfahrens sei, ob nicht ?ielmehr dieselbe spontan entstanden, der 
Vensch umgefallen und dadurch erst übergefahren, schliesslich aber an der Apoplexie 
{gestorben, also nur schwer verletzt sei. Dem ist aber zu entgegnen, dass allerdings 
selten die Verletzungen so kleine Blutergüsse erzeugen, dass aber auch die übrigen 
Verletzungen im Alter des Verletzten ausgereicht haben, nach einigen Stunden den 
Tod herbeizuführen. Üebrigens aber war nach der Obduction kein Moment vorhanden, 
welches die Entstehung der Apoplexie erklären konnte, weder im Herzen noch in den 
Gehimgeflssen, andererseits aber eine Fractur des Orbitaldaches, also ganz in der Nähe 
der Apoplexie. . Aus diesen Gründen sprachen wir uns auch im Gutachten dahin aus, 
dass auch der Blutaustritt in dem Gehirn als Folge der Schädeherletznng zu erachten 
sei, da die Obduction keine Gründe zu der Annahme gegeben, dass der Blutaustritt in 
das Gehirn durch innere Ursachen bedingt gewesen sei. 

117. Fall. Hirnhämorrhagie durch Anfahren. 

In diesem Falle sollte die Deichselstange eines fahrenden Wagens eine 65jährige 
Frau in die linke Seite gestossen, und sie dadurch zu Falle auf das Strassenpflaster 
gebracht haben. Sie blieb augenblicklich besinnungslos und starb schon nach wenigen 
Standen. Am Leichnam fand sich keine Spur einer Verletzung. Die Schädelknochen 
von der ganz aussergewöhnlichen Dicke eines viertel Zolles, ^aren gleichfalls unfer- 
letzt Die Gehirnhäute waren aber in hohem Grade hyperämisch, und das ganze Gehirn 
«chwamm förmlich in einem Ueberzuge von einer 2 Linien dicken Lage geronnenen 
Blutes. Es wurde geurtheilt, dass diese (eine so selten ausgedehnte) Gehirnblutung nur 
durch eine äussere Veranlassung habe entstehn können, und dass ein jäher Fall 
aof Steinpflaster als eine solche Veranlassung sehr füglich angenommen werden 
kömie. 

US. FalL Ruptur des Hirnes ohne Knochenverletzung. Ruptur der 
Lungen, Rippenbrüche. Ruptur der Leber und Milz. Armbruch. 

Tod durch Ueberfahren. 

Der 74jährige Mann zeigt äusserlich nur im Gesicht einige zollgrosse Pseudo- 
mgillationen. Eben solche Flecke von verschiedener Grosse auf der Brust und linken 
ÄnxL 

Die ganze linke Oberextremität verkürzt, mit mehreren Flecken, wie oben beschrie- 
ben, bedeckt, verwesungsgrün geßlrbt und lässt sich der gebrochene Knochen durch- 
fohlen. — Auf dem oberen Theil der Brust linkerseits macht sich ein schwaches 
Knistern bemerkbar. 

Weiche Bedeckungen des Kopfes, sowie Schädelknochen normal und unverletztt 



278 Verletzungeu. §. 8. Gasuistik. 110. u. 120 Fall. 

Die V)lutleerc harte Hirnhaut ist ihrem ganzen Umfange nach fest mit dem Schädel ver- 
wachsen. Pia blutleer. Substanz normal. Adergeflechte bleich. 

Ueber die Grundfläche des linken kleinen Gehirnes eine liniendicke Schicht dunkelea 
geronnenen Blutes ergossen. An der Seite dieses Ergusses ein Riss im Gehirn mit 
glatten Rändern von 1 Zoll Länge, '> Zoll Tiefe. Knochen und verlängertes Mark 
normal. Blutleiter ganz leer. Schädelgrundfläche unverletzt. 

Das linke Schlüsselbein schief in scharfen glatten Rändern durchbrochen, das rechte 
ist in der Mitte quer mit scharfen Rändern durchbrochen. — Es finden sich Brüche 
an den 7 ersten rechten und 5 linken ersten Rippen in der Mitte ihres Körpers. 

Beide Lungen blass , schieforgrau und vielfach in ihrer hinteren Fläche eiu- 
gerissen. Diese Risse sind theils von der Grosse einer Pflaume, theils kleiner und 
haben sämmtlich ungleiche gezähnte Ränder. — Im linken Brustfellsack zeigen sich 4 
Unzen und im rechten ebensoviel flüssigen Blutes. — Die Lungen selbst sind blutarm. 

— Luftrohre leer und von Verwesung braun gefärbt. — Speiseröhre enthält Speiiebrei. 

— Herz blutarm. 

Leber sehr blutleer. An der unteren Fläche des rechten Lappens ein zolllanger, 
J Zoll tiefer zackig geränderter Einriss aus welchem Blut ausgeflossen ist 

Milz von zahlreichen grösseren und kleineren Rissen ganz zerfetzt — Magen, 
Netze, Nieren, Gedärme, Blase normal, Hohlader wenig Blut. 

Im linken Oberarm zeigt sich der Knochen vollständig zersplittert , so zwar, dass 
3 — 4 Stucke von der Substanz abgesplittert, der ganze Knochen durchbrochen war. 

Gutachten: 1) dass Denatas an den beschriebenen vielfachen Verletzungen gest<>r- 
ben ist; 2) dass dieselben sowohl einzeln, wie in ihrer Gesammtheit eine sehr erheb- 
liche Gewalt, die den Denatus getroffen, voraussetzen; 3) dass üebergefahrenwerdeD 
als eine solche Gewalt zu erachten ist 

119. Fall. Berstung des Mittclfleisches durch Ueberfahren. 

Durch die ungeheure Last eines Omnibus war ein siebenjähriger Knabe übergefah- 
ren worden. Ein Rad des Wagens war über den Unterleib fortgegangen. Bei der 
Section fanden wir die ganze Ee^jio iliaca de.i tra äusserlich dunkelroth und sugillirt. 
Das Mittelfleisch war in der Art geplatzt, dass eine Wunde mit glatten, nicht sugillirten 
Rändern im Zickzack fünf Zoll lang vom Scrotum an bis zum Steissbein verlief, welche 
zwei Zoll weit klaffte und einen Einblick in die Beckenhöhle gewährte. Auch der 
SpJiincter Ani war zerrissen, aber im ganzen Körper keine weitere Verletzung sichtbar. 
Die Harnblase war strotzend gefüllt und stund hoch über dem Schaambogen , was er-